Ein trüber Herbsthimmel hängt über dem Stiftsforst „Zankwald“, der
sich südlich von Alpirsbach weithin erstreckt in mächtigem Tannen- und
Fichtenbestand. Der steif aus Norden blasende Wind jagt graues Gewölk
über das düstere Firmament; im Walde rauscht es schaurig, die Baumriesen
ächzen und knarren. Unverdrossen hämmert der Specht und flattern die
Meisen, Kreuzschnäbel gaukeln in den Zweigen, und rucksend, quietschend,
fauchend, murrend üben die Eichhörnchen ihre Kletterstücke trotz des
brausenden Waldsturmes. Auf einem Kahlschlag steht eine Hegerhütte nebst
einem kleinen holzgefügten Stall, das Heim des Waldhegers, das der
Klosterleibeigene Eusebius Wurfbaum bewohnt mit seinem Weibe und den
paar Ziegen auf Befehl des Abtes von Alpirsbach. Der Heger ist
Pelagier[18], ein Höriger des Benediktinerklosters, der mit Genehmigung
des Prälaten in der Waldeinsamkeit heiraten durfte, und zur Forstarbeit
sowie zum Jagdschutz verpflichtet ist sein Leben lang. Im stillen Tann
hat der rauhe Pelagier wenig wahrgenommen von den wirren Zeiten und
Schrecknissen des unheilvollen Krieges. Nur wenn er gelegentlich an die
Straßen des Schwarzwaldes kommt, hört er die Namen Tilly und Wallenstein
nennen und vernimmt schreckliche Kunde über die Heimsuchung der
württembergischen Lande und die harte Prüfung des Herzogs Eberhard III.,
der die Heimat verlassen und nach Straßburg flüchten mußte. Dann dauert
Euseben der arme Herzog, und der Heger ist doppelt froh um sein entlegen
stilles Heim im Walde, wohin sich noch kein Krieger oder Landsknecht
verirrte, wo bei aller Kärglichkeit und Entbehrung doch das Pflänzlein
Zufriedenheit gedeiht.
Heute rauscht der Tann ein brausend Trauerlied. Euseb, der rauhe,
wetterharte Heger, steht weinend am Lager seines toten Weibes und drückt
der treuen Gefährtin die Augen zu. Still ist sie hinübergeschlummert mit
einem Lächeln auf den Lippen. Soll Euseb ihr im Walde eine Ruhestätte
graben? Doch das wird der Abt nicht leiden, weil der Christ in geweihte
Erde kommen soll.
Der Pelagier rüstet einen Handkarren aus, trägt die Leiche aus der
sturmumtosten Waldhütte, birgt sie im Karren, legt einen Mantel darüber
und fährt sein totes Weib durch den rauschenden, windgepeitschten Tann.
Ein mühsam Fahren das auf engen Pfaden, die sich erst im Reuthiner Berg
etwas erweitern zur sogenannten „alten Steige“. Wie der trübe Himmel
heute zur Stimmung Eusebs paßt! Trauer oben wie herunten.
Euseb mit seinem Karren nähert sich allmählich der von Reuthin nach
Alpirsbach führenden Straße, da veranlaßt ihn der Hufschlag eines
galoppierenden Gaules aufzusehen. Ein Reiter ist's, der hinter einem
schwarzgekleideten Menschen herjagt. Und mit jähem Satz flüchtet der
Verfolgte seitlich in das Holz. Dröhnend ruft der Reitersmann: „Faß'
ihn! faß, faß!“ Euseb blickt stieren Auges auf den Reiter; der
Flüchtling ist im Tann verschwunden. Knapp vor dem Pelagier hält der
Reiter den Gaul an mit scharfem Zügelruck, so daß das edle Tier
aufbäumt. Jetzt erkennt Euseb erst zu seinem Schrecken in dem Reiter
seinen Gebieter, den Abt Alphons von Alpirsbach, und grüßt denselben
demütig und angsterfüllt. Wie Hagelwetter prasseln auf den Hörigen die
Vorwürfe herab, der stolze, dem Temperment nach hitzige und jähzornige
Abt poltert vom Gaul herunter, warum der Heger den Befehl nicht befolgt,
den flüchtigen Prädikanten nicht aufgehalten habe. Bebend vor Angst
stammelt Euseb eine Entschuldigung; er habe nicht begriffen, um was es
sich handelte, er sei ganz in seinen Schmerz und Jammer versunken
gewesen. Gleichzeitig deutet der Pelagier mit einer Handbewegung auf die
Last seines Karrens.
