des Berufes züchtete begreiflicherweise eine Scharlatanerie, der sich
selbst die ehrenwertesten Mitglieder des Standes im Kampfe ums Dasein
nicht gänzlich zu entziehen vermochten, und wir sehen in jenen Zeiten
alle Formen der Reklame vertreten, von der theatralischen Ausführung
der Operationen vor einer Menge von Zuschauern und der Abhaltung
populärer Vorträge herab bis zur marktschreierischen Anpreisung von
Heilmitteln (namentlich Geheimmitteln)[20], ja bis zum Hereinrufen
der Patienten in die ärztlichen Buden; gerade die Unwissendsten
staffierten ihre Lokale am glänzendsten aus (mit elfenbeinernen
Büchsen, silbernen Schröpfköpfen, Messern mit vergoldeten Griffen),
um sich einen möglichst großen Nimbus zu geben. Der Unfug, bei den
unbedeutendsten Fällen wichtig zu tun, sofort beim Eintritt ins
Krankenzimmer eine überflüssige Geschäftigkeit zu entfalten, die
Kollegen herabzusetzen, um das eigene Wissen vor dem Publikum in
das hellste Licht zu setzen, war sehr verbreitet, und manche Aerzte
erniedrigten den ganzen Stand durch Streitigkeiten unter sich, durch
rohes Benehmen oder aber durch sklavische Kriecherei und schmähliches
Entgegenkommen für jede Laune der (reichen) Kranken.
[20] Gerade ~der Verkauf von Medikamenten~ durch die Aerzte selbst
-- ein Geschäft, das einzelne möglichst einträglich zu machen
verstanden -- ~wirkte in hohem Maße depravierend auf die
Standesethik~ (aus Gründen, die keiner besonderen Darlegung
bedürfen) und artete teilweise in Geheimmittelschwindel aus.
Die oft unnützerweise höchst kompliziert zusammengesetzten,
kostspieligen Medikamente -- berechnet auf die Leichtgläubigkeit
der vermögenden Klassen -- wurden in Gefäßen verwahrt, auf denen
der Name des Mittels und seines Erfinders, die Krankheit, gegen
die es verordnet wurde und die Gebrauchsweise zu lesen war;
bisweilen wurde sogar angeführt, bei welchem namhaften Patienten
das Mittel Erfolg gehabt hatte. Pompöse Arzneibezeichnungen,
z. B. Ambrosia, Phosphorus, Isis, Anicetum u. s. w., wirkten
selbstredend suggestiv, und manche Aerzte suchten in der
Erfindung von allerlei geheimgehaltenen Arzneikompositionen
ihren Ruhm und ihre Einnahmsquelle; insbesondere fanden
Abortiva, Gegengifte und Kosmetika starken Absatz. Galen
nennt eine Reihe von solchen Medikamentenerfindern, unter
denen z. B. der Arzt ~Paccius Antiochus~ oft erwähnt ist.
Dieser besaß, wie Scribonius Largus erzählt, eine „compositio
mirifica” gegen Brustschmerz, deren Zusammensetzung er keinem
anvertraute, er bereitete sie bei verschlossenen Türen und ließ
von seinen Gehilfen, um sie zu täuschen, mehr Ingredienzien,
als erforderlich waren, verreiben. Durch Rezepte, die in
symbolischen Ausdrücken abgefaßt waren, wurde nicht bloß das
Geheimnis der Zubereitung gesichert, sondern auch der lukrative
Mystizismus noch gesteigert.
Der Niedergang des ärztlichen Standes weckte den Spott der Satiriker
und die Verachtung gelehrter Nichtärzte[21], ja aus seiner Mitte
selbst erhoben sich schwere Anklagen[22], und wenn auch gewiß manches
übertrieben oder zu sehr generalisiert ist, wenn sich auch vieles
durch die Sitten der entarteten Zeitepoche entschuldigen läßt --
das Uebel saß tief, ~entwurzelte das Vertrauen zur Berufsmedizin und
förderte das Emporkommen der Volksmedizin~, wie die Folgezeit lehrt.
