Reichsten Einblick in die •medizinische Magie• dieses Zeitalters

gewähren besonders: die ~Zauberpapyri~ (vgl. Parthey, Pap. Berolin.,

Sitzungsber. der Berl. Akad. 1865; Wessely, Griech. Zauberpap. von

Paris u. London, Denkschr. d. Wiener Akad. 1888 u. 1894; Leemans, Pap.

gr. Mus. Lugd. Batav., Leyden 1885; Dieterich, Pap. magica Mus. Lugd.,

Leipzig 1888); die ~Lithica~ des Orpheus (rez. Abel, Berlin 1881;

übers. von Seidenadel, Gymn. Progr., Bruchsal 1876), das Steinbuch

des ~Damigeron~ (nur lat. erh. in der Ausg. d. Lithica von Abel), die

~Kyraniden~ (Mysteria physico-medica, Francof. 1681; engl. Uebers. The

magic of Kirani etc., London 1667). Die ~Lithica~ des Orpheus wurden

wahrscheinlich erst im 4. Jahrhundert n. Chr. verfaßt, sie bestehen

aus 768 Versen, in denen Orpheus den Priamiden Theiodamas über die

wunderbare Heilkraft der Steine belehrt. Das nur lateinisch auf

uns gekommene Steinbuch des ~Damigeron~ rührt in dieser Fassung aus

dem 5. Jahrhundert her, während seine verlorene griechische Vorlage

vielleicht dem 1. oder 2. Jahrhundert angehörte; in 50 Kapiteln werden

die Wirkungen der Edel- und Halbedelsteine geschildert (Amulette

und interne Anwendung der gepulverten Substanzen). Die ~Kyraniden~

(lateinische Uebersetzung des Raimundus Lullus im 13. Jahrhundert auf

Grund zweier griechischen Handschriften) bestehen aus 4 Büchern, von

denen jedoch nur das erste echt ist. In der ersten Kyranis werden

in 24 Kapiteln unter den 24 Buchstaben des griechischen Alphabets

je eine Pflanze, ein Vogel, ein Seetier und ein Stein angeführt,

welche miteinander schon durch den gleichen Anfangsbuchstaben in

sympathetischer Beziehung stehen sollten. In der Form eines Amuletts

lassen sich ihre einzelnen Heilkräfte z. B. dadurch vereinigen, daß

man in den Stein das Bild des Vogels eingräbt, unter seinen Füßen das

Bild des Seetiers anbringt und sodann den Stein mit einem Stückchen

von der Pflanze und von dem Vogelherzen in einer Kapsel verwahrt.

(Den Inhalt der drei folgenden Bücher bildet eine im Laufe der Zeit

hinzugesetzte alphabetisch geordnete Arzneimittellehre [Land-, Luft-

und Wassertiere], welche hie und da mit Zauberei durchmischt ist.) Der

erste, welcher von diesem mystischen Werke spricht, ist Olympiodoros,

ein Autor des 5. Jahrhunderts; wahrscheinlich stammt es schon aus

den ersten nachchristlichen Jahrhunderten, vielleicht sogar aus noch

früherer Zeit[54]. Fast durchwegs magischen Inhalts waren auch die

κεστοί (Stickereien) des Arztes Julios Africanos (3. Jahrhundert),

wovon noch spärliche Fragmente vorhanden sind.

[54] Die Kyraniden gehören in den Kreis der „hermetischen” Bücher.

Möglicherweise deutet der Name Κυρανίδες ═ Κυρηνίδης auf den

Einfluß der einst berühmten und dann verschollenen Aerzteschule

von Kyrene.

