Etwas zaghaft meint der Bühler: „'s isch nüt gange!“

Der wehmütige Ton reizt nun auch Chüngi zum silberhellen Gelächter,

indes sich Michel, des Martin Biber zu Herrischried Einziger, zu Jobbeli

an den Tisch setzt, ein Schöppli Durbacher bestellt und dem Bühler auf

die Achsel klopft: „Musch es annersch mache, Jobbeli, ze Herrischried im

Wald balzet der Urhahn annersch, haha!“

Das glaubt Jaköble gern nach den eben gemachten Erfahrungen, doch

verspürt er wenig Lust, neue Balzversuche anzustellen.

Der stämmige Martin verläßt auch das Thema gleich und fragt: „Jobbeli,

hesch du Kuraschi, so müschet mer Charte und spiele mer'n Win aus!“

„Isch recht!“ stimmt Jobbeli zu, und Chüngi bringt die abgegriffenen

Karten. Bald ist das Spiel im Gange und hin und her wendet sich das

Glück, bis Fortuna ihre Gunst ausschließlich dem Bühler Büebli schenkt,

so daß Jobbeli zechfrei wird und Groschen um Groschen in Bargeld

einstreicht.

„Zum Teufel, i verlier' heut no mi Röckli!“ ruft ärgerlich Michel und

wirft einen Sechsbätzner auf den weinbetropften Tisch. „Halt zu mer,

Heckener, bisch mi letzter!“

„Was isch Trumpf?“

„Alleweil oebbis e Herz! Weisch Jobbeli, e Herz het e jeder!“

„Gstoche sell Herz! Her ze mer, Heckener!“

„Dunderschiß, hesch du e Glück!“

„Wos mache mer jez? Hesch du no oebbis ze setze?“

„I will doch probire, un 's Glück hassadire, weisch wos, Jobbeli? Jez

spiele mer ume Ohrläppli vonemer!“

„Topp, 's gilt! Was isch jez Trumpf?“

„Chrütz!“

„Gstoche! Hesch wieder verlore!“

„Bisch du ne Glückskind!“ staunt Michel.

Jobbeli aber streicht das gewonnene Geld insgesamt ein und zieht sein

Messer.

„Was wilsch bi Gott du miterm Messer, Jobbeli?“

„'n Gwinnst will i einkassiere!“

„Mitem Messer?“

„Frili! Dein Ohrläppli werden mer gli habe!“

„Tod und Teufel!“ prasselt Michel auf und fährt zurück; doch Jaköble

faßt zu, es ist ihm Ernst, das im Spiel gewonnene Ohrläppchen

abzuschneiden. Chüngi zetert und schreit aus Leibeskräften um Hilfe; die

Burschen raufen, Michel sucht dem Gegner das Messer zu entwinden, und

Jobbeli sticht wutentbrannt blindlings zu. Mit einem Weheruf sinkt

Michel zu Boden, die Hand auf die Brust pressend, aus welcher warmes

Blut quillt. Jobbeli flüchtet zur Thür hinaus, auf den Ochsenwirt

prallend, der schleunigst dem Verwundeten zu Hilfe springt, so daß der

Übelthäter ungehindert entfliehen kann. Zwei Knechte tragen den

Schwerverletzten ins väterliche Haus.

* * * * *

Der gutmütige, schläfrige Sepli ist richtig gehorsam und ob der

Eheabbruch-Drohung ganz verdattert den toten Bühl hinangestapft durch

Nebel, Wind und Schnee und hat den Streitpeter aufgesucht im Wirtshaus

„Zum dürren Ast“. Der Vertrauensmann ist gottlob zu Hause; das

verkündete Thrinele gleich beim Eintritt in das windschiefe, verklebte

Haus, und Sepli atmete auf, wie von banger Sorge befreit, nachdem er vor

der Hausmauer den Schnee von den Füßen abgestoßen hatte. Von der

Salpetersache will er freilich jetzt ebenso wenig wissen, wie vordem;

aber es ist ihm doch lieb, den Wirt anzutreffen, damit er seiner Vroni

doch wenigstens beteuern kann, mit dem Salpeterer-Vertrauensmann

gesprochen zu haben. Was aus der Unterredung werden wird, das mag der

Himmel wissen, der Sepli weiß es nicht. In der warmen Gaststube begrüßt

Sepli, sich an dem einzigen Tisch niederlassend, das Maidli mit der

Bitte, dem Ätti zu sagen, daß er mit ihm reden möchte. „Und leng mer e

Schöppli, Thrinele!“ fügt er bei und öffnet sein Wams, denn die

Stubenwärme setzt ihm bereits tüchtig zu. Rasch ist Sepli bedient, und

auch der Astwirt findet sich gleich darauf ein, um nach dem Begehr zu

fragen. Jetzt ist der kitzlige Moment gekommen, wo Sepli mit der Farbe

herausrücken muß. Und so stottert er denn etwas dergleichen, daß er auf

Wunsch seines Eheweibes wegen der Salpeterersache heraufgekommen sei und

dieserhalb mit dem Peter reden wolle bezw. müßte.

Der Wirt sattelt augenblicklich um, als er das Wort „Salpeterer“ gehört,

vergewissert sich, daß kein Unberufener in der Stube ist und wispert

dann dem Besucher ins Ohr, doch lieber in die obere Stube zu kommen, wo

sie die Angelegenheit zeugenlos und in aller Ruhe besprechen könnten.

Oben sei es noch nicht gar so warm, fügt Peterle bei als Empfehlung des

oberen Gelasses und beschwichtigt den um sein Schöppli besorgten Gast

augenblicklich durch die Mitnahme von Wein und Brot. „Den Rock tragsch

selber!“ bedeutet Peter und schreitet voran.

In der oberen Stube angelangt, verschließt der Wirt sorgsam die Thüre

und fragt den Besucher nach seinem Begehr.

Da ist nun der gefürchtete Augenblick; was soll Sepli nun sagen? In

arger Verlegenheit kratzt er sich hinterm Ohr und stottert dann mühsam

heraus, daß sein Weib der Vereinigung beitreten wolle.

Überrascht blickt Peter auf den Gast und fragt dann entgegen: „Und du,

Sepli?“

„Ja, ich, no!“

„Wie, du willsch nit?“

„I weisch ja gar nüt!“

„So, du weisch nüt von unserer Sach! Na, da will i dir oebbes verzähle!“

Und tief Atem holend, beginnt Peterle, sichtlich von der Hoffnung

erfüllt, den Gast für die Salpeterersache zu gewinnen, die Entwicklung

derselben zu schildern. „Hör zu!“

„Ja!“ sagt Sepli und stärkt sich durch einen Schluck.

