Die Unzulänglichkeit der wissenschaftlichen Grundlagen und d

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GESCHICHTE

DER MEDIZIN

VON

D^{R.} MAX NEUBURGER

a. ö. Professor für Geschichte d. Medizin an der k. k. Universität

in Wien, Mitgliede der kaiserl. Leop. Carol. deutschen Akademie

der Naturforscher, Ehrenmitgliede der R. Accad. di szienze lettere

ed arti in Modena und d. Medical History Club in St. Louis,

corr. Mitgliede der Akademie der Wissenschaften zu Lissabon, d.

R. Acad. de Buenas Letras in Barcelona, des Vereins f. innere

Medizin in Berlin, der phys.-mediz. Gesellschaft in Würzburg, d.

Gesellschaft d. Ärzte in Stockholm, d. k. Gesellschaft d. Ärzte

in Konstantinopel, d. Gesellschaft d. Ärzte in Athen, des Vereins

d. Ärzte u. Naturforscher in Jassy, d. k. mediz. Akademien in

Turin, Madrid, Barcelona u. Granada, d. Acad. general de ciencias

in Cordoba.

ZWEI BÄNDE. II. BAND.

ERSTER TEIL.

MIT 3 TAFELN.

[Illustration: Verlagslogo]

STUTTGART.

VERLAG VON FERDINAND ENKE.

1911.

Verlag von ~FERDINAND ENKE~ in Stuttgart.

____________________________________________________________________

‗Früher erschien:‗

‗Professor Dr. Max Neuburger:‗

Geschichte der Medizin.

Zwei Bände.

I. Band. gr. 8°. 1906. geh. M. 9.--; in Leinw. geb. M. 10.40.

Die historische Entwickelung der experimentellen

Gehirn- und Rückenmarksphysiologie vor Flourens.

8°. 1897. geh. M. 10.--

Die Vorgeschichte der antitoxischen Therapie

der akuten Infektionskrankheiten.

8°. 1901. geh. M. 1.60.

* * * * *

Geschichte der Ohrenheilkunde.

Von

Hofrat Prof. Dr. A. Politzer.

‗_Zwei Bände._‗

I. Band: Von den ersten Anfängen bis zur

Mitte des neunzehnten Jahrhunderts.

Mit 31 Bildnissen auf Tafeln und 19 Textfiguren.

gr. 8°. 1907. geh. M. 20.--; in Leinw. geb. M. 22.--

GESCHICHTE DER MEDIZIN.

GESCHICHTE

DER MEDIZIN

VON

D^{R.} MAX NEUBURGER

a. ö. Professor für Geschichte d. Medizin an der k. k. Universität

in Wien, Mitgliede der kaiserl. Leop. Carol. deutschen Akademie

der Naturforscher, Ehrenmitgliede der R. Accad. di szienze lettere

ed arti in Modena und d. Medical History Club in St. Louis,

corr. Mitgliede der Akademie der Wissenschaften zu Lissabon, d.

R. Acad. de Buenas Letras in Barcelona, des Vereins f. innere

Medizin in Berlin, der phys.-mediz. Gesellschaft in Würzburg, d.

Gesellschaft d. Ärzte in Stockholm, d. k. Gesellschaft d. Ärzte

in Konstantinopel, d. Gesellschaft d. Ärzte in Athen, des Vereins

d. Ärzte u. Naturforscher in Jassy, d. k. mediz. Akademien in

Turin, Madrid, Barcelona u. Granada, d. Acad. general de ciencias

in Cordoba.

ZWEI BÄNDE. II. BAND.

ERSTER TEIL.

MIT 3 TAFELN.

[Illustration: Verlagslogo]

STUTTGART.

VERLAG VON FERDINAND ENKE.

1911.

Das Uebersetzungsrecht für alle Sprachen und Länder vorbehalten.

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.

Herrn Professor Dr. M. BENEDIKT

und

Herrn Hofrat Professor Dr. A. POLITZER

widmet diesen Band

in aufrichtiger Verehrung und wärmster Dankbarkeit

der Verfasser.

Inhalt.

Seite

Die Medizin in der Verfallszeit der Antike.

~Allgemeine Verhältnisse~ 3

~Die Literatur~ 44

Medizinisches in den Werken der Kirchenväter 75

Die Medizin im Talmud 80

Die Medizin im Mittelalter.

Zur Einführung 91

~Die Medizin bei den Byzantinern~ 93

~Die medizinische Literatur der Byzantiner~ 104

~Verpflanzung griechischer Medizin nach dem Orient durch 139

syrische Vermittlung~

~Die Medizin bei den Arabern~ 142

Literarhistorische Uebersicht 204

~Die Medizin im christlichen Abendlande.~

Zur Vorgeschichte 233

~Die Medizin im frühen Mittelalter~ 241

~Die Medizin im 11. und 12. Jahrhundert. Die Blütezeit der 279

Schule von Salerno~

~Verpflanzung des Arabismus in die abendländische Medizin~ 329

~Die Medizin im 13. Jahrhundert. Arabismus und Scholastik~ 338

~Die Medizin im späteren Mittelalter~ 414

~Literarhistorische Uebersicht~ 482

~Register~ 522

Die Medizin in der Verfallszeit der Antike.

Allgemeine Verhältnisse.

In Galen hatte das Wesen der antiken Medizin den vollendetsten Ausdruck

gefunden, aber der große Pergamener war auf der Schwelle des Untergangs

erschienen.

Jäher gewiß, als es der Wirklichkeit entspricht, tritt der Verfall der

Heilwissenschaft in jenen Schriften zu Tage, welche aus den letzten

Jahrhunderten des Altertums auf uns gekommen sind; nur vereinzelt

bringen sie noch Kunde von tatsächlichen Fortschritten, und die besten

unter ihnen zehren von ~alten Traditionen~, ohne sich zu frischer,

lebendiger Forschung zu erheben; ja noch mehr, man empfängt den

betrübenden Eindruck, daß die hippokratische Kunst bloß dahinsiecht und

wenigstens in Westrom von der gröbsten ~Empirie~, von dem absurdesten

~Aberglauben~ in den Hintergrund gedrängt wird.

Der Verfall der Heilkunde war eine Teilerscheinung des großen

Sterbens der Antike, eine Folge des jahrhundertelang währenden

Zersetzungsprozesses, der mit der Auflösung der antiken Weltanschauung

und Kultur, mit der Trennung des hellenisierten Ostens vom

Abendlande, mit dem Sturze des weströmischen Reiches endete. Unter den

katastrophalen Erschütterungen des politischen, sozialen und ethischen

Lebens, auf dem Boden einer Uebergangsepoche, voll innerer und äußerer

Zerfahrenheit, konnte Wissenschaft und Kunst nicht gedeihen -- „non

habet locum res pacis temporibus inquietis” --, ~die Medizin~ aber

wurde von der allgemeinen Umwälzung schon deshalb ganz besonders in

Mitleidenschaft gezogen, weil ihr ureigenes Gebiet sogar zeitweise

als ~Schauplatz des Kulturkampfes~ dienen mußte.