Inmitten des überwuchernden Okkultismus fand die medizinische

Thaumaturgie einen günstigen Boden, bildete doch ihre theoretische

Voraussetzung, der •Dämonenglaube•, einen integrierenden Bestandteil

der damaligen Naturanschauung. Nicht nur, daß der im Volke unausrottbar

wurzelnde Dämonenglaube nach und nach in alle Stände eindrang, daß

die Anhänger aller Religionen ihn festhielten und steigerten, die

Philosophie selbst war es, welche die Dämonologie bestätigte und zu

einem ganzen System ausbaute, weil sie darin das Mittel in Händen

zu haben glaubte, den Götterglauben und Kult mit den Erfordernissen

der Vernunft in Einklang zu bringen. Die mythologischen Fabeln, die

sich mit der allmählich gereiften philosophischen Gotteserkenntnis

nicht vertrugen, die widersprechenden Kulte der einzelnen Nationen,

all dies schien nämlich gerechtfertigt, wenn man die Volksgötter mit

den Dämonen identifizierte; der buntgemischte Polytheismus durfte

zugestanden werden, ohne den Monotheismus zu tangieren, wenn man ein

Zwischenreich untergöttlicher aber übermenschlicher Wesen anerkannte,

das als Emanation der Weltseele zwischen der, über aller Sinnlichkeit

thronenden, von den Denkern geschaffenen Gottheit und dem Menschen

die vermittelnde Stufenleiter bildete[55].

[55] Auch diese Strömung läßt sich weit zurück verfolgen. Bei

Plato ist der Dämonismus im ganzen mehr ein Zierat seiner

Spekulationen, unter den Vertretern der alten Akademie schreckte

schon Xenokrates vor der Annahme von zahllosen Dämonen,

Quäl- und Plagegeistern nicht zurück, die Stoiker gingen

darin noch bedeutend weiter, die an orphisch-pythagoräische

Traditionen auch hierin anknüpfenden Neupythagoräer vertieften

den Dämonenglauben im mystischen Sinne. Daß sehr viele

der Gebildeten schon im 2. Jahrhundert den Dämonismus als

feststehende Tatsache ansahen, ersehen wir aus Plutarch,

Maximus von Tyrus, Apulejus u. a. Bei Plotin sind die Dämonen

noch im wesentlichen personifizierte Naturkräfte, Emanationen

der Weltseele, sein Schüler Porphyrios beschreibt dieselben in

seiner reichen Klassifikation schon mehr als greifbare, gute

oder heimtückische Wesen, die ganz den parsisch-jüdischen Engeln

entsprechen, Iamblichos und Proklos verweben völlig den rohen

Volksglauben in ihre theosophische Spekulation.

Daß vorderasiatisch-ägyptische Einflüsse und Vorbilder für die

Verbreitung und Ausbildung der Dämonologie maßgebend waren,

ist gewiß.

Der ~Dämonismus~, mit seiner heute kaum mehr vorstellbaren

Wirklichkeitsfrische, machte sich wieder in der Krankheitsauffassung

geltend, ja noch mehr, er trat mit erschreckender Deutlichkeit im

~Krankheitsbilde~ hervor. Da sich geistige Bewegungen häufig in

Wahnvorstellungen widerspiegeln, so stiegen zu manchen Zeiten oder in

manchen Orten die Fälle von „~Besessenheit~” zu einer epidemischen

Höhe an. Hier bot sich der theurgischen, der magischen Medizin ein

dankbares Gebiet, die bösen Geister durch ~Exorzismus~ auszutreiben;

hier wetteiferten heidnische, jüdische und christliche Wundertäter, ja

man darf sagen, daß der Entscheidungskampf zwischen dem Polytheismus

und dem Christentum zum Teil auf diesem Felde ausgefochten worden

ist[56].

[56] Wunderheilungen galten jederzeit als besonderer Beweis

göttlicher Inspiration oder übermenschlicher Kräfte, daher

spielen sie auch in den Biographien der mystischen Philosophen

eine wichtige Rolle. Philostratus berichtet von Zauberkuren des

Apollonios von Tyana, ebenso hören wir von magischen Heilungen,

welche Plotin und Porphyrios vollbracht haben sollen.

Die kirchliche Literatur ist seit Justin erfüllt von Hinweisen

auf Wunderheilungen und Exorzismen; wie sehr sich die Apologetik

gerade auf dieses Moment stützt, zeigt namentlich die Polemik

zwischen Origenes und dem Platoniker Celsus. -- Bei den Christen

kam allmählich ein eigener Stand von Exorzisten zur Entwicklung,

welcher der niederen Hierarchie eingegliedert wurde. Die

christlichen Beschwörungsformeln enthielten Hauptstücke aus

der Geschichte Jesu.

