Und Martin erwidert: „Sie hat doch dich, Bärbel!“

„Du darfst nicht vergessen, Märte, daß sie alleweil die Herrin ist und

ich nur geduldet bin auf dem Hof! In mir sieht sie nichts als eine

dienende, aus Gnad' und Barmherzigkeit aufgenommene Person, was ich ihr

schließlich nicht einmal verübeln kann.“

„Na, just dreinschlagen braucht sie auch nicht! Mich hat es elend

gejuckt, als ich den Hieb um die Ohren spürte —“

„Nimm ihr's nicht übel, Märte! Wer weiß, ob es Klärle hinterher nicht

selber leid ist. Und besonders männlich und tapfer war's auch nicht

gewesen, wenn du ihr den Schlag zurückgegeben hättest, mein' ich!“

„Zurückgeschlagen hätt' ich nie! Es hat mich nur gejuckt in den Fäusten!

Nein, nein! Ich, und Klärle schlagen, sie, die ich am liebsten auf den

Händen tragen möcht'!“

„Wie sagst, Märte?“

„Ich mein' nur bloß! Weißt, die Klärle ist ja so viel schön!“

Bärbel preßt die Lippen aufeinander und wird blaß.

In den lauen Abend blickend bemerkt Martin davon nichts und spricht

mehr für sich leise vor sich hin: „Ja, ein wundersam Mädel ist die

Klärle! Freilich viel zu noblicht für unsereinen, aber anschmachten darf

einer sie doch! Und ihr zu lieb' geh' ich trotz Brauch und Recht morgen

nicht auf den Schellenmarkt, so gern ich mein zweites Geläut ergänzen

möchte! Weißt, Bärbel, mir fehlt zum zweiten Geläut noch eine Glocke!

Hab' ich die dazu paffende im Ton, dann kommt meinen Schellen keines

gleich im ganzen Schwarzwald! Aber es wird schwer halten, denn ich hab'

keine Tauschschelle und zum Kaufen kein Geld. Vom Bauern kann ich nichts

fordern, und bis Weihnachten ist noch lang hin.“

Bärbel hat sich jäh erhoben, und verwundert fragt Martin: „Wohin laufst

denn? Willst schon zur Ruh'?“

„Wart' einen Augenblick, Märte! Ich komm' gleich wieder zurück!“

Und weg ist das schmächtige Mädel.

Martin guckt Bärbel verdutzt nach und brummt dann: „Die hat auch ihre

Mucken wie die andere!“

Wie von einer Natter gestochen, ist Klärle, die alles gehört,

zurückgefahren, sie hat im Nu begriffen, weshalb Bärbel in ihre Stube

gelaufen ist, und die Einhändigung der Spargroschen zum Schellenkauf

will Klärle verhindern, sie weiß selbst nicht warum.

Ein schriller Ruf dringt durch das kirchenstille Haus: „Bärbel!“ Martin

zuckt zusammen und bringt sich in Sicherheit, indem er eiligst die

Knechtstube aufsucht.

* * * * *

Ein herrlicher Pfingsttag ist angebrochen mit all' der Sommerpracht und

goldigstem Sonnenzauber. Grün schimmert es von den Wiesen und Hängen,

frisch und saftvoll; mild ist selbst der Tann geworden, dessen düsteres

Schwarz sich lichtet durch die jungen Triebe. Durch den jungen

Sommermorgen zittern die Glockentöne herüber, die mit eherner Zunge

mahnen zum Gottesdienst. Schon sind die Ehehalten fort, festlich

gekleidet, die Dirnen geputzt in der schmucken Wäldlertracht mit

hängenden Zöpfen.

Der alte Giftbauer steht zum Kirchgang gerüstet vor dem Hause, denn zu

heiligen Zeiten pflegt er, wenn auch humpelnd, seiner Christenpflicht zu

genügen, wenn anders das Wetter es erlaubt. Und heute ist ja ein

Pfingsttag, wie er schöner nicht erträumt werden kann. Doch die Zeit

drängt, die Glocken rufen schon zum zweiten Male, und Klärle ist noch

immer nicht fertig. Ungeduldig klopft der Alte mit seinem Krückstock auf

die Bank vorm Hause und ruft in den Hof: „He, Klärle, wo steckst so

lang! Wir versäumen sicher noch Amt und Predigt!“

Von drinnen tönt es durch den Flur heraus: „Geh nur voraus, Vater, ich

komme gleich nach!“

Ärgerlich humpelt der Giftbauer der Straße zu. Daß doch Klärle immer was

Extriges haben muß! Und niemals ist ein Fertigwerden mit den

Weibsleuten.

Als Letzte verläßt richtig Klärle den Hof, nachdem sie das Hausthor

vorsorglich abgesperrt und den Schlüssel in der Tasche ihres

Festtagsrockes geborgen. Eilig läuft das wundersam geputzte Mädel gen

Lauterbach und erreicht das Gotteshaus just im Augenblick, wie Pfarrer

und Ministrant die Sakristei verlassen und die Orgel ertönt zum Beginn

der heiligen Handlung. Bis zur Bank, wo seit Menschengedenken die

Giftischen ihren Platz in der Kirche haben, kann Klärle nicht mehr

vordringen, die Andächtigen bilden eine dichte Menschenmauer, und Klärle

ist gezwungen, inmitten des „geringen Volkes“ von verspäteten Knechten

und Mägden stehend der Messe anzuwohnen. Das ärgert die stolze Klärle

nicht wenig, doch ist's nicht zu ändern. Von besonderer Andacht ist bei

Unmut und Arger keine Rede; Klärle möchte am liebsten die Kirche wieder

verlassen, doch stehen die Gläubigen hinter ihr in so dichten Scharen

hinaus bis auf den Friedhof, daß an ein Durchdrängen jetzt mitten im Amt

nicht zu denken ist. Auch würde es heilloses Aufsehen erregen, wenn just

die Tochter des Giftbauern die Kirche während des Gottesdienstes

verlassen würde.

Mit besonderer Würde und Feierlichkeit besteigt der Pfarrer die Kanzel

und beginnt die Predigt, nachdem er die versammelte Gemeinde gesegnet.

Des würdigen Mannes scharfes Auge hat Klärle eingekeilt in der Knechte

Schar wahrgenommen, und unschwer errät Hochwürden, daß das Mädchen sich

verspätet habe und sich nun wohl nach seiner Art über diese Umgebung

schwer ärgern werde. Der Pfarrer erinnert an die Verheißung Christi, die

am zehnten Tage nach des Heilandes Himmelfahrt in Erfüllung ging. In

Jerusalem waren die Apostel, Maria und wohl an hundertzwanzig Gläubige

versammelt, und alle beteten gemeinschaftlich um die dritte Stunde (neun

Uhr morgens). Da entstand plötzlich ein Brausen, das das ganze Haus

gleich einem Sturmwinde erfüllte, und der Geist Gottes kam in Gestalt

feuriger Zungen über die Betenden herab, erfüllte sie mit seinen Gaben

und bewirkte bei ihnen, daß sie die Lehre Jesu klar begriffen, gab ihnen

die Gabe der Sprachen und erfüllte sie mit Mut, um die Lehre Gottes

überall zu predigen. An jenem Tage hielt Apostel Paulus eine

erschütternde Rede an das Volk, und dreitausend Juden bekannten sich zur

Lehre Jesu und ließen sich taufen. Und heute ist das Pfingstfest, eine

Gedächtnisfeier zur Erinnerung an die Gründung der christlichen Kirche

für die ganze Menschheit. Mit der Feier dieses Festes steht auch die

Natur im Einklang; das heilige Pfingstfest fällt in eine Jahreszeit, wo

die Natur im Sinnbilde die Wirkungen darstellt, welche der heilige Geist

bei seiner ersten Ausgießung in der Menschheit im Ganzen hervorrief, und

welche er noch immer hervorruft, wenn er in die Seele der einzelnen

Christen einkehrt. Unter dem wohlthätigen Einfluß der Sonne entwickeln

sich in schnellem Wachstum die Keime und Knospen, welche die Früchte des

Sommers und Herbstes tragen sollen, die ganze Natur prangt in

vollendeter Schönheit. Die Knospen im christlichen Sinne sind aber

hauptsächlich die Liebe, der Friede, Geduld, Milde und Güte, und um

diese Früchte des heiligen Geistes sollen alle jene zu Gott flehen, in

deren Herzen diese himmlichen Tugenden nicht wohnen.

