Noch oblag aber fast ausschließlich den Vertretern des alten

Götterglaubens die Erhaltung und Pflege der antiken Bildung. Und

gerade in dem Maße, als das sinkende Heidentum seit Konstantins

Uebertritt seine Position verlor, klammerte es sich mit der Kraft des

Verzweifelten an das köstlichste Erbgut der Väter, an die hellenische

Wissenschaft. Während im neugegründeten Byzanz die höfische und immer

mehr auch die christlich schillernde Richtung zu dominieren begann,

verjüngte sich die Philosophie in der Schule von Athen, leuchtete

die freie hellenische Forschung und Spekulation in Alexandria;

hier hielten Neuplatoniker und gelehrte Ausleger des Aristoteles

die Fahne der Aufklärung aufrecht gegen die andrängende Phalanx

finsterer christlicher Eiferer, hier wirkten in stiller Arbeit für

bessere Zeiten Männer wie Diophantos, Pappos und Theon, durch ihre

trefflichen Leistungen auf dem Gebiete der exakten Wissenschaft an die

ruhmvolle Vergangenheit gemahnend. Darum äußerte sich der mißglückte

Restitutionsversuch des Kaisers Julian ganz besonders in der Erneuerung

der altgriechischen Bildung, an welche das Heidentum mit tausend Fäden

geknüpft war, darum richtete sich aber auch der christliche Fanatismus

gegen die Philosophen[62] und namentlich gegen die Hochburg des

Hellenismus, die Bibliothek Alexandrias, welche endlich (391) durch

den Ansturm christlichen Pöbels schwere Einbuße erlitt.

[62] Es sei an das tragische Schicksal der Hypatia erinnert.

Im Gesamtbilde der heidnischen Antike bedeutet die Heilkunde fürwahr

nicht den unbedeutendsten Teil. Auch jetzt ruhte ihre wissenschaftliche

Bearbeitung und Pflege noch zumeist in den Händen heidnischer Aerzte,

namentlich solcher, welche der ~alexandrinischen Schule~ entstammten,

wo die Iatrosophistik blühte und die reichsten Bücherschätze

aufgestapelt waren. In jener greisenhaften Zeit bestand die

medizinische Forschung freilich weit weniger in der Ermittlung vorher

unbekannter Tatsachen -- an einzelnen trefflichen neuen Beobachtungen

auf verschiedenen Gebieten mangelte es übrigens keineswegs -- als in

der ~Sammlung~, ~Sichtung~, ~Interpretation~ des Ueberkommenen. Die

seit dem 3. Jahrhundert erheblich sinkende Durchschnittsbildung des

Arztes erforderte mehr oder minder magere, kompendiöse Auszüge, da

den meisten das mühevolle Studium der umfangreichen Originalwerke der

Blüteepoche längst fern lag und solcherart ersetzt werden sollte[63].

[63] Die Kompendienliteratur bildet geradezu die Signatur des

wissenschaftlichen Betriebs in allen Zweigen. Für die Naturkunde

wurde der Auszug bedeutsam, welchen im 3. Jahrhundert Solinus

aus dem Plinius nach einer älteren Vorlage zusammenstoppelte.

Medizinische Kompilationen dürften übrigens schon vor der Zeit

Galens insbesondere von den Anhängern der pneumatischen Schule

verfaßt worden sein.

In der Distanz wuchs zusehends die Verehrung für den großen ~Galen~,

den einst seine Zeitgenossen nicht zu würdigen wußten; jetzt blickte

ein kleines Geschlecht mehr staunend als verständnisvoll auf die

literarischen Riesenleistungen dieses Genius, welcher immer mehr

die Züge eines unerreichbaren Vorbildes annahm. Es spricht für

den Weitblick des Kaisers ~Julian~, daß er in seinem Reformversuch

gerade auch der antiken Medizin eine wichtige Rolle beimaß[64] und

daher seinen Leibarzt ~Oreibasios~ beauftragte, aus den ärztlichen

Meisterwerken eine umfassende Enzyklopädie herzustellen, für welche

Exzerpte aus den Schriften Galens den Grundstock bildeten. Wie vieles

wurde durch dieses Werk dem allgemeinen Untergang entrissen!

