[36] Aristides, ein berühmter Rhetor des 2. Jahrhunderts, litt

durch ungefähr 13 Jahre an einem durch die mannigfachsten

Symptome (namentlich dyspeptische, suffokatorische Beschwerden,

Schlaflosigkeit, Krämpfe, psychische Störungen) gekennzeichneten

Krankheitszustand, zu dessen Behebung er in verschiedenen

Tempeln des Asklepios Heilung suchte und mit blindem

Vertrauen alle möglichen, rationellen und unsinnigen, Kuren

gebrauchte, die ihm der Gott in zahllosen Traumoffenbarungen

vorschrieb. Die nach der glücklichen Genesung(?) verfaßten,

noch erhaltenen „heiligen Reden” stützen sich auf Tagebücher,

die der Kranke mit kleinlicher Sorgfalt für die gewöhnlichsten

Dinge angelegt hatte, und gewähren uns einen interessanten

Einblick einerseits in das Seelenleben eines hochgebildeten,

aber höchst neuropathischen, krankhaft leichtgläubigen,

von Einbildungen, Visionen und Halluzinationen aller Art

geplagten Mannes, anderseits in den suggestiven Kurbetrieb der

Asklepieien. Mit jener charakteristischen Weitschweifigkeit

und Verworrenheit, die wir in den Aufzeichnungen solcher

Patienten stets beobachten, schildert Aristides die vielfachen

Verordnungen (diätetisches Regime, Bädergebrauch, Barfußgehen,

später Anleitung zur Beschäftigung; Blutentziehung, Abführ-,

Brechmittel, Klistiere, Einreibungen, Salben etc.) äußerst

genau, bis in alle Einzelheiten, wobei man den Eindruck gewinnt,

daß die Tempelärzte nicht selten ganz zweckmäßig handelten,

trotzdem ihnen die Sache durch die Schrullen und den immer

absurder werdenden Pietismus des Patienten sehr erschwert war.

Trotz seiner unsäglichen subjektiven Leiden glaubte Aristides

nämlich, zum Heilgott, als ein Auserwählter, in ganz besonders

naher Beziehung zu stehen und er wollte, wenn es auch noch

so unsinnig war, alles buchstäblich befolgen, was seinem

einseitig konzentrierten Denken in den unzähligen Inkubationen,

Sinnestäuschungen, Delirien als direkte Offenbarung imponierte.

Glücklicherweise fand sich bisweilen ein Ausweg durch die

priesterliche Interpretation der Traumgesichte oder durch

die Inkubationen, welche Freunde im Interesse des Patienten

angeblich vornahmen.

Mit welchem Erfolg unter solchen Umständen auf die Leichtgläubigkeit

der Masse von schlauen Betrügern spekuliert werden konnte, beweist

die von Lukian so plastisch geschilderte Abenteurerlaufbahn des

Lügenpropheten ~Alexandros von Abonuteichos~ (105-175), welcher

sich für einen direkten Abgesandten des Asklepios ausgab und nach

mancherlei Wundererscheinungen dem Gotte in seiner Vaterstadt eine,

bald von zahllosen Gläubigen besuchte, Orakelstätte errichtete; hier

sprach der Heilgott selbst, durch den Mund einer Schlange, und die

Fragenden empfingen die Antworten auf versiegelten Schreibtafeln.

Umgeben von einem Stab geschickter Helfershelfer und im Bunde mit

der benachbarten Priesterschaft, verstand es der Scharlatan, seine

Täuschung mehr als 20 Jahre hindurch aufrecht zu erhalten, nicht nur

unter dem Volke, sondern auch in den vornehmsten Kreisen begeisterte

Anhänger zu gewinnen und aus seinem großangelegten Unternehmen bis zu

seinem Tode regelmäßige reiche Einnahmen zu ziehen. Ganz besonders

kam dem Betrüger die Kleinmütigkeit zu gute, welche während der

Antoninischen Pest um sich griff, und die er klug auszunützen wußte;

herumwandernde Emissäre steigerten noch überall die Furcht vor

den kommenden Ereignissen, um die Amulette Alexanders vorteilhaft

verkaufen zu können, und fast über jeder Haustüre las man einen

von ihm in alle Länder geschickten albernen Vers, welcher lautete:

„Phöbus, dess' Haar ungeschoren, vertreibt das Gewölke der Krankheit.”

