„Weisch noch, Thrinele, wich ich 's erstemol chomen bin zu „Kilt“ und
han di 'beten um di Herzli!?“
Wieder nickt Thrinele mit dem Chöpfli und sagt dann: „Ich han dir 's
aber verbote!“
„Ja sell isch wahr by Gott! Un mir war 's, als isch d' Sunne g'storbe!“
„Es ha so si müsse, Michel! Doch mußt nit so viel rede!“
„So red' du, Thrinele! O wie chlopft mir mi Herz! Lueg, Thrinele! Weisch
wie ma seit: 'ne Chuß in Ehre, wer will 's verwehre? Chüßt 's Blümeli
nit si Schwesterli? Gi mir ne Chuß, i wer na schon gesunde!“
Und treuherzig bietet 's Maidli die kirschroten Lippen dem kranken
Michel dar und drückt ihn dann wieder in die Kissen.
* * * * *
Die Nacht ist vorübergegangen; der Föhn hat gegen Morgen nachgelassen,
es ist ruhig im Wald geworden. Noch tropft es im Tann, und die
Wässerlein sickern zu Thale. Schwerer Dunst liegt über den Bergen, und
im Thalgrunde wogt der Nebel, grau in grau. Auf dem Dorfplatze
schlummern in ihre Mäntel gehüllt die Hartschiere am erloschenen
Biwakfeuer; in Pyramiden zusammengestellt stehen die Gewehre, bewacht
von den Posten. Und einsam stehen statuengleich um's Dorf die Wachen.
Einzelne Hähne krähen den jungen nebligen Morgen an, das Hühnervolk
weckend. Im „roten Ochsen“ regt's sich, eine Ordonnanz mit dem Trompeter
verläßt das Haus, und gleich darauf schmettert der Alarmruf hell durch's
Dorf. Flink springen die Hartschiere auf und greifen nach den Waffen;
die Dörfler gucken verschlafen aus den Fenstern, es wird lebendig
allenthalben in Herrischried. Die Offiziere eilen zur Truppe, den Wirt
unwillig zur Seite stoßend, der noch in den Kleidern von gestern
steckend, sich nach der Alarmursache erkundigen will. Und da ist auch
schon der Major, grimmig und verdrossen. „Holt den Bürgermeister!“
befiehlt er und schreitet stolz zum Dorfplatze, wo die Hartschiere
marschbereit stehen. Bald ist der Bürgermeister da, der nun Leute als
Führer beschaffen soll zur zwangsweisen Herbeiführung der Rekruten.
Unter tiefen Bücklingen versichert der Dorfchef: Wer zu den „Halunken“
gehöre, werde selber kommen; die Rekrutenaushebung sei allenthalben
bekannt gemacht. Von den Salpeterern aber werde nicht einer kommen!
„Dann holen wir die Kerle!“
„Mit Verlaub! Da isch nüt ze hole! Die Büebli sin alle marsch us, fort!
Die heutige Nacht hat's bewiese!“
„Tod und Teufel, dann sind wir vergebens heraufgekommen!“ flucht der
Major.
„Doch nit, Ew. Gnaden! Von den Halunkenbueben wird jeder chome und sin
Pflicht genüge!“
„Wer wird kommen?“
„Die Buebe von den Halunken!“
Verwundert beguckt der Major den Ortsvorsteher, ihm klingt es nahezu
spanisch, daß die Halunken sich fügen und Soldaten werden wollen,
während die anderen flüchtig gegangen sind. Der landkundige
Zivilkommissär giebt indes die nötige Aufklärung, worauf der Kommandeur
die Mannschaft wieder austreten und ihr vom „Ochsen“wirt die Morgensuppe
reichen läßt.
Gegen neun Uhr soll das Aushebungsgeschäft beginnen. Neugierig ob der
kommenden Dinge stehen die Hartschiere umher, und von Luken und Fenstern
gaffen die Dorfdirnen herunter. Selbst auf die Gasse herunterzukommen,
wagen sie nicht, denn sie fürchten die rauhen Soldaten.
In einer Stube des Wirtshauses harrt die Kommission der männlichen
Dorfjugend und der Burschen aus den Einöden des hintersten Waldes.