[64] Bemerkenswerterweise erklärte auch sein Zeitgenosse, der heilige

Basilios, daß die Medizin unter allen profanen Wissenszweigen

am meisten des Studiums würdig sei.

~Oreibasios~ folgte insbesondere den Fußstapfen ~Galens~. Dem römischen

Westen glaubte der Kompilator ~Caelius Aurelianus~ die Lehren der

~Methodiker~, welche wegen ihrer praktischen Einfachheit im Abendlande

stets auf viele Anhänger zählen durften, als beste Leistung der

antiken Medizin in lateinischer Sprache übermitteln zu sollen. Die

Nachwirkung war eine entscheidende für Jahrhunderte und brachte

auch auf medizinischem Gebiete jene geschichtlich so tief begründete

Scheidung zwischen dem hellenischen (niemals romanisierten) Orient

und dem Okzident zum Ausdruck, welche in der ~Teilung des römischen

Weltreiches~ wieder ihr äußerliches Zeichen gefunden hatte.

Im byzantinischen Osten dauerte die antike Tradition, wenn auch

bloß mumienartig konserviert, ununterbrochen fort, und mit ihr die

antike Medizin. Anders war das Schicksal der Heilkunde im Westen,

wo die stolze Roma unter den Schwertstreichen nordischer Barbaren

zusammenbrach; hier mußte sie während der rauhen Stürme der Zeiten in

der stillen Mönchszelle Zuflucht suchen. Der langen Ueberwinterung

folgte aber nach einem Jahrtausend eine Neugestaltung, wie sie die

antike Welt aus sich heraus zu gebären nicht vermocht hätte. Alles

Vergehen ist zugleich eine Form des Werdens!

Die Literatur.

Die medizinische Literatur, welche aus dem Zeitraum vom Beginn des

3. bis zum Ausgang des 5. Jahrhunderts auf uns gekommen ist, bildet

ein Wahrzeichen des Stillstands oder sogar des Verfalls der antiken

Heilkunde. Selbständige Beobachtungen, neue Ideen oder praktische

Fortschritte treten nur ausnahmsweise aus der geistigen Oede hervor,

fleißige ~Kompilation~ zählt schon zu den wertvollsten Leistungen.

~Das griechische Schrifttum bewahrt bei all dem durchwegs wenigstens

den wissenschaftlichen Charakter, das lateinische dagegen rührt

zum Teile von Laien her, welche volksmedizinischen Aberglauben

und grobe Empirie zur Geltung brachten.~ Gerade in der römischen

Welt fanden Machwerke letzterer Gattung besondere Anerkennung und

Verbreitung, weil dort ohnedies kein regeres Interesse für theoretische

Erörterungen aufkam; freilich darf nicht außer acht gelassen werden,

daß diese pseudowissenschaftlichen Schriften eigentlich erst in

späteren Jahrhunderten ihre ganz ungebührliche Stellung inmitten der

Fachliteratur erhielten.

Am dürftigsten ist die literarische Hinterlassenschaft des ~3.

Jahrhunderts~ -- entsprechend den traurigen allgemeinen Zuständen

und dem Tiefstand der gesamten Wissenschaft -- sie besteht aus dem

Lehrgedicht des ~Quintus Serenus Samonicus~: ~De medicina praecepta

saluberrima~ und der ~medicina ex oleribus et pomis~ des ~Gargilius

Martialis~. Beide Schriften beruhen vorzugsweise auf Plinius und

stellen im wesentlichen volksmedizinische Rezeptbücher dar, namentlich

die erstere strotzt von Aberglauben.

Es gab zwei gelehrte Schriftsteller namens ~Q. Serenus Samonicus~,

Vater und Sohn, von denen der erstere im Jahre 211 auf Befehl

Caracallas (angeblich weil er magische Mittel empfohlen hatte)

hingerichtet wurde. Die Frage, ob dem älteren oder dem jüngeren

Samonicus die Autorschaft des aus 1115 Hexametern bestehenden

Lehrgedichts ~de medicina praecepta saluberrima~ (ed. J. Chr. G.