Sowohl die Kirche als auch die neuplatonischen Philosophen

wendeten sich aber gegen den Unfug, welchen die Gnostiker

mit Zauberkuren trieben. Die Gnostiker haben den Gebrauch von

Amuletten, Talismanen, magischen Zeichen ungemein gefördert,

so sollen z. B. von den Anhängern des Basilides die bekannten

Abraxasgemmen verbreitet worden sein. (Abraxas ═ Gott, der

die Macht der 7 Planeten vereinigt ═ Jahr; der Zahlenwert der

Namensbuchstaben beträgt 365.)

Wenn der Nachweis gelungen ist, daß der Niedergang der Medizin durch

innere Mängel lange vorbereitet war, daß ihr Verfall in den letzten

Jahrhunderten des Altertums durch allgemeine Kulturverhältnisse

besiegelt wurde, so läßt sich den Einflüssen des ~Christentums~

für diese Epoche keine so weittragende, entscheidende Bedeutung im

ungünstigen Sinne beimessen, wie es oft geschieht. Denn das gleiche

gilt auch hier, wie auf allen übrigen Gebieten: ~das Christentum traf

auf seinem Siegeszuge keineswegs auf die sonnig-heitere, harmonische,

kraftbewußte Antike, sondern auf ein durch schweres Unglück aller Art

gebrochenes, zerfahrenes, von Zweifeln und Weltschmerz durchwühltes

Geschlecht, es beschleunigte höchstens den Untergang, indem es jene

geistigen Strömungen mächtig verstärkte, die zwar dem ursprünglichen

Wesen der Antike zuwiderliefen, aber doch dem alternden Hellenismus

selbst entquollen waren~. Die brennende Sehnsucht nach Heil und

Entsühnung, welche die Menschheit durchzitterte und im Neuplatonismus

nach sublimstem Ausdruck rang, ~die innige Verquickung von

religiös-ethischen Strebungen mit medizinischen Begriffen und Dingen~,

wie sie namentlich in der inbrünstigen Verehrung des Asklepios, des

Erlösers aus leiblichen und geistigen Nöten, hervortrat, hatte schon

im Rahmen des Heidentums das Ansehen der wissenschaftlichen Heilkunde

bedenklich erschüttert und die medizinische ~Theurgie~ zu neuem

Leben erweckt. In derselben Richtung, nur anknüpfend, umgestaltend

und vertiefend, freilich auch mit größerer Selbstsicherheit, wirkte

das Christentum, welches die Sorge für das Heil für sich allein in

Anspruch nahm und ~anfänglich~, mißtrauisch gegen die mit heidnischem

Wesen anscheinend untrennbar verbundene wissenschaftliche Medizin,

die „weltlichen” Arzneien verwarf, neben der Krankenpflege bloß die

spezifisch kirchlichen Heilmittel, ~das Gebet~, ~die Handauflegung~,

~den Exorzismus~, zuließ.

Jesus wirkte als Arzt der Seele und des Leibes unter seinem Volke;

im ~Neuen Testamente~ ist von vielen Krankheiten (verschiedene

unter dem Begriff der Besessenheit zusammengefaßte Neurosen und

Psychosen, ferner Lähmungen, Blindheit, Taubheit, Stummheit, Aussatz,

Wassersucht, Blutfluß, Fieber, Ruhr u. a.) die Rede, welche von

Jesus oder seinen Jüngern, in denen das Charisma weiterwirkte,

auf wunderbare Weise durch göttlichen Einfluß geheilt worden sind.

