In der Blütezeit des klassischen Altertums bildeten Volkstum und

Staatswesen mit der Religion ein einheitliches Ganzes, in welchem

das Individuum freudig aufging. Die römische Universalmonarchie mit

ihren kosmopolitischen und kulturnivellierenden Konsequenzen führte

hingegen zur Lostrennung der Politik und der Religion von einem

spezifischen Volkstum. Da die unterworfenen Völker im Staatsleben

für die zertrümmerte Nationalität keine Entschädigung fanden, so

wurde namentlich im Osten die Religion zur Haupttriebkraft der

Massen. In dem Grade, als der Despotismus die Kräfteentfaltung

des Individuums nach außen lähmte, die düsteren politischen und

sozialen Verhältnisse die antike Weltfreudigkeit in Weltschmerz

verwandelten und der Zügellosigkeit der Sitten moralischer Ekel

folgte, entwickelte sich ein reicheres, aber disharmonisches

Innenleben, eine asketische, weltflüchtige Sehnsucht nach rettender

Ueberzeugung, nach überirdischer Hilfe, ein fieberhaftes Tasten nach

höherer, geheimnisvoller Befriedigung des Gemütes. Unter dem Eindruck

der Danaidenarbeit, in welcher sich die philosophische Abstraktion

verbrauchte, warf sich auch ein beträchtlicher Teil der Gebildeten

in die Arme der Religion, ja sogar der pietistischen Schwärmerei.

Halb aus wirklicher Hingebung, halb aus politischen Gründen förderte

der kaiserliche Hof (namentlich seit Trajan) die Wiedererweckung und

Neuausgestaltung des Kults, der ganz besonders unter dem Einflusse

orientalischer Vorbilder immer pomphafter wurde. Der Mangel an einer

geschlossenen Dogmatik verlieh dem gräko-italischen Polytheismus

eine enorme Expansivität und ermöglichte eine tolerante Aufnahme

fremder Götter und Kulte, die allerdings eine Umwandlung im Sinne

hellenisch-römischen Schönheitsgefühls erlitten. So konnte es kommen,

daß im flutenden Völkerverkehre des Weltreichs ägyptisch-asiatische

Gottheiten auf dem Boden des Abendlandes Fuß faßten -- Priester,

Kaufleute, barbarische Krieger wirkten als Missionäre -- daß in Nord

und Süd Anbeter der Isis und des Osiris, des Baal, der Astarte,

des Mithras zu finden waren. Die unverständlichen Zeremonien, die

seltsamen Symbole, der sinnliche Pomp der orientalischen Kulte,

aber auch ihre unverrückbar, an religiöse Lehren gebundenen Gesetze

der Sittlichkeit entsprachen so ganz der gesteigerten religiösen

Stimmung des Zeitalters, welches gerade hinter dem Fremdartigen

tiefe Geheimnisse suchte, in Sühnungen, Mysterien, Askese und

Ekstase volle Befriedigung fand. Eine mächtige Stütze erhielten die

fremden Kulte[43] besonders seitdem Nichtrömer, sogar Orientalen

den Kaiserthron bestiegen. Indirekt beförderte auch das mächtig

um sich greifende junge Christentum eine Zeitlang die Regeneration

des Polytheismus, sei es, daß es durch die innige Gläubigkeit und

den Opfermut seiner Anhänger ein leuchtendes Vorbild für wahre

Religiosität hinstellte, sei es, daß es bei den Heiden eine Opposition

hervorrief, die sich in der Durchgeistigung und ethischen Vertiefung

des alten Götterglaubens kundgab.

[43] Von der zeitweiligen Toleranz am Kaiserhofe liefert Severus

Alexander, der in seiner Hauskapelle neben den besten der

vergötterten Kaiser, neben Orpheus auch Abraham und Christus

verehrte, einen schlagenden Beweis.

Mit ihrer heißen Sehnsucht nach übersinnlicher Erleuchtung, mit ihrem

tiefempfundenen Erlösungsbedürfnis, durchflutete die religiöse Stimmung

immer mehr auch die philosophische Spekulation, deren Vernunftstolz und

selbstgenügsame Lebensweisheit ohnedies durch die rastlose Minierarbeit

zersetzender Skepsis schon längst untergraben war.

