Klärle aber verläßt augenblicklich die Stube und schließt sich oben in
ihrer Kammer ein.
Vor dem Hause auf der Bank hockend, zerbricht sich der Gifter schier den
Kopf über die sonderbaren Eigenheiten der Tochter, die bald niemand mehr
verstehen wird.
* * * * *
Tage und Wochen vergingen; der Heumahd ist die Grummeternte gefolgt, ein
leichtes Herbsteln in der Natur wird wahrnehmbar. Die Arbeiten gehen
ihren gewesenen Gang. Immer stiller werdend waltet Klärle auf dem Hofe
ihres Amtes. Körperlich ist an ihr keinerlei Veränderung wahrzunehmen,
nur sticht ihre Milde gegen jedermann stark ab gegen ihr früheres
scharfes lärmendes Gebahren. Daß Klärle auffällig oft an einer Stelle
sitzt, wo der Richtung nach der Fohrenbühl sich erhebt, und unverwandten
Blickes hinaufstarrt, obwohl nicht das geringste zu sehen ist, das
entgeht dem Vater nicht und erregt in ihm doch allmählich Besorgnis, die
ihn schließlich veranlaßt, mit dem Vertrauensmann der Dörfler, mit dem
Pfarrer, Rücksprache zu pflegen. Ohne seine Absicht bekannt zu geben,
ist der Gifter eines Tages nach Lauterbach gehumpelt und für eine Weile
im Pfarrhof verschwunden. Am selben Abend, als der Gifter mit Klärle
allein in der Wohnstube ist, meinte er so leichthin, daß Klärle am
nächsten Sonntag nicht in die Kirche kommen solle.
Mit jähem Ruck wirft die Tochter den Kopf auf und fragt scharf: „Wer
will mir, wenn ich es will, den Kirchgang verbieten?“
„Nu nu! Nicht gleich obenaus fahren, Klärle! Dem Pfarrer wäre es lieber,
wenn du nicht anwesend wärest!“
„Was hat der Pfarrer vor mit mir?“
„Das hat er mir nicht auf die Nase gebunden. Doch werden wir es ja
hören, was es giebt. Wenn du indes gehen willst, ist's dir unbenommen.
Der Pfarrer hält übrigens große Stücke auf dich und ist fest überzeugt,
daß du dich zum Frieden durchringen wirst.“
Klärle erglüht wie eine Pfingstrose und neigt den Kopf tief zur
Näharbeit herab.
Im selben Augenblick pocht es an der Stubenthür und ein etwa
siebenjähriger Knirps schiebt seine kleine Gestalt herein, in der
rechten Hand krampfhaft ein in Papier gehülltes Fläschchen tragend.
Zaghaft geht der Knirps auf das Mädchen zu und fragt. „Bist du die
Klärle?“
„Ja, Kleiner, was willst oder bringst?“
„Da, das da hat mir die Kräuterliese für dich übergeben. Du darfst es
aber erst aufmachen, wenn ich hinter der Thür bin!“
„So, Vorschriften auch noch! Wart' einen Augenblick, ich will dir etwas
aus der Küche zum Botenlohn geben!“
„Nein, nein, ich brauch' nichts!“ zetert angstvoll der Kleine und
springt davon, als sei der Teufel hinterdrein.
Der Gifter lacht aus vollem Halse; Klärle begiebt sich wieder an den
Nähtisch und löst das Fläschchen aus der Umhüllung. Ein Wutschrei
entfährt ihrem Mund, sie stampft mit dem Fuße, ballt die Faust und
zischt: „Schändlich! Soll ich mich auch noch von Bettelweibern verhöhnen
lassen! Ich hätte nicht übel Lust das Zeug zum Fenster hinauszuwerfen!“
„Dann öffne aber vorher, es war' schad' um die ganzen Scheiben!“ meint
trocken der Vater im Lehnstuhl und fragt dann, was denn los sei.
„Ach was! Eine Bosheit der Kräuterliese, die mir ein „Gegengift gegen
die Giftklärle“ schickt, eine „Medizin zur Läuterung der Seele“. So
steht es wenigstens auf dem Fläschchen angeschrieben. Zu dumm! Ich
werde — nein, nichts werde ich, keinen Tropfen werde ich einnehmen davon!
