Nähertretend fragt Peter: „Warum bei mir zuerst?“

„Weil Ihr die wichtigste Person am „toten Bühl“ seid!“

Geschmeichelt steht Peter eine Weile und kratzt sich hinter'm Ohr. Was

soll er thun? Daß man ihn mit seinem Einfluß auf die Wäldler

respektiert, ihm gewissermaßen den Vorrang sogar beim Schlotfegen

einräumt, schmeichelt ihm nicht wenig; aber er ist gewohnt, just das

Gegenteil zu thun, was von ihm verlangt wird, und deshalb neigt er eher

zu einer Verweigerung hin, es juckt ihn seine Protestleidenschaft. Auch

ist sicher anzunehmen, daß die Salpeterer am toten Bühl überall den

Schwarzen hinauswerfen und das Kaminfegen verweigern, wenn der Peter

hierzu das leuchtende Beispiel gegeben haben wird. Und wenn der dicke

Federbuschmann mit hinausgeworfen würde aus jeglichem Salpetererhofe,

müßte das ein köstlicher Anblick sein, füglich aber ein Merks für die

Freiburger Regierung, daß noch der alte Geist der Freiheit und

Unabhängigkeit herrsche auf den Schwarzwaldhöhen. Auf gewöhnlichem Wege

jedoch die Kommission unverrichteter Dinge vom „dürren Ast“

wegzuschieben, däucht Petern in seiner Führerwürde zu harmlos, vom

Gehöft des Streitpeterle dürfen die Kommissionsleute nicht gewöhnlich

gehen, sie müssen hüpfen, wie besessen rennen und ein Andenken an den

„dürren Ast“ mitnehmen, das ihnen das Wiederkommen verleidet.

Der Beamte wiederholt die Aufforderung und schwingt dabei die

Aktenmappe, um seiner Wichtigkeit größeren Nachdruck zu geben. Über

Peters Gesicht huscht ein höhnisches Lächeln, grinsend sagt er: „Wenn

ich nicht will, kommt Ihr mir nicht ins Haus! Ich will Euch aber

einlassen, so Ihr da mit Eurem Federbusch auch mit hinauf in den Schlot

steiget!“

Erschrocken prallt der Beamte zurück und stottert: „Wie? was? Seid Ihr

verrückt? Ich — ich — habe oben nichts zu thun — das ist des Kaminfegers

Sache!“

Auch Thrinele kann das Lachen über die drollige Erscheinung des

Federbuschmanns und dessen Schrecken nicht verbeißen und kichert vor

sich hin, indessen Jobbeli in Vorahnung eines Spaßes die Hausthüre

angelweit aufreißt und durch eine linkische Armbewegung zum Eintritt

einladet.

Peter besteht darauf, daß der Kommissär unter der Esse auf den Vollzug

der Kehrordnung warten müsse, andernfalls lasse er den Schornsteiner

nicht ein. Dem Beamten ist es zu thun, den Streitpeterle 'rum zu

bekommen, auf daß er bei den übrigen Waldbauern nicht auf Widerstand

stößt. Vielleicht ist es lediglich eine Marotte des eigensinnigen

Hotzen, und Peter ist ja der größte Starrkopf der Wäldler. Auch tobt der

Wind so grimmig um den Bühl, daß der Aufenthalt selbst in der rußigen

Küche vorzuziehen sein wird. So entschließt sich denn der Kommissär zum

Eintritt und hinter ihm und den Schornsteiner drängen die Andern nach

ins Haus. Schon hinter der Thür beginnt der Federbuschmann zu husten,

der Qualm des glimmenden Herdfeuers benimmt ihm schier den Atem. Der

Schwarze meint, das Feuer müsse ausgelöscht werden, sonst könne er nicht

in den Rauchfang aufsteigen.

Mit Entschiedenheit aber fordert Peter nun sofortigen Beginn der

„Regierungsthätigkeit“ des Schornsteiners und droht im Weigerungsfalle

mit gewaltsamer Entfernung der ganzen Kommission. Das Faceletto vor den

Mund haltend, giebt der Kommissär Befehl, den Schlot zu kehren, und

gehorsam steigt der Schwarze auf seiner Leiter in die Esse.