Allmählich trottet einer, zwei davon an, zaghaft, scheu und tief das
Hüetli lüpfend vor den Hartschieren, die den Weg weisen zur gefürchteten
Kommission. „Behalten“ wird natürlich jeder, so er nicht Krüppel ist,
denn die stürmische Zeit verlangt möglichst viel Kanonenfutter. Noch
riesig lang ist der Zettel mit den Namen der auszuhebenden Burschen, und
grimmig überfliegt der Major immer wieder die Namen der Fehlenden. Eine
Bewegung unter den Herren ist wahrnehmbar, aller Augen sind auf die Thür
gerichtet, durch die mit tiefen Bücklingen der alte Biber tritt. Die
Leutnants flüstern sich Witzworte über den „alten Rekruten“ zu, gespannt
blickt der Major auf den Alten und fragt ihn dann barsch, was dessen
Erscheinen vor der Kommission zu bedeuten habe.
Der Alte zuckt erschrocken zusammen und stammelt dann, um Verlaub
bittend, daß er an Stelle seines Bueben komme, der krank, von einem
Salpeterer gestochen, zu Hause liege und daher nicht erscheinen könne.
Wenn der Herr General aber wissen lassen thäte, wohin nach erfolgter
Genesung der Bueb kommen solle, werde der Michel sicherlich sich
stellen, freiwillig kommen, wasmaßen die Biberischen „Halunken“ seien
und zur Ordnungspartei auf dem Walde gehören.
Der Major kann sich einer gewissen Rührung kaum erwehren, und weich
gestimmt, sagt er: „Es giebt doch seltsame „Halunken“! Ihr „Halunken“
oben im Walde seid ordentliche Leute, und die andern sind die rechten
Halunken. Rein die verkehrte Welt! Aber wir brauchen Soldaten, wir
können auf Euren Michel nicht verzichten. Geb Er, Biber, also dem
Schreiber das Nähere an; sobald Euer Michel gesund ist, soll er sich
beim Platzkommando in Freiburg stellen. Nun b'hüet Gott, Alter, Er ist
ein wackerer Mann! Und für Euren Bueben will ich selber sorgen!“
Leutselig reicht der Major dem Wäldler die Hand und entläßt ihn mit dem
Wunsch für baldige Besserung des Michels.
Stunde um Stunde vergeht, es kommt niemand mehr. Die paar Burschen der
Ordnungspartei von Herrischried, Engelschwand und Rütte und aus einigen
Einöden sind „verassentiert“ und ausgehoben, die Salpeterer aber fern
geblieben und offenbar flüchtig gegangen. Der Major sieht allmählich
ein, daß der Bürgermeister richtig prophezeite. Indes soll doch noch
eine kleine Streifung in Salpetererwohnsitze unternommen werden;
vielleicht haben sich welche von den Auszuhebenden versteckt. Es geht
also eine Patrouille, von einem älteren Leutnant befehligt, ab.
Mittlerweile machen die Kommissionsherren es sich an der Mittagstafel
bequem, die der arme „Ochsen“wirt abermals kontributionsgemäß kostenlos
stellen muß. Die Hartschiere besetzen die gewöhnliche Gaststube und
nehmen dort ihre Atzung ein, die Chüngi mit dem Fleischerknecht
herbeischleppt. Der Wirt selbst zäpflet am Weinfaß und berechnet den
Schaden aus der heillosen Geschichte, die er so pfiffig angepackt
glaubte. Hol' der Kuckuck das vorsichtige Neutralsein! Was hat er jetzt
davon, daß er zwischen Speicher und Dachsparren stand und zu keiner
Partei hielt! Als „Sparrengücksler“ ist er erst recht unter die Wägen
gekommen. Für die Salpeterer hatte er Heißwasser bereitgehalten zum
„Gottwilche“, wenn sie gekommen wären, ihm das Thor einzuschlagen, und
die Offiziere hat er abgewiesen, ihnen die Einkehr verweigert.
Wahrscheinlich hätte die Kommission ohne Widerstand alles bei Heller und
Pfennig bezahlt, und jetzt kriegt der „Ochsen“wirt keinen Chrützer!
Die Patrouille ist resultatlos zurückgekehrt, die Einödhöfe sind leer
bis auf die Wybervolk und weniges Greise. Die Männer und Burschen, alles
Salpeterer, sind fort über die Waldberge. Näheres war aus den Weibern
nicht herauszubringen. Dem Major dünkt weiteres Verweilen zwecklos, er
läßt zum Sammeln blasen und rückt mit seiner Mannschaft ab über
Todtmoos, um über Todtnau gen Freiburg zu marschieren. Wie der Wirt den
letzten Hartschierfrack von rückwärts erblickt, macht er einen
Luftsprung vor Freude, denn er hat längere Einquartierung befürchtet.