„Die Salpeterer sind entstanden als politisch-religiöser Bund, als der

Propst von Sankt Blasien im Jahre 1719 ein Dinggericht zu Remetswil

ankündigte und auch richtig durch seine Amtsluit, den Waldvogt und die

zwölf Waldrichter, eröffnete. Der Vogt verlas den Dingrodel von Anno

1467 als erneute Grundlage des Gerichts. Gegen diese Grundlage von Anno

dazumal erhob der Einungsmeister Friedolin Albiez zu Birdorf Protest

wegen Verjährung, wasmaßen der Dingrodel durch die Gnade der Kaiser

längst abgethan, die Leibeigenschaft aufgehoben worden sei. Schwer

stritten sich der Vogt und der Einungsmeister, und schlau erklärte der

Waldvogt, daß es sich nicht um das abgeschaffte Wort Leibeigenschaft,

sondern um die damit verbundenen, von dem Kaiser selbst als

rechtskräftig anerkannten und deshalb unentwegt fortbestehenden Gebühren

und Schuldigkeiten handle?[3] Aber alle Schlauheit der Deutung und

Wortklauberei nützte dem Waldvogt nichts, die Wäldler hielten zum

Einungsmeister und gingen unter Protest vom Dinggericht weg. Damit fing

die Gärung an — ich han's alles genau in den Akten —, die sich

verstärkte, als einige Jahre später der Abt Blasius III. unter

Genehmigung der Regierung eine Verzeichnung der Ehen, Kinder, der

Entlassenen, Urgroßahnen, Klosterluit und Unfreien zur Feststellung der

Leibeigenschaftsgefälle in der Grafschaft Hauenstein vornehmen ließ. Und

in dieser Zeit war's unser Hans Albiez zu Buch im Pfarrsprengel Birdorf,

der Salpeterhannes, mit Schweizerblut von mütterlicher Seite in den

Adern, der fest eingriff mit seiner Rede Gewalt, mit durchdringendem

Verstand und trutzigem Sinn, mit Begeisterung für die zu Recht erkannte

Sache. Hannes verkündete die Lehre, daß die Grafschaft nicht zu

Österreich, sondern zum Deutschen Reich gehöre, daß sie frei,

reichsunmittelbar sei, und dem Kaiser lediglich pro Kopf jährlich zwölf

Kreuzer Schirmgeld zu zahlen habe. Auch Sankt Blasien habe kein Recht

auf das Land, das wider der Hauensteiner Willen zu Wien an den

Waldpropst verkauft worden sei. Und so kam's zum Krieg gegen die

Machthaber, der größte Teil der Waldeinung schloß sich der gewaltigen

Bruderschaft unter Albiez Führung zusammen. Bloß die ‚Halunken‘ thaten

nicht mit, die feigen Schufte.“

„Wer seist?“ warf Sepli erstaunt ein.

„Die Halunken, die zum Propst und zu Österreich hielten! Die Salpeterer

aber verschworen sich, die fremden Fürsten abzuschaffen, die Steuern,

Zinsen und Abgaben aufzuheben in der ganzen Grafschaft. Frei soll jeder

Hotze sein, nur Gottes Wort soll allein richten über uns! Und Hans ging

nach Wien zum Kaiser, unsere heilige Sache verfechtend; er redete tapfer

für unser Recht und unsere Freiheit. Ihm glaubte der Kaiser und gab ihm

einen Gnadenbrief, die Salpeterersache siegte.[4] Nur die Tröndle's

thaten noch immer nicht mit, aber der neue Redmann und die

Einungsmeister aus unseren Reihen besorgten ihnen das Nötige. Die

Regierung zu Freiburg aber setzte ihre ganze Macht ein, den kaiserlichen

Gnadenbrief[5] zu erlangen, ließ Albiez verhaften, im Gefängnis

schmachten, wo ihn eine böse Krankheit von allen Leiden und aus seinem

Martyrium erlöste. Seine Mahnung zu geeintem Widerstand hielten die

Salpeterer heilig, fest standen sie gegen St. Blasien, dessen neuem Abt

Franz Schechtelin die Huldigung ebenso tapfer verweigert ward, wie dem

früheren Propst Blasius. Weg mußte die Leibeigenschaft! Mann für Mann

stand auf, und auch die Weiber thaten mit! Lieber die Ehe ab, als hörig

sein!“

„Ah, ah!“ stammelte Sepli.

„Was seist?“

Unwillkürlich plappert der verwunderte Sepli heraus, daß sein Eheweib

ihm heute morgen mit der gleichen Drohung zugesetzt und ihn dadurch

veranlaßt habe, zu Petern zu gehen.

Frohlockend prahlte Peter, daß solche Weiber die richtigen

Bundesgenossen seien, vor schier hundert Jahren so gut wie heute.

Handeln die Weiber auf dem Wald alle derart, so kann es nicht fehlen,

und muß die alte Freiheit wiederkehren wie einst zur Zeit der Grafen

Hans von Hauenstein! Peter gratuliert dem Sepli zu solch' tapferem Weib,

um das Sepli zu beneiden wäre.

Den Sepli fröstelt es bei solcher Rede, und am liebsten wär' er auf und

davon.

„I will dir aber weiter verzähle: was die Regierung auch befehlen

mochte, es nützte nichts; fest stand der Bund, eitel war jegliches

Patent, die Salpeterer rissen die Schriftstücke von den Kirchentüren und

schonten nur des kaiserlichen Adlers. Wer in der Familie nicht zur

heiligen Sache stand, wurde ausgestoßen. Man nennt das ‚purifiziere‘!

Bei Nacht, an geweihten Orten, wurden Versammlungen abgehalten, immer

mehr Anhänger scharten sich um die Waldfahne und um den neuen Führer

Martin Thoma, den füürigen Müller am Haselbach. Er nahm zu Gurtweil und

Hochsaal Anno 1727 den gesamten Salpeterern den Treuschwur ab und gab

die Losung aus: Los von St. Blasien, los von Österreich! Und vor

Weihnachten selbigen Jahres kamen die Sendboten von Wien zurück mit drei

kaiserlichen Befehlen, wonach das Wort „leibeigen“ auf ewig abgethan

sein soll, doch bestünden die Pflichten fort, und St. Blasiens Rechte

müßten ungekränkt bleiben. Der Kaiser forderte: Man solle auf dem Wald

Ruhe halten, dem Stift alle Gebühren zahlen und mit Handgelübde

huldigen, auch den Sicherungsbrief[6] ausstellen; dagegen dürfe St.

