Das Pfifli ist zu Ende geraucht. Jetzt spricht Ätti: „Michel!“

„Was isch, Ätti?“

„Nüt isch!“

„Wie sagsch?“

Schmunzelnd vor innerem Vergnügen erzählt der Vater, daß der Amtmann

erklärte, der Michel könne ruhig zu Hause bleiben. Die Geschichte von

der Anmeldung des Kranken, seine Bereitwilligkeit nachzudienen, sobald

er wieder gesund sei, in Verbindung mit der Salpetererschlacht bei

Kuchelbach habe die Regierung veranlaßt, den Michel vom Militärdienst zu

befreien. Es würden lediglich Salpetererbuben zwangsweise eingereiht,

Halunkensöhne aber wieder losgegeben. Unter anderen werde auch Jobbeli,

des Streitpeters Sohn, nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe unters

Militär gebracht zum warnenden Beispiel für andere Salpeterer.

Wie Michel aufjubelt! Seine bleichen Wangen röten sich, er zittert vor

Freude, drückt dem Ätti die Hand und bittet Thrinele, seine Freude zu

teilen und zu bleiben in Vaters Haus.

Herzlich wünscht 's Maidli dem Michel Glück, erhebt sich aber dann,

verabschiedet sich dankend für all das Genossene bei Ätti, Muetti und

Michel, und hüllt sich in ihr Tuch. „Bhüet Gott mitsamme, bhüet Gott!“

Und fort ist 's Maidli. Michel ist vors Haus getreten; kaum erblickt er

noch 's Thrinele, wie es hastig durchs Thälchen eilt, der Straße nach

Hottingen zu. Und weit draußen, an der Biegung des Thalsträßleins dreht

Thrinele um und winkt zurück, einen Augenblick nur, dann stapft es in

abendlicher Dämmerung heim zum toten Bühl.

* * * * *

Von Leuten, die zu Freiburg waren und trotz Schnee und Wintersnot über

Todtnau in den Wald heimgekehrt sind, ist die Kunde von Bühl zu Bühl

getragen worden, daß das Gericht die erwischten Salpeterer abgeurteilt

habe. Den alten Riedmatter wie seinen Sohn habe man ins Arbeitshaus

gebracht, wo beide schimpflich das Rad drehen müßten. Andere seien zu

öffentlichen Strafarbeiten verurteilt, und diejenigen, die glücklich in

die Schweiz gelangten, dann aber nach einiger Zeit über die Grenze

gingen, um zu Haus und Hof zurückzukehren, seien am Rhein abgefaßt und

in den Amtsgefängnissen eingekerkert worden. Außerdem brachten die Leute

die Kunde mit, daß nach der Schneeschmelze eine allgemeine Streife nach

Salpeterern vorgenommen, jeder, ob an Kuchelbach beteiligt oder nicht,

eingefangen und alle Jungens zum Militär gesteckt werden, die kleinen

Kinder aber weggenommen würden. Mit Bangen sahen die eingeschüchterten

Salpeterer daher der trüben Zukunft entgegen, und bei manchem stiegen

Zweifel auf, ob denn wirklich die „heilige Sache“ recht behalten werde.

* * * * *

Spät am Abend langte Thrinele am Heimatshause auf dem toten Bühl an und

fand zu ihrer großen Verwunderung die Thür offen, den Eingang

schneeverweht, das Haus menschenleer. Wo Jobbeli steckt, weiß Thrinele

aus Bibers Munde; wo aber Ätti weilt, das kann sich das Mädchen nicht

denken. Der jungfräuliche Schnee im Hausflur deutet darauf, das seit

längerer Zeit das Haus unbetreten geblieben sein muß; es ist nirgends

eine Spur, ein Menschentritt wahrnehmbar. Und kalt ist es in allen

Stuben, erloschen jegliches Feuer. In der Gaststube liegen wirr

verstreut Brotreste, Messer und Gabel, Wäsche durcheinandergeworfen, wie

wenn jemand in großer Eile darnach gesucht hätte und verscheucht worden

wäre. Sollten Hochschürer das verlassene Haus „heimgesucht“ haben? Mit

dem flackernden Kienspahn sucht Thrinele den Keller ab und findet einen

abgefüllten Krug neben dem Fasse stehen, der offenbar vergessen worden

ist. In den übrigen Stuben fehlt nichts, es liegt und steht alles, wie

es Thrinele vor ihrem Abgang zurückgelassen. Nur die Rauchkammer ist

eines Teiles vom Inhalte beraubt. Also werden Schinkenfreunde aus

Hochschür dagewesen sein, deren Vorliebe für Rauchfleisch und

Schweinskeulen landbekannt ist. Thrinele fegt zunächst den Wehschnee aus

dem Flur, schließt die Thür ab und macht im Ofen der unteren Stube Feuer

an; ebenso sorgt sie für Erwärmung ihrer Schlafstube. Wie das wohlig

prasselt! Geschäftig säubert Thrinele die Stuben und fegt sie rein,

emsig und unverdrossen. Wo nur Ätti sein mag? Auf einen Rüffel wegen

ihrer plötzlichen Flucht zur Pflege des Gestochenen macht sich Thrinele

vorweg gefaßt: Ätti wird höchst wahrscheinlich heillos poltern und

fluchen. Aber Thrineles Gewissen ist rein, sie hat so handeln müssen,

ihr Herz hat sie dazu gedrängt. Dafür will 's Maidli jetzt um so treuer

das Haus beschützen und bewahren. Wie Ätti den „Dürren Ast“ nur so

leicht verlassen konnte, die Thüre offen, alles preisgegeben dem

nächstbesten Stromer?! Das soll jetzt anders werden; ja Thrinele ist

fest entschlossen, verdächtige Gäste überhaupt nicht einzulassen. Lieber

nichts verdienen! Eben kommt Thrinele zum Nachschüren wieder ins

Erdgeschoß, da schreckt ein Klopfen sie auf, es pocht jemand an der

Thür. Mit verhaltenem Atem horcht Thrinele.

Eine dumpfe Stimme ruft außen: „Flieh', Peter! Im Namen der heiligen

Maria, bring' dich in Sicherheit! Alles isch verloren!“

Thrinele bebt an allen Gliedern. Was soll die Warnung bedeuten? Der

Fremde entfernt sich wieder; deutlich vernimmt das Mädchen die Schritte

im knirschenden, steif gefrorenen Schnee. Thrinele eilt die Treppe

hinan, reißt im oberen Gelaß ein Fenster auf und beugt sich hinaus, um

vielleicht noch sehen zu können, wer der Warner gewesen ist. Im

Zwielicht des flimmernden Schnees und des schwachen Blinkens der wenigen

Sterne am Himmel kann sie nur noch eine schwarze Gestalt wahrnehmen, die

eilig den Bühl hinunterläuft. Eine eilige Warnung, offenbar eines

Freundes, der selbst die Häscher fürchtet und sich gar nicht die Zeit

genommen hat, auf das Öffnen der Hausthüre zu warten. Dem Ätti droht

also Gefahr; Thrinele wird wach bleiben müssen. Wer weiß, ob nicht schon

in dieser Nacht die Büttel oder Soldaten kommen werden. „Alles ist

verloren!“ hat jener Mann gerufen; das kann doch nur die Salpeterersache

angehen, für welche Thrinele sich noch nie hat begeistern können. Sie

ist, seit sie die Ruhe und den Frieden bei Bibers, in der

Halunkenfamilie, kennen gelernt, jetzt völlig für die Partei der

„Ruhigen“, die über kurz oder lang wohl Oberhand im Wald wird gewinnen

müssen. Was bei ständigem Streit, bei der Prozeßwut herauskommt, hat

Thrinele im Vaterhause zur Genüge kennen gelernt; die letzte Kuh ist aus

dem Stall und vom Advokaten verschlungen worden, die wenigen Felder sind

unbebaut geblieben und Ättis Waldgrund ist gelichtet. Verarmt die ganze

Familie, Gott sei's geklagt! Wenn je an Hochzeit gedacht werden dürfte:

was kann's Maidli dem Michel anheiraten und mitbringen? Nichts als ihr

gutes Herz und den guten Willen, ihm, dem Geliebten, treu zu dienen! Und

das, so flüstert Thrinele im einsamen Haus vor sich hin, ist ja so

wenig!

Die Nacht geht rum, ohne daß sich etwas ereignet; Thrinele hat

angekleidet im Bette gewacht, nur auf kurze Zeit sich wohltätigem

Schlummer überlassen. Am frühen, dämmerigen Morgen hält Thrinele

Nachsuche in den Küchenvorräten, und da sieht es übel genug aus. Mehl

und Butter muß ergänzt werden, auch Salz geht zur Neige. Zum Glück

findet das Mädchen etwas Kleingeld zum Einkauf in der Schublade Ättis,

und damit pilgert Thrinele, nachdem sie das Haus wohl verwahrt, hinüber

nach Hochschür und trägt den Proviant im Rückenkorb dann wieder ins

winterlich einsame Haus.

* * * * *

Wienechtzit! Weihnachten im Walde naht, schneebeladen stehen die dunklen

Tannen als richtige Weihnachtsbäume, festgefroren klammert sich das

erstarrte Geflock ans Geäst. Eisig kalter Wind pfeift um die Bühlhöhen

und heult in den eisgeschmückten Schluchten. Mehr denn je umlagern die

einsamen Wäldler den Ofen und verbringen die Zeit auf der „Chauscht“.

Strohumhüllt stehen die Brunnen, auf daß das nötige Wasser nicht

einfriert. Überall tiefer Schnee, starres Eis, und eine bittere Kälte!