* * * * *
Die Höhenfeuer der verwichenen Nacht haben ihre besondere Bedeutung
gehabt; es waren Alarmzeichen, die Ägidis Befehl an die gesamten
Salpeterer übermittelten, in Eilmärschen bewaffnet ins Albthal zu
ziehen und sich bei Kuchelbach zu sammeln. Durch vertraute Männer
war die Kunde von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler bis in die
entlegensten Einödhöfe getragen worden mit dem Beifügen, daß die
Rekrutierungskommissionen dort, wo sie in geringer Bedeckung sich
befänden, unschädlich gemacht werden sollten. Und wie das erste Feuer
emporflammte, steckten die Auslueger ihre Stöße in Brand, von Bühl zu
Bühl lohte es auf, und in wenigen Stunden riefen die Flammenzeichen
durch die ganze Grafschaft die Salpeterer zu den Waffen. Mann für Mann,
die Burschen im Rekrutenalter, Weiber und Mädchen, zogen aus in selbiger
Nacht über Berg und Thal, durch den ungeheuren Tann mit Fackeln und
Mordinstrumenten. Wer sich unterwegs sträubte mitzugehen, ward
niedergeschlagen, Halunkenhäuser wurden wenigstens in Bezug auf Proviant
ausgeraubt, und die Schnapsflaschen gingen von Mund zu Mund, die immer
anschwellende Schar völlig trunken machend, so daß die Wälder von
Geschrei und Gejohle widerhallten. Krähten an einsamen Waldhöfen die
Göckel und gackerten Hennen, grunzten Schweine: flugs begann die wilde
Jagd und mit brüllendem Halloh ward die Beute mitgeschleppt, so der
Höfler zu Hause war und damit bekundete, daß er zur Halunkenpartei
gehört. Jeder echte Salpeterer muß sich ja nach dem nächtlichen
Alarmsignal auf der Wanderung nach Kuchelbach befinden! Wer zu Hause
bleibt, ist ein Halunke! Es gilt die Freiheit der Grafschaft, es gilt
den Glauben!
Wie sonst die Bevölkerung der Hauensteiner Gemarkung am
Allerseelensonntag von den Berghalden herabsteigt und frommen Sinnes zum
Dörflein pilgert, um die Gräber der Verstorbenen zu schmücken und mit
brennenden Kerzen unter Glockengeläute laut betend in feierlicher
Prozession die Raststätten ewiger Ruhe zu umgehen: diesmal wallen die
Scharen erregt, gröhlend, aus dem Tann herab gen Kuchelbach, dem Rufe
zum Aufstand folgend. Der Friedhof des Dorfes ist der Sammelpunkt, und
in der Kirche soll Gottes Segen erfleht werden für den Kampf ums heilige
alte Recht. Die Glocken wimmern im frischen Morgen; Riedmatter, der
Führer der weitverzweigten Bruderschaft, hat das Sturmgeläute befohlen
und den protestierenden Pfarrer einfach im Pfarrhofe gefangen gesetzt
und bewachen lassen. Wer gegen den Führer ist im Denken und Handeln, ist
Halunke, auch der Pfarrer, auf den sonst der Hauensteiner viel hält, so
dieser nicht neumodisch sich der Fremdherrschaft beugt und der Obrigkeit
zu Willen ist.
Es wimmelt auf den Halden, in dichten Scharen ziehen die fanatisch
erregten Menschen herab, Kreuze tragend, bewaffnet bis an die Zähne mit
altem Geraffel, Sensen, Gewehren, Dreschflegeln, Sicheln und Prügeln.