Blasien das Wort „leibeigen“ nie mehr gebrauchen. Und mit dem dritten

Kaiserbrief wurde die Friburger Regierung aufgefordert, die verhafteten

Achtmannen allsogleich auf freien Fuß zu setzen[7]. Sepli! Das muß

herrlich gsi si! Und dem Abt muß der Schreck in alle Glieder g'fahre si,

denn er zeterte und lehnte jegliches Handgelübde ab. Und gezittert

werden die Halunken auch gehörig haben, denen es nun an den Kragen

ging.[8] So mußte der Biber Hannes von Herrischried dran glauben, wie

der Halunken-Redmann Tröndle von Niederalpfen....“

„Was ist diesen geschehen?“ fragt Sepli, dem der Angstschweiß auf der

Stirne steht, dazwischen.

„Den Biber Hannes, weisch, dem Großvater vom jetzigen Biber in

Herrischried, hat man fast zu Tode „behandelt“; dem giftigen Tröndle

nahm man die Pferde, ließ ihm den Weiher ab, fischte ihn aus, verstopfte

seine Brunnen und nahm ihm den Mammon ab für die heilige Sache!“

„Das isch ja Raub!“

„Das verstehsch du nit, Sepli! Jeder Halunke isch Gegner und muß

bekämpft were!“

„Ah, ah! Also bekämpft Ihr au mi?“

„Wenn du nit Salpeterer wirsch, schon!“

„I mag aber nit! I fercht' mi!“

Einlenkend sucht Peter den ruheliebenden furchtsamen Besucher zu

beruhigen mit dem Hinweis, daß es ja heutzutage nicht mehr so scharf

zugehe wie damals, und daß die jetzige Bruderschaft lediglich durch

passiven Widerstand kämpfe. Heute sei auch nicht zu befürchten, daß

wieder Soldaten auf Bauernkosten ins Land gelegt werden.

„Soldaten seist?“

„Ja, weisch, damals waren die Salpeterer noch strammer, nit so landsem

(langsam), man versteckte sich nicht hinem Lädemli (hinter dem kleinen

Fensterladen) und schielte oebsch (etwa) nach den Husaren, man klopfte

die Soldaten, besonders an jenem Pfingstdienstag[9] mit Füsi (Flinten),

Spießen, Heugabeln und Prügeln.“

„Wer isch hernach 'prügelt wore?“

„Hm! Es isch bide Thile schlecht gange. Doch fercht' di nit, Sepli! Wir

mache die Sach' annersch, wir führe nimme Krieg mit Waffen. Es goht au

minem Papier!“

So sehr sich Peter bemüht, den Besucher für die Salpeterersache zu

gewinnen, Sepli will nicht anbeißen, er macht Ausflüchte und schickt

sich zum Gehen an. Ärgerlich begleitet Peter den Gast hinunter ins

Erdgeschoß und sagt zu Sepli, er solle sich die Sache wenigstens noch

einmal überlegen. Im selben Augenblick stolpert Jobbeli zur Hausthüre

herein, erhitzt, verstört, blutbespritzt, so daß der Vater erschrocken

fragt, was denn passiert sei. Der ängstliche Sepli steht wie

angewurzelt, und Thrinele springt aus ihrer Stube herbei, zu fragen, was

sich ereigne. Jobbeli will nicht mit der Sprache heraus und sucht sich

davon zu drücken, doch der Vater besteht fest und scharf darauf, daß

Jaköble beichte. Auch fragt der Vater, ob der Bursch Botschaft vom

Hottinger über Riedmatter's Gang nach Basel habe.

Jobbeli stottert heraus, daß er auf Hottinger nicht mehr warten konnte,

weil er schleunigst flüchten müßte.

„Hat 's en Chlapf gebe? Red', Jobbeli!“

Nun kann der Bursch nicht mehr entrinnen, er erzählt, seine

Handlungsweise nach Kräften beschönigend, den Vorfall im „Ochsen“ zu

Herrischried bis zu dem Stich in Michels Brust.

Angstvoll hat Thrinele diesem Bericht gelauscht; wie Jobbeli aber

erzählt, daß er — aus „Notwehr“ — den Michel niedergestochen habe, schreit

Thrinele entsetzt auf und sinkt in die Kniee. Gleich darauf rafft sich

das Maidli auf, packt ein Umhängtuch und stürmt hinaus in die abendliche

Dämmerung. Ihr folgt nach kurzem Abschiedsgruß Sepli, der froh ist, das

Haus hinter sich zu haben, und nun durch Schnee und Abendnebel heim geht

zu seinem Salpetererweibe. Der Wirt aber zieht Jobbeli in die Wohnstube,

um sich alles haarklein erzählen zu lassen und zu überlegen, was nun zu

geschehen habe. Ein „Mordchlapf“ und eine Halunkenfamilie: ein übles

Ding, das durch Wehrgeld kaum „abzuschaffen“ sein wird. Wenn es doch

wenigstens Salpetererleute wären, da würde selbst bei einem Mordchlapf

die Abschaffung[10] möglich sein. Aber so wird es seine Schwierigkeit

haben, denn der Ätti des Gestochenen als Halunke, als Mitglied der

Partei der „Ruhigen“, wird höchst wahrscheinlich nach dem Büttel

schreien und zu Amt laufen. Und bald genug werden die Schergen den Bühl

heraufkommen, um den Jobbeli zu holen. Drum wird es besser sein, wenn

sich der Bursch bei Zeiten auf die Strümpfe und eine Wallfahrt nach

Maria-Einsiedeln macht. Über der Schwyzer Grenze ist Jobbeli geborgen,

doppelt gesichert, denn wie lang wird's dauern, dann möchten sie Jobbeli

auch noch unter die Soldaten stecken. So giebt der schlaue Ätti dem

Bürschli weisen Rat und hartes Geld, wie Jobbeli sich hinüber drücken

soll in die freie Schweiz; doch der Bursch meint, so arg werde es doch

nicht pressieren. Bis der alte Biber zum Amt nach Säckingen kommt und

die Büttel wieder herauf zum Bühl werden leicht einige Tage vergehen.

Lauft 's Bürschli dann über Rißwihl durch's Albthal hinunter zum Rhein,

so kriegen die Büttel ihn sicher nicht. Der Alte glaubt zwar, eine

sofortige Flucht wäre das Sicherste; da aber Jobbeli die eine Nacht

wenigstens noch daheim verbringen und sich ordentlich ausschlafen

möchte, so giebt der Ätti sich schließlich zufrieden. Dann aber fällt

ihm bei, daß 's Maidli ja gleich nach der Ankunft des Jobbeli das Haus

verlassen habe und wie toll davongerannt sei. Was das wohl zu bedeuten

haben mag? 's Thrinele war ja ganz auseinander, wie Jobbeli verzählte

vom Geräufe und dem Messerstich: „Dunderschiß! Sollte der Michel oebbe

gar 's Maidli's Holderstock (Geliebter) sein! Dunderschiß, da soll doch

der Dunder und 's Wetter Bide in Erdsboden abe verschlage! So en

Verdruß!“

Jobbeli hat sein Lager aufgesucht, und auch Ätti löscht das Licht und

begiebt sich zur Ruhe, hin und her überlegend, wie die böse Sache zu

schlichten sei. Sein Haus darf Thrinele, die ungeratene Tochter, nimmer

betreten; hat sie sich mit einem Halunken eingelassen, soll sie auch bei

ihm bleiben. Lange meidet den sinnierenden Alten der wohlthätige Schlaf;

doch endlich überkommt ihn der Schlummer, er träumt hinüber in die

himmlische Grafschaft.