Die Schilderung der Medizin in der Verfallszeit der Antike ist mit

schwer überwindlichen Hindernissen verknüpft wegen der spärlichen

Reste der Fachliteratur, die aus dem allgemeinen Zusammenbruch

gerettet worden sind, und wegen der Mannigfaltigkeit der äußeren

Einflüsse, welche sich teils wirr durchkreuzen, teils seltsam

miteinander verketten; auch finden sich inmitten der Zersetzung gewisse

unscheinbare Keime, die viel später, nach langer Ueberwinterung,

für die Neuentfaltung der Heilkunst bedeutsam werden sollten. Wir

müssen uns daher bescheiden, bloß auf jene Hauptfaktoren aufmerksam

zu machen, welche in besonders auffallender Weise für die Gestaltung

der nachgalenischen Medizin maßgebend gewesen sind.

In der Literatur wird der Verfall der Medizin zwar erst im 3.

Jahrhundert offenkundig, für den weit früher einsetzenden Niedergang

bieten aber vor allem schon die Klagen Galens über die ärztlichen

Verhältnisse seiner Zeit genügenden Anhaltspunkt; mögen sie im

einzelnen auch mancher Korrektur bedürfen, so hat doch die weitere

Entwicklung im großen und ganzen ihre Berechtigung außer Frage

gestellt.

~Das imposante Lehrsystem Galens täuscht über den im 2. Jahrhundert

bereits eingetretenen Niedergang der Medizin bloß hinweg~, ähnlich wie

die Kunstblüte unter Hadrian und die philosophische Strömung unter

den Antoninen eine Wiedergeburt echten Hellenentums vorspiegelt,

während doch die antike Geistesharmonie längst verklungen war. Galen

ist eher der Nachhall einer großen Vergangenheit als der Repräsentant

einer Epoche, die seine hohen Ziele gar nicht mehr zu würdigen

vermochte; übrigens selbst an ihm gewahrt man Züge, welche von der

hippokratischen Ursprünglichkeit und Denkfreiheit grell abstechen

und die Alterung der Kultur verraten.

Durch die versuchte Wiederherstellung des Hippokratismus und der

anatomisch-physiologischen Forschung suchte Galen seine ärztlichen

Zeitgenossen aus der roh empirischen Praxis und dem fruchtlosen

Sektenstreit emporzuheben, aber sein Bemühen blieb zu seinen

Lebzeiten nahezu unbeachtet und wirkungslos. Dieses mißlungene

Unternehmen bildet ein Analogon zu ähnlichen Erscheinungen auf anderen

Kulturgebieten. Es läßt sich nämlich im 2. Jahrhundert ein allgemeines

gewolltes Rückströmen zur besseren Vergangenheit nachweisen -- in

der Religion, Kunst, Literatur, Sprache --, ohne daß aber durch die

Anknüpfung an die klassische Antike eine wirkliche Neubelebung und

Fortbildung ihres Ideengehaltes erzielt worden wäre; trotz sorgsamster

Pflege der Künste und Wissenschaften, trotz eifrigster Förderung von

seiten der fürstlichen Mäcenaten (Denkmäler, Bauten, Errichtung von

Bildungsanstalten, Bibliotheken etc.) vermochte diese nicht im Volke

wurzelnde, sondern vom Hofe erkünstelte Renaissance weder tief, noch

nachhaltig zu wirken, sie war nicht so sehr eine Wiedergeburt des

echt antiken Wesens als eine virtuose Nachahmung und Kombination

der antiken Formen; scheiternd am Unvermögen der Epoche, führte sie

jedenfalls zu keiner Verjüngung der Schaffenskraft. Zwar äußerten sich

Kunst und Wissenschaft in einem reichen, überraschend vielseitigen

Streben, aber es fehlte an bahnbrechenden Geistern, welche sich

über den Eklektizismus zu freier Gestaltung erhoben, und in der

kalten Glätte akademischer Konvention, höfischer, deklamatorischer

Gelehrsamkeit verglomm der Funke des Genies. Wo strenge Methodik die

Richtschnur gab, wie in der Astronomie, konnte ein Ptolemäus erstehen,

wo das formale Denken maßgebend ist, wie in der Jurisprudenz, wurden

bedeutende Fortschritte gezeitigt (Julianus, Pomponius, Gajus,

Papinianus), und soweit Vielwisserei, dialektische Gewandtheit,

Eloquenz zum Ziele führen, brachte das Jahrhundert sehr ansehnliche

Leistungen hervor, so in der Grammatik, Lexikographie, Philologie,

in der Periegetik (Pausanias), Biographik und Geschichtsschreibung

(Plutarch, Suetonius, Arrian), namentlich aber in der Sophistik und

Rhetorik (Aristides, Fronto); hingegen schlummerte die Dichtkunst,

selbst ein so poetisch veranlagter Geist wie Apulejus wandte sich

der Prosa des Romans zu (Amor und Psyche), und so bewunderungswürdig

die Architektur, die Plastik aus jener Zeit sein mag, an dem Maßstab

der klassischen Antike gemessen, sie zeugt doch eher von glänzender

Technik als von originärem Schaffen; die Philosophie verblaßte zur

moralisierenden Lebensweisheit, die Wissenschaft litt unter einer

unkritischen Sammelwut, einer wichtigtuerischen Geschäftigkeit, einer

deklamatorischen Schönrednerei, was die Schriften eines Gellius,

Athenaios und Aelian deutlich genug zeigen.

In Lukian, dem Meister der Satire, belächelt sich das Jahrhundert

selbst. Wir sehen aus seinen unvergänglichen Sittenschilderungen,

wie sich unter einer prächtig schimmernden Oberfläche gleisnerische

Tugendheuchelei, hohle Vielwisserei und rohester Köhlerglaube verbarg.

Die lasterhafte, schwindelhafte Hyperkultur des 2. Jahrhunderts war

der Vorbote des Verfalls in den kommenden Tagen.

Die Ursachen des Niedergangs der antiken Medizin sind zunächst

in ihrem wissenschaftlichen und praktischen Betriebe zu suchen.