Ackermann, Lips. 1786) zukommt, bleibt trotz vielfacher Bemühungen

noch unentschieden. Der Stoff ist größtenteils aus Plinius und

Dioskurides zusammengelesen, die Darstellung verrät einen kritiklosen

Dilettantismus. Im wesentlichen handelt es sich um ein Rezeptbuch

für Arme, wie es der Verfasser in den Versen ausspricht:

Quid referam multis composta Philonia rebus?

Quid loquar antidotum variis? dis ista requirat,

At nos pauperibus praecepta feramus amica.

(v. 396-398).

Das Lehrgedicht zerfällt in 65 Kapitel; in den ersten 42 sind

Rezepte gegen verschiedenartige Leiden in der Anordnung a capite

ad calcem angeführt, die folgenden enthalten Heilmittel gegen

Verletzungen, Fieber, Frakturen, Verrenkungen, Schlaflosigkeit,

Lethargie, Epilepsie, Gelbsucht, Vergiftungen, Warzen, Hämorrhoiden.

Neben brauchbaren oder doch wenigstens unschädlichen Mitteln (z. B.

Seewasserhonig als Laxans, Tierbad gegen Podagra) werden auch viele

ekelhafte Dinge empfohlen (z. B. Taubenmist; Mäusekot zu Umschlägen

bei Brustschwellung; Bettwanzen gegen Nasenbluten; Ziegenurin gegen

Blasensteine, Wechselfieber etc.). Komisch berührt es, wenn der Autor

bei der Kur des Wechselfiebers zuerst das Besprechen verwirft:

Nam febrem vario depelli carmine posse

Vana superstitio credit tremulaeque parentes

(v. 939-940),

gleich darauf aber zum Gebrauch von Amuletten rät, wobei das

bekannte „~Abracadabra~” erwähnt wird, welches wiederholt und zwar

mit sukzessiver Hinweglassung eines Buchstabens ungefähr folgender

Art:

A B R A C A D A B R A

A B R A C A D A B R

A B R A C A D A B

A B R A C A D A

A B R A C A D

A B R A C A

A B R A C

A B R A

A B R

A B

A

niedergeschrieben werden soll, so daß eine keilförmige Figur

entsteht. Die Etymologie dieses Zauberwortes wird verschieden

erklärt, z. B. aus den hebräischen Worten ab, ruach, dabar (Vater,

Geist, Wort), oder ab, berech, dabar (Vater, Segen, Wort), oder abra,

kad (achat), abra, d. h. vorübergegangen ist das Fieber etc. Gegen

Fallsucht läßt Serenus Samonicus den fabelhaften Stein aus dem Neste

der Schwalben anwenden; Kindern sollen, um das Zahnen zu befördern,

Pferdezähne umgehängt werden etc. Auch der Zahlenglaube (3, 7, 9)

spielt in den Rezepten eine wichtige Rolle. -- Proben einer deutschen

metrischen Uebersetzung von Thierfelder in Küchenmeisters Ztschr. f.

Medizin 1866.

Die ~Medicinae ex oleribus et pomis~ des ~Gargilius Martialis~ (um

240) bildeten ursprünglich nur einen Teil seines großen Werkes über

Landwirtschaft. Die Schrift, welche im Mittelalter sehr beliebt und

häufig umgearbeitet oder exzerpiert wurde (ed. Val. Rose, Lips. 1875),

handelt über die diätetischen Wirkungen und Heilkräfte von mehr als

60 Gewächsen; der Inhalt beruht vorzugsweise auf Plinius, außerdem

sind aber auch Dioskurides, Galen u. a. verwertet.

Als Rest der wissenschaftlichen (griechischen) Literatur des 3.

Jahrhunderts[1] können Fragmente aus den Werken des ~Philumenos~

betrachtet werden, vorausgesetzt, daß die neueren Forschungsergebnisse,

welche die Lebenszeit dieses Autors um 250 ansetzen, richtig sind.

[1] Die von mancher Seite ins 3. oder 4. Jahrhundert verlegte

Anonymi ~Introductio anatomica~ (εἰσαγωγὴ ἀνατομική), welche

1616 angeblich nach einer Handschrift von Peter Lauremberg

veröffentlicht und übersetzt wurde (vgl. Anonymi Intr. anat.

etc. cum not. Wilh. Trilleri et Jo. Steph. Bernard, Lugd. Batav.

