Die Herzogskerze

Über den „toten Bühl“, einen Teil der Hochebene im südlichen

Schwarzwald Badens, braust der Herbstwind in langen Stößen; es seufzt

der Tann in den niederen Lagen, oben aber auf der kahlen Höhe ächzen die

wenigen alten knorrigen Buchen und am einsam ragenden Kruzifix bebt die

Holzfigur des Heilandes, nachdem Regen und Wind die Holznägel gelockert

und die Befestigung mürbe gemacht haben. Öd und rauh, unwirtlich ist

dieser Strich badischen Schwarzwaldlandes, den der Volksmund selbst

bezeichnend den „toten Bühl“ nennt, weil die Hügelreihe wahrhaftig an

den Tod der Natur gemahnt, heimgesucht von scharfem Westwind und

häufigem starken Schneefall, der schon auf die alten Strohdächer der

Walddörfer fällt, wenn drüben am glitzernden Rhein, im sonnigen Garten

des badischen Unterlandes Wiesen und Matten noch im spätsommerlichen

Glanze prangen. Einzelne Gemarkungsnamen verraten nur zu deutlich die

Selbstkritik der Wäldler über ihre engste, selten verlassene Heimat;

hier heißt ein Wiesengrund das „elende Löchle“, dort eine

felsendurchsetzte, von Bergföhren umwucherte Fläche das „öde Land“. Und

verschlossen, rauh wie seine Heimat ist auch der Hauensteiner in dieser

alten Gemarkung mit seiner zähen Anhänglichkeit an die alten Zeiten, an

die sagenhaften alten „Handfesten und Privilegy“ des Grafen Hans, an sie

Einung und mittelalterliche Reichsunmittelbarkeit mit ihren schweren

Kämpfen gegen Obrigkeit und neues Recht. „Hotzen“ heißen die Bewohner

des Hauensteiner Waldgrundes nach ihrer künstlich gefälteten Pluderhose,

die oft zehn bis zwölf Ellen Tuch beansprucht, wenn die nach Geschmack

und Brauch der stämmigen alemannischen Wäldler sein soll. Der über die

unwirtlichen Höhen brausende Wind erzählt den Wäldlern manches von

goldener Freiheit, die auf den herüberblinkenden Schweizer Bergen

herrscht, er singt in kraftvoller Weise von Unabhängigkeit, wie sie in

den Urkantonen des Nachbarlandes gedeiht; nichts aber dringt herein in

den Tannichtschatten und in das Waldesweben von neuer, anderer Zeit, und

unberührt bleibt der Hauensteiner vom Getriebe einer fremden Welt.

Immer schärfer bläst der Wind aus West; schwarzgrau verhangen ist das

Firmament, schon wirbeln einzelne Flocken über den „toten Bühl“ als

Vorboten des frühen Winters mit seiner unerbittlich strengen Herrschaft,

so er sich einmal eingenistet hat im öden Waldstrich, der hochgelegenen

Heide und in den wuchtigen Steinfeldern. Immer dringlicher rüttelt der

Wind an den mächtigen moosumwucherten Strohdächern des einsam im „toten

Bühl“ liegenden Dörfchens Hochschür, als will er der Bedachung Stücke

entreißen und fort in die Lüfte führen, den armen Wäldlern zum Trutz.

