Den Kopf aufwerfend fragt Alphons: „Wie, was?“

„Ein Sendbote ist da!“

„Von wem gesandt?“

„St. Georgen läßt Ew. Gnaden eine Kunde thun!“

Erregt springt Alphons auf und befiehlt: „Bringt den Boten in meine

Zelle!“ Unterwegs ruft der Abt dem Großkeller zu, die Hörigen mit Frater

Hilarius abzufertigen, es bleibe beim Befehl der Verhaftung des Vogtes

von Ehlenbogen.

Die Neuigkeit leise besprechend nehmen die Patres den Morgenimbiß ein,

indes P. Jakob den Befehl vollzieht mit schwerem Herzen.

Am Fenster seines mit fürstlicher Pracht ausgestatteten Gemaches

stehend, liest Alphons die ihm gewordene Epistel des Abtes vom Stift St.

Georgen, der ihm rät, den Klosterschatz, Urkunden und Privilegien so

rasch als möglich an sicheren Ort, am besten nach Villingen zu

verbringen, denn es drohe schwere Gefahr: Österreich werde die Klöster

opfern, und Eberhard zugreifen. Bleich bis in die Lippen ist Abt

Alphons geworden, und seine Hände zittern. Daß es schlecht stehe um die

Klosterherrschaft, weiß Alphons seit dem Regensburger Reichstag, wo man

ihn samt den später erschienenen Kollegen von den Beratungen

ausgeschlossen, selbst nur zu gut, und die Chancen der Abteien stiegen

und fielen je nach den Fortschritten, die Württembergs Alliierte auf dem

Schauplatz des Krieges oder der Diplomatie machten. Welche Gefahr mag

nun jetzt im Anzug sein, da der Amtsbruder von St. Georgen zur Flucht

rät? Gilt das kaiserliche Mandat[20] nicht mehr? Haben die kaiserlichen

Truppen eine Niederlage erlitten? Warum nur der Kollegissimus nichts

Näheres schreibt?! Doch, da unten am Rand der Epistel ist hingekritzelt:

„Bayern und Österreich haben uns aufgegeben, wir aber haben

beschlossen, uns unter französischen Schutz zu begeben, um die

Selbständigkeit zu retten: Thue desgleichen! Befehlshaber ist Baron

d'Oisonville in Breisach! Georg.“

Heiß steigt dem Abt das Blut zu Kopf; der Gedanke Frankreich zum Schutz

aufzurufen, erregt Alphons, es hämmern und pochen die Schläfe, sein

Körper zittert und die zuckenden Lippen flüstern: „Frankreich!

Frankreich! Wird es uns nützen, uns retten? Die Not und Gefahr ist groß!

Kommt Eberhard ins Land zurück, so ist 's zu Ende!“ Ein Seufzer aus

gequälter Brust begleitet diese Worte. Dem in seinen alten Rechten

bedrohten Abt ist es schwer ums Herz. Mag der Prälat von Georgen

leichter sich unter französischen Schutz begeben haben oder bereit sein

zu diesem unzweifelhaft folgenschweren Schritt: Alphons vermag ihn nicht

so rasch zu thun. Es regt sich im tiefsten Grunde ein Gefühl der

Anhänglichkeit an die Heimat, und diese ist und bleibt ja doch das

deutsche Württemberg. Aber wie zerfahren sind die Verhältnisse im

schwäbischen Heimatlande! Der fremde, freilich den Glauben schirmende

österreichische Kaiser, für die Klöster Hort und Schützer, gebietet mit

Waffengewalt, der Schwede kämpft für den Herzog und den neuen Glauben,

und eigentlicher Herr, angestammt von Gottes Gnaden, Landesvater ist der

exilierte Herzog Eberhard. Fern der Heimat lebt der Herzog; kommt er

wieder und siegen die schwedischen Waffen, so endet die

Klosterherrschaft wie einst unter Abt Jakob Hohenreuter. Ein Rangen

ist's um Pflicht und Vaterlandsliebe. Hier gebietet der Eid auf Glauben

und Papst, dort mahnt das Gefühl der Landesangehörigkeit. Kann und darf

sich der Abt von Alpirsbach von den Prälaten und Bischöfen trennen, darf

er die Herrschaft des Klosters preisgeben dem andersgläubigen

Landesherrn? Ist der Abt nicht durch heilige Eide gebunden, sein Leben

hinzugeben für den Bestand der Abtei nach verbrieften Rechten? Gewährt

Österreich, Kurbayern dem Kloster nicht mehr Schutz und Schirm, so ist

es Pflicht, neuen Schutz zu suchen. Eberhard bietet solchen nicht, sein

Sinn muß auf Wiedergewinn seines Landes und Neuerwerb, Vergrößerung des

Gebietes, Einverleibung der selbstherrlichen Klöster gerichtet sein.

Sein Scepter bedeutet das Ende....

Wie aber, wenn des Großkellers Sehnen Verwirklichung finden könnte?

Württembergisch werden und dennoch beim alten Glauben bleiben! Wird

Eberhard das bewilligen können? Muß er nicht, gestützt auf Gustav Adolfs

Erfolge, folgerichtig vorgehen, dem Protestantismus Ausbreitung

gewähren, nachdem das herzogliche Haus sich dem neuen Glauben zugewandt?

Und benötigt Eberhard nicht den Reichtum der Klöster zur

Wiederaufrichtung des Herzogtumes? Er ist gezwungen zur Einverleibung!

Ein harter Zug zeigt sich in Alphonsens Antlitz, wie er nach Pergament

und Feder greift, um dem Amtsbruder in Georgen Antwort zu geben in

unverfänglichen Worten. Mit dem Schreiben, verborgen im Wams, reitet

bald darauf der Bote ab.

Noch sitzen die Mönche beim Morgenimbiß, da bittet Eusebius demütig in

der Pförtnerzelle, es möge einer der Patres die Beerdigung seines Weibes

vornehmen, der Meßner und Totengräber sei bereits verständigt. Grimmig

fährt der Bruder Pförtner den Bittsteller an: „Was erfrechst du dich,

du, ein Pelagier! Die ehrwürdigen Herren sitzen noch beim Imbiß! Kannst

du nicht warten? Den Zuchtmeister werd' ich dir auf den Hals schicken!

So eine Frechheit! Als ob das tote Pelagierweib nicht warten könnte!“

Der Pförtner ereifert sich, daß sich seine dicken Wangen glutrot färben

und seine Zornesrufe durch die Gänge hallen. Angelockt von dem Gezeter

kommt P. Jakob in die Zelle und fragt nach dem Anlaß so lauter

Strafrede. Erbost will der Pförtner abermals loslegen, doch der milde

alte Mönch heißt ihn schweigen und fordert den Pelagier auf, sein

Anliegen vorzubringen. Euseb wiederholt seine Bitte um kirchliche

Beerdigung seines verdorbenen Eheweibes. Gutmütig nickt P. Jakob dem

Hörigen Genehmigung zu, gleichzeitig dem Pförtner sein Verhalten

verweisend. Ein Mensch sei auch ein Höriger, und Christenpflicht sei es,

solcher Bitte zu willfahren. Zu Euseb gewendet, heißt der Pater ihn

alles vorzubereiten, er selbst werde Chorrock und Stola holen und die

Einsegnung vornehmen. Dankbaren Gefühles entfernt sich Euseb, und der

alte Mönch huscht hinauf in seine Zelle. Knurrend bleibt der Pförtner

zurück und setzt die Flickarbeit an der eingeschlagenen Scheibe fort,

ärgerlich, daß der Großkeller mit seiner Güte noch die Leute völlig

verderben werde. Wegen eines Pelagiers gleich laufen! Prügeln hätte man

ihn sollen für sein Ansinnen, die Patres beim Imbiß stören zu wollen!

Ein Höriger verdient überhaupt nichts als Prügel bei jeder Gelegenheit,

auf daß er den Unterschied zwischen frei und hörig begreife und fühle.

Würdig hat der seelensgute alte Mönch die Handlung am Grabe vollzogen,

dem erschütterten Pelagier warme Trostesworte gespendet und ein Gebet

für die Tote verrichtet. Niemand steht außer dem Priester, dem Pelagier

und Totengräber und Küster am offenen Grabe. Letztere mürrisch, denn für

die Einscharrungsarbeit erhalten sie keinen Lohn. Drum eilen sie sich

auch so mit dem Zuwerfen des Grabes, und insbesondere der dicke Küster

glaubt den schmerzbewegten Witwer an die baldigst vorzunehmende

Zinsleistung gemahnen zu sollen. Wie dem armen Pelagier das Herz

krampft! Einen letzten Blick wirst er auf die Stätte, die sein Liebstes

birgt, dann verläßt er den Friedhof und kehrt langsamen Schrittes in den

Wald zurück. Der Tann hat mehr Mitleid und heißt den Heger willkommen

durch sanftes Rauschen.

Und noch am selben Tage erscheint der Zinsmeister, um das Falltier, Hut,

Schuhe, Gürtel und Tuch des Weibes zu holen.

„Nimm doch gleich die andere Ziege auch mit!“ ruft verbittert der

Pelagier.

„Das beste Stück für den Abt! Mehr zu nehmen, bin ich nicht befugt. Wenn

es dich ärgert, mach' es anders! Warum bist du unfrei geboren worden!“

Dem Hohn schließlich noch Großkellers Auftrag, Wildpret für die

Klosterküche zu beschaffen, beifügend, entfernt sich der Zinsmeister mit

der Fallziege und den Zinsgegenständen der toten Pelagierin. Euseb

starrt vor sich hin, teilnahmslos, wie geistesabwesend. Der große

Schmerz wirkt lähmend auf den schier gebrochenen Mann.