Wer nicht muß, verläßt das schützende Haus nicht, und draußen giebt es

um Weihnachten keine Arbeit, zumal die Holzarbeit längst erledigt ist.

Die Feiertage stehen vor der Thür. Thrinele hat es sich angelegen sein

lassen, die Stuben sauber zu fegen und verbringt die langen, stillen

Abende am schnurrenden Spinnrad, mit Gedanken an den Geliebten und an

den verschwundenen Vater. Bittere Sorge um ihn erfüllt das junge Herz,

seit Thrinele in Hochschür erfahren, daß in Kuchelbach die

Salpeterersache ein so böses Ende nahm. Niemand will aber an jenem

Unglückstage den Streitpeter gesehen haben; die Hochschürer Salpeterer,

so sie sich durch rasende Flucht retten konnten, verstehen es auch

nicht, warum just der Vertrauensmann beim Zuge nach Kuchelbach gefehlt

hat. Daß er etwa Halunke geworden sei, ist nicht wahrscheinlich, dagegen

spricht sein Verschwinden. Es müßte nur sein, daß er verunglückt, an

einsamer, wenig begangener Stelle von einer Pandurenkugel

niedergestreckt und noch nicht aufgefunden worden sei. Ein ganz

rätselhaftes Verschwinden! Übel genug steht die Salpeterersache an sich,

wenn auch für die nächsten Monate, so lange des starren Winters Macht

auf dem Walde gebietet, keine Gewaltmaßregeln gegen die Bruderschaft zu

gewärtigen sind. Und jener fremde Warner wird ein Salpeterer, vielleicht

aus Herrischried gewesen sein, der von der Kuchelbacher Niederlage

erfahren hat und den Ätti eilig verständigen wollte in der Meinung, daß

die Panduren auch zum toten Bühl heraufkommen würden.

Früh dämmert es am Bühl, doch wirft die große Schneefläche noch so viel

Schimmer in die Stube, daß Thrinele eine Weile ohne Kienspan spinnen

kann. Im Kachelofen knistert und prasselt das eingeschürte Tannenholz,

behagliche Wärme verbreitend. An Einsamkeit gewohnt, empfindet 's Maidli

die winterliche Gefangenschaft nicht so schrecklich, zumal ja die

Arbeit die Zeit kürzt. Ein Knirschen im Schnee wird hörbar, das

knarrende Geräusch nähert sich dem Hause. Sollte ein Gast kommen? Fast

fürchtet sich Thrinele. Ein Ausblick durch die mit Eisblumen gezierten

Fenster ist nicht möglich, zum Aufhauchen eines Guckloches im Fenster

fehlt die Zeit. Es pocht am sorglich verschlossenen Thor, erschrocken

fährt Thrinele auf und eilt hinaus. „Wer isch drauße?“ fragt das Mädchen

im kalten Flur.

„Ufgemacht! Ich, der Peter Gottstein bin's und will in mi Haus!“

„Ätti, Ätti!“ ruft Thrinele überrascht und schließt, zitternd vor

Überraschung und Erregung auf.

„Rasch, rasch! schließ' zu!“ schreit Peter und eilt in die warme Stube,

um sogleich am Ofen die „Chauscht“ aufzusuchen und sich die steif

gewordenen Hände zu wärmen.

Ob verdächtige Gestalten, Soldaten in der Nähe gesehen wurden, fragt

Peter und beruhigt sich erst, als Thrinele versichert, seit vielen Tagen

niemanden in der Umgebung gesehen zu haben. Dann wär' es gut, meint Ätti

und fordert Atzung nebst Wein, langentbehrte Dinge im Waldversteck.

Verwundert steht 's Maidli vor dem verwildert aussehenden Vater, der

ihre Anwesenheit im Hause als selbstverständlich zu betrachten scheint

und alles Vorhergegangene ignoriert. „Versteckt warsch, Ätti?“

„Leng' mir e Schöppli!“ befiehlt der Alte; das Weitere werde er schon

erzählen. Thrinele holt gleich einen Krug voll Wein aus dem Keller und

bringt den Rest Rauchfleisch, den die Hochschürer Schinkenfreunde

zurückzulassen die Güte hatten. Peter labt sich und haut ein, tüchtig

und eilig.

„Hasch Hunger, Ätti?“

„Dummes Geschwätz! Iß wenn d' chasch (kannst) un nüt hasch! Ich han

schon drei Tag' nüt mehr 'gesse! Lueg!“ Und nun erzählt Ätti, inzwischen

immer nach verdächtigen Schritten horchend, wie er am Abend nach der

Kuchelbacher Schlacht heimgerannt, mit wenig Proviant in den tiefsten

Tann geflüchtet sei und sich dort in einer Rindenhütte verborgen

gehalten habe.

„Bi diese Kälte?!“

Es sei furchtbar kalt gewesen, namentlich zur Nachtzeit, und knapp die

Nahrung. Als alles aufgekehrt gewesen, habe er in tiefer Nacht es

gewagt, neuen Proviant zu holen.

„Dann war Ätti selber der Schinkendieb?“ wirft Thrinele ein.

„Wie?“

Thrinele setzt dem Vater auseinander, daß die Rauchkammer nahezu

gänzlich ausgeraubt sei.

Peter schüttelt den Kopf; den benötigten Proviant habe er keineswegs aus

seinem eigenen Hause geholt, sondern einem Hochschürer Keller, — es war

ein Halunkenkeller — wo ein frischgeschlachtetes Schweinlein hing,

entnommen, und — weil es pressierte — die Zahlung auf später verschoben.

Fehlt etwas im „Ast“-Wirtshause, dann haben andere ihm seine

Vorräte — gestohlen. Ja die Hochschürer!!! Also niemand von den Panduren

war heroben am Bühl; auch niemand von den Behörden!

Abermals versichert Thrinele, daß sie niemanden gesehen habe.

Hm! Dann hat Peter die furchtbare Entbehrung gelitten ganz grundlos!

Ebenso gut hätte er zu Hause in seinem Bett liegen können. Aber zu

trauen ist der Geschichte nicht. Und verloren ist die Salpeterersache

doch!

„Wie sagsch, Ätti?“

„Es ist nicht mehr an einen Sieg zu glauben. Aber ich will mich an

Gottvater selber wenden, er soll entscheiden zwischen uns und dem

Großherzog, und darnach wollen wir uns halten und fürder leben. Ich habe

es mir gründlich überlegt draußen im bitterkalten Tann, und der Zweifel

sind immer mehr geworden, ob wir allein recht hätten oder ob vielleicht

doch der badische Herzog Herr ist und nicht bloß „Maier“ (Verwalter) vom

Kaiser!“

„Ätti! Du glaubsch an den Herzog?!“ ruft freudigst überrascht Thrinele

aus.

„Noch nicht! Der Herrgott soll entscheiden! Und nun halt' du Wache!

Weck' mich beim geringsten Geräusch! Morgen soll sich's entscheiden.

Guete Nacht, Thrinele!“

Wie eine Katze schleicht der Alte in seine Stube, um nach langer

Entbehrung wieder einmal in einem Bett zu schlafen.

Gerne wacht Thrinele für den Vater; kann sie doch jetzt ungestört ihren

Gedanken nachhängen, die diesmal freudiger Art sind. Ist Ätti auch noch

nicht ganz für den Großherzog, so befindet er sich doch bereits auf dem

Weg, der zur Partei der „Ruhigen“ hinüberführt, und kann Ätti überzeugt

werden, daß die Einungszeiten vorüber sind und der Großherzog zu Recht

herrscht in seinem Lande, dann wird Ätti sicherlich die Salpeterer

aufgeben und badisch werden. Und dann freue dich, junges Herz! Ist Ätti

selber Halunke, wird ihm auch die Halunkenfamilie Biber nicht mehr als

Feind erscheinen....

* * * * *

Der nächtlichen Sternenpracht machen rasch aufziehende graue Wolken ein

Ende; ein steifer Nordwest jagt sie heran, es schneit bei großer Kälte:

hartgefrorner kleinkörniger Schnee, der klirrend ausschlägt bei

Berührung der harstigen alten Schneedecke. Und immer dunkler färbt sich

das Firmament; tief hängen schwarze Wolken, bald hierhin, bald dorthin

gejagt, ein eigentümlich Sausen erfüllt die Luft, grelle Blitze zucken

hernieder: ein Gewitter ist im Anzuge. Dann springt der Wind um und

bläst aus Süd, weicher werden die Flocken, Regentropfen fallen

dazwischen: ein tolles Chaos in schwarzer Nacht mit unheimlichem

Knistern, das auch noch forttobt am Morgen, die Tageshelle

zurückhaltend. Verwundert betrachtet Peter den Sturm der Elemente von

seinem offenen Stubenfenster aus; solche Gewitterstimmung verbunden mit

Knistern und Sausen hat er um Weihnachten noch niemals wahrgenommen. Und

abergläubisch fragt er sich unwillkürlich, was diese Trübung, diese

Gewitterstimmung zu außergewöhnlicher Zeit wohl bedeuten möge. Will die

Natur Unheil drohen, wie sonst blutigrote Kometen Krieg verkünden? Steht

der dräuende Himmel in Verbindung mit der niedergehenden

Salpeterersache? Schwarz, düster wie das Firmament ist ja die Zukunft

der Wäldler seit der Metzelei am Friedhof zu Kuchelbach! Ein schauriger

Beginn des Weihnachtsfestes, ein unheimlicher Heiliger Abend im Walde!

Aber just bei solchem Himmel soll das Gottesgericht abgehalten werden.

