Aus dem Flur des schwarzgrau verwitterten Hauses, das in einer von
dunklen Tannen umrahmten Thalbuchtung unweit des malerischen Dörfleins
Lauterbach an der Straße von Schramberg über den Fohrenbühl nach
Hornberg liegt, gellen zornige Rufe, und gleich darauf erscheint auch im
Rahmen der weitgeöffneten Hausthüre die Person, die durch Scheltworte
ihrem Ärger Luft macht. Es ist Klärle, die prächtig gewachsene
schwarzhaarige Tochter des Giftbauern und künftige Erbin des Gehöftes,
das einst ein Vergabungshof (Lehen) war, eine Begiftung.[16] In der
äußeren Erscheinung ist Klärle unstreitig ein allerliebstes, herrlich
gebautes Schwarzwaldkind von zwanzig Jahren, ein Mädel zum Dreinbeißen,
aber immer ärgerlich, kurz angebunden gegen jedermann, nie zufrieden und
tyrannisch gegen den alten Vater wie gegen das Bäschen Bärbel, das die
selige Mutter einst aus Mitleid und Barmherzigkeit in den Gifthof
aufgenommen und mit Klärle aufwachsen ließ. Kann es der alte Vater dem
Klärle nie recht machen, Bärbel in ihrer Abhängigkeit schon gar nicht,
und bei jeder Gelegenheit kann die etwa achtzehnjährige Waise es hören,
daß sie nur geduldet sei auf dem Hof aus Gnad' und Barmherzigkeit, die
aber auch einmal ein Ende nehmen kann und muß, wenn 's Bärbele sich
nicht bessert und alles verkehrt angreift. Wieviele Seufzer aus Bärbels
junger Brust gestiegen, weiß nur der liebe Gott im Himmel. Wenn Bärbel
gelegentlich verweint mit geröteten Äuglein ihre Arbeit verrichtete und
der würdige Pfarrer von Lauterbach just bedächtig des Weges kam, da
fragte Hochwürden wohl nach der Ursache der Thränen, verstummte aber
sofort, wenn die Scheltworte Klärles an sein Ohr drangen. Wie's im
Gifthof zugeht, war nicht schwer zu erraten, und der Pfarrer tröstete
die arme Waise durch milde Worte und den Hinweis auf späteren
Himmelslohn. Der geistliche Herr hat es wohl einmal versucht, der
Giftklärle ins Gewissen zu reden und ihr Herz zu rühren, aber erzielt
hat er nichts und mußte sich schnippisch genug abkanzeln lassen. Daher
ist der gute Pfarrer der Meinung, daß Klärle wohl ein Herz von Stein
habe, ähnlich wie der Kohlenmunkpeter, dem der Holländermichel am
Tannenbühl das warme Herz genommen und ihm ein steinern Herz in die
Brust gegeben hat. Und so betet der geistliche Herr wohl des öfteren, es
möge Gott selbst eingreifen und Klärles harten Sinn bessern.
Unter der Thür stehend, ruft Klärle hinüber in den kleinen Garten, wo
die Waise beschäftigt ist, etwas Gemüse abzuschneiden. „He, Bärbel! Wie
lang soll es noch dauern? Bleibst wohl über Nacht draußen im Kraut?
Eil' dich, es isch e Schand! Drinen in der Küch' geh'n die Töpfe über,
aufgeräumt isch au nit ordentlich! Eine Schand' isch's mit der
langweiligen Person! Eil' dich, Fauldirn!“
Bärbel, ein schmächtig Mädel mit wundersamen Rehaugen, fährt bei diesen
Scheltworten erschrocken auf, rafft das Gemüse zusammen und eilt dem
Hause zu. „Gleich, Klärle, ich bin ja schon da!“ ruft das Mädchen und
trägt die gefüllte Schürze in die Küche, um dann die Töpfe vom Feuer zu
ziehen. Diesen Handgriff hätte Klärle leicht selber machen können, aber
die Gifttochter thut niemals das, was sich eigentlich von selbst
versteht, und schiebt jegliche Arbeit der Waise zu. Mühsam unterdrückt
Bärbel die vordringenden Thränen und hantiert flink in der
rauchgeschwärzten Küche, indes Klärle sich auf den Rain begiebt, um nach
dem Wetter zu sehen. Im Vorübergehen wird eine aufgeblühte Nelke der
Ehre des Abpflückens gewürdigt, und wie das Mädchen sich eben die Blume
ans Mieder stecken will, tönt es von der Straße her, gesungen von einer
kräftigen sonoren Männerstimme:
„Was guckscht denn so traurig?