Aber ihr werde ich die Bosheit eintränken!“
„Klärle!“
„Was willst Vater?“
„Ich mein', die Liese will dich mahnen an etwas?“
„An was?“
„Das weiß ich nicht. Du wirst es schon wissen!“
Klärle verstummt, nimmt das Fläschchen zu sich und verläßt die Stube.
* * * * *
Die folgenden Tage wird der „Gegengift“-Sendung mit keinem Worte
erwähnt. Mit Spannung harrt der Alte der Dinge, die der Sonntag bringen
soll. Und als die Glocken am Tag des Herrn zum Gottesdienst riefen,
fragte der Gifter, zum Kirchgang gerietet: „Nun, Klärle, wie ist's?
Gehst mit oder thuest dem Pfarrer den Gefallen? Oder bringt dich die
Neugier um?“
„Ich bleibe daheim und werde mein Gebet im Kämmerlein verrichten!“
erwidert ruhig Klärle und winkt dem Vater liebevoll zum Abschied mit der
Hand.
Im dichtgefüllten Gotteshause lauscht die Schar der Lauterbacher
andächtig der weihevollen Predigt, die der Pfarrer schließt mit den
Worten: „Liebet einander im christlichen Sinne.“ Seltsamerweise bleibt
der Prediger aber auf der Kanzel, überblickt die gespannt zu ihm
aufblickenden Gläubigen und beginnt aufs neue: „Geliebte in Christo dem
Herrn! Als ich am heiligen Pfingstfeste zu euch sprach und euch ermahnte
zu Geduld, Milde und Güte, Frieden zu halten und einander zu lieben,
nicht zu hassen, da war meine Mahnung an euch alle in der ganzen
Gemeinde gerichtet, keineswegs aber an eine einzelne Person!
Unliebsamerweise hat jedoch diese Mahnung eine Deutung gefunden, als
hätte ich eine bestimmte Person im Auge gehabt. Dem war und ist nicht
so, und darum sind alle daran geknüpften Folgerungen hinfällig. Das
Gotteshaus ist nicht der Ort zu persönlichem Tadel, nicht der Ort für
menschliche Dinge. Meine priesterliche Liebe umfaßt euch alle! Und wie
der Herr sprach, so spreche ich an seiner Statt: Gehet hin und liebet
einander!“
Die Gemeinde segnend, verläßt der würdige Pfarrer die Kanzel und setzt
sodann die heilige Handlung am Altare fort.
Nach Beendigung des Gottesdienstes harrt der alte Gifter an der
Friedhofsmauer, umgeben von zahlreichen Dörflern, die lebhaft die
Ansprache des Pfarrers besprechen, des Priesters, der freundlich grüßend
aus der Kirche tritt und besonders dem Gifter liebevoll zunickt. Gifter
humpelt auf den Pfarrer zu, drückt ihm herzhaft die Hand und dankt ihm
aus tiefstem Herzensgrunde für die guten Worte. Klärle wird sich schon
noch selber bedanken für diese Wohlthat, die jeglichem Gerede über die
„Stichelei“ ein Ende machen wird.
„Grüß mir die Klärle! Es wird noch alles gut werden!“ sagt der Pfarrer
und begiebt sich in sein Haus.
Gar mancher Bauer und Bursch reicht dem Gifter die Hand, gleichsam als
wollten sie gut machen, was sie über Klärle ob der vermeinten Stichelei
gesprochen. Ganz wohlig ist es dem Alten ums Herz, wie er nun
gemächlich durch das stille Gelände seinem Hof zuschreitet,
hochzufrieden mit dem wackeren Pfarrer, der so gut und lieb für Klärle
eingetreten ist. Und da steht ja Klärle lieblich wie ein junger
Maimorgen am Rain, den Vater erwartend.
„Grüß Gott, Klärle!“
„Grüß Gott, Vater!“
„Maidle, der Herr Pfarrer —“
„... hat für mich gesprochen, der liebe seelensgute Herr!“
„Du weißt schon?“
„Martin, der Hirt, war auch in der Kirche und hat mir Kunde gethan. O,
wie bin ich dem geistlichen Herrn dafür dankbar! Aber, Vater, ich hätte
eine große Bitte an dich!“
„Red', Klärle! Ich bin ja glücklich, wenn ich dir einen Gefallen
erweisen kann!“
„Ja, Vater, du bist so lieb und gut!“
„Schieß' nur los, Klärle! Deine Bitte ist im voraus erfüllt! Was soll
ich thun? Willst was vom Krämer in Schramberg oder ein neues Gewand?“
„Nein, nein! Vater! Geh', sei so lieb und bring' den Kaspar vom
Jörgenmichel dazu, daß er —“
Betroffen weicht der Gifter einen Schritt zurück und kratzt sich hinterm
Ohr.