* * * * *

Euseb ist in den Tann gezogen, um auf ein Schmaltier zu pirschen und die

Stiftsküche mit frischem Wildpret zu versorgen. Den bitteren Schmerz

drängt er gewaltsam zurück, es ruft die Pflicht. Mag das Stift noch so

hart umgehen mit den Hörigen und das Dasein eines Pelagiers ein

jämmerliches sein: zu ändern ist es nicht solange die Abtei Herrin ist

und die Leibeigenschaft zu Recht besteht. Wenn freilich der

Württemberger über das Stift käme! Wenn Eberhard von Straßburg in sein

Erbland zurückkehren und seine Hand auf Alpirsbach legen würde — —! Ob

es dann nicht anders, die Leibeigenschaft aufgehoben werden würde?!

Frei sein; wie das herrlich sein müßte!

Unwillkürlich hat sich Euseb aufgerichtet, es hebt und dehnt sich seine

starke Brust, höher geht sein Atem. Wenig achtsam, ganz erfüllt von dem

berauschenden Gedanken an ein Freiwerden von Hörigkeit, ist der Pelagier

auf ein dürres Ästlein getreten, und das knarrende Geräusch läßt ihn

zusammenzucken. Wie achtlos und unklug für einen Jäger! Lautlos pirscht

Euseb weiter durch das in feierlicher Ruhe liegende weitgedehnte

Waldgebiet und steuert einer kleinen Waldwiese zu, nahe der von Süd

heraufziehenden Straße. Plötzlich lärmt im dichten Stangenholz eine

Amsel, den Abendfrieden jäh unterbrechend, und sichernd zieht ein

Feisthirsch von Holz zur Äsung. Ein kapitaler Zwölfer ist's, der

plötzlich aufwirft und sichert. Auch Euseb sieht scharf aus nach der

Ursache der Beunruhigung des stolzen Hirsches. Dunkle Gestalten kommen

die Straße herangezogen in Wehr und Waffe; hochgemacht durch das von

diesen verursachte Geräusch prasselt der Hirsch ins Holz zurück und ist

in wenigen Fluchten verschwunden. Ärgerlich tritt der Pelagier auf die

Straße hinaus und äugt nach den schwätzenden Gestalten. Bei Gott,

Musketiere sind es, Franzosen, die offenbar gen Alpirsbach marschieren

als Vorhut! Ein jäher Schreck durchfährt den Heger und blitzschnell

jagen die Gedanken durch den Kopf. Droht dem Kloster Gefahr, soll er in

rasender Flucht zum Stift eilen und warnen? Soll er den Trupp aufhalten?

Wer aber wird die Abtei alarmieren? Wie kommen die Franzosen in die

Waldeinsamkeit? Was thun? Es wirbelt dem Manne im Kopf. Unschlüssig

sucht er zunächst Deckung im Dickicht des hart die Straße besäumenden

Waldes; er will sich über die Zahl der anrückenden Truppen vergewissern.

Der Trupp zieht schwätzend mit geschulterten Gewehren vorüber. Immer

finsterer wird es im Tann und stiller. Euseb lauscht gespannt in die

Waldesnacht hinaus; sein geübtes Ohr vernimmt dann das dumpfe Geräusch

schwerer Tritte, es wird eine größere Kolonne heranmarschieren. Nun gilt

es, so rasch wie möglich den Abt zu verständigen, die Abtei zu besetzen

mit waffenfähigen Hörigen, auf daß der Feind scharf empfangen werden

könne. Der Pelagier huscht längs des Waldrandes in flüchtigen Sätzen

durch den dunkeln Forst, biegt, als er der Vorhut in den Rücken kommt,

seitlich ein, umkreist den Trupp, und stürmt nach Alpirsbach.

Die friedliche Siedelung, aus deren Fenstern trauliche Lichter blinken,

wird jäh durch Eusebs Alarmrufe aufgeschreckt, die Klosterunterthanen

stürzen aus den Häusern und fragen bestürzt den von Haus zu Haus

laufenden Pelagier, was denn los sei. „Die Franzosen kommen, bewaffnet

euch!“ schreit Euseb und eilt in die Abtei, um auch hier zu alarmieren.

Fassungslos rennen die Brüder durcheinander, erregt verlassen auch die

Patres ihre Zellen. Euseb wird zum Abt geführt, dem er hastig Meldung

macht vom Anzug der gefürchteten französischen Musketiere.

Lächelnd nimmt Abt Alphons den Bericht entgegen und sagt: „Die kommen

rascher, als ich erwartet! Du hättest jedoch ruhig in deinem Revier

bleiben können!“

„Verzeihung Euer Gnaden! Ich glaubte — der Feind — wir werden verloren

sein, darum rief ich alles zu den Waffen!“ stammelt der Pelagier.

„Nein, nein! Nichts von Waffen! Das Kloster soll die Schutztruppe gut

empfangen und reichlich bewirten und die Unterthanen den Soldaten

Quartier geben!“

„Herr! Kommen die Franzosen denn als Freund?“

„Gewiß! Ich selbst habe sie gerufen!“

Ein Ruf namenloser Überraschung entfährt dem weitgeöffneten Mund des

Hörigen.

„Es ist so! Die Franzosen sollen uns schützen!“

„Ihr, ihr habt die Fremden gerufen gegen Württemberg — —! Ihr, ein

deutscher Abt?“

Zornig stampft Alphons mit dem Fuße auf den Boden und spricht drohend:

„Was unterfängst du dich, du, ein Höriger! Geh' und vermelde den

Unterthanen meinen Willen: Die Soldaten sind freundlich aufzunehmen und

einzuquartieren! Fort mit dir!“

Euseb verläßt das Gemach des Abtes mit wirrem Kopf; ist er auch nur ein

armer Leibeigener des Stiftes, unfrei und zu harter Arbeit geboren: das

Verhalten des mächtigen Prälaten versteht er nicht, sein deutscher Sinn

vermag nicht zu fassen, wie man fremdes Kriegsvolk zum Schutze

herbeirufen kann. Ob sothanes Thun sich nicht bitter rächen wird?! Dem

Hörigen schwant schweres Unheil und tiefe Betrübnis spricht aus seinem

Gesicht. Wie Euseb den Gang herabkommt, stößt er auf den greisen

Großkeller, der ihn sofort fragt, ob es wahr sei, daß französische

Soldaten im Anzuge gen Alpirsbach seien. Der Pelagier bejaht seufzend

und fügt hinzu, daß er eben Seiner Gnaden davon Meldung erstattet habe.

Erwartungsvoll fragt Pater Jakob weiter: „Nun, und was befiehlt der

Abt?“

„Die von ihm herbeigerufenen Musketiere sollen —“

„Was sagst du? Der Abt selbst hätte sie gerufen?“

„Ja, so sagte er! Sie sollen das Kloster vor dem Württemberger schützen,

und wir Unterthanen sollen das fremde Kriegsvolk freundlich aufnehmen

und beherbergen.“

„Das ist ja himmelschreiend! Seine Gnaden selbst — ich kann's nicht

glauben! Ich muß den Abt selber fragen!“ Und bestürzt eilt der alte

Konventuale hinauf zu den Gemächern des Prälaten.

Euseb verläßt die in vollem Aufruhr befindliche Abtei und sucht trotz

nächtlicher Finsternis das Grab seines Weibes auf, um an denselben ein

Gebet für die Tote zu verrichten.

Wie fassungslos kommt Pater Jakob herunter und steuert in die Küche, um

dem Personal den Befehl des Abtes zu überbringen, daß alles zur

Bewirtung der Franzosen bereit gehalten werden solle. Das Unglaubliche

ist zur That geworden: Alphons selbst hat nach Breisach geschrieben und

das fremde Kriegsvolk gerufen!

Trommelwirbel tönt durch die finstere Nacht, die Musketiere rücken ein,

begafft von den Klosterunterthanen. Kommandorufe werben laut, eine

Abteilung marschiert dröhnenden Schrittes auf die Abtei zu und stellt

sich auf. Rasselnd fahren die Gewehrkolben nieder und schlagen auf dem

harten Boden auf. Kopf an Kopf gedrängt beschauen die Klosterbrüder das

ungewohnte militärische Schauspiel. Der Platz vor der Abtei füllt sich

immer mehr mit Musketieren, die bei Fackelbeleuchtung einschwenken und

Posto fassen. Ein Offizier tritt in die Klosterpforte und verlangt den

Abt zu sprechen. Mit offenem Munde guckt der Pförtner den Franzosen an.

„Sacre bleu, avant!“

Der Pförtner steht wie versteinert. Doch da kommt Abt Alphons bereits in

eigener Person zum Empfang und lädt den Offizier zum Eintritt ein.

Ein Schwall gallischer Worte fliegt dem Abt entgegen: der Kommandeur

erstattet wohl eine militärische Meldung, deutet mit dem Degen auf seine

Soldaten und schwätzt weiter.

Unwillkürlich suchen des Abtes Finger einen Ruhepunkt hinter den Ohren.

Eine üble Situation. Der Abt muß schleunigst französisch lernen, sonst

wird ein Verkehr unmöglich sein. Einstweilen muß die Zeichensprache

aushelfen; der Abt lädt durch eine Armbewegung zum Eintritt ein.

Der Kommandeur überreicht einen Brief, verbeugt sich und giebt, zur

Truppe gewendet, Befehl zum Einrücken. Die Offiziere treten heran,

schreiten unter Führung des Abtes ins Refektorium, und hinterdrein folgt

ein Teil der Musketiere, indes der Rest auf dem Platz verbleibt.

Ratlos sieht Abt Alphons die Invasion des klösterlichen Refektoriums:

die Mannschaft greift aus den Schüsseln jegliches Erreichbare, labt sich

durch flüchtigen Trunk aus den Kannen und Krügen und tritt dann auf

Befehl wieder ab. Gleich darauf marschiert die andere Abteilung im

Refektorium auf, lärmend, schwätzend, drängend. Der Kommandeur fordert

frisches Auftragen von Lebensmitteln; die Klosterherren stehen stumm wie

die Mauern.

