Unvergeßlich sind mir die Eindrücke, die ich empfand, als ich eines
Tages daranging, den Nachlaß meines Vaters und unserer Vorfahren zu
besichtigen.
Stockwerk für Stockwerk nahm ich in Augenschein: mir war, als stiege
ich hinab von Jahrhundert zu Jahrhundert bis tief ins Mittelalter
hinein.
Kunstvoll eingelegte Möbel, die Schubladen voll Spitzentücher; blinde
Spiegel in schimmernden Goldrahmen, aus denen ich mir entgegenblickte,
grünlich milchig wie ein Gespenst; dunkelgewordene Porträts von Männern
und Frauen in altertümlichen Gewändern, der Typus wechselnd, wie er der
Zeit eigentümlich gewesen, und doch immer eine gewisse
Familienähnlichkeit in allen Gesichtern, die manchmal abzunehmen
schien, von Blond überging ins Brünette, um dann plötzlich wieder in
voller Ursprünglichkeit hervorzubrechen, als habe der Stamm sich seines
Wesens erinnert.
Goldene, juwelengeschmückte Dosen, einige noch Spuren von Schnupftabak
enthaltend, als seien sie gestern noch in Gebrauch gewesen;
Perlmutterfächer, seidene, zerschlissene, fremdartig geformte
Stöckelschuhe, denen ich im Geiste, als ich sie nebeneinanderstellte,
jugendliche weibliche Gestalten entsteigen sah: die Mütter und Frauen
unserer Ahnen; Stäbe mit gelbgewordenen Elfenbeinschnitzereien; Ringe
mit unserem Wappen, bald winzig eng, wie für Kinderfinger bestimmt,
dann wieder solche von einer Größe, als hätten Riesen sie getragen;
Spinnrocken, daran das Werg durch das Alter so dünn geworden war, daß
es unter dem Hauch eines Atems zerfiel.
In manchen Zimmern lag der feine Staub so hoch, daß ich bis zu den
Knöcheln darin waten mußte und Wulste sich anhäuften, wenn ich die
Türen öffnete; aus meinen Fußtapfen leuchteten Blumenornamente und
Tiergesichter auf, wie ich mit meinen Schritten die Teppichmuster
bloßlegte.
Die Betrachtung all dieser Sachen nahm mich derart gefangen, daß ich
wochenlang damit zubrachte und zuweilen dem Bewußtsein, es lebten noch
Menschen außer mir auf dieser Erde, völlig entrückt war.
Als halbwüchsiger Junge hatte ich einst bei einem Schulausflug das
kleine Museum unserer Stadt besucht, und ich weiß noch, welche
Abspannung und Müdigkeit uns befallen hatte, als wir die vielen
altertümlichen, uns innerlich so fremden Gegenstände besichtigten; wie
gänzlich anders war das hier! Jedes Ding, das ich in die Hand nahm,
wollte mir erzählen; ein eigentümliches Leben ging von ihm aus:
Vergangenheit meines eigenen Blutes hing daran und wurde mir zu
seltsamem Gemisch aus Gegenwart und Einst. — Menschen, deren Knochen
längst in Gräbern moderten, hatten hier geatmet. Voreltern, deren Leben
ich in mir trug, in diesen Räumen gewohnt, ihr Dasein als wimmernde
Säuglinge angetreten, es im Todeskampf röchelnd beschlossen, hatten
geliebt und getrauert, gejubelt und geseufzt, ihr Herz an Dinge
gehängt, die jetzt noch so herumstanden, wie sie verlassen worden waren
und voll heimlichen Flüsterns wurden, wenn ich sie anfaßte.