Sei luschtig und froh!
's isch oimol ein Leaba
's isch oimol no so!“
Unwillig dreht Klärle den Kopf nach dem Sänger, und beim Anblick des
feschen Burschen, dessen Augen die prächtige Mädchengestalt schier
verschlingen möchten, wirst Klärle spöttisch die Lippen auf und zuckt
geringschätzig die Achseln.
Der Bursch aber läßt sich nicht so kühl schnippisch abspeisen und singt
weiter:
„Alt wirscht ja von selber,
So tanz noh ond spreng,
Ond weischt a sei's Liedle:
Sei luschtig ond seng!“
Erwartungsvoll sieht der Bursch hinüber zur trutzigen Dirn und zwirbelt
sich den herrschen Schnauzer auf. Doch Klärle bückt sich, reißt einen
Zwiebelknollen aus dem Erdreich und wirft ihn unter spöttischem Lachen
auf die Straße hinaus, gleichsam zum höhnischen Lohn für das Gesangel.
Nicht faul, hebt der Bursch die Zwiebel auf, befestigt sie an seinem Hut
und erweist dem Maidle eine spöttische Reverenz durch eine tiefe
Verbeugung, zugleich rufend: „Schönsten Dank, gnädig's Fräula!“
Mit jähem Ruck wendet sich zornglühend das Mädchen zu dem Spötter auf
der Straße, drohend den schöngeformten Arm erhebend und ruft über den
Zaun: „Jetzt gang aber, oder ich lupf' dich übern Rain, du Bänkelsinger
und Straßengauner!“
Statt zu gehen, hält sich der Bursch die Seiten und lacht aus vollem
Halse: „Klärle, so g'falscht mir! Bischt e rassig's Maidle!“
Starr vor Staunen sieht Klärle, wie der fremde Bursch mit gewandtem
Schwung über den Zaun setzt und auf sie zukommt. Bebend vor Entrüstung
über solche Frechheit guckt Klärle, wo sich ein Prügel finde, mit dem
sie den Eindringling züchtigen könne, aber da ist der Bursch schon, faßt
das Maidle um die Hüften und drückt ihm trotz verzweifelter Gegenwehr
einen kräftigen Kuß auf die rosigen Lippen. Lachend läßt der Bursch nun
die glühende Klärle los und spricht: „Mueßt nit so wild sein, schön's
Klärle, hihi!“ Den Hut lupfend, geht der Bursch von dannen.
Klärle zetert jetzt aus vollem Halse und ruft den alten Vater zu Hilfe.
Doch der Giftbauer, der im Fenster des oberen Stockwerkes liegend den
Vorfall beobachtete, grinst vergnügt und kichert herunter: „Ganz recht
isch dir g'scheh'n! Der hat dir's gründlich b'sorget, hihi!“
Klärle macht zornglühend eine jähe Wendung, guckt sprachlos vor
Entrüstung zum Vater hinauf und springt ins Haus. Gleich darauf gellt
ihre Stimme durch den Flur: wieder ist's Bärbel, an der das Mädchen
seinen Zorn ausläßt, und Tellergeklirr und prasselnde Scherben künden
nichts Gutes. Wenn das so fort geht, wird bald kein Geschirr mehr im
Hause sein und künftig alles aus Holzschüsseln gegessen werden müssen.