Gottvater soll entscheiden am Heiligen Abend über die heilige Sache und

den Großherzog! Peter will nicht länger zögern; das Gottesgericht soll

mit zwei Kerzen abgehalten werden und zwar um die siebente Abendstunde

oben am Kreuz der Bühlhöhe. Drum sucht er, sich ins untere Gelaß

begebend, nach Kerzen, wie solche, als sein Weib noch lebte, häufig

während eines Gewitters angezündet worden sind, geweihte, sorglich

aufbewahrte Wetterkerzen, bei deren Brand gebetet wurde, auf daß der

Herr der Heerscharen und Elemente jeglich Unheil vom Hause ablenken und

den Blitzstrahl in den Tann führen möge. In die Gaststube tretend,

findet der Alte Thrinele schlummernd im Stuhl am Fenster mit einem

verklärten Lächeln auf den Lippen. Wie die Thür ins Schloß fällt,

schreckt das Mädchen zusammen und erwacht.

„Ätti, verzeih'! Der Schlaf hat mich überwältigt! Es isch aber niemand

chommen!“

Wohl grollt Peter über solche „Wacht“, bei welcher einem das Haus

weggetragen werden könnte; doch ist sein Sinn zu sehr auf das geplante

Gottesgericht gerichtet, und milder, als es sonst seine Art ist, fragt

er 's Maidli, wo denn die Wetterkerzen aufbewahrt seien.

„Wetterkerzen! Jez ze Wienechtszit?“

„Wienecht hin, Wienecht her! Ich mueß die Kerze han!“ Thrinele eilt in

ihre Stube und kommt alsbald mit zwei schwarzen Kerzen zurück und

überreicht sie dem Ätti.

Sinnend betrachtet der Alte die alten Kerzen, die noch keine Verwendung

gefunden und wohl noch von Muetti aufbewahrt worden sind. Wenn man nur

gewiß wüßte, ob die Kerzen auch richtig geweiht worden sind. Wenn nicht,

so kann das Gottesgericht nicht richtig abgehalten werden. Sie aber

nochmal, der Sicherheit wegen, weihen zu lassen, ist auch nicht

angängig, denn der Pfarrer würde unzweifelhaft nach dem Grund einer

abermaligen Weihe fragen, und Peter ist nicht gewillt, Gründe anzugeben

und sich dreinreden zu lassen. Was aber thun? Peter will sicher gehen,

die Kerzen müssen geweiht sein. Ob die Weihe aber nur der Geistliche

vornehmen kann? Ein Gedanke fährt dem Alten durch den Kopf, und

urplötzlich fragt er die Tochter, ob Weihwasser im Hause sei.

„Weihwasser?“ Thrinele vermag sich vor Verwunderung nicht zu fassen. Was

doch der Ätti für sonderbare Dinge verlangt. Weihwasser ist vor Jahr und

Tag in die sogenannten Weihwasserkesselchen neben der Schlafstubenthüre

gegeben worden. Thrinele selbst hat es dem Taufbecken der Kirche

entnommen und in einem Fläschchen heimgetragen. Wenn 's nicht völlig

eingetrocknet ist, wird es wohl noch vorhanden sein. Ätti meint, daß

solche Rede beweise, daß Thrinele nicht gar oft den Finger mit

Weihwasser genetzt und das Kreuzzeichen gemacht hab. „Leng' es her!“

Gehorsam und über den Tadel des Vaters betroffen holt Thrinele das

Kesselchen, worin sich ein Rest des geweihten Wassers befindet. Das

genügt für den beabsichtigten Zweck. Peter schafft die Tochter aus der

Stube, er will allein sein für eine Weile. Sodann bekreuzt sich der Alte

und spricht vor sich hin: „Heiligste Jungfrau und Mutter Gottes Maria!

Ich beschwöre dich durch das Blut des Heilandes, der für uns am Kreuz

gestorben, steh' mir bei, nimm mich auf in die Zahl deiner Diener und

sei Fürsprecherin für mich!“ Sodann nimmt er die beiden Kerzen, senkt

sie mit dem unteren Teil in den Rest des Weihwassers und spricht: „Es

steige herab in diese Quelle des Wassers die Kraft des Heiligen Geistes

und gebe ihm wie den Kerzen die heilige Weihe! Amen!“ Dreimal macht

Peter das Kreuzeszeichen über die Kerzen und beendigt die nach seiner

Meinung nun betätigte „Weihe“. Sein Gewissen ist nun beruhigt, die

Kerzen sind zum Gottesgericht geeignet. Sorgsam wickelt er selbe nun in

ein Stück Papier, das er dem Kalender entreißt, und steckt sie in seine

Rocktasche. Sodann ruft er nach der Tochter und fragt, was alles zu

besorgen sei für die Weihnachtstage. Er giebt Thrinele einige Bätzner,

womit 's Maidli, so der Schnee einen Gang ins Dorf verstatte, das Nötige

einkaufen solle. Er selber werde, der Sicherheit halber, den Tag im

Walde verbringen und erst nach Einbruch der Dunkelheit zurückkehren.

Trotz des schweren Schneefalles und der unheimlichen Witterung verlaßt

Peter das Haus und watet, bis an den Bauch in den Schnee sinkend, über

den Bühl dem Tann zu. Thrinele bahnt sich mühsam den Weg in's Dorf, um

Vorräte einzukaufen. Bei Bekannten spricht sie vor, um die müden Füße

etwas ausruhen zu lassen, und wie es schon geht, giebt ein Wort das

andere. Auf die Frage, wie es zu Hause, im „dürren Ast“ gehe, platzt 's

Maidli glücklich heraus, daß Ätti vergangenen Abend nach längerer

Abwesenheit plötzlich heil und gesund, bloß arg verfroren, heimgekehrt

sei und heute morgen die geweihten Wetterkerzen verlangt habe, mit denen

er das Haus verlassen habe und in den Tann gegangen sei. Ist das eine

Neuigkeit! Der Streitpeter zurück, gesund! Und alles hat bereits

geglaubt, er liege irgendwo erschossen und verschneit! Und um

Weihnachten verlangt er Wetterkerzen und geht damit in den Wald. Was das

bedeuten mag? Offenbar will er sie opfern am Bühlerkreuz für die „gute“

Sache der Salpeterer. Das ist ein frommes, verdienstliches Werk, an dem

man sich eigentlich auch beteiligen sollte, zum Nutzen der

Salpeterersache.

Thrinele beendet das Gespräch; ihr ist immer unbehaglich, wenn von der

„guten“ Sache gesprochen wird, weil sie stets insgeheim befürchtet, um

ihre Meinung gefragt oder als heimliche „Halunkin“ erkannt zu werden.

Unter der Vorgabe, daß der Weg durch den tiefen Neuschnee beschwerlich

sei und Zeit verlange, entfernt sich Thrinele, ahnungslos, daß sie mit

ihren Mitteilungen die Neugierde der Dörfler, die sofort verständigt

wurden, aufs höchste wachgerufen hat. Es dauert auch nicht lange, da

stapfen Männer und Burschen tapfer durch den Schnee und waten der

Bühlhöhe zu. Am Waldesrand aber verbergen sie sich hinter den mächtigen

Tannen, um der kommenden Dinge zu harren.

Früh wird es dunkel — hell ist's den ganzen Tag über nicht geworden — die

Gewitterwolken hängen noch immer dräuend, pechschwarz tief herab, der

Schneefall hat Nachmittag aufgehört, doch saust und knistert es ganz

unheimlich, ein sonderbarer phosphoreszierender Schimmer strahlt von der

Schneedecke am Bühl aus. Unverdrossen harren die Dörfler aus im Schnee

stehend und auf das „Ereignis“ wartend.

Und da taucht auch richtig der alte Peter auf oben auf der Bühlhöhe und

schreitet, mühsam im Schnee watend, dem Grenze zu, an dessen Schaft er

die Wetterkerzen befestigt und selbe dann anzündet. Peter knieet nieder

und ruft mit lauter Stimme: „Entscheide du, o Herr des Himmels und der

Erde! Gott soll richten zwischen uns. Es brennt die Kerze für unsere

heilige Sache und neben ihr die Kerze für den Herzog! Entscheide, o

Herr, bestimme durch das Kerzenlicht und laß' erkennen dein Urteil! Ich

füge mich der Sache, für welche die Kerze am längsten brennt! Verloren

ist jene, die zuerst verlöscht! Entscheide, o Herr! So walte das

Gottesgericht! Amen!“

Lautlos sind die Dörfler nähergerückt, die Augen in höchster Spannung

auf das Kreuz und die brennenden Kerzen gerichtet. Peter starrt

unverwandt auf die beiden Kerzen, die seinen Zweifeln ein Ende machen,

entscheiden sollen, wessen Sache die gute und richtige ist.

Und nun knistert die Salpetererkerze, sie flackert auf, glost und

verlöscht — — —. Ruhig, stetig brennt die Herzogskerze fort.

„Der Herzog hat recht!“ schreit Peter mit gellender Stimme und erhebt

sich. Im selben Augenblick strahlt heller weißer Lichtschimmer vom

Kreuze aus in Büschelform, es saust und knistert geisterhaft ringsum,

ein seltsam Lichtbüschel, weißglühend flammt von der Herzogkerze aus, es

leuchtet Peters Hut in einem bläulich weißen Licht, seine ganze Gestalt

ist von weißvioletten Strahlen umflossen, eine blendende weiße

Lichtsäule flammt vom Kreuz auf: Elmsfeuer!