Da war ein gläserner Eckschrank mit Schaumünzen in roten Sammetetuis,
goldene, die noch hell und glanzwach waren, mit Rittergesichtern,
silberne, schwarz geworden, als seien sie gestorben, alle in Reihen
gelegt, jede mit einem Zettel versehen, die Schrift unleserlich und
verblichen; eine morsche und dennoch heiße Gier ging von ihnen:
„sammle, sammle uns, wir müssen vollzählig werden“; Eigenschaften, die
ich nie gekannt, flatterten auf mich zu, schmeichelten und bettelten:
„nimm uns auf, wir werden dich glücklich machen.“
Ein alter Lehnstuhl mit wundervoll geschnitzten Armen, scheinbar die
Ehrwürdigkeit und Ruhe in Person, lockte mich, in ihm zu träumen,
versprach mir: „Ich will dir Geschichten erzählen aus alten Tagen“,
dann, als ich mich ihm anvertraut, drosselte mich eine wortlose,
greisenhafte Qual, als sei es die graue Sorge selbst, auf deren Schoß
ich mich gesetzt, meine Beine wurden schwer und steif, als sei ein
Gelähmter ein Jahrhundert lang hier gefesselt gewesen und wolle sich
erlösen, indem er mich in sein Ebenbild verwandle.
Je weiter ich vordrang in die tiefer gelegenen Gemächer, desto
finsterer, ernster, prunkloser der Eindruck.
Rohe, derbe Eichentische; ein Herd statt feiner Kamine; getünchte
Wände; Zinnteller; ein rostiger Kettenhandschuh; steinerne Krüge; dann
wieder eine Kammer mit vergittertem Fenster; Pergamentbände
umhergestreut, von Ratten zernagt; tönerne Retorten, wie sie die
Alchemisten gebraucht haben; ein eiserner Leuchter; Phiolen, darin
Flüssigkeiten zu Kesselstein geworden waren: der ganze Raum erfüllt von
der trostlosen Aura eines Menschenlebens enttäuschter Hoffnungen.
Der Keller, in dem der Chronik nach unser Urahn, der Laternanzünder
Christophorus Jöcher, gelebt haben soll, war mit einer schweren
Bleitüre verschlossen. Keine Möglichkeit, sie aufzubrechen.
Als ich meine Forschungen in unserem Hause beendet hatte und —
gleichsam nach einer langen Reise ins Reich der Vergangenheit — wieder
einzog in meine Wohnstube, hatte ich das Gefühl, als sei ich geladen
bis in die Fingerspitzen mit magnetischen Einflüssen; die vergessene
Atmosphäre da unten begleitete mich wie eine Gespensterschar, der die
Kerkertür ins Freie geöffnet worden ist, Wünsche, die das Dasein meinen
Vorfahren unerfüllt gelassen, waren ans Tageslicht geschleppt, wachten
auf und suchten mich in Unruhe zu stürzen, bestürmten mich mit
Gedanken: „Tue das, tue jenes; dieses ist noch unvollendet, jenes nur
halb geschehen; ich kann nicht schlafen, ehe du es nicht statt meiner
vollbracht hast!“ Eine Stimme flüsterte mir zu: „Geh noch einmal
hinunter zu den Retorten; ich will dir sagen, wie man Gold macht, und
den Stein der Weisen bereitet; ich weiß es jetzt, damals ist es mir
nicht gelungen, denn ich bin zu früh gestorben“, — dann wieder vernehme
ich leise, tränenschwere Worte, die aus Frauenmund zu kommen scheinen:
„Sag du meinem Gatten, ich habe ihn trotz allem immer geliebt; er
glaubt es nicht, er hört mich jetzt nicht, da ich tot bin, dich wird er
verstehen!“ — „Rache! Verfolg seine Brut! Erschlag sie! Ich will dir
sagen, wo sie ist. Gedenke meiner! Du bist der Erbe, du hast die
Pflicht der Blutrache!“ zischt ein glühheißer Atem mir ins Ohr und mir
ist, als hörte ich den Kettenhandschuh klirren. — „Geh ins Leben
hinaus! Genieße! Ich will noch einmal die Erde schauen mit deinen
Augen!“ sucht mich der Zuruf des Gelähmten im Lehnstuhl zu betören.
Wie ich sie aus meinem Hirn vertreibe die Schemen, scheinen sie zu
bewußtlosen Fetzen eines elektrisch umherirrenden Lebens zu werden, das
von den Gegenständen des Zimmers aufgesogen wird: spukhaft kracht es in
den Schränken; ein Heft, das auf dem Bort liegt, raschelt; die Dielen
knistern, als ginge ein Fuß darüber hin; eine Schere fällt vom Tisch
und bohrt sich mit einer Spitze in den Boden, als wolle sie eine
Tänzerin nachahmen, die auf der Zehenspitze stehen bleibt.
