Gifter horcht auf. „Wie sagst, ein Tränklein von der Kräuterliese?“

„Ja, jedenfalls eine neue Art des Bettels!“

„Hm!“

„Was meinst, Gifter?“

„Du, Kaspar, das ist kurios! Mein Klärle hat das gleiche kriegt als

‚Gegengift‘!“

„Ah! Und hat sie's genommen?“

„Fuchsteufelswild ist 's worden!“

„So! Hat das Tränklein ihr nicht geschmeckt? Es ist nicht so übel zu

nehmen!“

„Ah, hast es gar schon verkostet!“

„Ich, nein! Was dir nicht einfällt!“

„So? Woher weißt denn dann, daß es nicht so übel zu nehmen ist?“

Kaspar beißt sich ärgerlich auf die Lippen im Gefühle, sich verschnappt

zu haben. Ablenkend fragt er, was Gifter von ihm wolle.

Der Alte merkt die Absicht, läßt aber nicht locker. „Du, Kaspar! Weilst

vom ‚Gegengift‘ schon etwas genommen, könntest auch bereits etwas

friedsameren Blutes geworden sein —“

„Ich, wieso?“

„Na, ich meine: Wenn 's Gegengift bei dir wirkt, dann wäre es an der

Zeit, daß du mein Maidle von dem Spottnamen befreien würdet!“

„Schickt dich Klärle?“

„Es wär' ihr Wunsch, daß du ihr den Spottnamen wegnähmest!“

„Ich will dir was sagen, Gifter: Daß Klärle von Haus aus nach dem

Hofnamen Giftklärle heißt und ist, das wird sie leiden müssen, weil dein

Hof halt der Gifthof ist. Den Spottnamen wird sie wohl tragen müssen, so

lang sie so ‚giftig‘ bleibt. Will sie's geändert haben, so muß sie schon

selber um gut Wetter bitten. Diplomatische Zwischenhändler brauchen wir

nicht im Schwarzwald!“

„Kruzitürken!“

„Wie meinst, Gifter!“

„Ganz wie ich mir's gedenkt hab', just so redest daher!“

„Warum bist denn zu mir 'kommen?“

„Na ja! Man probiert viel im Leben! Probier du nur das Fläschle aus,

vielleicht hilft 's Tränkle auch bei dir! Adjes, Kaspar!“

„B'hüet Gott, Gifter! Komm gut heim! Und wenn du auf 'n Schramberger

Herbstmarkt kommst, trinken wir 'n Schoppen mitnander im ‚Lamm‘! adjes!“

Ziemlich ärgerlich stapft Gifter den Weg wieder zurück. Ist doch ein

Kreuz mit so hartschädeligen Leuten! Probiert der Kerl das Tränkle wie

die Klärle das ihre aus Neugier oder gar aus geheimer Sympathie, und

dennoch will keines nachgeben, und jedes thut, als kümmere sich eins um

's andere nicht. Zum Kuckuckholen das! Gott bessere 's!

* * * * *

Das liebliche Lauterbacherthal prangt in den tiefleuchtenden Farben des

Herbstes, verklärt durch die mildstrahlende Sonne, die erst gegen

Mittag mit den flatternden Herbstfäden und Reifschleiern aufräumt und in

Dunst zerstäuben läßt. Wo vereinzelt Buchen und Eschen stehen am Rain,

schimmert das Laub in gelben und rötlichen Farben, immer gleich steht

der Tann, gerüstet zum kommenden Winter. Die Wiesen und Matten tragen

noch ihr grünes Sommergewand, nur die Stoppelfelder künden die Spätzeit

des Jahres mit reifverbrannten Halmresten. Mild und klar ist der

Herbsttag, ein Prachtwetter für einen Jahrmarkt. Auf der gut gepflegten

Straße gen Schramberg pilgern die Lauterbacher in mehr oder minder

großen Gruppen, behaglich und vergnügt. Eine Gruppe für sich bilden die

Leute vom Gifthof mit Klärle und dem Vater an der Spitze. Auch der Hirt

Martin ist dabei, da die Kuhdirn seinen Dienst versieht auf Klärles

Geheiß. Ein frohes Jahrmarktvergnügen soll dem Hirt Ersatz bieten für

die Fohrenbühler Hiebe zu Pfingsten, so hat Klärle gesagt und dem

überglücklichen Martin einige Groschen in die Hand gedrückt. Jetzt

stolziert der Hirt neben Bärbel, die nicht minder vergnügt ist, die

Straße entlang.