Aufgebaut auf dem Flugsande der Spekulation, ohne die sichere Stütze

exakter Methoden, mußte die antike Forschung unvermeidlich erlahmen,

sowie einmal die philosophischen Leitideen spärlicher zuflossen

oder gänzlich versiegten; in ihren Fortschritten auf die Genialität

einzelner überragender Persönlichkeiten angewiesen, stand die antike

Heilkunst still, wenn die Mittelmäßigkeit das Feld beherrschte. ~Es

fehlte im Altertum jederzeit an einer rezeptiven Masse, welche die

Kontinuität der Forschung aufrecht erhielt und dasjenige durch mühsame

Einzelarbeit ausbaute, was in den Fundamenten von den Meistern angelegt

worden war.~ In der Blütezeit überwanden wohl wahrhaft große, mit

hippokratischem Geiste, mit naturwissenschaftlichem Blicke begabte

Aerzte die Schwächen der Methodik, die Irrwege der Spekulation, aber

im Fortgang des Ganzen machten sich doch auch schon damals die Mängel

bemerkbar; es gab wohl leuchtende Meister, aber nur wenige ihrer

würdige Schüler, da die Mehrzahl sich einfach damit begnügte, einer

doktrinären Sekte anzugehören; darum litt der geschichtliche Verlauf

der antiken Medizin beständig unter stürmischen Schwankungen, darum

gab es zwar hoffnungsvolle Anfänge, aber es fehlte die fortzeugende

Kraft für eine systematische Fortbildung der klinischen Untersuchung,

der anatomisch-physiologischen Forschung. In dem Maße, als sich die

hellenische Medizin über das römische Weltreich verbreitete, ohne auch

an innerem Werte ihrer Vertreter zu gewinnen, in dem Grade, als die

von früher überkommenen Theoreme bei den neuen Erfahrungen (vorher

unbekannte Krankheiten, zahlreiche neue Heilsubstanzen) versagten,

mußten die Uebelstände fortwährend anwachsen, und der Durchschnittsarzt

wurde unerbittlich vor das Dilemma gestellt, entweder einer der

Sekten durch dick und dünn zu folgen oder der planlosen Empirie

anheimzufallen, ~denn es mangelte an jener Unterrichtsweise, welche

nicht nur Traditionen und Kenntnisse vermittelt, sondern den Jünger

zu einer selbständigen, kritischen Tatsachenbeobachtung anleitet~.

Soweit die eigentlich praktische Ausbildung in Betracht kommt,

verharrte der ~medizinische Unterricht~ im Grunde auf einer

Entwicklungsstufe, welche den viel einfacheren Verhältnissen

des hippokratischen Zeitalters entsprochen hatte, d. h. die

Schüler empfingen in den Iatreien von ihrem Lehrer poliklinische

Unterweisung oder begleiteten denselben bei seinen Krankenbesuchen.

Die medizinischen Hilfswissenschaften wurden hauptsächlich an den

allgemeinen höheren Bildungsanstalten, welche nach dem Vorbild

Alexandrias allmählich entstanden, gepflegt; doch wurde hierbei

der Nachdruck auf die iatrosophistischen Theoreme gelegt, die nur

zu spitzfindigen Diskussionen, zu subtilen dialektischen Uebungen,

selten zu wirklich realen Untersuchungen Anlaß gaben; übersponnen

mit Sophismen, entartete sogar der anatomische Unterricht, welcher

sich lediglich auf Büchergelehrsamkeit oder höchstens Tiersektionen

stützte und unter dem Einfluß der methodischen Schule bloß auf das

notwendigste beschränkt wurde. Eine Organisation der Lehrer zu einer

gemeinsamen planmäßigen Unterrichtstätigkeit scheint an den Hochschulen

nicht bestanden zu haben. Die Ausbildung, welche der einzelne empfing,

hing von sehr verschiedenen Umständen ab, da sie keiner staatlichen

Ueberwachung unterlag; seit dem 3. Jahrhundert läßt sich zwar ein

gewisses Streben nach Verbesserung der Unterrichtsverhältnisse

nicht verkennen, insofern staatlich besoldete Aerzte von Ruf mit der

Unterweisung von Schülern betraut wurden, aber diese Reform kam viel zu

spät, denn der wissenschaftliche Geist war damals schon im Erlöschen.

Unsere Kenntnisse über das medizinische ~Unterrichtswesen~ der Alten

sind höchst lückenhaft, so viel aber steht fest, daß der römische

Staat erst in der späten Kaiserzeit auf dasselbe direkten Einfluß

nahm, ohne jedoch jemals die Ausübung der Praxis von einem bestimmten

Befähigungsnachweis abhängig zu machen.

Abgesehen von der privaten Unterweisung durch einzelne Aerzte --

einer Sitte, die sich beständig erhielt -- gab es schon früh, soweit

hellenischer Einfluß reichte, im Osten ärztliche Schulen, welche

gewöhnlich mit den allgemeinen höheren Bildungsanstalten verbunden

waren. Großen Rufs erfreuten sich z. B. die Schulen von Alexandria[1],

Athen, Antiochia, Berytos. Zu nicht geringem Ansehen gelangten

späterhin auch manche Lehranstalten Galliens, in denen die Medizin

gepflegt wurde, z. B. in Massilia, Burdigala, Lugdunum, Nemausus,

Arelate. Was Rom anlangt, so stand zwar das medizinische Vortragswesen

(bisweilen mit Disputationen verbunden) in Blüte, wir hören auch von

öffentlichen Disputationen, doch war Rom weniger eine Pflegestätte als

der große Markt für die Wissenschaft, erst durch Alexander Severus

(225-235 n. Chr.) wurden den Aerzten eigene Hörsäle eingeräumt, in

denen besoldete Lehrer Unterricht zu erteilen hatten. Da die Lehrer an

den Hochschulen wohl vorwiegend gelehrte Theoretiker (Iatrosophisten)

waren, welche nach Philosophenart die Probleme spitzfindig erörterten,

so ruhte wahrscheinlich die eigentlich praktische Ausbildung stets

mehr in der Hand jener Aerzte, welche sich mit der Unterweisung von

Schülern abgaben[2].

[1] Auch in Ephesos bestand ein dem alexandrinischen nachgebildetes

Museion, eine Akademie, welche mit der um das Heiligtum des

Schutzgottes Asklepios zusammengeschlossenen Aerztevereinigung

in enger Verbindung stand. Wie Inschriften beweisen, wurden

von letzterer alljährlich die besten ärztlichen Leistungen

(Abhandlungen, Erfindung von Instrumenten, Operationsverfahren)

in feierlicher Weise preisgekrönt.

[2] Praktiker wirkten auch neben den Iatrosophisten als „Pädagogen”

an den Hochschulen in Alexandria, Antiochia, Athen, in Italien,

Gallien und Spanien; in der späteren Kaiserzeit waren die

angestellten Gemeindeärzte zur Erteilung unentgeltlichen

Unterrichts verpflichtet.