Kaum ist der Schornsteiner oben verschwunden, packt Peter blitzschnell

einen Bund trockenen Reisigs und wirft es auf die glimmende Glut, und

Jobbeli beeilt sich augenblicklich, des Vaters Beispiel kräftig und

flink nachzuahmen. Gierig züngeln die Flammen auf, es prasselt das

Reisig wie Zunder, im Nu ist die Küche raucherfüllt und in dicken

Schwaden steigt der Qualm in den Schlot. Vergebens poltert der Kommissär

gegen solch' boshaftes Beginnen und wischt sich die brennenden Augen

aus; doch die Gottsteins kümmern sich nicht den Pfifferling um das

Gezeter und werfen immer neues Reisig auf die prasselnde Glut. Nur

Thrinele thut nicht mit und flüchtet vor Qualm und Rauch hinweg in ihre

Stube. Ihr Beispiel ahmt hustend, schier erstickend der Bebuschte nach

und stürmt ins Freie. Gleich darauf rasselt der Schornsteiner die Esse

herab, betäubt vom Qualm und krachend fährt er mitten in die

aufspritzende, funkensprühende Glut des Herdfeuers, worüber Peter und

Jaköble ein wahres Freudengeheul anstimmen und sich die Seiten halten

vor Lachen über das sie höchlich belustigende Schauspiel. Wie besessen

springt der Schwarze aber vom Herd hinweg, heulend vor Schmerz und

stürmt ins Freie, eine schwarze Fährte ziehend im frischgefallenen

Neuschnee. Brüllend vor Vergnügen stürzen Peter und Jaköble ihm nach, um

das Auge zu weiden an der rasenden Flucht der geprellten Kommission,

bis der dicke Kommissär mit dem wackelnden Federbusch und hinterdrein

der toll springende Schwarze hinter den Häusern von Hochschür

verschwinden.

* * * * *

Gegen die neunte Abendstunde hat es zu schneien aufgehört. Die Wolken

sind verzogen, klar ist der Himmel, besät von mildstrahlenden Sternen,

und der Mond sendet sein Silberlicht herab auf den überzuckerten Tann

und die weißschimmernden Bühlhöhen des Schwarzwaldes. Das Kreuz auf dem

toten Bühl wirst vom magischen Licht übergossen, einen langen Schatten

auf den schneeigen Grund und geisterhaft strecken die entlaubten Buchen

ihre Äste gen Himmel. Es flimmert die öde Landschaft im glitzernden

Schmuck winterlichen Geflockes, und gegen die Helle am Bühl sticht

schaurig das Schwarz der Tannenwälder ab mit ihrer unheimlichen

Finsternis und geheimnisvollen Starrheit. Der Wind hat sich gelegt;

still ist's weit um, tot und leer. Nur zeitweise rutscht in kleinen

Ballen der Neuschnee von den Tannengipfeln tiefer herab auf die Äste und

von der weißen Last befreit schnellen die Zweige wieder hinauf zur

normalen Lage. Das giebt ein knisterndes Geräusch im sonst

kirchenstillen Tann, das sich zum dumpfen Getöse verstärkt, wenn die

größer gewordene Schneelast durchbrechend auf den Waldboden aufschlägt.

Schneestaub quillt dann für einen Augenblick auf, alles verhüllend; dann

aber legt sich der weiße Staub, schwarz ragt die befreite Tanne auf in

schauriger Hoheit und nächtlicher Majestät.

Vom Kirchturm zu Hochschür schlägt es zehn Uhr nachts in langgedehnten

Tönen. Wohl blinken die Fenster der wenigen Häuser des kleinen Dorfes im

Mondenschein, doch ist jegliches Licht erloschen. Die Dörfler sind wohl

längst zur Ruhe gegangen und schlafen den Schlaf des Gerechten, mit

Ausnahme vielleicht jener Hochschürer, die dem Dörflein den üblen Ruf

eingebracht haben, von dem Scheffel schreibt: „So einem in der Umgebung

nachts in dem Keller eingebrochen und Kartoffeln geholt, oder ihm das

frischgeschlachtete Schweinlein aus dem Kamin ausgeführt wird, so

heißt's: es wird den Weg alles Fleisches nach Hochschür gegangen sein.“

Von einigen Häuschen lösen sich richtig schwarze Gestalten ab,

hochgewachsene Männer, die dunklen Überwurf, wallende Mäntel und auf dem

Kopf gewaltige Pelzmützen tragen. Schweigend stapfen diese Gestalten

alle einem Ziele zu: hinauf zum Kreuz am toten Bühl. Und auch von

anderen Seiten her pilgern Männer dicht vermummt gegen Frost und Kälte;