[21] Martial, Juvenal werfen den Aerzten Scharlatanerie und allerlei
Verbrechen vor, Plinius beschuldigt sie, die allgemeine
Verweichlichung und Sittenverderbnis hervorgerufen zu haben,
und an vielen Stellen seiner Naturgeschichte erhebt er wahre
Brandreden gegen die Aerzte. Selbst Kaiser Hadrian gesellte sich
zu jenen, welche ihre Verachtung der Medizin in Schmähschriften
kundgaben.
[22] So sagt schon Scribonius Largus: „Gar manche Aerzte sind nicht
bloß unbekannt mit den alten Schriftstellern, sondern sie wagen
es sogar, ihnen Falsches in den Mund zu legen. ... Jeder hat
vor allem das im Auge, was ihm ohne Arbeit zufallen kann und
dennoch Ansehen und Gewinn in Aussicht stellt. Somit betreibt
ein jeder die Heilkunde nach seinem Belieben.” Ueber den mehr
oder minder berechtigten Tadel Galens vgl. Bd. I, S. 358. Um
die niedrige Habsucht seiner Kollegen in Rom zu geißeln, bricht
der Pergamener in die bitteren Worte aus: „Zwischen Räubern und
Aerzten ist kein anderer Unterschied, als daß jene im Gebirge,
diese in Rom ihre Missetaten begehen.”
Es verdient besondere Beachtung, daß der Niedergang der
wissenschaftlichen Medizin gerade in jener Epoche eintrat, in der
das ~Interesse der Laien~ für die Heilkunde den Kulminationspunkt
erreichte, und die regste Anteilnahme an medizinischen Fragen in allen
Schichten der Gesellschaft zu finden war.
Kenntnis der Heilkunde verlangte schon Varro von den Gebildeten.
Gellius (vgl. Bd. I, S. 310) sagt, daß es nicht bloß für den Arzt,
sondern für jeden selbständigen Menschen, der eine gute Erziehung
genossen habe, eine Schande sei, wenn er nicht über die Dinge, die den
menschlichen Körper betreffen, Bescheid wisse und die Mittel kenne,
welche zur Erhaltung der Gesundheit dienen. Nach Plutarch solle jeder
seinen Puls kennen und jeder müsse wissen, was ihm schädlich oder
nützlich sei. Athenaios empfahl geradezu, die Medizin zum Gegenstand
des allgemeinen Unterrichts zu machen, da in jedem Berufe eine
Kenntnis der Heilkunde nötig wäre und jeder Mensch auch Arzt sein
müßte.
Begreiflicherweise kam das Interesse der Laien vorzugsweise in der
Medikamentensucht zum Ausdruck. Diese beförderte den Empirismus aufs
kräftigste, denn die Aerzte, buhlend um die Gunst der Reichen, warfen
nur allzubald die hippokratischen Grundsätze über Bord. Während
Pathologie und Diagnostik immer mehr vernachlässigt wurden, richtete
man auf die Bezugsquelle, die komplizierte Komposition, die gefällige
Ausstattung der Arzneien das Hauptaugenmerk, und die ~Rezeptbücher~
erlangten die ~hervorragendste Stelle in der ärztlichen Literatur~.
Nicht der wirkliche medizinische Wert, sondern die fremdländische
Herkunft, die Kostspieligkeit, die Seltenheit gab den Ausschlag für
den Rang, welchen das Heilmittel im Heilschatze einnahm. Gegen eine
solche Art von medizinischer Praxis, welche nur dem Luxus der Reichen
angemessen war, erhob sich natürlich alsbald das Streben, einfache
leicht zu beschaffende Hausmittel einzuführen, und in dem Verhältnis,
als das Vertrauen zur offiziellen Medizin sank, gelangte die lang
zurückgedrängte •Volksmedizin• nach und nach auch in den höheren
Schichten zu erneutem Ansehen.