Ist es Zufall, daß der Prediger den Kopf eben in die Richtung dreht, wo

Klärle mit hochrotem Kopf steht?

Geduld, Milde und Güte und die Gifthof-Klärle — —?!

Unwillkürlich guckt alles in nächster Umgebung auf das Mädchen, das

zornglühend am liebsten in die Erde versinken möchte. Die Knechte stoßen

sich gegenseitig mit den Ellbogen, ein leises Gezischel bei den

Weibsleuten wird hörbar; die Leute haben erfaßt, daß die Worte von der

Kanzel offenbar auf die Gifttochter gemünzt sind, und darüber ist sich

auch Klärle klar. Wild drängt ihr heißes Blut zum Herzen, es hämmern die

Schläfen, sie glüht vor Zorn über diese Bloßstellung nach ihrer Meinung

und einem unwiderstehlichen Drange folgend, drückt das Mädchen die

nächststehenden Burschen zur Seite, schafft sich Platz durch Püffe und

Stöße und drängt sich durch die Menschenmauer hindurch ins Freie. Ein

Gemurmel des Unwillens, des Staunens erfüllt den Raum, niemand achtet

der weiteren Worte des Pfarrers; die Thatsache, daß die Gifttochter

beleidigt und absichtlich die Kirche verlassen, wirkt zu überraschend.

Das Ärgernis vergrößert sich, da auch noch der Gifthofhirt, der, auf der

Chortreppe stehend, die Entfernung Klärles wahrgenommen hat, unter

kräftigen Stößen und Püffen zum Ausgang drängt und sichtlich bestrebt

ist, dem Mädchen Beistand zu leisten.

Klärle hat sich durch den Menschenwall durchgearbeitet und steht, tief

Atem holend, an allen Gliedern bebend und hochrot im Gesicht, im

Friedhof, begafft von den Burschen, die im Gotteshause keinen Platz mehr

gefunden und nun ihrem Erstaunen über den verfrühten Austritt Klärles

unverhohlen Ausdruck geben. So spottet einer der Lauterbacher Buben:

„He, Klärle! Isch dir's zu warm worden drinnen, oder hat der Pfarrer

gestichelt!“ Das Mädchen wird blaß bis in die Lippen, es flimmert

Klärle schwarz vor den Augen vor Erregung. Im selben Augenblick tritt

Martin an ihre Seite, faßt sie bei der Hand und führt sie mit den

Worten: „Komm, Klärle, dir isch übel!“ hinweg.

Auf der Straße angelangt, reißt sich Klärle unwillig los und stürmt

davon. Verdutzt guckt Martin dem Mädchen nach, Klärles Sinnen, Denken

und Fühlen verstehe ein anderer, der Hirt kann's nicht verstehen.

Gemächlich trollt Martin heim, unterwegs sich die Worte des Pfarrers

zurechtlegend, die der Hirt wohl auch für richtig findet, nur hätte der

Pfarrer nicht so deutlich auf Klärle sticheln sollen, die ja so arg

empfindlich ist. Jedenfalls hat es der Pfarrer jetzt bei Klärle

gründlich verschüttet. Die wird nun einen Humor entwickeln! Na, guet'

Nacht! Das kann hübsch werden. Und wie von einer Vorahnung erfaßt, reibt

sich Martin seine Wangen, entschlossen, der schlagfertigen Haustochter

künftig sorgsam auszuweichen.

Im Hause steht das Thor angelweit offen, doch von Klärle ist nichts zu

sehen. Martin sucht seine Kammer auf, kleidet sich wieder werktäglich,

weil er ja doch laut gemessenem Befehl der Haustochter auf die Weide muß

und ihm der Besuch des Schellenmarktes verboten ist. Und nach dem

Vorfall in der Kirche ist an eine Zurücknahme des Verbotes ganz und gar

nicht zu denken.

* * * * *

Auf dem engen Kirchplatz zu Lauterbach ist es wohl seit der

Kriegserklärung gegen Frankreich und der Thronbesteigung König Wilhelms

II. des Guten nicht mehr so lebhaft zugegangen, als nach Beendigung des

Gottesdienstes am heutigen Pfingsttag. Die Leute drängten aus der

Kirche in einer Eile, als stünde das Dach in Flammen, und in

Weiberröcken und Mädchenzierrat gab es Risse, die willig in Kauf

genommen wurden, wenn es nur gelang, so schnell wie möglich das Ereignis

der Predigt auf die Gifthofkläre besprechen zu können. Daß der Pfarrer

recht hat, ist eine ausgemachte Sache; das bestätigt jedes, das mit der

spitzen Klärle je in Berührung gekommen ist. Und unverdient ist diese

Kanzelmahnung sicherlich nicht; dagegen ist die Nippenburg gegen ein

Zündholzschächtelchen zu wetten, daß die Kanzelmahnung bei Klärle just

das Gegenteil erzielen wird. Die jungen Lauterbacherinnen wundert daher

die Kurasche des Pfarrherrn, den 's Klärle doch schon einigemale

heidenmäßig respektwidrig schnippisch behandelt hat. Ältere Leute wieder

äußern die Ansicht, daß damit der Pfarrer nur Öl ins Feuer gegossen

habe.

Ein wahres Kreuzfeuer von Fragen und Bemerkungen hatte der alte

Giftbauer auszustehen, als er ahnungslos aus der Kirche kam. Daß seine

Tochter das Stichblatt der Pfingstpredigt gewesen, hat er nicht im

geringsten gemerkt; im Gegenteil war er der Meinung, daß der würdige

Pfarrer seit Langem nicht so eindringlich und gut das Wort des Herrn

verkündigt hat. Und so ganz im geheimen hat der Alte gebetet, es möchte

der Geist der Liebe, Milde, Güte und Geduld auch in Klärle einziehen und

deren Herz weicher stimmen. Der Ansturm der Lauterbacher überrascht

daher den Alten höchlich, er verblüfft ihn; der Gifter kann es nicht

fassen, daß der „Stich“ auf Klärle allein gemünzt gewesen. Aber da

versichert wird, daß seine Tochter in höchster Erregung vor Beendigung

des Gottesdienstes die Kirche verlassen, sich gewaltsam den Austritt

erzwungen hat, so wird dem wohl so sein, und der Alte seufzt, und flink,

wie seit Jahren nicht, stapft er von dannen, die Leute einfach stehen

lassend. Die Gichtschmerzen sind ihm ganz verflogen, schier gebraucht er

den Krückstock nimmer im Bestreben, dem Geschwätz so rasch als möglich

zu entkommen. Der Kaspar vom Jörgenmicheleshof mit der Zwiebel auf dem

Hut, dem Andenken an die Begegnung mit der Gifthofklärle, hat Mühe, den

fortstürmenden Gifthofer einzuholen und sich zusammenzureimen, wie doch

das Zipperlein die Leute laufen läßt, wenn's pressiert. Und dem Gifter

pressiert es, als stünde sein Hof in Flammen; er biegt eben von der

Straße ab, wie Kaspar mit der Zwiebel am Hute in Rufnähe kommt. Soll er

den Alten aufhalten? Lieber nicht! Auch künden erregte Laute aus dem

Gehöft, daß das durch den Pfarrer heraufbeschworene Gewitter sich eben

entladet. Offenbar läßt Klärle jetzt in ihren vier Wänden den Gefühlen

freien Lauf. Kaspar entfernt sich gegen den Fohrenbühl zu, um vom

Schellenmarkt möglichst viel zu profitieren, der nach dem Lauterbacher

Gottesdienst seinen Anfang nimmt.

Im Gifthof sind die Dienstboten nach Amt und Predigt wieder vollzählig

erschienen, und gemächlich freuen sich die Knechte der Festtagsruhe vor

dem Essen, nur die Dirnen müssen Hausarbeit in der Küche verrichten.

Martin, werktäglich gekleidet, mit der langen Geißel bewaffnet,

schreitet eben der Stallthüre zu, um seine Kühe loszuketten und auf die

Weide zu treiben, da kommt Klärle aus dem Flötz und ruft ihn an: „He,

Märte, was soll's?“

Verwundert dreht sich der Hirt um und guckt Klärle an.