1744), dürfte eine ~Fälschung~ sein. Der Inhalt ist größtenteils

aus anatomischen Angaben des Aristoteles zusammengestoppelt.

~Philumenos~ ging aus der Schule der Methodiker hervor, doch nahm

er in der Praxis, wie Bruchstücke seiner Schriften zeigen, einen

eklektischen Standpunkt ein, wobei er die Arbeiten der Vorgänger,

namentlich des ~Archigenes~, ~Soranos~ und ~Herodotos~, ausgiebig

benutzte. Die Kompilationen des Philumenos, welche den späteren

Sammelschriftstellern als willkommene Vorlage dienten und zum

Teile das Studium der Originalwerke ersetzten, bezogen sich auf die

gesamte Therapie. Hervorzuheben sind insbesondere einige, noch in

lateinischer Uebersetzung vorhandene Abschnitte über Unterleibsleiden

(herausgegeben und verdeutscht in Th. Puschmanns „Nachträge zu

Alexander Trallianus”, Berliner Studien z. klass. Philolog. V, 2,

1886) und die gynäkologisch-geburtshilflichen Fragmente. Was die

ersteren anlangt, so erweist sich Philumenos in der Behandlung

der Darmaffektionen als ein höchst rationeller Praktiker, welcher

dem Unfug, bei jedem Durchfall sofort schablonenhaft Stopfmittel

zu verabreichen, energisch entgegentritt; die beim „Rheumatismus

ventris” und der „Passio coeliaca” auftretenden Diarrhöen behandelte

er mit warmer Milch, leicht stopfender Nahrung und Opiumpräparaten,

den Tenesmus mit adstringierenden Stuhlzäpfchen, lokal applizierten

feuchten Umschlägen, Oeleinreibungen, Einspritzungen (schleimiger

Dekokte). Die gynäkologischen Fragmente betreffen Geschwülste

des Uterus, Metritis, Mastitis, noch wertvoller sind die

Auseinandersetzungen über die Anomalien der Geburt (Enge des Beckens

wichtigstes Geburtshindernis, allmähliche Erweiterung des engen

Muttermundes mit den Fingern, Anwendung von Klysma und Katheter,

Durchtrennung eines eventuell vorhandenen Hymen, der Eihäute u. s.

w.), Wendung, Embryotomie, Embryulcie, Herausbeförderung der zögernden

Nachgeburt, Indikationen und Ausführung des künstlichen Abortus. Von

Interesse sind auch einige (bei Oreibasios erhaltene) Abschnitte über

Neurosen und Psychosen.

Ein weit erfreulicheres Bild, sowohl was die Zahl als den inneren Wert

der literarischen Produktionen anlangt, bietet das ~4. Jahrhundert~.

Vor allem treten uns wieder Spuren der altberühmten ~Schule von

Alexandria~ entgegen, welche, getreu ihrer Mission, auch jetzt noch,

im Dunkel der Zeiten, die Fackel der medizinischen Forschung hochhielt.

Den Mittelpunkt der alexandrinischen Schule bildete in der ersten

Hälfte des 4. Jahrhunderts ~Zenon von Kypros~, welcher sich als Arzt

und als Lehrer großes Ansehen erwarb. Im hohen Alter mußte er für

eine Zeitlang infolge religiöser Wirren Alexandria verlassen, doch

setzte ihn Kaiser Julian, dessen Gunst er genoß, bald wieder in sein

Lehramt ein. Unter seinen Schülern ragten besonders folgende hervor:

~Ionikos von Sardes~, dem umfassendes ärztliches Wissen im Verein mit

philosophischer Bildung nachgerühmt wurde, ~Magnos von Antiochia~,

mehr Sophist als Praktiker, welcher sich durch seinen medizinischen

Nihilismus mißliebig machte und ~Oreibasios~. Neben diesen Männern

erlangte auch ~Theon von Alexandria~ einen allerdings geringeren Ruf;

er wirkte um 350 in Gallien als Archiater und verfaßte im Geschmack

des Zeitalters ein mit Arzneiformeln überladenes Werk über Therapie

(von dem nur eine Inhaltsangabe übriggeblieben ist) unter dem Titel

Ἄνθρωπος.