Einem ihrem innersten Wesen fremden Ziele zustrebend, suchte jetzt

die Philosophie aus den buntgemischten Formen des Götterglaubens und

den monotheistischen Ahnungen der großen griechischen Denker durch

läuternde Synthese eine wissenschaftliche Religion zu bilden, für

die Erlösungsbedürftigen eine befriedigende Heilslehre zu schaffen.

~Vom Sensualismus und Rationalismus durch Skepsis zur Mystik~ --

damit ist die Bahn bezeichnet, welche der Griechengeist durchmaß,

um nach vielhundertjährigem Ringen schließlich in der Phantastik

des ~Neuplatonismus~ zu verklingen. Es war ein Sterben in Schönheit,

aber doch ein Sterben, welches das Endglied einer bewundernswerten,

vielgestaltigen und tiefgründigen Denkentwicklung wieder an die

urzeitlichen Regungen theosophischen Naturgefühls anschloß.

Die im Neuplatonismus zu stande gekommene Verschmelzung von

religiöser Mystik und philosophischer Spekulation ist der letzte

Ring einer weit zurückreichenden Kette, welche im schroffen

Dualismus, in der transzendenten Ideenwelt ~Platos~ verankert lag.

Vorbereitend wirkten namentlich die dem Volksglauben entgegenkommende

allegorische Mythendeutung, die krasse Teleologie und die

ethisierende Tendenz der ~stoischen~ Schule[44], begünstigend die

Erkenntniskritik der ~Skeptiker~[45]. Den Anknüpfungspunkt bildeten

die ~orphisch-pythagoräischen~ Mysterien[46], die mannigfachsten

Einschläge lieferten die ~ägyptisch-vorderasiatischen Religionssysteme

und Geheimlehren~, die philosophische Form entstammte der ~Platonik~.

Gleichsam wie noch unvollkommene Vorschöpfungen nehmen sich jene

beiden religiös-philosophischen Richtungen aus, welche um die Wende

unserer Zeitrechnung im Knotenpunkte aller Denk- und Glaubensformen, in

Alexandria, entstanden: der ~Neupythagoräismus~, welcher dämonistische

mit monotheistischen Vorstellungen verband, den Kult veredelte, zur

Askese, zum Offenbarungsglauben hinneigte[47] und -- die, in Philon

gipfelnde, ~jüdisch-alexandrinische Religionsphilosophie~[48]. Wie ihre

beiden Abkömmlinge, so nahm auch die ~eklektische Platonik~ selbst

(Plutarch, Apulejus u. a.) im 1. und 2. Jahrhundert eine religiöse

Färbung an, welche in der Apologetik des alten Glaubens deutlich genug

hervortrat[49]. Im Ringen mit dem jungen Christentum, das parallel

laufend im Gnostizismus seine erste, die Patristik vorbereitende

philosophische Konstruktion empfangen hatte, entstand sodann im 3.

Jahrhundert das abschließende System des ~Neuplatonismus~, welcher

durch seinen dynamischen Pantheismus, durch seine Emanationslehre

eine reinere Gotteserkenntnis, eine Versöhnung zwischen Vernunft und

Glauben herbeiführen wollte und besonders begnadeten Naturen über den

Rationalismus hinaus durch stufenförmige Abkehr von der Sinnlichkeit,

asketische Läuterung, mystisches Versenken, eine unmittelbare

Anschauung des Göttlichen in Aussicht stellte. Liegt beim Stifter

des Neuplatonismus, ~Plotin~ (204-270), der Schwerpunkt noch in der

Wissenschaft, bildete das neuplatonische System bei seinem Schüler

~Porphyrios~ nur ein Zugeständnis an die überlieferte Glaubensform,

so verwandelte es sich im 4. und 5. Jahrhundert unter den Händen des

~Iamblichos~ und ~Proklos~ geradezu in eine spekulative Theologie,

welche in scholastischer Art alle Auswüchse der schwärmerischen

Religiosität und des absurden Aberglaubens verteidigte.

[44] Während die Lehre Epikurs alles Mythische und Transzendente

ausschloß, huldigten die Stoiker im höchsten Grade den

metaphysischen Neigungen der Volksseele, auch legten sie den

Schwerpunkt weniger auf wissenschaftliche Erkenntnis als auf

ethische Strebungen, in ihrer Endentwicklung betrachtete es die

Schule als Zweck der Philosophie, Tröstung zu spenden (Epiktet,

Marc Aurel). Der Philosoph wurde geradezu zum Seelenarzt,

zum Seelsorger. Wiewohl aber die Stoiker die Gläubigkeit

durch Anerkennung der Mantik förderten, so machten sie doch

die Tugend noch in echt antiker Weise von der Einsicht, von

der selbstbestimmenden Vernunft abhängig, nicht von einer

übersinnlichen Gnade.