Ein neuer Befehl — und ein Dutzend Mann springen fort, suchen die Küche

und schleppen aus ihr herauf, was sie erwischen können. Vergeblich

zetert der Koch und seine Gehilfen, sie werden rücksichtslos zur Seite

gestoßen. Lachend bringen die Soldaten die requirierten Viktualien

herauf, und rasch ist die Verteilung vorgenommen. Sodann werden dem Abt

die leeren Kannen vorgewiesen und durch Umkehren der Krüge der Wunsch

nach frischer Füllung deutlich zum Ausdruck gebracht.

Auf einen Wink des Abtes verschwindet Pater Jakob und einige Brüder,

aber gleichzeitig auch die Requisiteure der Kompagnie, die vergnüglich

den Gang in den Keller mitmachen und sogleich kleinere Fässer „fassen“

und auf den Platz vor der Abtei bringen, wo die Truppe mit schallendem

Halloh das Naß begrüßen. Die Musketen werden in Pyramiden

zusammengestellt, Becher und Krüge aus dem Kloster geschleppt, die

Fässer angebrochen, und nun wird gezecht bei qualmendem Fackelschein.

Bald verkünden kreischende Weiberstimmen, daß die Franzosen neben Wein

und Lied auch noch Weiber zu lieben pflegen.

Im Refektorium ist's stiller geworden, und verweilen nur noch die drei

Offiziere und der Abt mit einigen Konventualen. Auf einen Wink des

Prälaten wird die Tafel rasch frisch gedeckt, worauf Alphons auf gut

deutsch die Herren einlädt, am Abendmahl teilzunehmen. Wie gut doch die

Franzosen jetzt deutsch verstehen! Sie erweisen der Klosterküche alle

Ehre und sprechen dem Weine tapfer zu. Nur die jetzt unter französischem

„Schutz“ stehenden Mönche lassen alles unberührt, ihnen, wie dem Abt

selbst, ist jeglicher Appetit vergangen. Beklommen flüstert P. Gotthard

dem Prälaten zu, wie das denn für die Nacht, wo denn die Menge Soldaten

untergebracht werden solle.

Unter einer höflichen Verbeugung gegen den Abt sagt zu aller

Überraschung der Kommandeur im holperigem Deutsch: „Kloster für alles

sorgen muß!“

Dazu ist trotz der schweren Last der Abt gern bereit, im Frohgefühle,

daß der Offizier doch etwas Deutsch versteht, und giebt Alphons sofort

Befehl, die Offiziere und Sergenten in der Abtei selbst, einen Teil der

Musketiere in den Lagerräumen, den Rest der Soldaten jedoch in den

Häusern der Hörigen und sonstigen Unterthanen unterzubringen. Sofort

erheben sich die Offiziere, um die Durchführung dieser Anordnung

persönlich zu überwachen.

Die Mönche können das Tischgebet ja alleine verrichten. Indes es draußen

wie im Kloster lärmend hergeht, liest Abt Alphons das ihm übergebene

Schreiben von Baron l'Oisonville. Wenn auch nicht alle Ausdrücke und

Redewendungen ihm verständlich sind, den Inhalt erfaßt der Abt doch

sofort, und erblassend starrt er auf das inhaltschwere Schreiben, in

welchem der französische General kurz und bündig mitteilt, daß das

Gesuch um Schutz bewilligt werde durch Entsendung von einhundert Mann

nebst drei Offizieren gegen monatliche Zahlung einer Entschädigung von

dreißig Gulden rheinischer Währung und Verpflegung der gesamten

Musketiere auf die Dauer von vier Jahren und Verpflichtung zum

Schadenersatz an Menschenleben, Wehr und Waffen im Falle jeglicher

kriegerischer Aktion, so solche aus einem Angriff von Schweden oder

Württembergern auf klösterlichem Grund und Boden erfließen sollte.

Abt Alphons faßt sich an die Stirne, und bebend flüstert er: „Großer

Gott! was habe ich gethan!“ — — Tief erschüttert sucht er seine Gemächer

auf; er muß allein sein jetzt, allein mit sich selber.

* * * * *

Rücksichtslos, gewaltthätig vollzieht sich zu später Stunde bei

Fackelschein die Einquartierung bei den Klosterunterthanen, deren

Schreckensrufe zum nächtlichen Himmel tönen. Auch Abt Alphons wird durch

das Geschrei und Gejammer der Leute, die man aus den Betten riß, um

selbst darin zu ruhen, aus seiner Erstarrung geweckt und verstört blickt

er durch das Fenster auf den Schauplatz der heraufbeschworenen

Kriegsgreuel. Johlend hetzen betrunkene Soldaten dürftig gekleidete

Mädchen, die sie aus den Häusern gejagt, umher; Weiber werden von Gatten

und Kindern gerissen und mißhandelt, Burschen geprügelt, wenn sie sich

im geringsten wehren gegen verlangte Knechtesdienste, und Männer

gefangen gesetzt, sobald sie gegen solches Gebahren protestieren.

Wird einer der Offiziere sichtbar, so weichen die Musketiere wohl zurück

und geben Ruhe; kaum aber kehren die Befehlshaber den Rücken, wird um so

wilder getobt, und behaglich lachen die aufgestellten Posten zu den

wüsten Scenen.

Eine schönere Gelegenheit zu einem Lasterleben ohne Dienst kann der

Soldateska nimmer geboten werden; sie ist Gast eines reichen Klosters

und Schützer, daher auch Gebieter. Die Soldaten haben rasch die günstige

Lage begriffen und lassen ihrem Übermut vollends die Zügel schießen,

zumal der überreiche Weingenuß die rauhen Kriegsknechte toll gemacht

hat.

Händeringend steht der Abt am Fenster, Verzweiflung im Herzen. Ist er

völlig wehrlos gegen solche Greuel in nächster Nähe der geweihten

Stätte? Noch ist er Herr auf eignem Grund und Boden, noch ist er und

nicht die Franzosen Abt und Gebieter von Alpirsbach. Alphons rafft sich

auf, er will solche Übelthaten gleich am ersten Abend unterdrückt sehen,

heute noch, ehe sie weiter um sich greifen. Entschlossen geht der Abt

hinab zum Refektorium, wo er die Offiziere beim Wein sitzend wähnt. Dem

ist wirklich so: die Franzosen sitzen an der Klostertafel beim

Würfelspiel.

Entsetzt besieht Alphons diese Gruppe: im Refektorium ein Würfelspiel!

Und wie bereitwillig die jüngeren Konventualen und Brüder den Herren

immer neue Kannen zutragen und vergnüglich dem Würfelspiel zusehen! Wie

einst Jesus Christus die Händler aus dem Tempel, so möchte Abt Alphons

die Offiziere jetzt in heiliger Entrüstung von dannen jagen ... Aber hat

nicht er selbst sie gerufen, sie als Gäste aufgenommen im früher so

stillfriedlichen Kloster?! —

Wieder dringt Geschrei und Johlen herein. Der Abt zuckt zusammen, fest

pressen sich seine Lippen aufeinander, würdevoll schreitet er auf den

Kapitän zu.

Ärgerlich ob der Störung im Spiel, erhebt sich der Kommandeur und fragt,

halb zum Abt, halb aber zu den Spielern gewendet, nach dem Wunsche des

Klostervorstandes.

Mit bebender Stimme weist Alphons auf die beobachteten wüsten Vorgänge

draußen hin und fordert Zucht und Ordnung.

Der Kapitän zuckt die Achseln und erwidert leichthin: „à la guerre comme

à la guerre, Monsieur l' Abbé!“ und wendet sich vollends zu den

Spielern.

Eine jähe Röte schießt dem Prälaten ins Antlitz, zornig ruft er. „Nein,

Herr Kapitan! Hier giebt es keinen Krieg zu führen, zunächst noch nicht!

Was ich gesehen, sind Kriegsgreuel, und solche dulde ich nicht! Ich bin

Herr und Gebieter hier und verbiete dergleichen!“

Spöttisch sieht der Kapitän dem Redner ins Gesicht und spricht unter

höhnischem Lächeln: „Pardon, Monsieur l'Abbé! Dominateur et chef de

Alpirsbak sein ik! Bon soir!“

Unbekümmert um den sprachlos gewordenen Abt und die wie versteinert

stehenden Mönche setzt sich der Kapitän wieder zu den Offizieren und

würfelt vergnüglich weiter. Und was die Konventualen wie die Fratres

noch mehr als die Kunde, das Alphons selbst die Franzosen herbeigerufen,

überrascht, daß ist die Thatsache, daß der Abt die Anmaßung der

Franzosen widerspruchslos läßt und mit gesenktem Haupte aus dem zur

Lasterhöhle gewordenen Refektorium schreitet. Der früher herrisch stolze

Abt beugt sich einem gallischen Windbeutel und überläßt dem Franzosen

die Herrschaft über Alpirsbach!

Die Mönche suchen nun auch ihre Zellen auf bis auf die Aufwärter, die

verharren müssen, bis es den Franzosen gefällig ist, das Spiel und

Gelage zu beendigen, um sodann die Lichter auszulöschen und die Herren

in ihre Gemächer zu führen.

* * * * *

Knieend am Grabe seines Weibes hat Euseb ein inbrünstig Gebet

verrichtet; eben ist er im Begriff, sich zu erheben und den Friedhof zu

verlassen, als Trommelwirbel an sein Ohr schlägt. Die Franzosen sind

da, auf welche der Pelagier vergessen hat in seiner Wehmut und Andacht.

