Wieder sind Monate verflossen.
Die bösen Gerüchte über mich sind längst verstummt; die Leute in der
Stadt halten mich wahrscheinlich für einen Fremden; sie beachten mich
kaum, so lange habe ich wie ein Eremit zusammen mit meinem Vater hoch
da oben unter dem Dache gehaust, fern von jeder Berührung mit ihnen.
Wenn ich mir jene Zeit vergegenwärtige, kann ich unmöglich glauben, daß
sich tatsächlich mein Reifen vom Jüngling zum Manne nur innerhalb
unserer vier Wände und so ganz und gar von der Außenwelt abgeschlossen
vollzogen haben sollte.
Gewisse Einzelheiten, wie zum Beispiel der Umstand, daß ich mir neue
Kleider, Schuhe, Wäsche und dergleichen doch wohl irgendwo in der Stadt
besorgt haben mußte, lassen mich schließen: meine innere
Abgestorbenheit damals war so tief gewesen, daß alltägliche
Geschehnisse an meinem Bewußtsein vollkommen eindruckslos
vorübergegangen sind.
Als ich am Morgen nach dem Tode meines Vaters — wie ich glaubte: zum
erstenmal wieder — die Straße betrat, um die nötigen Vorbereitungen zum
Begräbnis zu treffen, staunte ich, wie sich alles verändert hatte: ein
schmiedeeisernes Gitter schloß den Zugang zu unserem Garten ab; durch
die Stäbe hindurch sah ich einen großen Holunderbaum dort, wo ich einst
das Reis gepflanzt hatte; die Bank war verschwunden und an ihrer Stelle
stand auf hohem Marmorsockel die vergoldete Statue der Mutter Gottes,
übersät von Kränzen und Blumen.
Ich konnte mir den Grund dieser Veränderung nicht erklären, aber es
berührte mich wie ein weihevolles Wunder, daß den Ort, wo meine Ophelia
bestattet lag, jetzt ein Standbild der Maria schmückte.
Als ich später den Kaplan traf, erkannte ich ihn kaum, so alt schien er
geworden. Mein Vater hatte ihn bisweilen besucht und mir jedesmal Grüße
von ihm ausgerichtet, aber gesehen hatte ich ihn jahrelang nicht mehr.
Auch er war sehr erstaunt gewesen, als er mich erblickte, hatte mich
verwundert betrachtet und nicht glauben wollen, daß ich es sei.
„Der alte Herr Baron hatte mich gebeten, nicht in sein Haus zu kommen,“
erklärte er mir, „er sagte, es sei nötig, daß Sie einsam blieben eine
bestimmte Reihe von Jahren. Ich habe seinen mir unverständlichen Wunsch
getreulich respektiert.“
Ich kam mir vor wie jemand, der nach langer, langer Abwesenheit wieder
in seine Geburtsstadt zurückgekehrt ist; — ich begegnete erwachsenen
Menschen, die ich als Kinder gekannt hatte; ernste Mienen sah ich, wo
früher ein jugendfrohes Lächeln gewesen; blühende Mädchen waren
sorgenvolle Ehefrauen geworden.
Ich kann nicht sagen, daß das Gefühl des inneren Erstarrtseins mich
damals verlassen gehabt hätte, es war nur etwas hinzu gekommen, wenn
auch nur eine dünne angeflogene Schicht, was mich die Umwelt wieder mit
mehr menschlichem Auge sehen ließ; ich erklärte es mir als den Hauch
animalischer Lebenskraft, der von meinem Vater wie ein Vermächtnis auf
mich übergegangen war.
Als hätte der Kaplan diesen Einfluß instinktiv empfunden, faßte er bald
eine große Zuneigung zu mir und kam mich öfter des Abends besuchen.
„Immer, wenn ich in Ihrer Nähe bin“, sagte er, „ist mir, als säße mein
alter Freund vor mir.“
Bei Gelegenheit erzählte er mir ausführlich, was sich die Jahre über in
der Stadt begeben hatte.
Ich rufe eine solche Spanne Zeit wieder in die Gegenwart zurück:
„Erinnern Sie sich noch, Christopher, daß Sie mir einst als kleiner
Junge sagten, der weiße Dominikaner hätte Ihnen die Beichte abgenommen?