Infolge der absoluten Lehrfreiheit und der mangelnden staatlichen

Aufsicht über die erlangte Befähigung, herrschten bei denjenigen,

die als Aerzte auftraten, die größten Unterschiede im Wissen und

Können; hielt doch der Methodiker Thessalos sechs Monate zur Erwerbung

der medizinischen Kenntnisse für genügend, während Galen, der eine

universelle Bildung des Arztes als Postulat aufstellte, elf Jahre für

das Studium forderte. Somit hing es vom Eifer des einzelnen und von

der Art des Lehrers ab, ob aus dem Jünger ein wirklicher Arzt oder

ein unwissender Scharlatan wurde[3].

[3] Plinius klagt darüber, daß man in Rom jedem, der sich für einen

Arzt ausgebe, Glauben schenke, obwohl gerade auf diesem Gebiete

die Lüge von den größten Gefahren begleitet sei.

Ein wohlgeordneter medizinischer Studiengang begann schon früh

(im 14. oder im 15. Lebensjahre oder noch vorher), er setzte

eine allgemeine Vorbildung voraus (in der fälschlich dem Soranos

zugeschriebenen Schrift „in artem medendi isagoge” werden Grammatik,

Literaturkenntnis, Rhetorik, Mathematik und Astronomie gefordert)

und erstreckte sich auf Anatomie, Physiologie, Heilmittellehre,

Krankheitslehre und Therapie. Was den Unterricht in der Anatomie

betrifft, so waren mit demselben im besten Falle Sektionen tierischer

Kadaver und Demonstrationen der äußerlich sichtbaren Teile am

Menschen verbunden (vgl. Bd. I, S. 348), vielleicht dienten auch

Zeichnungen dem Lehrzwecke. Unter dem Einflusse der Methodiker

begnügte sich gewiß die Mehrzahl mit der Kenntnis der Benennungen

der Körperteile; die theoretische Erörterung des Nutzens derselben

bildete das Um und Auf des physiologischen Unterrichtes. Besonderen

Wert legte man auf gründliche Unterweisung in der Arzneimittellehre

und Arzneibereitung[4] -- hier wirkten kolorierte Kräuterbücher und

botanische Exkursionen unterstützend. Galen trat in verdienstvoller

Weise für den Anschauungsunterricht ein und meinte: „Die Jünglinge

müssen die Dinge nicht bloß ein- oder zweimal, sondern oft sehen, denn

nur wenn man sie recht häufig betrachtet, erlangt man eine gründliche

Kenntnis derselben.” Der praktischen Ausbildung am Krankenbette wurde

insofern Rechnung getragen, als manche Aerzte ihre Schüler nicht

nur in den Iatreien unterwiesen, sondern sich von ihnen auch zu den

Kranken begleiten ließen, damit sie durch Augenschein und Untersuchung

die pathologischen Erscheinungen studieren und die Behandlungsweise

praktisch erlernen könnten. Philostratus (Vita Apollonii Tyanensis)

berichtet uns von zwei Aerzten, die von mehr als dreißig Jüngern

begleitet bei den Patienten erschienen, und Martial gibt der Klage der

Patienten über die Belästigung durch den Schülerschwarm in folgenden

Versen Ausdruck:

„Languebam sed tu comitatus protinus ad me

Venisti centum, Symmache, discipulis.

Centum me tetigere manus Aquilone gelatae

Nec habui febrem, Symmache, nunc habeo.”

Wahrscheinlich ließ man sich die Benützung der Militärlazarette zum

Zwecke der ärztlichen Unterweisung nicht ganz entgehen, auch dürften

die Sklaven, welche auf Wunsch ihrer Herren zu Aerzten herangebildet

wurden, in den Valetudinarien der Großgrundbesitzer praktischen

Unterricht empfangen haben. Aber die wichtigste Pflegestätte des

ärztlichen Unterrichts -- öffentliche Krankenhäuser -- fehlte, und nur

schwachen Ersatz boten die Iatreien, welche bloß vorübergehend zur

Aufnahme und Nachbehandlung von Kranken verwendet wurden. In einem

kürzlich veröffentlichten Papyrus aus nachchristlicher Zeit tadelt

es ein Arzt namens Archibios, daß der chirurgische Unterricht mit

theoretischen Untersuchungen beginne, anstatt daß der Schüler sofort

praktisch in den einfachsten Handgriffen ausgebildet werde.

[4] Die strebsamsten unter den Aerzten sammelten die Arzneistoffe

selbst (vgl. Bd. I, S. 360), die meisten aber erwarben von

den Drogenhändlern die Rohmaterialien, um aus denselben die

Medikamente zuzubereiten, andere endlich ließen sich von ihrer

Bequemlichkeit verleiten, gleich fertige zusammengesetzte

Präparate einzukaufen, wodurch der Kurpfuscherei der

Arzneikrämer Vorschub geleistet wurde. Die Aerzte führten

Hand- bezw. Reiseapotheken mit sich, d. h. Kästchen (aus

Bronze), welche mehrere Fächer besaßen und oft künstlerisch

verziert waren (z. B. mit Elfenbeinreliefs des Asklepios, der

Hygieia etc.). Für den kaiserlichen Hof und den Fiskus wurden

Arzneistoffe in den Provinzen unter Aufsicht von Beamten

gesammelt, verpackt, nach Rom gesandt und in besonderen

Magazinen verwahrt. Die Arzneigroßhändler kauften die Drogen

teils vom Fiskus, teils bezogen sie dieselben auf direktem

Handelswege. Verfälschungen der geriebensten Art waren gang und

gäbe, doch trugen daran weniger die Händler als die Lieferanten

Schuld. Jedenfalls bildeten unter solchen Umständen gründliche

Kenntnisse in der Heilmittellehre und ~Arzneimittelzubereitung~

ein dringendes Postulat. Besonders wichtig war es, wie Galen

hervorhebt, die Verfälschungen zu erkennen -- wobei freilich

zumeist einfache Sinneswahrnehmungen die chemische Prüfung

ersetzen mußten -- ferner zu wissen, welche Arzneimittel als

Surrogate für fehlende Medikamente eventuell substituiert

werden durften (Succedanea). Auch suchte man dem Bedarf

der Hausapotheken der Aerzte und Laien namentlich auf dem

Lande durch ~Euporista~ (leicht zu beschaffende und leicht

anzufertigende Hausmittel) Rechnung zu tragen, wodurch dem

Mißbrauch mit fremden, seltenen, kostspieligen Heilmitteln

entgegengearbeitet und eine mehr volkstümliche Behandlungsweise

angebahnt wurde, die namentlich den weniger Bemittelten zu gute

kam.

Die Unzulänglichkeit der wissenschaftlichen Grundlagen und der

Untersuchungstechnik, die Mängel des medizinischen Unterrichtswesens

bewirkten es, daß die Qualität des antiken Arztes weit weniger von

der genossenen Ausbildung als von den individuellen Anlagen abhing.