Mit dem widerwärtigen Kriegsvolk will Euseb am liebsten gar nicht in

Berührung kommen, weswegen er am Grabhügel verharrt, geschützt durch die

finstere Nacht. All' die wüsten Vorgänge kann Euseb von hier aus

deutlich wahrnehmen, und die Greuel lassen ihn erschauern. Seine Fäuste

ballen sich, die Adern schwellen, heiß drängt das Blut zum Herzen. Und

all' das wüste Treiben eines ausgeladenen Kriegsvolkes hat der Abt

selbst heraufbeschworen, selbst verlegt auf den stillen Weiheboden von

Alpirsbach! Der Deutsche schrie nach dem Franzosen! Und nun hat er die

Bescherung! Den deutschen Württemberger fürchtete er, und französische

Schändlichkeit muß er nun dulden. O, hätte der stolze mächtige Abt auch

nur ein winzig Teil von dem deutschen Empfinden des armen Hörigen! Doch

jetzt ist's zu spät! Der gallische Hahn ist gerufen, und nun kräht er...

Jenes Mägdlein in dürftiger Kleidung, verfolgt von einigen betrunkenen

Soldaten, flüchtet in Todesangst direkt auf den Friedhof zu, und

brüllend vor sinnloser Lust folgen die Kerle. Wie sie aber bei

Fackelschein erkennen, daß Grabkreuze aufragen, prallen sie zurück und

machen kehrt. Nur ein Musketier dringt in den Kirchhof ein und taumelt

der weißgekleideten Gestalt des Mädchens nach. Was gilt dem Franzosen

die Friedhofsruhe und geweihte Stätte der Toten!

Hart an Euseb vorbei hastet die entsetzte Jungfer, hinterdrein fluchend

und johlend der Kriegsknecht. Plötzlich erhebt sich der Pelagier in

seiner ganzen Größe, reißt vom nächsten Grabe das Holzkreuz aus der

Erde und schlägt es mit Wucht auf den Schädel des Wälschen.

„Der schändet deutsche Tugend nimmer!“ flüstert Euseb, ruft dann leise

das Mädchen herbei, dem er rät, die Schreckensnacht im Beinhause des

Friedhofes zu verbringen. Dort sei die Jungfer sicher vor jeglicher

Nachstellung. Wohl zittert das Mädchen, aber lieber bei Gebeinen und

Totenköpfen die Nacht verbracht, als unter französischer

Lasterhaftigkeit. Der Pelagier aber setzt mit kühnem Sprung über die

Friedhofsmauer und entflieht unter dem schützenden Dunkel der

Herbstnacht in den Tann.

Spät erst verlöschen Lichter und Fackeln und legt sich der Lärm und

Jammer. Nur der gleichmäßige Schritt der Wachposten ist hörbar und kurze

Rufe bei Ablösung derselben.

In seinem Gemach kniet der Abt vor dem Kruzifix, bitterlich weinend, den

unglückseligen Schritt bereuend und Gott den Allmächtigen um Schutz für

das Kloster anflehend....

* * * * *

In der Dämmerung des kalten nebligen Morgens verläßt das Mädchen

frostdurchschüttelt das Beinhaus und huscht durch den Friedhof, um über

den Platz vor der Abtei das Elternhaus so rasch als möglich zu

erreichen. Doch der Wachposten hält die Jungfer an, sein Ruf lockt

Soldaten herbei, die eben im Begriff standen, das Frühstück zu

requirieren, mit Halloh wird das nur mit Hemd und Nachtjäcklein

bekleidete Mädchen umringt. Gellend schreit das geängstigte Mädchen um

Hilfe und wehrt sich verzweifelt gegen die Zudringlichkeiten der

Musketiere. Ein Sergent aber, der die Flucht aus dem Friedhof

wahrgenommen, tritt in denselben, um nachzusehen, was sich wohl zwischen

den Gräbern ereignet haben möchte. Bald hat er die Leiche des

erschlagenen Soldaten erblickt, auf die er losstürzt und dabei aus

Leibeskräften um Hilfe ruft. Betroffen lassen die Musketiere das Mädchen

los und laufen in den Kirchhof, den Kameraden zu holen. Ein betäubendes

Geschrei folgt, die Soldaten zetern und brüllen, der Sergent läßt durch

den Trompeter Alarm blasen, und in wilden Sätzen stürmen die Musketiere

notdürftig bekleidet, doch mit ihren Waffen heran. Im Kloster wie in den

Häusern wird's lebendig, Hörige, Mönche laufen zusammen, auch die

Offiziere kommen mit blankgezogenen Degen angerannt, Befehle schreiend

und die Kompagnie formierend. Hastig fordert der Kapitän en chef

Rapport, und ein wilder Fluch entfährt seinem Munde beim Anblick des

ermordeten Musketiers. Dann wird eine Patrouille zur Fahndung nach dem

unbekannten Mörder entsendet und ein Lieutenant mit vier Mann

abgeschickt, den Abt herabzuholen.

Abgehärmt, bleich nach schlaflos verbrachter Nacht, unsicheren Ganges

folgt Abt Alphons dem Offizier heraus auf den Klosterplatz. Ohne Gruß

deutet der Kapitän mit der Degenspitze auf die am Boden liegende Leiche

und fordert Rechenschaft vom Prälaten, der für jeden Mann wie für jede

Waffe verantwortlich sei.

Alphons bebt; die Leiche sagt ihm das, was er in der Rede des

Kommandeurs nicht verstanden.

„Monsieur l'Abbé sein obligé, müssen zahlen contribution: cent florins

par l'homme, und stellen un homme Ersatz. Und Strafe extra an jede Mann

cinq sous! Wird meurtier nix gestellt: deux fois cent florins!“

Alphons ringt in Verzweiflung die Hände: „Ich bin doch unschuldig an der

Unthat!“

Der Kommandeur läßt die Kompagnie einrücken, den Toten in das Beinhaus

tragen und begleitet den fassungslosen Abt in das Kloster, um die

verhängte Kontribution sofort einzukassieren.

* * * * *

Zu wahren Schreckenstagen wurde für das Kloster die nächste Zeit; die

Musketiere zeigten sich immer gieriger, raubten aus Küche und Keller,

immer dabei auf die Mordthat verweisend, die gerochen, für die die

gesamte Bevölkerung bestraft werden müsse. Das Schutzgeld verlangte der

Kapitän auf Monate voraus, verpraßte es teils im Spiel mit den

Offizieren, teils schickte er es nach Frankreich und forderte dann immer

neue Summen, sobald Ebbe im Beutel war.

So kam es eines Tages dazu, daß der Großkeller Pater Jakob dem Abt mit

Betrübnis mitteilen mußte, daß alle Vorräte aufgezehrt seien und neue

Lebensmittel beschafft werden müßten. Zugleich fragte der greise

Konventuale, ob er selbst vielleicht in Dornhan[21] Lebensmittel

verlangen solle. Abt Alphons will jedoch selbst, und zwar nach

Villingen reisen, in der Hoffnung, mit dem Amtsbruder Georg von Sankt

Georgen zusammentreffen zu können, behufs einer Beratung der durch die

Herbeirufung der Franzosen geschaffenen bösen Lage des Klosters. Alphons

giebt bezüglichen Befehl und trifft die nötigen Vorkehrungen; insonders

wird auch der Kapitän verständigt mit dem Ersuchen, einige Musketiere

zum persönlichen Schutze des Abtes abzuordnen, wasmaßen bei den

unruhigen Zeiten allgemeiner Unsicherheit militärische Begleitung

dringend nötig ist, und der Abt immerhin eine größere Summe Geldes zum

Einkauf von Nahrungsmitteln mit sich führen wird. Über den Zweck der

Reise informiert, stellt der Kommandeur bereitwillig eine Abteilung

seiner Musketiere zur Verfügung, die in Wehr und Waffen des

Aufbruchbefehles harren. Aus seinem Bedenken gegen die Reise nach

Villingen und gegen diese Begleitung macht Pater Jakob dem Abt gegenüber

kein Hehl, doch Alphons weist jede Mahnung unwirsch zurück. Ihn drängt

es nach einer Aussprache mit dem Abt von Sankt Georgen, mit dem er reden

muß, um zu erfahren, ob auch jenes Kloster unter französischem Schutz so

schwer leidet. Hat Georg dem Alpirsbacher geraten, die Franzosen zu

rufen, so weiß der Georgener möglicherweise Rat, sie wieder los zu

werden. Und die Greuelwirtschaft muß ein baldiges Ende finden; nur ist

sich Alphons darüber nicht klar, wie er die Franzosen aus dem

Klostergebiet bringen soll. Vier Jahre solchen „Schutz“ zu dulden, ist

unmöglich, unerträglich für Alphons, der die nagende Reue im Herzen

trägt, die Reue, den Rat des Georgener Abtes befolgt zu haben aus

übertriebener Furcht vor dem Württemberger. Daß ihn der begangene

Schritt reut, gesteht Alphons freilich niemandem; aber der alte Pater

Jakob liest aus des Abtes gramdurchfurchtem Antlitz deutlich, was dessen

Herz bewegt, und deswegen hofft der Großkeller auf baldige Befreiung von

der Franzosenherrschaft in der Erwartung, daß der Abt den rechten Weg

dazu sicher finden werde.