Frohes Leben herrscht im schmucken Städtchen Schramberg, in dessen

Hauptstraße zahlreiche Marktfieranten ihre Buden aufgeschlagen haben, in

welchen ein Kunterbunt von Gegenständen feilgehalten wird. Die Wäldler

sind in dichten Scharen herbeigeströmt; es treffen sich da die zunächst

der Stadt wohnenden Lauterbacher, Leute aus dem romantischen

Berneckthale, die Kinzigthaler, Alpirsbacher und Schiltacher stauen sich

im Menschengewoge, auch Oberndorfer haben ihre Oberamtsstadt verlassen

und sind über das Plateau von Waldmössingen herübergewandert, um die

Schramberger Marktfreuden zu genießen, so da Karussells, Schießstände

&c. bieten. In den Buden werden Waren geprüft, Tücher ans Licht

gehalten, Töpfe abgeklopft, Geschirr eingehandelt von den Weibern;

Burschen und Bauern handeln Schnitzpfeifen ein, auch wohl Hüte und

Holzschuhe und dergleichen mehr. Wer durch die Hauptstraße will, muß

sich Schritt für Schritt langsam Raum erkämpfen. Dicht gefüllt sind die

Wirtsstuben auf der „Post“ und im „Lamm“, wo dem Oberndorfer Gerstensaft

und württembergischen Landwein fleißig zugesprochen wird. Die Zecher

stehen selbst im Flötz und bis heraus auf die Straße, da drinnen

unmöglich mehr Platz zu finden ist. Wo Bekannte aufeinander stoßen,

giebt es laute Begrüßungen, ein lebhaftes Fragen nach Gesundheit und

Ernteergebnis. Auch der alte Gifter hat Freunde aus dem Kinzigthale

getroffen, die der Freude über sein Gehwerk Ausdruck geben, da der

Gifter mit dem Pedal wieder gut bei einander sei. Und wie's mit der

Fechsung stünde, wollen die Kinziger wissen, und wie's der Klärle gehe.

Der Gifter schiebt die Pfeifenspitze vom rechten Mundwinkel in den

linken und meint gelassen. „Jo, 's ischt aelles guet! Ma' ka' huier mit

'm Herrgott z' frieda sei!“ Was um den Gifter herumsteht, lacht aus

vollem Halse, nur Gifter selbst macht ein saures Gesicht dazu; seine

Falkenaugen haben soeben im Gewühle den Jörgenmicheles-Kaspar auftauchen

sehen, und nun befürchtet Gifter einen abermaligen Zusammenprall Kaspars

mit seiner Klärle wie seinerzeit auf dem Fohrenbühl, zumal die Tochter

nicht besonders erbaut war, als sie vom Mißerfolg der diplomatischen

Vermittlung hörte. Daß Klärle damals nicht aufbrauste und springgiftig

wurde, ist wohl der Mitteilung zuzuschreiben, daß Kaspar das Tränkle

„Gegengift“ wirklich gekostet habe. Seither ist diese Angelegenheit

nicht mehr besprochen worden, und Gifter bekam Ruhe. Nun steuert der

Malefiz-Kaspar aber auf die Gifterischen zu, und da kann es was

absetzen. Rasch blickt Gifter um sich, erwägend, ob er seine Leute nicht

doch irgendwo zur Seite bringen und dem Kaspar ausweichen könnte. Aber

die Menge steht fest wie eine Mauer, seitlich hindert eine große

Lebzelterbude ein Auskneifen, es giebt kein Durchdrücken mehr.

Gleich dem Vater hat auch Klärle den Kaspar erblickt, und siedheiß ward

ihr dabei; es ist ihr, als schlüge das Herzblut bis in die Kehle hinauf

und würde ihr der Hals zugeschnürt. Gern würde sie davonflüchten wie ein

hochgemachtes Reh, aber sie ist gleich den Ihrigen eingekeilt, und ein

Durchdrücken würde so langsam vor sich gehen, daß der rücksichtslos

vordrängende Jungbauer doch noch früher an der Bude sein würde. Warum

auch flüchten vor ihm? fragt sich Klärle blitzschnell, und bleibt wie

angewurzelt stehen. — Wie stämmig, männlich schön der Kaspar ist! Und wie

tüchtig er damals küßte! Klärles Herz klopft hörbar. Und da ist er

wirklich. Mit einigen Ellbogenpüffen hat er die Kinziger seitlich

geschoben, murrenden Burschen keck und doch lustig ins Gesicht gelacht,

daß seine weißen Zähne schimmerten, und nun steht er Aug in Aug mit der

erglühenden Klärle. Kaspars Lippen schließen sich, eine leichte

Verlegenheit huscht über sein Gesicht. Seine Absicht war es, mit den

Gifterischen zusammenzukommen, und nun er sie glücklich gefunden hat,

fühlt er sich nicht sicher.

Doch was ist das? Klärle geht einen Schritt ihm entgegen, purpurn

glühend, reicht ihm die Hand und sagt: „Grüß Gott, Kaspar!“

Jetzt zuckt es bei Kaspar, und das Herz will zerspringen. Seine Stimme

bebt bei den Worten: „Du — du — wie ist mir denn — du, Klärle, bietest mir

einen Gruß?!“

Mit zitternder Stimme sagt Klärle zur Freude des Vaters: „Ja, Kaspar!