Solange nur wirklich Berufene den ärztlichen Beruf ergriffen, ersetzte

das künstlerische Wirken oft sehr glücklich die Lücken des Wissens,

und die Eigenart der Begabung konnte sich umso freier entwickeln, als

sie durch keine Schablone behindert wurde. Was aber in Althellas die

Blüte der Medizin geradezu beförderte: ~die absolute Lehr-, Lern- und

Berufsfreiheit~ gestaltete sich unter den ganz anders beschaffenen

Verhältnissen der römischen Welt zur Quelle des Verfalls der ärztlichen

Praxis, ~wurde zur Ursache der wissenschaftlichen und ethischen

Depravation~.

In Rom konnte ja jeder, der sich dafür ausgab, als Arzt auftreten,

ohne daß die Erfüllung irgendwelcher gesetzlicher Vorschriften die

Würdigkeit verbürgte; die ärztliche Verantwortlichkeit war eine sehr

beschränkte. Wie ein Magnet zog die Hauptstadt immer neue Ankömmlinge

an sich, welche dort ihr Glück zu machen hofften. Im Getümmel des

großstädtischen Lebens, bei der Sucht, in erster Linie dem Publikum

zu gefallen, erlahmte die ehrliche Forschung, die gewissenhafte

Praxis, und der hohe ärztliche Beruf sank zum Gewerbe herab. Der

Geschäftsgeist, die Scharlatanerie, die Reklame fand einen günstigen

Boden, nicht immer siegte der Bessere, sondern öfter jener, der

durch Polypharmazie, neuartige oder geheimnisvolle Heilverfahren zu

imponieren verstand, dessen ethisches Empfinden auch vor bedenklichen

Mitteln nicht zurückbebte. Wenn auch der fanatische Sektenhader und das

überwuchernde Spezialistentum eine Art von Wissenschaftlichkeit noch

vorspiegelten, wenn auch manche Aerzte in öffentlichen Disputationen

oder Vorträgen mit einer nichtigen Gelehrsamkeit prunkten -- im Leben

entschied ausschließlich der Erfolg bei der Menge, und immer mehr

verschwand die Grenzlinie zwischen dem echten Heilkünstler und dem

Pfuscher.

~Der ärztliche Stand~ war aus Elementen zusammengesetzt, welche

die größten Verschiedenheiten in Bezug auf Herkunft, Erziehung und

Wissen darboten, und von denen nicht wenige den Beruf nicht so sehr

aus Liebe zur Kunst als aus schnöder Geldgier erwählt hatten. Dem

wirklichen Praktiker durften sogar dilettantische Medikaster und

betrügerische Kurpfuscher als gesetzlich gleichberechtigte Konkurrenten

gegenübertreten, und allmählich wurde der ~Einfluß der Laien~ nicht

nur maßgebend für das Ansehen, das der Heilkünstler genoß, sondern auch

für den ganzen praktischen Betrieb der Medizin, für das Heilverfahren

selbst. Nur die ~Chirurgie~ blieb als unantastbares Gebiet der

fortgeschrittenen Technik diesem Einfluß entzogen.

Die ungleichmäßige Ausbildung, der Mangel eines staatlichen

Prüfungswesens und die nur ~sehr beschränkte ärztliche

Verantwortlichkeit~[5] brachten es mit sich, daß die Aerzteschaft

im römischen Reiche ein sehr buntes Bild zeigte. Selten wohl war der

Stand mit Halbgebildeten, ganz Unberufenen und bewußten Betrügern in

solchem Maße überfüllt wie damals. Neben dem gediegenen Praktiker,

dem gewandten Chirurgen, glänzte der „Iatrosophist”, der seine Zuhörer

mit gelehrt klingendem Wortschwall überschüttete, ohne eine einfache

Krankheit behandeln zu können, und wie stets in Zeiten der Hyperkultur

artete das ~Spezialistentum~ in lächerlichster Weise aus. Nicht genug,

daß in Rom die interne Medizin von der Chirurgie getrennt war[6] --

die Vertreter beider Fächer standen miteinander im besten Einvernehmen

und riefen einander zu Konsilien --, es gab Augenärzte, Ohrenärzte,

Zahnärzte, Bruchärzte, Steinoperateure, Frauenärzte, Hautärzte etc.

Gewiß lag der Grund dieses Spezialistentums weit seltener in wirklich

hervorragenden Leistungen als in dem Umstande, daß seine Träger bloß

auf einem engbegrenzten Gebiete der Heilkunde in kürzester Zeit die

dürftigsten praktischen Fertigkeiten erworben hatten. Nach Art echter

Scharlatane gaben sich manche Spezialisten nur mit der Behandlung

einzelner Leiden, z. B. der Wassersucht ab oder sie verwendeten nur

eine einzige therapeutische Methode gegen alle möglichen Affektionen,

z. B. Wasserbehandlung[7], Massage, Gymnastik, Wein-, Milch-,

Kräuterkuren etc. Galen zählt diese Spielarten des Spezialistentums

auf, aber daß es schon zur Zeit Martials nicht besser war, beweist

eines seiner Epigramme, wo es heißt: „Cascellius zieht kranke Zähne

aus oder ergänzt sie, Hyginus brennt die den Augen schädlichen

Wimperhaare weg, Fannius beseitigt das triefende Zäpfchen, ohne zu

schneiden, Eros entfernt die Brandmarken aus der Haut der Sklaven,

Hermes gilt als der beste Arzt für Bruchschäden.” Am zahlreichsten

und angesehensten unter den Spezialisten waren die Augenärzte, von

denen zwar manche diesen Namen mit vollem Rechte trugen[8], viele

aber sich nur einseitig mit der Behandlung des Trachoms, mit dem

Starstechen etc. abgaben oder bloß einen schwunghaften Handel mit

allerlei Kollyrien[9] und Augenwässern trieben. Die Trennung in

medici ocularii und chirurgi ocularii war allgemein, doch vereinigte

sich die operative und medikamentöse Behandlungsweise bisweilen in

einer Hand. Die Geburtshilfe war, abgesehen von besonders schwierigen

Fällen, Sache der Hebammen, deren zum Teil bei den Aerzten erworbene

Ausbildung auf bemerkenswerter Stufe stand; es kann aber nicht

verwundern, daß die Hebammen bei dem Ansehen[10] und Vertrauen, das

sie genossen, ihre Kunst auch auf die Nachbargebiete (Frauenleiden,

Kinderkrankheiten), ja zuweilen selbst auf die ganze Heilkunde

ausdehnten; die Aerztinnen (medicae, ἰατρίναι), von denen wir hören,

dürften überhaupt größtenteils aus dem Hebammenstande hervorgegangen

sein. Diese verschiedenen Aerztegruppen, welche ohnedies schon an

einem Ueberfluß von Mitgliedern litten und sehr viele minderwertige

oder gar anrüchige Elemente unter sich bargen, hatten noch den

Konkurrenzkampf mit ~Astrologen~[11], ~Wundertätern~, ~Exorzisten~,

oder mit ~Kurpfuschern~ niedriger Sorte zu führen, welch letztere

sich namentlich aus den Arzneikleinhändlern rekrutierten[12].