„Willst du nicht, Vater?“
„Hm! Das ist eine heikle Sach', Klärle! Nicht, daß ich nicht zu ihm
gehen will, o nein, ich geh' gern für dich! Aber es ist die Frage, was
Kaspar sagen wird! Ich fürchte, er fertigt mich kurzer Hand ab und läßt
mich stehen!“
Klärle läßt den Kopf hängen und geht trübselig ins Haus. Der Vater
humpelt ihr wohl nach und sucht sie zu trösten, doch das Mädchen hört
nicht auf sein Reden und schließt sich im Kämmerlein ein. Gifter reibt
sich seine Stirne, als wenn er dadurch einen besonders geistreichen
Gedanken aus dem Hirnkasten herausbringen möchte. Es ist doch rein wie
verhext: Jetzt, wo's Klärle weich ist im Gemüt, zur Versöhnung geneigt,
rein nimmer zu kennen vor Sanftmut und Milde, jetzt hapert es dennoch,
jetzt soll der beleidigte Teil das erste Wort zum Guten geben! Daß
Kaspar bockbeinig bleiben wird, ist ihm gar nicht zu verübeln. Ob aber,
wie es eigentlich sein sollte, Klärle noch so mürbe wird im Sinn, daß
sie selber die Hand zur Versöhnung bietet und Abbitte leistet, das wagt
der Alte trotz der bisherigen Sinnesänderung Klärle's doch nicht zu
hoffen. Aber immerhin soll der Versuch gemacht werden. Wie er steht im
Feiertagsrock, pilgert der Gifter sofort die Straße in der Richtung zum
Fohrenbühl hinan und biegt sodann ab, wo ein Seitenweg zum
Jörgenmichelhof führt.
Wenn nicht Rauch aus dem Schlot des Hofes aufstiege, könnte man meinen,
es sei keine Katze im Hause, so still ist's hier.
Gifter scheut sich, polternd einzutreten durch die leicht angelehnte
Thür. In solcher Mission ist es nicht angezeigt, großspurig aufzutreten,
darum geht Gifter schier demütig ins Haus und klopft an die nächstbeste
Thür im Flötz.
Keine Antwort. Wird wohl niemand drinnen sein. Vielleicht hockt der
Kaspar noch im Wirtshaus zu Lauterbach und schöppelt. Unwillkürlich
klinkt aber Gifter doch die Thür auf, und überrascht fährt es ihm aus
der Kehle: „Oha!“
Kaspar zuckt erschrocken zusammen und sucht in arger Verlegenheit ein
Fläschchen zu verbergen, indes er stottert: „Je, der Gifter in eigener
Person!“
Der Alte faßt sich und begrüßt den Jungbauer: „Bist ja doch zu Hause,
Kaspar! Mit Verlaub setze ich mich, bin von der Rennerei am heutigen
Vormittag arg müde, und mein Gehwerk taugt nichts mehr!“
„Ja ja! Nimm Platz, Gifter! Darf ich dir mit 'm Gläschen Kirsch
aufwarten?“
„Nein nein, ich dank'! Schnaps ist für mich Gift!“
„So?“ lacht Kaspar. „Ich dächte, dem Gifter wird solches Gift nicht
schaden. Hast doch Gift genug im Gifthof!“
Betroffen guckt der Alte auf, und sein Auge sucht in Kaspars Miene zu
erforschen, wie die Rede gemeint sein könnte.
„Verstehst mich nicht? Macht auch nichts! Ist nicht bös' gemeint!“
„So, um so besser! Hast wohl auch etwas wie Gift in dem Fläschchen, he?“
Eine jähe Röte fliegt über Kaspars Gesicht. Zum Beseitigen des
Fläschchens ist's zu spät. Mit scheinbarer Gleichgültigkeit erzählt er,
daß man heutzutage von Betteleien nicht verschont bleiben könne. Die
Kräuterliese drinnen im Wald hätte ihm so ein Tränkchen geschickt,
jedenfalls in der Hoffnung, ein ordentliches Trinkgeld dafür zu
bekommen.