Peter, überwältigt von dieser Lichterscheinung und dem Gottesgericht

wirft sich in die Kniee, und desgleichen beugen sich die herangekommenen

Dörfler, kreuzschlagend, fassungslos die erloschene Kerze und die ruhig

brennende, weißschimmernde Herzogskerze anstarrend. Jetzt bemerkt Peter

die Salpetererschar und ruft ihr zu mit vor Aufregung bebender Stimme:

„Gott hat entschieden, aus ist's mit den Rechten vom Grafen Hans! Der

Großherzog ist Herr, Gott ist für ihn! Ich werde Halunke, ich werde

badisch, so wahr mir Gott helfe!“

Fassunglos, überwältigt starren die Salpeterer den Peter und das

Kerzengericht an. Richtig ist eine Kerze erloschen, die andere brennt,

und das Elmsfeuer leuchtet mit magischem Licht dazu. Unwillkürlich

flüstern die Leute: „Der Großherzog ist Herr!“

Und mit einemmale erlischt das Elmsfeuer, es ist dunkel ringsum, nur der

Schnee flimmert. Fort sind die Wetterwolken, klar der Himmel, milder

Sternenschein glitzert herab, und unentwegt brennt am Kreuzesschaft die

Herzogskerze. Peter ist befreit von seinem Zweifel, für ihn ist die

Salpeterersache abgethan; er will badischer Unterthan werden. Schier mit

Ehrfurcht tastet seine zitternde Hand nach der Herzogskerze, die er

brennend vom Kreuzesschaft nimmt und wie ein Heiligtum vor sich

herträgt. Und seltsam: es brennt diese Kerze trotz des Luftzuges; Peter

bringt sie brennend durch den tiefen Schnee und durch dunkle Nacht heim

zum toten Bühl, die Kerze wie ein Kleinod bewahrend. In scheuer

Entfernung, Abstand haltend, folgen ihm die Dörfler, denen das

Gottesgericht ein Wunder dünkt, vor dem sie vorerst fassungslos sind.

Schon viel früher als Ätti angegeben, luegt Thrinele nach dem Vater aus:

ein Gefühl der Freude, eine unbestimmte Ahnung, eine innere Unruhe nimmt

dem Mädchen die Ruhe. Thrinele vermag nicht zu spinnen, sie kann nicht

ruhig sitzen, nicht stehen bleiben. Es ist ihr, als werde sie in der

nächsten Stunde etwas Ungewöhnliches, für ihre Verhältnisse

Außergewöhnliches erleben, und Ätti werde ihr das Glück heimbringen.

Und da kommt der Vater richtig vom Bühl herab, eine Kerze tragend! Was

das wohl zu bedeuten hat?

Wie verklärt im Gesicht tritt Ätti feierlich in sein windschiefes Haus,

krampfhaft die Kerze tragend, und begiebt sich in die Gaststube, wo er

die Kerze sorgsam in einen Leuchter steckt und weiterbrennen läßt.

Verwundert folgt Thrinele ihm nach; sie hat die Frage, was es denn mit

dieser zum Stümpfchen herabgebrannten Kerze sei, auf den Lippen, doch

wagt sie keine Anrede angesichts der feierlichen Haltung des Ätti. Nun

knieet der Vater nieder, betet andächtig ein Ave Maria, bekreuzt sich

und sagt: „Ich bin geheilt von allem Zweifel und Wahn, ich werde

badisch, Amen!“

Ein Jubelruf tönt durch die stille kleine Stube, und Thrinele fliegt

dem Vater an den Hals, Ätti küssend und umarmend.

Sanft wehrt der Alte die stürmischen Liebkosungen ab und mahnt Thrinele,

nun die Kerze auszublasen, das Stümpfchen aber solle als Heiligtum

fürder aufbewahrt werden als sichtbares Zeichen des Gottesgerichtes am

toten Bühl.

Gehorsam befolgt 's Maidli diesen Auftrag. Dann aber fragt Thrinele

bewegten Herzens, wie denn das Wunder gekommen sei. Lange dauert es, bis

Ätti seiner inneren Erregung Herr wird. Er hockt auf der „Chauscht“ den

Blick auf das Kerzenstümpchen gerichtet, mit gefalteten Händen.

Allmählich findet er die Sprache wieder und flüstert vor sich hin:

„Badisch! Der Großherzog ist Herr! Gott ist für ihn, der Herzog ist mein

Landesherr, ich halt' zu ihm!“

„Ätti!“

„Was isch?“

„Ätti! Darf ich an badisch were?“

„Gewiß wirsch du an badisch!“

Wieder tönt ein heller Jubelruf durch das Gemach, der Petern veranlaßt,

der Vermutung Ausdruck zu geben, daß es Thrinele am Ende weniger um den

Großherzog als um einen anderen Badener zu thun sei.

Eine jähe Röte fliegt über des Mädchens Wangen; Thrinele huscht zu Ätti

auf die Ofenbank und weint sich an Vaters Brust aus vor Glückseligkeit.

Weich gestimmt, fragt Ätti, zu wem Thrinele denn damals geflüchtet sei,

und erglühend stottert 's Maidli heraus, daß sie Jobbelis Unthat durch

freiwillige Krankenpflege einigermaßen gut machen wollte.

Also war 's Maidli bei Bibers in Herrischried?

Thrinele nickt und birgt das glühende Köpfchen an Vaters Brust.

„Also isch Bibers Michel der Holderstock?“

Thrinele haucht ein „Ja!“ vor sich hin und hebt die Hände bittend empor.

Ätti erhebt sich, und angstvoll sieht Thrinele auf den Vater, der vom

Aktengestell einen Pack Schriften herabnimmt, auf den Tisch legt und auf

einen frischen Bogen zu schreiben beginnt: „Es ist usprobyrt am heutigen

Tage und erledigt die Appellation an den höchsten Richter der Lebendigen

und Toten durch sothanes Gottesgericht, allwo heute stattgefunden am

toten Bühl zu Füßen des Kreuzes und geendet zu Recht und Gunsten des

Großherzogs von Baden! Es erfließet daraus der

Beschluß:

Ich, Peter Gottstein, Wirt zum „dürren Ast“, anerkenne für mich und

meine Kinder die Herrschaft des Großherzogs über mich und Familie, und

werde mit Heutigem badisch. Als „Halunke“ genehmige ich — die

Zustimmung des anderen Teiles vorausgesetzt — die Neigung meiner

Tochter zu Bibers Michel mit daraus entgehenden Folgen i. e. eventuell

Heirat, wozu die braungefleckte Kuh zu verkaufen ist, die bei

Hottinger im Pfand steht für zu Salpetererzwecken gegebene Darlehen.

Der Hottinger kriegt, was maßen ich mich von der „Sach'“ wende,

nichts — die Kuh wird einfach geholt. Auch wird durch heutigen Beschluß

jegliches Prozessieren gegen badische Behörden eingestellt, wobei der

Erwartung Ausdruck gegeben wird. Es werde auch badischerseits unnütze

Drängelei hinfüro unterlassen. Der Großherzog hat meinen Sohn Jakob

von der Militär freizugeben, wofür ich zwei Weihkerzen geopfert habe.

Gegeben im Wirtshaus zum „dürren Ast“ am heiligen Abend vor

Weihnachten

Peter Gottstein,

verflossener Streitpeter und badischer Unterthan.“

Peter setzt einen mordsgroßen Punkt am Schlusse hin und reicht das

mühsam gekritzelte Schriftstück der Tochter, die den „Beschluß“

überfliegt und überglücklich dem Vater aus tiefstem Herzensgrunde dankt.

Nur wegen des Jobbeli meint Thrinele, es werde Schwierigkeiten haben,

den Bruder vom Großherzog freizubekommen, denn der Herrscher werde von

Jobbeli wenig oder gar nichts wissen.

„So? Meinsch?! Dann werd' ich's ihm sage! Ich goh nach Karlsruh' un wer

minem Großherzog selber rede! So thue ich by Gott, ich der Peter

Gottstein als badischer Unterthan!“

Als badischer Unterthan leistet sich Peter am heiligen Abend einen

Extraschoppen Durbacher, an dem sich auch Thrinele beteiligen muß, die

am liebsten mit ihrem glückseligen Herzchen durch Nacht und Schnee nach

Herrischried in ein bekanntes Haus laufen und die wundersame Kunde vom

Badischwerden des guten Ätti den Biberschen vermelden möchte. Doch ist

daran heute in später Abendstunde nicht mehr zu denken. Still und einsam

wird denn die „heilige Nacht“ gefeiert im Wirtshause zum „dürren Ast“

am toten Bühl.

* * * * *

Mit steifer Kälte ist der Weihnachtstag angebrochen, ein echter

Wintermorgen auf einsamer Waldeshöh'. Thrinele hat sich zum Kirchgang

stattlich in der Landestracht herausgeputzt, wünscht Ätti glückstrahlend

einen „guete Morge“ und stapft dann eilig durch den knirschenden Schnee

nach Herrischried. Peter hat sich mit dem Tubakpfifli auf die „Kunst“

zurückgezogen und hängt seinen Gedanken nach. Er sinnirt darüber, wie er

es anfangen soll, um seinen Bueben vom Militär los zu bekommen. Es muß

ja fürder anders werden auf dem Bühl! Viel Zeit zum Nachdenken bleibt

ihm indes nicht, denn die Hochschürer rücken in Scharen an, um sich

Peter, den neuen „Badener“, anzugucken. Soviel Gäste hat die Wirtsstube

zum „dürren Ast“ noch nicht gesehen; Kopf an Kopf hocken die Leute, das

Tubakspfifli im Munde, drinnen und trinken ihre Schöppli und debattieren

den außerordentlichen Fall. Peter hat alle Hände voll zu thun, um die

Gäste zu bedienen und erneut zu versichern, daß der Akt bereits

geschlossen, daß er thatsächlich die Salpeterersache aufgegeben habe und

badisch geworden sei auf Grund des vorgenommenen Gottesgerichtes.