„Wohin willst, Märte? Warum steckst du am heiligen Fest in

Werktagskleidern?“

„Auf die Weide will ich! Hast es ja ausdrücklich befohlen!“

„Du bleibst hier! Augenblicklich ziehst dich um, dem Pfingsttag zu

Ehren! Und die Kühe treibt Vrenele aus bis zum Abend!“

Martin starrt Klärle fassungslos an.

„Hörst schlecht? Dageblieben sag' ich! Und nach dem Essen begleitest du

mich zum Schellenmarkt, verstanden!“

Den Befehl hat der Hirt verstanden, aber warum die Gifttochter jetzt den

Sinn so geändert, warum sie sogar ihn zur Begleitung auffordert, das

will ihm nicht in den Kopf. Aber ihm kann's recht sein! Vergnügt begiebt

er sich wieder zurück in seine Kammer und kleidet sich abermals um. Mit

offenen Mäulern stehen die Knechte herum und staunen; der heutige Tag

bringt eine Überraschung nach der anderen. Klärle geht dann hinüber in

den Garten, um den Vater zu verständigen, daß sie nach Tisch mit dem

Hirt auf den Fohrenbühl gehen werde. Es möge der Vater mit Bärbel

unterdessen das Haus hüten.

Der Alte hat alles schon vernommen; Klärles Stimme ist nicht zu

überhören. Ihm kann's recht sein, nur meint der Gifter, daß es

vielleicht für Klärle besser sei, sich nach dem Vorfall in der Kirche

lieber nicht unter die Leute zu mischen. Auch pflege es auf dem

Schellenmarkt nicht immer glatt abzugehen! Jedenfalls werde Klärle gut

thun, vor Dämmerung heimzukehren! Denn nach dem Gebetläuten sei noch

immer gerauft worden beim Schellenmarkt am Fohrenbühl!

Klärle ist ganz vom Widerspruchsgeist erfaßt; die gutmütige Mahnung

erzielt bei ihr das Gegenteil; sie geht jetzt erst recht. Auf die Leute

hat sie nicht aufzupassen, und mit dem stichligen Pfarrer werde sie

schon noch abrechnen. Und vom Vater wäre es auch schöner gewesen, wenn

er, statt wie toll heimzurennen und sich vor den Leuten zu verstecken,

dem Pfarrer seine Meinung gesagt hätte. Der Hirt — so ein Wicht! — hat

mehr Schneid und Anhänglichkeit bewiesen und hat wenigstens versucht,

ihr beizustehen. Drum darf er zur Belohnung für seinen guten Willen auf

den Schellenmarkt, und sein zweites Geläut werde sie, die Tochter vom

Gifthof, ihm aus eigenen Mitteln ergänzen.

„Aber Klärle, das ist doch ganz aus der Weis' gegen Brauch und Sitte!“

„Eben deswegen thue ich's!“

„Aber, hör' doch! Seit Menschengedenken schafft sich im Schwarzwald ein

Hirt sein Geläut selbst, und deshalb ist auch jeder Waldhirt so stolz,

das beste Geläut zu besitzen!“

„Unser Märte wird nicht minder stolz auf sein Kuhgeläut sein, wenn ich

ihm die noch fehlende Schelle einhandle!“

„Na, das kann ein schönes Geguck werden: die Gifthoftochter und Schellen

handelnd!“

„Ich thu's, und wenn sich alles auf den Kopf stellt darüber!“

Schellengeläute veranlaßt Klärle, sich zum Stallausgang zu begeben, wo

Vrenele eben die Kühe ins Freie läßt und zur Weide treiben will. „He!

Nimm der Bläß' und der Scheckigen die Schellen ab und gieb sie dem

Märte! Kannst die beiden Küh' heut ohne Geläut austreiben. Morgen soll

's Geläut dann beieinander sein.“

Wenn die Dirn Zeit dazu hätte, sie würde die Hände überm Kopf

zusammenschlagen. So aber hat sie Mühe, den fortdrängenden Kühen die

Glocken abzunehmen und händigt selbe dem vergnügt schmunzelnden Hirten

ein, der sich nicht wenig auf die ihm gewordene Bevorzugung einbildet

und nicht übel Lust hätte, der Klärle seine Liebe zu erklären, wenn die

Sache nicht so gefährlich wäre. Ein einzig uneben Wort, und die

Geschichte schlägt ins Gegenteil um, der Schellenmarkt fällt ins Wasser,

und Martin hat seine Hiebe dazu, wenn er nicht gar vom Hof gejagt würde.

Aus diesen Erwägungen behält der Hirt seine zärtlichen Gefühle lieber

bei sich und läßt sich über die Gunstbezeugung gebührend bewundern. Bei

Tisch langt er sich im Bewußtsein, Hahn im Korb zu sein, die größten

Brocken heraus, ein Frevel, der ihm zu normalen Zeiten sicherlich einen

gehörigen Rüffel eingetragen hätte. Heute gucken die Knechte und Dirnen

bloß, zumal Klärle dem Hirt übern Tisch zuruft, er solle sich beeilen,

denn sie werden gleich nach dem Essen ausbrechen.

Der Vater fragt, ob von den Knechten jemand auf den Markt gehen dürfe.

Klärle erwidert gleichgiltig: „Mit mir nicht! Doch will ich's niemand

verwehren, sofern die Leute zur Dämmerung wieder zu Hause sein werden!“

Das Gesinde vergißt aufs Essen vor Verwunderung, nur Martin schiebt mit

Gabel und Löffel in den Mund, was er hineinbringen kann, und grinst dazu

vor Vergnügen. Wenn das so fortgeht, kann er möglicherweise heut abend

schon erklärter Tochtermann vom Gifter, und in sechs Wochen Giftbauer

sein. Dann soll's hoch hergehen! Vor Wonne und Seligkeit hat der Hirt

beim Schlucken nicht besonders acht gegeben und muß jetzt husten, daß er

blau im Gesicht wird.

Ärgerlich fragt Klärle: „Was hat denn der Esel? Er erstickt wohl noch an

Butterspätzlen!“

Das kühlt die Glückseligkeit des Martin augenblicklich ab, und auch der

Kloß rutscht sofort in den Magen, aus Respekt vor der Giftbauerntochter.

* * * * *

So stillruhig es auf dem Höhenzug zwischen dem Gutach- und Berneckthal,

Fohrenbühl genannt, sonst ist und menschenleer auf der an Wiesen und

Weideplätzen und Tannenwäldern vorbeiziehenden Straße nach dem badischen

Städtchen Hornberg, heute wimmelt es von Hirten, Knechten und Dirnen,

Bauern und Bäuerinnen, die alle der Grenze und Wasserscheide auf der

Höhe zuwandern, wo noch auf württembergischem Boden das Wirtshaus zum

„Adler“, etwa fünfzig Schritte davon auf badischer Erde das Wirtshaus

zum „Schwanen“ steht. Die Straße durchschneidet quer die Landesgrenze

und stehen die Grenzpfähle zwischen den beiden Häusern, die Wiesen,

Granitfindlinge und die ungeheuren Felder der für die Schwarzwaldhänge

typischen gelben Ginsterblume, hier zu Lande „Herrgottschühle“ genannt,

trennen. Beide Wirte haben für den heutigen, vom besten Wetter

begütigten Fohrenbühler Schellenmarkt Vorkehrungen getroffen, fliegende

Schänken errichtet, Tische und Bänke vor die Häuser gestellt, um den

„Einfall“ zu erleichtern. In einer Bude hält ein Schramberger Kaufmann

neue Kuhschellen feil und Peitschen dazu, in einer anderen sind Tücher,

Lebzelten und dergleichen für die Dirnen zum Kaufe ausgelegt, die von

den Marktbesuchern denn auch gebührend bewundert werden. Innen und außen

sind die beiden Wirtshäuser bereits dicht belagert von Durstigen; auf

der Straße und bis hinüber in die Wiesen jedoch stehen die Hirten, die

Löwen des heutigen Tages, und probieren die Schellen, daß es wirr

durcheinandertönt. Gar mancher Bursch hält sich die Schelle dicht an das

Ohr, um sich vom Klang, von der Gesamtharmonie zu überzeugen, bevor er

den Kauf oder Tausch abschließt. Da jeder läutet und unzählige Schellen

probiert werden, ist es nicht leicht, einen richtigen Dreiklang oder ein

größeres harmonisches Geläute zusammenzubringen. Es schwirrt und klingt

über die Höhe hinein in den sonnenbegossenen, harzduftenden,

kirchenstillen Wald: ein vielstimmiges Kontert von Kuhglocken, ein

Schellenchaos, bei dem man sein eigenes Wort nicht versteht. Hat ein

Hirt aber das Kunststück fertig gebracht und seine Glocken harmonisch

vereinigt, ist der Tausch oder Kauf abgeschlossen, dann tönt wohl ein

Jauchzer der Freude dazwischen und Neugierige umzingeln den Glücklichen

und probieren seine Schellen. So lärmt es und tönt es, die Hirten jubeln

und jauchzen, trinken und streiten, wenn einer oder der andere auf

Tausch oder Verkauf nicht eingehen will.