[45] Der Skeptizismus, dessen Errungenschaften der Arzt ~Sextus

Empiricus~ (um 200 n. Chr.) zusammenfaßte, leugnete wegen der

Relativität der Vorstellungen die Erkenntnismöglichkeit des

~Wesens~ der Dinge. Da sich die Antike mit der Beobachtung der

gesetzmäßigen Aufeinanderfolge in der Erscheinungswelt nicht

begnügte, so wurde die skeptische Richtung zur Quelle der

Verzweiflung an Vernunft und Wissenschaft. Begreiflicherweise

zogen daher viele die Konsequenz, daß das menschliche Denken

einer Ergänzung bedürfe durch höhere Erleuchtung, daß nur durch

mystische Spekulation in den Besitz der Wahrheit zu gelangen

sei.

[46] Die Pythagoräische Schule erlosch zwar im Laufe des 4.

Jahrhunderts v. Chr., der Pythagoräismus als religiöse

Lebensform (Askese, Mysterien) erhielt sich aber fortdauernd und

nahm im 1. Jahrhundert v. Chr. wieder philosophische Gestaltung

an. -- Die bereits in der Zeit der Peisistratiden aufgekommene

Sekte der Orphiker bestand bis in die christliche Zeit hinein,

sie brachte eine religiös-mystische Literatur hervor, als deren

Urheber der sagenhafte Orpheus galt.

[47] Der Neupythagoräismus kombinierte die pythagoräischen

Zahlen -- mit der platonischen Ideenlehre (Ideen ═ Zahlen ═

urbildliche Vorstellungen im göttlichen Geiste), verknüpfte

den philosophischen Monotheismus mit dem volkstümlichen

Götterglauben und erblickte die Hauptaufgabe in sittlicher

Läuterung, Abkehr von der Sinnlichkeit, Veredlung des

Kults. Als Hauptapostel dieser Richtung zog zur Zeit Neros

~Apollonios von Tyana~ umher, welcher überallhin reinere

Gotteserkenntnis verbreitete und seine Lehre durch Wundertaten

aller Art bekräftigte. Sein Leben wurde von Philostratos

(Ende des 2. bis Mitte des 3. Jahrhunderts) nach mehreren

Vorlagen, romanhaft ausgeschmückt, beschrieben. Apollonios von

Tyana wird in tendenziöser Weise (um Christus ein Gegenbild

gegenüberzustellen) als Prophet der alten Götter vorgeführt,

ausgestattet mit überirdischer Natur und Wunderkraft

(Weissagung, Dämonenaustreibung, Totenerweckung etc.).

[48] Die Juden konnten sich dem Einfluß des von Syrien und Aegypten

eindringenden Hellenismus nicht entziehen und bildeten

anderseits im Geistesleben Alexandrias einen Hauptfaktor.

Parallel zum Neupythagoräismus entwickelte sich auch unter

ihnen eine religiös-philosophische Richtung, welche namentlich

an platonische Ideen anknüpfte und einer allegorischen

Schriftauslegung zustrebte. Philon stellt nur den Höhepunkt

dieser Richtung dar, welche schon in der vorausgehenden

apokryphen Literatur (z. B. das pseudosalomonische Buch der

Weisheit) bemerkbar ist.

Die seit dem 2. vorchristlichen Jahrhundert hervortretende

palästinensische Sekte der •Essäer• oder Essener (mit ihnen

war die Sekte der Therapeuten am maräotischen See in der

Nähe Alexandrias verwandt) zeigt viele Analogien mit der

pythagoräischen Ordensgenossenschaft. Die Essäer pflegten

die allegorische Schriftauslegung und entwickelten eine auf

der (ursprünglich parsischen) Engellehre fußende Geheimlehre,

die sich möglicherweise mit den Anfängen der im Mittelalter

und in der Renaissance zu so großer Bedeutung gelangenden

Kabbala berührt. Sie standen beim Volke im Rufe medizinischer

Wundertäter (Heilungen durch Berühren, Händeauflegen, magische

Kräuter und Steine, Beschwörungsformeln).