Wie zu Alpirsbach erpreßten die herumstreunenden Musketiere auch in

anderen Ortschaften der Umgegend Geld und Gut in grausamster Weise. Sie

durchstreiften den Tann hinüber nach Peterzell, raubten die Siedelungen

an der Straße nach Schenkenzell aus und statteten selbst den

Schilbachern Besuch ab, wobei sie den Leuten das gesamte Vieh

wegtrieben. Je mehr die Gebrandschatzten jammerten, desto toller trieb

es das zuchtlose Kriegsvolk, das durch seine Grausamkeit eine wahre

Geißel für das Klostergebiet ist. Die Lust an Menschenqual stieg ins

Maßlose; hohnlachend schraubten die Kriegsknechte die Steine von den

Pistolen ab und zwängten die Daumen der Beraubten an ihre Stelle; sie

zerschnitten Weibern die Fußsohlen und streuten Salz in die offenen

Wunden, das sie dann unter wieherndem Gebrüll von Ziegen ablecken

ließen. Kindern, so sie nicht sofort sagten, wo die Eltern Geld

vergraben haben, wurde die Zunge durchstochen und Roßhaare durchgezogen,

und Männern wurde vielfach ein mit Knoten versehenes Seil um die Stirne

gebunden, das mit einer Kurbel so fest zugedreht wurde, daß den

Gequälten die Kopfhaut in Fetzen gerissen wurde. Weiber wurden am

lichten Tage auf freiem Felde vergewaltigt und ihnen dann mit viehischer

Lust Löcher in die Kniescheiben gebohrt. Ein besonders beliebtes

Martermittel war das „Feuerkriechen“, das überall dort angewendet wurde,

wo sich ein Backofen befand. Erst raubte die Horde, wessen sie habhaft

werden konnte, dann zwängte sie die Bauern und Weiber in den Backofen,

vor dessen Ausgang ein Feuer angezündet wurde. Sodann wurde an der

Rückseite des Backofens ein Loch ausgebrochen und mit Piken durch

dasselbe auf die Leute eingestochen und diese dadurch gezwungen, den

Backofen zu verlassen und durch das Feuer ins Freie zu kriechen. Je mehr

sich die Gequälten dabei verbrannten und heulten, desto größer war die

Freude der entmenschten Soldateska. Zu all' diesen fürchterlichen

Grausamkeiten kam häufige Brandstiftung, sobald die Musketiere nichts

mehr wegschleppen konnten.

Weitum im Klostergebiet herrschte Schrecken und Entsetzen, Verzweiflung

unter den gepeinigten Hörigen und Unterthanen. Wer sie in dieser

gräßlichen Not aufrichtete, zu nächtlicher Stunde tröstete und Mut

zusprach und baldige Befreiung verhieß, das war der Pelagier Euseb, der

von Hof zu Hof bis in die entfernteren Einödsiedelungen im Schwarzwald

schlich und verkündete, daß die Männer und Burschen bewaffnet in jener

Nacht im Hohlweg bei Alpirsbach sich versammeln und die Franzosen

niedermachen sollen, wenn auf der Höhe des Zankwaldes und des

Bettelmännchens im Hardenwald Feuer lohen werden zum Zeichen des

Aufstandes.

* * * * *

Ein trüber Novembertag ist über dem Schwarzwald angebrochen; bleigrau

verhangen ist das Firmament, öd die Landschaft weitum, schwarz steht der

Tann, dunkel ragen die Felsen aus dem Gewirr der Zwergföhren im Hinteren

Lehengericht des engen Schiltachthales. Knapp ist hier Raum für das

Bächlein und die Straße gen Schramberg zwischen den ginsterumwucherten,

dicht von Tannen, Fichten und Föhren bestandenen Schwarzwaldbergen. Nur

wenige Siedelungen hat dieses waldreiche Thälchen, die zusammen die

Gemeinde „Hinteres Lehengericht“ bilden im Gegensatz zum „Vorderen

Lehengericht“ im Kinzigthale. Auch diesen Einsiedlern im Walde

geheime Kunde zu thun und den Aufstand gegen die unglückselige

Franzosenherrschaft zu Alpirsbach zu organisieren, ist Euseb über die

Höhenzüge gewandert und hält eben Rast am Waldesrande nahe der Straße,

doch gut gegen Späherblicke verborgen. Der Pelagier hockt unter einer

mächtigen Tanne und hat die Büchse quer über seine Kniee gelegt, so daß

er jeden Augenblick kampf- und schußbereit ist, falls Gefahr drohen

sollte. Das Geräusch eines Hufschlages auf der hartgefügten Straße

veranlaßt Euseb zu scharfem Ausblick auf die Straße, die der Abt von

Alpirsbach im bequemen Schritt heranreitet in Begleitung einiger

Musketiere. Euseb zuckt zusammen; ihm ist der Anblick der Wälschen ins

Herz hinein verhaßt, seine Fäuste ballen sich und die Adern schwellen.

Wie verblendet doch der stolze Prälat ist, daß er Fremde zu seiner

Begleitung nimmt! Genügen ihm die eigenen Unterthanen nicht zum Schutz?

Doch was soll das heißen? Die Musketiere im Rücken des Reiters stecken

die Köpfe zusammen, sie drohen mit erhobenen Gewehren, und jetzt

springen sie auf den ahnungslosen Abt los, einer der Franzosen backt an

und zielt — —. Blitzschnell springt Euseb auf, visiert scharf und

schießt. Kopfüber stürzt der Franzose nieder, erschreckt geht der Gaul

des Abtes durch, schreiend fliehen die Musketiere rückwärts gen

Alpirsbach. Der Pelagier springt jedoch dem Gebieter nach, um ihm

schützend Geleit zu geben.

Knapp vor dem Flecken Schramberg gelingt es Euseb, den Abt, der mühsam

sein Roß wieder beruhigte, einzuholen.

Kaum wird Alphons des Hörigen ansichtig, der mit dem wieder

schußfertigen Gewehr keuchend herangelaufen kommt, da wettert der Abt

zornig darüber, daß der Heger so nahe der Straße schieße und

Menschenleben gefährde. Auch habe der leichtfertige Pelagier ihm nun das

Geleite verjagt!

„Was willst du hier? Dein Gehege ist doch oben im Zankwald!“

Demütig, die Mütze in der Faust, steht Euseb vor dem Gebieter: „Verzeiht

Ew. Gnaden! Ich bin Euch nachgelaufen, um Euch Geleit zu geben und zu

schützen!“

„Warum hast du so nahe der Straße geschossen?“

„Es galt Euer Leben zu retten!“

„Wie, was?“

„Erlaubt mir, Euch zu begleiten! Ich bürge sicheres Geleit!“

„Wo sind die Musketiere?“

Ein bitteres Lächeln tritt auf des Pelagiers Lippen. Euseb deutet mit

dem Arm nach rückwärts.

„Was, zurückgelaufen sind die Kerle?“

„Bis auf einen, ja!“

„Bis auf einen — was soll das heißen?“

„Der eine küßt den Erdboden!“

„Was? Du wirst doch niemand verletzt haben?“

„Nein, Ew. Gnaden! Verletzt nicht, aber totgeschossen hab' ich den

Meuchler!“

„Was soll's; ich verstehe nicht! Red' deutlicher, Pelagier!“

„Der Franzmann wollte weiter nichts, als Euch rücklings vom Gaul

schießen, und ich schoß ein klein wenig früher ihn hinweg.“

„Bist du toll?!“

„Nein! Gottlob ist's gelungen!“

„Mich, sagst du, mich wollte einer der Musketiere vom Gaul schießen?

Meine Schutzbegleitung — —?!“

„Nette Schützer das! Na, Ew. Gnaden sind die Schandbuben los!“

Betroffen schaut Alphons auf den Pelagier herab, der finster vor ihm

steht; ihm dämmert allmählich der wahre Sachverhalt auf, doch vermag er

das Motiv des meuchlerischen Überfalles nicht zu fassen. „Du meinst, die

Franzosen wollten mir ans Leben?“

Euseb nickt.

„Aber weshalb?“

„Ew. Gnaden haben wohl Geld bei sich?“

„Großer Gott — du hast recht! Abscheulich! Die Kerle wollten mich

berauben, sie, die mir zum Schutz von Leben und Gut beigegeben wurden!

Gott selbst hat dich zur rechten Zeit geschickt!“

Von einem warmen Gefühle erfaßt, reicht der Abt dem Hörigen vom Gaul

herab die Hand: „Ich danke dir! Begleite mich nach Villingen! Ich glaube

nun selbst: ich bin von meinen Unterthanen besser behütet!“

Stramm richtet sich Euseb auf und spricht mit besonderer Betonung: „Jagt

das welsche Gesindel fort, Herr! Wir helfen Euch!“

Alphons seufzt.

Das giebt dem Pelagier Mut zu weiteren Bemerkungen: „Jagt die

Schandmenschen fort, ehe es zu spät!“

„Wenn ich das nur könnte! Die Greuel sind fürwahr himmelschreiend!“

„Das war vorauszusehen!“ sagt halblaut Euseb und schreitet neben dem

langsam reitenden Gebieter, der ob dieses leisen Vorwurfes unwillkürlich

das Haupt tiefer sinken läßt.

Stumm geleitet der Pelagier seinen Herrn durch das stille Schramberg

südwärts. Nach einer Weile spricht Euseb, mehr für sich: „Fort müssen

sie, baldigst und für immer!“

„Wie sie aber fortbringen?“ wirst Alphons ein, obwohl er anfänglich

keine Lust hatte, sich über solch wichtige Angelegenheiten mit einem

Hörigen auszusprechen.

„Könnt Ihr es nicht, Herr, so thun es wir!“

„Wie, ihr? Die wenigen Unterthanen von Alpirsbach! Der Franzosen sind es

hundert Mann, waffengeübte Musketiere!“

„Zum Klosterbann gehören noch mehr Leute!“

„Nein, nein, nur keine Gewaltthat, die noch mehr Elend über das Kloster

bringen wird!“

„Ihr habt es zunächst in der Hand, o Herr, die Blutsauger

fortzubringen —“

„Wieso ich?“

„Ihr zahlt einfach das Schutzgeld nimmer —“

„Wie, du weißt —“

„Ich weiß gar nichts! Ich mutmaße jedoch, daß Ihr die Welschen bezahlet,

denn ohne Schutzgeld würden die Franzosen nicht bleiben.“

„Richtig kalkuliert! Also du meinst, ich solle nichts mehr bezahlen und

dem General den Schutz kündigen!“

„Schickt dem General Botschaft, er soll sein Gesindel zurückberufen!“

Wieder entsteigt der Brust des Abtes ein Seufzer im Gedanken an die

vierjährige Schutzfrist.