„Was soll das heißen?“ fragt dröhnenden Tones der stolze Abt und schiebt
sich die Prälatenkette auf der Brust zurecht.
Demütig erwidert Euseb, den Mantel von der Leiche etwas zurückschiebend,
so daß deren Antlitz sichtbar wird:
„Vergebung, gnädiger Herr! Mein Weib ist gestorben! Ich fahre die Leiche
zum Beinhaus!“
„Der Lutheraner ist entwischt durch deine Dummheit! Das tote Weib wär'
dir nicht davongelaufen! Nun verhetzt der Prädikant mir die ganze
Gegend! Das sollst du mir büßen! Man mißachtet nicht ungestraft meine
Befehle! Hast du die Tote auch gezinst?“
„Herr! Mein armes Weib ist heute früh erst gestorben!“ wimmert der
Hörige.
„Gezinst muß werden nach altem Recht! Das beste Stück Vieh im Stalle ist
verfallen durch den Tod des Eheweibes!“
„Gnädiger Herr! Ich habe nur zwei Ziegen oben im Zankwald!“
„Nichts da! Laß Er das Geflenn! Recht bleibt Recht. Er hat die beste
Ziege an den Zinsmeister abzuliefern und vom Weib das Haupttuch, den
Gürtel und die guten Schuhe! So verlangt es das Erbrecht des Klosters!
Weh' dir, wenn du nicht getreulich zinsest!“
Dem Gaul die Sporen gebend, sprengt der herrische Abt davon.
Wie vernichtet steht der Pelagier, bittere Thränen fließen über seine
Wangen. Mit zitternden Händen deckt er das Totenantlitz wieder mit dem
Mantel zu und fährt hinab zum Kloster. Trübe Gedanken erfüllen ihn.
Welch' harte Zeit! Und selbst im herbsten Schmerz wird unerbittlich Zins
und Gefäll eingefordert! Wie arm doch ein Höriger ist im Vergleich zu
den beneidenswerten freien Leuten!
Grausig rauscht's im Tann und die Wipfel neigen sich. Ist's ein letztes
Waldesgruß an die Tote? — — —
* * * * *
Düster ragt die Klosterstätte zu Alpirsbach in die Dämmerung auf; der
wolkige Himmel, der brausende Sturm nehmen der sonst so lieblichen
Gegend den sonnigen Zauber wie der Kinzig die Fröhlichkeit. Dunkler als
sonst sind des Flüßchens Wellen, fast schwärzlich zeigt sich dessen
Granitgrund. Auf den rostfarbigen Wiesen schleicht der Nebel entlang,
den zeitweilig der Sturmwind zu dicken Schwaden ballt, dann wieder in
wirre Fetzen zerreißt. Und der ringsum stehende dichte Forst beugt seine
Wipfel. Wie immer zu abendlicher Stunde kündet die Glocke vom
Klosterturm das Ave, doch diesmal verschlingt der Sturmwind die
weihevollen Töne und entführt sie in die Lüfte. Am mächtigen Bau der
stolzen Abtei rüttelt der Wind vergebens; wohlverwahrt sind all' die
Fenster und Balken. Fest geschlossen die Pforte mit dem eisernen Klopfer
daran. Majestätisch ragt die alte Kirche in die sturmgepeitschten Lüfte
auf, ein herrlich Denkmal romanischer Baukunst, der Stolz vieler
Jahrhunderte, der steinerne Ruhm des Zollernhauses. Um die Abtei scharen
sich die Siedelungen der Klosterunterthanen, festgefügte Häuser in
patriarchalischer Bauart. Inmitten der waldgekrönten Hügel wirkt die
Kathedrale doppelt mächtig, und das Kloster gleicht einer Trutzburg.
Der schmerzgebeugte Pelagier ist den Siedelungen entlang mit seinem
Karren der Abtei zugefahren und hält nun vor der Pforte, deren Klopfer
er kräftig in Bewegung setzt. Doch fest geschlossen bleibt das gewaltige
Thor, um welches der Sturm tobt mit wilder Gewalt. Wieder klopft der
Hörige, doch übertönt der Wind sofort das Geräusch des Klöppels. Kaum
vermag Euseb sich in diesem Sturm auf den Füßen zu erhalten. Es gilt
indes, da die zunehmende Dunkelheit zur Eile drängt, die Tote zu bergen
an geheiligtem Ort. Einlaß findet er nicht, man hört in der Abtei sein
Klopfen nicht, so muß er denn selber sehen, wie er ins Beinhaus gelangt.