Mancher Hochschürer bringt den Mund nicht mehr zu vor Staunen, und mit

Ehrfurcht und Bewunderung wird das auf den Akten thronende

Kerzenstümpchen betrachtet, das eine so ungeheure Wirkung bei

Streitpeterle hervorgebracht hat. Unter den Gästen herrscht arger

Zweifel bezüglich weiteren Verhaltens: die einen wollen nicht so

geschwind „umsatteln“, den alten Einungstraum aufgeben, wiewohl nicht zu

leugnen sei, daß die „guet Sach“ heillos übel stehe. Andere neigen zur

Nachahmung von Peters Beispiel hin, da die Kerze für den Großherzog

gesprochen und sogar der Himmel selbst durch das Elmsfeuer sich für die

„badische Sach“ erklärt habe. Nur fragt es sich, welcher Profit für

einen Anschluß zum Großherzog herausspringe. Gar manchem blüht zum

Frühjahr Einziehung zum Militär und das Freiburger Arbeitshaus für die

Kuchelbacher Beteiligung.

Wenn man daher dem Großherzog wirklich huldige, müßte dieser doch wohl

sich erkenntlich zeigen und zum mindesten die drohenden Strafen

nachlassen. Was Peter dazu meine?

Und Peter spricht zu den Gästen: „Loset! Ich will euch sage: Göihmer zu

ihm, ich will minem Großherzog rede als jetziger Vertrauensma der

badischen Halunke, un ihm usenandersetze, was geschehe muß by Gott für

die neuen badische Unterthane! Wer will mitgohn?“

Sogleich melden sich zwei Hochschürer, die sich von solcher Deputation

mehr versprechen, denn vom zähen Festhalten am alten Trutz und

Widerstand. Eine Weile überlegen die andern, das Gottesgericht giebt den

Ausschlag, die Anhänger Peters vermehren sich und schließlich erklären

sämtliche anwesende Dörfler, dem Großherzog huldigen zu wollen in der

Voraussetzung, daß sie ihren alten katholischen Glauben beibehalten

dürfen. Und der Peter soll der Führer sein. So ward es abgeredet und

durch Handschlag bekräftigt. Der Großherzog hat um ein Dutzend

Unterthanen mehr im Lande.

Gegen Mittag brechen die Hochschürer auf und kehren ins Dorf zurück. Wie

Lauffeuer verbreitet sich, daß gehuldigt und der tote Bühl badisch

werden solle, und maßloses Erstaunen erfaßt die Salpetererweiber, die

bisher energisch für die „guet und heilig Sach'“ agitiert haben. Was da

die „Wybervölker“ über den Streitpeter und seinen Umfall redeten, klang

nicht schmeichelhaft für den „Astwirt“ und auch für manchen Salpeterer

fiel ein scharfes Wort ab. Doch die Hochschürer Mannen erklärten, unter

allen Umständen die Deputationsreise „usprobyre“ zu wollen; nach

Karlsruhe werde gegangen und mit dem Großherzog geredet, wie's Brauch

sei im Hauenstein. Derlei Versicherungen wurden von Salpeterern

abgegeben, so fest und bestimmt dem Eheweib gegenüber, daß manche den

Pantoffel schwingende Salpeterin starr vor Staunen wie steinern stand

und die Worte nicht fand, um ihren altgewohnten Standpunkt dem sonst so

unterwürfige Gatten zu präzisieren. Ja, der Großherzog! Der imponiert

sogar den Wybervölkern auf dem Wald und verschlaget ihnen die Rede. Wenn

diese Wirkung anhält, wird jeder Pantoffelknecht unter den Salpeterern

bereitwilligst badischer Unterthan und pfeift auf die mittelalterliche

Einung und die alten Rechte des Grafen Hans. Drum sind die meisten

Hochschürer hochvergnügt und förmlich lüstern auf die badische

Staatsangehörigkeit. Wo sich indes die Weiber ganz und gar weigerten,

badisch zu werden und auf die „heilige Sach“ zu verzichten, wurde

feierlich die Geschichte vom Gottesgericht und der Herzogskerze mit dem

Elmsfeuer erzählt und dadurch manch abergläubisches Salpetererweib

eingeschüchtert und gewissermaßen zum Badischwerden vorbereitet.

Am Nachmittag des Christtages hat der „dürre Ast“ einen Besuch erhalten,

auf welchen der Wirt nicht vorbereitet war: die Vroni von Herrischried

ist gekommen trotz Schnee und des heiligen Tages, grimmig und voll

Entrüstung, gewillt, mit dem abgefallenen Vertrauensmann der Salpeterer

Abrechnung zu halten. Der alte Peter guckte und horchte nicht wenig, wie

das aufgeregte Weib ihm in die stille Stube prasselte und polternd

loslegte, daß es eine Art hatte. Sie hätte es bereits gehört, daß Peter

sein Volk, den Glauben und die „heilige Sach'“ verraten habe und

abgefallen sei wegen einer dummen Kerze! Aber sie, die um der „heiligen

Sach'“ willen ihren Mann verloren, aus Begeisterung für die Salpeterei

zur Wittib geworden, sie dulde es nicht, daß Peter badisch werde und

andere mit verführe zur Huldigung für Einen, der nur Verwalter sei im

Lande. Das wäre eine schöne Ordnung in der Einung: Zuerst beredet der

Vertrauensmann die Leute und hetzt sie zur Salpeterersache, jagt sie ins

mörderische Feuer der Panduren, und wie's schief geht, läßt er alles im

Stich und tritt zum Großherzog über! Vroni glaubt die Kerzengeschichte

nicht, das sei Schwindel, elende Flunkerei, und sie werde ihm die Augen

auskratzen, wenn er nicht zur „heiligen Sach'“ zurückkehre und

Salpeterer bleibe. Und wehe ihm, wenn er auch noch andere zum Abfall

veranlasse! Wisse er nicht, was Treu und Glauben und ein heiliger Eid

sei, so soll's ihm beigebracht werden am eigenen Leib! „So sag ich und

du bisch e Lump und Schuft, e ganz miserablichs Masbild, e Gauner und

Verräter! — Aber du pasch ze de Herre, du Lumpekerli!“

Peter hat den Erguß über sich ergehen lassen, stumm und geduldig; jetzt

aber ist's genug, er nimmt 's Pfifli aus den, Mund, legt es auf den

Tisch, faßt das zeternde Weib am Genick und spricht: „Im Namen des

Großherzogs von Baden, hinaus!“ Ein Ruck, ein Krach — das zeternde Weib

fliegt durch die rasch aufgerissene Thür hinaus in den Schnee.

Gelassen schließt Peter wieder die Thür und setzt sein Pfifli in Brand.

Vroni rafft sich auf, klopft das Geflock von den Kleidern, droht

zornglühend mit erhobener Faust dem ganzen Hause und trollt ab. Der Wirt

soll's büßen!

Unterwegs stößt Vroni auf Bibers, die Thrinele begleiten und deren Vater

besuchen wollen. Mit einer Flut von Scheltworten überschüttet das Weib

diese Halunkensippe, die sich jetzt breit mache im Hauenstein und das

Land verrate. Der alte Biber aber lacht der Vroni vergnügt ins Gesicht

und wünscht ihr „en guete Obe“. Das Pärchen aber stapft vergnüglich

voran im Schnee, Michel überglücklich und stillfröhlich 's Maidli.

Und übermütig ist der Michel in seiner Glückseligkeit über die Bekehrung

von Thrinele's Ätti, so übermütig, daß er manchmal hüpft und in den

tiefsten Schnee springt zugleich kläglich jammernd: „Thrinele, wo

simmer? Mer seige verirret! Wo me loft und lueget, überall Schnee! Hilf,

Thrinele!“ Und wenn 's Maidli gutmütig dem im tiefen Schnee hockenden

Buebli die Hand hilfreich bietet, zieht der Schalk 's Thrineli herunter

mit starkem Ruck, fängt 's Maidli in seinen Armen auf und küßt es ab,

daß die Kreuzvögel und die geschäftigen Meisen verwundert gucken und der

Gimpel noch sehnsüchtiger als sonst nach seiner aschgrauen Gefährtin

flötet im eintönigen Lied.

Und kommen die Alten dann näher und sieht Ätti das Geschmatz und

Getuschel der Jungen, so droht er wohl mit dem Finger: „Laßt doch, ihr

Thunichtgut und Liebesgesindel! Es isch mer, mer seige numme wit vom

dürre Ast! Seiget manierlich, was müsset sust Thrineles Ätti von euch

halte“!

Und Michel ruft zurück: „Ätti wasch seist: bisch au emal jung gsi nu

hasch es nit anersch gemacht, hihi!“ Dabei hilft Michel dem glühenden

Thrinele wieder heraus aus dem Schnee und stellt 's Maidli manierlich

auf den Weg, den Vroni's Fußstapfen markieren.

Vorm Hause angelangt, ruft Bibers Ätti absichtlich polternd, wobei es

zuckt in seinen Mundwickeln: „He, Streitpeterle, ufgemacht s' Hüsli,

Herrluit wöllent in, badische Luit!“ Verwundert kommt der Wirt

herausgelaufen und schlägt die Hände überm Kopf zusammen vor

Verwunderung.

„Gell, da guckt Er!“ spottet Bibers Ätti, und Michel reicht Petern die

Hand.

„Gottwilche!“ ruft Peter und schüttelt den Bibers der Reihe nach die

Hand, indes Thrinele ins Haus huscht, um zum Willkomm alles schnell zu

bereiten.