„Ihr könnt das wohl nicht, Herr? Seid wohl vielleicht gebunden an eine

bestimmte Zeitdauer?“

Alphons nickt betrübt.

„Dann zahlt die Franzosen auch für diese Frist und wir sind die

Bluthunde los!“

„Das kostet schweres Geld — —“

„Ist aber immer noch besser, als wenn Land und Volk völlig zu Grunde

gerichtet wird. Denkt an das arme verwüstete Vaterland, o Herr!“ Euseb

trollet gesenkten Kopfes voraus; jeder überläßt sich seinen Gedanken.

* * * * *

Seit der Abt das Stift verlassen, geht es toll zu in Alpirsbach; es ist,

als feiern die Mäuse Hochzeit, da die Katze aus dem Hause. Die

Musketiere vertreiben sich die Langeweile durch Fahndung nach Gut und

Geldeswert und betrachten raubgierig die Kirche des Stiftes, auf deren

mutmaßliche Schätze sie urplötzlich aufmerksam geworden sind, als ihrer

einige den P. Jakob in reichgesticktem Meßgewand die Messe lesen

gesehen. Wohl zaudern die Kerle beim Überschreiten der gottgeweihten

Stätte, doch ist die Scheu rasch überwunden, zumal niemand in der Kirche

sich befindet als der Küster, der im Begriffe steht, das Münster wieder

zu verschließen. In wenigen Augenblicken ist dieser überwältigt,

gebunden und geknebelt; die Raubgesellen springen sodann auf den

Hochaltar, sprengen das Tabernakel auf und rauben die kostbare

Monstranze und das Ciborium. Aus anderen Altären werden Kelche, die

Silberleuchter genommen, Kästen in der Sakristei geplündert, Gewänder

weggeschleppt, alles in unheimlicher Eile und Geschäftigkeit, ohne Lärm.

Erst draußen bei der Beuteteilung wird es laut, die Räuber streiten

unter sich, keiner gönnt dem anderen einen Vorteil; die Monstranze wird

zertrümmert, und in blutigem Geraufe wird um ihre Goldteile gekämpft,

ebenso zerschlägt die Bande alle übrigen goldenen und silbernen

Kirchengeräte, um eine Teilung zu ermöglichen. Da von dieser Beute nur

ein kleiner Bruchteil der Räuber Anteil haben kann, die übrige

Mannschaft leer ausgehen muß, ist die Unzufriedenheit, der Neid, Habgier

und Raublust auch der anderen geweckt, die nun aufs neue nach Schätzen

suchen. Vergeblich setzen und wehren sich die bestürzten Klosterbrüder

gegen Kirchenraub und Schändung des Gotteshauses; sie werden verhöhnt

und verspottet und unter Gejohl gezwungen, in der Kirche Führer in die

Grüfte, wo die verdorbenen Abte beigesetzt sind, zu machen. Die wälschen

Raubgesellen erbrechen mit Pieken die Särge und fahnden nach Schmuck und

Ringen, Gebeine achtlos verschleudernd und durcheinander werfend.

In Verzweiflung ob solcher Unthaten hat einer der Fratres sich in den

Glockenturm geschlichen, wo er die Sturmglocke zieht, um die

Klosterunterthanen und Hörigen zu Hilfe zu rufen. Kaum wimmert die

Glocke vom Turm, da stürmen einige Musketiere auch schon hinauf, fassen

den Frater und werfen ihn hohnlachend durch das Schallloch hinunter, so

daß der Ärmste mit zerschmetterten Kopf und gebrochenen Gliedern unten

auffällt. Voll Entsetzen aber flüchten die Alpirsbacher mit Weib und

Kind von dannen, hinein trotz rauhem Wind und Winterskälte in den Tann,

gehetzt von den Peinigern, die ihre helle Lust an dieser Menschenjagd

haben.

Und angesichts solcher Schreckenstaten der zügellosen Musketiere

verhalten sich die Offiziere völlig passiv, sie rühren keine Hand zur

Abwehr und obliegen in den Klosterwaldungen dem Gejaide. Vergebens sucht

nach der Kirchenberaubung P. Jakob im Kloster nach den Herren, um sie zu

beschwören, weitere Greuel zu verhüten; sie sind fort, die Raubgesellen

sich selbst überlassen. Mit Verzweiflung im Herzen schließt sich der

alte Konventuale in seine Zelle ein, den Erlöser Tod ersehnend.

* * * * *

Vom Pelagier begleitet hat Abt Alphons seine Kaufgeschäfte in Villingen

erledigt, den Georgener Abt jedoch nicht angetroffen und daher sofort

den Rückweg wieder angetreten. Eine innere Unruhe treibt ihn zur Eile,

und Euseb hat Mühe, seinem Gebieter zu folgen. Reitet er jedoch Anhöhen

im Schritt hinan, so läßt der Abt den Pelagier nahe an den Gaul

herantreten, um ein Gespräch anzuknüpfen. Der sonst so stolze Abt hat

das Bedürfnis, sich mit dem Pelagier, den er schätzen gelernt,

auszusprechen. Wie treu besorgt der Pelagier um ihn gewesen ist auf der

bisherigen Reise, ein Schützer und Diener, der auf nichts vergaß, was

dem Herrn frommen konnte. Und wie der Mann an seiner Heimat hängt! Fast

überkommt den Abt ein Bedauern, den zinspflichtigen Hörigen beim Tod

seines Weibes so hart behandelt zu haben. Einer augenblicklichen

Gefühlsregung nachgebend sagt der Abt: „Höre, Euseb! Du hast dich wacker

gehalten! Ich will dir die Zinsziege wieder zurückgeben und anderes

dazu!“

Der Hörige schüttelt den Kopf.

„Wie, du verschmähst die Gabe?“

„Verzeiht mir, Herr! Die Zeit ist anders geworden, ich kann Stallvieh

jetzt nicht brauchen, bin zu wenig mehr zu Hause, kann es nicht

betreuen.“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Ich kann darüber nicht reden! Bald wird alles klar sein!“

„Du sprichst in Rätseln, Euseb!“

„Schafft die Franzosen fort, Herr! Befreit die Heimat von den

Blutsaugern, es ist höchste Zeit dazu!“

„Wenn es mir jedoch nicht gelingt?“

Finster blickt der Pelagier vor sich hin, seine Fäuste ballen sich, und

dumpf spricht er: „Dann jagen wir sie fort!“

Auch auf des Abtes Antlitz legt sich tiefer Ernst, beklommen murmeln

seine Lippen: „Mir ahnt noch Schlimmeres! Mir schwant das Ende unter

Eberhard!“

Euseb bleibt plötzlich flehen und unwillkürlich verhält der Abt den

Gaul, zugleich besorgt um sich blickend.

„Was ist's, droht uns Gefahr?“

Euseb legt seine Rechte an den Sattel, schaut zum Abt empor, treuherzig,

seelenvoll und spricht mit bewegter Stimme: „Herr! Haltet zu

Württemberg!“

Unter dem kraftvollen Schenkeldruck und Sporenstoß sprengt der Gaul im

Galopp hinweg, zur Seite geschleudert stürzt Euseb nieder und sein Kopf

schlägt im Falle auf einen Stein auf, so daß das Blut sogleich

aufspritzt.

Früh dämmert es; nebelverhüllt ist das schweigsame Gelände, finster

steht der mächtige Tann. Abt Alphons jagt den schäumenden Gaul die

Straße entlang; noch eine Anhöhe, dann geht's hinunter nach Alpirsbach.

Ein seltsam rötlicher Schimmer liegt über dem Gelände; das kann nimmer

ein verspätet Abendrot sein. Flammen sind es, rotglühende Feuersäulen,

die zum Nachthimmel lodern und grausig das Münster und die stolze Abtei

beleuchten. In Alpirsbach brennt es; schon wimmern die Glocken schaurig

um Hilfe.

Der Abt drückt dem müden Gaul die zackigen Sporen aufs neue in die

Weichen und rast dem Kloster zu.

Dunkle Gestalten rennen hin und her und suchen zu bergen in den

brennenden Häusern der Stiftshörigen; doch die trunkenen Soldaten wehren

den Mönchen brüllend und jauchzend. Blökend rennt das Vieh um die

lodernden Stätten, auf das die Musketiere Jagd machen und mit den

Musketen schießen. Krachend stürzen die glimmenden Balken ein,

Funkengarben stieben auf, ein Knistern und Prasseln, ein Johlen und

Brüllen, Zetern und Schreien, und dazwischen Glockengewimmer.

Und die trunkenen Scharen drängen zappelnde Mönche ans Feuer, der

Pförtner wird gefaßt unter tierischem Gelächter, rohe Fäuste zerren die

Kutte auf, ein Wurf — das schwarze Mönchlein fällt mitten in die wabernde

Lohe — ein markdurchdringender Schrei — gierig schlagen die Flammen

drüber.

Gröhlend begrüßen die wüsten Brandstifter den heransprengenden,

zornglühenden Abt, sie springen herbei unter den Spottrufen und zeigen

Lust, den Prälaten vom zitternden Pferd zu reißen. Mit Schauder blickt

Alphons auf die trunkene Schar und die Zerstörung ringsum.

Einer der Landsknechte muntert auf, den Abt ins Feuer zu werfen,

brüllend greifen die Kerle zu, sie jagen nun die Mönche, die sie vor dem

Württemberger Herzog schützen sollen.

Da stürzen zwei der Offiziere atemlos, mit verstörten Mienen heran.

Betroffen weichen die Musketiere zur Seite und geben Raum. Auf Befehl

des Leutnants schmettert ein Hornist das Alarmsignal in die Dämmerung.