Weithin ist das Gekreisch der trunkenen Weiber, das Gejohle der Männer
hörbar; das Sturmgeläute stachelt zur Sinnlosigkeit auf. Der Friedhof zu
Kuchelbach gleicht einem Kriegslager; die Salpeterer des Dorfes haben
zwischen den Gräbern ihr Hauptquartier aufgeschlagen; es sollen auch die
Toten ihren Anteil am Befreiungskriege haben! Waffen aller Art liegen
wirr durcheinander auf den Grabhügeln, und außerhalb der Kirchhofsmauern
sind fliegende Schänken errichten, in denen geraubter Halunkenwein für
die „Brüder“ verzapft wird. Auf einem improvisierten Podium, mit
Totenschädeln aus dem Beinhaus garniert, thront Ägidius Riedmatter, von
bäuerliche Adjutanten umgeben. Der alte Mann hat einen ungeheuren
Husarensäbel umgeschnallt, und seine Hotzenmütze trägt einen
Gardistenfederbusch in österreichischen Farben zum Zeichen seiner
Generalswürde. Mit Genugthuung sieht Riedmatter, dem das Machtgefühl zu
Kopf gestiegen, auf die heranwallenden Scharen, die seine „Armee“ rasch
verstärken. Auf solch' großen Zuzug hat der „Feldherr“ selbst nicht
gerechnet. Wie die vielhundertköpfigen Scharen verköstigt und für die
Nacht untergebracht werden sollen, kümmert Ägidi in seinem
Hoheitsgefühle wenig. Was den Halunken in Kuchelbach, Unteralpfen und
Birndorf abzunehmen war aus Rauchkammern und Kellern, ist im
Requisitionswege genommen und ins Hauptquartier geschleppt worden. Das
Weitere wird sich wohl finden, im Notfalle können die Scharen in der
Kirche übernachten. Krieg und Not kennt kein Gebot. Wer weiß, wann es
schon zum Angriff geht; je eher, desto besser, denn die versammelten
Salpeterer sind voll guter Hoffnung und voll des Weines, der
Begeisterung schafft. In solcher Stimmung kämpfen die Leute besser als
abgehetzt und mit leerem Magen. Drum läßt Ägidi immer neue Fässer
anzapfen; sie sollen toll werden, bis die Husaren und Panduren von
Waldshut anrücken. Die „Adjutanten“ empfangen jeden neuen Trupp und
geleiten die gröhlenden Leute vor den „Thron“ des „Feldherrn“ zur
Huldigung. Riedmatter steht mit hocherhobenem Säbel auf dem Podium und
läßt sich umjauchzen. Dann winkt er, Ruhe heischend, und befiehlt: „Hut
ab und Mützen 'runter! Ich will reden!“ Allmählich wird es still im
Kirchhof und dessen nächster Umgebung. Riedmatter reckt sich und wirft
sich in die Brust. Dann hebt er an: „Gottwilche! Seid gegrüßt im Namen
der heiligen Mutter Gottes! Und seid bedankt für euer Kommen! Es gilt
jetzt einen Hauptschlag! Mit kleinen Mitteln haben wir uns bishero
gewehret gegen Bedrückung jeglicher Art, gegen Zehent und Steuern und
neumodische Verordnungen, die im Widerspruch stehen gegen alte Brief,
Privilegy und Handfesten von unserem Grafen Hans von Hauenstein. Wie mir
gemeldet, wollen sie uns jetzt die Blutsteuer auferlegen, unsere Söhne
nehmen und zu Soldaten machen. Und weil auf meinen Befehl die
Rekrutenkommissionen überall im Walde verjagt sind, wird man uns wohl
Panduren, Kroaten und Husaren auf den Leib schicken, um uns zu zähmen
und zu bändigen. Es soll ihnen aber by Gott übel bekommen. Denn fest
geschlossen ist unser Bund, heilig unsere Sache! Ich sage es, und das
genügt! So lange auch nur _drei_ Salpeterer zusammenhalten,[14] werden
wir obsiegen, denn unsere Sache ist gerecht. Dafür ein Beispiel: Ein
Halunke hat den Anspruch gethan: wenn die Salpeterer recht hätten, so
wolle er den priesterlichen Segen nicht mehr empfangen. Und gestern
begegnete der Mann zwischen Waldshut und Oberalpfen einem Kaplan, der
ihm an einem Kreuz den Segen gab. Da ist der Halunke plötzlich tot
niedergefallen. Also ist unsere Sache gerecht, vom Himmel, von Gott
gesegnet! Des Himmels und des Papstes Beistand ist uns sicher! Und wir
gehen freudig und mutig in den Kampf für Gott, den Glauben und unser
Recht! Die Freiheit über alles! Schwöret mir anjetzo Treu' und Gehorsam,
Tapferkeit vor dem Feinde! Schwöret!“
Mit erhobenen Armen und ausgespreitzten Fingern leisten die Scharen den
verlangten Schwur, es kreischen die Weiber, es gröhlen die Männer und
Jünglinge. Nur der Sepli von Herrischried, den seine Vroni zum
Mitmarschieren gezwungen, rührt sich nicht, und er erhebt die Hand auch
nicht, als sein fanatisches Weib ihm Rippenstoß über Rippenstoß
verabreicht, und ihm abermals mit Eheabbruch droht. Im wirren Tumult
beachtet niemand diese eheliche Streitscene; um die fehlende Schwurhand
zu ersetzen, hebt Vroni ihre beiden Hände empor und schwört doppelt,
gleichzeitig aber den bockbeinigen Gatten mit Fußtritten traktierend.