Der Giftbauer, ein schwächlich, von Gicht häufig geplagtes Männlein,
humpelt die ächzende Holztreppe hinunter ins Erdgeschoß, um sich den
Kampf in der Nähe zu besehen. Kaum aber guckt er in die Küche, da
schmettert ihm Klärle schon entgegen: „Was willscht? Mannerluit hent nüt
z'suchen in der Küch'! Gang nur glei, oder i gang!“ Und zur Bekräftigung
ihrer scharfen Aufforderung greift Klärle nach einem Besen, so daß der
Giftbauer schleunigst den Rückzug antritt und in die Wohnstube flüchtet,
wo er im Lehnstuhl am Fenster über sein harbes Töchterlein nachdenken
und auf das Mittagsmahl warten kann. Es ist eine böse Sach' mit dem
Klärle! Zwar hält sie die Wirtschaft ganz ordentlich zusammen und
dirigiert das Gesinde wie ein General seine Truppen, hält es zur Arbeit
an, besser, als es der Giftbauer in rüstigen Jahren selber vermochte.
Aber Lust und Fröhlichkeit ist mit dem Heranwachsen der Tochter völlig
aus dem Hause geschwunden; man hört kein frohes Liedel mehr, kein
Lachen, dafür Gezeter und Gekeife, so schlimm, wie es sogar bei Mutters
Zeit nicht gewesen, und Mutter war gewiß scharfzüngig und hatte eine
Schneid' entwickelt, wie solche die schärfsten Lauterbacher Bueben nicht
besaßen. Tief aufseufzend flüstert der Alte vor sich hin: Wenn nur der
Rechte einmal käme und Klärle zähmen würde! Aber der darf gehörig Haare
auf den Zähnen haben, sonst verspielt er und muß sich ducken und kriegt
den Teufel ins Haus. So eine Zähmung wünscht der Gifter seiner Tochter
vom ganzen Herzen, doch quält ihn auch wieder der Gedanke, wie es einsam
im Hause sein werde, wenn Klärle einmal fort sein wird. Freilich ist
dann immer noch die Bärbel da, aber die ist eben doch nicht sein eigen
Fleisch und Blut.
Den Dienstboten macht Klärle heute ganz besonders flinke Füße, denn es
ist ja Vorabend vor Pfingsten und muß daher gefegt und gescheuert werden
mehr denn je im arbeitsreichen Jahre. Wie's Gewitter ist Klärle
hinterdrein und ihre scharfen Worte treiben die Leute an wie Geißelhiebe
die Pferde. Kaum daß die scharfe Tochter dem Gesinde Zeit zum
Mittagessen ließ, so drängte sie zur Arbeit; sie selbst rührte keinen
Bissen an und hielt während des Mittagsmahles nach ihrer Eigenart die
Hände vor das Gesicht, um nur ja niemanden sehen zu müssen. Der Vater
wagte die Bemerkung, daß es doch wohl nicht so arg pressieren werde mit
der Arbeit, der Tag sei lang genug, und bis zur Dämmerung dürfte doch
alles auf dem nicht zu großen Hof gerichtet sein.
Spitz kam es augenblicklich von Klärles Lippen, wobei das Mädchen zornig
mit den kleinen Fäusten auf den Tisch schlug: „So, meint der Vater? So
wird's recht! Den Dienstboten auch noch die Stange halten und vorreden,
daß sie sich Zeit lassen sollen! Das wär' mir die rechte Wirtschaft!
Warum denn nicht gleich der Stalldirn eine Seidenmantill' umhängen und
den Kuhhirten regieren lassen! Nein, daraus wird nichts! Ich hab' die
Verantwortung, und so lang ich im Hause bin, regier' ich,
verstanden! — Auf jetzt, es ist abgegessen! Bärbel, bet' den Vaterunser
und dann fort zur Arbeit!“ Gehorsam betet Bärbel vor und das Gesinde
nach. Dann verschwindet alles aus der Stube, froh, der hantigen Tochter
aus den Augen zu kommen. Auch der Alte humpelt von dannen, verdrossen ob
der ihm gewordenen Abkanzlung, wo er es doch so gut gemeint hat. Bärbel
begiebt sich wieder zur Spülarbeit in die Küche, indes Klärle die
Fegarbeit vor dem Gehöft beaufsichtigt und die eine Dirn schilt, daß sie
so viel Staub aufwirbelt und das Wassersprengen vergessen habe. Gleich
darauf wettert das Mädchen, daß die Milchgeschirre, die Buttergefäße
nicht blank genug gescheuert seien und Flecken aufweisen, die
augenblicklich mit Seife und Sand nochmal gerieben werden müßten. Und
über dem einen Fenster im oberen Stockwerk zeigen sich gar Spinnweben!
