DAS NESSOSHEMD

Wie der Schrei des Adlers, die Luft auf Bergeshöhen erschütternd, eine

Schneewächte löst, die rollend zur Lawine wächst und den Glanz

verborgen gelegener Eisflächen enthüllt, so reißen die Worte des Urahns

ein Stück meines Ichs in mir los.

Den Psalm verschlingt ein heulendes Sausen im Ohr, der Anblick des

Zimmers erlischt vor meinen Augen und ich glaube hinabzustürzen in den

grenzenlosen Weltraum.

„Jetzt, jetzt werde ich zerschellen!“ Aber das Fallen will kein Ende

nehmen; mit immer größerer, rasender Schnelle saugt mich die Tiefe ein,

und ich fühle, wie mein Blut das Rückgrat emporschießt und die

Schädeldecke als leuchtende Garbe durchbricht.

Ich höre das Krachen der Knochen, dann ist alles vorbei; ich stehe auf

den Füßen und weiß: es war eine Sinnestäuschung, ein magnetischer Strom

hat mich durchdrungen von den Sohlen bis zum Haupte und in mir die

Empfindung erweckt, als stürzte ich in einen bodenlosen Schlund.

Voll Staunen blicke ich umher und wundere mich, daß die Lampe so ruhig

auf dem Tisch brennt und nichts sich verändert hat! Komme ich mir

selbst doch vor wie verwandelt, als hätte ich Flügel und könne sie

nicht gebrauchen.

„Ein neuer Sinn hat sich mir erschlossen“, weiß ich, und doch kann ich

lange nicht ergründen, worin er besteht und wieso ich ein anderer bin,

bis mir langsam zum Bewußtsein kommt: ich halte einen runden Gegenstand

in der Hand.

Ich blicke hin: nichts zu sehen; ich öffne die Finger: das Ding

verschwindet, aber ich höre nicht, daß etwas zu Boden fiele; ich balle

die Faust: und es ist wieder da, kalt, rund wie eine Kugel und hart.

„Es ist der Knauf des Schwertes“, errate ich plötzlich; ich taste und

finde die Klinge, ihre Schärfe ritzt mir die Haut.

Schwebt das Schwert in der Luft?

Ich entferne mich einen Schritt von der Stelle, wo ich stand, und fasse

nach ihm. Diesmal greifen meine Finger glatte, metallene Ringe, die

eine Kette bilden, um meine Hüften geschlungen, daran die Waffe hängt.

Eine tiefe Verwunderung beschleicht mich, die erst weicht, als mir

allmählich klar wird, was sich begeben hat: der innere Tastsinn, der

Sinn, der im Menschen am festesten schläft, ist erwacht; die dünne

Scheidewand, die das jenseitige Leben vom irdischen trennt, ist für

immer durchbrochen.

Seltsam! So winzig schmal ist die Schwelle zwischen beiden Reichen, und

doch hebt keiner den Fuß, sie zu überschreiten! Dicht an die Haut

grenzt die andere Wirklichkeit, aber wir fühlen sie nicht! Hier, wo die

Phantasie neues Land erschaffen könnte, macht sie Halt.

Die Sehnsucht nach Göttern und die Furcht, mit sich allein zu sein und

Schöpfer seiner eigenen Welt zu werden, ist es, die den Menschen hemmt,

die magischen Kräfte zu entfalten, die in ihm schlummern; Gefährten

will er haben und eine Natur, die machtvoll ihn umgibt; Liebe und Haß

will er üben, Taten begehen und an sich erleben! Wie könnte er es,

machte er sich selbst zum Schöpfer neuer Dinge?!

„Du brauchst nur die Hand auszustrecken und du wirst das Antlitz deiner

Geliebten berühren“, lockt es mich heiß, aber mir graut bei dem

Gedanken, daß Wirklichkeit und Phantasie dasselbe ist. Die

Furchtbarkeit der letzten Wahrheit grinst mir ins Gesicht!

Schrecklicher noch als die Möglichkeit, ich könnte ein Opfer

dämonischer Berührung werden oder hinaustreiben ins uferlose Meer des

Irrsinns und der Halluzinationen, ist mir die Erkenntnis: es gibt

nirgends Wirklichkeit, weder dort noch hier, es gibt nur Phantasie!

Ich erinnere mich der angstvollen Worte: „Hast du die Sonne gesehen?“

die einst mein Vater sprach, als ich ihm erzählte von meiner Wanderung

auf den Berg; „wer die Sonne sieht, der gibt das Wandern auf; er geht

ein in die Ewigkeit.“

„Nein; ich will ein Wanderer bleiben und dich wiedersehen, Vater! Mit

Ophelia will ich vereint sein und nicht mit Gott! Ich will die

Unendlichkeit und nicht die Ewigkeit. Was ich mit geistigen Augen und

Ohren sehen und hören gelernt habe, das, will ich, soll auch

Wirklichkeit sein meinem Gefühlssinn. Verzicht leiste ich, ein mit

Schöpferkraft gekrönter Gott zu werden; aus Liebe zu euch will ich ein

erschaffener Mensch bleiben; ich will das Leben mit euch teilen zu

gleichen Teilen.“

Wie zum Schutze vor der Versuchung, meine Arme in Sehnsucht

auszustrecken, umklammere ich den Schwertgriff:

„Deiner Hilfe, Meister, vertraue ich mich an! Sei du der Schöpfer alles

dessen, was mich umgibt.“

So deutlich wird meiner tastenden Hand das Gesicht am Knaufe bewußt,

daß ich es tief in meinem Innersten zu erleben glaube. Es ist ein Sehen

und Fühlen zugleich: das Errichten eines Altars zur Aufbewahrung des

Allerheiligsten.

Eine geheimnisvolle Kraft quillt daraus, die sich auf die Dinge

überträgt und ihnen Seelen einhaucht.

Als hörte ich es in Worten, weiß ich: die Lampe dort auf dem Tisch ist

das Ebenbild deines irdischen Lebens, das Zimmer deiner Einsamkeit hat

sie beleuchtet, jetzt wird sie zum schwelenden Schein; ihr Öl geht zu

Ende.

Es drängt mich, unter freiem Himmel zu sein, wenn die Stunde des großen

Wiedersehens schlägt!

Eine Leiter führt zu dem flachen Dach, darauf ich oft als Kind heimlich

saß, um staunend zu betrachten, wie der Wind weiße Gesichter und

Drachengestalten in die Wolken blies.

Ich klimme hinauf und setze mich auf das Geländer.

Versunken in Nacht liegt die Stadt da unten.

Meine ganze Vergangenheit, Bild um Bild schwebt empor und schmiegt sich

ängstlich an mich, als wolle sie mahnen: „Halte mich fest, nimm mich

mit, auf daß ich nicht in Vergessenheit sterben muß und leben darf in

deinem Gedächtnis.“

Ringsum am Horizont zuckt das Wetterleuchten auf: ein glühendes, rasch

spähendes Riesenauge, und die Häuser und Fenster werfen den

Flammenschein auf mich, geben verräterisch das Fackelzeichen zurück:

dort, dort! Dort steht er, den du suchst!

„Alle meine Diener hast du erschlagen, jetzt komme ich selbst“, geht

ein fernes Heulen durch die Luft; ich muß an die Herrin der Finsternis

denken und an das, was mein Vater sagte über ihren Haß.

„Nessoshemd!“ zischt ein Windstoß und reißt an meinem Gewand.

Der weiße Dominikaner · 第 31 / 32 题