* * * * *

Still fallen draußen die Schneeflocken hernieder; es ist völlig

windstill, totenruhig am einsamen Bühl und weit und breit kein

Lebewesen. Doch aus dem Tann keucht eine dunkle Gestalt herauf, sich

zeitweilig vergewissernd, daß niemand der frischen Fährte im Neuschnee

folge. Der Mann nimmt die Richtung zum Wirtshaus und stapft quer über

die Bühlhalde, hastig, als fürchte er just die letzte Strecke. Und

endlich vor dem Hause stehend, wartet der nächtliche Wanderer nicht

erst, bis der hochgehende Atem sich beruhigt, er klopft dreimal stark an

die Thür und erneuert das Pochen, als alles still im Hause bleibt.

Endlich regt sich etwas, ein schlürfender Schritt wird hörbar, und

gedämpften Tones fragt der Wirt hinter der verriegelten Thüre, wer

Einlaß fordere.

„Im Namen der seligsten Jungfrau Maria, mach' uf!“ ruft der Mann. Jetzt

öffnet Peter und läßt den nächtlichen Besucher ein und macht in der

dumpfen Gaststube Licht, bei dessen Aufflackern der Wirt den Hottinger

von Herrischried erkennt. „Bi Gott, du bisch selber! Was bringsch du?

Hescht 'n Ägidi troffe am Rhi? Was seit er?“

Hottinger fordert zunächst Labung, ein christlich gemessenes Schöppli,

und erst als der Wein vor ihm auf dem Tische steht und Hottinger sich

durch einen tüchtigen Schluck gestärkt, vermeldet er flüsternden Tones

die Botschaft, dass Ägidi richtig in Basel beim Advokaten gewesen sei

und einen österreichischen Oberst[11] gesprochen habe.

Unwillkürlich fährt Peterle auf, in höchster Spannung fragt er, was der

Österreicher gesagt habe.

Der Oberst habe — so fährt Hottinger fort — versichert, mit dem

Österreichischwerden sei 's augenblicklich nichts, es ginge demnächst

gegen die Franzosen, doch sei einstweilen der Accis aufgehoben.[12]

„Was seist?“

„Jo, sell hat er gseit, der österreichische Obrist, und Ägidi hat gseit,

ich soll dir's noch heut Nacht vermelde. Und wil der Jobbeli nit in

Herrischried gsi isch, bin ich selber chome!“

Peter ist ganz Feuer und Flamme; die Kunde von der Accisaufhebung erregt

ihn in hohem Maße. Er denkt nicht weiter über die Wahrscheinlichkeit der

Meldung nach; die Kunde klingt wie Sphärenmusik, sie wird die Säumigen,

die Ängstlichen aufrütteln und in die Arme der Bruderschaft führen. Die

Salpeterersache wird aufs neue aufblühen. Den Accis wird man rundweg

verweigern und Chriesi (kleine Waldkirche) brennen frei, ohne Steuer,

und wenn's der Regierung nicht recht ist, soll sie's nur sagen, die

Salpeterer werden ihren Mann stellen. In diesem Sinne spricht sich Peter

aus und fragt sodann, ob Ägidi als Führer besondere Verhaltungsmaßregeln

gegeben habe.

Hottinger erzählt, daß Ägidi befohlen habe, es solle heimlich alles sich

bewaffnen und die Kunde vertraut von Mund zu Mund getragen werden. Der

Accis soll rundweg verweigert, der Accisor dort, wo er grob wird,

hinausgeworfen werden. Es gelte diesmal ernstlichen Widerstand zu

leisten. Die Bewaffneten werde Ägidi's Sohn, der Magnus führen, dem die

Salpeterer gehorchen sollen. Weitere Kunde werde erfolgen, worauf

losgeschlagen werden soll.

Peter reibt sich vergnügt die Hände; nun wird die ersehnte Zeit des

Dreinschlagens endlich anbrechen. Hottinger erhebt sich, hält vor der

Thüre Auslueg, drückt dem Bundesgenossen stumm die Hand, und stapft den

Bühl hinab durch die stille Winternacht. Peter holt noch in selber

Stunde das alte Schrotgewehr aus dem Winkel hervor und macht es

schußfertig. Er will jeden Augenblick bereit sein zum Kampf. Dann löscht

er sorglich wie immer das Licht und legt sich nochmals zur Ruhe.

* * * * *

War das ein Jammer im Hause bei Bibers, als man den guten Michel totwund

gestochen auf der Bahre brachte! Der alte Martin hatte behaglich auf der

„Chauscht“ („Kunst“, die Ofenbank) gelegen und die Glieder am riesigen

Kachelofen gewärmt, das ausgerauchte Tubakpfifli im Munde und seinen

Gedanken nachhängend. Mütterchen saß am Fenster und ließ das

Spinnrädchen surren, emsig arbeitend mit fleißiger Hand. Die schweren

Männertritte im Flur ließen Mütterchen auffahren, erschrocken horchte

sie, und auch Ätti zuckte zusammen: solcher Lärm ist etwas Unerhörtes im

Biberhause. Und dann pochte es an der Stubenthüre, der „Ochsen“wirt

schiebt den Kopf herein und flüstert, die Alten sollten nicht

erschrecken, aber dem Michel sei etwas passieret.

Mit einem gellenden Schrei namenloser Angst stürzt die Mutter auf den

Wirt zu, der erschrocken zurückprallt, sie reißt die Thüre vollends

auf, und unter Weherufen wirst sie sich auf den todesblassen,

blutüberströmten Sohn, der ohnmächtig auf der Bahre liegt. Zitternd

folgt ihr der alte Biber, dem die Kniee schlottern und die Pfeife aus

dem Mund gefallen ist. Rasch faßt sich die Alte; hier thut Hilfe not.

Auf ihr Geheiß wird Michel entkleidet und in sein Bett gebracht. Eine

Dirn muß schleunigst zur Kräuterkäthe um Heilkräuter laufen. Mit

bebender Hand legt Mütterchen einen neuen in Schnee getauchten Verband

auf die Wunde, indes Biber sich vom „Ochsen“wirt den Hergang des

Unglückes erzählen läßt. Gestochen, gemordet sein Bueb von einem

Salpetererbueben! Unheil über Unheil kommt doch von diesen Leuten! Aber

der Mordchlapf soll gerochen werden! Nicht durch neue Blutthat, doch das

Gericht soll eingreifen.