die einen durch den Tann von Gebisbach her, andere von Altenschwand und

Hottingen, von Sägeten, jenem Dörflein, von dem es heißt: Hochschür und

Sägeten giebt eine Trägeten (Traglast, d.h. sie wiegen [im Rufe] gleich

schwer), und von Herrischried. Seltsam düster heben sich die Gestalten

ab vom glitzernden Schnee, schier geisterhaft in ihren schwarzen Mänteln

und hohen Mützen. Von allen Seiten klimmen und steigen sie den toten

Bühl hinan, schweigend, ernst, feierlich, und stellen sich im Kreise um

das Kreuz auf, vor dem sie die Mützen lüfteten und das Knie beugten,

zugleich das Kreuz auf der Brust schlagend. Doppelt und dreifach wird

der Menschenring auf der Bühlhöhe, die Männer stehen wie die Mauern im

rasch zusammengetretenen Schnee und harren der kommenden Dinge im

gespenstischen Mondenschein, die Augen auf den Christus am Kreuze

gerichtet.

Und wie die Uhr von Hochschür die Geisterstunde schlägt, hebt einer aus

der nächtlichen Versammlung an zu sprechen: „Im Namen der heiligen

Jungfrau Maria. Gottwilche! (Willkommen).“

„Gottwilche!“ tönt es mit gedämpfter Stimme in dem dreifachen

Menschenring.

Streitpeter ist's, der den Willkomm ausgesprochen als der Vertrauensmann

der Salpeterer am toten Bühl, der die Versammlung einberufen hat zur

Besprechung wichtiger Dinge, und der nun den Ring verläßt, sich an den

Kreuzstamm stellt und zu reden beginnt: „Gott wilche! 's isch e gheimi

Sach, die mer han z' verhandle heroben am toten Bühl. Sin Ihr alle da,

die ich g'lade han zur Geischterstund? Die Männer von Gebisbach,

Altenschwand, Hottingen, Sägeten, Hochschür und Herrischried?“

Mit dumpfer Stimme melden sich die Verschworenen aus den ausgerufenen

Orten.

„Sind annere aus 'm Wald aach noch chomme?“

„Ja! Ich, Ägidius Riedmatter von Kuchelbach bin aach chomme!“ ruft ein

alter Mann aus dem dritten Ring.

Tiefe Bewegung geht durch die Menschenreihen, summendes Geflüster der

Überraschung, daß sich ein Salpeterer auch aus dem Albthal eingefunden,

der drüben Führer ist und Hauptverfechter der heiligen Sache.

Peter fordert Riedmatter auf, ans Kreuz zu treten und der Versammlung

zu sagen, was er als richtiger Salpeterer auf dem Herzen habe.

Die Männer treten etwas zur Seite, um den alten Riedmatter

durchzulassen, und mit festem Schritt tritt derselbe auf das magisch

beleuchtete Kreuz, entblößt das von weißem Haar umrahmte Haupt und

spricht mit kräftiger Stimme: „Im Namen der heiligen Jungfrau Maria seid

gegrüßt, Salpeterer! Was ich euch han ze sage, isch kurz und bündig das:

Wer ich bin, wisset ihr alle! Und mir, Ägidius Riedmatter isch in

stiller Nacht der Geischt des Salpeterhannes, Albiez' Geischt wirklich

und wahrhaftig erschienen, und selbiger Geischt hat mich eingeweiht und

bezeichnet als Hannesle's Nachfolger in der Führerschaft der Salpeterer.

Ich soll den Kampf aufnehmen und führen wie einst der Hannes selber! Und

dem Mahnruf des Geischtes han ich Folge geleistet und drüben im Albthal

mein heilig und schweres Amt übernommen. Heute in verschwiegener Nacht

am Kreuz des toten Bühl bin ich erschienen und frage euch, ihr Mannen

des Murgthales: Wollt Ihr mitkämpfen für die heilige Sache?“

„Ja! Wir wollen, im Namen des dreieinigen Gottes für die Freiheit

unseres Volkes und für unseren Glauben!“ tönt es rauh, aber feierlich

aus dem dreifachen Menschenringe.