Umstrahlt vom Abendrot der untergehenden Antike, ging aus der

Schule von Alexandria jener hochverdiente Arzt hervor, der, voll

Verehrung für die Größe der längst entschwundenen Vergangenheit, aus

den medizinischen Werken der Vorfahren das Beste auswählte und in

geistvoller Gruppierung zu einem Gesamtbilde vereinigte -- der Leibarzt

des Julian Apostata, •Oreibasios•.

Oreibasios, der Abkömmling einer vornehmen Familie, wurde um

das Jahr 325 in ~Pergamos~ geboren, genoß eine gelehrte Erziehung

und bildete sich in Alexandria unter der Leitung des ~Zenon von

Kypros~ zum Arzte aus. Reich begabt und vielseitig gebildet, ein

Menschenfreund in seiner praktischen Tätigkeit, gelangte der Jüngling

bald zu Ruf und Ansehen, ja man knüpfte an ihn die kühnsten Hoffnungen

auf ein erneutes Aufblühen der althellenischen Heilkunst. Warm

begeistert für antike Wissenschaft und Philosophie, durch Geist,

Charakter und edle Umgangsformen ausgezeichnet, paßte er so recht in

die Sphäre Julians, der ihn zuerst in Athen (um 355) kennen lernte

und sodann wahrscheinlich auf Empfehlung Zenons als Leibarzt nach

Gallien mitnahm. Die Geistesverwandtschaft knüpfte innige Bande

zwischen beiden. Oreibasios bewährte sich oftmals als politischer

Ratgeber, der mit prophetischem Blick den Caesar zur Ausführung

seiner kühnen Pläne drängte; Julian nahm regstes Interesse an den

Studien seines Arztes, dessen Wissen und Können er hochschätzte.

Durch seinen fürstlichen Gebieter angeregt, stellte ~Oreibasios~ aus

den weitschweifigen Werken ~Galens~ einen Auszug her und faßte durch

den Erfolg ermuntert den Plan, auch aus den übrigen medizinischen

Autoren das Wissenswerte übersichtlich in einer groß angelegten

Enzyklopädie zusammenzutragen. Noch in Gallien gediehen die hierzu

nötigen Vorarbeiten, aus denen die Ἰατρικαὶ συναγωγαί hervorgehen

sollten. Während der kurzen Regierungszeit Julians als Alleinherrscher

(361-363) schritt die Ausführung des imposanten Werkes mächtig vor.

Schon früher mit Gunstbezeigungen überhäuft, nach der Thronbesteigung

des Kaisers zum Quästor von Konstantinopel ernannt, widmete sich

~Oreibasios~ nicht nur seiner mühevollen schriftstellerischen und

ärztlichen Tätigkeit, sondern nahm auch auf die Politik im Sinne der

Neubelebung des Heidentums Einfluß, wie seine Sendung nach Delphi

bezeugt, wo er aber die Antwort empfing, daß fortan das Orakel

verstummen müsse. Auch auf dem Feldzug gegen die Perser begleitete

er den Kaiser und stand ihm bis zum letzten Atemzug in Treue bei

-- Julian erlag bekanntlich einer auf dem Schlachtfelde erlittenen

Verwundung. Nunmehr fiel ein Schatten auf das Leben des Leibarztes.

Die neuen Machthaber, Valens und Valentinianus, beraubten Oreibasios

seines Vermögens und überließen ihn „dem rohesten der barbarischen

Naturvölker” (wahrscheinlich den Goten) zur Strafe für seinen Einfluß

auf die christenfeindliche Regierung des Vorgängers. Er ertrug sein

Unglück mit einer, seiner Gesinnung würdigen, Standhaftigkeit und

wußte sich bei den Barbaren durch seine ärztliche Geschicklichkeit

großes Ansehen zu erwerben; nach kurzer Zeit übrigens sahen sich

die Kaiser selbst bewogen, den vortrefflichen Arzt, dessen Ruhm in

der Heimat nicht erloschen war, wieder zurückzuberufen und ihm das

konfiszierte Vermögen einzuhändigen. Mit einer vornehmen und reichen

Gattin vermählt, lebte er in Byzanz, bis ins hohe Alter unermüdlich

der Praxis und medizinischen Schriftstellerei hingegeben, im engsten

Verkehr mit der Gelehrtenwelt. Er starb, nachdem er sich noch an

den ärztlichen Studien seines Sohnes Eustathios erfreuen durfte, im

Beginne des 5. Jahrhunderts.