Das Evangelium wandte sich an ~die kranke Menschheit im weitesten

Sinne des Wortes~, seine lebensvolle Sprache ist ungemein reich

an medizinischen Gleichnissen (ebenso auch die patristische

Literatur)[57], und tatkräftig über allen Symbolismus hinausstrebend,

erachtete es das Christentum im Sinne seines Stifters als eine der

wichtigsten Pflichten, für die Kranken zu sorgen, was aus den ältesten

Urkunden hervorgeht. Bei Lactantius finden sich die schönen Worte:

aegros quoque quibus defuerit qui adsistat, curandos fovendosque

suscipere summae humanitatis et magnae operationis est. Welcher Art

aber anfänglich die Behandlung erkrankter Christen war, lehrt der

Jakobusbrief, wo es heißt: „Ist Jemand unter Euch erkrankt, so rufe

man die Aeltesten der Gemeinde, und sie sollen über ihn beten, nachdem

sie ihn im Namen Christi mit Oel gesalbt; und das Gebet des Glaubens

wird den Kranken heilen und der Herr wird ihn aufrichten. ... Betet

für einander, damit ihr geheilt werdet; viel vermag kraftvolles

Flehen eines Gerechten.” So hören wir denn auch in den apokryphen

Apostelgeschichten von wunderbaren Heilungen durch bloße Berührung,

Besprechung, Gebet, Auflegen des Evangeliumbuches u. s. w.

[57] Z. B. Taufe ═ Bad zur Wiederherstellung der Gesundheit der

Seele, Abendmahl ═ Pharmakon der Unsterblichkeit, Buße ═ vera

de satisfactione medicina. In den apostolischen Konstitutionen

heißt es: „Heile auch du (Bischof) wie ein mitleidiger Arzt

alle Sünder, indem du heilsame, zur Rettung dienliche Mittel

anwendest. Beschränke dich nicht auf Schneiden und Brennen und

auf die Anwendung austrocknender Streupulver, sondern gebrauche

auch Verbandzeug und Charpie, gib milde und zuheilende Arzneien

und spende Trostworte als mildernde Umschläge. Wenn aber die

Wunde tief und hohl ist, so pflege sie mit Pflastern, damit

sie sich wieder fülle und dem Gesunden gleich wieder ausheile.

Wenn sie aber eitert, dann reinige sie mit Streupulver, d. h.

mit einer Strafrede; wenn sie sich aber durch wildes Fleisch

vergrößert, so mache sie mit scharfer Salbe gleich, d. h. durch

Androhung des Gerichts; wenn sie aber um sich frißt, so brenne

sie mit Eisen und schneide das eitrige Geschwür aus, nämlich

durch Auferlegen von Fasten. Hast du dies getan und gefunden,

daß vom Fuß bis zum Kopf kein milderndes Pflaster aufzulegen

ist, weder Oel noch Bandage, sondern das Geschwür um sich

greift und jedem Heilungsversuch zuvorkommt -- wie der Krebs

jegliches Glied in Fäulnis versetzt --, dann schneide mit vieler

Umsicht und nach gepflogener Beratung mit anderen erfahrenen

Aerzten das faule Glied ab, damit nicht der ganze Leib der

Kirche verdorben werde. Nicht voreilig also sei zum Schneiden

bereit und nicht so rasch stürze dich auf die vielgezähnte Säge,

sondern brauche zuerst das Messer und entferne die Abszesse,

damit durch Entfernung der innen liegenden Ursache der Krankheit

der Körper von Schmerzen geschützt bleibe. Triffst du aber auf

einen Unbußfertigen und (innerlich) Abgestorbenen, dann schneide

ihn mit Trauer und Schmerz als einen Unheilbaren ab.” Dieser

bis in alle feineren Einzelheiten durchgeführte Vergleich des

Bischofs mit dem Chirurgen ist nicht nur an sich interessant,

sondern gewährt auch Einblick in die antike Wundarzneikunst.

Als das Christentum in die Welt trat, fand es im Heimatlande, noch

mehr in der Fremde eine Fülle von übereinstimmenden Volksanschauungen

und Volksgebräuchen im Geiste des Dämonismus vor, und trotz der

Bekämpfung schlich sich, namentlich solange der Sektenstreit noch

unbeendigt war, manch heidnischer Aberglaube ein, um in der Folge

neuen zu gebären, ~wobei freilich von der christlichen Theurgie

die heidnische Magie streng unterschieden wurde~. Gegen letztere

richteten sich später die Verbote der christlichen Kaiser. Es blieb

oft kein anderer Ausweg als derjenige, welcher darin bestand, den

alten Formen des Paganismus christlichen Geist einzuhauchen. In

diesem Lichte wird es verständlich, daß uns (ursprünglich heidnische)

Beschwörungsformeln, Amulette etc. im christlichen Gewande begegnen,

oder daß späterhin der Kult des Asklepios, insbesondere im Osten

des Römerreiches, von einer (in den Aeußerlichkeiten an die Herkunft

stark erinnernden) kultischen Verehrung der Heiligen abgelöst worden

ist[58].