Nun frägt Peter den alten Riedmatter: „Ischt der Geischt des Hannes dir

wirklich erschienen? Erhebe die rechte Hand zum Kreuz und schwör' es uns

zur heiligen Dreifaltigkeit!“

„Ich schwör' es!“

„Dann glauben wir dir! Und du, Ägidi, sollst fürder auch unser Führer

sein im heiligen Kampfe. Willst du?“

„Ja, ich will! An der Hand der alten Festen und Privilegy, der

kaiserlichen Briefe will ich unsere Sache führen und nicht erlahmen in

der Verteidigung unserer alten Rechte. Schwört mir Gehorsam und

Gefolgschaft!“

„Wir schwören!“

„Und nun höret: Wie einst Hans Albiez müssen auch wir die uralten Rechte

der Grafschaft Hauenstein verteidigen. Unsere Vereinigung, der im

stillen auch tapfere Weiber, Söhne und Töchter angehören, ist bereit,

dafür das Leben zu lassen. Ein offener Aufruhr mit den Waffen in der

Faust kann uns jedoch nur das Schicksal unserer Großväter, die

gewaltsame Verbannung, Verlust des Lebens und Eigentums eintragen. Wir

müssen der Übermacht anjetzo noch weichen! Aber was wir können, was wir

müssen, ist die Hochhaltung unserer alten Rechte, auf die wir niemals

verzichten werden, auch dann nicht, wenn man uns die Bajonette auf die

Brust setzt und zum Galgen schleift! Kein Verzicht, aber auch kein

gewaltsam Auflehnen. Wir huldigen nicht, niemandem, wir wollen frei und

unabhängig bleiben! Und große wichtige Dinge bereiten sich vor! Unser

ärgster Feind, das Kloster zu St. Blasien, wird bald nicht mehr sein!“

Jähe Überraschung fährt durch die Menschenmenge, und laute Rufe tönen

zum nächtlichen Himmel.

„Ruhe! Das Kloster wird aufgehoben werden! Ich, der Nachfolger Albiez',

sage es euch! Und haben wir diesen Feind los, so winkt die alte Freiheit

wieder, die uns dort drüben die freien schweizer Berge verheißungsvoll

zuwinken! Niemals hat irgend eine Herrschaft über uns zu Recht

bestanden, nicht der Fürst von St. Blasien, nicht die Franzosen, nicht

der Großherzog von Baden! Letzterer ist nicht unser Landesherr, er ist

nur Meier (Verwalter), gesetzt vom Kaiser! Und niemals bestand die

österreichische Herrschaft zu Recht! Wir verweigern auch dieser

Herrschaft die Huldigung! Nur der Kaiser ist Schutzherr über uns und die

Schweiz! Wir müssen ihn bitten, uns behilflich zu sein zur

Wiedererlangung unserer alten Rechte, so da sind: Kein Schutzgeld,

Freiheit von Steuern und Schatzungen, von Zinsen und Zehnten! Nur

freiwillig stellen wir Milizen! Das alles haben die Kaiser uns zugesagt,

so Kaiser Josef im Jahre 1782, so Kaiser Franz anno 1802. Ich habe die

kaiserlichen Briefschaften und sage, wie Hans Fridli Gersbach von

Bergalingen sagte: „«Wer diese Briefe lesen will, kann zu mir kommen:

wer's nicht glauben will, hat hier in meinem Knorrenstock seinen

Schulmeister. Ich hab's gesagt, ich sterbe dafür. Bedenkt zu Hause, daß

Handschuhe hinter'm Ofen liegen,[2] ihr versteht mich!“» Wir hoffen auf

Gott und den Kaiser und warten, wie es komme! Und was die Blutsteuer,

die Stellung von Rekruten betrifft, die man wohl bald von uns fordern

wird, so schafft bei Zeiten die Jungen fort. Über der Grenze wohnen auch

Leute! Unterschreibt, so ihr schreiben könnt, nichts, versprecht nichts,

verzichtet auf nichts! Und huldiget nicht! Weiteres werdet Ihr von mir

hören! Im Namen der heiligen Mutter Gottes geht jetzt auseinander und

schweiget, was ihr gehört. Amen!“

Mann für Mann tritt nun zu Riedmatter und schüttelt ihm wortlos die

Hand, damit ein stummes Gelöbnis zur Gefolgschaft leistend. Und nach

abermaliger Begrüßung des Kreuzes verlassen die Mannen stumm den Bühl.