Ob man wohl ersticken soll im Gifthof? Zornerfüllt packt Klärle einen
Besen, streckt sich und sucht das Spinngewebe wegzuwischen. Um sich eine
größere Körperlänge zu verschaffen, steigt das Mädel rücksichtslos auf
ein umgestülptes, eben frisch gescheuertes Butterfaß und stochert nach
dem Gewebe. Doch das Faß schwankt, Klärle verliert das Gleichgewicht,
sucht mit dem Besen am Fensterrahmen einen Halt zu gewinnen, und
klirr — eine Scheibe ist eingestoßen, und die Glasscherben fallen
knirschend herunter. Mit einem Satze ist Klärle herabgesprungen und
stößt das Faß mit dem Fuße vor. Das schadenfrohe Gekicher der Mägde
entfacht ihren Zorn und Ärger zur hellen Wut, und ein wahres
Donnerwetter prasselt auf die Dirnen herab.
Immer näher klingendes Schellengeläute heimziehender Kühe läßt Klärle
mitten in der Rede einhalten, wie versteinert steht das Mädchen und
starrt auf den Hirten, einen etwa zwanzigjährigen Burschen, der mit
lautem „Hüh!“ die ihm anvertraute Herde dem heimatlichen Stall zutreibt
und fröhlich dazu die Geißel schnalzen läßt. Und einmal von der Straße
weg, setzen sich die prächtigen Hornisten in Trab trotz des vollen
Gesäuges und drängen der Stallthüre zu. Jetzt findet Klärle die Sprache
wieder; im Sturmschritt eilt sie auf den Hirten zu und fährt ihn an: „He
Märte, bischt närrisch worde?! s' Dunnerwetter soll di versprenga, was
kommst denn du gant am helllichten Tag hoim!“
Gelassen nickt Martin, der Hirt, der Hoftochter zu, schiebt sich
zwischen den Kühen durch, öffnet die Stallthüre und läßt seine Hornisten
ein; dann stellt er sich ganz gemütlich vor Klärle hin und meint, sobald
die Kühe getränkt seien, könne Vrenele mit dem Melken beginnen.
Klärle ist ob solcher Frechheit völlig perplex; am helllichten Tage das
Vieh von der Weide abzutreiben, das ist unerhört, und der Bursche
entschuldigt sich darob noch nicht einmal und thut, als sei das
selbstverständlich.
„Närrisch, rein närrisch isch es und zum greina! Aber dir soll der Grind
gewaschen werde, du Bengel, du Tagedieb! Vom Lohn soll dir's abgezogen
werde!“
Die letztere Drohung schüchtert Martin wohl etwas ein, doch meint er, am
Vorabend vor Pfingsten werde eine Ausnahme schon erlaubt sein, weil ein
Hirt sich doch auch vorrichten müsse zum morgigen Schellenmarkt.
Klärle zetert mit voller Lungenkraft, daß ihr der Schellenmarkt völlig
gleichgültig sei und sie nichts kümmere. Auch verweigere sie die
Erlaubnis zum Besuch des Schellenmarktes aus Strafe für das vorzeitige
Verlassen des Weideplatzes.
Der sonst so gefügige Hirt aber lehnt sich jetzt entschieden auf; ein
Hirt gehöre von altersher am Pfingstsonntag auf den Schellenmarkt am
Fohrenbühl, und wenn's den Bauern nicht recht sei, können sie zu
Pfingsten ihr Vieh selber hüten. So war's immer Brauch im Schwarzwald,
und er, der Martin, werde diesen Brauch der Klärle zu lieb nicht ändern.