Voll Unruhe gehe ich auf und ab; „es ist die Erbschaft der Toten“,
fühle ich; ich zünde die Lampe an, denn die Nacht steigt auf und die
Dunkelheit macht meine Sinne zu scharf; die Schemen sind wie die
Fledermäuse: „das Licht wird sie verscheuchen; es geht nicht an, daß
sie noch länger mein Bewußtsein plündern!“
Die Wünsche der Verstorbenen habe ich stumm gemacht, aber die Unrast
der gespenstischen Erbschaft will nicht aus meinen Nerven weichen.
Ich krame in einem Spind, um mich abzulenken: ein Spielzeug, das mir
einst mein Vater zu Weihnachten geschenkt, fällt mir in die Hände: eine
Schachtel mit Glasdeckel und Glasboden; Figuren aus Holundermark,
Männlein und Weiblein und eine Schlange sind darin; wenn man mit einem
Lederbausch über das Glas fährt, werden sie elektrisch, verbinden sich,
fahren auseinander, hüpfen, kleben bald oben, bald unten und die
Schlange freut sich und macht die absonderlichsten Windungen. „Auch die
da drin glauben, sie leben“, denke ich bei mir, „und doch ist es nur
die eine Allkraft, die ihnen Bewegung verleiht!“ Dennoch kommt es mir
nicht in den Sinn, das Beispiel auf mich selbst zu beziehen: ein
Tatendurst überfällt mich plötzlich, und ich bringe ihm kein Mißtrauen
entgegen; der Lebenstrieb der Verstorbenen naht sich unter anderer
Maske.
„Taten, Taten, Taten müssen vollbracht werden!“ fühle ich; „ja, das ist
es! Nicht das, was die Vorfahren selbsüchtig wollten, daß geschähe“ —
so suchte ich mir einzureden —, „nein, etwas viel Größeres soll ich
tun!“
Wie Keime hat es in mir geschlummert, jetzt bricht es auf, Samenkorn um
Samenkorn: du mußt ins Leben hinaus, Taten vollbringen für die
Menschheit, der du doch angehörst als ein Teil! Sei ein Schwert im
allgemeinen Kampf gegen das Medusenhaupt!
Unerträgliche Schwüle herrscht im Zimmer; ich reiße das Fenster auf:
der Himmel ist ein bleiernes Dach geworden, ein undurchdringliches
schwärzliches Grau. Fern am Horizont zuckt Wetterleuchten. Gott sei
Dank, ein Gewitter zieht auf. Seit Monaten kein Tropfen Regen, die
Wiesen verdorrt, bei Tage flirren die Wälder im zitternden Hauch der
verdurstenden Erde.
Ich gehe zum Tisch und will schreiben. Was? Wem? Ich weiß es nicht.
Vielleicht dem Kaplan, daß ich zu verreisen gedenke, um mir die Welt
anzusehen?
Ich schneide eine Feder, setze an, da übermannt mich Müdigkeit; ich
lasse den Kopf auf den Arm sinken und schlafe ein.
Die Platte des Tisches gibt echogleich, verstärkend wie ein
Resonanzboden, die Schläge meines Pulses wieder, dann wird ein Hämmern
daraus und ich bilde mir ein, ich schlüge mit einem Beil die Metalltüre
im Keller auf. Wie sie aus den verrosteten Angeln fällt, sehe ich einen
alten Mann herauskommen und wache im selben Augenblick auf.
Bin ich denn wirklich wach? Da steht doch der alte Mann leibhaftig im
Zimmer und blickt mich an mit greisenhaft erloschenen Augen!
Daß ich die Feder noch in der Hand halte, beweist mir, daß ich nicht
träume und bei klarem Bewußtsein bin.
„Ich muß diesen merkwürdigen Fremden schon einmal gesehen haben“,
überlege ich bei mir; „warum trägt er nur in dieser Jahreszeit eine
Ohrenklappe aus Pelz?“
„Ich habe dreimal an die Türe geklopft; als niemand antwortete, bin ich
eingetreten,“ sagt der Alte.