Er nimmt die Tote auf den Rücken und schleppt die teure Last hinüber in
den Friedhof, dessen Eisenthor der Sturmwind aufgerissen hat, so daß der
späte Gast Einlaß findet. Wie schaurig es ist zu nächtlicher Stunde im
Reich des Todes! Und arg wütet der Sturm an dieser geheiligten
Stätte; Grabkreuze sind umgeworfen, die Trümmer verschleppt,
Grabhügel aufgerissen, Cypressen entwurzelt, ein Chaos, das wirr
durcheinanderwirbelt, im Kreisel an die Mauer geworfen wird und
klirrend, klappernd, krachend wieder zurückfällt, um aufs neue vom
Sturmwind erfaßt zu werden. Euseb erreicht mit knapper Not das Beinhaus;
mit grimmer Wut hat der Sturm es versucht, ihm die Last zu entreißen.
Wie Euseb die Thüre der Schädelkammer öffnet, fährt auch schon der Wind
hinein, es rollen die Gebeine und Totenköpfe wirr und klappernd
durcheinander. Mit Aufgebot aller Kraft drückt der Pelagier die Thür
wieder ins Schloß, worauf Ruhe wird in der unheimlichen Kammer. Dann
bettet er sein Weib auf dem kalten Fließ, setzt sich daneben und hält
Totenwache durch die schaurige Nacht.
* * * * *
Wie das leibhaftige Ungewitter jagt auf der Straße Abt Alphons dem
Kloster zu durch Nacht und Wind; der erschreckte Gaul stürmt in
rasendem Lauf heran, so daß der Reiter Mühe hat, im Sattel zu bleiben.
Vor der Pforte pariert er den Gaul, steigt ab, nimmt den Zügel in den
Arm und klopft kräftig Einlaß fordernd.
Vergebliche Mühe. Doch der stolze Abt kennt keine Geduld, er hebt den
schweren Reitstock, ein kräftiger Schlag in die Fensterscheibe der
Pförtnerstube, klirrend fallen die Scherben ins Gemach, und dröhnend
ruft Abt Alphons hinein: „Aufgemacht! Knecht heraus!“
Der Kopf eines Klosterbruders taucht am eingeschlagenen Fenster auf und
fährt erschrocken blitzschnell zurück. Gleich darauf dreht sich das
schwere Thor, und vom Sturmwind erfaßt, schlägt es krachend auf. Ein
Knecht springt heraus und übernimmt den Gaul. Der Abt tritt ein, indes
der Pförtner sich bemüht, des Thores Herr zu werden und es zu schließen.
Dann freilich jammert der Klosterbruder in seiner Zelle über den
gewaltthätigen Abt und die eingeschlagenen Scheiben. Muß der Pförtner
doch die schaurige Nacht bei zerschlagenem Fenster verbringen,
preisgegeben der kalten Luft und dem eindringenden Wind.
In seiner Behausung des weitläufigen Klosters angekommen, gebietet Abt
Alphons dem Aufwärter, sogleich den Konventualen und Großkeller zu
zitieren. Bald steht P. Jakob, der greise Chef der gesamten
Klosterhaushaltung, vor dem bedeutend jüngeren Prälaten in schuldiger
Ehrfurcht und nach dem Begehr des Vorgesetzten fragend.
„Erstatt' Er mir, mein Bruder, Bericht über die Mission unseres P.