Riedmatter und Peter bleiben zurück in geheimer Zwiesprache. Erst als

die Turmuhr eins schlägt, schreiten auch sie den weißschimmernden Bühl

hinunter. Nur der vertretene Schnee giebt noch Kunde von der nächtlichen

Versammlung. Bald darauf aber verhüllt der Mond sein leuchtend Antlitz,

schwarze Wolken ziehen auf, der Westwind bläst aufs neue, und Neuschnee

deckt abermals alles zu und verwischt jegliche Spur....

Winterszit, schweri Zit!

Schnee uf alle Berge lit....

* * * * *

In einem der Häuser am Ausgang des Dörfleins Rütte gellt eine

Frauenstimme durch die Räume, und die Zornesrufe sind schier heraußen am

schneebedeckten Sträßlein zu verstehen. Es ist des Josef Binker's

Eheweib, die scharfe Vroni, welches den gutherzigen Gatten abkanzelt und

ihm wieder einmal den Standpunkt klar macht. Der Josef ist ein sozusagen

lammfrommer Mensch, dem man es vom Gesicht ablesen kann, daß er das

Pulver nicht erfunden hat. Kleiner von Gestalt als die meisten der

stämmigen Hotzen, hat er auch nichts vom kriegerischen Geist jener

Hauensteiner, die vor 80 und 100 Jahren ihr Leben für die

Salpeterersache einsetzten. Ihm geht Ruhe und Frieden über alles, und

weil er immer und überall sich nachgiebig zeigt, hat ihm das Schicksal

in seinen oft sonderbaren Launen ein Eheweib beschieden, das weit eher

die Pluderhose zu tragen berechtigt wäre, als der Hotze selber. Fleißig

und arbeitsam erledigt Sepli seine Kleinhäuslergeschäfte und ist am

Abend glücklich, in der behaglich durchwärmten Stube sein Pfifli Tubak

rauchen und sinnieren zu können. Was um ihn vorgeht im Wald, heroben

oder draußen in der Welt mit ihren Kämpfen, das kümmert Binker nicht im

mindesten; soll nur jeder sehen, wie er sich durch's Leben bringt. Ihm

ist's viel wichtiger, die schlecht gedeihenden Kartoffeln zu ernten und

rechtzeitig Holz für den Winter aus Haus zu schaffen. Ganz anders

veranlagt ist seine Vroni, die, lebhaften Sinnes, trotz ihrer gesetzten

Jahre, sich um alle öffentlichen Dinge kümmert und namentlich für die

alte und neue Salpeterersache sich lebhaft interessiert, von der sie

eine Besserung der Lage und ihrer eigenen Verhältnisse sich erhofft. So

sehr Vroni aber bisher in ihren gutmütigen Mann hineingeredet hat,

erzielt hat sie nichts, denn Josef ist nicht zu bewegen, für die

Salpeterersache auch nur einen Schritt zu thun, und immer setzt er ihrem

Andrängen passiven Widerstand entgegen und läßt Vroni belfern und

schwätzen. Diesmal zieht das Weib alle Schleusen der Beredsamkeit und

zetert, daß die Fenster klirren. Erst heute früh beim Wasserholen hat

ihr eine Salpeterin von der nächtlichen Versammlung am toten Bühl

erzählt und vertrauliche Mitteilung über die gefaßten Beschlüsse und die

Führerschaft des Ägidius Riedmatter gemacht: Dinge, die Vroni ungemein

interessierten und veranlaßten, ihren Beitritt zur Salpeterervereinigung

durch die Nachbarin anmelden zu lassen. Und vom Dorfbrunnen heimgekehrt,

war es Vroni's wichtiges Geschäft, alles liegen zu lassen und Josef

aufzufordern, sich zum Ausgehen fertig zu machen und dem Vertrauensmann

Peter Gottstein, dem Wirt zum „dürren Ast“ den Beitritt des Binker'schen

Ehepaares zu erklären. Josef hatte diese Mitteilung ruhig und geduldig

wie immer angehört, sein Pfifli in Brand gesteckt und dann gelassen zur

Antwort gegeben: „I mog nit!“ Nun war's um ihn geschehen, und Vroni

legte los, daß es eine Art hat. „Hesch du au e Kuraschi, bisch du e Ma?!

Was bisch du? E Lamm, e Schof, das hockt de ganze Zit im Stübli und

träumet und wartet, bis die bratene Täubli ihm ins Maul flieget!