„Wer sind Sie? Wie heißen Sie?“ frage ich verblüfft.
„Ich komme im Auftrag des Ordens.“
Einen Augenblick lang bin ich im Zweifel, ob nicht ein Phantom vor mir
steht: das greisenhafte Gesicht mit dem schüttern, eigentümlich
geformten Bart paßt so gar nicht zu den muskulösen Arbeiterhänden! Wäre
es ein Bild, das ich da sehe, würde ich sagen: es ist verzeichnet.
Irgend etwas stimmt nicht in den Dimensionen! Und der rechte Daumen ist
verkrüppelt; auch das kommt mir merkwürdig bekannt vor.
Heimlich fasse ich den Ärmel des Mannes, um mich zu überzeugen, ob ich
nicht das Opfer einer Sinnestäuschung bin, und begleite die Bewegung
mit der Geste: „Bitte, setzen Sie sich!“
Der Alte übersieht es und bleibt stehen.
„Wir haben Nachricht erhalten, daß dein Vater gestorben ist. Er war
einer der unsrigen. Den Gesetzen des Ordens gemäß steht dir als seinem
leiblichen Sohn das Recht zu, Aufnahme zu verlangen. Ich frage dich:
machst du Gebrauch davon?“
„Es wäre mein größtes Glück, derselben Gemeinschaft anzugehören wie
einst mein Vater, aber ich weiß nicht, welche Zwecke der Orden verfolgt
und was sein Ziel ist. Kann ich darüber Näheres erfahren?“
Der glanzlose Blick des Greises irrt über mein Gesicht. „Hat dein Vater
nie mit dir davon gesprochen?“
„Nein. Nur in Andeutungen. Ich kann wohl aus dem Umstande, daß er in
der Stunde vor seinem Tode eine Art Ordensgewand anlegte, schließen: er
muß einer geheimen Gesellschaft angehört haben; aber das ist wohl
alles, was ich weiß.“
„So will ich es dir sagen: Seit unvordenklichen Zeiten lebt ein Kreis
von Männern auf Erden, der das Schicksal der Menschheit lenkt. Ohne ihn
wäre längst das Chaos hereingebrochen. Alle großen Völkerführer sind
blinde Werkzeuge in unserer Hand gewesen, sofern sie nicht Eingeweihte
der Gemeinschaft waren. Unser Ziel ist, die Unterschiede zwischen Arm
und Reich, zwischen Herr und Knecht, Wissenden und Unwissenden,
Herrschenden und Unterdrückten aufzuheben und aus dem Jammertal, Erde
genannt, ein Paradies zu schaffen, ein Land, in dem das Wort ‚Leid‘
unbekannt ist. Die Bürde, unter der die Menschheit seufzt, ist das
Kreuz der Persönlichkeit. Die Weltseele hat sich zersplittert in
Einzelwesen, daraus entstand jegliche Unordnung. Aus der Vielheit die
Einheit wieder herzustellen, ist unser Wollen.
Die edelsten Geister haben sich in unseren Dienst gestellt und die Zeit
der Ernte steht vor der Tür. Jeder soll sein eigener Priester sein. Die
Menge ist reif, das Pfaffenjoch abzuschütteln. Schönheit ist der
einzige Gott, zu dem die Menschheit hinfort beten wird. Aber noch
bedarf sie tatkräftiger Männer, die ihr den Weg zur Höhe weisen. Darum
haben wir Väter des Ordens Gedankenströme in die Welt geschickt, die
wie Wildfeuer die Gehirne ergreifen, um den Größenwahn der Lehre vom
Individualismus zu verbrennen. Krieg aller für alle! Aus Wildnis einen
Garten zu schaffen, das ist die Aufgabe, die wir uns gestellt haben!
Fühlst du nicht, wie alles in dir nach Tat schreit?! Warum sitzest du
hier und träumst?! Auf, errette deine Brüder!“
Eine wilde Begeisterung ergreift mich. „Was soll ich tun?!“ rufe ich.