Der Wirt erbietet sich, einen Knecht zu Amt nach Säckingen zu schicken,

auf daß Anzeige erstattet werde. Ob auch der Pfarrer geholt werden

solle?

Ätti will damit noch warten; so weit werde es hoffentlich doch noch

nicht gefehlt sein. Kommt der Pfarrer mit dem Sterbsakrament in's Haus,

so geht es Michel wirklich aus Leben. Lieber will der Alte den

Kreuzvogel[13] in die Krankenstube stellen.

„Hesch aber an en richtigen Kreuzvogel, Märte?“ fragt der Wirt.

„Frili, er het en Schnabel uf de rechte Sit, das hilft vor Tod!“

„Gott gib's! B'hüet Gott derwil, Märte! Und wege 's Amt will ich 's

schon besorge!“ Der „Ochsen“-wirt begiebt sich heim, und Ätti nimmt das

Vogelbauer mit dem Kreuzschnabel und trägt es in Michels Stube, wo er

den Sympathievogel aufs Fensterbrett stellt und dann leise Mütterchen

fragt, wie es mit Michel stünde.

Die Alte schüttelt den Kopf und horcht, das eine Ohr auf Michels Brust

legend, ob das Herz noch schlägt. Und einzelne Tropfen aus ihren

rotgeweinten Augen fallen auf das Linnen.

Unten im Flötz werden abermals Schritte laut, und die Hausthüre fällt

schwer ins Schloß; die alte Biberin winkt Ätti, er solle nachsehen.

Vielleicht ist die Kräuterkäthi gekommen! Sie hofft es wenigstens und

bedenkt im Augenblick nicht, daß diese noch gar nicht da sein kann.

Ätti schleicht hinunter. Gedämpftes Stimmengewirr dringt in die stille

Krankenstube; Mütterchen horcht auf das Gemurmel, doch vermag sie kein

Wort zu erfassen. Wer wohl gekommen sein mag zu abendlicher Stunde? War

das nicht ein Schluchzen, ein Ruf aus gequälter Menschenbrust?

Unwillkürlich verläßt Muetti das Krankenbett und horcht zur Thüre

hinaus. Seltsam, eine Weiberstimme! Und Ätti schilt, er will vom Maidli

nichts wissen, er weist ihr die Thür! Und das fremde Maidli beschwört

den Ätti, weinend, in Verzweiflung, sie zu Michel zu lassen, um ihn zu

pflegen und zu warten.

Muetti humpelt die Treppe hinunter, sie muß sehen und hören, was das zu

bedeuten hat.

Großer Gott, 's Thrinele vom toten Bühl ist's, die zur Nachtzeit

gekommen ist und Krankenpflegerin bei Michel sein will! Woher das Maidli

von dem Unglück weiß!

Der Bruder, Jobbeli hat die Unthat eingestanden, und in ihrer

Herzensangst ist's Thrinele auf und davon und durch Schnee und Nebel

nach Herrischried gelaufen, weil es ihr das Herz abdrückt vor Angst und

Schrecken.

Das Herz abdrücken vor Angst! Wegen dem Michel. Der Alten dämmert etwas

auf, das Maidli hat ein Herzensgeheimnis verraten vor Angst und

Schrecken. Muetti fühlt Mitleid, doch Ätti will nichts vom Maidli

wissen. Wär' nicht übel! Der Bruder bringt 'n Michel schier um, und die

Schwester vom Mörder will als Pflegerin ins Haus! Und die ganze Sippe

gehört zum Streitpeterle und ist salpeterisch! Nein, nein, Ätti will

davon nichts wissen. In wilder Verzweiflung wirft sich Thrinele auf die

Kniee und umklammert Muetti, laut schluchzend und bittend, und in

bitterster Angst und Herzensnot gesteht 's Maidli, daß es den Michel

liebt, treu, ehrlich und ehrsam und für ihn in den Tod gehen wolle. Und

im Namen der barmherzigen Gottesmutter sollen die Alten erlauben, daß

sie den Totwunden pflegt Tag und Nacht, bis Michel wieder gesundet. Dann

wolle Thrinele gerne das Haus wieder lassen und niemand mehr belästigen.

Muetti hat sich begütigend, gerührt zu Thrinele herabgebeugt und das

Maidli dann zu sich heraufgezogen. Ihr ist so weich um's Herz. Noch ein

Wesen, das den armen Michel liebt aus ganzer Seele. Und Ätti ist stumm

geworden; sich abwendend wischt er sich eine Thräne aus dem Auge. Muetti

nimmt Thrinele unter'm Arm und sagt. „So goh mit in Gottes Namen!“ Beide

begeben sich in Michels Stube, wo Thrinele alsbald das Amt freiwilliger

Krankenpflege übernimmt. Und seltsam! Kaum hat Thrinele die Stirn des

Schwerverwundeten berührt, da hebt sich die Brust, das Leben kehrt

zurück. Welch' ein Glück!

Muetti läßt Thrinele nun beim Kranken und verkündet dem Ätti die frohe

Kunde. „Wirsch sehe, Ätti, 's Maidli bringt uns den Michel durch und

machet ihn wieder gesund!“

„Gott geb' 's!“ Und damit erteilt Ätti seine Zustimmung, Thrinele bleibt

im Hause des Biberhannes.

In später Nachtstunde kommt die Kräuterkäthi angehumpelt, doch Thrinele

versichert, all' das Nötige von heilsamen Kräutern schon selber

mitgebracht zu haben, und Michel habe auch schon den ersten Trank

eingenommen. Ätti entlohnt die alte Käthi und überläßt die gesamte

Pflege vertrauensvoll dem Thrinele, die still und doch geschäftig ihres

Amtes waltet, dankbar und überglücklich, hoffnungsfreudig. Und Michel

selbst ist wieder völlig bei Sinnen; wohl schmerzt die tiefe Stichwunde,

doch scheint nichts Edles verletzt. Der Kräuterumschlag kühlt, und

wohlig schmeckt der von Thrinele bereitete Trank. Über Thrineles

Anwesenheit hocherfreut, möchte Michel gern sein Entzücken äußern, doch

Maidlis kleine Händchen drücken den Patienten sanft und doch bestimmt

wieder nieder, und das Reden wird Michel ganz und gar verboten. Sobald

der Bueb noch ein Wörtchen spricht, werde Thrinele ihn verlassen und

heimkehren. Diese Drohung wirkt, doch Michel liegt mit leuchtenden Augen

im Bette, und seine Blicke verfolgen jede der zierlichen Bewegungen des

heißgeliebten Maidli. Ab und zu kommt Muetti wohl nachsehen, und die ist

überglücklich über die Besserung in Michels Zustand.