Ich will gut machen, was ich verübt! Aber eine Bitte hab' ich an dich!“

Jauchzend kommt es von Kaspars Lippen: „Red, Klärle! Was ich thun kann,

thue ich für dich!“

„Eine Bitte: Kaspar, nimm den Namen — du weißt schon welchen — von mir

weg!“ Dabei sieht ihm das Mädel so lieb in die Augen, daß Kaspar es am

liebsten in die Arme nehmen und abküssen möchte.

„Gern, Klärle! Wenn's dir nur was nützt!“

„Die Hauptsach' ist, daß du mich nicht mehr so nennst!“

„Das ist dir die Hauptsach'?! Ja, wie ist mir denn? Dann bist du mir ja

gar nimmer bös'?“

Klärle, der die Augen wässerig werden, schüttelt den Kopf, daß die

Häubchenbänder flattern.

„Dann bist mir am End vor lauter „Gift“ gar gut 'worden?“

Jetzt nickt das süße Mädel, zugleich hebt es die Händchen bittend empor:

„Nimmer dieses Wort?“

„Ja, Herzensmaidle: Wenn dir das Wort so zuwider ist, solltest doch

ganz vom Gifthof wegziehen, dann hörst das Wort überhaupt nimmer!“

„Kaspar!“

„Klärle! Willst lieber Jörgenmichelesbäuerin heißen?“

„Ja, Kaspar!“ ruft überglücklich Klärle, und das schöne Paar hält sich

überglücklich umschlungen.

Verwundert über diese plötzliche Gefühlsänderung der zwei sich bisher

spinnefeind gewesenen jungen Leute, gucken die Leute mit offenen

Mäulern. Dem alten Gifter ist die Pfeife aus dem Munde gefallen vor

Überraschung. Dann aber schießt das helle Wasser ihm aus den Augen, in

den Mundwinkeln zuckt's wie in den gichtigen Beinen und in einer

Anwandlung von Übermut jauchzt der Alte und hebt die Beine, als wollt'

er wie die Gebirgler schuhplatteln.

Im selben Augenblick taucht im Menschengewühl auch die Kräuterliese auf

und strebt, mit zwei Lebzeltenherzen bewaffnet, der Gruppe der

Glückseligen zu. Klärle jubelt beim Anblick der Alten, die dem Paare die

Lebzeltenherzen mit feierlicher Würde überreichend schelmisch fragt, ob

das Gegengift gründlich gewirkt habe.

„Und ob!“ rufen Kaspar und Klärle gleichzeitig und liebkosen die vor

Rührung weinende Kräuterliese.

Klärle erinnert sich auch jetzt in dieser glücklichen Stunde ihres

Gelöbnisses und kündet der Alten an, daß sie nach der Hochzeit im

Jörgenmicheleshof aufziehen könne.

Ein energisches „Halt!“ macht die Leute auseinanderfahren. Der Gifter

stellt sich in Positur und verkündet daß er, weil gar nicht um

Genehmigung gebeten, seine Einwilligung versage.

Vor Schrecken verschlägt es dem Kaspar die Rede; doch Klärle stellt

sich energisch vor dem Vater auf, stützt die Hände auf die Hüften und

droht: „Was? Du willst jetzt in der Stunde meiner Bekehrung, meines

Glückes ‚nein‘ sagen?! Wenn du mir das anthust, bleib' ich die

Giftklärle zu deiner Straf', wie ich früher war!“

Da zuckt der Alte zusammen im drollig markierten Schreck und ruft: „He,

Kaspar! Stürz du dich lieber in dein Unglück!“

Jubelnd umringt alles das Brautpaar. Auch Martin und Bärbel haben sich

endlich durch die Menschenwoge durchgezwängt und bringen ihre

Glückwünsche dar. Der Hirt fragt gleichzeitig, wie es mit dem Geläut nun

stände, und jauchzt vergnügt, als die Braut ihm erlaubt, gleich jetzt

ein vollständiges Schellengeläut für die Kühe beider Höfe auf ihre

Kosten zu kaufen.

Im „Lamm“ ward die Verlobung gefeiert und manches Hoch ausgebracht im

guten Sinne auf die liebe, gute, glücklich gewordene Giftklärle.

Fußnoten:

[16] Die Gift-Gabe, Vergabung, Urgift, Handgift, jemanden mit Gütern

begiftigen („bei diser gnad, _gifte_ und freyheit“). Aus der alten

Sprache ist ins Hochdeutsche nur noch die _Mitgift_ herübergenommen.

[17] Die Balgerei nach dem offiziellen Schellenmarkt ohne akuten Anlaß

ist traditionell und hat in der Folge dazu geführt, daß jeweils der

Markt von der badischen, das Jahr darauf von der württembergischen

Behörde verboten wurde. Das Bestehen der badischen Polizeistunde zwingt

ohnehin die Zecher, nachts 11 Uhr den „Schwanen“ zu verlassen und in den

württembergischen „Adler“ zu übersiedeln. Getanzt darf in keiner

Wirtschaft werden. In neuerer Zeit verhindert polizeiliches Aufgebot von

badischer Gendarmerie und württembergischen Landjägern größere

Ausschreitungen.

Im grünen Tann · 第 16 / 19 题