So wie sich damals die verschiedenartigsten Religionsvorstellungen
der gräko-italischen und orientalischen Kultur zu einem Ganzen
mengten, erwuchs auch die Volksmedizin zu einem synkretistischen
Gemisch der einheimischen und der viel zahlreicheren Heilgebräuche
des Ostens, welche in überquellender Fülle durch Sklaven, Soldaten,
Handwerker, Kaufleute, Quacksalber überall hin verbreitet wurden
und zum großen Teile aus der uralten babylonisch-ägyptischen
Priestermedizin herstammten. Eine literarische Sammelstätte fand die
bunt zusammengesetzte Volksmedizin zuerst in der „Naturgeschichte”
des älteren Plinius, jenes grimmigen Aerztefeindes, welcher den mit
Aberglauben dicht durchsetzten Empirismus geradezu als eine notwendige
Ergänzung der oft versagenden „medicina clinice” betrachtete und diese
Anschauung umso siegesgewisser aussprechen durfte, als das Wesen
der wissenschaftlichen Heilkunde in Rom stets etwas Fremdartiges,
Unverstandenes geblieben war und wie etwas Divinatorisches angestaunt
wurde.
~Von verhängnisvoller Bedeutung aber wurde es, daß sogar ärztliche
Autoren dem volksmedizinischen Aberglauben in der Fachliteratur
einen ungebührlich großen Platz einräumten~ und ihn dadurch mit ihrer
wissenschaftlichen Autorität deckten, wie schon ~Scribonius Largus~,
welcher in seinem Rezeptbuche manche abenteuerliche Volksmittel
ernsthaft anriet, oder ~Archigenes~, der bei gewissen Krankheiten die
Anwendung von Amuletten empfahl[23]. Was der freigesinnte Geist des
hippokratischen Zeitalters für immer ausgejätet zu haben schien, das
Unkraut des medizinischen Mystizismus, schoß wieder mächtig empor und
begann das edle Saatgut der Aufklärung zu überwuchern, da die in der
Kaiserzeit besonders blühende Schule der Empiriker jedwedem angeblichen
Heilmittel kritiklos Eingang gewährte[24].
[23] Dioskurides führt, ohne die Verantwortung dafür zu übernehmen,
manche abergläubische Mittel bloß den Lesern zuliebe an. Galen
tritt im allgemeinen dem Gebrauch von abergläubischen Mitteln
entgegen (vgl. Bd. I, S. 397).
[24] Der wahrscheinlich dem 2. Jahrhundert n. Chr. angehörende
~Ailios Promotos~ schrieb (noch handschriftlich erhaltene) Werke
über sympathetische Heilmittel. Vollkommen frei vom Mystizismus
waren aber nur die Hauptvertreter der methodischen Schule.
Namentlich die spätrömische medizinische Literatur überlieferte,
soweit sie Selbständigkeit besitzt, volksmedizinische Gebräuche mit
einer Sorgfalt, welche wohl einer besseren Sache würdig gewesen wäre.
Umso erfreulicher ist es daher, daß doch auch den düstersten Zeiten
Vertreter der nüchternen, wissenschaftlichen Heilkunde niemals gänzlich
fehlten, und mag auch das beste, was sie leisteten, selten in neuen
Errungenschaften, zumeist bloß in der Erhaltung der antiken Tradition
bestanden haben, -- allzu niedrig darf man ihre Leistung nicht
einschätzen, wenn man sich nur einigermaßen in das Milieu versetzt, in
welchem die Aerzte am Ausgang des Altertums zu wirken gezwungen waren!
Dieses Milieu charakterisierte sich unter anderem durch einen
ausgesprochenen •Hang zur magischen und priesterlichen Heilkunst•.