[58] Die byzantinischen Berichte über die Krankenheilungen der großen

Wundertäter (Engel, Märtyrer) erinnern lebhaft, stilistisch und

inhaltlich, an die Wundergeschichten der Asklepiosheiligtümer.

Das Erbe des Asklepios wurde von zahlreichen Heiligen

angetreten, ganz besonders aber von ~Kosmas~ und ~Damian~

-- den beiden Schutzpatronen der Aerzte. Ihr Kult, der im

6. Jahrhundert seine Blüte in Konstantinopel erreichte, ging

höchstwahrscheinlich von Aegae aus, einer Stadt Ciliciens, wo

ein besonders berühmtes Asklepieion bestanden hatte. Die Kranken

verbrachten die Nacht in der Kirche (~Kirchenschlaf~), meist in

großer Zahl auf Decken liegend, um im Schlafe der himmlischen

Erscheinung gewürdigt zu werden; die Heiligen verordneten

entweder die zu befolgende Kur oder heilten durch unmittelbare

Wunderwirkung.

Der medizinischen Wissenschaft brachte das Christentum anfänglich

großes Mißtrauen entgegen, weil man sie in der Praxis nicht selten mit

heidnischem Mystizismus oder ethischen Defekten (z. B. mißbräuchliche

Anwendung von Abortivis) verknüpft sah; asketische Schwärmer vertraten

wohl auch die Ansicht, daß die Anwendung von Arzneimitteln Zeichen

mangelhaften Gottvertrauens sei, und daß gewisse Heilungen durch den

Einfluß der von Gott abtrünnig machenden Dämonen zu stande kämen.

Der schärftste Vorkämpfer dieser mit der sonstigen wissensfeindlichen

Richtung zusammenhängenden Bewegung war Tatian, welcher darüber unter

anderem folgendes sagt: „Durch List machen die Dämonen die Menschen

von der Gottesverehrung abwendig, indem sie sie verleiten, auf Kräuter

und Wurzeln zu vertrauen. ... Die Arzneiwissenschaft in allen ihren

Formen stammt aus derselben betrügerischen Kunst; denn wenn jemand

von der Materie geheilt wird, indem er ihr vertraut, um wie viel

mehr wird er, wenn er sich auf die Kraft Gottes verläßt, geheilt

werden. ... Warum gehst du nicht zu dem mächtigeren Herrn; statt

dessen ziehst du es vor, dich zu heilen wie der Hund durch Kräuter,

der Hirsch durch Schlangen, das Schwein durch Flußkrebse, der Löwe

durch Affen? Warum vergöttlichst du irdische Dinge?” In dem Maße, als

das Christentum die gebildeten Stände für sich gewann, trat mit den

übrigen asketischen auch diese extreme Richtung in den Hintergrund,

wozu auch wohl der Einfluß der zu Anhängern des Heilands gewordenen

Aerzte[59] manches beigetragen haben dürfte.

[59] Der erste Arzt, welcher dem Evangelium gefolgt ist, war der

Gehilfe des Paulus, der heilige Lukas. Als der erste Arzt, der

(zur Zeit Marc Aurels) den Märtyrertod starb, wird der Phrygier

Alexander erwähnt. Im Beginne des 3. Jahrhunderts wurde einigen

Christen von ihren wissensfeindlichen Glaubensgenossen gehässig

vorgeworfen, daß sie Galen abgöttisch verehren, Γαληνὸς γὰρ

ἴσως ὑπὸ τινῶν προσκυνεῖται. Dem Kaiser Alexander Severus

widmete der, als christlicher Chronograph bekannte, Julius

Africanus seine „Kestoi”. Als Aerzte wirkten der Priester zu

Sidon, Zenobius (Märtyrer zur Zeit Diokletians), die Bischöfe

Theodotos in Laodicea (um 305), Eusebius in Rom (310), Basilios

von Ancyra (unter Konstantin), der Arianer Aetius; das römische

Martyrologium gedenkt eines Arztes Diomedes aus Tarsus, der

zur Zeit Diokletians hingerichtet wurde u. s. w.