Nach geleistetem Schwur drängt alles, rücksichtslos über die Gräber
steigend, Kreuze achtlos brechend, hinaus zu den Weinfässern, die mit
Gebrüll und Gejohle gestürmt werden wie die Berge von Rauchfleisch und
Schinken. Eingekeilt in die Menge, wird auch der ruhige Sepli mit seiner
Vroni hinausgeschoben. Kaum spürt Sepli etwas Freiheit, so trifft er
Anstalt, sich zu drücken; ihm ist der ganze lächerliche und ebenso
gefährliche Rummel in die Seele hinein zuwider. Er erkennt, daß die
trunkenen Leute, ohne es zu ahnen, um ihr Leben spielen und vor dem Tode
stehen, und drum will er sich für seine Person rechtzeitig in Sicherheit
bringen, denn sind die Panduren einmal da, so wird einfach geschossen
und nicht lange gefragt, ob einer Halunke oder Salpeterer sei.
Mitgefangen, miterschossen, heißt es da. Vroni scheint zu ahnen, was
Sepli beabsichtigt, und mit einem festen Griff packt sie den Ausreißer
am Rockkragen und zerrt ihn mitten in die wilderregte Menge.
Riedmatter sitzt noch immer gebieterisch auf seinem Thron und spricht
einem dickbauchigen Weinkrug fleißig zu. Er will sich Mut antrinken. Da
kommt kreidebleich ein Adjutant heran und stottert: „Die Kroaten
kommen!“ Riedmatter das hören, den Säbel und die Mütze wegwerfen, mit
einem Sprung vom Podium herabsetzend und wie rasend flüchtend, ist eins!
Und wie besessen, zeternd, kreischend, um Hilfe schreiend eilen die
Nächststehenden nach, indes von den jüngeren Burschen mehr aus Übermut
und Ulk Schüsse abgefeuert werden. Und das ist zum Unglück, denn die im
Laufschritt herankommenden Panduren glauben, die Schüsse der Rebellen
haben ihnen gegolten und feuern nun in das zurückgebliebene
Menschenhäuflein. Eine Kugel trifft den armen Sepli, der mit dem Rücken
gegen die Panduren stehend, die Gefahr nicht wahrgenommen hatte und sich
nicht mehr rechtzeitig retten konnte. Aufschreiend stürzt Sepli vornüber
zu Boden mit durchschossener Brust. Sein Weib hat sich gleich hinter
Riedmatter in Sicherheit gebracht. Drei, vier Salpeterer sinken
gleichfalls tödlich verwundet nieder; alles andere ist flüchtig davon.
Wie besäet ist der Platz am Kirchhof von Waffen und Gerümpel,
zertretenen Fässern, Fleischresten und dergleichen. Die Panduren
schwärmen aus, Husaren sausen im Galopp den Flüchtigen nach, das Dorf
wird im Sturm genommen ohne Widerstand. Die Halunkengreise, Männer,
Weiber und Kinder bieten dem Kommandeur die Schlüssel an und erklären
den Sachverhalt, worauf sie pardonniert werden. Die Salpetererhäuser
werden scharf durchsucht; sie sind leer, die Rebellen haben sich in den
schützenden Tann geflüchtet. Vorsichtshalber wird auch noch die Kirche
durchsucht, und in einem Beichtstuhl versteckt, finden die Panduren den
Truppenführer der Salpeterer, den tapferen Magnus Riedmatter, der sofort
gebunden und gefangen gesetzt wird. Und von den zurückkehrenden Husaren
wird auch der alte Riedmatter, mit einem langen Strick an den
Sattelknopf gebunden, gleich einem Kettenhunde eingebracht; auf
flüchtigen Pferden haben die ungarischen Reiter den Messias der
Salpeterer just noch überritten, als Ägidi in den schützenden Tann
einspringen gewollt.