Ich wußte anfangs nicht recht, ob Ihnen Ihre Phantasie nicht einen
Streich gespielt hätte, denn, was Sie mir erzählten, überstieg meine
Glaubenskraft. Ich schwankte lange zwischen Zweifeln und der Annahme,
es könne sich um einen Fall von Teufelsspuk oder von Besessenheit —
wenn Ihnen das besser klingt — handeln. Heute freilich, wo so
Unerhörtes geschehen ist, gibt es für mich nur eine Erklärung: wir
gehen hier in unserer Stadt einer Zeit der Wunder entgegen!“
„Was ist denn alles vorgefallen?“ fragte ich, „ich war ein halbes
Menschenleben lang, wie Sie wissen, von der Welt wie abgeschnitten.“
Der Kaplan überlegte. „Es ist am besten, ich berühre gleich die letzten
Epochen; ich wüßte sonst nicht, wo beginnen. Also: es fing damit an,
daß immer mehr Leute behaupteten, sie hätten um Neumond den gewissen
weißen Schatten, den unsere Kirche der Sage nach bisweilen werfen soll,
mit eigenen Augen gesehen. Ich trat dem Gerücht entgegen, wo ich
konnte, bis ich selbst — ja, ich selbst! — Zeuge der Tatsache wurde.
Aber, gehen wir weiter; es erschüttert mich immer aufs tiefste, wenn
ich darauf zu sprechen komme. Genug: ich sah den ‚Dominikaner‘ selbst!
Ersparen Sie mir die Schilderung; was ich erlebt habe, ist für mich das
Heiligste, was ich mir denken kann.“
„Halten Sie den Dominikaner für einen Menschen, der über besondere
Kräfte verfügt, oder glauben Sie, Hochwürden, er sei — etwas der Art,
wie eine Geistererscheinung?“
Der Kaplan zögerte. „Offen gestanden: ich weiß es nicht! Er erschien
mir in dem Ornat eines Papstes. Ich glaube — ja, ich glaube fest: es
war ein Hellgesicht in die Zukunft hinein; ich hatte eine Vision des
kommenden großen Papstes gehabt, der „flos florum“ heißen wird. Bitte,
fragen Sie mich nicht weiter! Später entstand das Gerede, der
Drechslermeister Mutschelknaus hätte aus Gram darüber, daß seine
Tochter verschollen ist, den Verstand verloren. Ich ging der Sache nach
und wollte ihn trösten: Aber — er tröstete mich. Ich sah sehr bald, daß
ich einen Begnadeten vor mir hatte! Heute wissen wir ja alle, daß er
ein Wundertäter ist.“
„Der Drechslermeister ein Wundertäter?!“ fragte ich erstaunt.
„Ja wissen Sie denn nicht, daß unsere kleine Stadt auf dem besten Wege
ist, ein Wallfahrtsort zu werden!“ rief der Kaplan verblüfft, „Mensch,
haben Sie die ganze Zeit über geschlafen, wie der Mönch von
Heisterbach? Haben Sie denn das Muttergottesbild unten im Garten nicht
gesehen?“
„Ja, ich kenne es“, gab ich zu, „aber welche Bewandtnis hat es damit? —
Ich habe bis jetzt nicht bemerkt, daß viele Leute hingepilgert wären!“
„Das kommt daher“, erklärte der Kaplan, „weil zurzeit der alte
Mutschelknaus durchs Land wandert und durch Auflegen der Hände Kranke
heilt. In Scharen ziehen ihm die Menschen nach; das ist auch der Grund,
weshalb die Stadt gegenwärtig wie ausgestorben ist. Morgen zum
Marienfest kommt er wieder in die Stadt.“
„Hat er Ihnen nie erzählt, daß er spiritistischen Sitzungen beiwohnt?“
fragte ich vorsichtig.
„Nur ganz im Anfang war er Spiritist, jetzt hält er sich fern davon.