Der Astwirt geleitet sodann die seltenen Gäste in die warme Stube und

setzt ihnen vom Besten aus seinem Keller vor, denn solcher Besuch muß

geehrt werden am Weihnachtstage. Bibers Ätti fällt auch gleich mit der

Thür ins Haus durch den Einwurf in Peter's Rede: „Vergiß by Gott nit ze

erwähne, was inegschriebe hesch in d' Akte den Beschluß, un lasse mer

lebe beim Win en Großherzog von Bade, hoch, hoch, hoch!“

Es klingen die Gläser zusammen, eine weihevolle Stimmung erfaßt die

Gemüter. Es ist ja auch zum erstenmale in seinem Leben, daß Peter in ein

Hoch auf den Landesherrn einstimmt. Und wie getrunken ist auf die

Gesundheit des Fürsten, meint Peter, nach seinem Pfifli langend: „Wos

weisch denn du, Biber, von mine Akte?“

„Gell, da guckt Er! Weisch, s' Thrinele isch gar gesprächig, hihihi!

Aber sell Akte gfalle mer, hesch Recht by Gott, Peter! Allewil guet

badisch und Ordnung muß si!“

Ein wundersam Plaudern ist's auf der „Chauscht“ im „dürren Ast“, so

wohlig und behaglich, so lebensfroh und hoffnungsfreudig. Die Alten

hocken tapfer beisammen, weniger seßhaft sind freilich die Jungen, und

Michel findet immer eine andere Ausrede, um mit 'm Thrinele zu

verschwinden und 'm Maidli draußen Kuß um Kuß zu rauben. Haben die Alten

die Politik erörtert des Langen hin und her, wobei Biber es billigt, daß

Peter mit dem Großherzog selber über die Lage reden will, so zieht

Bibers Muetti dann die Zukunft der Jungen ins Gespräch, weil darüber ja

doch auch etzliche Wörtlein gesprochen werden müssen. Peter fühlt sich

da freilich etwas befangen, und seine Prozeßwutsünden fallen ihm schwer

aufs Gewissen; aber ehrlich sagt er es rund heraus, daß durch seine

frühere Streitlust und die fanatisch betriebene Salpeterei Kuh um Kuh

aus dem Stalle zum Advokaten ging und fürs Thrinele jetzt kein

Kuhschwanz mehr im Hause sei. Die Neigung habe er freilich aktenmäßig

protokolliert und in Gnaden genehmigt, aber mit einer Mitgift hapert es

gewaltig, wenigstens für die nächste Zeit. In Zukunft wolle er sich

statt um Parteihader und Advokatenkniffe mehr um Kartoffeln und Wiese

und Feld kümmern; vielleicht geht es dann wieder auswärts mit der

Wirtschaft.

Solche guten Vorsätze lobt der alte Biber tüchtig und erklärt, daß

Thrinele auch ohne Mitgift einziehen könne ins Biberhaus, wasmaßen die

Sinnesänderung Peterles auch was wert sei. Auch Muetti stimmt bei, weil

ihr die Hauptsache ist, die Kinder glücklich vereint zu sehen.

Bei Petern aber regt sich doch noch etwas, was dem alten Trotz, der

Streitlust ähnlich sieht: er will die Geschichte nicht überstürzt sehen;

von Hochzeit könne erst geredet werden, wenn er mit 'm Großherzog ins

Reine gekommen ist. Bedingungslos wolle er sich nicht unterwerfen und

huldigen. Den Jobbeli muß der Herzog 'rausgeben und die alten

Salpeterersünden verzeihen. Thut's der Fürst nicht, so wird aus der

ganzen Geschichte nichts und die Anerkennung wird dem Großherzog

aktenmäßig verweigert. Davon läßt sich der alte Starrkopf nicht

abbringen, so viel sich Muetti auch bemüht. Ätti meint indes, der

Großherzog werde schon einwilligen, so ihm die Lage richtig geschildert

werde, denn darauf komme es hauptsächlich an. Und morgen braucht ja

nicht schon nach Karlsruhe gewandert zu werden; es wird besser sein,

wenn sich der gute Wille inzwischen bei manchen Leuten noch weiter

verbreitet. Ist dann der Winter 'rum und besteht die gute Absicht noch,

dann solle Peter die Bekehrten zum Großherzog führen, ihm huldigen und

ihn hübsch um Verzeihung bitten. Dann werde alles gut werden!

So ward es abgeredet im „dürren Ast“, und widerspruchslos erklärte sich

Peter einverstanden. Den Großherzog wird es auch nicht umbringen, wenn

er auf die Huldigung der Bühler Salpeterer noch etliche Wochen warten

muß, meint Peter.

Biber lacht, daß die Scheiben klirren, und hält sich die Seiten. Muetti

will dann noch Thrineles Küche besichtigen, worauf der Heimgang

angetreten werden soll. Peter holt zum Abschiedstrunk eine Kanne alten

Durbacher aus dem Keller; heut läßt er sich nicht lumpen. Und wahr

ist's: So wohlig war ihm noch nie ums Herz.

Schon zieht die Dämmerung über den Bühl, da treten Bibers nach

herzlicher Verabschiedung den Rückweg an. So lange man sich sehen kann,

winkt Thrinele fleißig ihre Grüße nach, und auch Gottstein-Ätti

entbietet vorm Hause stehend seinen Abschiedsgruß. Und vor dem

Schlafengehen kritzelt er zum Gedenken in seine Akten den Besuch und die

Absprache mit Bibers ein, der Ordnung halber, und der Passus: „Der

Großherzog hat auf die Huldigung noch etzliche Zeit zu warten“ wird

zweimal dick unterstrichen. Außerdem rutschte dem Peter ein mächtiger

Klecks aus dem Gänsekiel, so daß es aussah, als habe der Skribent ein

Trauersiegel darunter gesetzt.

* * * * *

Auf dem Wald hat der Schnee allmählich doch dem Drängen des Frühlings

weichen müssen; Föhn und warmer Regen haben des Winters Macht gebrochen,

schwarz steht der Tann, dunkel die Wiesen, auf denen die ersten Anemonen

und Schlüsselblümelein vorwitzig und neugierig die Köpfchen in die Welt

stecken und zartes Gras zu sprießen beginnt. Nur in den tiefen, wilden

Schluchten liegt noch Schnee. Goldiger Sonnenschein lacht über Berg und

Thal, und würziger Odem streicht über die Bühlhöhen: Frühlingshauch

erquickend und labend.

An einem Frühlingstage, wonnig und sonnig, war es, daß Biber-Ätti dem

Peter auf dem toten Bühl sagen ließ durch Michel, es sei jetzt Zeit zur

Wanderung nach Karlsruhe.

Im ersten Augenblick machte diese Botschaft Petern stutzig, und

unwillkürlich dachte er, wieso denn der Biber wissen könne, daß es jetzt

Zeit sei. Fast möchte Peter eine versteckte Absicht wittern; doch er

beruhigt sich bald, zumal Michel meinte, der Schnee sei weg, daher könne

man gut und bequem über Todtnau nach Freiburg und dann auf der

Landstraße über Offenburg nach Karlsruhe wandern. So gescheit wäre Peter

selbst auch gewesen. Wie dann Michel dringlich wurde und bettelte, es

möge Peter-Ätti doch seinetwegen recht bald zum Großherzog gehen, da

lachte Peter, weil er die Absicht merkte, und ging sofort nach

Hochschür, um seine Mannen aufzubieten zum Gang nach Karlsruhe. Michel

labte sich unterdessen an Thrineles Kirschenlippen.

* * * * *

In der Residenz zu Karlsruhe steht unter Peter Gottsteins Führung ein

wohlgezähltes Dutzend Bühler Hotzen in ihrer malerischen Landestracht,

stramm und stämmig wie die heimatlichen mächtigen Tannen. Wie sie

aufmarschierten, gab es ein Geschau, und die Leute liefen der Deputation

nach, als sei wunder was zu sehen. Peter fühlt sich, stolz steht er in

dem hohen Saale. Er hat den Lakaien beim Eintritt nur gesagt, er sei der

Peter Gottstein vom toten Bühl und Führer der Hochschürer Deputation und

wolle mit dem Großherzog reden, und augenblicklich führte man ihn und

seine Mannen hinauf in die Residenz zu einem Herrn mit großmächtigen

glitzernden Dingern auf der Brust und einem goldenen Schlüssel hinten am

Gefäß ober dem Röckli, das aussieht wie ein Schwalbenschwanz. Wie der

Herr freundlich und lieb mit Peter that! Die Hand hat er dem

verflossenen Salpeterer gegeben und gesagt, er habe ihn bereits jeden

Tag erwartet und freue sich, die wackere Hotzendeputation zum Regenten

führen zu können. Da gab es denn auch gleich das erste Mißverständnis,

denn Peter platzte heraus: „Nüt da, Herre! Ze nem Regente göihmer nüt,

mer wöllent zem Großherzog selber!“ Erst wie der freundliche Herr

ausdeutschte, daß der Regent ja der allergnädigste Großherzog selber

sei, gab sich Peter zufrieden und fragte gleichzeitig, ob das lange

Warten auf die Deputation dem Großherzog etwas geschadet habe. Da guckte

der Herr mit dem Schlüssel hinten am Röckli verwundert, hieß die Leute

im Saale warten und ging dann fort, um den Großherzog zu verständigen.

Eine Weile schon stehen die Hochschürer und begaffen die Pracht und

Herrlichkeit im Saal, und Peter meint, der Großherzog müsse aber weit

weg wohnen, weil er so lang braucht auf dem Weg hierher. Und ein

Hochschürer verweist auf das schlechte Wetter, es regnet fest, und in

der Stadt haben die Leut' oft so dünne schlechte Schüchle. Und ein

Dritter glaubt, die Stuben seien groß und breit genug, daß der Herzog

fahren könnt', wenn ihm der Weg zu weit wäre.