Gotthard, auf daß ich weitere Maßregeln anordnen kann. Doch setz' Er
sich, mein Bruder! Seine Füße sind älter und müder!“
Mit einem Streifblick auf die Reitkleidung des Abtes meint P. Jakob:
„Ew. Gnaden werden auch müde sein von anstrengendem Ritt?“
„Das Reiten thut mir wohl, und selbst ein scharfes Jagen ist mir nicht
unwillkommen. Doch muß selbes von Erfolg begleitet sein. Leider ist mir
heute trotz scharfen Rittes ein Prädikant entkommen, entwischt durch die
Dummheit eines Pelagiers. Doch zur Sache! Was ist's mit Gotthard?“
Mit heiser Stimme, mild und besonnen referiert der Großkeller: „Was
lange befürchtet ward, ist zur Thatsache geworden, die Leute unseres
Gebietes, allen voran der Vogt Georg Adrian von Ehlenbogen, neigen der
Wittenberger Lehre zu und haben sich geweigert, ihre Kinder katholisch
taufen zu lassen. Sie wollen zum Herzog halten und württembergisch
werden! Gotthard ist unterrichteter Dinge zurückgekehrt.“
„Wie, was?! Also Rebellion gegen uns?“
„Das möchte ich doch nicht behaupten. Auch zeigte sich nirgends etwa
körperlicher Widerstand oder Auflehnung. Des schweren Haders, des
überlangen Krieges im Lande überdrüssig, sehnen sich die Leute nach Ruhe
und Frieden, den doch wohl der Herzog, sofern er in sein Gebiet völlig
eingesetzt ist, mehr gewährleisten dürfte, als die fremden Herren mit
ihren wilden Landsknechten.“
„Ist Er bei Sinnen, mein Bruder? Ein Konventuale von Alpirsbach redet
dem Klosterfeind, dem Württemberger, das Wort?“
„Nicht doch! Ich bin nur der unmaßgeblichen Meinung, daß der Herzog den
Württembergern wie selbst uns im Schwarzwald näher steht, als Tilly und
Wallenstein!“
„Eberhard ist aber unserer Kirche Feind, ein Lutheraner!“
„Das Letztere ist richtig; doch ist damit noch nicht gesagt, daß er ein
Feind unseres Klosters ist. Wär' er das, so hätte das Elias Zeiter wie
Ew. Gnaden Vorgänger in der Abtwürde sicher zu fühlen bekommen!“
„Er vergißt, mein Bruder, daß Zeiter evangelischer Abt gewesen!“
„Gewiß weiß ich das, wie mir auch bewußt, daß Zeiter von warmem
Patriotismus und treuer Anhänglichkeit für das herzogliche Haus erfüllt
war.“
„Der Herzog sinnt auf Gebietsvermehrung und Machterweiterung, und dieser
Sinn ist uns gefährlich! Eberhard wird nicht früher ruhen, bis er auch
Herr von Alpirsbach ist. Ihn lockt die Herrschaft über unsere 297
Ortschaften und 800 Hörige, wie der gesamte klösterliche Besitz. Als Abt
und Herr muß ich ihn ebenso bekämpfen, mich wehren wie als treuer Sohn
meiner Kirche. Das ist meine Pflicht, heilig beschworen! Ich kann und
darf nicht anders handeln. Auch ist der Kaiser für unsere Sache, die
Waffengewalt sprach für uns!“
„Wohl ist das richtig! Doch wie entsetzlich sieht es aus im
württembergischen Lande! Dörfer und Städte sind ausgeplündert und
eingeäschert, Kalw in Flammen, niedergebrannt Waiblingen und Herrenberg.
Hungersnot und Seuchen im Volk, dazu plündernde Kriegshorden fremder
Nationen! Es ist ein Greuel!“
„Es gilt den Glauben! Und dieser wird siegen und siegreich bleiben!“
„Ich kann nur nicht helfen: Ich würde es freudig begrüßen, wenn bald
Ruhe und Friede würde im heimgesuchten Württemberg!“
„Er will doch damit nicht sagen, daß dieser Frieden auf Kosten unserer
Kirche erkauft werden soll?!“
„Nein! Aber kommen wird doch die Zeit, daß auch unser stilles Alpirsbach
wieder herzoglich wird, wie zur Zeit der Reformation.“
„Das zu verhüten ist meine wichtigste Aufgabe, für die ich mein Leben
hinzugeben bereit bin. — Doch zurück zur Ehlenbogener Angelegenheit! Die
Leute treten also bereits offen auf Seite des Herzogs, trotzdem sie zur
Alpirsbacher Herrschaft gehören?“
„Gotthard vermeldet dies!“