Ich glaube, es war ein Übergangsstadium für ihn. Daß sich die Sekte
enorm verbreitet hat, ist ja leider der Fall. Ich sage: ‚leider‘; muß
es wohl sagen, denn wie vertrügen sich die Lehren dieser Leute mit
denen der Kirche! Anderseits frage ich mich: was ist besser, die Pest
des Materialismus, die über die Menschheit gekommen ist, oder dieser
fanatische Glaube, der da urplötzlich aus dem Boden wächst und alles zu
verschlingen droht? Man steht da wirklich zwischen Scylla und
Charybdis.“ Der Kaplan sah mich fragend an und schien eine Antwort von
mir zu erwarten; ich schwieg — ich mußte wieder an das Medusenhaupt
denken.
„Eines Tages rief man mich aus der Pfarrei“, fuhr er fort. „Der alte
Mutschelknaus zieht durch die Straßen; er hat einen Toten auferweckt!
schrie alles aufgeregt durcheinander. Ein höchst seltsames Geschehnis
hatte sich ereignet. Der Leichenwagen war durch die Stadt gefahren, da
hatte der Alte dem Kutscher befohlen, zu halten. ‚Hebt den Sarg
heraus!‘ befahl er mit lauter Stimme. Wie unter einer Suggestion
stehend, gehorchten die Leute ohne Widerspruch. Dann schraubte er
selber den Deckel auf. Die Leiche des Krüppels, den Sie ja kennen — er
lief als Kind immer mit seinen Krücken vor den Hochzeitszügen her — lag
darin. Der Alte beugte sich über ihn und sagte wie einst Jesus: ‚Stehe
auf und wandle!‘ — Und — und“ — der Kaplan schluchzte vor Rührung und
Ergriffenheit, „und der Krüppel erwachte aus dem Todesschlaf! Ich habe
dann den alten Mutschelknaus gefragt, wie alles das denn zugegangen
sei. Sie müssen wissen, Christopher, daß es fast unmöglich ist, etwas
aus ihm herauszubekommen; er befindet sich beinahe ununterbrochen in
einem Zustand der Verzückung, der sich von Monat zu Monat immer mehr
vertieft. Heute gibt er überhaupt keine Antwort auf Fragen mehr.
Damals gelang es mir noch, einiges von ihm zu erfahren. ‚Die Mutter
Gottes ist mir erschienen,‘ sagte er, als ich in ihn drang, ‚sie ist
aus der Erde gestiegen vor der Bank im Garten, wo der Holunderbaum
steht.‘ Und als ich ihm zuredete, mir doch zu schildern, wie die
Heilige ausgesehen habe, sagte er mit einem seltsam stillseligen
Lächeln: ‚Genau wie meine Ophelia.‘ ‚Und wie sind Sie auf den Einfall
gekommen, den Totenwagen halten zu lassen, lieber Mutschelknaus?‘ hatte
ich weiter geforscht; ‚hat es Ihnen die Mutter Gottes befohlen?‘ ‚Nein,
ich habe gewußt, daß der Krüppel nur scheintot war.‘ ‚Wie konnten Sie
das denn wissen? Nicht einmal der Arzt hat es gewußt!‘ ‚Ich habe es
gewußt, weil ich selber einmal hätte lebendig begraben werden sollen‘,
war die seltsame Antwort des Alten; das Unlogische in seiner Erklärung
konnte ich ihm nicht begreiflich machen. ‚Was man an sich selbst erlebt
hat, das weiß man bei anderen. Es war eine Gnade, die mir die Jungfrau
Maria erwiesen hat, daß man mich als Kind lebendig hat begraben lassen
wollen; sonst hätte ich nie wissen können, daß der Krüppel nur
scheintot war‘, wiederholte er in allen möglichen Varianten, aber nie
auf den Kernpunkt der Sache eingehend, als ich Genaues erfahren wollte;
wir redeten an einander vorbei.“
„Und was wurde aus dem Krüppel?“ fragte ich den Kaplan. „Lebt er noch?“
„Nein, das ist das Sonderbare — der Tod hat ihn noch in derselben
Stunde ereilt. Infolge des Geschreies der Menge wurde ein Wagenpferd
scheu, raste über den Marktplatz, warf den Krüppel zu Boden und das Rad
zerbrach ihm die Wirbelsäule.“
Noch von vielen merkwürdigen Heilungen des Drechslermeisters erzählte
mir der Kaplan; er schilderte in beredten Worten, wie die Nachricht von
der Erscheinung der Mutter Gottes sich über das ganze Land verbreitet
hatte, trotz Hohn und Spottreden der sogenannten Aufgeklärten, wie sich
fromme Legenden gebildet und daß schließlich der Holunderbaum im Garten
zum Mittelpunkt aller Wunder geworden war. Hunderte, die ihn berührt
haben, seien genesen, Tausende, innerlich Abgefallene reuig zum Glauben
zurückgekehrt.