Es wäre ein gewaltiger Irrtum, wollte man glauben, daß die rationelle
Heilkunde die priesterliche und die magische Medizin jemals zum
Verschwinden gebracht hätte, wie es die ärztliche Literatur der
hellenischen Blütezeit vortäuscht -- der aus grauer Vergangenheit
fortgepflanzte naive Empirismus der Volkstradition, nicht minder ~die
medizinische Thaumaturgie~, sie konnten stets auf Anhänger zählen,
da die wahre Kultur doch immer nur eine recht dünne Schichte bildet
und die Kluft zwischen Gelehrten und Volk im Altertum noch größer
war als in der Gegenwart. Während aber in Althellas ein Aristophanes
den Wunderbetrieb der Asklepiostempel auf offener Bühne verhöhnen
durfte, weil bloß die niedere Menge mit ganzem Herzen dem Aberglauben
anhing, war schon in der Epoche der Diadochen der Widerstand der
Gebildeten merklich erlahmt, um schließlich während der römischen
Kaiserzeit völlig zu versiegen. Stand anfangs die stärker suggestiv
wirkende Wundermedizin des Orients im Vordergrunde, so trieb doch
die Zeitströmung allmählich auch den einheimischen Mystizismus an
die Oberfläche und brachte namentlich den früher belächelten, von den
höheren Schichten gemiedenen Tempelspuk der Asklepieien zu ungeahnt
großem Ansehen in allen Kreisen. Die unter den traurigen allgemeinen
Verhältnissen beständig anwachsende Sehnsucht nach Heil, gepaart mit
einer seltsamen Stimmung fürs Wunderbare, konzentrierte schließlich
das religiöse Empfinden in ganz besonderem Grade auf Asklepios und
erwartete von ihm Erlösung nicht nur von den körperlichen, sondern
auch von allen sonstigen Uebeln.
Der medizinische Wunderglaube erlangte in der römischen Kaiserzeit
geradezu kolossale Dimensionen, hauptsächlich unter dem Einflusse
orientalischer Magier, Zauberer, Priester, Exorzisten[25], welche
die im Volke stets wurzelnde dämonistische Krankheitsauffassung
nährten und verbreiteten. Späterhin gegen den Unfug erlassene
Gesetzesbestimmungen (Caracalla, Diokletian, christliche Kaiser)
vermochten die Hochflut des Aberglaubens nicht einzudämmen.
[25] Als solche fungierten namentlich Aegypter und Juden. Neben
der ägyptischen Magie steht nämlich die jüdische in der
hellenistisch-römischen Zeit gleichberechtigt da, wie sich
aus den erhaltenen (ägyptischen) Zauberformeln (Vorkommen
der Namen Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Engel, Salomos u.
a.) ergibt. Die medizinische Magie der Juden leitete sich von
Salomo ab; von der Tätigkeit jüdischer Exorzisten überliefert
Josephus Flavius (Antiq. VIII, 2, 5) folgendes Beispiel: „Diese
Heilkunst (Beschwörung) gilt auch jetzt noch viel bei uns. Ich
habe z. B. gesehen, wie einer der unseren, Eleazar mit Namen,
in Gegenwart des Vespasianus, seiner Söhne, der Obersten und
der übrigen Krieger die von bösen Geistern Besessenen davon
befreite. Die Heilung geschah in folgender Weise. Er hielt
unter die Nase des Besessenen einen Ring, in dem eine von den
Wurzeln eingeschlossen war, welche Salomon angegeben hatte,
ließ den Kranken daran riechen und zog so den bösen Geist durch
die Nase heraus. Der Besessene fiel sogleich zusammen, und
Eleazar beschwor dann den Geist, indem er den Namen Salomons
und die von ihm verfaßten Sprüche hersagte, nie mehr in den
Menschen zurückzukehren. Um aber den Anwesenden zu beweisen,
daß er wirklich solche Gewalt besitze, stellte Eleazar nicht
weit davon einen mit Wasser gefüllten Becher auf und befahl dem
bösen Geiste, beim Ausfahren aus dem Menschen diesen umzustoßen
und so die Zuschauer davon zu überzeugen, daß er den Menschen
verlassen habe. Das geschah auch in der Tat.”