Obwohl ~Oreibasios~ die Medizin weder mit theoretischen

Fundamentalgedanken noch mit neuen großen Erfahrungstatsachen

bereichert hat, und zugegeben werden muß, daß seine Schriften im

wesentlichen bloß fleißig gearbeitete Kompilationen darstellen, so

kommt ihm in Anbetracht der Zeitverhältnisse doch eine ~ganz eminente

Bedeutung zu, weil er die durch Empirismus und Mystik teilweise

verschüttete Bahn der rationellen Heilkunde für den Praktiker wieder

freizulegen verstand und die um sich greifende Verwirrung durch den

zielbewußten Hinweis auf die wissenschaftliche Methode behob~. Dieses

Verdienst wird freilich leicht übersehen, wenn man die Eigenart

der Epoche nicht genügend berücksichtigt. Damit soll allerdings

nicht bestritten werden, daß im Rahmen der Gesamtentwicklung die

literarhistorische gegenüber der pragmatischen Bedeutung des Oreibasios

überwiegt. Weit mehr noch als die Zeitgenossen, ist die Nachwelt

dem Leibarzt des Julian zu Dank verpflichtet, weil er ihr zahlreiche

Fragmente aus verloren gegangenen medizinischen Werken des klassischen

Altertums überliefert hat.

~Oreibasios war es eigentlich erst, der dem großen Galen den Weg

ebnete.~ Denn er machte weitere ärztliche Kreise, welche sonst von der

Weitschweifigkeit der kaum zu überblickenden Schriften des Pergameners

abgestoßen wurden, mit dessen Lehren in wohlgeordneter Darstellung

vertraut und gewöhnte sie, trotz der würdigenden Berücksichtigung aller

übrigen Schulmeinungen (auch der methodischen), Galen als oberste

Instanz für die Mehrzahl der medizinischen Probleme anzuerkennen.

Von Galen, in dem er die höchste Entfaltung der hippokratischen Kunst

und ärztlichen Wissenschaft erblickte, ging Oreibasios schon bei der

ersten Anlage seiner Kollektaneen aus, und ihm räumte er auch in dem

großen Sammelwerk, den ~Ἰατρικαὶ Συναγωγαί~, einen ganz besonders

hervorragenden Platz ein, wodurch ~die Grundpfeiler für die mehr

als tausendjährige Herrschaft des Pergameners im Reiche der Medizin~

aufgerichtet wurden.

Die ~Ἰατρικαὶ Συναγωγαί~ bestanden aus 70 Büchern, welche allgemeine

Diätetik, allgemeine Therapie, Arzneimittellehre, Physiologie und

Anatomie, Hygiene, Krankenpflege, Diagnostik, Prognostik, spezielle

Pathologie und Therapie, Chirurgie behandelten. Leider ist ein sehr

beträchtlicher Teil dieser groß angelegten Enzyklopädie verloren

gegangen, aber auch noch der Torso gewährt uns überraschenden

Einblick in den wundervollen Reichtum der antiken Heilkunst und

Gesundheitspflege; die chirurgischen Abschnitte -- die vollständigste

einschlägige Abhandlung aus dem Altertum -- gestatten eine

Rekonstruktion der erstaunlich entwickelten wundärztlichen Technik

der alexandrinisch-römischen Periode.