Ebenso aber, wie die Kirche allmählich die antike Philosophie

und Naturforschung für ihre Zwecke verarbeitete, erlosch auch die

prinzipielle Abneigung gegen die wissenschaftliche Heilkunde, und

wenn man die patristische Literatur durchmustert, so gewahrt man

mit Erstaunen, welch tiefen Blick mancher der Kirchenväter in das

ärztliche Schrifttum, ja in das Wesen der Medizin getan hat, durch

nüchterne Kritik sehr vorteilhaft abstechend von den traumhaften

naturphilosophischen Spekulationen der Neuplatoniker[60]. Daß die

naturwissenschaftlich-medizinischen Ausführungen der Kirchenväter im

Dienste der Teleologie und Dogmatik stehen oder nur von praktischen,

didaktischen Gesichtspunkten geleitet werden, entspricht dem

Charakter ihrer Werke, und unbillig wäre es, in dieser Zeit der

allgemeinen Stagnation gerade bei jenen, welche in der Begründung des

Offenbarungsglaubens ihre einzige Aufgabe erblickten, Anregung der

freien, voraussetzungslosen Forschung zu suchen[61].

[60] Sehr bedeutungsvoll war der Kampf, welchen die Kirchenväter

gegen die Fruchtabtreibung, sowie gegen die sexuellen

Ausschweifungen und Perversitäten führten. In hygienischen

Fragen wurden sie wegen dem, mit dem übermäßigen Bädergebrauch

etc. verbundenen Luxus oder Laster oft zu einer Opposition

hingerissen, die in der Folge ungünstig auf die allgemeine

Körperpflege (Gymnastik, das großartige antike Badewesen u. s.

w.) einwirkte. Gleichfalls kann es wenigstens vom medizinischen

Standpunkt kaum gebilligt werden, daß das Christentum

mit den hygienischen Vorschriften der mosaischen Religion

(Speisegesetze, Händewaschen) gänzlich gebrochen hat.

[61] Den Kirchenvätern erschienen die naturphilosophischen

Spekulationen als Mißbrauch der geistigen Kräfte; sie wollten

diese lieber den großen moralischen Lehren der geoffenbarten

Religion zugewendet wissen. Im Hinblick auf die unversöhnlichen

Widersprüche der Jahrhunderte alten Forschung, und erfüllt von

unerschütterlichem Bibelglauben, mußten sie die menschliche

Vernunft für unzureichend halten, wobei nicht zu übersehen ist,

daß Skeptiker und Neuplatoniker sich in ähnlichem Ideenkreise

bewegten. Zur Verwerfung oder doch Beschränkung der Forschung

war dann freilich nur ein kleiner Schritt. Tertullian sagt:

Nobis curiositate opus non est post Jesum Christum, nec

inquisitione post Evangelium. Lactantius: Nam si facultas

inveniendae veritatis huic studio subjaceret, aliquando

esset inventa. Cum vero tot temporibus, tot ingeniis in ejus

inquisitione contritis, non sit comprehensa, apparet nullam

esse ibi sapientiam.