Die Hauptmittel der ~magischen Therapie~ waren Zauberformeln
(Besprechen, Beschwören), Amulette, mystische Prozeduren und
Sympathiemittel. Was die Zaubersprüche anlangt, so erfreuten sich
neben gewissen altehrwürdigen einheimischen Formeln[26] solche des
höchsten Ansehens, welche orientalische (ägyptische, babylonische,
persische) Worte enthielten, ihnen wurde eine ganz besondere
magische, dämonenbezwingende Kraft beigemessen[27]. Die Amulette
wurden aus pflanzlichen, tierischen Stoffen, aus Steinen (z. B.
Jaspis als geburtsförderndes Amulett) oder Metallen (in Form von
Täfelchen, Ringen, Nägeln) verfertigt und zumeist am Halse oder an
einem Arme getragen; eine beliebte Abart bestand aus einem Stückchen
Pergament oder einem Täfelchen, auf welchem magische Zeichen,
Sprüche, Zauberworte etc. angebracht waren. Magische Prozeduren nahm
man bei der Anwendung von Heilmitteln, ja sogar beim Ausgraben von
Heilpflanzen vor (Hersagen von magischen Worten, Dämonenanrufungen,
Libationen, Räucherungen). Von „Sympathiemitteln” bringt uns Plinius
und die aus ihm schöpfende spätlateinische medizinische Literatur
ungemein viele Beispiele. Wie stark der Glaube an ihre Wirkung
selbst unter Gelehrten verbreitet war, geht unter anderem aus dem
„Lügenfreund” des geistvollen Lukian hervor[28].
[26] Am berühmtesten waren die Ἐφέσια γράμματα: Aski, Kataski,
Aix, Tetrax, Damnameneus, Aision. Es gab auch „Milesische”
Zauberworte.
[27] Bemerkenswert ist es, daß heidnische Exorzisten schon sehr früh
die Namen der jüdischen Patriarchen, Salomos oder sogar Jesu
in ihre Zauberformeln aufnahmen.
[28] Der Voltaire des Altertums, Lukian, geißelt in seinen
satirischen Dialogen den törichten Wunderglauben des 2.
Jahrhunderts. Der „Lügenfreund” ist deshalb für uns von
Interesse, weil darin namentlich der medizinische Wunderglaube
hervortritt und gezeigt wird, wie blind demselben sogar Männer,
die sich Philosophen nannten, ergeben waren. Wir hören da von
abenteuerlichen Sympathiemitteln, Zauberliedern, Amuletten,
Bannsprüchen, von einem Chaldäer, der Schlangenbisse durch
Beschwörung heilte, von einem Hyperboräer, der Tote erwecken
konnte, von den Wundertaten eines Exorzisten aus Palästina, von
Zauberringen, von wunderkräftigen Bildsäulen (Gnadenbildern),
denen zum Dank für gespendete Heilung silberne Münzen oder
Plättchen (mittels Wachs) aufgeklebt wurden etc.
Auch der ~Kult der Heilgötter~ erhob sich zu neuem Leben. Zwar
standen Asklepios, Isis und Serapis im Vordergrunde, doch hatte fast
jedes Land, jede Provinz eine eigene heilbringende Schutzgottheit
oder einen wundertätigen Heros[29], und getragen von der mächtigen
religiösen Strömung vollzogen kraft göttlicher Inspiration auch
auserwählte Sterbliche Wunderheilungen[30].