Die Rebellen sind verschwunden, verstreut wie Spreu vom Winde. Verlassen
ihre Gehöfte und Siedelungen, Felder und Wiesen. Das war ihr „Sieg“ zu
Kuchelbach und Birndorf. Panduren schaufelten dem Opfer dieses
unheilvollen Tages, dem armen Sepli, das Grab, und vor Anbruch der Nacht
war er beerdigt. Tags darauf hauchten auch die übrigen angeschossenen
Leute das Leben aus und fanden die Ruhestätte in einem gemeinsamen
Grabe.
* * * * *
Was einem eingeborenen Hauensteiner wohl selten oder nie passiert: sich
im Tann zu verirren und den Pfad, die Richtung zu verlieren, dem
Streitpeter ist's passiert auf seiner Wanderung vom toten Bühl durch den
Wald, über Berge, durch Schluchten hinüber ins Albthal. Peter ist irr
gegangen und merkte dies erst, als nach langem Marsche der muntere
Albbach noch immer nicht in Sicht treten wollte. Er ist zuviel in
südliche Richtung geraten und steht schließlich vor Oberwihl, während er
doch über Rißwihl nach Kuchelbach wollte. Der Vorgang ist nun zwar kein
Unglück, aber eine heillose Verspätung bleibt es doch. Da Peter Hunger
und Durst verspürt, will er sich im Wihler Wirtshaus stärken und hernach
gen Thal heruntersteigen, um dann dem Steinbach entlang nach Kuchelbach
zu marschieren. Was Peter noch nie als Glück betrachtet hat, was im
Gegenteil in seinen Augen Schande ist: der Wihler Wirt ist Halunke und
deshalb zu Hause geblieben. Schier das ganze Dorf ist leer, fast alles
hat dem Aufgebot Folge geleistet und ist zum Kuchelbacher
Friedhof-Hauptquartier gezogen. Durch die Anwesenheit des Wirtes bekommt
daher Peter erwünschte Atzung, die ihm sonst sicher nicht geworden wäre
bei versperrtem Hause. Freilich erkennt Peter aus den Mitteilungen des
Halunken-Wirtes, daß er spät, sehr spät daran ist, denn die Wihler
Salpeterer sind schon seit geraumer Zeit fortgezogen, wie toll, sagte
der Wirt, und sicher ins Verderben.
Peter horcht auf und fragt dann möglichst harmlos, wieso die Leute ins
Verderben gezogen wären. Der Wirt erklärt, daß das Aufgebot auch in
Albbruck bekannt geworden sein müßte, weil bald darauf reitende Boten
nach Säckingen und Waldshut abgegangen seien. So hätte wenigstens ein
Wihler, der in Albbruck die wie rasend fortstürmenden Reiter gesehen
habe, heimgekommen in Wihl erzählt.
Peter meint, das könne aber doch mit anderen Dingen zusammenhängen, und
an Verrat des Aufgebotes glaube er nicht.
Verrat brauche das — entgegnet der Wirt — nicht zu sein: die Salpeterer
haben es laut genug ausgeschrieen, daß sie nach Kuchelbach zur Sammlung
ziehen, und dann in geschlossenen Reihen nach Waldshut marschieren
wollen, um Abrechnung zu halten und die alte Einungsordnung einzusetzen
im Wald.
„Ausgeschrieen? Das isch frili dumm!“ stammelt Peter ganz verdattert.
Ihm will solche Ungeheuerlichkeit nicht zu Kopf: Aufgebot, den ganzen
Kampfplan öffentlich auszuschreien und den Halunken preiszugeben — was
müssen die Albthaler Salpeterer für Schafsköpfe sein.
Und wegen der Reiterboten glaubt der Wirt, daß Panduren und Husaren wohl
nach Kuchelbach kommen und die ganze tolle Gesellschaft einfangen, wenn
nicht niederhauen werden. „Mit de Salpeterer goht's nidsi: (abwärts)!“
versichert der Wirt.
Petern leidet's nicht mehr in der Wirtschaft; er will eiligst zu Ägidi
laufen und ihn warnen, ihm das Gehörte vertraulich mitteilen, die
Bruderschaft in gute Deckung bringen und vor Überfall sichern.