In das Menschengewoge, das sich zwischen den beiden Wirtshäusern staut,

taucht eben Klärle mit dem Hirten Martin, welchem die Gifttochter,

nachdem sie wortlos mit ihm den Fohrenbühl hinangestiegen, knapp vor dem

„Schwanen“ eröffnete, daß er nach den zum Geläut noch fehlenden Schellen

suchen und solche einhandeln solle, wozu ihm Klärle das nötige Geld

überreichte. Freudestrahlend bedankte sich der Hirt und steuerte der

Hauptgruppe von Glockenhändlern zu, indes Klärle, von der Menschenmenge

schier geschoben, allmählich den Buden nahekam, in welchen Tücher und

dergleichen feilgehalten werden. Das Getriebe ist zu lebhaft, als daß

eine einzelne Person auffallen könnte. Hie und da streifte das Mädchen

wohl Bekannte, die dann untereinander tuschelten und sich wohl über die

Stichelei unterhielten. Klärle achtete ihrer nicht weiter und ließ sich

weiterschieben, teilnahmlos, gleichgiltig und gelangweilt. Schier reut

es sie, auf den Fohrenbühl in dieses Menschengewoge gegangen zu sein,

und allmählich reift in ihr der Entschluß, wieder heimzukehren. Hart vor

einer Bude stehend, wird Klärle plötzlich angesprochen, der Kaspar vom

Jörgenmicheleshof steht vor ihr und fragt: „Nun, schöne Klärle, wie

ist's mit uns beiden? Willst für die Zwiebel nicht ein Halstüchel

eintauschen? Bist noch so spitzig wie neulich?“

Unangenehm überrascht sieht das Mädchen zu dem stämmigen Burschen auf,

und zornig kommt es von Klärles leicht zitternden Lippen: „Laß mich' in

Ruh! Mit Bänkelsingern hab' ich nichts zu schaffen!“

Die scharfe Rede erregt Aufsehen unter den nächststehenden Leuten, die

nähertreten und erwartungsvoll aufhorchen. Das schöne Paar ist im Nu von

einer Menschenmenge eingekeilt, ein Entrinnen so leicht nicht möglich.

Gutmütig meint Kaspar: „Mußt nicht gar so spitz sein! Es war nicht bös

gemeint, und schau, dein Wurfgeschoß trage ich noch am Hut! Ein Nägele

von dir war' mir lieber!“

Mit einem Griff reißt Klärle die Zwiebel von Kaspars Hut und ruft: „Für

so 'nen Lumpen ist das selbst zu gut! Du brauchst nichts zu tragen von

mir!“

„Halt, schnippisches Ding! Der Knollen ist mein! Dir aber rate ich, geh

manierlicher um mit den Leuten!“

„Du willst Manier predigen, du, der wie ein Räuber in friedliche Häuser

einbricht und Mädchen überfällt! Schande über dich, Kitteljäger!“

„So meinst?! Na warte, das Wort soll dir noch einmal auf der Zunge

brennen! Wir rechnen noch ab miteinander! Hört zu, Bueben am Fohrenbühl:

Sie hat auf die Zähn' wohl e Härle,

Schneidet ab den Leuten die Ehr':

So bleib denn fürder: _Giftklärle_,

Dich nimmt der Teufel nimmermehr!“

Schallend Gelächter folgt diesem Trutzgesangel, laut rufen die Leute:

„_Giftklärle_!“ und spotten, da sie augenblicklich den Doppelsinn in

dieser Bezeichnung begreifen und fühlen, daß Kaspar ihr den Spottnamen

für ihr „giftiges“ (schnippisches) Wesen aufgebracht hat. Von Mund zu

Mund fliegt der Spottname; nicht einer findet ihn ungerecht, man gönnt

dem unverträglichen Mädel diese öffentliche Abkanzelung und witzelt

allenthalben übers „giftige Giftklärle“.

Wutentbrannt, zornglühend drängt sich Klärle durch die Menschenmenge,

die dem enteilenden Mädchen den neuen Spottnamen nachrufen. In rasendem

Lauf flüchtet Klärle die Bühlstraße hinab, dem heimatlichen Hofe zu.

Kaspar aber, der Held des Tages, feiert seinen Sieg über die trutzige

Dirn bald im „Schwanen“, bald im „Adler“. Immer lebhafter wird es auf

dem Fahrenbühl; der Wein thut seine Wirkung, immer hitziger werden die

Burschen. Martin hat einen Hirten gefunden, der die Ergänzung im

richtigen Glockenton zu seinem Geläut hätte, die paffende Schelle aber

nicht hergeben will. Martin giebt sich die größte Mühe, den Burschen zu

bereden, und bietet die gesamte von Klärle erhaltene Barschaft für die

Glocke. Je dringlicher Martin wird, desto störrischer zeigt sich der

Hirt, der schließlich, um den lästigen Händler abzuschütteln, höhnisch

sagt: „Und wenn ich die Schelle auch dir gäbe, sie käm dann doch auf den

Hof und der — _Giftklärle_ geb' ich sie nicht!“

Martin stutzt; von dem Vorfall an der Tücherbude hat er nichts

wahrgenommen, doch fühlt er augenblicklich den Hohn in der Bezeichnung

für seine Bauerntochter und ist zur Abwehr bereit. Die Schellen in den

Sack schiebend, streift Martin die Rockärmel zurück, holt zum Schlag aus

und ruft: „Nimm das Wort zurück, Lump, oder —!“

„Was oder — nichts oder!“ Schwapp hat Martin einen Hieb, daß ihm die

Ohren sausen. Auf so ein erstes Zusammenprallen streitender Hirten wird

beim Schellenmarkt förmlich gewartet, um sodann eine regelrechte,

saftige „Holzerei“ ins Werk zu setzen, die zu den notwendigen Freuden

des Festes gehört. Im Nu sind die Kampfhähne umringt; die Lauterbacher

Bueben schlagen sich auf Martins Seite im Gefühl württembergischer

Zusammengehörigkeit, und die Partei des badischen Gegners nehmen

selbstverständlich die Burschen und Hirten aus dem Gutachthal. Um die

Streitursache wird weiter nicht gefragt, es wird gerufen auf

württembergischer Seite. „Hie Beutelsbach!“, kampflustig brüllen die

Badener: „Hie Zähringen!“ und nun prallen die Burschen aufeinander, das

Gebalge beginnt, kreischend fliehen Dirnen und Weiber aus dem

Kampfbereich, die älteren Bauern hingegen beobachten mit Feldherrnaugen

die „Schlacht“. Der Hirt vom Gifthof hat entschieden Pech am heutigen

Pfingstfest; jämmerlich durchgebleut kommt er zu Fall, und im

Kampfgewühl wird wenig Rücksicht auf deinen gebräunten Teint und seinen

Gesichtsvorsprung genommen. Freund und Feind, Zähringer und

Beutelsbacher treten auf seinem Körper herum, hin und her wogt der

Kampf. Das bemerkt Kaspar, der erst die Flucht Klärles eine Weile

beobachtet hat, und Mitleid erfaßt ihn; mit einem wuchtigen Satz springt

er in den Menschenknäuel, wirft die Burschen links und rechts zur Seite,

packt den am Boden liegenden Martin und zerrt ihn mit kräftiger Faust

vom Kampfplatz weg.