Ich hörte nur mehr mit halber Aufmerksamkeit zu; mir war, als sähe ich
durch eine Lupe die winzigen und doch so allgewaltigen Triebräder des
geistigen Weltgeschehens ineinandergreifen. Der Krüppel, durch ein
Wunder in derselben Stunde zum Leben erweckt und gleich darauf wieder
dem Tode überliefert — konnte es ein offenkundigeres Wahrzeichen geben,
daß hier eine blinde, selber krüppelhafte und dennoch erstaunlich
wirkungsvolle, unsichtbare Macht am Werke gewesen war? Und dann der
Ausspruch des Drechslermeisters! Äußerlich kindisch und unlogisch,
innerlich betrachtet: einen Abgrund von Weisheit erschließend. Und auf
welch wunderbar einfache Weise der Alte den Fallstricken der Meduse —
den Irrlichtern des Spiritismus — entronnen war: Ophelia, das
Idealbild, an das er seine ganze Seele gehängt, ist für ihn die
gnadenspendende Heilige geworden, ein Teil seiner selbst, aus ihm
herausgetreten, lohnt ihm tausendfältig alle dargebrachten Opfer, tut
Wunder, erleuchtet ihn, zieht ihn zum Himmel empor und wird ihm
sichtbar als die Gottheit! Die Seele ein Lohn ihrer selbst! Die
Reinheit des Herzens: eine Führerin zum Übermenschentum — die Trägerin
aller Heilkraft. Und wie ein geistiges Kontagium überträgt sich sein
lebendig und formgewordener Glaube sogar auf die stummen Geschöpfe des
Pflanzenreiches: der Holunderbaum läßt Kranke genesen. Aber noch sind
da gewisse Rätsel, deren Lösung ich nur dunkel raten kann: warum ist es
der Ort, wo Ophelias Gebeine ruhen, von dem die Kraft ihren Ausgang
nimmt, und nicht ein beliebig anderer? Warum ist der Baum, den ich
gepflanzt habe mit dem innerlichen Gefühl, die Welt des Lebens dadurch
zu bereichern, warum ist gerade er auserwählt, ein Mittelpunkt
überirdischen Geschehens zu sein? Daß die Verwandlung Ophelias zur
Mutter Gottes sich auf dieselbe magisch-gesetzmäßige Weise vollzogen
haben mußte, wie einstmals ähnlich in der spiritistischen Sitzung,
stand für mich außer Zweifel. Wo aber bleibt der todbringende Einfluß
des Medusenhauptes? fragte ich mich. Sollte Satan und Gott,
philosophisch besehen, als letzte aller Wahrheiten und Paradoxen ein
und dasselbe sein — Zerstörer und Erbauer das Gleiche?
„Halten Sie es von Ihrem Standpunkt als katholischer Geistlicher für
möglich, Hochwürden, daß der Teufel die Gestalt einer heiligen Person
annehmen kann, etwa die Jesu oder der Maria?“
Einen Augenblick sah mich der Kaplan starr an, dann verschloß er sich
mit den Handflächen die Ohren und rief: „Hören Sie auf, Christopher!