„Befiehl, was ich tun soll! Ich will mein Leben hingeben für die
Menschheit, wenn es sein muß. Welche Bedingungen stellt der Orden, daß
ich ihm angehören kann?“
„Blinden Gehorsam! Verzicht auf jedes eigene Wollen! Für die
Allgemeinheit wirken und nicht mehr für dich selbst! Das ist der Weg
aus der Wildnis der Vielheit ins gelobte Land der Einheit.“
„Und woran soll ich erkennen, was ich zu tun habe?“ frage ich, von
plötzlichem Zweifel ergriffen. „Ich soll ein Führer sein, was werde ich
lehren?“
„Wer lehrt, der lernt. Frage nicht: was werde ich sprechen! Wem Gott
ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand. Gehe hin und rede! Die
Gedanken werden wir dir einflößen, darum sorge nicht! Bist du bereit,
den Eid des Gehorsams zu leisten?“
„Ich bin bereit.“
„So lege die linke Hand auf die Erde und sprich mir nach, was ich dir
sagen werde!“
Wie betäubt, will ich gehorchen, beuge mich nieder, da packt mich
plötzlich jäh das Mißtrauen. Ich zögere, blicke auf, die Erinnerung
durchzuckt mich: das Gesicht des Alten, der da steht, habe ich als
Schwertknauf, aus Blutstein geschnitten, gesehen; und der verstümmelte
Daumen gehört zu der Hand des Landstreichers, der einst auf dem
Marktplatz tot umfiel, als er mich erblickte.
Mir wird kalt vor Schreck, aber ich weiß jetzt, was ich zu tun habe;
ich springe auf und schreie den Alten an:
„Gib mir das Zeichen!“ und halte ihm die Rechte hin zum „Griff“, den
mich mein Vater gelehrt hat.
Aber der da steht, ist kein lebender Mensch mehr: ein Gebilde aus
Gliedern, die lose am Rumpf hängen wie bei einem Geräderten! Darüber
schwebt der Kopf, vom Nacken getrennt durch einen fingerbreiten
Streifen Luft; noch beben die Lippen unter dem entweichenden Atem. Ein
scheußliches Wrack aus Fleisch und Bein.
Schaudernd bedeckte ich meine Augen mit den Händen; als ich aufblicke,
ist der Spuk verschwunden, aber frei im Raume hängt ein leuchtender
Ring: darin mit feinen, durchsichtigen Umrissen wie ein blaßblauer
Nebelhauch das Gesicht des Alten mit der Ohrenkappe.
Diesmal ist es die Stimme des Urahns, die aus seinem Munde kommt:
„Trümmer, Balken gestrandeter Schiffe, die auf dem Ozean der
Vergangenheit treiben, hast du gesehen; aus seelenlosen Resten
versunkener Gestalten, aus vergessenen Eindrücken deines Geistes haben
die lemurenhaften Bewohner des Abgrundes das Bild unseres Meisters zum
Hirngespinst geformt, um dich zu täuschen, haben mit seiner Zunge zu
dir geredet leere hochklingende Worte der Betörung, um dich
hineinzulocken, Irrlichtern gleich, in die todbringenden Sümpfe der
planlosen Taten, darinnen schon Tausende vor dir und größere als du
elendiglich versunken sind. ‚Selbstverzicht‘ nennen sie den
Phosphorschein, mit dem sie ihre Opfer überlisten, die Hölle hat
frohlockt, als sie ihn angezündet haben dem ersten Menschen, der ihnen
vertraute. Was sie zerstören wollen, ist das höchste Gut, das ein Wesen
sich erringen kann: das ewige Bewußtsein als Persönlichkeit. Was sie
lehren, ist Vernichtung, aber sie kennen die Gewalt der Wahrheit, darum
sind alle Worte, die sie wählen, Wahrheit — doch jeder Satz daraus
geformt ist abgrundtiefe Lüge.
Wo Eitelkeit und Machtbegier in einem Herzen wohnen, da sind sie zur
Hand und fachen diese trüben Funken an, bis sie glänzen wie helles
Feuer und der Mensch wähnt, in selbstloser Liebe für seinen Nächsten
entbrannt zu sein und hingeht und predigt, ohne berufen zu sein — ein
blinder Führer wird und mit den Lahmen in die Grube stürzt.