* * * * *

So winterstarr und still es ist am toten Bühl, so lebhaft geht es zu im

Wirtshaus zum „dürren Ast“, wo eines Morgens die Amtsbüttel erschienen

sind, um den Jobbeli zu holen. Ihnen hätte Streitpeter sicher einen

warmen und eisernen Empfang aus seiner Flinte bereitet, wenn er nicht

eben mit dem Accisor beschäftigt gewesen wäre, der die seit der

Brennzeit fällige Branntweinsteuer einforderte und sehr energisch wurde,

als Peter scheinheilig hoch und teuer sich verschwor, überhaupt nicht

Schnaps gebraut zu haben. Beide stritten heiß und schwer, und Peter

verweigerte rundweg jegliche Abgabe unter Androhung scharfen

Papierprotestes. Doch der Accisor lachte darüber und spottete über den

„Streitpeter“, den man demnächst Mores lehren werde. Der Hohn in dieser

Ankündigung machte Peter stutzig, und unwillkürlich ruhiger werdend

fragte er, was man denn just mit ihm vorhabe.

Spöttisch lächelnd deutete der Beamte an, daß die Regierung auf

Landeskosten den Streitpeter als Oppositionstypus in das

Wachsfigurenkabinet aufnehmen werde.

Peter stutzt, er versteht den Ausspruch nicht zu deuten und bittet

sanfter, als es sonst seine Art ist, um eine Erklärung.

Sein Gesicht in ernste Falten legend, sagt der Accisor: „Du kommst ins

Wachskabinet als Müsterle für alle Wäldler, wie man sich um Haus und Hof

und um den Kopf bringt aus starren Eigensinn und Prozeßwut!“

„Sell isch' mein Sach'!“ brüllt Peter, dem ein Licht im Hirnkasten

aufgeht. „Und unsere Füsi werden euch flinke Bine mache!“

„Ah! So plant ihr, Rebellen! Nun, auch dafür kann man helfen!“

Derweil nun beide streiten, sind die Büttel ins Haus eingedrungen, und

der gesuchte Jobbeli lief ihnen sozusagen in die Hände, als er, durch

das Geräusch der in den Angeln quietschenden Thüre angelockt, nachsehen

kam, wer als Gast vielleicht einen Trunk verlange. „Bisch du der

Jobbeli?“ fragte der eine der Büttel, und wie der Bube bejahte, war er

auch gefaßt und hatte die Hände auf den Rücken gebunden. Wohl zeterte

Jobbeli und schrie nach dem Ätti, doch die Büttel drängten den Burschen

hinaus und machten ihm durch kräftige Püffe flinke Beine. Auf das

Geschrei hin kam Peter wohl nach vorne, doch war die Stube wie der Flur

schon leer, und vor das Haus tretend, sah Peter gerade noch, wie sein

Bueb in Gesellschaft zweier Bewaffneter in den Waldpfad einbog. Ein

Wutschrei gellte durch das Haus. Überrumpelt! Zu spät gekommen! Der Bueb

fortgeschleppt trotz schußfertig gehaltener Flinte! Peter ist völlig

rasend! Er packt das Gewehr und stürmt hinaus. Doch kehrt er bald wieder

um. Die Büttel haben zu viel Vorsprung, und daheim schnüffelt derweil

der Accisor alles aus! Das wäre noch gefährlicher. Peter läuft ins Haus

zurück, die Flinte schußbereit haltend, und fordert den Beamten auf,

nunmehr schleunigst abzuziehen. Die Lage wird kritisch, doch der Accisor

läßt sich nicht einschüchtern; er verlangt unter Androhung schwerer

Strafe Bezahlung der Branntweinaccise. Peter brüllt vor Zorn und backt

an. Jetzt weicht der Beamte und rettet sich durch eiligste Flucht. Peter

aber drückt ab, donnernd kracht der Schuß, der ins Gesäß geschossene

Accisor macht einen Luftsprung und stürzt vorne über in den glitzernden

tiefen Schnee.

Der Schuß alarmiert die Hochschürer, die bewaffnet herübereilen zum

Ast-Wirtshause und vom Peter wissen wollen, ob es nunmehr losgehe gegen

die Regierung. Höhnisch deutet Peter hinüber, wo der niedergeschossene

Accisor liegt. Die Salpeterer stimmen ein Freudengeheul an; ist doch um

einen Feind weniger. Der Wirt stachelt sie auf durch die weitere

Mitteilung, daß die Büttel seinen Jobbeli fortgeschleppt hätten. Jetzt

gelte es, scharf vorzugehen! Wer Waffen habe, solle sich ihm

anschließen; er wolle nach Säckingen und seinen Bueben befreien. In

jedem Walddorf solle geworben werden, auf daß die Schar der Salpeterer

immer größer werde. Den Accisor aber solle man, wenn er auch bereits tot

sei, zum mahnenden Exempel hängen, am Bühlkreuz aufhängen, damit die

Regierung weiß, was ihren Leuten blüht im Hauensteiner freien Wald!

„Mer hängenem!“ (Wir hängen ihn) brüllen die fanatischen Hochschürer und

drängen ins Freie. Vor dem Hause warten sie, bis Peter die Thür

abgeschlossen hat; dann brechen sie auf, johlend und gröhlend, und

folgen der Accisorfährte im Schnee. Was ist das? Dort, wo der Mann

offenbar gestürzt ist, deuten die Blutstropfen auf schwere Verletzung,

der Schrothagel hat sein Ziel erreicht, der Schnee ist niedergedrückt

und rot gefärbt, aber der Accisor ist nicht mehr da, verschwunden. Eine

Rotfährte zieht hinab den Bühl: der Tote ist flüchtig gegangen.

Abergläubisch bleiben einige der Salpeterer zurück; der Zug gegen den

Tod dünkt ihnen unheimlich. Vergeblich hetzt Peter und stachelt sie auf.

Sie gehen nicht weiter; Peter habe gesagt, der Accisor sei tot, mausetot

geschossen, das Blut im Schnee deutet es richtig, und trotzdem ist der

Tote verschwunden. Also geht die Sache nicht mit rechten Dingen zu, es

hat der Leibhaftige seine Hand im Spiel, der Teufel hilft der Regierung!

Die Hochschürer kehren um und laufen wie von Hunden gejagt heim. Nur

Peter bleibt stehen, die feigen Kerle verfluchend, unschlüssig, was er

nun beginnen solle. Allein kann er Jobbeli nicht befreien. Aber er kann

zu Ägidi gehen und von ihm Beistand erbitten. Also stapft Peter über

Rißwihl gen Kuchelbach.