„Du bleibscht daheim, sag' ich!“
Martin zuckt die Achseln und schickt sich an, das Mädchen einfach stehen
zu lassen. Diese Respektswidrigkeit ahndet Klärle jedoch augenblicklich,
und schwapp hat der Hirt einen Schlag um die Ohren, daß es patscht. Im
Burschen kämpft es sichtlich, doch gewinnt alsbald die Vernunft die
Oberhand; hochrot im Gesicht reibt sich Martin die geschlagene Wange und
meint, es wäre nicht nötig gewesen, ihn zu schlagen, denn noch sei er
nicht zum Schellenmarkt gegangen, das Verbot sei also noch nicht
übertreten.
Höhnisch rät Klärle ihm, er soll es nur nicht wagen, den morgigen
Schellenmarkt zu besuchen. Frühmorgens habe er wie immer die Kühe
aufzutreiben, und wehe ihm, wenn er sich am Fohrenbühl sehen lasse. „Und
jetzt geh' deiner Arbeit nach!“
Der Giftbauer hat sein Nachmittagsschläfchen gemacht und humpelt eben
vors Haus, um seinen alten Körper etwas zu sonnen. Der scharfe
Wortwechsel lockt ihn an und eiliger als sonst stapft er um die
Hausecke, um zu hören und sehen, was denn schon wieder los sei. Beim
Geräusch der klatschenden Ohrfeige bleibt der Alte erschrocken flehen,
hebt seinen Krückstock wie abwehrend in die Höhe und ruft Klärle zu, sie
solle es in ihrem Zorn und Ärger nicht zu weit treiben und die
Dienstleute nicht auch noch körperlich mißhandeln.
Augenblicklich dreht sich Klärle um und schreit erregt dem Vater zu:
„Soll ich mich vielleicht von dem rebellischen Volk schlagen lassen! Wer
nicht pariert, der kriegt Hiebe; wer nicht hört, muß fühlen. Ist das
auch eine Art, am helllichten Tag die Weide zu verlassen? Und wegen was?
Bloß damit der Kerl seine Vorbereitungen zum Schellenmarkt machen kann!
Haha! Ich werd' ihm den Schellenhandel austreiben!“
„Na, Klärle! Es ist ja alter Brauch, daß die Hirten sich am
Pfingstsonntag zum Schellenmarkt auf dem Fohrenbühl versammeln!“
„So, und soll dann vielleicht ich das Vieh hüten am Pfingstsonntag?“
„Wer redet denn von dir?! Das kann doch der nächstbeste Knecht
besorgen. Der Pfingstsonntag gehört nun einmal seit undenklichen Zeiten
den Hirten, und die Bauern des ganzen Bezirkes haben sich diesem Brauch
gefügt und hüten am Jahrtag ihr Vieh selber!“
„Mögen die anderen thun, was sie wollen: ich leide es nicht, und der
Gifthof fügt sich diesem Brauch nicht! Und ein Feigling ist der Martin,
daß er sich schlagen läßt!“
„So? Was hättest denn gesagt, wenn er dir den Schlag zurückgegeben und
die stolze Gifttochter nach Gebühr durchgeprügelt hätte?“
„Was mich — —“
„Ja, dich durchgeprügelt! Das Recht hätte der Hirt gehabt, und mehr als
davonjagen hättest den Martin auch nicht können! Er ist aber ein braver
Bursch und hat den Schlag ruhig hingenommen. Ich rate dir ernstlich,
anders umzugehen mit unseren Leuten! Du könntest einmal an den Unrechten
kommen, und dann erlebst was! Und dann vergiß nicht, daß einem
weiblichen Wesen solches Drauf- und Dreingehen nicht gut ansteht!“
„Ich hab' auf niemanden aufzupassen!“
„Doch! Auf dich selber, Klärle!“
Martin hat, unter der Stallthüre stehend, diesem Wortwechsel zugehört,
ebenso standen die Dirnen hinter den Fenstern des unteren Gelasses und
preßten die Nasen an die Scheiben, um ja kein Wörtchen zu überhören. Wie
nun der Alte sich wendet, um sein gewohntes Plätzchen auf der Bank vor
dem Hause aufzusuchen, und Klärle mit zusammengekniffenen Lippen dem
Hause zuschreitet, stieben die Mägde auseinander wie eine Schar
aufgescheuchter Spatzen. Und zum erstenmal schweigt das Mädchen auf
eines anderen Rede. Wortlos auch besichtigt Klärle am Abend die gethane
Arbeit; daß die Gestrenge nicht laut tadelt, ist für die Dienstboten
nach bisheriger Erfahrung das höchste Lob und ein außerordentliches
Ereignis, das denn auch im geheimen gründlich durchgesprochen wird. Zum
Abendessen ist Klärle nicht erschienen; man wartete auf sie, und als sie
gar zu lange auf sich warten ließ, schickte der Vater hinauf in Klärles
Stube und ließ sagen, daß Essenszeit sei. Die Dirn kam jedoch mit dem
Bescheid wieder herunter, daß Klärle nicht komme und man ohne sie zu
Abend essen solle. Verwundert schüttelt der alte Gifter den grauen Kopf
und löffelt dann langsam sein Abendsüpplein. Bei Tisch schwiegen die
Dienstboten; aber nach Beendigung der Mahlzeit ließen sie ihre Mäuler
laufen, und wurde hin- und herdebattiert, ob vielleicht doch der Alte
mit seiner kernigen Ansprache das Mädel eingeschüchtert habe.