[49] Der Platoniker Celsus verfaßte im 2. Jahrhundert eine

den Götterglauben verherrlichende Streitschrift gegen das

Christentum.

Im Nebel einer sinneverleugnenden Mystik, im Taumel der Allegorien,

trieb die Philosophie einer durchaus ~magischen, jeder echten Forschung

entrückten Naturauffassung~ zu, welche in allen Geschehnissen und

Erscheinungen geheimnisvolle Beziehungen (Sympathie -- Antipathie)

witterte. Hatte die naturphilosophische Spekulation einst befruchtend

auf die exakten Fächer gewirkt, so hemmte sie jetzt eher die

Naturwissenschaft und beförderte dagegen den Okkultismus in einem

erstaunlich hohen Grade. Wohl war schon vorher die hellenisch-römische

Welt mit den Geheimlehren Aegyptens und Babylons, Persiens und Indiens,

Syriens und Judäas überschwemmt worden, eine pseudowissenschaftliche

Stütze empfingen dieselben aber erst durch den Neuplatonismus, welcher

scheinbar das Irrationelle rationalisierte. Ueppiger denn je schoß in

Alexandria, wo aller Mystizismus zusammenströmte, die Literatur der

~Astrologie~, ~Alchemie~, der ~Magie~ (auch der medizinischen), der

verschiedenen Formen der ~Mantik~ (z. B. Oneiromantie, Chiromantie)

empor. ~Die hellenische Aufklärung, welche in der Blütezeit sieghaft

aus dem Kampfe mit orientalischer Mystik hervorgegangen war, streckte

die Waffen.~ Den gesunden Kern, welchen manche der Geheimwissenschaften

in sich bargen, aus seiner Hülle zu lösen, dazu reichte die Kraft der

dem Untergang geweihten antiken Welt nicht mehr aus.

Die alexandrinische geheimwissenschaftliche Literatur verknüpfte

ägyptisch-orientalische Ueberlieferungen mit griechischer Mystik.

Der Abfassungszeit nach gehören die erhaltenen Schriften zumeist

der römischen Kaiserzeit an. Um den Nimbus zu erhöhen, wurden die

okkultistischen Machwerke auf die ehrwürdigen Weisen des Morgenlands

(z. B. Zoroaster) oder Griechenlands (z. B. Orpheus, Demokrit)

zurückgeführt, und tatsächlich dürften oft ältere Schriften als

Vorlage benützt worden sein, wie ja der Ideengehalt zum großen Teile

jedenfalls aus frühen Epochen stammt. Eine ganze große Gruppe der

theosophisch-magisch -- astrologisch-alchemistischen Schriften leitete

sich von dem fabelhaften „~Hermes Trismegistos~” her; von diesen sind

noch manche, aus dem 2. oder 3. Jahrhundert, teils im Original, teils

in lateinischer oder arabischer Uebersetzung vorhanden[50].

[50] Die auf uns gekommenen „~hermetischen~” Schriften rühren aus

verschiedenen Zeiten her und gehören verschiedenen theologischen

Systemen an; unter diesen ragt besonders der aus 18 Abschnitten

bestehende „Poimandres” hervor (vgl. R. Reitzenstein,

Poimandres, Leipzig 1904). -- Hermes ═ Thot galt in Aegypten

seit uralter Zeit als Lehrer aller geheimen Weisheit und als

Verfasser heiliger Schriften. Auf die medizinisch-hermetische

Literatur weist schon Galen hin an der Stelle, wo er den

Grammatiker Pamphilos wegen Benützung derselben tadelt.

Die aus mesopotamisch-ägyptischer Priesterweisheit entsprossene

•Astrologie• fand schon in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten

in Alexandria erneute Pflege und wurde durch „Chaldäer” auch

nach Rom verpflanzt -- der ältere Cato verbot bereits seinem

Wirtschaftsinspektor, die Sterndeuter zu Rat zu ziehen. Auf

alexandrinischem Boden entstand eine umfangreiche apokryphische

Literatur, welche mit Vorliebe auf ägyptische Quellen (~Petosiris~,

Leibarzt des Königs von Saïs, ~Nechepso~, 7. Jahrhundert v. Chr.)