Arg zerschunden, getreten und verschlagen braucht der Hirt eine Weile,

bis er auf eigenen Füßen stehen kann. Kaspar stützt den Burschen und

führt ihn dann den Bühl hinab, heim bis in die Nähe des Gifthofes, den

kläglich nach dem verlorenen Geld und um die vertretenen Schellen

jammernden Hirten tröstend und beruhigend.

Auf dem Fohrenbühl giebt es grimmig verschlagene Köpfe mit den schönsten

Beulen, die aber augenblicklich auseinanderfahren, wie der Landjäger

auftaucht. Hei, wie die Burschen nun flüchtig über die Grenze springen!

Wie ein Schwarm Heuschrecken hupfen sie ins badische Land,[17] und

fallen im „Schwanen“ ein, friedlich jetzt und einig, durstig und ob der

Kraftausübung seelenvergnügt. Der Schellenhandel wird jetzt

friedfertiger fortgesetzt, es klingt und tönt aufs neue hinaus in den

verklärten Abend, und die letzten Sonnenstrahlen vergolden die fernen

Höhen des Kniebis wie die Wipfel der langgedehnten Wälder.

* * * * *

Tannenumschattet steht am Moserkopf, in eine Mulde eingebuchtet auf

einer kleinen, windgeschützten Blöße inmitten des düsteren Tanns eine

ziemlich verfallene Blockhütte, auf deren flachem Dach eine Moosschicht

grünt und deren Fugen mit dürrem Farrenkraut verstopft sind. Klein und

sparsam sind die Fenster mit teils eingetragenen, teils erblindeten

Scheiben in der schwarzen Hütte angebracht, vom Tann beschattet, so daß

sie stets im Dunkel stehen. Eingefallen liegt nebenan ein Schuppen in

Trümmern, der wohl einst Aufbewahrungsort der Kienstöcke für einen

Theerschweeler gewesen sein mag, als noch an dieser Stelle in tiefer

Waldesabgeschiedenheit getheert und Pech erzeugt wurde. Bruchstücke

eines Theerofens liegen verstreut, von Farrenkraut umwuchert, auf dem

schwärzlichen Boden. Ein unheimlich Bild der Verwahrlosung, des Verfalls

bietet diese einsame Siedelung im dichten finsteren Tann, zu welcher

durch den stillen Wald ein wenig betretener, moosiger Pfad führt. Würde

nicht ein blauer Schurz an der verwitterten Hüttenthür hängen und

bläulicher Rauch sich den Weg ins Freie suchen, man würde die Blockhütte

für unbewohnt, verlassen gehalten haben. An dieser Stätte jedoch haust

seit Jahren, Winters wie Sommers über ein altes Weiblein, gemeiniglich

die Kräuterliese genannt, die hier aus sorglich gesammelten Kräutern

heilsame Tränklein braut und an Hilfsbedürftige draußen im Lauterbach-

und Berneckthale für wenige Groschen abgiebt und davon das karge Leben

fristet. Durch ein abschreckend Äußeres ist das alte Weiblein immer, wo

es sich in bewohnten Gegenden sehen läßt, ein Gegenstand der Furcht für

Kinder, die das Weiblein für eine Hexe halten, für eine unheimliche

Zauberin. Übermütige Burschen üben Spott am Weiblein, und die Dirnen

weichen der Kräuterliese aus. Aber wenn so ein junges Ding einen Trank

oder Rat braucht, wenn ein Mädel wohl gar durch geheimnisvolle Karten

einen Blick in die Zukunft thun und erkunden will, wie der ersehnte

Bräutigam heißen wird, dann huscht wohl so ein Waldmaidle durch den

kirchenstillen Tann zur Hütte und fordert Einlaß in die dumpfe einsame

Hütte.

Weihevoller Abend ist's im Wald; das geheimnisvolle Flüstern in den

Wipfeln ist erstorben, Meisen und Krummschnäbel sind zur Ruhe gegangen,

majestätisches Schweigen waltet ringsum, und zauberhaftes silberweißes

Mondlicht spielt herein auf die Blöße und zittert durch das dunkle Geäst

der mächtigen Fichten und Tannen. Versunken in Gedanken lehnt ein

lieblich Mädchen an der einen Seite des verfallenen Schuppens und blickt

zum klaren, sternenbesäten Himmel empor, von dem ein kleiner Fleck von

der Blöße aus zu sehen ist. Ringsum ragt der Tann auf, schützend und

bewachend, ein ungeheurer Wall von Baumriesen. Es ist Klärle, die stumm,

in sich gekehrt, vom Silberlicht umflossen steht und manchmal seufzt.

Das Mädchen hat sich in die Waldeinsamkeit geflüchtet, hier bei der

alten Kräuterliese hofft Klärle Ruhe zu finden vor den hämischen

boshaften Leuten, Ruhe für das eigene Herz. Hier wird sie das schlimme

Wort, das ihr auf dem Fohrenbühl zugerufen wurde, nicht mehr zu hören

bekommen, jenes Wort, das sie getroffen bis ins Herz. Wie sie Unterkunft

erbat bei der Kräuterliese unter Zusicherung guter Entlohnung,

verschwieg Klärle die wahre Ursache ihrer Flucht vor dem Menschen, und

schützte das Bedürfnis nach Waldluft und Ruhe vor. Und bereitwillig hat

die Alte Klärle aufgenommen und ein dürftig Kämmerlein eingeräumt, so

daß das Mädchen damit zufrieden wäre. Nach Gründen fragte das Weiblein

nicht weiter; Ruhe werde 's Maidle schon finden und ein Tränklein auch,

wenn es solchen wolle. Die Kost werde mager sein und dürftig das Lager

aus getrocknetem Moos. Zum Tanzen werde es nicht kommen im Tann des

Moserkopfes.

Ruhe hat Klärle; aber jenes verhaßte Wort drängt sich immer wieder ins

Gedächtnis und rückt ihr die widerliche Scene auf dem Fohrenbühl vor das

geistige Auge. Wie leicht hat sie früher Vorfälle vergessen, wie rasch

ist sie über unangenehme Scenen hinweggegangen! Bittende Worte hat sie

verlacht, die Menschen mißachtet, schlecht behandelt; sie ist kalt und

unempfindlich geblieben bei anderer Not und Elend und hat die

schlimmsten Auftritte wenige Augenblicke später vergessen. Bei einem Ohr

hinein, beim andern wieder hinaus; nachhaltend blieb nichts als eine

Leere im Herzen, ein immer unzufriedenes Herz. Und jetzt? Immer wieder

mahnt ein unerklärliches Gefühl, immer tönt ihr jenes Wort im Ohr; sie

sieht, wohin sie blickt, die Gestalt jenes stämmigen Burschen, der

hochaufgerichtet, mit lohendem Blick und zuckenden Lippen ihr jenes Wort

zuschleuderte; sie hört das Hohngelächter der Leute immer wieder, und es

krampft sich das Herz zusammen, ein namenloses Gefühl von Haß, Zorn,

Bitterkeit und Ohnmacht zieht schmerzend durch ihre wogende Brust. O,

wenn nur jener Augenblick aus dem Leben zu streichen wäre! Und mußte es

denn so kommen? Was hat der Kaspar gewollt? War es notwendig, ihn so zu

behandeln? Hat der Bursch nicht recht gehabt mit dem vergeltenden Wort?

Es nagt wie Reue in ihrem Herzen. Sie hätte die häßliche Scene verhüten

können; das grausame Wort wäre ungesprochen geblieben, wenn — —. „Selbst

bin ich Schuld!“ flüstert Klärle vor sich hin. Und mit Bangen fühlt sie,

daß sie die ersehnte Ruhe selbst hier, mitten im Tann, nicht finden

werde. Ist sie denn schlecht, verderbten Gemütes? Hat sie nicht manchmal

Wohlthaten geübt, Hungrige gespeist, Durstige gelabt, die Armen bedacht?

Ist es kein Samariterwerk, daß sie die Bärbel belassen auf dem Hof?