[29] In Rom wurde besonders Minerva Memor. und die Bona Dea als
Heilgottheit verehrt, in Ephesos Diana, in Antiochia die
„Matrone”, in Seleukia Apollon-Sarpedon, in Nordafrika die
„himmlische Göttin” von Karthago; als Krankenheiler galten
auch die Dioskuren, der Gott Men in Kleinasien u. s. w. Zu den
heilspendenden Heroen zählten Toxaris und Aristomachos (Athen),
Theagenes (Thasos), der Heros Neryllinos (Alexandria Troas) u.
a.; ihre Grabsteine, ihre Statuen taten an den Gläubigen Wunder.
[30] So z. B. der Neupythagoräer Apollonios von Tyana, welcher Blinde
und Lahme heilte, Tote erweckte. Auch Vespasian rangiert, wie
es scheint, sehr wider Willen unter den Wundertätern. Serapis
hatte einem Blinden und einem Lahmen im Tempelschlaf verheißen,
daß sie der Kaiser während seines Aufenthalts in Alexandria auf
wunderbare Weise heilen werde, und dies traf auch ein. Vespasian
machte den Blinden sehend, indem er ihm in die Augen spuckte;
der Lahme wurde von seinem Uebel befreit, nachdem der Kaiser
das gelähmte Glied mit seiner Ferse berührt hatte.
Den Heilgöttern wurden neue Tempel in Menge errichtet[31], Scharen
von Heilbedürftigen wallfahrteten dahin, und niemals genoß die
Inkubation solches Ansehen wie in der Kaiserzeit; dies gilt namentlich
von den Traumorakeln des Asklepios[32].
[31] Um die Mitte des 2. Jahrhunderts gab es 43 Serapistempel im
Reiche, ganz besonders zahlreich waren die Heiligtümer des
Asklepios.
[32] Der Asklepioskult nahm seit Antoninus Pius (vgl. Bd. I, S. 354)
besonderen Aufschwung; aus der Zeit dieses Kaisers rühren auch
die vier Tafeln her, welche an der Stelle des Aeskulaptempels
auf der Tiberinsel in Rom gefunden worden sind, zwei derselben
enthalten Berichte über Heilungen durch Traumorakel von Blinden,
zwei von aufgegebenen Brustkranken: „I. In diesen Tagen machte
das Orakel einem gewissen Cato, der blind war, die Eröffnung,
er möge zum heiligen Altare treten, seine Knie beugen, dann
sich von dessen rechter Seite zur linken bewegen und die fünf
Finger einer Hand auf den Altar legen, die Hand erheben und
über seine eigenen Augen legen, und er sah gut vor einer Menge
anwesenden und sich deshalb beglückwünschenden Volkes, weil sich
so große Wunder unter der Herrschaft unseres Kaisers Antoninus
zutrugen. II. Dem Lucius, der mit Seitenstechen behaftet und
von allen Menschen aufgegeben war, gab der Gott das Orakel,
er möge herantreten und die Asche vom Altare sammeln und mit
Wein vermengen und dann auf seine Seite legen, und er genaß
und dankte dem Gotte öffentlich und das Volk beglückwünschte
ihn. III. Dem Blut auswerfenden Julianus, den alle Menschen
aufgegeben haben, antwortete der Gott durch das Orakel, er möge
herantreten und vom Altare die Pinienkerne nehmen und drei Tage
hindurch mit Honig genießen: er genaß und dankte öffentlich in
Gegenwart des Volkes. IV. Dem Valerius Aper, einem erblindeten
Soldaten, gab der Gott als Orakel, er möge kommen und das Blut
eines weißen Hahnes nehmen, demselben Honig beimengen und ein
Kollyr daraus bereiten, welches er sich drei Tage hindurch
auf die Augen streichen sollte, und er sah und kam und dankte
öffentlich dem Gotte.”
Das berühmteste Heiligtum des Asklepios war in der Kaiserzeit
dasjenige von Pergamos. Den Asklepieien widmeten hervorragende
Autoren, wie Strabon und Pausanias, eingehende Beschreibungen.