oder auf berühmte griechische Philosophen (Demokrit) zurückgeführt

wurde. Unter den Römern traten zuerst Tarutius Firmanus und Nigidius

Figulus als Astrologen hervor, und vergeblich erschöpfte Cicero (de

divinatione) seine Gegenargumente, um dem Umsichgreifen des Glaubens

an die Sterndeuterei Einhalt zu tun -- leisteten doch die stoischen

Philosophen großen Vorschub. Die astrologischen Vorhersagungen

bezogen sich auf allgemeine Verhältnisse oder auf das Geschick des

einzelnen Individuums; dieser letztere Teil der Kunst, γενεθλιαλογία

genannt, basierte auf der Bestimmung der Konstellation im Augenblicke

der Geburt (Horoskop, Nativität). Ihre höchste praktische Bedeutung

erlangte die antike Astrologie während der Herrschaft der römischen

Kaiser, von denen die meisten übrigens selbst dem Glauben an die

Sterndeuterei anhingen und sich von ihren Hofastrologen bei ihren

Regierungshandlungen stark beeinflussen ließen, so Augustus, Tiberius,

Nero, Otho, Vespasian, Titus, Domitian, Hadrian, Septimius Severus,

Caracalla, Alexander Severus. Letzterer ging sogar so weit, daß

er den Lehrern der Astrologie die Errichtung öffentlicher Hörsäle

in Rom gestattete und ihnen Jahresgehalte anwies. Mit der weiten

Verbreitung und der Intensität des Aberglaubens steht es in gar

keinem Widerspruch, daß die „Chaldäer” zu wiederholten Malen aus

Rom durch Senatsbeschlüsse oder auf kaiserlichen Befehl verbannt

wurden -- dies geschah wegen ihrer häufigen und gefährlichen

politischen Machinationen -- denn gerade durch die gelegentlichen

Verfolgungen (unter Tiberius, Claudius, Vitellius, Diocletian,

Constantius) erstarkte der Wahn umso mehr. Die wenigen, welche

die Afterwissenschaft verlachten oder bekämpften (Horaz, Plinius,

Juvenal, Favorinus, Sextus Empiricus, der Philosoph Alexander von

Aphrodisias), vermochten gegen ein Vorurteil nicht aufzukommen, das

alle Schichten der Gesellschaft ergriffen hatte. In jeder Lebenslage

befragte man den Sterndeuter, mochte es sich um das Schicksal des

neugeborenen Kindes oder um eine zu erwartende Erbschaft, um den

Ausgang eines wichtigen Unternehmens, um den Ausfall der Ernte oder

um die Wetteraussichten handeln. Wie tief der Aberglaube wurzelte,

davon bringen die Satiren Juvenals, die Schilderungen des Ammianus

Marcellinus und des Augustinus, welch letzterer sich selbst in seiner

Jugend eifrigst mit der Astrologie beschäftigte, Kunde. Wie früher

die Stoiker, so versuchten am Ausgang der Antike die Neuplatoniker

eine philosophische Begründung, und wenn sich begreiflicherweise auch

die Kirche ablehnend verhielt (Tertullian, Origines, Augustinus),

so verbanden doch einige christliche Sekten, wie z. B. die

Priscillianisten, ihre theologischen Spekulationen mit der Astrologie

-- ein Beweis für das Ansehen derselben! Was die Literatur anlangt, so

haben sich aus der römischen die astronomisch-astrologische Dichtung

des Manilius (zur Zeit des Augustus)[51] und die Libri matheseos

octo des Firmicus Maternus (4. Jahrhundert) erhalten; letztere geben

eine erschöpfende Darstellung der antiken Astrologie. Eine viel

größere Zahl einschlägiger Schriften (auch Lehrgedichte) ist aus

der alexandrinischen Literatur auf uns gekommen (vgl. den seit 1898

erscheinenden Catalogus codicum astrologorum graecorum von Cumont,

Bruxellis in aedibus Henrici Lamertin); am berühmtesten sind zwei

unter dem Namen des Klaudios Ptolemaios gehende Werke: ~τετράβιβλος

σύνταξις πρὸς Σύρον ἀδελφόν ═ Opus quadripartitum Ptolemaei~ und

der höchst wahrscheinlich unechte ~Καρπός ═ Centiloquium~ (100 kurze

Sentenzen).