Am mächtigsten entfaltete sich die Giftblüte des medizinischen

Mystizismus stets in jenen traurigen Zeiten, in denen verheerende

Seuchen, aller menschlichen Vorkehrungen, aller ärztlichen Hilfe

spottend, ihre Opfer forderten und weithin Angst und Entsetzen,

Jammer und Elend trugen. In der Nacht der Verzweiflung lockt dann

unwiderstehlich, als einziger Hoffnungsschimmer, das Irrlicht der

übernatürlichen Mittel.

Das römische Reich wurde in der Zeitperiode von 170-270 n. Chr. von

schweren und langandauernden Epidemien heimgesucht (Pest des Antonin,

Pest des Cyprian), wobei noch überdies ungewöhnliche Naturerscheinungen

(Ueberschwemmungen, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Kometen) die durch

mörderische Kriege und Hungersnot hart mitgenommene Bevölkerung

in größten Schrecken versetzten. Kann es unter solchen Umständen

verwundern, wenn man gegen die maßlosen Leiden nur noch von höheren,

überirdischen Gewalten Rettung erhoffte, wenn die Heilkunst beinahe den

Händen der Aerzte entglitt, um dafür von ~Beschwörern~, ~Zauberern~,

~Priestern~ aufgegriffen zu werden?

Aber so bedeutungsvoll diese äußeren Ereignisse gewesen, so setzten

sie doch, um zur vollen Wirkung gelangen zu können, bereits eine

tiefwurzelnde Empfänglichkeit für medizinische Wunder voraus, und

namentlich die überraschend große Leichtgläubigkeit in den gebildeten

Kreisen bliebe unverständlich, wenn nicht der allgemein und lange

vorher verbreitete, alle Gebiete beherrschende ~Wunderglaube~, die

mächtig anschwellende ~religiöse Bewegung~, die ~mystische Richtung

der Philosophie~ den Schlüssel zur Erklärung bieten würde.

Das römische Volk war bekanntlich von Hause aus ganz besonders

abergläubisch, die Griechen gerieten seit ihrer innigen Berührung mit

dem Orient immer tiefer in die Netze des Wunderglaubens. Während sich

in der klassischen Epoche wenigstens die geistige Elite gegenüber den

Auswüchsen der Volksreligion und der morgenländischen Phantasie kühl

ablehnend verhielt, macht sich seit dem Ausgang des 1. Jahrhunderts

in der hellenisch-römischen Literatur eine bedeutende Wandlung

bemerkbar, und wir gewahren zu unserer Ueberraschung, daß nicht bloß

die wissenschaftlich dilettierende vornehme Welt[37], sondern sogar

die gelehrtesten, geistvollsten Männer, allerdings in verschiedenem

Grade, den abenteuerlichsten Wundergeschichten über merkwürdige

Naturereignisse, Vorzeichen, Traumeingebungen[38], Prophezeiungen,

Sterndeuterei, Zauberhandlungen, Gespenstererscheinungen etc. Glauben

schenken und Dinge verteidigen, deren Unmöglichkeit sofort in die

Augen springt. Wir wollen uns gar nicht auf die Uebertreibungen

des Lukian stützen -- es sei nur darauf verwiesen, daß in den

wertvollen Schriften eines Pausanias, Sueton, Cassius Dio u. a.

überzeugungsvoll von Prodigien und Geisterscheinungen gesprochen wird,

daß die „Attischen Nächte” des Gellius, die „Geschichte der Tiere”

des Aelian, die „Tischgespräche” des Plutarch, die alexandrinischen

Mirabiliensammlungen von den lächerlichsten Wundermären geradezu

strotzen, ohne daß die Erzähler auch nur leise Zweifel darüber hegen.