„Und die Leute wollen ihre Kinder evangelisch taufen lassen!“
„So meldet Gotthard!“
„Gottes Zorn soll die Abtrünnigen treffen! Mit Gewalt werde ich
dreinfahren, mit strafender Gewalt ihre Seelen retten für unsere
Kirche!“
„Verzeiht Ew. Gnaden! Zu wild ist ohnehin unsere Zeit! Versucht es mit
Milde und Güte! Will einer württembergisch und lutherisch werden, wird
ihn Gefängnis und Schwert sicher nicht in unsere Arme zurückführen. Übet
Milde und Güte, Herr!“
„Nein, niemals! Vergeblich wäre jedes Wort! Hier bin ich Herr auf
Alpirsbacher Grund und Boden, nicht der Herzog! Mit Waffengewalt werde
ich die Rebellen bekämpfen und züchtigen!“
„Thut es nicht, Ew. Gnaden! Je schärfer Ihr dreinfahrt, desto lauter
werden die Leute nach des Herzogs Hilfe rufen!“
„Sollen es nur thun! Keines Menschen Stimme reicht bis Straßburg!“
„Aber Menschenfüße tragen hin, und kommen wird die Zeit, daß Eberhard
heimkehrt in sein Land!“
„Er scheint das ja schier zu hoffen?!“
„Für den im Exil lebenden Herzog selbst, ja! Bedroht Eberhard uns, dann
freilich muß auch ich ihn als Feind des Klosters betrachten!“
„Wenn ich Ihn recht verstehe, will Er beim alten Glauben verbleiben und
möchte dennoch württembergisch werden?“
Der greise Konventuale seufzt und schweigt.
„Noch spricht Österreich für uns, also liegt uns der Kaiser näher als
der Herzog! — Für morgen stell' Er mir, mein Bruder, ein Dutzend
handfester Höriger, ich will die Abtrünnigen verhaften lassen und
strafen!“
P. Jakob nickt zum Zeichen, daß er den Befehl vernommen und geht dann
gebeugt von dannen. Vor seinem geistigen Auge ziehen die in der
Klosterchronik geschilderten schweren Zeiten vorüber, da Prälat Kaspar
mit glühendem Eifer den württembergischen Staatsgedanken und die
Reformierten bekämpfte, mit Assistenz von 8000 österreichischen Soldaten
eingesetzt ward in die vielumstrittene Abtei zu Alpirsbach, und dennoch
den Niedergang des Klosters ebensowenig aufzuhalten vermochte, wie das
Umsichgreifen einer allseitig empfundenen Sehnsucht nach Ordnung und
Frieden unter schwarzroter Flagge. Dem alten guten Großkeller schwant
eine Katastrophe im stillen waldumrauschten Alpirsbach, und sein Sehnen
geht dahin, sie nicht mehr zu erleben. Bei seinem Alter sind die Tage
gezählt, sein Hoffen wird in diesem Leben nicht mehr Erfüllung finden,
ebensowenig wie die Beseitigung des Rechtsgrundsatzes für Alpirsbach,
daß die Abteiluft pflichtig mache und der Territorialherr das
Hauptrecht[19] habe. So sucht denn P. Jakob seine Zelle auf, nachdem er
den Befehl des Abtes einem Frater übermittelt hatte, der das Aufgebot
der Hörigen zu vollziehen bemüht ist.
* * * * *
Über Nacht hat sich der Wind gelegt; still bricht der Morgen an, düster
schwermütig. Der schwarze Tann, der Alpirsbach ringsum einschließt,
grüßt unheimlich herein. Im Stift ist die Matutin vorüber; es regen die
Brüder fleißig die Hände, und die Patres haben an den verschiedenen
Altären die Messe gelesen, worauf die Mönche sich im Refektorium
versammeln. Stumm sitzen sie an der langen Tafel, an deren Spitze in
Gedanken versunken Abt Alphons thront. Niemand wagt, den Vorgesetzten
aufmerksam zu machen, daß das Frühstück bereits auf dem Tische steht,
und die Milch wohl kalt werden wird bei längerem Zaudern. Vor dem Abt
zuzugreifen, verstößt gegen Sitte und Regel. Was den Prälat wohl so sehr
beschäftigen mag? Ein Frater kommt still ins Refektorium geschlichen und
wispert dem Großkeller geheime Kunde ins Ohr, und erschrocken starrt P.
Jakob dem Boten ins Gesicht. Dann erhebt sich der Großkeller und
schreitet hastig, in sichtlicher Aufregung hinauf zum Abt, dem er leise
mitteilt: „Ew. Gnaden! Ein Sendbote ist angekommen!“