[51] In dem Lehrgedichte (Astronomicon), welches Marcus Manilius dem

Augustus widmete, ist unter anderem des näheren ausgeführt, wie

jeder Körperteil unter dem Einfluß eines bestimmten Sternbildes

stehe.

Die Astrologie war der wichtigste Teil der „Naturalis theologia”,

sie schlang sich um alle Zweige der Naturwissenschaft, und so

wie sich eine Astrozoologie, Astrobotanik, Astromineralogie

entwickelte, so machte sich auch das Streben geltend, ~die

medizinische Prognostik und Therapie~ (Sammeln der Pflanzen unter

ihren Tierkreiszeichen, Berücksichtigung der Gestirnstellung beim

Eingeben gewisser Heilmittel etc.) ~mit der Astrologie wieder in

Zusammenhang zu bringen~. Von einschlägigen Schriften wären besonders

zu nennen: die ~Ἰατρομαθηματικά des Hermes Trismegistos~ und die

dem ~Ptolemaios~ wohl fälschlich zugesprochene Schrift καρπός (in

der τετράβιβλος finden sich nur Hinweise und allgemeine Kapitel).

Die Vertreter der Medicina astrologica wurden schon in Alexandrien

~Ἰατρομαθηματικοί~ genannt. Zur Bestimmung der Prognose dienten mehr

oder minder komplizierte Zahlentafeln, z. B. ~die κύκλοι~ (Zirkel)

~des Petosiris~, ~die σφαῖρα Δημοκρίτου~, ~das Instrument des Hermes

Trismegistos~, wobei bei der Vorhersage des Krankheitsausgangs außer

der Konstellation auch der Zahlenwert der Buchstaben des Namens

des Patienten in Rechnung gezogen wurde. Der schärfste Gegner der

medizinischen Astrologie war Sextus Empiricus, welcher gegen die

verderbliche Richtung im 5. Buche seines Werkes πρὸς μαθηματικούς

(ed. Bekker, Berlin 1842) ankämpfte. ~Galen neigte -- im Gegensatz zu

Hippokrates -- zu astrologischen Lehren~ (vgl. Bd. I, S. 384), ~wie

sich aus dem 3. Buche seiner Schrift περὶ κρισίμων ἡμερῶν ergibt,

und gerade seine Autorität hat hierdurch der späteren Machtstellung

der Astrologie in der Medizin vorgearbeitet~[52]. In dem oben

angeführten Katalog griechischer astrologischer Handschriften von

Cumont kommen ungefähr 30 iatromathematische Traktate vor. Vgl.

Bouché-Leclercq, Astrologie grecque, Paris 1899, A. Dietrich, Papyrus

magica Musei Lugd. Batav., Leipzig 1888, M. Berthelot, Introduction

à l'étude de la chimie des anciens etc., Paris 1889, Rieß, E.,

Nechepsonis et Petosiridis fragmenta magica, Bonn 1889, K. Sudhoff,

Iatromathematiker, Breslau 1902.

[52] Es kann daher nicht wundernehmen, daß mehrere astrologische

Schriften der späteren Zeit fälschlich unter seinem Namen

liefen.

Die ältesten Spuren der •Alchemie• führen nach Aegypten[53], dem

Lande, wo einerseits die Geheimwissenschaften zu Hause sind und

anderseits die Metallurgie besonders früh zu einer ansehnlichen

Entwicklung kam. Der Gedanke, edle Substanzen (Gold, Silber,

Edelsteine) aus unedlen zu erzeugen, keimte ursprünglich aus der

Praxis, aus irrig gedeuteten Erfahrungen hervor, zu denen sich erst

sekundär die alchemistische Doktrin gesellte. Man sah z. B., daß sich

die Farbe des Kupfers durch angemessene Behandlung (mit zinkhältigen

Substanzen) in Goldgelb und mit anderen (arsenhältigen) in Silberweiß

überführen ließ, daß Bleierze (von deren Silbergehalt man nichts

wußte) beim Erhitzen eine geringe Menge Silber als Rückstand geben,

daß bei der Herstellung von Glas edelsteinähnliche Fabrikate erhalten

werden u. s. w. Da man solche Erfahrungen zufällig machte und nicht

klar erkannte, auf was es bei den chemischen Prozessen eigentlich

ankommt, die dargestellten Substanzen aber der Farbe nach den

Edelmetallen oder Edelsteinen, wenn auch unvollkommen, glichen --

so glaubte man, daß es möglich wäre, die Metalle zu veredeln, d. h.