* * * * *

Im Wald ist's schwarz geworden: verschwunden der glitzernde, leuchtende

Schnee von Hang und Tann, schwarz der ungeheure dichte Forst,

dunkelbraun die Wiesen und Matten, schmutziggelb drängen die Bergwasser

durch die Schluchten und Thaler. Über die Schneewaldberge bläst der

Föhn, und warmer Regen rieselt hernieder, stetig, ausdauernd,

schneeverzehrend. Die Kälte hat sich über Nacht gebrochen, es taut

allerorten trotz Winterszeit; die engen Dorfgassen gleichen großen

Pfützen, die langen Eiszapfen an den Dachrinnen beginnen zu tropfen und

fallen dann knisternd in sich zusammen. Verschwunden der Schnee von den

Strohdächern, in sich zerfallen die weißen Hauben auf den Steigrohren

der Brunnen. Überall sickerndes Schmelzwasser, ein Tröpfeln, ein

Träufeln und Spritzen, wenn der Regen in langen Strichen auf die Gassen

und Pfützen schlägt und Wasserfäulchen aufzieht. Auch im Wald zischt und

brodelt es; das warme Himmelsnaß schlägt klatschend hernieder von Ort zu

Ort, die schneeige Bürde zerreißend, durchfressend; Kruste um Kruste

fällt geborsten, und gierig nagt das Meteorwasser an den Eisflächen und

Wehstellen. Dazu rauscht es schaurig im befreiten Tann, der Föhn

streicht über die Wipfel, ein Stöhnen, ein Seufzen, bald ein Brausen und

Wirbeln fortgeführten und welken Laubes, das regenschwer tiefer fällt

und sich in geschützteren Lagen völlig senkt, um weiter zu modern. Es

dunstet der Tann, die vom Riesenpanzer befreite Erde strömt ihren

scharfen erquickenden Duft aus, ein Atmen der Natur, eine Vorahnung des

weit, weit in Ferne stehenden Wald- und Bergfrühlings. Und immer neue

Regenschauer bringt der scharfe Föhn herein in den Hauensteiner Wald,

Bäche schwellend, Wiesen überschwemmend. Schon zischen die Wässer die

Wege entlang, und selbst das Sträßlein ist von den braunen Wellchen

benagt, auf dem gleich schwarzen Gespenstern mehrere Männer in

Uniformmänteln nach Herrischried schreiten, fluchend über das

schandbare Unwetter und die früh hereingebrochene Nacht. Finster ist's,

daß man die Hand vor Augen nicht sieht, und der Fuß sich weitertasten

muß auf dem quitschigen Sträßlein. Allmählich wird indes der Regen

dünner, er verliert sich zu einem feinen Wasserstaubrieseln und hört

endlich ganz auf; nur der Föhn peitscht den Tann und rüttelt an den

Dächern und Fensterläden in den Dörfern und Siedelungen.

Es ist die Militärassentkommission, die Rekruten ausheben und

zwangsweise einreihen will, nachdem auf alle bisherigen Einberufungen

sich kein Hauensteiner gestellt hat. Der Kommission folgt in größerer

Entfernung ein Trupp Hartschiere zur Bedeckung für alle Fälle, da den

Salpeterern nicht zu trauen ist und selbe wahrscheinlich ganz aus dem

Häuschen geraten werden, wenn man ihnen die Söhne wegnimmt. Der Major

und Führer der Kommission ist in dieser pechschwarzen Finsternis

unsicher geworden über die Gegend, in der man sich befindet. Nach seiner

Schätzung muß nun doch wohl bald das Seitenthälchen kommen, in welchem

der Hauptort des Hotzenlandes liegt, und wo morgen geamtet werden solle

mit Waffengewalt, so letztere notwendig werden sollte. Wo der Führer

stecke, fragt der Major stehenbleibend.

„Der Führer vor!“ wird von Mund zu Mund gerufen, doch der Bursche, den

man unterwegs gedungen, ist verschwunden. Der Kommandant flucht und

wettert: das hat ihnen wahrlich noch gefehlt. Doch was ist das? Drüben

auf einer Berghöhe flammt ein mächtiges Feuer auf, grell zum

schwarzverhangenen Himmel lodernd. Und bald darauf wieder eins, von Bühl

zu Bühl flammt es schaurig in rotem Scheine, und vom Föhn getrieben

stieben die Funken auf, weithin den dunklen Tann und die Matten

beleuchtend. „Wenn das nur nicht uns gilt!“ meint einer der Herren, der

in den Bergfeuern Alarmzeichen vermutet. Auch der Major neigt dieser

Anschauung zu und drängt nun zur Eile, auf daß Herrischried sobald als

möglich erreicht werde. So wird denn die mühsame Wanderung fortgesetzt

durch Nacht und Wind, bis endlich das Thälchen mündet, in das eingebogen

wird.

Bis vor die ersten Häuschen stapfen die ermüdeten Herren, ohne die

unmittelbare Nähe des Dorfes zu gewahren. Jegliches Licht ist erloschen,

schwarz ragen die Mauern und Holzhütten in die gähnende Nacht auf.

Endlich findet die Kommission das Wirtshaus zum „Ochsen“, gleichfalls

finster, lichtlos. Man klopft den Wirt heraus nach langem Bemühen, und

nun beginnt ein Parlamentieren. Der Kommandant fordert Quartier für die

Kommission, auch müsse der Bürgermeister geholt und Unterkunft für den

Trupp Hartschiere geschaffen werden.

Vom Fenster des oberen Stockwerkes erklärt der „Ochsen“wirt es für

unmöglich, die Herren aufzunehmen.

„Tod und Teufel! Warum nicht?“ wettert der Kommandant.

„Hent ihr nit die Flammenziche bemerkt?“

„Was kümmert das uns! Aufgemacht, oder ich lasse Euch die Thür mit

Kolben einschlagen!“

„Ich kann nit, Herr!“ ruft der Wirt und schlägt klirrend das Fenster zu.

Ratlos stehen die Herren. Wenn doch nur die Hartschiere da wären! Ihre

Bajonette würden gleich Wandel schaffen. Was huschen denn da um das

Dorf so seltsame Gestalten? Bald nahe, bald sich entfernend, wie wenn

etwas ausspekuliert werden sollte. Und plötzlich flammt eine Heuhütte

auf, grausigen Schein über das Dorf werfend.