* * * * *
In den stillfriedlichen Feierabend und das liebliche Gelände des
entzückenden waldreichen Lauterbachthales blickt, am geöffneten Fenster
sitzend, Klärle, den schönen Kopf auf den Arm gestützt, und ihre Lippen
flüstern immer wieder die Worte des Vaters: „Paß' auf dich selber auf!“
Diese Mahnung giebt Klärle zu denken; sie geht ihr mehr zu Herzen, als
sie sich selber eingestehen will. Was der Vater damit sagen wollte? Ist
sie so schlimmer Art, daß sie jede ihrer Handlungen, jedes Wort künftig
einer Selbstüberwachung unterziehen soll und muß? Thut sie denn
Schlechtes, wenn sie scharf ist und den Leuten auf die Finger sieht zum
Nutzen des Hofes? Und sind denn die Dienstboten nicht überall und immer
faul und nachlässig? Was ist denn überhaupt geschehen am heutigen Tage?
Bärbel muß scharf behandelt werden, sonst geht es nicht vorwärts im
Hauswesen; den Bänkelsinger kanzelte Klärle doch verdientermaßen ab,
leider rächte sie sich nicht für die freche Umarmung und den infamen
Kuß. Die vorzeitige Heimkehr des Martin von der Weide ist eine
Ungehörigkeit, die Strafe verdient. Freilich, der Schlag ins Gesicht des
sonst braven, treuherzigen Burschen war eine übereilte That und nicht
gerade notwendig. Wie das wieder gut gemacht werden könnte? Wenn sie dem
Hirt den Besuch des Fohrenbühler Schellenmarktes morgen gestattet, wäre
eine Sühne gegeben. Sühne! Ist denn das Verbrechen so groß, einem
Burschen handgreiflich zu zeigen, wer der Herr ist im Hause? Und ist
denn nicht alles wie verschworen gegen sie? Auf Schritt und Tritt stößt
sie auf Widerstand und Ungehorsam. Nur durch strenges Auftreten und
scharfe Zucht sind die Leute im Zaum zu halten. Es geht nicht anders!
Oder doch? Wie weihevoll vom Lauterbacher Kirchturm die Ave-Glocke
herübertönt! So friedlich und feierlich! Und leise rauscht es im nahen
Tann, der würzigen Odem ausströmte. Stimmengeflüster unter Klärles
Fenster erregen des Mädchens Aufmerksamkeit, Klärle horcht, sich etwas
vorbeugend, was gesprochen wird.
Der Stimme nach ist's Bärbel, die spricht: „Nein, Martin, du darfst es
glauben: schlecht ist Klärle nicht! Sie meint es auch nicht so schlimm
und geht nur etwas arg scharf ins Zeug! Sie ist die gute Seele selber!
Ihr fehlt ein vertrautes Wesen, die richtige Aussprache! So lang' sie
Freud' und Leid, Ärger und Verdruß immer allein in sich verarbeiten und
hinunterwürgen muß, wird ihre Verbitterung nicht schwinden.“