Besonders wütet die Windsbraut um das einsam seitwärts dem Dörflein

stehende Wirtshaus, dessen vergilbtes Schild kaum noch erkennen läßt,

daß einst die drei Könige aus dem Morgenland Schutzpatrone für zechende

Hotzen gewesen sind. Die Hochschürer haben denn auch völlig auf die

morgenländischen Wirtshauskönige vergessen und lieber dem daneben

stehenden abgeworbenen Lindenbaum zu Ehren die weltverlassene Raststätte

zum „dürren Ast“ benamset, wo ein Säuerling verabreicht wird, der selbst

grimmig verrissene Schuhe wieder zusammen zu ziehen in der Lage ist. Das

sturmumtoste Wirtshaus ist geflickt, wo man es nur betrachtet; geflickt

durch eingefügte Strohbüscheln das uralte verwitterte Dach, geflickt die

eingedrückten Fensterscheiben durch Papierverklebung; die Thüren zeigen

gähnende Löcher, durch welche der Höhenwind wohl luftig pfeift und den

Qualm des Herdfeuers vergnüglich durch den Flur jagt bis hinter zum Tenn

und durch das wackelige Scheuerthor hinaus auf die „Einfahr“. Grimmig

gröhlt und rüttelt der Sturmwind am Hausgerät im „Schild“, im freien

Raum, der noch vom vorgehenden Dach überwölbt ist; doch mag es hier

knattern und krachen, ächzen und poltern, das Getöse lockt weder den

Wirt zum „dürren Ast“, noch sonst einen Inwohner aus dem Hause hervor,

und das Streulaub kann im tollsten Getriebe um das Haus wirbeln, niemand

wird den Hausen etwa mit Tannicht biegen oder mit Steinen beschweren, um

einer Entführung vorzubeugen. Streitpeterle, der Wirt zum „dürren Ast“

hat wichtigere Dinge im Kopf, als sich um solche geringfügige Sachen zu

kümmern; er hockt drinnen in seiner Stube und brütet nach über eine

Angelegenheit, die sein Sohn ihm heute morgen brühwarm aus Waldshut

hinterbrachte, so eine vertrakte Neuerung, wie sie in letzter Zeit

mehrfach die Wäldler überraschten und zum sinnieren veranlagten. Mit Amt

und um eine Sache „uszuprobyre“ auch mit dem Hofgericht zu Freiburg zu

prozessieren, ist für den alten Peter eine Kleinigkeit und ob seiner

Prozeßlust, die sein Hab und Gut allmählich aufgesaugt, hat der „dürre

Ast“-Wirt auch den Vulgärnamen „Streitpeterle“ wegbekommen, was ihn

diesmal stumm und nachdenklich macht ist die Botschaft, daß die

Regierung eine Feuerschauordnung verfügt und angeordnet haben solle, daß

durch bestellte Schornsteinfeger die Kamine selbst in den Walddörfern

und Einödhöfen untersucht und gekehrt werden müssen. Peterle hatte

anfangs seinen flachshaarigen Buben, den zwanzigjährigen Jaköble mit

weit ausgerufenen Augen und offenem Mund angestarrt, ohne ein Wort aus

dem Schlund zu bringen. Für ihn war die Neuigkeit so überwältigend, als

wenn Jobbeli etwa gemeldet hätte, der „Salpeterhannes“ sei wieder

lebendig geworden und habe die Einung zu den Waffen gegen die

vorderösterreichische Regierung gerufen, wiewohl Haus Albiez schon an

die achtig Jahre im Grabe ruht.

In einem Schwarzwaldhaus, in einem Einungsgehöft die Esse kehren! Und

noch dazu bei Peter Gottstein, der sich aufs Protestieren und

Prozessieren besser versteht als all' die gelahrten Herren von Freiburg

bis Mannheim! Aber es wird nichts daraus! Hat der alte Gaugraf Hans von

Hauenstein keinen Rauchfangkehrer gehabt, so kann der Streitpeterle

solchen um vier Jahrhunderte später auch entbehren, zumal auch erst

ausprobyret werden muß, ob die Appenzeller und Graubündener ihre Kamine

fegen lassen oder ob sothane Verfügung ein uralte Rechte verletzender

Eingriff der Regierung sei, welch' letztere den Hotzen nichts zu

befehlen habe. Also sinniert Peterle vor sich hin und schiebt von Zeit

zu Zeit die schwielige Rechte in sein buschiges Grauhaar, wie wenn er

seinen Gedanken oben an der Schädeldecke Luft machen wollte. Und

zeitweilig knurrt er und beißt die Zahnstumpen aufeinander. Dann springt

er auf, schreitet auf ein Regal aus Tannenholz zu, in dem sich

feinsäuberlich geordnet dicke Aktenstöße befinden und trägt nun Fascikel

um Fascikel auf den rohgefügten Tisch, um nachzuschlagen, ob sich

darinnen etwas vorfinde, worein man sich zu einem kräftigen Protest

einhängen könne. Aber soviel Peter auch blättert in den Schriften,

Nummer um Nummer durchnimmt, es findet sich nichts von Schlotfegerei.

Gerichtsbeschlüsse, alte Hofentscheide von Großvaterszeiten her,

unangenehme Sachen mit ihren Erinnerungen an die unglücklich verlaufenen

Salpetererkriege und Prozeßakten, kostspielige Schriftstücke, die Peters

schönste Kühe und Äcker verschlungen und ihn schier arm gemacht haben.