Endlich regt sich was; die Flügelthüren werden aufgerissen, Fouriere

treten ein, der freundliche Herr von vorhin kommt herangeschritten,

ernst, würdevoll und so steif, als hätte er einen Butterrührstecken

verschluckt. Die Hochschürer reißen Mund und Augen auf; gar manchem

klopft das Herz hörbar.

Ein paar Herren in schimmernder Uniform kommen heran und stellen sich

spalierbildend auf, und jetzt, als der Letzte, schreitet Karl Friedrich,

leutselig grüßend auf die Deputation zu und fragt nach dem Führer

derselben. Peter soll jetzt vortreten und reden; aber viel lieber möchte

er eine Maus sein und sich ins nächste Loch verkriechen. Wie hoheitsvoll

der Großherzog vor ihm steht, machtgebietend und doch so gütig. Nochmal

fragt Karl Friedrich: „Wer ist euer Führer?“

Ganz verdattert steht Peter wie versteinert, so daß einer der

Hochschürer ihm laut zuruft: „Peterle, gang füri, er frißt di nit!“ Das

wirkt; Peter tritt vor, reicht dem Fürsten treuherzig die Hand und

spricht: „Grüeß Gott, Herr Großherzog! Der Führer bin by Gott ich, der

Wirt zum „dürren Ast“ am toten Bühl im Hauenstein!“

„Schön von dir, mein Sohn! Ich weiß bereits! Was wollt ihr nun von mir?“

„Wartet e bitzeli, Herre! Sell chomt spötli! Wisset oder wissent Er nüt:

Mer seig jez Halunken un wöllent badisch were!“

Verwundert blickt der Großherzog auf den Sprecher und dann wie fragend

auf den nebenstehenden Minister, der flüsternd den Ausdruck „Halunke“

erklärt. Hoheit schmunzelt; die Unterhaltung mit den urwüchsigen Leuten

aus dem tiefsten Schwarzwald belustigt den Fürsten sichtlich.

„Red' Er nur weiter, Peter!“

„Also lueg! Die Kerze hent gsproche für Euch mit Licht ufm tote Bühl!

Mit de Bruederschaft isch us! Mer geruhe Euch anzuerkennen als unsern

Großherzog un wöllent Euch huldige, sothanermaßen Ihr de Bedingungen

erfüllen wollet!“

Karl Friedrich hustet in sein Taschentuch vor Vergnügen, und die Herren

des Hofdienstes haben größte Mühe, das Kichern zu unterdrücken.

„Wennder nit wollet, huldige mer nit un weret wieder Salpeterer, un Ihr

heut de Schade!“

„Nunu, nicht gleich so obenaus, Er Schwerenöter! Habt mich lange genug

warten lassen!“

„Jo, Herre, im Wald lit de Schnee lang un de Weg isch wit! Geh du rus

by de Schnee, wenn d' chasch! Un umgebracht het's Warte di au nit!“

Karl Friedrich lacht Thränen des Vergnügens und die Herren platzen auch

eine Lachsalve nach der andern heraus.

„Un wissenter wos: Ihr seigt Halunke un mer schließent Euch an, so Ihr,

Herre Großherzog, gelobet an Idesstatt frizegebe mi Jobbeli von de

Soldate! Mer were huldige, wennder uns lasch unsere alte Glaube, denn

mer wollet blibe katholisch!“

Karl Friedrich richtet sich auf und spricht ernst und weihevoll: „Höret,

ihr Leute vom Schwarzwald! Es ist Mein Wille, jedem Meiner Unterthanen

zu lassen seinen Glauben, in dem er aufgewachsen. Jeder bete zu seinem

Gott! Aber Ordnung müßt ihr halten, euch fügen den Anordnungen der

Behörden, aufgeben alte, nie erfüllbare Träume! So ihr tüchtige

Unterthanen werdet, soll euch Salpeterern verziehen, den Eingekerkerten

die Strafe geschenkt sein! Haltet Euch fürder brav und wacker, so sollt

ihr in Mir alle Zeit einen treu um euer Wohl besorgten Landesvater

haben!“

„Ihr redet wie en Buch, Herre, und mer wöllent's befolge, aber sagsch:

Wos isch minem Jobbeli?“

Wieder flüstert einer der Herren Seiner königlichen Hoheit etwas ins

Ohr, worauf Karl Friedrich lächelnd spricht: „Ihr sollt Euren Sohn

freibekommen, Streitpeter!“

„Halt' in, Herre! Seller bin i nimeh, un wennder sell Wörtli nomal seit,

seigt mer gschiedene Luit!“

„Um so besser, Peter! Begrabt jeglichen Streit und werdet fürder gute

badische Unterthanen!“

„Sell wöllent mer were!“ ruft freudig Peter aus und kniet nieder zur

Huldigung. Mit zum Schwur erhobenen Händen geloben die Hochschürer Treue

bis in den Tod und Befolgung der Gesetze. Und aufbringend schreit Peter:

„De gnädigst' Großherzog soll lebe, hoch, hoch, hoch!“ Donnernd braust

der Jubelruf aus den rauhen Schwarzwäldler Kehlen durch den weiten Saal:

„Hoch, hoch, hoch!“ Peter faßt die Hand des Monarchen und küßt sie

bewegten Herzens, und alle seine Mannen folgen seinem Beispiel. Am

liebsten hätte der glückselige Peter den Fürsten gleich ganz umarmt,

aber er fürchtete, den lieben guten Großherzog zu verdrücken, und

unterließ daher die Liebkosung.

Gerührt dankt Karl Friedrich den Leuten, drückt jedem die Hand zum

Abschied mit den Worten: „Bleibt fürder gut badisch!“ Dann zieht sich

der Monarch leutselig grüßend vom Gefolge begleitet zurück.

Der Kammerherr aber händigt den Hochschürern ein Geldgeschenk ein, und

Peter insbesondere bekommt noch einen Zettel mit der Freigabe seines

Sohnes, den er gleich aus der Kaserne holen kann.

Jubelnd ziehen die Hotzen aus der Residenz, und noch am gleichen Tage

verlassen sie, Jobbeli in ihrer Mitte, die schöne Stadt. Peter aber

tauscht mit keinem Fürsten um sein Frohgefühl und um die Freude, daß

sogar der Großherzog ihn gleich gekannt und mit ihm wie seinesgleichen

gesprochen hatte. Daß Peter anfangs etwas Scheu empfunden, hat er

bereits glücklich wieder vergessen. Jetzt zieht er stolz an der Spitze

der Deputation heimwärts durch den „Garten Badens“ hinauf zu den

schwermütigen Schwarzwaldbergen.

Je näher es der Heimat zugeht und endlich die Murg wieder sichtbar

wird, desto schneller wird Peter im Schritt; er brennt förmlich darauf,

seine Führererlebnisse den Leuten zu erzählen, und sich namentlich mit

dem Biber-Ätti auszusprechen. Am Eingang in das Seitenthälchen, das nach

Herrischried führt, verabschiedet sich Peter von der Deputation, schickt

selbe heim mit Grüßen ans Thrinerle und eilt nun, was er laufen kann, zu

Bibers.

Biber-Ätti hockt beim „Ochsen“wirt und muß auf Peters Bitte sofort

geholt werben, weshalb Michel geschwind hinüberspringt. Unterdessen

setzt Muetti dem vielgewanderten Gast einen Krug alten Chriesiwassers

vor und läßt sich fürs erste erzählen, daß die Reise von Erfolg

begleitet war und die Deputation wirklich dem Großherzog gehuldigt habe.

Peter sei also wirklich und leibhaftig hinfüro badisch. Die anderen

werden wohl in die Hände des Amtmanns den Treueid leisten, bis auf die

Unverbesserlichen, die Salpeterer bleiben werden. Doch da ist ja der

Ätti! Schmunzelnd reicht der alte Biber dem Gast die Hand zum Willkomm,

und nun läßt Peter seiner Zunge freien Lauf. Er erzählt umständlich

haarklein seine Erlebnisse bis auf das Herzklopfen beim Erscheinen des

Großherzogs, und prahlt nicht wenig, daß der Fürst seine

Lebensgeschichte so genau gewußt und mit ihm so fein, schier brüderlich

gethan habe.

Trocken wirft Biber-Ätti dazwischen die Bemerkung ein: „Isch kein

Wunder!“

Betroffen guckt Peter den Sprecher an und fragt, wie das gemeint sei.

Und nun setzt Märte dem aufhorchenden Peter auseinander, daß ein

Landesherr, zumal in so schwerer, ereignisreicher Zeit, etwas mehr zu

thun habe, als sich um einen Salpeterervertrauensmann im tiefsten

Schwarzwald kümmern zu können. Daß Peter Gottstein badisch werden wolle,

ist sicher sehr löblich und selbst für den Großherzog erfreulich, aber

das Großherzogthum geht deswegen noch nicht aus dem Leim. Damit Peter

aber entsprechenden Empfang finden sollte, und man bei Hofe auch wußte,

um was es sich handle, habe Biber den Gang nach Säkkingen nicht gescheut

und dem Amtmann alles haarklein erzählt. Darauf sei ein langer Bericht

nach Karlsruhe abgegangen, und als die Antwort eintraf, daß die

Deputation empfangen werden und die Huldigung stattfinden könne in der

Residenz, da habe Biber den Peter wissen lassen: es sei Zeit! Und

dementsprechend werde die Sache auch ihren Lauf in Karlsruhe genommen

haben.

Peter weiß nach dieser Aufklärung nicht, soll er sich ärgern oder

lachen. Doch ist eines sicher, Märte hat ihm die Geschichte wesentlich

erleichtert, denn ohne den vorangegangenen Bericht hätte Peter wohl

langmächtig mit dem Großherzog reden müssen, bis dieser alles begriffen

hätte. Und die Hauptsache ist ja doch der Frieden mit der Regierung und

die Freigabe des Jobbeli.