Unterliegt es aber auch keinem Zweifel, daß die christliche Dogmatik

nach Aufrichtung ihrer Herrschaft zur drückenden Fessel für die

Forschung geworden ist, -- die reiche Menschenliebe des Urchristentums

hatte schon eine Saat gestreut, deren Früchte einstens der Heilkunst zu

größtem Nutzen gereichen sollten. ~Die höchste ärztliche Ethik, zu der

sich die Antike in der Idealgestalt des Hippokrates emporgeschwungen,

gestattete dem Arzte, seine Hilfe den „Unheilbaren” zu versagen, --

die Humanitätsideen des Christentums, mit ihrer hohen Einschätzung des

Menschenlebens, machten ihm hingegen seinen Beistand auch in diesen

Fällen zur sittlichen Pflicht.~ Daß diese sittliche Pflicht mit der

Zeit zur Quelle erneuten Forscherdranges werden mußte, liegt im Wesen

des menschlichen Geistes. Einstweilen freilich war es der Wissenschaft

verwehrt, die wünschenswerten Konsequenzen zu ziehen, nur die

werktätige Nächstenliebe vermochte das Leid zu lindern durch hingebende

~Krankenpflege~, durch Errichtung von öffentlichen ~Krankenhäusern~

-- eine Institution, aus deren Schoße in einer fernliegenden Zukunft

die echte klinische Wissenschaft entspringen sollte. Die besten, das

Wohl der gesamten Menschheit umfassenden Gedanken kommen eben stets

aus dem Herzen.

Welchen Opfermut die Christen in den Zeiten der großen Pest im

3. Jahrhundert zeigten, lehren die Schilderungen des Dionysios

von Alexandrien: „Die meisten unserer Brüder schonten aus

überschwänglicher Nächstenliebe ihre eigene Person nicht und hielten

fest zusammen. Furchtlos besuchten sie die Kranken, bedienten sie

liebreich, pflegten sie um Christi willen. ... Bei den Heiden aber

fand das gerade Gegenteil statt. Sie stießen diejenigen, welche krank

zu werden begannen, von sich, flohen von den Teuersten hinweg, warfen

die Halbtoten auf die Straßen und ließen die Toten unbeerdigt liegen.”

Und von Cyprian heißt es, daß er aufs ernstlichste den Christen ans

Herz gelegt habe, nicht nur die Glaubensgenossen in dienender Liebe

zu pflegen, sondern auch die Feinde und Verfolger. „Siehe, wie sie

einander lieben”, hat Tertullian aus heidnischem Munde öfters gehört.

Das Christentum bildete im Verein mit der Armenpflege die

Krankenpflege als feststehendes Institut aus und basierte es auf die

Gemeinde; beim sonntäglichen Gottesdienst wurden freiwillige Gaben für

die Armen und Kranken gesammelt. Der Bischof war der Oberleiter, unter

dem die „Diakonen” und die „Witwen” (später „Diakonissen”) standen;

in der Hand der ersteren ruhte hauptsächlich die Krankenpflege,

aber der Umstand, daß besondere Krankenpfleger vorhanden waren,

sollte den Laien nicht entlasten. Als die Kirche zur staatlichen

Anerkennung gelangte, und ihr die Schätze der heidnischen Tempel

neben reichen Stiftungen zuflossen, übte sie die Krankenpflege im

großen Stile, durch Ausbildung eigener Pfleger (Bischof Johannes

Chrysostomos in Konstantinopel [400] hatte 40 Gemeindediakonen zur

Verfügung) und durch Errichtung öffentlicher Krankenhäuser (die vom

heil. Basilios 370 in Cäsarea begründete „Basilias” war das älteste,

es umfaßte außer den eigentlichen νοσοκομεία noch Armen-, Fremden-

und Magdalenenhäuser; besondere Angestellte, „Parapemponten” oder

„Parabolanen” mußten die hilflosen Kranken aufsuchen und ins Hospital

begleiten). Die Gründung des ältesten Krankenhauses in Rom wird der

Fabiola (um 400) zugeschrieben, in Jerusalem stiftete die Kaiserin

Eudocia († 420) Hospitäler.

Es ist zwar sicher, daß lange vor den christlichen

Wohlfahrtsinstituten bei manchen Völkern, namentlich den Indern (vgl.

Bd. I, S. 90), Hospitäler bestanden, für die griechisch-römische Welt

aber bedeutete die geordnete Armen- und Krankenpflege etwas Neues,

obwohl mancherlei, besonders durch die Stoa geförderte ethische

Strebungen den christlichen voran oder parallel liefen. Die Iatreien,

die Valetudinarien können kaum als Vorstufe aufgefaßt werden, am

nächsten stehen den Hospitälern noch die Einrichtungen zur Pflege

erkrankter Vestallinnen.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 5 / 76 段