[37] Von den meisten römischen Kaisern werden mystische Neigungen

berichtet. Augustus, Marc Aurel, Severus u. a. legten auf

Traumauslegung viel Gewicht, Tiberius glaubte fest an die

Astrologie, Nero, Caracalla u. a. Imperatoren ließen sich in

die Magie einweihen, selbst der geistvolle Hadrian war der

Sterndeuterei ergeben und betrieb die Künste der orientalischen

Mantik.

[38] Träume spielten im Leben der bedeutendsten Männer eine

große Rolle (vgl. auch die Lebensgeschichte Galens Bd. I,

S. 354-355). Im 2. Jahrhundert verfaßte ~Artemidoros~ aus

Ephesos auf Grund der nicht unbeträchtlichen Vorarbeiten in der

Alexandrinerzeit (Sammlungen von bewährten Traumauslegungen)

ein zusammenfassendes, noch erhaltenes Werk Ονειροκρίτικα

in 5 Büchern, welches sich des höchsten Ansehens erfreute.

Bemerkenswerterweise spielt bei der Deutung der Träume neben

der Allegorie auch die Zahlenspielerei eine Rolle, indem Wörter,

deren als Zahlzeichen betrachtete Buchstaben die gleiche Summe

ergeben, für einander eintreten konnten.

Aberglauben ist aber ein relativer Begriff, der den Gegensatz zur

herrschenden Naturanschauung in sich schließt. Bei unserem Urteil

über den Wunderglauben der alten Autoren dürfen wir daher keinesfalls

den Maßstab der modernen Naturauffassung anlegen, welche auf der

Voraussetzung eines unabänderlichen mechanischen Kausalnexus beruht,

sondern ~wir müssen berücksichtigen, daß der antike Mensch die

Möglichkeit des unmittelbaren Eingreifens überirdischer Gewalten

nicht ausschloß und überall geheimnisvolle, nicht näher ergründbare

Wechselbeziehungen der Dinge (Lehre von der Sympathie) annahm~. Was uns

als ~undenkbarer~ Bruch der Naturordnung erscheint, war der Mehrzahl

der antiken Denker bloß ein ~ungewöhnliches~ Phänomen. So konnte es

kommen, daß selbst ein Mann wie Plinius, welcher der Volksreligion

ganz ferne stand und Gott mit der Natur identifizierte, eine Unzahl

von Dingen anführt, die wir von unserem Standpunkte in den Bereich des

tollsten Aberglaubens verweisen, ohne daß wir deshalb streng genommen

berechtigt sind, den von unstillbarem Wissenstrieb beseelten Römer, im

~Sinne seiner~ Zeit, abergläubisch zu nennen. Tadelnswert bleibt nur

jene Art der antiken Naturforschung, welche ohne wirkliche Nachprüfung

einfach all dasjenige als erwiesen betrachtete, was eine größere Zahl

von Beobachtern durch naive Sinneseindrücke angeblich erfahren haben

wollte. Da mit durchaus mangelhaften Kriterien der Wahrheit gearbeitet

wurde, konnte freilich auf die Dauer der Irrweg ins Gestrüpp des

Volksglaubens und der Mystik nicht vermieden werden!

Trotzdem im Altertum einzelne Gebiete der Naturwissenschaft

(Astronomie, Optik, Mechanik) in mathematischem Geiste bearbeitet,

trotzdem von hervorragenden Denkern mechanische Grundgesetze klar

formuliert wurden, stützte sich doch die Naturauffassung im großen

und ganzen nur zum geringsten Teile auf wirklich deutlich erfaßte

mechanische Begriffe[39]. Den schärfsten Ausdruck findet diese

Tatsache darin, daß ganze Reihen von Naturvorgängen auf das Walten

der ~Sympathie~ resp. Antipathie zurückgeführt wurden, ~d. h. auf

eine nicht weiter erklärbare Wechselbeziehung der Dinge im Kosmos~.