Pflegte sie nicht stets den alten Vater und führte die Wirtschaft regsam

und sorglich? Scharf und hitzig ist sie, aber nicht schlecht. Und

dennoch diese Strafe! Erst der Pfarrer mit der öffentlichen Mahnung und

dann der widerwärtige Auftritt auf dem Bühl. Vervehmt, verhöhnt,

verspottet von allen! Gebrandmarkt für immer! Ausgestoßen aus der

Gemeinschaft, sie, die Erste nach Geburt und Rang in der Bevölkerung des

ganzen Thales! Ein Flüchtling mit namenloser Qual im Herzen! Mit jähem

Entschluß hat sie das Vaterhaus verlassen, der Behaglichkeit am

heimischen Herde entsagt. Zierat und Schmuck, alles zurückgelassen,

geflohen vor den Menschen, und dennoch kein Friede, keine Ruhe!

Die Kräuterliese ist ins Freie getreten und mahnt zum Schlafengehen. Die

Nacht sei da, und die Hütte müßte geschlossen werden.

„Ich kann nicht schlafen!“ versichert seufzend Klärle und tritt zur

Liese.

„Hast wohl einen argen Kummer im jungen Herzen, Maidle?“ fragt

teilnahmsvoll die Alte. „Mit frohem Mut und Lustigkeit bist wohl nicht

fort und hereingeflüchtet zur alten Liese?“

Klärle schluchzt, heiße Thränen schießen über ihre Wangen.

„Komm, mein Kind, weine dich aus, Thränen lindern; sag, was dich drückt.

Schau, die alte Liese ist ein häßlich Ding, aber guten Herzens! Sie hat

Mitleid mit dir und will dir helfen, so dir zu helfen ist auf Erden!“

„Mir kann niemand mehr helfen!“

„Das wäre bös! Was hast denn verbrochen, Maidle!“

„Ich — nichts! Aber gebrandmarkt bin ich dennoch — unmöglich fürder im

Thale und unter den Leuten!“

„Gebrandmarkt sagst du? Wie das und weshalb!“

Unter Thränen, an die Alte geschmiegt, erzählt Klärle stotternd, zaghaft

das Ereignis, und besänftigend, tröstend legt Liefe ihre dürre

Knochenhand auf den Scheitel Klärles.

„Das ist freilich schlimm, recht schlimm! Und den bösen Namen wirst so

schnell nicht von dir bringen können, ledig nicht!“

Klärle reißt sich mit jähem Ruck los und blickt die Alte entsetzt an.

Erst nach einer Weile stammelt sie, am ganzen Körper bebend: „Du wirst

damit doch nicht sagen wollen, daß —“

Die Alte nickt und ergänzt den Satz: „Daß du erst als Weib eines Mannes

den üblen Beinamen loswerden wirst!“

Klärle atmet auf; im ersten Schreck hat sie schon geglaubt, am Ende gar

den Menschen heiraten zu sollen, der ihr den furchtbaren Schimpf

angethan. „Du meinst, ich solle überhaupt heiraten!“

„Ja, den Kaspar!“

Klärle kreischt auf, wie wenn eine Schlange sie gebissen hätte: „Den,

nein, niemals, lieber sterben!“

„Nicht so hitzig, Maidle! Mit dem Sterben hat es Zeit! Doch komm in die

Hütte, ich will abschließen und dir dann drinnen etwas erzählen, was ich

noch nie jemandem mitgeteilt. Komm, Klärle! Denk, ich sei deine Mutter!

Ich will dir wahrlich wohl, so verschrien ich auch bei den Leuten bin.“

Willig folgt Klärle der Alten in die Hütte und setzt sich zu deren

Füßen. Die Alte hebt dann an, leise, geheimnisvoll: „Du hast am Bühl den

ersten Schmerz erlebt und ich weiß es, wie weh es werden kann in der

Menschenbrust! Nur wer Schmerz empfunden, versteht des anderen Schmerz

und Leid. Schmerz läutert die Seele! Auch du mußt solche Läuterungen

durchmachen, auf daß dein Gemüt anders, besser werde. Auch ich bin

„geläutert“ worden!“

„Du?“

„Ja, ich! Daß ich die alte Kräuterliese bin, ein runzlig altes Weible,

das weißt du! Daß auch ich einst ein schmuckes Ding war wie du anjetzo,

das kannst du nicht wissen, weil es damals noch keine Gifttochter

gegeben hat!“

„Oh, das schlimme, häßliche Wort!“

„Na, nur nicht übertrieben sein, Maidle! Dein Elternhaus ist nun einmal

der Gifthof und dieser Heimat brauchst du dich nicht zu schämen! Höre

denn: Wenn es je im Schwarzwald ein lustig, aber hochfahrend trutzig

Maidle gegeben, war ich es in meiner Heimat, im Murgthal. Der alten

guten Mutter machte ich das Leben sauer durch Übermut und frevlen

Leichtsinn. Körbe austeilen, als die Freier kamen, war mir höchste Lust,

so sehr auch Mütterlein mahnte. Und ein besonderes Vergnügen war es mir,

einen braven, guten Burschen, der ehrlich um mich freien wollte, zu

quälen und zu verspotten. Und je eifriger er sich um mein Herz bemühte,

treu zu mir hielt, desto größer war mir die Lust, ihn zu schmähen. Klein

war sein Hab und Gut, ich nannte ihn öffentlich einen Bettler und schrie

vor Lust, als er zusammenzuckte und ihm das Herz verkrampfte. Umstehende

Flößer lachten dazu, was mich reizte, meinem getreuen Verehrer

zuzurufen: Bevor ich dich nehme, du Habenichts und Hasenfuß, geh' ich

mit dem nächstbesten Flößer in die weite Welt! Die Flößer gröhlten vor

Vergnügen. In meiner Verblendung warf ich mich einem besonders starken,

stattlichen Burschen an die Brust, herzte denselben und ließ mich

lachend hinwegführen“.

„Wie sagst, Liese?“

Mit zitternder Stimme erzählt die Alte weiter: „Ja, ja, das Unglaubliche

ist wahr geworden. Durchgegangen bin ich, wie ich stand und war in

meinem grenzenlosen Übermut und Leichtsinn. Und dann ward ich verlassen,

höhnisch davongejagt. Und ich hab's nicht besser verdient, Fern der

Heimat, mittellos und ehrlos geworden, mußte ich bettelnd heimziehen....

Mütterchen lag draußen im Friedhof, und mein guter, treuer Freund ist

fortgezogen, verschollen. Mit Fingern deuteten die Dörfler auf mich,

die ich zur Schande des Dorfes geworden. Für weniges Geld veräußerte ich

den kleinen Besitz und folgte überall nach meinem Freunde fragend,

dessen Spur in die Fremde“.

„Hast ihn gefunden, den guten, braven Menschen?“

„Ja, weit weg von der Heimat und tot. Sein Grab zu schmücken und zu

pflegen, erschien mir höchste Pflicht auf Erden. So lange die Groschen

aus dem Erlös reichten, konnte ich in dem fremden Ort verbleiben, dann

versuchte ich mich zu verdingen, ich wollte ja gerne als Magd dienen,

nur um dem teuren Grabe nahebleiben zu können. Doch als ausweislose

Fremde, mittellos schaffte man mich aus, zwangsweise wurde ich

fortgeführt. Als Bettlerin sah ich die Grenze wieder. Im Heimatsdorfe

gab es böse Gesichter, niemand wollte von mir was wissen. Es war eine

furchtbare Zeit. Man mied mich wie eine Pestkranke. Und Beeren suchend

kam ich immer tiefer in den Wald, herein zu euch, als gebrochenes,

schwergeprüftes Weib und fand durch deines Vaters Güte ein Unterkommen

hier in dieser dem Verfall preisgegebenen Hütte, wo ich die

„Kräuterliese“ geworden bin und Gott für diese Unterkunft danke

jeglichen Tag!“

„Dann bist du ja noch nicht so alt, als es allgemein heißt!“

„Bin ich auch nicht, aber Not und Entbehrung, die Seelenqual und endlose

Reue haben mir Falten ins Gesicht gegraben und den Rücken gekrümmt. Ich

büße ein Leben lang und habe mich dreingefunden, daß ich's so und nicht

anders verdiene. Und büßen will ich bis ans Ende. Geläutert ist die

Seele!“

Mit einem langen Seufzer endet Liese ihre Erzählung und preßt dann die

dürren Finger an die feuchten Augen.