Während noch Cicero den Ausspruch tat: medicina sublata, tollitur
omnis auctoritas somniorum, leitete man jetzt alle Errungenschaften
der wissenschaftlichen Heilkunde mit Vorliebe aus den Votivtafeln der
Tempelmedizin her. Was den Kurbetrieb in den Asklepieien betrifft, so
spielten in vielen Fällen die hygienisch-diätetisch-medikamentösen
Maßnahmen[33], sei es, daß sie die Vorkur bildeten oder durch
die Inkubation inspiriert wurden, eine sehr bedeutende Rolle (die
Patienten hatten bisweilen beim Erwachen eine ärztliche Verordnung,
Rezept u. dergl. in der Hand); aber selbst dann, wenn bloß der
Tempelmystizismus in Form absurder Vorschriften zur Geltung kam,
konnte bei der außerordentlichen Suggestibilität der Menge oft
schon vermöge der Einbildungskraft ein psychotherapeutischer Effekt
erzielt werden, und manches spricht dafür, daß man auf die geistige
Individualität des Kranken oft Rücksicht nahm. Auch ganz prosaisch
klingende ärztliche Verordnungen oder sinnlich faßbare Vorgänge
erschütterten den Glauben an eine übernatürliche Wunderkraft nicht
im geringsten, weil man sich an Asklepios eben als wirklichen
Heilkünstler wandte und daher alles als göttlich inspiriert ansah.
Jedenfalls fügten sich die Patienten, wie Galen richtig bemerkt, viel
williger, als wenn dasselbe Mittel außerhalb des Tempels von einem
Arzte verordnet wurde. Die Aerzte scheinen zur Priesterschaft in
guten Beziehungen gestanden zu haben, sie empfahlen unter Umständen
wohl selbst dem Kranken, den Heilgott um Traumeingebungen anzuflehen
und führten zuweilen dessen Befehle aus. Es läge nahe, darin ein
Stück ärztlicher Politik, ein Durchblicken des wahren Sachverhalts
zu vermuten, aber die Sprache, die ein sonst so skeptischer Denker,
wie Galen, über die Wundertaten des Asklepios führt (vgl. Bd.
I, S. 356), gibt einer solchen Annahme keine Stütze, erzählt uns
doch der Pergamener ganz treuherzig mehrere angebliche Wunder des
Heilgotts[34]. Wenn aber ein Galen so dachte oder doch so schrieb,
kann es uns nicht mehr befremden, daß nichtärztliche Autoren dieser
Epoche die absurdesten Fabeln aus den Asklepiostempeln für bare Münzen
nahmen, z. B. Aelian[35]. Ein krasses Beispiel der Leichtgläubigkeit,
ja geradezu einer schwärmerischen Hingabe an den Asklepiosglauben,
liefert der Rhetor ~Aristides~[36], dessen „heilige Reden” allerdings
auf ein stark neuropathisches Wesen deuten.
[33] Galen erwähnt, daß Asklepios manchen verordnet habe, zu reiten,
zu jagen, Waffenübungen vorzunehmen etc. Artemidoros sucht
in seinem Traumbuch an der Hand von Beispielen nachzuweisen,
daß die göttlichen Verordnungen mit der rationellen Medizin
übereinstimmen: Die Götter verordnen Salben und Einreibungen,
Tränke und Speisen u. s. w.
[34] Er selbst will dem Asklepios für die Heilung eines Geschwürs
zu Dank verpflichtet sein u. a.
[35] In der Geschichte der Tiere und in den Fragmenten des Werkes
von der Vorsehung findet sich manche alberne Erzählung von den
Wundertaten des Asklepios. Der Zweck, den dieser heidnische
Pietist mit seinen Wundermären verfolgt, liegt darin, zu zeigen,
welches Heil der fromme Glaube bringe.