„Hasch en Buebe mit?“ fragt Biber und meint, als Peter freudig die Frage

bejaht, man könne dann die Geschichte von dem damaligen Messerstich

durch Abschaffung nach dem alten Brauch zum Austrag bringen. In diesem

Augenblick aber schlägt bei Peter die alte Pfiffigkeit durch, und

schlau, schlagfertig erwidert er, daß der alte Brauch wohl bei den

Salpeterern zur Einungszeit Geltung gehabt, bei badischen Unterthanen,

die frisch gehuldigt, jedoch nicht mehr in Anwendung gebracht werden

dürfe.

Ätti lacht aus vollem Halse. Die Prozeßkunst und all' die

Advokatenschliche habe sich Peter trotz des Huldigungseides doch

glücklich in sein badisches Unterthanendasein hinübergerettet. Es soll

übrigens die Geschichte nicht weiter aufgerührt werden; Jobbeli mußte

feierlich auf Michels verspieltes Ohrläppchen verzichten und den

Biberbueben für den Stich um Verzeihung bitten. Damit aber die

Gottsteinsippe dennoch ihre verdiente Strafe erhalte, solle die Hochzeit

zwischen Thrinele und Michel in Bälde stattfinden. „Wilsch, Peterle?“

„Jo, ich will's by Gott!“

Ein kräftiger Handschlag beschließt den Pakt.

* * * * *

Als Mann von Wort, ein edler Fürst, ließ Karl Friedrich den zu Freiburg

und Breisach gefangen gesetzten Salpeterern die Freiheit wiedergeben[15]

und schenkte allen jegliche Strafe.

Und als Thrinele mit Michel glücklich vereint war, da sagte Peter im

Kreise der Hochzeitsgesellschaft, das Badischsein sei doch nicht so

ohne, ihm habe Glück und Segen gebracht die — _Herzogskerze_.

Fußnoten:

[1] Die Bewohner des Hauensteins hatten sich im Mittelalter dank seiner

kraftvollen Einungsverfassung zu einer Bauernschaft zusammengeschaart,

die später sich energisch gegen Leibeigenschaft und jegliche Bedrückung,

namentlich gegen die Hoheit des Klosters St. Blasien wehrte. Auf fiktive

alte „Handfeste und Privilegy“ pochend wollten sie sich, nachdem es mit

allerlei Mitteln gelungen war, sich von St. Blasien loszukaufen, auch

der österreichischen Herrschaft gegenüber zur reichsunmittelbaren freien

Bauerngrafschaft emporringen. Zu offenem Aufruhr rief der Einungsmeister

von Birndorf, Johann Fridolin _Albiez_, der den Salpeter im

Haunsteinschen Lande gewann und allgemein „Salpeterhannes“ genannt

wurde, ein Mann von ungewöhnlicher Thatkraft und Rednergabe bei schier

mystischer Hingabe an den Katholizismus. Albiez predigte das Märchen,

daß der letzte Gaugraf Hans von Hauenstein Vogt gewesen sei und in

seinem Testament beurkundet habe, daß die Grafschaft nach seinem Tode

frei an Reich und Kaiser zurückfalle und reichsunmittelbar zu bleiben

habe. Es sei nur der Kaiser Schutzherr des Landes, die Grafschaft aber

frei, niemandem mit Pflichten unterthan. Diese Lehre verbunden mit

altwiedertäuferischen Ideen entfachte mehrere sogenannte

Salpetererkriege, die mit maßloser Erbitterung geführt wurden,

schließlich aber mit völliger Niederlage der Salpeterersache und

Verbannung der Hetzer nach Ungarn und Siebenbürgen endeten. Die Rückkehr

einiger „Salpeterer“ aus Belgrad, durch die Gnade Maria Theresias,

entfachte neue Erhebungen, ein Auflodern der Salpeterersache bis in den

Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Anhänger der Albiez, Riedmatter &c.

hießen „Salpeterer“, die ruhigen Waldbewohner, die sich fügten in die

Zeitverhältnisse und Ordnung hielten, wurden „Halunken“ gescholten und

bitter verfolgt.

[2] D.h.: Es sind Unberufene oft in der Nähe.

[3] J.L. Meyer, Geschichte der Salpeterer, Freiburg 1837.

[4] So prahlte Albiez, in facto aber wurde er verhalten, binnen 24

Stunden Wien zu verlassen und der Landestelle in Freiburg die

Beschwerden vorzutragen. Auch wurde er, heimgekehrt, für seine Lästerung

gegen St. Blasien vom Waldvogt mit Gefängnis und dreißig Thalern gebüßt

und erst nach abgelegtem Handgelübde: „Fürder wider St. Blasien nicht zu

schimpfen,“ entlassen.

[5] Der Brief ist fiktif, es wurde sogar in den Wiener Kanzleien nach

etwaigem Konzept nachgeforscht, aber nirgends etwas gefunden. Die Mär

von diesem Brief diente lediglich als Agitationsmittel.

[6] Der Sicherungsbrief von 1720 sprach aus, daß trotz der Umwandlung

des Wortes Leibeigen in Eigen alle bisherigen Pflichten erfüllt werden

müssen.

[7] Wien schuf durch diese zweckwidrigen Maßregeln auf dem Wald heillose

Zustände, eine horrende Gesetzlosigkeit und schürte statt zu dämpfen das

Feuer des Widerstandes zu offener Rebellion, die denn auch 1728 zu

Thatsache geworden ist, welche der neue Waldvogt Freiherr von Reischach

nicht aufzuhalten vermochte.

[8] Eine Rotte völlig Fanatischer durchstreifte den Wald, raubte und

plünderte und schuf grauenhafte Zustände. Dazu hetzten einzelne

Schweizer (ein Prediger zu Wandach und der Advokat Dr. Lieder in Basel)

die Rasenden zu wilden Gewaltthaten.

[9] Am 18. Mai 1728 erhob sich unter Führung Thoma's im Rücken der

Truppen des Oberst Baron Thüngen ein allgemeiner Landsturm, der jedoch

rasch erstickt wurde, als scharf geschossen und verschiedene Aufrührer

getötet wurden. Außerdem wurde ein Teil der Truppen ständig in die

Walddörfer gelegt und die Huldigung zwangsweise vorgenommen. Die

Salpeterer verlegten sich hierauf auf einen zähen schriftlichen Streit,

der mit der Ablösung der Rechte St. Blasiens endete, gegen welche

Ablösung wieder ein Teil der verbissensten Salpeterer protestierte. Das

Urteil gegen die Rebellen aus den Maitagen wurde 1730 zu Waldshut, wohin

die Salpeterer gelockt wurden, vollzogen: Thoma in Dogern an den Pranger

gestellt, auf Lebenszeit in die Festung Belgrad verbannt, und sein Name

schandenhalber in Stein eingegraben. Andere kamen nach Ungarn und

Siebenbürgen, auch nach Breisach und wurden eingekerkert. Mit Beginn des

Türkenkrieges entließ man die Verbannten, die nach ihrer Heimkehr sofort

auf's neue randalierten und den zweiten Salpetererkrieg

heraufbeschworen.

[10] Die Hauensteiner pflegten um jene Zeit technisch festzustellen,

welcher Art die Körperbeschädigung ist, und nach diesem Befund wurde die

Entschädigung bestimmt. Nach Zahlung des „Wehrgeldes“ war die Sache

abgethan oder, wie der technische Ausdruck auf dem Wald heißt,

„abgeschafft“. Scheffel schreibt diesbezüglich in seinen „Reisebildern“:

„Wenn die Hauensteiner wegen Störung des öffentlichen Friedens (nach

einer solennen Keilerei) noch vor's Amt zittert wurden, so brachten sie

gewöhnlich das Dokument über die Abschaffung durch die Familienhäupter

mit und wunderten sich höchlich, wenn sie hie und da noch ‚im

öffentlichen Interesse‘ auf einige Wochen ins Gefängnis wandern mußten.“

[11] Österreichische Truppen wurden in Basel konzentriert. Dieser

Umstand ließ die Salpetererfackel aufs neue auflodern. Riedmatter war

thatsächlich in Basel, erzielte aber natürlich für seine Sache bei den

österreichischen Truppenführern, die in Kriegsbereitschaft standen und

andere Gedanken im Kopf hatten, nicht das Mindeste; dennoch versicherte

Riedmatter daheim, wesentlich Resultate erzielt zu haben, und hetzte die

Bevölkerung zu offenem Widerstand gegen badische Verfügungen auf.

[12] Diese handgreifliche Lüge brachte Riedmatter in den Wald und

entfachte dadurch den wilden Schnapskrieg.

[13] Kreuzvogel, Kreuzschnabel (Loxia curvirostra) wird als Stubenvogel

gehalten in dem Glauben, daß er vom Hause Blitz, Krankheit und Tod

abhält, so der Vogel ein „rechter“ ist, d.h. ein solcher, dessen

Oberschnabel nach rechts gerichtet ist. „Über den Kreuzvogel geht kein

Tier, der ist über Schwalben und Störche.“

[14] Aktenmäßig festgestellt.

[15] Auch Riedmatter wurde in Freiheit gesetzt und sank alsbald, da

seine Unfähigkeit zur Führerschaft selbst dem dümmsten Salpeterer bald

einleuchtete, in völlige Vergessenheit. Die Sekte machte sich alsdann in

den fünfziger Jahren nach der religiösen Seite hin wieder bemerkbar.

Heutzutage sind wohl die wenigen Sonderlinge im Aussterben.

Im grünen Tann · 第 11 / 19 题