Weich gestimmt, mit bebender Stimme, mitleidsvoll flüstert Klärle: „Was

mußt du gelitten haben, Liese!“

Leise weint Liese vor sich hin in dunkler Nacht. Dann erhebt sie sich,

tastet in der Finsternis nach Klärle, legt ihre Rechte segnend auf des

Mädchens Kopf, wünscht eine „geruhsame Nacht“ und begiebt sich zur Ruhe.

Klärle erwidert mit zuckender Stimme den gleichen Wunsch und sucht ihr

dürftig Lager auf. Das Mädchen ist erschüttert, warmes Mitleid erfüllt

die Seele, und es reift der Entschluß, der guten hartgeprüften Liese den

Lebensabend zu verbessern. Mit diesem Vorsatz entschlummert Klärle, mit

einem lieblichen Lächeln auf den Lippen.

* * * * *

Taufrisch ist der Morgen angebrochen im Tann. Es glitzert und flimmert

im Geäst, es schimmert auf den Blättern des Farrenkrautes, wie Edelstein

und Demant funkeln die Tautropfen im verachteten Ginster und edlen die

Pfrieme für wenige Stunden. Im Tann konzertiert die Schar fröhlicher

beschwingter Sänger, es klingt der Wald, und leise wiegen sich die

Wipfel im erquickenden Morgenwind. Und über den gewaltigen Forst blaut

ein entzückender Himmel und gleißend Gold sendet die Sonne herab,

verklärend und belebend. Durch den Tann schreitet auf dem weichen,

taunassen Pfade der Jungbauer vom Jörgenmicheleshof eilig der

Teerschweelerhütte am Moserkopf zu; Kaspar will einen Heiltrank für

eine kranke Kuh von der Kräuterliese holen.

Wie er endlich an die Waldblöße gelangt und die verfallene Hütte

gewahrt, ruft Kaspar: „He, Liese, komm' heraus, Kundschaft ist da!“ und

schreitet vollends zur Hüttenthüre. Kaum ist der Ruf verklungen, tritt

Klärle aus der Hütte, jäh zusammenfahrend und erbleichend beim Anblick

des Jungbauers. Auch Kaspar ist ob der unvermuteten Begegnung verwirrt

und grüßt verlegen: „Grüß Gott! Wer hätte das geglaubt! Die Klärle bei

der Kräuterliese im finsteren Wald!“

Mühsam kämpft Klärle mit sich und ihren widerstreitenden Gefühlen;

unwillkürlich greifen die Hände nach den tobenden Schläfen. Heiß jagt

das Blut durch die Adern und drängt zum Herzen. Wirr ist's ihr im Kopf,

es kreisen wie toll die Gedanken. Was will er, der Verhaßte hier? Wie

stattlich er ist! Ein frischer stämmiger Mann! Kommt er ihretwegen? Will

er um Verzeihung bitten, den entsetzlichen Namen zurücknehmen? Will er

sühnen, die namenlose Qual von ihr nehmen? Er sieht aber nicht wie ein

Büßer aus, seine Augen haben den Glanz wie früher, die ganze Gestalt

verrät stahlharte Energie. Unter Kaspars Blick erschauernd, erwidert

Klärle endlich dessen Gruß, zaghaft, etwas schüchtern, und fügt unsicher

hinzu: „Was führt dich so früh herein in den Tann?“

Frisch und schneidig klingt es aus Kaspars Mund: „Einen Heiltrank will

ich holen von der Kräuterliese!“

„So! Bist selber krank oder jemand auf deinem Hof?“

Kaspar lacht hell auf und versichert: „Nein, Gottlob, mir fehlt nichts

als die Hochzeiterin! Aber eine Kuh will nicht milchen, und da muß die

Liese helfen mit einem Tränklein!“

Wie ein Schatten huscht der Unmut und Verdruß über Klärles Antlitz.

Verflogen sind im Nu die guten Vorsätze, die alte üble Laune ist wieder

da, spitz und schnippisch wird der Ton ob der ihr widerfahrenen

Enttäuschung. „So, eine Kuh! Und deswegen laufst selber 'rein in den

Wald? Hast wohl niemand zum Schicken auf dem Hofe? Oder laufst selber

gern und drückst dich von der Bauernarbeit!“

„Na, du bist doch wohl noch wie früher! Und von dir will ich weiter

nichts! Dich kuriert selbst die Waldluft nicht von deiner bösen Laune!

He, Liese!“ Kaspar tritt in die Hütte ein und läßt Klärle unbeachtet

stehen, die sich auf die Lippen beißt und nur mühsam die Thränen des

Zornes zurückdrängt.

Liese kommt endlich zum Vorschein; sie hat die Begegnung des Paares vom

Fenster aus recht gut wahrgenommen und ist absichtlich in der Hütte

geblieben in der Hoffnung, daß sich die Beiden vielleicht doch durch

eine Aussprache wieder nähern werden, wozu das stille einsame Plätzchen

im Walde so recht geeignet wäre. Aber aus dem Tone entnahm Liese

augenblicklich, daß es mit Klärle noch lange nicht so weit ist, daß der

alte Trotz und Unmut noch in ihrem Herzen sitzt. Das schmerzt die gute

Liese bitter, und die üble Laune erfaßt auch sie. Mit sicherem Griff

holt sie aus einer Ecke ein Fläschchen mit dem Trank und überreicht

selbes dem verblüfften Kaspar, der doch noch gar nicht gesagt, was er

wolle. Liese fertigt den Jungbauer kurz ab: „Weiß schon, was du willst!

Hier ist der Trank für die Kuh, er kostet einen Groschen! Und Narren

seid ihr beide, Narren, ausgesprochene Narren! Mach' weiter! Seid

lästige Leute!“

Kaspar weiß nicht, was er sagen soll ob solcher Behandlung. Er sucht den

Groschen aus dem Geldbeutel und legt ihn auf das Fenstersims; dann aber

meint er, halb scherzhaft und halb ärgerlich: „Ihr Weiber paßt aber

schon recht gut zusammen: Schnippisch und giftig die Junge und grob die

Alte! Könnt' euch sehen lassen ums Geld, ihr zwei Giftniggel!“ Unter

spöttischem Lachen entfernt sich Kaspar, auf das Fläschchen ganz

vergessend.

Liese aber kann sich nicht mehr halten in ihrem Unmut und prasselt auf

Klärle zu. „Das muß ich aber schon sagen: eine unvernünftigere Person

giebt's im ganzen Schwarzwald nicht, wie du! Bringt ein glücklicher

Zufall den Burschen herein in den Tann, die Gelegenheit ist günstig, und

du Giftniggel stoßest den Jungbauern von dir wie 'ne Natter!“

„Liese, nimm das Wort zurück! Ich kann's nicht hören!“

„Papperlapapp! Du wirst noch ganz anderes zu hören kriegen in deinem

Leben! Ein Giftniggel bist du, daß es schon eine Schand ist! Aber du

wirst dir die Hörner schon noch abstoßen! Und recht, ganz recht hat der

Bursch gehabt, als er dich auf'm Fohrenbühl die Giftklärle genannt! Ganz

recht! Ich werde dich künftig auch nur mehr „Giftklärle“ nennen!

Verdienst es nicht anders.“

Wutentbrannt kreischt Klärle auf und hebt drohend den Arm.

„Was willst? Drohen willst? Willst mich altes schwaches Weib wohl gar

schlagen, he? Hüte dich! Ich habe mehr Kraft in den alten Knochen, als

du glaubst! Und es juckt mich, dir den „Gift“ aus dem Körper zu

schlagen! Für dich wär' das ein Glück! Anders als mit Gewalt geht der

„Gift“ ja doch nicht aus dir heraus! Über dich muß es noch ganz anders

kommen, von einer Läuterung ist noch keine Spur vorhanden! Von fremdem

Leid und Unglück lernst du nichts! Sollst es an dir selber empfinden!