Gold und Silber zu erzeugen. Die ägyptischen Priester zeichneten

ihre Beobachtungen in ihren Geheimbüchern auf, was darin seinen

Ausdruck fand, daß die Alchemie auf Dudith ═ ~Hermes Trismegistos~

zurückgeführt wurde (daher hermetische Kunst), die Entstehung

der rätselvollen Phänomene selbst leitete man von dem Eingreifen

dämonischer Gewalten und später von dem Einfluß der Planeten auf

bestimmte Metalle ab; aus diesem Grunde finden sich in den ältesten

alchemistischen Werken neben den chemischen Rezepten immer auch

magische Beschwörungsformeln, und ebenso entstammt der astrologischen

Vorstellung in letzter Linie der eigentümliche Gebrauch, jedes

Metall durch das Zeichen eines Planeten zu bezeichnen. Weil man in

der Farbengebung ursprünglich das wichtigste Ziel des Prozesses

erblickte, so handeln die ältesten alchemistischen Schriften von

der „Färbung” der Metalle und Steine (noch in spätester Zeit hieß

die Substanz, welche fermentartig die Metallveredlung herbeiführen

sollte, Tinktur ═ Stein der Weisen ═ Elixir). Die Griechen nahmen die

alchemistische Praxis, die sie auf ägyptischem Boden kennen lernten,

als Tatsache hin, suchten aber, fern vom Dämonismus, nach rationellen

Erklärungsgründen. Die alchemistische Praxis schien ihnen im Grunde

nur jene Idee zu bestätigen, welche ohnedies von den Naturphilosophen

ausgesprochen worden war: die Lehre von der Umwandlungsfähigkeit

der Elemente. ~Aristoteles mit seiner energetischen Naturauffassung,

mit seinen steten Hinweisen auf den Uebergang des Potentiellen ins

Aktuelle, hatte übrigens die überkommenen naturphilosophischen Ideen

in einer Weise ausgebaut, daß sie von den griechischen Alchemisten

geradezu als oberste Leitsätze ihrer Doktrin benützt werden

konnten.~ -- Von der alchemistischen Praxis während der römischen

Kaiserzeit bringen uns Kunde: der Papyrus von Leyden (stammt aus

dem 3. Jahrhundert n. Chr., wurde in Theben gefunden, besteht aus

ägyptischen, griechischen und zweisprachigen Handschriften), ferner

eine Reihe von griechischen Schriften (vgl. Berthelot Ruelle,

Collection des anciens alchymistes grecs, Paris 1889). Als Autoren

der alexandrinischen alchemistischen Schriften wurden entweder

der fabelhafte ~Hermes Trismegistos~ oder berühmte griechische

Naturphilosophen in Anspruch genommen, namentlich Demokrit, unter

dessen Namen das Buch Φυσικὰ καὶ Μυστικὰ ging (ein Fragment davon,

sowie eine lateinische Uebersetzung ist noch vorhanden). Zosimos von

Panopolis (3. Jahrhundert n. Chr.) nimmt in den von seinen zahlreichen

alchemistischen Werken erhaltenen Bruchstücken häufig Bezug auf die

genannte pseudodemokritische Schrift, Synesios von Ptolemais (4.

Jahrhundert n. Chr.) machte sie zum Gegenstand eines Kommentars,

den wir noch besitzen. Erwähnenswert ist auch der alchemistische

Schriftsteller Olympiodoros (Anfang des 5. Jahrhunderts). Der

religiöse Symbolismus durchsetzte allmählich auch die alchemistische

Praxis (Aineas von Gaza: Metallverwandlung ═ Auferstehung).

[53] Das Wort χημεία wird meist mit dem alten Namen Aegyptens χημι

(═ Schwarz) in Zusammenhang gebracht. Der Ausdruck Chemie

findet sich in dem Sinne für „Goldmacherkunst” (ἱερὰ τέχνη,

χρυσοποεία) zuerst in der astrologischen Schrift des Firmicus

Maternus (vgl. oben). Eine Hauptpflegestätte bestand im Tempel

zu Edfu, wo sich zu Ptolemäerzeiten ein Buch, betitelt „Die

Verrichtung jedes Geheimnisses des Laboratoriums”, vorfand.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 4 / 76 段