Und nach Durchsicht seiner Registratur kommt Peterle folgerichtig in

seinem Gedankengang zu dem Schluß: „Enthalten seine wohlgeordneten Akten

nichts von einer Feuerbeschau und Schlotfegerei, so könne sothane

Verordnung unmöglich Rechtens sein.“ Und daher nimmt Peter einen Bogen

Kanzleipapier, taucht die verstaubte Feder in die halb eingetrocknete

Tinte und kritzelt mit dem knisternden Gänsekiel nieder: „Beschluß! Von

einer Verpflichtung, meinen Kamin durch ein fremdes Organ fegen zu

lassen, findet sich in den Akten seit Großvaters Zeit her nichts vor,

war auch niemals Brauch im Hauensteinschen Land. Daher wird sothaner

Neuerung die Zustimmung verweigert und jeder fremde Schlotfeger

hinausgeworfen, so er sich heraufwagt. Auch wird ihm Atzung und Trunk in

der Gaststube nicht verabreicht. Gegeben am Evaristustage Anno 1805.

Peter Gottstein.“

Mit vieler Mühe hat Peterle diesen „Beschluß“ zu Papier gebracht und

sodann seinen Akten beigegeben. Förmlich erleichtert erhebt er sich,

bringt die Fascikel wieder Nummer für Nummer in das Regal und spricht

vor sich hin: „Und nun soll es Einer probyre, der Peterle wird zu handle

wisse bi Gott!“

Im selben Augenblick wird die Thüre geöffnet und ein zierlicher

Mädchenkopf luegt herein. Es ist des Wirtes Thrinele, die beim Anblick

des Vaters und der Akten erschrocken stammelt: „Aber Ätti, schon wieder

hascht mit den alten Papieren zu schaffen?“

„Das hat dich nichts zu kümmern, Thrinele! Auch verstehst du davon

nichts! Das ist meine Sache, die ich ausprobyre werde bis zur letzten

Instanz!“ Thrinele ist völlig in die Stube getreten und schreitet wie

das Bachstelzlein auf den Vater zu, auf dessen Arm sie ihre Rechte legt

und schmeichelnd bittet, es möge Ätti durch neues Prozessieren nicht

sich und alle völlig ins Unglück bringen. Zugleich sucht das schmucke

Mädel durch vorsichtiges Fragen herauszukriegen, was denn abermals die

Prozeßlust des streitsüchtigen Vaters geweckt habe. Peter poltert denn

auch rasch heraus, daß aus der behördlichen Schlotfegerei nichts werde,

so lange er seine Arme rühren und auf den Beistand der gleichgesinnten

Bühler rechnen könne.