„Füür!“ tönen wilde Rufe, Gewehre knattern, in dichten Scharen drängen

unheimliche Männer, vermummt, geschwärzt im Gesicht, heran und eine

mächtige Stimme gebietet: „Sie sind's! Im Namen der heiligen Jungfrau,

nehm' jeder seinen Mann, und fort mit ihnen! Druf!“

Schreiend werfen sich die Salpeterer auf die Kommissionsherren, die wohl

mit gezückten Degen sich wehren, aber doch rasch überwältigt, gebunden

und fortgeschleppt werden. Und ein anderer Trupp der fanatischen Menge

zieht beim Scheine des gierig aufzüngelnden Feuers vor die Häuser der

„Halunken“, deren Inwohner vor das Strafgericht fordernd. Bald flammt es

wieder auf, ein Halunkenhaus ist in Brand gesteckt worden, jammernd und

heulend flüchten die Gepeinigten heraus, die wilde Bande raubt, was zu

erwischen ist, johlend und gröhlend. Und jetzt zieht die tolle Schar vor

das Biberhaus, des Erzhalunken, der niemals mitgethan und stets auf

Seite der „Ruhigen“ gestanden.

„Bibermärte rus!“ heult die Menge, wirst mit Steinen die Fenster ein und

stößt mit Dreschflegeln nach der Thür. Schon schlagen einige mit Stein,

Messer und Schwamm Funken, um auch diesem Haus den roten Hahn aufs Dach

zu setzen; da taucht an einem Fenster des oberen Stockwerkes ein

Mädchenkopf auf, grell vom Feuerschein beleuchtet, und scharf ruft

Thrinele: „Haltet in, im Namen der heiligen Mutter Gottes!“

Überrascht, verblüfft schauen die Salpeterer empor; einzelne Bühler

erkennen in dem mutigen Mädchen die Tochter ihres Vertrauensmannes Peter

Gottstein und rufen: „'s isch by Gott s' Thrinele, e Salpetererchind!“

Wie das Maidli vom toten Bühl in das Halunkenhaus kommt, das fährt den

Leuten wohl durch den Kopf, aber es ist jetzt keine Zeit zu langen

Fragen. Auch lenkt der Ruf eines Wachpostens: „D' Hartschiere chomen!“

die Aufmerksamkeit von Thrinele ab, und aller Augen richten sich zur

Thalmündung. Manche Burschen und Bauern zeigen Lust, sich zu drücken;

sie wollen es doch lieber nicht auf einen regelrechten Kampf ankommen

lassen. Doch da stürmt ein Weib heran, grell beleuchtet von den gierig

zum nächtlichen Himmel schlagenden Flammen, die Vroni ist es, die ihren

Mann hinter sich herzerrend zur Salpetererschar stößt, um in ihrer

fanatischen Begeisterung mitzukämpfen gegen die Unterdrücker und

Tyrannen. Mit gellender Stimme ruft das exaltierte Weib: „Druf, druf,

schlagt sie tot, die Soldatenknechte! Lengt mer her e Füsi un für'n

Sepli au öbbes ze schlage! Druf! Druf!“

Und da sind sie schon, die Hartschiere als Bedeckungsmannschaft der

gebunden in den Gassen liegenden Kommission. Der Trupp rückt bei

Feuerschein im Laufschritt an, und unheimlich blitzen ihre Bajonette.

Einige Salpeterer schießen, doch gehen die Kugeln pfeifend über die

Köpfe weg. Nun wird's Ernst, die Hartschiere verstehen keinen Spaß, ein

Kommando ertönt: „Feuer!“ Weherufe werden laut, einige Salpeterer

stürzen zu Boden, wimmernd und stöhnend, der große Haufen aber stiebt

hinweg in rasender Flucht und verschwindet im Dunkel der Nacht. Die

Soldaten aber durchsuchen nun die Gassen des Dorfes, binden die

Offiziere los und pochen den „Ochsen“wirt heraus, der jetzt bereitwillig

sein Haus öffnet und mit seinem rasch zur Stelle geschafften Gesinde die

militärischen Gäste bedient. Dem Bürgermeister werden die Verwundeten

übergeben und die „ruhigen“ Dörfler müssen Hilfe leisten. Das Dorf wird

von Wachen umstellt wie im Kriege und für den Rest der Nacht die Ronde

abgehalten.

Scharf geht der Kommandant mit dem „Ochsen“wirt ins Gericht, dem sein

feiges Verhalten vorgehalten wird. Demütig sucht dieser sich zu

entschuldigen; er habe nicht anders gekonnt, wenn er in Kenntnis von dem

beabsichtigten Überfall der Salpeterer sein Hab und Gut schützen wollte.

Hätte er die Herren eingelassen, so wäre ihm sicher das Haus überm Kopf

angezündet worden. Doch der erboste Kommandeur läßt dies nicht gelten,

grimmig belegt er den Wirt mit kriegsgemäßer Kontribution: Verpflegung

und Beherbergung von Stab und Mannschaft ohne Entgelt, für die Dauer der

Rekrutierung.

Wie der „Ochsen“wirt sich windet, wie er jammert und winselt! Aber es

nützt nichts. Auf Befehl muß Wein in Fässern aus dem Keller

heraufgeschafft und auf den Dorfplatz getragen werden, wo die

Hartschiere biwackieren und vergnügt die süffige Kontribution in Empfang

nehmen. Und die Rauchkammer wird ihres Inhaltes entleert, Rauchfleisch

und Schinken verschwindet geschwind für immer. Und all das Fluchen nützt

dem Wirt gar nichts. Er hat sich bös verrechnet mit seinem Kalkül. Hol'

der Satan die Salpeterei!

Im Hause des Bibermärte ist's nach der Flucht der Salpeterer ruhig

geworden; die Gefahr ist vorüber. Die Alten fürchten zwar noch, daß sich

auch die Soldaten bemerkbar machen werden und bleiben daher auf der

„Kunst“ hocken, horchend und wartend. Dem Ätti ist die Rauchlust

vergangen und Muetterli läßt die sonst so arbeitsfrohen Hände in den

Schoß sinken. Leise knistert das Licht, und emsig tickt die Uhr in der

Ecke. Oben aber in Michels Stube wartet Thrinele des langsam Genesenden,

dem sie leise erzählt von dem Vorgang im Dorfe. Wie Michels Feueraugen

glühen! Schade, daß er unthätig zu Bette liegen muß; gesund und heil

hätte er den Salpeterern auf die Köpfe geschossen, daß es eine Art

gewesen wäre. Thrinele beschwichtigt Michel und mahnt ihn, wieder weiter

zu schlummern. Aber Michel findet die nötige Ruhe nicht mehr, es hämmern

die Schläfen, und wild tobt das Blut in den Adern. Der Vorfall hat ihn

erregt, die Wunde beginnt aufs neue zu schmerzen. Sanft drückt Thrinele

den Fiebernden in die Kissen und legt ihr Händchen auf seine glühende

Stirn. Das beruhigt den Kranken sichtlich, noch mehr aber das süße

Geflüster des geliebten Mädchens.

„Liebsch mi no, Thrinele?“ fragt leise der stillliegende Michel.

Im grünen Tann · 第 9 / 19 题