[5] Erst im 3. Jahrhundert wurde ein einschlägiges Gesetz erlassen,

wonach die Todesstrafe oder Verbannung zur Anwendung kommen

sollte, wenn ein Kranker durch ein dargereichtes Medikament zu

Grunde ging.

[6] Galen, der in seiner Heimat beide Fächer ausübte, sagt: „Da ich

aber in Rom lebte, mußte ich der Sitte der Hauptstadt viele

Zugeständnisse machen und den sogenannten Chirurgen das meiste

von diesen Dingen überlassen.”

[7] So z. B. Charmis aus Massilia (1. Jahrhundert), von dem

Plinius erzählt: „Er tauchte die Kranken in Teiche, und selbst

hochbetagte konsularische Würdenträger konnte man ostentativ

die Mode mitmachen und erbärmlich frieren sehen.”

[8] Berühmte Okulisten waren z. B. ~Euelpides~ zur Zeit des Celsus,

~Demosthenes~ aus Massilia (vgl. Bd. I, S. 275), ~Lysiponus~,

im Dienste des Augustus, ~Celadianus~, Augenarzt des Tiberius,

~Severus~, von dem noch wichtige Fragmente vorhanden sind.

Zahlreich kommen Namen von Okulisten auf Inschriften vor.

[9] Ursprünglich nannte man Kollyrien alle Arzneizäpfchen, welche

in Höhlungen, z. B. in die Harnröhre, in den After, in Fisteln

u. s. w. eingeführt wurden. Im engeren Sinne verstand man

darunter in Stangenform gebrachte Augenmittel, endlich, mit

Vernachlässigung der Etymologie, Augenmittel überhaupt, wobei

dann trockene oder flüssige Kollyrien unterschieden wurden. Die

ersteren stellten aus metallischen und pflanzlichen Stoffen

bereitete, durch allmählichen Wasserzusatz und Hinzufügung

von Harz oder Gummi zäh oder fest gewordene Stangen dar, von

denen im Bedarfsfalle ein Stückchen entnommen und mit einer

Flüssigkeit verrieben wurde. Die Gefäße, in welchen die

Kollyrien verwahrt wurden, trugen Aufschriften, bisweilen

war auch das Kollyr selbst mit einer Gravüre versehen,

so hieß z. B. des Antigonos Safrankollyr auch „der kleine

Löwe”, weil es mit der Gravüre eines solchen gestempelt wurde

(Galen). Bei Ausgrabungen -- jedoch weder in Italien, noch in

Griechenland, sondern bloß auf dem Boden der nordwestlichen

Provinzen des römischen Reiches -- fand man ~Siegelsteine~

von Augenärzten, mittels welcher den Kollyrienstangen (nach

Art unserer Toiletteseifen) der Name des Augenarztes bezw.

Kollyrienerfinders, der Name des Mittels, zuweilen auch Angaben

über dessen Indikation und Verwendungsweise aufgeprägt wurden.

Diese Siegelsteine sind aus Nephrit, Serpentin oder Schiefer

gefertigte, zumeist viereckige Täfelchen, welche auf ihren

schmalen Seiten in Spiegelschrift die betreffende Inschrift

tragen. Bisher sind ungefähr 200 solcher Stempel aufgefunden

und sorgfältig beschrieben worden. Alles spricht dafür, daß der

reklamehafte Gebrauch in Gallien aufkam, vom 2.-4. Jahrhundert

herrschte, jedoch von den griechischen und römischen Aerzten

verschmäht wurde -- schweigt doch die Literatur gänzlich

darüber.

[10] Die freien Hebammen waren in einer Zunft vereinigt, der

die „nobilitas” beigelegt wurde; handelte es sich um die

gerichtliche Feststellung einer Gravidität, so wurden sie

als Sachverständige vernommen. Bezüglich der Aerzte als

Sachverständige vor Gericht, haben erst in jüngster Zeit

aufgefundene Urkunden (Papyri aus Aegypten) einige Nachrichten

gebracht, welche ~Gutachten~ enthalten; sie stammen sämtlich

aus den ersten nachchristlichen Jahrhunderten.

[11] Der bekannteste, aber durchaus nicht der erste von denen, welche

die Astrologie für die Medizin geschäftlich und schwindelhaft

verwerteten, ist ~Krinas von Massilia~ (1. Jahrhundert). Wie

Plinius erzählt, „befliß er sich zweifacher Kunst, indem er,

höchst vorsichtig und den himmlischen Gewalten ergeben, nach

dem Gestirnlaufe im astrologischen Kalender die Ernährungsweise

regelte und die rechte Stunde für jedes therapeutische

Eingreifen wählte”.

[12] Wurzelsammler, Kräutersammler, Salbenhändler (unguentarii,

myropolae), Arzneiverkäufer (pharmacopolae), Arzneikrämer

(παντοπώλαι), Arzneibudenbesitzer (seplasiarii, der Name

stammt von einer Straße in Capua, wo sie besonders dicht

gedrängt hausten), Gewürzkrämer (aromatarii), Farbwarenhändler

(pigmentarii). Die Pharmakopolen zogen als Quacksalber überall

umher, die Inhaber von Arzneibuden etc. erteilten in ihren

Tabernen pseudo-ärztlichen Rat. Von der Abgabe der Kosmetika,

Fruchtabtreibungsmittel, Gifte etc., war nur ein Schritt

zur allgemeinen Kurpfuscherei. -- Am verrufensten waren die

sogenannten „medicae” und „Sagae”, ehemalige Prostituierte,

welche geheime Frauenleiden behandelten, Kinder abtrieben u.

s. w.

Schwer fällt es auch ins Gewicht, daß die Aerzte Roms ~sehr

verschiedenen sozialen Schichten~ angehörten, was natürlich nicht

ohne Einfluß auf das Ausmaß der Durchschnittsbildung und auf

die Standesethik bleiben konnte. Nicht bloß, daß sich unter den

zahlreichen Griechen und Orientalen[13], welche als Aerzte in

der Weltstadt ihr Glück machten, Abenteurer bedenklichster Sorte

befanden, nicht bloß, daß Leute von geringem Bildungsgrade, ehemalige

Handwerker, ihr vermeintliches Talent entdeckten und ihr Gewerbe mit

dem lockenden Berufe des Heilkünstlers vertauschten[14] -- eine Menge

von Aerzten entstammte dem ~Sklavenstande~ (servi medici und liberti

medici)[15]. Viele derselben eigneten sich aber gewiß auch ihrer

ganzen Ausbildung nach eher zu Heilgehilfen als zu Vertretern echten

Arzttums. Die, wie bei vielen anderen Berufen, auch bei den Aerzten

der Kaiserzeit bestehenden Genossenschaftsverbände, die „Collegia

medicorum”, scheinen für die Hebung des Standes wenig geleistet zu

haben[16].