Sie wissen gar wohl, daß des Menschen Herze böse ist von Jugend auf und
daß Liebe darin nicht wohnen kann, es sei denn, sie wäre geschenkt von
oben.
Sie wiederholen den Satz: ‚Liebet euch untereinander‘, bis er stumpf
wird; der ihn zuerst sagte, gab denen, die ihn hörten, damit ein
magisches Geschenk; sie aber speien die Worte ins Ohr wie Gift — Unheil
und Verzweiflung, Mord, Blutbad und Verwüstung wachsen daraus empor.
Sie ahmen die Wahrheit nach wie die Vogelscheuche das Kruzifix am
Wegesrand.
Wo sie sehen, daß ein Kristall sich bildet, der symmetrisch — ein
Ebenbild Gottes — zu werden verspricht, da bieten sie alles auf, ihn zu
zertrümmern. Keine Lehre des Ostens ist ihnen zu fein, als daß sie sie
nicht vergröberten, irdisch machten, umstellten und durchlöcherten, bis
sie das Gegenteil darstellt von dem, was gemeint war. ‚Vom Osten kommt
das Licht‘, sagen sie und meinen heimlich die Pest damit.
Die einzige Tat, die des Vollbringens wert ist: die Arbeit am eigenen
Selbst, nennen sie Selbstsucht; Weltverbessern, aber nicht wissen wie,
— Habsucht mit dem Namen ‚Pflicht‘ bemänteln und Neid mit ‚Ehrgeiz‘,
das sind die Gedanken, die sie den irrenden Sterblichen einflößen.
Das Reich zersplitternden Bewußtseins ist ihr Zukunftstraum,
Besessenheit allüberall ihre Hoffnung; sie predigen durch den Mund der
Besessenen das ‚tausendjährige Reich‘ wie einst die Propheten, aber daß
das Reich ‚nicht von dieser Welt‘ ist, solange die Erde sich nicht
verwandelt und der Mensch durch die Wiedergeburt des Geistes — das
verschweigen sie; sie strafen die Gesalbten lügens, indem sie die Reife
der Zeit vorwegnehmen.
Wenn ein Heiland kommen soll, äffen sie ihm vor; wenn er geht, äffen
sie ihm nach.
Sie sagen: tritt als Führer auf! wohl wissend, daß nur einer führen
kann, der vollkommen geworden ist. Sie drehen es um und betrügen:
führe, so wirst du vollkommen.
Es heißt: wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand; sie
aber suggerieren: nimm ein Amt und Gott wird dir den Verstand geben.
Sie wissen: das Leben auf Erden soll ein Zustand des Überganges sein,
darum locken sie listig: ‚mach ein Paradies aus dem Diesseits‘ wohl
kennend die Vergeblichkeit solcher Mühe.
Sie haben die Schatten des Hades befreit und beleben sie mit fluidisch
dämonischer Kraft, damit die Menschen glauben, die Auferstehung der
Toten sei gekommen.
Nach dem Antlitz unseres Meisters haben sie eine Larve geformt, die
spukhaft auftaucht da und dort, bald in den Träumen Hellsichtiger, bald
in den Zirkeln der Geistesbeschwörer als stoffvortäuschende Gestalt,
bald als automatisch sich bildende Zeichnung der Medien; John King —
Johann der König — nennt sich das Gespenst denen, die neugierig nach
seinem Namen fragen, damit der Glaube entstehe, es sei Johannes der
Evangelist. Sie ahmen das Antlitz ‚vor‘ für alle, die, wie du, reif
geworden sind, es in Wahrheit zu schauen; sie bauen vor, um Zweifel
säen zu können, wenn, wie jetzt bei dir, die Stunde naht, wo es des
nimmerwankenden Glaubens bedarf.
Du hast die Larve zertrümmert, da du den ‚Griff‘ verlangtest; jetzt
wird das wahre Antlitz für dich zum Knauf des magischen Schwertes,
geschmiedet ohne Fuge aus einem Stück Blutstein; wer es empfängt, für
den wird lebendig der Sinn des Psalmes: ‚Gürte dein Schwert an deine
Seite, zeuch einher der Wahrheit zu gut und die Elenden bei Recht zu
erhalten, so wird deine rechte Hand Wunder vollbringen!‘“
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