Thrinele vermag nicht sogleich zu erfassen, worum es sich aufs neue

handle und fragt: „Schlotfegerei, was soll das bei uns? Das isch in

unserer Gegnig (Gegend) nit Brauch gsi!“

„Der alte Graf Hans wird sich im Grabe umdrehen, wenn er vernehmen

könnte, was für Neuerungen es giebt auf dem Wald! Aber es wird solche

bei Gott nicht nicht geben! Noch leben treue Anhänger der heiligen

Salpeterersache,[1] für die wir leben und sterben!“

„Ach Ätti! Laß' doch ab von solcher Sache! Sie hat sich überlebt und nur

Unglück gebracht in unser Land!“

„Schweig' Maidli! Eine Sache, für die so viele Wäldler das Leben

gelassen, Männer wie Wybervölker, überlebt sich nicht, sie stirbt nicht,

so wenig wie unser alter Glauben! Wir wollen frei bleiben und treu der

Kirche, alles andere ist eitel und für uns nicht von Rechtens! Und in

meinen Rauchfang wird kein Franzose, kein Österreicher, wie kein

anderer klettern! So wahr der alte Gott lebt und ich Peter Gottstein

heiße!“

„Ist's denn aber auch wahr, daß wirkliche Schlotgücksler in den Wald

kommen sollen?“

„Frili isch's wahr! Der Jaköble hat die Kunde mitgebracht von Waldshut

und andere Botschaft dazu, daß die Wälderchnabe ohne Ausnahm' Soldate

werden müsse und die Alten neue Steuern, Accise zahle! Gott verdamm' mi,

daraus wird nichts, sag' ich!“

„Ätti, ich mein', das Schlotgückslen wär' aber doch noch zu ertragen!“

„Nein! Das wird nur der Anfang sein und alles andere kommt noch nach!“

„Wenn das Schlotfegen uns aber nichts kostet, mein ich —“

„Nichts kosten, haha! Ausziehen werden sie uns und schinden, bis die

letzte Ziege aus 'm Haus ist! Das haben unsere Vordern erlebt mit dem

Waldpropst wie mit 'm Vogt zu jeglichen Zeiten! Drum schwör' ich: Eher

werd' ich zum Chilchhof getragen, bevor mir ein Fremder in den Schlot

steigt! Und die Füsi (Flinten) sollen knattern wie zu Hannes Zeiten!“

Erschreckt wirst sich Thrinele an Vaters Brust und sucht ihn zu

beruhigen mit dem Hinweis, daß ein Schlotgücksler doch wahrlich nicht

ein Blutvergießen und sonstiges Unheil wert sei.

Noch poltert der Alte: „Der Gücksler frili nit!“ da schreit des Wirtes

blonder Jaköble wie besessen zur Thüre herein: „Sie kommen!“ und

prasselt wieder zurück und durch den Flur ins sturmdurchtoste Freie.

Augenblicklich stößt Peter sein Maidli von sich und zetert nach der

Füsi, um den Gücksler gebührend mit einem Schrothagel begrüßen zu

können. Wie umgewandelt ist Thrinele, verschwunden jegliche Sanftmut,

ein entschlossener Zug tritt in ihrem zarten Gesichtchen hervor und

scharf fordert sie den Ätti auf, Gewalt zu unterlassen. Doch schon

greift der Wirt nach der Flinte, die in einer Ecke hängt, immer scharf

geladen, da wirst sich Thrinele ihm entgegen, reißt das Gewehr samt dem

Nagel herunter, mit zitternder Hand schlägt sie den Hahn zurück, dreht

den Lauf dem Fenster zu und drückt blitzschnell ab. Dichter Pulverdampf

erfüllt die Stube, klirrend fallen die Scheibenscherben auf das Pflaster

vor dem Hause. Verdutzt blickt der Alte auf seine so urplötzlich resolut

gewordene Tochter und auf das abgeschossene Gewehr. Thrinele stellt

wortlos die Waffe in die Ecke und verläßt die Stube. Dann folgt ihr

Peter, unschlüssig, wie er nun den Feind abwehren soll. Und da ist sie

auch schon die Gücksler-Kommission: ein Beamter in Uniform mit langem

Schleppsäbel und einer Aktentasche, einen gewaltigen Dreispitz mit

Federbusch auf dem Kopf, und neben ihm der Rauchfangkehrer in schwarzer

Adjustierung mit Kratzeisen und der Leiter auf der rechten Schulter. Des

Alten Sohn Jaköble beguckt die seltsame Kommission ungefähr mit der

Andacht, mit welcher eine Kuh das neue Scheunenthor beschaut, indes

Thrinele vor dem gestrengen Kommissär einen Knicks macht und nach seinem

Begehr fragt. Zögernd ist auch der Vater nähergetreten, der seine Fäuste

in den Sack gesteckt, um seinen Ingrimm nicht äußerlich zu schnell

erkennen zu lassen. Es funkeln seine Augen ohnehin verräterisch genug

und die zusammengekniffenen Lippen künden keineswegs Liebe und Sanftmut.

Mit schnarrender Stimme verkündet der Beamte das neue Edikt betr. den

Schlotkehrzwang und fordert Unterwerfung und Einlaß für seinen schwarzen

Begleiter im Namen des Großherzogs von Baden. Sodann fragt der

Federbuschträger, sich zum Alten wendend, was der Schuß zu bedeuten

hatte. Peter zieht sein Gesicht in höhnische Grimasse, Thrinele jedoch

giebt schnell die Antwort, daß das Gewehr sich zufällig entladen und der

Schuß keineswegs der anrückenden Kommission gegolten habe.

„So so! Na, ist Euer Glück! Künftig spritzt aber keinem Beamten Schrot

ins Gesicht, so Ihr nicht Bekanntschaft mit Eisenmeister und Galgen

machen wollt. — Öffnet also und laßt den Kaminfeger ein zur Arbeit! Bei

Euch, Peter Gottstein soll im oberen Wald begonnen werden!“

Im grünen Tann · 第 7 / 19 题