[13] Aerzte aus römischen Familien bildeten, infolge der aus Catos

Zeiten überkommenen Vorurteile, nur die Minderzahl -- Romana

gravitas non exercet medicam artem et qui ex Romanis incipiunt

eam addiscere ad Graecos sunt transfugae, sagt Plinius --

auch genossen die Ausländer größeres Vertrauen, so z. B. die

Aegypter als Hautärzte; in der Literatur oder inschriftlich

kommen übrigens römische Aerztenamen vor, z. B. Cassius (bei

Celsus), Scribonius Largus, Vettius Valens, die von Plinius

zitierten Granius, Ofilius, Rabirius, die von Galen erwähnten

Valerius Paulinus, Flavius Clemens, Pompejus Sabinus.

[14] Umgekehrt griffen auch Aerzte, wenn sie Schiffbruch erlitten

hatten, zu einem Gewerbe, um sich fortzubringen; wenigstens

witzelt Martial über Aerzte, die Leichenträger oder Gladiatoren

wurden und „in ihrem neuen Berufe dasselbe taten, wie früher,

nämlich töten und begraben”.

[15] Reichbegüterte Römer besaßen oft mehrere „servi medici”, welche

auf Wunsch der Herren medizinisch ausgebildet waren und als

Sklavenärzte oder sogar als Hausärzte fungierten; aus Cicero

und Tacitus geht hervor, daß sie bisweilen zu verbrecherischen

Zwecken mißbraucht wurden. Auch Aerzte zogen sich Sklaven zu

Assistenten heran, und nur sie durften die servi medici als

Erwerbsmittel benützen. Da die Interessen der ~servi medici~ und

diejenigen ihrer ärztlichen Besitzer häufig kollidierten, wenn

es sich um den Loskauf handelte, so mußte derselbe gesetzlich

geregelt werden, auch standen die liberti medici noch in einem

Pflichtverhältnis zu ihren Patronen, wonach sie sogar gezwungen

werden konnten, dieselben zu begleiten, was natürlich die

Freigelassenen in der Ausübung der eigenen Praxis wesentlich

hinderte. Außer den privaten gab es noch im Dienste des Staates

stehende servi medici und öffentliche Freigelassene (liberti

publici oder municipales). Die Lage der letzteren war sehr

günstig; einzelne derselben besaßen eine äußerst lukrative

Praxis und hinterließen ein bedeutendes Vermögen.

[16] Die Collegia der Römer waren Vereinigungen von Berufsangehörigen

zum Zwecke der Beratung von Standesinteressen und zur

Unterstützung der Mitglieder, ihre Weihe erhielten sie durch

den gemeinsamen Kult bestimmter Gottheiten, Festlichkeiten

etc. An der Spitze jedes Kollegiums stand der „Pater”, als

Versammlungslokale dienten die „Curiae” oder „Scholae”. Das

Collegium medicorum zu Rom verehrte als Patronin die Minerva und

besaß (unter Trajan) eine Schola auf dem Esquilin. Ursprünglich

wurden in die Collegia medicorum wohl nur Freie aufgenommen,

später auch Freigelassene, ja sogar Sklaven.

Eine Remedur erfuhr die schädliche Gleichstellung des wirklichen

Arztes mit dem Pfuscher erst allmählich in dem Maße, als die

Verleihung besonderer ~staatlicher Vorrechte~ und namentlich ~die

Anstellung im öffentlichen Sanitätsdienste~ die Handhabe dazu bot,

die minderwertigen Elemente gebührend zurückzuweisen. Die üblen

Erfahrungen, die man hie und da zweifellos machte, spiegeln sich

in den Gesetzesbestimmungen der späteren Kaiserzeit deutlich ab.

Nachdem Julius Cäsar allen Aerzten das Bürgerrecht erteilt hatte,

und dieselben durch die Verfügungen des Augustus, Vespasian,

Trajan, namentlich aber durch die Gunst Hadrians, schließlich die

volle Immunität (Befreiung von Abgaben, von der Uebernahme gewisser

Aemter etc.) erlangt hatten, erfolgte schon unter Antoninus Pius

eine bedeutsame Einschränkung der Vorrechte. Dieser Kaiser verfügte

nämlich, daß die Immunität in vollem Umfange nur einer bestimmten

Zahl von Aerzten zukommen solle, so zwar, daß in jeder Stadt, je nach

ihrer Größe, nur fünf, sieben, höchstens zehn das Vorrecht genießen

durften, womit aber gewisse Verpflichtungen verbunden waren. Um dem

wahren Verdienste den Weg zu bahnen, legte dann Alexander Severus

das Recht der Immunitätsverleihung in die Hand der stimmberechtigten

Bürger und Grundbesitzer, „ut certi de probitate morum et peritia

artis eligant ipsi, quibus se liberosque in aegritudine corporum

committant”, und wenn er in der Sorge um den Unterricht Aerzten

Besoldungen für den unentgeltlichen Unterricht armer, freigeborener

Jünglinge aussetzte, so sind unter den „medici” sicher nur jene

zu verstehen, welche ihr Anrecht schon durch geleistete Dienste

(hauptsächlich wohl im öffentlichen Sanitätswesen) erwiesen hatten.

Einen Lichtpunkt in der Zeit des erstarkten Aberglaubens bildet

es auch, daß, dank dem aufgeklärten ~Ulpian~, die Zauberärzte und

Dämonenbeschwörer im Gegensatz zur Volksmeinung wenigstens von der

Gesetzgebung nicht als wirkliche Aerzte betrachtet und daher von

der „extraordinaria cognitio” (Vergünstigung, die Honorarklagen vor

den Praeses provinciae zu bringen) ausgeschlossen wurden. Unter den

Berechtigten sind die Aerzte mit Einschluß der Spezialisten und die

Hebammen aufgezählt, dann aber heißt es: „Nec tamen si incantavit,

si imprecatus est, si, ut vulgari verbo impostorum utar, exorcizavit.