Die Musketiere eilen zu den Waffen und sammeln sich beim Scheine der

brennenden Häuser.

Der andere Offizier vermeldet in aller Eile, daß der Kapitän im Walde

erschossen worden sei, und ein später abgefangener Mann eingestanden

habe, daß die Schweden im Anzug seien. Der Abt möge den Leichnam des

Kapitäns holen — er liegt in der Nähe einer Hegerhütte — und beerdigen

lassen. Dann übernimmt der Offizier die Kompagnie, und schier

fluchtartig vollzieht sich der Abzug der Franzosen, die das Kloster

schutzlos verlassen in der Stunde der Gefahr.

Fassungslos steht der Abt von den Mönchen umringt.

Aus dem Laubwald und drüben aus dem Tann des Bettelmännchenberges lohen

mächtige Feuersäulen auf, schaurig den Wald mit rotem Schein

beleuchtend.

Bittere Thränen stürzen dem Abt aus den Augen beim Anblick der

ausgeraubten, geschändeten Kirche und der Verwüstung im Kloster wie in

den Häusern der geflohenen Unterthanen.

Mühsam dämpfen die Mönche die in sich zusammengesunkene Glut der Brunst,

und kehren dann in die Abtei zurück, sorgenvoll und angsterfüllt der

schrecklichen Schweden harrend.

Im Tann nahe der Straße gen Süden ist's lebendig geworden, von allen

Seiten auf geheimen Pfaden eilen Burschen und Bauern herbei und harren

im Hohlweg, gut gedeckt hinter Baumstämmen, des Anzuges ihrer Peiniger

und des Angriffsbefehles des Pelagiers Euseb. Von Mund zu Mund ist die

Kunde gegangen, daß Euseb den Kapitän erschossen und den zwei Offizieren

Botschaft gethan vom Anzug der Schweden, weshalb anzunehmen sei, daß die

Franzosen die Flucht gen Schiltach ergreifen werden. Von jedem Gehöft

sind wehrhafte Männer gekommen, als das Flammensignal aufloderte, und

stumm harren ihrer etliche zweihundert Mann, freilich schlecht

bewaffnet, der Musketiere.

Wie Schafe im Gewitter kommen sie bei Fackelschein herangerannt und

dringen in den Hohlweg ein, wo sie durch die felseneingeengte Straße

sich dicht zusammenschließen müssen.

Ein gellender Pfiff tönt durch den finstern Tann, es raschelt im Walde,

an den Felsrändern tauchen schwarze Gestalten auf, die Steine und

Granitblöcke herunterschleudern mitten unter die Musketiere. Weherufe,

Geschrei, Kommandorufe dringen aus der Schlucht. Mit Morgensternen,

Sensen, Dreschflegeln, alten Flinten hauen am Ausgang des Hohlweges die

Bauern auf die fliehenden Franzosen ein; die von Euseb im voraus

aufgerichteten und nun schnell entzündeten Holzstöße leuchten zur

Befreiungsarbeit. Schreckerfüllt sucht ein Teil der Soldaten rückwärts

zu entkommen; doch auch an diesem Schluchtausgang hat Euseb seine

Verschworenen aufgestellt, die niemand durchlassen. Unablässig prasseln

Steine in die Reihen der bewegungslosen in der Falle gefangenen

Wälschen, zerschmetternd und vernichtend. Nur wenige der Musketiere

vermögen zu feuern; es fehlt an Raum in der engen Schlucht, die

Verwirrung ist zu groß, die Fackeln sind erloschen, im Gewühl

ausgetreten worden. Wer stürzt, wird zertreten. Das Geheul der Soldaten

ist fürchterlich. Euseb und eine Schar mit Schußwaffen ausgerüsteter

Bauern feuern von den Felsen herab in die eingekeilte Menge, und nach

jedem Schuß stürzt ein Franzose tödlich getroffen nieder. Ein

Verzweiflungskampf an den beiden Schluchtausgängen entbrennt, doch die

Bauern halten die Sperre, wenn ihrer auch schon viele schwerverwundet

gefallen sind. Auf Geheiß Eusebs werden brennende Scheiter in die Reihen

der Wälschen geworfen, bei deren Geflacker sicherer die verzweifelten

Feinde aufs Korn genommen werden können.

Knieend flehen die Franzosen um Pardon, haufenweise werfen sie die

Musketen weg, aber die Stunde der Wiedervergeltung unsäglicher Greuel

ist gekommen, die Blutsauger werden niedergeschlagen; nur wenigen

gelingt es, der Schlucht und dem Blutbad im Dunkel zu entrinnen.

Bis zum dämmernden Morgen verharren die Bauern, um sodann bei wachsendem

Licht ihre Toten und Verwundeten zu bergen. Die Franzosen läßt man

liegen; ächzt und stöhnt noch der eine oder andere, so erhält er den

Gnadenhieb auf den Kopf.

Dann ziehen die Bauern durch den Tann ab, jeder seinem heimatlichen

Gehöft zu, stumm und still. Das Befreiungswerk aus furchtbarster Qual

und Not ist gethan. — — —

* * * * *

Ein Jahr ist vergangen; des grausamen überlangen Krieges müde

verhandelten die Gesandten der kriegführenden Mächte zu Osnabrück und

Münster über einen endgültigen Frieden. Für Herzog Eberhard, der wieder

zu Stuttgart residierte, trat der Schwedenkanzler Oxenstierna ein, und

heiße Kämpfe auf diplomatischem Gebiete verursachte die württembergische

Klosterfrage. Lange wurde die Restitution der Klöster zu Gunsten des

Herzogs hintertrieben, bis man aus gänzlicher Ermattung der

Verhandlungen in der Sitzung zu Osnabrück auf den Vorschlag kam, daß der

Herzog die Ordensleute in den Klöstern belasse, jedoch die hohe

Obrigkeit über sie behalte, wie er sie vor der Reformation innegehabt

habe. Oxenstierna aber erklärte, daß man die Klöster dem Herzog

überlassen und das übrige seinem Gewissen anheimstellen solle.

Württemberg solle in den geistlichen und weltlichen Besitz und in die

Rechte wie vor dem Kriege eingesetzt werden.

Da die katholischen Mächte wegen einiger schwäbischer Klöster den Krieg

fortzusetzen doch nicht gewillt waren, bestimmte denn auch das

Friedensinstrument zu Osnabrück[22], daß die Klöster[23] dem Herzog von

Württemberg zufallen. Damit erlangte das württembergische Fürstenhaus

einen Zuwachs von Gebieten, Rechten und Reichtümern, wie es solche

vorher weder durch Fehden, Kriege, noch Heiraten, Käufe und Erbschaften

in derartigem Umfange erworben hatte.

Im Stift zu Alpirsbach hat Abt Alphons es sich angelegen sein lassen,

die Schäden an Gebäulichkeiten auszubessern, Wohnhäuser für die

Unterthanen aufzubauen, das Münster neu zu weihen und Kirchengeräte zu

beschaffen, den Stiftskeller zu versorgen und das Zinswesen neu zu

ordnen. Inmitten dieser arbeitsreichen Zeit entschlief sanft und selig

Pater Jakob hochbetagt, gesegnet vom Abt, mit einem Lächeln auf den

welken Lippen. Er hat es überstanden. Seinem Wunsch gemäß ward seine

Leiche ohne besonderen Pomp still in der Gruft des Münsters beigesetzt.

Die Unterthanen der Abtei weinten ihm manche Thräne nach, denn der

liebe, alte, freundliche und wohlwollende Konventuale hatte aller Liebe

und Verehrung besessen. Und fast schien es, als sei mit dem milden,

versöhnlichen Greis auch das Glück des Klosters geschwunden. Hin und her

überlegt der Abt, wie der Kaiser mehr für das Kloster interessiert

werden könnte, auf daß die drohende Restitution wirkungslos an

Alpirsbach vorübergehen könne. Keinen Stein soll der Württemberger vom

Stift bekommen, verschwor sich der Abt Alphons, in welchem der alte

Trutz und Stolz auf die Unabhängigkeit des Stiftes wieder erwacht ist.

Da kam an einem milden Oktobertag ein reitender Bote aus Sulz mit einem

Schreiben, das die Kunde vom Friedensschluß zu Osnabrück und vom

Übergang des Klosters an Württemberg brachte. Knapp vor Eintreffen

dieses Boten hatte der Abt sorgfältig unter eine Beschwerdeschrift

an den Kaiser das Sigillum der Abtei angebracht und liebevoll

das Stiftswappen betrachtet. Erbleichend liest Alphons die

Unglücksbotschaft, die seiner Herrschaft für immer ein Ende bereitet.

„Verloren, rettungslos verloren!“ stammelt der Abt und sinkt in sich

zusammen. Dann aber rafft er sich wieder auf und schreit in wilder

Erregung: „Ich protestiere, dieser Frieden ist ungiltig, er ist

hinterlistig eingegangen und läuft der Stiftung unseres Klosters wie dem

Religionsfrieden zuwider. Ich verlasse das Stift gutwillig nun und

nimmer. Ich protestiere nach Osnabrück!“

Als sich die Erregung gelegt und Abt Alphons den Konventualen von dem

westphälischen Frieden und Auslieferung der Klöster an Herzog Eberhard

Mitteilung gemacht hatte, las er seinen Protest an den Kaiser von

Österreich in seiner stillen Stube wieder durch, und manche Thräne

netzte das Pergament, als er mit bebender Hand die Nachschrift

hinzufügte: „Dieweilen den Teufeln in der Hölle, wenn sie eine Erlösung

zu hoffen hätten, nicht versagt wäre, den Weg Rechtens zu betreten, dies

dem Abt und Ordensleuten von Alpirsbach nicht versagt sein könne.“

Mit Bestürzung haben die Mönche die neue Kunde aufgenommen; die

trautstille Stätte im grünen Tann, das stolze Kloster wie das herrliche

Münster verlassen zu müssen, stimmt die Konventualen tieftraurig, und

wehmütig suchen sie ihre Habseligkeiten zusammen, um für den Tag der

Abreise von Alpirsbach gerüstet zu sein.