Die Lehre von der ~συμπάθεια τῶν ὅλων~ wuchs aus der Beobachtung

reeller Fernwirkungen (z. B. Einfluß des Mondes auf Ebbe und Flut,

Zusammenhang des Aufgangs und Untergangs gewisser Gestirne mit

atmosphärischen Veränderungen) oder mechanisch nicht verständlicher

Phänomene (z. B. Anziehung des Eisens durch den Magnet) hervor und

nahm allmählich die Stelle eines •obersten Naturgesetzes• ein, unter

dem die mannigfachsten Erscheinungen zusammengefaßt werden konnten.

War es schon von Nachteil, daß diese Lehre den Kausaltrieb durch den

Hinweis auf die Unerforschlichkeit der zu Grunde liegenden Naturkraft

einschläferte, so wurde es geradezu verhängnisvoll, daß sie durch

Hypostasierung einer unbegrenzten Möglichkeit geheimer Zusammenhänge

jede kritische Untersuchung der angeblichen Fakten einfach lähmte.

Im magischen Dämmerlichte einer okkulten Wechselbeziehung der

Naturkörper konnten nicht bloß die absurdesten Gelehrtenmärchen (z.

B. die Fabel vom Schildfisch Echeneis, der Schiffe aufhalten könne)

glaubhaft erscheinen, sondern auch alle Formen der Mantik, Magie und

Wundermedizin gerechtfertigt werden[40].

[39] Am meisten tritt dies in der Technik zu Tage, welche zu

den künstlerischen Leistungen im Mißverhältnis stand. Das

quantitative Denken wurde bloß auf einem sehr eng begrenzten

Gebiete zur Geltung gebracht. -- Die Philosophie wirkte bei

ihrer Machtstellung wenigstens in nacharistotelischer Zeit

nicht günstig ein, da ihre Begriffsmühlen zwar aufs feinste

arbeiteten, aber wegen des zu geringen Forschungsmaterials

leer gingen; auch der stark ethisierende Zug, welcher

naturwissenschaftliche Kenntnisse nur so weit erforderlich

hielt, als dadurch zur sittlichen Vollkommenheit beigetragen

werde (Seneca, Epiktet), hemmte die freie, voraussetzungslose

kritische Forschung.

[40] Ein Analogon hierzu bildet auf medizinischem Gebiete die

Lehre von den spezifischen Kräften der Substanz (Körperteile,

Heilmittel), vgl. Bd. I, S. 372 u. 398. Durch die Theorie von

den nicht weiter ergründbaren „~Kräften der ganzen Substanz~”

wurde nicht nur die reale Forschung eingelullt, sondern auch

dem Glauben an zauberhafte, übernatürliche Wirkungen der

Wundermittel Tür und Tor geöffnet.