Und mit uns beiden ist es jetzt aus! Geh' du nur wieder hinaus auf

deinen Hof, bei mir hast keinen Unterschlupf mehr! Ich will dich nicht

mehr um mich haben! Und je mehr die Leute dich spotten und höhnen, desto

besser ist es! Ärgere dich gelb und grün, diese Farben passen zur

Giftklärle! Fort, hinweg mit dir!“

„Liese!“ schreit Klärle auf und hebt flehend die Hände zu ihr empor.

„Nein! Ich will dich nicht mehr sehen! Du bist unverbesserlich! Fort!“

Gebieterisch streckt Liese den Arm aus und deutet auf den Pfad hinaus.

Klärle schluchzt, dann überkommt sie der alte Trotz, ein harter Zug

erscheint auf ihren zusammengekniffenen Lippen; die Augen funkeln, die

Hände ballen sich zu Fäusten. Festen Schrittes, ohne Abschiedswort, geht

das Mädchen von dannen.

Mitten im Tann aber überkommt das einsame Mädel das Gefühl grenzenloser

Verlassenheit mit überwältigender Macht. Verloren ist selbst die karge

Zufluchtsstätte im Walde; das bettelarme Weib sogar hat ihr die Thür

gewiesen. „Also bin ich Schlechter noch als ein Bettelweib!“ flüstert

Klärle. Und wie das Mädchen aufschaut, fällt Klärles Blick auf ein Kreuz

im Walde, angeheftet an eine mächtige Fichte. Aufschluchzend wirft sich

Klärle in die Knie, läßt den Thränen freien Lauf und faltet die Hände zu

inbrünstigem Gebet. Versunken im heißen Flehen um Erlösung aus schwerer

Herzenspein hört das Mädchen nicht das schwache Geräusch nahender

Schritte. Der Pfarrer von Lauterbach ist es, der sich im Walde ergeht

und beim Anblick der betenden Klärle innehält, verwundert und erfreut.

Inbrünstig betet das Mädchen: „Habe Mitleid mit mir Armen, o Gott! Gieb

mir den Frieden ins Herz und Erlösung!“

Da hebt salbungsvoll und mild der Geistliche zu sprechen an: „Der Friede

soll dir werden, Kind!“

Erschrocken erhebt sich Klärle und blickt sich um. Jähe Röte schießt ihr

in die Wangen.

„Beruhige dich, Klärle! Von mir hast du nichts zu befürchten!“

„Das sagen Sie, Herr Pfarrer, Sie, der —“

„Was soll's —?“

„Sie wollen mir den Frieden verheißen, Sie, der mich am Pfingsttag vor

der ganzen Gemeinde öffentlich in der Kirche abgekanzelt hat!“

„Mit nichten, mein Kind! Das bildest du dir nur ein!“

„Sie haben doch die Predigt nur auf mich gemünzt und den Kopf nach mir

gewendet —“

„Nein, Klärle, du bist im Irrtum! Ob ich den Kopf zu dir gewendet, weiß

ich nicht; ich wußte ja gar nicht, wo du knietest oder standest!“

„Großer Gott! Dann galt die Predigt gar nicht mir allein?!“

„Doch!“

„Wie?“

„Höre zu, Klärle! Die Predigt galt allen und dir insofern, als auch du

Einkehr in dein eigen Herz halten sollst. Wenn du aber glaubst, daß eine

Predigt an so hochheiligem Feste ausschließlich einem hochfahrenden

Bauernmädchen gewidmet sein könnte, so ist solche Annahme Vermessenheit

und strafwürdig. Tilge Hochmut und Trotz in dir, Klärle! Dann erst kann

dir Friede werden! Bete öfter mit gleicher Inbrunst zum Gekreuzigten,

und du wirst Erhörung finden! Geh' mit Gott, Klärle und sühne! Amen!“

Sanft lächelnd bietet der würdige Priester dem Mädchen die Hand. Klärle

zögert einen Augenblick, dann aber beugt sie sich etwas nieder, und

haucht den Kuß der Ehrerbietung auf die priesterliche Hand. Wie

Wirbelwind stürmt Klärle dann durch den Wald mit übervollem Herzen,

indes der Pfarrer seinen Weg in den Tann fortsetzt.

* * * * *

Auf der Straße zum Dorfe angelangt, schreitet Klärle langsamer vorwärts.

Eine ungeahnte Seligkeit erfüllt ihr Herz. Der Alp ist geschwunden,

nach der Versicherung des Pfarrers, daß die Pfingstpredigt nicht ihr

allein gegolten. Es war also keine Stichelei auf sie gewesen. Die

Tadelsworte will sie gern ertragen. Zur Verwunderung entgegenkommender

Leute grüßt Klärle diese zuerst mit freundlichen Worten und lieblichem

Lächeln, so daß die Dörfler ebenso freundlich danken. Keines gebraucht

das häßliche Wort; die Leute nennen sie einfach „Klärle“. Wie das

wohlthut!

Still zieht Klärle im Gifthof ein. Der Vater hält im Lehnstuhl sein

Mittagsschläfchen. Klärle schleicht sich sachte in die Stube zum Vater

hin, kniet nieder und küßt dessen rechte Hand. Darüber erwacht der

Gifter; verwundert blickt er auf sein knieend Kind. Ihm ist wie ein

Traum, ein schöner Traum, und unwillkürlich fährt er sich mit der linken

Hand über die Augen.

Erglühend lispelt Klärle. „Gruß Gott, Vater! Verzeih' mir, daß ich dich

verlassen! Nimm mich in alter Liebe und in Gnaden wieder auf! Ich will

dir fürder eine gehorsame liebende Tochter sein.“

Sprachlos vor Überraschung blickt der Alte hernieder auf sein

verwandeltes Kind. Dann zuckt es in seinem Gesicht, wie Wetterleuchten

huscht es über die runzligen Wangen, die Augen werden feucht, die welken

Lippen beben.

„Wach' ich, oder träum' ich!“ flüstert der Alte.

„Du wachst, Vater! Ich bin wieder da! Verzeih' mir!“ bittet Klärle und

küßt abermals die Hand des Vaters.

„O Gott, ich danke dir! Du hast mir mein Kind wieder gegeben, gut und

lieb! Sei willkommen daheim, Klärle! Ich bin glücklich!“ Mit beiden

Händen zieht der Vater sein Kind an die Brust und küßt das Mädchen

herzhaft ab. Dann möchte der Gifter aber Näheres wissen; wo Klärle war,

was ihr Herz gebessert habe und eine Menge Fragen mehr.

Klärle schüttelt den Kopf und bettelt: „Nicht fragen, Vater! Noch bin

ich nicht fertig mit mir! Bitte, laß allein mich zurechtfinden!“

„Wie du willst! Gott lenkt sichtlich dein Herz und es wird alles wieder

gut werden!“

Klärle's erster Gang vom Vater weg, gilt der Küche, wo Bärbel mit der

Spülarbeit beschäftigt ist. „Grüß Gott, Bärbel!“ ruft vergnügt, schier

zärtlich Klärle.

Ein Schrei, ein Gepolter, Scherbengeklirr giebt Antwort auf solche

Überraschung. Bärbel steht wie versteinert und starrt Klärle an, als sei

es ihr Geist, der am helllichten Tag erschienen.

Die Küchendirn hält Mund und Auge offen und erwartet des Himmels

Einsturz.

Ohne über die zerbrochene Schüssel ein Wort zu verlieren, reicht Klärle

der maßlos überraschten Bärbel die Hand, faßt die naßen Finger

ungescheut und spricht: „Grüß Gott, nochmal, Bärbel! Ich bin wieder da,

und nun wollen wir treue Freundschaft halten!“

Bärbel stößt ein wahres Jammergeheul aus und gebärdet sich ganz

verzweifelt, indes die Dirn wie Flugfeuer wegspringt, um Hilfe zu holen.

Von den Hofleuten eilt herbei, wer in der Nähe war, und in scheuer

Entfernung guckt das Gesinde auf die verwandelte Tochter des Hauses.

Verwundert steht Klärle inmitten der geräumigen Küche und beguckt

ihrerseits die kreischende Bärbel, welche abwehrend die Hände vor sich

hält, als Klärle auf das Mädel zugeht, um es zu beruhigen. Bärbel

retiriert um den Herd herum zu den Knechten, dort Schutz suchend.

Im grünen Tann · 第 13 / 19 题