Froher wirkte die Kunde auf die Hörigen und Unterthanen, in deren Herzen

die Zugehörigkeit zu Württemberg sich mächtig regt und die Hoffnung

keimt, daß unter des Herzogs Herrschaft vielleicht über kurz oder lang

die Freiheit blühen könnte.

So schaut denn in Alpirsbach alles gespannt aus nach den Sendboten des

Herzogs: die Mönche mit Bangen, die Untertanen mit leisen Hoffnungen.

* * * * *

Mit steifer Kälte ist der 1. Dezember im Schwarzwald angebrochen; tiefer

Schnee bedeckt den Tann wie das Gelände, grimmig kalt pfeift der Wind

über die starre Landschaft. Bis auf die Hörigen, die unter Eusebs

Anleitung im Holze arbeiten, ist kein Mensch zu sehen in der ganz

nordisch gewordenen Gegend. Wer es kann, hockt am warmen Ofen.

Unbeachtet reitet ein Mann in dunklem Wams, gefolgt von zwei berittenen

Knechten, in scharfem Tempo auf die Abtei zu. Reif und Eis sitzt an den

Kleidern, auf Bart und Har der Reiter, die Gäule dampfen. Vom Münster

kündet eine Glocke die Mittagszeit. Im Galopp sprengen die Reiter vor

das Kloster und halten vor der Pforte an. Eilig verläßt einer der

Knechte den Sattel, und fordert heftig klopfend Einlaß.

Ein Frater öffnet und starrt mit weitaufgerissenen Augen auf den Knecht,

der Württembergs Farben am Koller trägt. Und da ist auch schon der Herr

selbst, der im Namen des Herzogs Eberhard den Abt zu sprechen fordert.

Kammerrat Orth ist es, der gekommen, um das Kloster zu übernehmen.

Scheu drängen sich die Fratres in den Gängen, indes ein Mönch den Abt

verständigt, der leichenblaß das auf seiner Brust ruhende goldene

Prälatenkreuz umklammert. Auf einen Wink entfernt sich der Frater und

führt den Gesandten des Herzogs in den Sprechsaal der Abtei. Auf dem

Gang in diesen Saal ist's dem Abt, als schreite er als Delinquent zur

Hinrichtung; es schlottern die Kniee, es hämmert in den Schläfen, in den

Ohren saust es und heiß drängt das Blut zum Herzen. Alphons atmet schwer

und heftig, krampfhaft hält er das goldne Kreuz, das Abzeichen seiner

Würde und Macht, umklammert, das ihm nun abgefordert werden wird. Vor

der Saalthüre hält der Abt einen Augenblick inne und flüstert ein

Stoßgebet mit zuckenden Lippen. Es gilt einen Verzweiflungskampf auf

diplomatischem Wege. Es muß sein! Fest drückt Alphons auf die Klinke und

tritt ein. Hoheitsvoll schreitet er auf den sich verbeugenden Kammerrat

zu, begrüßt ihn durch ein Neigen des Kopfes und fragt nach dem Begehr

des Besuches. Das Auge fest auf den Abt gerichtet, beginnt der Landbote

Württembergs: „Ew. Gnaden habe ich im Auftrage meines gnädigsten

Gebieters, des Herzogs Eberhard, zur Räumung des Klosters und Übergabe

jeglichen Stiftseigentums, sowie zur Huldigung auf Württembergs

Herrscher aufzufordern.“

Wie Wetterleuchten zuckt es in des Abtes Antlitz; heftig geht der Atem,

es grollt und wogt in seiner Brust. Mühsam keucht Alphons hervor: „Dem

protestiere ich wie gegen den erschlichenen Frieden. Ich weiche nur der

Gewalt!“

Hochaufgerichtet zieht der Kammerrat ein Schreiben aus dem Wams. „Hier

ein Handschreiben meines gnädigsten Herzogs an Ew. Gnaden zu meiner

Legitimation sowohl, als zum Beweise huldvoller Gesinnung des Herzogs,

sofern die Übergabe in Güte vor sich gehen wird.“

Mit jähem Ruck ergreift der Abt das herzogliche Schreiben, zerreißt es

ungelesen und wirst die Fetzen dem Gesandten vor die Füße. Grollend

spricht er. „Ich habe mit Eurem Herzog nichts zu verhandeln. Ich

protestiere! Der Friede von Osnabrück gilt nicht für Alpirsbach!“

„Ich warne Ew. Gnaden! Mild und gütig läßt Euch der Herzog auffordern,

den Beschluß der Mächte zu respektieren, Euch zu fügen in das

unabänderliche Schicksal! Schont Gut und Leben! Weigert Ihr Euch, so muß

Gewalt sprechen, denn die bewilligte Restitution wird durchgeführt, und

Alpirsbach muß württembergisch werden!“

„Nein, nun und nimmer! Ich weiche nur der Gewalt!“

„Dann ist jegliches Verhandeln in Güte zu Ende! Gehabt Euch wohl

inzwischen! Mögen Ew. Gnaden es nicht bereuen!“

Kühl sich verbeugend, entfernt sich sporenklirrend der Gesandte aus dem

Saale und läßt den Abt in schwerster Gemütsbewegung stehen. Kurz darauf

kündet lebhafter Hufschlag auf dem hartgefrorenen Boden, daß der

herzogliche Sendbote mit Begleitung Alpirsbach, ohne Gastfreundschaft

vom Kloster gefordert zu haben, verläßt.

Alphons begiebt sich, mehr aus Gewohnheit denn aus Bedürfnis, nach der

folgenschweren Unterredung ins Refektorium, wo er den zu Tische

versammelten Konventualen verkündet, daß soeben ein herzoglicher

Gesandter die Übergabe des Klosters verlangte, die ihm verweigert worden

sei. Nun werde wohl Gewalt gebraucht werden. Der Wegnahme von

Dokumenten, Zinsbüchern, des transportablen Klosterschatzes müsse daher

vorgebeugt werden durch schleunigste Überführung derselben in den

Pfleghof zu Rottweil. In diesem Sinne fordert der Abt die Konventualen

auf, alles Wertvolle zu bergen und ihm behilflich zu sein. Unberührt

bleiben die Speisen; den Mönchen ist der Schreck in die Glieder

gefahren.

Bebend fragt der silberhaarige P. Gotthard: „Und wenn die Herzoglichen

kommen, wohin richtet sich unser Schritt?“

„Ich werde nach Ochsenhausen flüchten und Ihr mit mir!“ kündet der Abt,

verrichtet das Gebet nach Tische und begiebt sich in seine Gemächer.

Hastig suchen die Konventualen ihre Zellen auf; es rumort im Kloster,

Kisten werden herbeigeschleppt und gepackt, ein Kramen und Suchen

überall nach Wertgegenständen, ein Hämmern und Schlagen, daß auf

Chorgebet und Magnifikat heute völlig vergessen wird.

Durch die Fratres ist die Kunde auch rasch zur Kenntnis der Unterthanen

gekommen, die nun eilig trotz der Kälte neugierig in die unteren Räume

der Abtei laufen, um Näheres zu erfahren über das bevorstehende

Württembergischwerden. Die Männer werden angehalten, Gäule und Fuhrwerk

zu schaffen, auf daß die wertvolle Stiftshabe so rasch wie möglich

geflüchtet werde. Der ganze Ort gerät in Aufregung und Bewegung.

Einige Tage vergehen in rastloser Bergungsarbeit, und Abt Alphons ist

eifrig daran, Bestandteile der Registratur, die er nicht mitnehmen kann,

zu vernichten. Seinen schriftlichen Protest gegen den Frieden und die

Restitution hat er wohl abgesandt, ist aber von der Wirkungslosigkeit

dieses Schrittes überzeugt. Er will nur seiner Pflicht bis aufs äußerste

genügen und kein Mittel außer Waffenwiderstand, den ihm die Ordensregel

verbietet, unversucht lassen. So fertigt er denn den ersten Transport

der Stiftshabe ab, hochbeladen fahren die Klosterknechte und Hörigen

die Wagen nach Rottweil.

Am 19. Dezember war es, daß sich ein Trupp von sechzig Mann in

württembergischen Fahnen mit Kammerrath Orth an der Spitze der Abtei

nahte. Kaum erblickten die von Abt Alphons aufgehellten Späher das

Anrücken der Mannschaft, da eilten diese ins Kloster und schlugen Alarm.

Was Beine hat in Alpirsbach, läuft auf dem Klosterplatze zusammen; von

Hof zu Hof fliegt die Kunde wie Flugfeuer, und selbst bis in den Tann

dringt die Kunde vom großen Moment der Klosterübergabe an Württemberg.

Auch Euseb der Pelagier hört davon; ein Zittern geht durch seinen

Körper, ihm schwindelt der Kopf. Was er ersehnt, wofür er sein Leben

freudig geben würde: nun soll es wahr werden! Beil und Säge wegwerfend,

stürmt er quer durch den Tann in jähen Sätzen hinunter zum Kloster.

Dumpf dröhnt der Schritt der württembergischen Soldaten auf dem

gefrorenen Klosterplatze, wo Halt gemacht wird. Kammerrath Orth steigt

vom Gaul und begiebt sich ins Kloster, wo die Mönche zeternd

durcheinanderlaufen und nach ihren Taschen suchen.

Wieder stehen sich der Abt und der Gesandte des Herzogs im Sprechsaal

gegenüber. Mit feierlichem Ernst fordert Orth im Namen Eberhards die

Übergabe der Abtei mit Hinweis auf die ihm zu Gebote stehende Gewalt.

Im grünen Tann · 第 18 / 19 题