Dunderschiß, bisch du e Ma! Di soll der Dunder in Erdsbode verschlage,

du Waschlappe du!“ Und was der erzürnten Vroni in die Hände kommt, wirft

sie dem Gatten an den Leib, Häfele, den Besen und zu guterletzt den

Milchkübel mit der Ziegenmilch, so daß heute wohl Fasttag bei Binkers

sein wird, wenn Sepli die verspritzte Milch nicht vom Boden aufschlecken

will. Das zornige Weib hätte das Gezeter aber ebenso gut vor einem

Holzklotz halten können, die Wirkung wäre dieselbe geblieben. Josef

rührt sich nicht und läßt die Vroni schreien, als sie aber anhebt aufs

neue und ihm droht, ihn und das Haus zu verlassen mit den

schwerwiegenden Worten: „Die Eh' isch ab, so du nit Salpeterer wirsch!“

da erhebt sich Sepli zitternd und sagt stotternd, so weit solle es denn

doch nicht kommen. Augenblicklich nimmt Vroni diese Gemütsbewegung und

den erreichten Vorteil wahr und bekräftigt ihre Rede mit der

verschärften Drohung, daß sie noch in dieser Stunde von hinnen gehen

werde, wenn Sepli nicht sofort dem Streitpeterle das Gelöbnis in die

Hand leisten werde. „Ja, ja, i goh!“ stammelt der eingeschüchterte

Wäldler und sucht nach seinem Mantel. Ein Freudenschimmer fliegt über

Vroni's runzeliges Gesicht, und flink trägt sie dem besiegten Gatten

Mantel, Pelzmütze und Stock herbei und drängt zur Eile. So ist Josef in

seinem ganzen Leben noch nicht bedient worden, er fühlt sich wie ein

Herr, und freut sich, es durch Nachgiebigkeit so wohlbehaglich zu haben.

Freilich der Gang ist unangenehm und die Salpeterei ihm zuwider; aber

vielleicht bekommt er fürder den Hausfrieden und wird's Vronele künftig

sanftmütiger sein! Drum stapft Sepli mit 'm Pfifli im Mund hinüber durch

Schnee und Wald gen Hochschür zum Wirt zum „dürren Ast“. Vroni aber muß

eine Weile verschnaufen und überläßt sich ganz dem Wonnegefühl des

erreichten Sieges. Daß die Drohung so gewirkt, überrascht sie eigentlich

selbst, denn insgeheim hat sie eher befürchtet, daß Sepli sie gehen

heißen würde. Hat sie ihm doch das Leben bisher sauer genug gemacht und

verbittert und das Regiment scharf, fast zu scharf geführt. Und

übermäßig jung und sauber ist's Vronele auch nicht mehr; Sepli könnte

unschwer eine hübschere Gesponsin bekommen. Aber an so was denkt der

Mann ja nicht und der Pfarrer würde ihm solche Gedanken schon

austreiben. Ein Wäldler hat noch niemals sein angetrautes Weib

verlassen. Freilich auch nicht eine Wäldlerin ihren Mann; aber die

Salpeterersache ändert Brauch und Ordnung, Gewohnheit und Recht, weil

sie ein Kampf um heilige Rechte ist. Und Sepli muß ein richtiger

Salpeterer werden; dafür wird Vroni schon sorgen.

* * * * *

Des Streitpeterle hoffnungsvoller Sohn, 's Jaköble, hat zeitig früh aus

den Federn gemußt, so früh, daß der Bursch im ersten Augenblick des

Gewecktwerdens nicht wußte, ob es Mitternacht, Abend oder Morgen sei.

Sein Zögern, die Langsamkeit, mit welcher er aus dem Bette kroch, hatte

Ätti fuchtig gemacht, und Vaters Zornesrufe ließen Jobbeli flink in die

Kleider fahren und fragen, wo es denn „füürig“ sei (wo es brenne)? Aber

da kam der Bursch übel an, denn der Vater wetterte: „Dunderschiß, nu

numme kein Wörtle mehr, steh uf und lueg, was i dir z'sage han: Du

gohsch uf Herrischried und seist m Hottinger im Hus neben der Chilch:

Ägid Basel! Er soll no hüt am Rhi uf'm Riedmatter warte, Botschaft

abnehme und ruftrage bis Herrischried. Du wartsch dort und tragsch no in

der Nacht Kundschaft her zu mir. Vostehsch, Jobbeli? Und steh' uf und

laß di nit sehe, sei an nüt ze de Halunke! Uf jez un bhüdi!“ Damit

drückte Peter dem Jobbeli etwas Geld in die Hand und schob den Burschen

zur Thür hinaus in den bitterkalten, nebligen Wintermorgen. Der scharf

um den Bühl wehende Wind trieb Jaköble zur Eile, auch schien ein

Stehenbleiben nicht rätlich, weil Ätti unzweifelhaft in solchem Falle

dem Bübli flinke Füße machen würde. Jedenfalls muß die Sache heillos

pressant sein, sonst hätte Jobbeli nicht so früh aus den Federn gemußt.