Non sunt ista medicinae genera, tametsi sint, qui hos sibi profuisse

cum praedicatione affirment.” -- Die bei den Griechen schon von

alters her bestehende Institution der Gemeindeärzte[17] bürgerte sich

auch im römischen Reiche ein, und jedenfalls seit dem 2. Jahrhundert

besaßen wohl die meisten Städte besoldete Aerzte, welche die ärmeren

Bürger unentgeltlich oder gegen geringes Honorar behandelten;

seit der Zeit Valentinians I., durch welchen das Gemeindearztwesen

fester gestaltet wurde, führen sie in den Gesetzesvorschriften den

Titel „~Archiatri populares~” -- im Gegensatze zu den Hofärzten,

den „~Archiatri palatini~”[18]. Außer den Stadtärzten gab es noch

eine ganze Reihe von Aerzten, welche in öffentlichen Diensten

standen, so die ~medici ludi gladiatorii~, welche die Gesundheit der

Gladiatoren und ihr diätetisches Regime zu überwachen hatten, die

~medici ludi bestiarii~, welche bei den Tierkämpfen anwesend waren

und für die Verwundeten Sorge trugen, die Aerzte für das Personal des

~summum choragium~ (d. h. für die bei den dramatischen Schauspielen

Beschäftigten ═ Theaterärzte), für das Personal der öffentlichen

Gärten, der Bibliotheken (~medici a bibliothecis~) u. a. Außerdem

waren bei den meisten Berufsgenossenschaften, den Kollegien, besoldete

Vereinsärzte angestellt, ebenso hatten die Vestallinnen eigene Aerzte.

Seit Augustus wurde auch das Heer mit Aerzten versehen und zwar jede

Truppengattung. Die Aerzte der Legionen und der prätorischen Kohorten

mußten römische Bürger sein, während bei den „Cohortae vigiles”

(Polizeiwache) und den Hilfstruppen auch liberti oder peregrini

angestellt sein konnten. Die Militärärzte[19] besaßen den Rang von

Unteroffizieren. Die verwundeten und kranken Soldaten wurden in Zelten

und Lazaretten (Valetudinaria) behandelt.

[17] Die Städte richteten für die besoldeten Aerzte eigene Iatreien

ein. Im ptolemäischen Aegypten waren die Aerzte staatlich

angestellt und standen unter einem obersten Vorsteher.

[18] Die Bezeichnung ἀρχίατρος -- von der das deutsche Wort ~Arzt~

abgeleitet wird -- diente wahrscheinlich zuerst nur dazu, um

würdige, verdiente Aerzte aus der großen Masse der Heilkünstler

hervorzuheben und erst allmählich erstarrte der Ehrenname zu

einer mit besonderen Vorrechten verbundenen Titulatur, zunächst

wohl für ~kaiserliche Leibärzte~ (z. B. führten schon ~C.

Stertinius Xenophon~ [Leibarzt des Claudius] und ~Andromachos~

[Leibarzt des Nero] den Titel); Galen sagt von Andromachos,

er habe diesen Titel wegen seiner Kenntnisse bekommen, auch

bezeichnet er (den Leibarzt des Antoninus Pius) ~Magnos~ und

(den Leibarzt des Marc Aurel) ~Demetrios~ als „Archiatri”. In

griechischen Inschriften findet sich das Wort ἀρχίατρος im Sinne

von ~Stadtarzt~. „~Archiatri palatini~”, d. h. Hofärzte, kommen

mit diesem Namen zuerst unter Severus vor, es gab damals sieben.

In der römischen Gesetzgebung erscheinen die ~Gemeindeärzte~

mit dem Titel „~Archiatri populares~” zum ersten Male unter

Valentinian I. und Valens. Wir ersehen aus den Verfügungen, daß

die ~Archiatri populares~ Kollegien bildeten, als Armenärzte

fungierten und aus Gemeindemitteln (durch Naturallieferungen)

besoldet waren. Ihre Zahl betrug in kleineren Städten fünf,

in größeren sieben, in Rom zwölf. Dem Kollegium selbst oblag

es, bei einer Vakanz einen Kandidaten, auf den sich mindestens

sieben Stimmen vereinigt hatten, für die kaiserliche Bestätigung

in Vorschlag zu bringen, und der Neugewählte erhielt immer den

letzten Rang. Die ~Archiatri~ genossen eine ganze Reihe von

Begünstigungen (Befreiung von Abgaben und von der Uebernahme

anderer Aemter, besonderen Schutz gegen Beleidigungen etc.).

Dafür wurde ihnen aber eingeschärft, lieber in rechtschaffener

Weise den Armen zu Hilfe zu kommen, als schmählich den

Reichen zu dienen. Aus den Verordnungen Constantins, welcher

alle Privilegien der Gemeinde- und Stadtärzte (auch für

ihre Familien) zusammenfassen ließ, ist hervorzuheben, daß

dieselben zur Unterrichtstätigkeit durch in Aussicht gestellte

Belohnungen und Besoldungen angeeifert wurden: Mercedem etiam

eis et salaria reddi jubemus, quo facilius liberalibus studiis

et memoratis artibus multos instituant. Außer den Hof- und

Stadtärzten führten auch die Vorstände der ärztlichen Kollegien

den Titel „archiater” (archiatri scholares), ferner die Aerzte

der Vestallinnen und der öffentlichen Gymnasien. -- In der

späteren Kaiserzeit kamen für Aerzte (vorzugsweise Hofärzte)

noch verschiedene Rangerhöhungen und Titel in Betracht, das

Perfectissimat („vir perfectissimus” ═ dem Rang des Eques

entsprechend) und die weit höher stehende, in drei Grade

zerfallende „comitiva dignitas” (der „comes archiatrorum” führte

das Prädikat „vir spectabilis”). Bisweilen wurden Aerzte sogar

zu hohen Stellen in der Staatsverwaltung berufen.

[19] Auf der Trajanssäule sieht man in einem Relief die Szene

dargestellt, wie ein Arzt mit der Anlegung eines Beinverbandes

bei einem verwundeten Soldaten beschäftigt ist.

Was die Honorarverhältnisse anlangt, so herrschten im einzelnen die

größten Unterschiede, je nach dem Ruf, welchen der Arzt genoß, je nach

der sozialen Schichte, in der er wirkte. Während zahlreiche Aerzte,

namentlich solche, die Armenpraxis übten, zeitlebens arm blieben, und

der Durchschnittsarzt durch die große Konkurrenz zu sehr geringen

Honorarforderungen gezwungen wurde (in der älteren Zeit betrug das

Honorar für einen Besuch einen Nummus) -- hören wir von einzelnen

Glücklichen, die als Leibärzte, Konsiliarärzte oder Spezialisten

unglaubliche Summen erwarben. Beispielsweise sei nur angeführt,

daß die Leibärzte Quintus Stertinius und C. Stertinius Xenophon 30

Millionen Sesterzen hinterließen, oder daß der Legat Manilius Cornutus

für die Behandlung eines Hautleidens 200000 Sesterzen bezahlte.

Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil · 第 1 / 76 段