Eine Angst befällt Petern, der lauft wie noch nie im Leben. Schon sieht
er den Albbach glitzern tief unten im Thale, eine kurze Stecke noch und
er wird in Kuchelbach sein. Was ist das für ein Lärm? Wie rasend
flüchten Menschen die Hänge hinan, schreiend, von Verzweiflung
getrieben, und hinterdrein jagen Husaren; Gewehre knattern, Pulverdampf
steigt auf — eine entsetzliche Menschenjagd ist's — die Salpeterersache
ist verloren!
Peter starrt einen Augenblick hinab ins Thal, dann aber regt sich der
Selbsterhaltungstrieb in ihm und jäh kehrt er um, zurück in rasendem
Lauf, hinein in den Wald und heimwärts mit fliegendem Atem. Verloren die
Salpeterei! Verloren, bevor sie zum Sieg ausgezogen! Verloren die
Grafschaft, das alte Recht, die alte Einung! Sie werden nun Soldaten in
alle Dörfer legen, die Mitglieder der Bruderschaft einzeln
herauszufangen und zu Freiburg vor'm Hofgericht massakrieren. Drum
hinein in den dichtesten Wald — der Tann allein schützt den
Schwarzwälder — dort, wo die Nadeln am dichtesten sind.
Atemlos, abgehetzt, von Angst gefoltert, an allem verzweifelnd, erreicht
Peter sein heruntergekommenes ärmliches Haus am Bühl; scheu blickt er um
sich, namentlich gen Hochschür hinüber, er fürchtet überall Panduren und
Husaren hervorbrechen zu sehen. Alles ist ruhig wie vordem: schwarz der
Tann, graugelb die Matten und Hänge, weggewaschen der Schnee — eine
Totenstille liegt über dem Bühl. Gottlob! Hier herauf sind die Häscher
noch nicht gedrungen. Aber sie werden kommen! Hastig sucht Peter nach
dem Thorschlüssel; endlich findet er ihn und schließt auf. Schnell rafft
er Proviant zusammen und bindet alles in ein Linnen. Soll er auch einen
Krug Wein mitnehmen? Ein Geräusch draußen läßt Petern davon Abstand
nehmen, schreckerfüllt packt er das Linnen und jagt, wie von Furien
verfolgt, in den Tann. Sogar seine Akten hat er im Stich gelassen, und
angelweit offen steht die Hausthür.
Vom „Schild“ rasselt ein leerer Blumentopf völlig herunter, den die
Hauskatze ins Rollen gebracht; das war das Geräusch, das Peter in die
Flucht gejagt.
* * * * *
Es ist wieder Winter geworden auf dem Wald; erst zog es an und wurde
scharf kalt in der Nacht, dann schob der Westwind graue Wolken heran,
aus denen die Flinsen anfangs zaghaft herabfielen, bis die Flocken Mut
bekamen und in tollem Wirbel zur Erde flatterten. Immer größer wurde das
Geflock, Hügel und Matten kleiden sich wieder weiß, ins Leichentuch der
Natur, und geduldig halten auch die ernsten Tannen still bei dieser
Liebeswerbung des weißen Wintergastes. Es schneit ununterbrochen
stundenlang; dann wird es kalt, bitter kalt, wie sich's gehört zur
Adventszeit. Steif gefroren ist alles, ein ungeheurer Panzer hält die
Schwarzwalderde umschlungen, fest, ehern und silberweiß.