Sympathie und Antipathie (Zuneigung und Abneigung, Liebe und Haß

═ ~Anthropomorphismen für Anziehung und Abstoßung, fördernde oder

hemmende Wirkung~) erscheinen wenn auch nicht dem Worte, so doch

dem Wesen nach als kosmische Triebkräfte in der althellenischen

Naturphilosophie (Heraklit, Empedokles); von späteren gebraucht

zuerst in ausgedehnterer Weise Theophrast das Wort Sympathie im Sinne

einer ~geheimnisvollen Naturwirkung~, z. B. wenn er vom Treiben der

Pflanzen zu einer bestimmten Jahreszeit, von der Farbenanpassung

gewisser Tiere an die Umgebung, von der Koinzidenz der Rebenblüte

und der Weingärung etc. spricht. Bei den Hippokratikern hat der

Begriff „Sympathie” -- anknüpfend an die Beobachtung am Krankenbette

-- die Bedeutung von Wechselbeziehung der Körperteile zueinander,

und bei ihnen entwickelt sich daraus der Begriff des Organismus,

d. h. eines solchen Körpers, dessen einzelne Teile gegenseitig von

einander affiziert werden (De alimento, 23: Ξύῤῥοια μία, ξύμπνοια

μία, ξυμπαθέα πάντα). Gerade an den Begriff des Organismus, mit dem

Charakteristikum des durchgängigen Zusammenhangs aller seiner Teile,

knüpften die ~Stoiker~ an, und ihnen vornehmlich ist der Ausbau

der Lehre von der ~συμπάθεια τῶν ὅλων~ zuzuschreiben. Die stoische

Metaphysik (vgl. Bd. I, S. 328) erforderte nämlich den Beweis, daß

die Welt ein ζῷον, ein Organismus sei; ein solcher Beweis konnte aber

nur erbracht werden, wenn man den gesetzmäßigen Zusammenhang gewisser

Erscheinungen, das Zusammentreffen gewisser Vorgänge aufdeckte. Die

bekannten kosmisch-tellurischen Parallelerscheinungen (Sonnenstand

-- Klima -- Jahreszeit -- Vegetation, Mondeinfluß -- Meeresbewegung

u. a.) waren wohl rationelle Argumente, welche die Sympathie im

Kosmos wahrscheinlich machten; um aber die Lehre zur Evidenz zu

erheben, bedurfte es eines viel umfangreicheren Materials, das damals

freilich nur auf Kosten der Rationalität, durch kritiklose Anerkennung

angeblich gemachter Beobachtungen aufgebracht werden konnte. ~Das

Kriterium der Wahrheit suchten die Stoiker ohnedies -- zum Schaden

der strengen Wissenschaft -- in den κοιναὶ ἔννοιαι, in der consentiens

hominum auctoritas, wodurch jede „Erfahrung” beweiskräftig erschien,

wenn sie nur von vielen Menschen übereinstimmend gemacht worden war.~

Durch Anerkennung solcher unkritischer Beobachtungen ließ sich aber

nicht nur der theoretische Gedanke der organischen Einheit der Welt

illustrieren, sondern unter der vorausgesetzten geheimnisvollen,

alles vermögenden Naturkraft „Sympathie” war es ein leichtes, die

praktische Tendenz der stoischen Schule zu verwirklichen: ~die

künstliche Rationalisierung des Irrationellen~, die sozusagen

naturwissenschaftliche Rechtfertigung des Volksglaubens[41] an die

Mantik[42], an die Traumdeutung, an die Wundermittel.

[41] Sehr bald nach der sophistischen Aufklärungsperiode machte

sich als Reaktion das Streben geltend, den Volksanschauungen

entgegenzukommen und in ihnen die Ergebnisse der philosophischen

Spekulation vorgebildet zu finden.

[42] Schon Poseidonios, der Freund Ciceros, schrieb über Mantik,

auch wurde ihm ein Buch über das Wahrsagen aus dem Zucken der

Körperglieder zugeschrieben.

Wichtig ist es, daß die Stoiker, wenigstens der älteren Zeit,

unter Sympathie das ~naturgemäße~ Zusammentreffen gewisser

Vorgänge verstanden wissen wollten. Aehnlich den Priestern der

orientalischen Völker, deren Korrespondenzlehre (vgl. Bd. I, S.

22) sich mit der συμπάθεια τῶν ὅλων in praxi deckt, legten auch

die stoischen Philosophen reiche Sammlungen von Aufzeichnungen

über mannigfache Beobachtungen an (über wunderbare Heilwirkungen

durch Besprechung oder Amulette, über erfüllte Träume und Orakel),

wobei sie leichtgläubig hinnahmen, was nur einigermaßen für

die συμπάθεια φύσεως ═ cognatio naturae zu sprechen schien. Wie

viel unklare oder ganz falsche „Erfahrungen” solcherart in die

„Naturforschung” eingeschmuggelt wurden, wie auch der tollste

Aberglaube in ein pseudowissenschaftliches Gewand gekleidet worden

ist -- ersieht man aus der antiken Literatur, die sich auf stoische

Memorabiliensammlungen oder pseudonyme alexandrinische Machwerke

stützte. Von Schriften, die ausschließlich von der Sympathie handeln,

kommt in Betracht z. B. das Fragment des Pseudodemokrit (zusammen

mit der Schrift des Nepualios, ed. W. Gemoll, Gymnasialprogr.