Freilich wenn der Hottinger vormittags noch nach Säckingen muß, heißt es

sich sputen. Hernach aber hat Jobbeli heidenmäßig viel freie Zeit in

Herrischried und kann hinterm warmen Ofen im „Roten Ochsen“ wartend

liegen, bis der Hottinger vom Rhein wieder herauf zurückkommt. Also

stapft Jaköble flink durch den harstigen Schnee nach Herrischried, wo

die Essen rauchen zum Zeichen, daß die Morgensuppe gekocht wird. Das

Haus neben der Kirche ist bald gefunden und der Hottinger erfragt,

welcher alsbald forteilt, der Ordre gemäß, um den Salpetererführer in

Säckingen zu erwischen. Jobbeli aber schlendert gemütlich zum „Roten

Ochsen“, in dessen Gaststube eben der Ofen in Brand gesetzt wird. Der

Bursch fragt nicht viel und kriecht auf die Bank hinterm Ofen um den

Schlaf nachzuholen. Chüngi (Kunigunde) schaffet fleißig, die Stube in

Stand zu setzen und kümmert sich nicht weiter um das Bühler Büebli.

Gegen Mittag aber, als der Kuckuck in der Schwarzwälder Uhr unter

Verbeugungen elfmal seinen Ruf in der behäbigen Stube erschallen läßt,

kriecht Jobbeli hervor, reibt sich die Augen klar, streckt und dehnt die

Glieder und bittet Chüngi, ihm ein Mittagsüppli zu geben, „ume Chrützer“

und aufgeschmälzte „Grundbire“ dazu und auch ein Schöppli Kaiserstühler.

So setzt sich Jobbeli an den einen Tisch nahe dem Ofen und harret als

einziger Gast in der braungeräucherten Stube seiner Atzung, welche die

braunbezopfte Chüngi denn auch bald herbeiträgt und darauf das Kännlein

badischen Weines. Still ist's in der Stube; nur Jobbelis Löffel

klappert zuweilen und im dickbauchigen Ofen prasselt das Tannenholz, das

frisch nachgefüllt worden. Draußen hat sich der Nebel gehoben und ist's

lichter sonniger Tag geworden. Es flimmert und glitzert schier blendend;

die Häuser tragen weiße Hauben und blitzende Streifen liegen auf den

Fenstersimsen. Dicht beschneit sind die nahen Tannen, deren tiefes Grün

neben dem überwältigenden Weiß kaum durchzudringen vermag. Ein

Holzschlitten mit Blochen beladen, von Kühen gezogen, fährt vorüber mit

pfeifendem Schleifen über den trockenen Schnee, geleitet von einem gegen

die Kälte vorsorglich vermummten Knecht. Dann wird es wieder ruhig und

still draußen. Drinnen tickt nur die Uhr in der Ecke über dem

schwarzgeräucherten Kruzifix. Chüngi leistet nach dem Abtragen des

leeren Geschirres dem Jobbeli Gesellschaft und fragt ihn nach dem Zweck

seiner Anwesenheit in Herrischried. Und der Bursch, ein Schwerenöter,

versichert gekommen zu sein, um in Chüngis schöne Rehaugen zu schauen,

er hascht nach ihrem Händchen.

Ungläubig wehrt das Maidli ab und schlägt Jobbeli auf die zudringlichen

Pfoten: „O Jesis, was bisch du mer für e verlogenes Büebli!“

Lachend beteuert Jobbeli seine Behauptung und sucht Chüngi an der Hüfte

zu umfassen, doch schwapp sitzen ihm des Mädchens fünf Finger im

Gesicht, und der Bursch reibt sich verdutzt die geschlagene Wange. Im

selben Augenblick wird die Thür geöffnet und ein stattlicher Bursch

tritt ein, die Scene mit Hallo begrüßend und zu Jaköble gewendet,

fragend: „Isch was gange, Jobbeli?“

Im grünen Tann · 第 8 / 19 题