„Und wo me luegt, isch Schnee un Schnee,
Me sieht ke Stroß' und Fueßweg meh.“
So grimmig der Winter wiedergekommen mit Ungestüm und Macht, im alten
Hause bei Biber ist Frühling: Michel ist wieder gesundet, er steht, wenn
auch noch etwas schwach und matt, wieder auf den Beinen und verbringt
die kurzen Tagesstunden auf der „Kunst“ beim warmen Kachelofen im
Untergelaß. Thrinele hat ihre Kräuterreste zusammengepackt und sich
fertig gemacht, das Haus zu verlassen. Ihre Pflegeraufgabe ist gethan,
und damit der Zweck ihrer Anwesenheit erfüllt. Mit rührenden Worten hat
sie der alten Biberin herzlich gedankt für die gütige Aufnahme und
Erlaubnis, daß sie dem Michel Pflegerin sein dürfte. Und Muetti nahm das
Maidli in die Arme und küßte es ab und nannte Thrinele „Tochter“; und 's
Maidli weinte Freudenthränen am Herzen der alten seelensguten Frau. Ob
es freilich dazu kommen werde, daß Michel und Thrinele vereint am Altar
stehen werden, das kann nur Gott allein wissen. Die Zeiten sind schlimm,
und böse die Verhältnisse. Wollten auch Bibers — der Ätti muß doch auch
erst gefragt werden — zustimmen in der Erkenntnis, daß es weit und breit
auf dem Wald kein braveres Maidli gebe, Thrineles Vater ist
streitsüchtig und der Salpeterersache ergeben. Und niemals hat man
gehört, daß Kinder aus Halunken- und Salpetererfamilien im Wald zusammen
geheiratet hätten. Sicherlich wird der Streitpeter böse sein, daß
Thrinele über Hals und Kopf das Vaterhaus verließ und Aufnahme bei
Halunken gefunden; von einer Heirat wird er erst recht nichts wissen
wollen. Ist ja doch landbekannt, daß er lieber verderben, als die Sache
der Salpeterer aufgeben wolle, für die er nahezu alles geopfert, für die
er sozusagen bettelarm geworden ist. Ein halbdutzend Kühe, Pferde und
Fahrnisse hat seine Streitlust, sein Kampf gegen die Obrigkeit schon
verschlungen, das Anwesen ist verschuldet, heruntergekommen, aber zäh
hält Peter an seinem Wahne fest. Das weiß man am Bühl wie zu
Herrischried, und drum — so meint Muetti — müsse man das Weitere Gott, dem
Lenker der Schicksale überlassen. Wortlos, das Köpfchen geneigt, hat
Thrinele der Alten zugehört; 's Maidli nickt unter Thränen und ist
bereit sich zu fügen, zu entsagen. Nur dem Ätti möchte sie noch danken,
sich von ihm verabschieden. Aber der alte Biber ist seit einigen
Tagen — Thrinele hat das gar nicht bemerkt — von Hause fort und nach
Säckingen zu Amt gegangen. Heute wird er zurückerwartet; bis zu seiner
Rückkehr solle Thrinele daher im Hause bleiben, und solle es dann zu
spät zum Heimgehen auf den Bühl werden, so müsse 's Maidli eben noch
eine Nacht bei Bibers verbringen. Und so wartet denn Thrinele, rückt die
Kunkel ans Fenster und spinnt fleißig, daß das Rädli summt und surrt.
Zartfühlend hat Muetti auf ein Weilchen die Stube verlassen und sich
anderwärts zu schaffen gemacht, auf daß das Pärchen Abschied nehmen
könne, wer weiß auf wie lange Zeit.
Michel kommt denn auch, noch etwas unsicher gehend, auf das emsig
spinnende Maidli zugeschritten, legt liebkosend seine Hand auf Thrineles
Köpfchen und flüstert: „Will d'Sunne wirkli von mir goh?“
Seufzend nickt's Maidli, und salziges Wasser füllet die Äuglein.
„Gohst licht von mir?“
Weinend bittet 's Maidli: „Mach' mir 's Herz nit schwer, Michel! Lueg:
Wenn im Früehlig 's Schwälmli wieder singt: vielleicht das Glück uns
zusamme bringt! Wir müsse warte und uf Gott vertraue!“
Schwere Schritte vor dem Haus unterbrechen das Gespräch der beiden; es
ist Ätti, der von Säckingen zurückgekehrt ist und lärmend sich den
Schnee von den schweren Schuhen abflößt. Schon im Flur begrüßt ihn
Muetti, gleichzeitig fragend, wie es sei zu Amt und was Ätti
ausgerichtet habe.
Lachend mahnt der Alte: „Zit lasse, Muetti, sust erstickst am viele
Frage!“
In die Stube eintretend, wird Biber herzlich begrüßt und willkommen
geheißen vom Sohn und der Thrinele.
„Potz tausig! Isch der Bueb au wieder uf de Bine! Gottwilche ußerm
Bett!“
Damit hat nun das Reden beim Ätti vorerst ein Ende; er langt nach dem
Pfifli, es muß erst ein Weilchen Tubak geraucht werden, dann kann's ans
Verzählen gehen. Muetti bringt zur Stärkung ein Gläschen Chriesiwasser,
das Ätti bedächtig leert und dann mit der Zunge schnalzt. Dann wird's
still in der warmen Stube, und Thrineles Rädchen summt und brummt.