1884), die dem Zoroaster zugeschriebene Sammlung von Sympathien

und Antipathien (bildet das 15. Kapitel der Geoponika des Cassianus

Bassus), die Schrift des Aelius Promotus φυσικὰ καὶ ἀντιπαθητίκα u. a.

Außerdem aber handeln manche philosophische, naturwissenschaftliche,

medizinische und landwirtschaftliche Werke davon. Unter denselben

hat die Naturgeschichte des Plinius wegen ihres fortdauernden

Einflusses die größte Bedeutung. In dieser wimmelt es geradezu

von „Sympathien” aller Art, namentlich vom 20. Buche angefangen.

Durch Sympathie oder Antipathie werden von Plinius die Wirkungen

der Gestirne (auf die Atmosphäre, die Erde und die Organismen),

die Wechselbeziehungen zwischen Tieren und Pflanzen, die Anziehung

des Eisens durch den Magnet, die Wirkung der elektrischen Schläge

des Zitterrochens und zahllose andere Erscheinungen erklärt, welche

damals einer naturwissenschaftlichen Analyse unzugänglich waren oder

in den Bereich der Suggestion oder des Aberglaubens gehören; dahin

zählen auch alle Arten der magischen Heilkunde, wie das Besprechen,

gewisse symbolische Heilgebräuche, die Schutzwirkung der Amulette, die

Heilkraft der Steine, Kräuter oder gewisser animalischer Volksmittel.

Fehlte es auch später -- wie man z. B. aus Plutarch ersehen kann --

nicht an Versuchen, manchen durch die Sympathielehre eingeschmuggelten

Aberglauben auszuscheiden, oder statt der geheimen Naturkraft mehr

sinnliche Entstehungsgründe (z. B. materielle Ausströmungen, ἀπορροαί)

aufzusuchen -- die überwiegende Mehrzahl unklarer Fakten oder

superstitiöser Dinge wurde doch ohne kritische Nachprüfung fürderhin

festgehalten, und durchseucht vom Begriffe der Sympathie, büßte die

Naturbetrachtung nahezu gänzlich das Vermögen ein, Tatsächliches von

den Gebilden der Einbildungskraft scheiden zu können.

Die Stoiker hatten, wie oben schon hervorgehoben wurde, unter

Sympathie ursprünglich den naturgemäßen Zusammenhang der Dinge

verstanden. Da sie und ihre Nachfolger aber in praxi unter diesem

Begriff immer mehr für das rationelle Denken unverständliche,

das menschliche Fassungsvermögen übersteigende Erscheinungen

subsumierten, so wurde „Sympathie” allmählich identisch mit geheimer,

unerforschlicher Naturkraft und das Sympathetische deckte sich nahezu

mit dem Magischen. ~Die ganze Verworrenheit der Naturanschauung

kommt darin zum Ausdruck, daß das Wort physicum in der Medizin

allmählich den Sinn des Sympathetischen, Magischen, im Gegensatz zum

wissenschaftlich Erklärbaren erhält, daß man unter φυσικά nicht die

rationellen Heilmittel, sondern gerade umgekehrt~ die •Wundermittel•

~verstand!~ Die Entstehung dieses Widersinnes zeigt sich bei Plinius,

der seine Aufzählung von Wundermitteln damit begründet, ~quoniam in

his naturam esse apparet~ (wobei eben an eine geheime, rationell

nicht bestimmbare Naturwirkung gedacht ist), und diese angewendet

wissen will, wo die Heilmittel der wissenschaftlichen Medizin (also

die natürlichen Mittel in unserem Sinne) im Stiche lassen. So sagt

er (XXX, 98): in quartanis medicina clinica propemodum nihil pollet.