Oreibasios stützte sich auf die gesamte vorausgegangene Literatur --

schon vorhanden gewesene Kompilationen mögen ihm teilweise als Vorlage

gedient haben -- und exzerpierte meistens die bedeutungsvollsten

Stellen aus den älteren medizinischen Schriften mit Angabe der

Quelle. So groß der literarhistorische Wert dieses Verfahrens ist,

die Einheitlichkeit des Werkes, der organische Aufbau des Ganzen,

mußte dabei namentlich in Fällen, wo sich die maßgebenden Autoren

widersprechen, verloren gehen. Es läßt sich nicht verkennen, daß

Oreibasios über reiche praktische Erfahrung verfügte, welche aus

vielen Zusätzen, ganz besonders aus den ~hygienisch-diätetischen~

und ~allgemein therapeutischen~ Kapiteln hervorleuchtet -- im großen

und ganzen aber hinderte ihn seine allzu große Verehrung für die

Vorgänger, die eigenen Ideen auffällig in den Vordergrund zu schieben,

und verhältnismäßig selten ließ es seine Bescheidenheit zu, daß

er in strittigen Fragen von größerer Tragweite, das eigene Urteil

entscheidend in die Wagschale warf. Als bedächtiger Konservator

hielt er am Ueberkommenen fest, verbesserte höchstens im stillen,

ohne alle Vordringlichkeit, manche Einzelheiten und verriet seine

Selbständigkeit bloß in der Auswahl, in der Gruppierung des Materials,

in paraphrastischen Erörterungen, einzig vom Streben erfüllt, dem

Arzte den reichen Literaturschatz in anregender, übersichtlicher

Zusammenfassung leicht zugänglich zu machen.

Doch scheint der vielbelesene, gelehrte ~Oreibasios~ die

Aufnahmsfähigkeit der Praktiker weit überschätzt zu haben; zwar

brachten die Συναγωγαί den Stoff in übersichtlicher Anordnung, aber

der gewaltige Umfang schreckte noch immer, namentlich den Anfänger,

von der Benützung ab. Aus diesem Grunde entschloß sich ~Oreibasios~,

der im Verfolg der ärztlichen Studien seines Sohnes die Erfordernisse

eines knappen Lehrbuchs kennen gelernt hatte, noch im Alter (nicht

vor 390) einen Auszug aus dem Kolossalwerke auszuarbeiten. Dieser

liegt uns in den neun Büchern der ~Σύνοψις~ (πρὸς Ευστάθιον τὸν

ὑιὸν αὐτοῦ) vor, welche beabsichtigterweise nur die notwendigsten

Tatsachen der Heilkunde enthalten und die gereifte Erfahrung, das

selbständiger gewordene Urteil des Verfassers in konziser Darstellung

erkennen lassen; bemerkenswert ist es, daß hier die Chirurgie nicht

berücksichtigt wird, weil sie Sache besonderer Spezialisten wäre.

Außerordentliches Interesse verdienen die reizvollen Ausführungen über

~Gymnastik, Diätetik der verschiedenen Altersstufen, Kindererziehung

und über die Kinderkrankheiten~.

~Ein~ Lob darf Oreibasios keinesfalls vorenthalten werden, nämlich

daß er in dieser, von Mystizismus aller Art überfluteten, Zeit

der Versuchung widerstand, den weitverbreiteten abergläubischen

Heilgebräuchen in seine Werke Eingang zu gestatten. Größere Aerzte

vor und nach ihm verhielten sich weniger prüde! Um auch unter den

medizinfreundlichen Laien, den φιλίατροι, gesunde, aus dem Quell

wahrer Wissenschaft entspringende Ansichten zu verbreiten, um wirklich

aufklärend zu wirken und das schädliche Kurpfuschertum einzudämmen

-- schrieb er, etwa 392-395, die mehr populär gehaltene Abhandlung

~Εὐπόριστα~, deren vier Bücher Diätetik, Hygiene und allgemeine

Arzneimittellehre behandeln, aber auf die spezielle Therapie der

einzelnen Krankheiten den Nachdruck legen. Welcher Wertschätzung

sich die Synopsis und Euporista erfreuten, beweisen ihre frühzeitig

unternommenen lateinischen Uebersetzungen; durch diese beiden Schriften

hat Oreibasios auch dorthin gewirkt, wohin sein eigentliches Lebenswerk

nicht vorgedrungen ist.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 6 / 76 段