Quamobrem plura eorum remedia (Wundermittel) ponemus, primumque ea

quae adalligari jubent (Amulette). Ebenso gebraucht ~Aelius Promotus~

das Wort φυσικά im Gegensatz zu den Mitteln der rationellen Medizin;

am Schlusse des Vorworts zu seinem Werke über Heilmittel Δυναμερόν

(C. G. Kühn in Additamenta ad Fabricii elenchum medicorum vet. I,

Leipzig 1826) kündigt er als zweiten Teil seines Heilmittelbuches

eine Sammlung von Mitteln an, welche φυσικῶς καὶ ἀφράστω τινὶ αἰτίᾳ

καὶ δύναμει wirken, d. h. Wundermittel.

~So brachte es die Wandlung des Begriffes Sympathie mit sich, daß

man endlich den ganzen Naturzusammenhang, die συμπάθεια τῶν ὅλων

als magischen (nicht durch physikalische Zwischenursachen bedingten)

betrachtete, womit jede eigentliche Naturforschung aufgehoben war.~

Dieses Endglied einer unheilvollen Entwicklungskette repräsentiert

die ~Naturbetrachtung des Neuplatonismus~, in welcher die Grenze

zwischen dem Natürlichen und dem Magischen ganz verschwindet.

Der Wunderglaube der alternden römisch-hellenischen Welt ist der beste

Gradmesser für die intensive religiöse Bewegung, welche am Ausgang

des ersten nachchristlichen Jahrhunderts erwachte und, genährt aus

den Adern orientalischen Geistes, in der Folgezeit stetig anwuchs, um

schließlich dem Christentum den Weg zu ebnen.

In der großen, über das Irdische hinausschweifenden, Sehnsucht floß

Mannigfaches seltsam zusammen: die in den Tiefen der Urzeit wurzelnde

metaphysische Volksempfindung und die in ihrem Bewußtsein geknickte

philosophische Abstraktion, der von den staatlichen und sozialen

Verhältnissen unbefriedigte, in ethischen Strebungen aufgehende

Individualismus und der nach mystischer Offenbarung lechzende

Erkenntnisdrang.

Wie die medizinische Literatur der klassischen Antike den

kontinuierlichen Fortbestand der Volksmedizin verschleiert, so erweckt

auch das Schrifttum des letzten vorchristlichen und des ersten

nachchristlichen Jahrhunderts beinahe den Anschein, als ob weite

Schichten des Volkes von religiöser Indifferenz oder gar Unglauben

ergriffen gewesen wären; die erhaltenen Denkmalinschriften verraten

aber durchaus nichts von einer Auflösung des alten Götterglaubens.

Freilich war die Religion Latiums wenig geeignet, heiße Inbrunst

zu erwecken, und das Ansehen des griechischen Orakelwesens litt

eine Zeitlang dadurch, daß sich die römische Suprematie auch in

der Bevorzugung ihres nationalen Kults äußerte. In den Kreisen

der Gebildeten machten sich wohl pantheistische, monotheistische

und selbst atheistische Strömungen geltend, welche aber nur

ausnahmsweise -- wie bei Lucretius -- zu einem wirklichen Haß

gegen den herkömmlichen Götterglauben führten. Man brachte für die

Erhaltung desselben wenigstens politische Gründe in Anschlag, wenn

die rationalistischen Versuche, die Mythologie vor der Vernunft

zu rechtfertigen (Stoiker), fehlschlugen. Unleugbar ist es aber

anderseits, daß sich seit dem Ende des ersten nachchristlichen

Jahrhunderts eine unvergleichlich regere religiöse Bewegung verfolgen

läßt, welche nicht allein den Polytheismus verjüngte, sondern

demselben auch unter den Gebildeten eine stark anwachsende und

überzeugte Anhängerschaft erwarb.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 3 / 76 段