Diese Frage hat Ihnen der Geist Ihres Vaters eingegeben. Lassen Sie mir
meinen Glauben! Ich bin zu alt, um solche Erschütterungen noch zu
vertragen. Ich will in dem Glauben an die Göttlichkeit der Wunder, die
ich gesehen und gegriffen habe, einst ruhig sterben können. Nein, sage
ich Ihnen, nein und abermals nein: mag der Teufel alle Gestalten
annehmen können — vor der heiligen Jungfrau und ihrem und Gottes Sohn
muß er halt machen!“
Ich nickte und schwieg; der Mund war mir geschlossen. Wie damals in der
„Sitzung“, als ich innerlich die höhnischen Worte des Medusenhauptes
hörte: „Sag ihnen doch alles, was du weißt!“ Ja, es bedarf eines großen
kommenden Führers, der vollendeter Herr ist über das Wort und es
gebrauchen kann, um die Wahrheit zu enthüllen, ohne die zu töten, die
es hören: sonst wird alle Religion nur ein scheintoter Krüppel bleiben
— fühle ich.
Am nächsten Morgen weckte mich in aller Frühe das Läuten der Glocken
von den Türmen und ich hörte gedämpften Chorgesang, aus dem eine
verhaltene wilde Erregung klang, immer näher kommen:
„Maria, du Gebenedeite unter den Weibern!“
Ein unheimliches Brummen ging durch die Mauern des Hauses, als würden
die Steine lebendig und begännen auf ihre Weise in den Gesang
einzustimmen.
Früher war es das Surren der Drehbank, das den Durchlaß erfüllte —
jetzt ist die Qual der Arbeit schlafen gegangen und wie ein Echo
erwacht in der Erde die Hymne der Gottesmutter, dachte ich bei mir, als
ich die Treppe hinunterstieg.
Ich stand im Haustor und an mir vorbei zog, voran der alte
Mutschelknaus, eine dichtgedrängte, ganze Berge von Blumen tragende
Menge festlich gekleideter Menschen durch die schmale Gasse.
„Heilige Maria, bitt für uns!“
„Gegrüßt seist du, Königin der Barmherzigkeit!“
Der Alte war bloßfüßig und barhaupt, sein Kleid das eines wandernden
Mönches, einst weiß gewesen, jetzt ärmlich und mit zahlreichen Flicken
besetzt, sein Gang unsicher und tastend wie der eines blinden Greises.
Sein Blick streifte mich, blieb eine Sekunde lang an meinem Gesicht
haften, aber keine Spur des Erkennens oder der Erinnerung war darin zu
lesen; seine Augachsen standen parallel, als sähe er durch mich und die
Mauern hindurch tief hinein in eine andere Welt.
So ging er langsamen Schrittes, mehr gezogen, so schien es mir, von
einer unsichtbaren Macht, als aus eigenem Impulse, zu dem eisernen
Gitter, das den Garten abschloß, öffnete es und trat zu der
Marienstatue.
Ich mischte mich unter die Menge, die ihm in ehrfurchtsvoller
Entfernung scheu zögernd nachdrängte und vor dem Gitter halt machte.
Das Singen wurde leiser und leiser, aber eine beständig von Minute zu
Minute sich steigernde Erregung wuchs darin. Bald war es nur mehr ein
wortloses Vibrieren von Tönen; eine unbeschreibliche Spannung lag in
der Luft.
Ich hatte mich auf einen Mauervorsprung geschwungen, von dem aus ich
alles genau übersehen konnte.
Der Alte stand lange regungslos vor der Statue. Es war ein unheimlicher
Anblick; ich hatte die seltsame Empfindung: wer von beiden wird zuerst
lebendig werden! Eine gewisse dumpfe Angst, ähnlich wie einstmals in
der Spiritistensitzung, überfiel mich und wieder hörte ich die Stimme
Ophelias in meinem Herzen: „Sei auf deiner Hut!“
Gleich darauf sah ich, daß sich der weiße Bart des Alten zitternd
bewegte, und aus dem Zucken seiner Lippen erriet ich, daß er mit der
Statue sprach. In der Menge hinter mir trat plötzlich Totenstille ein,
auch der halblaute Gesang der Nachdrängenden verstummte wie auf ein
gegebenes Zeichen.
Ein leises, rhythmisch sich wiederholendes Klirren war das einzige
Geräusch, das übrig blieb.
Ich suchte mit den Augen den Ort, woher es kam: scheu in eine
Mauernische gedrückt, als verberge er sich vor dem Blicke des
Drechslermeisters, stand dort ein fetter alter Mann, auf dem kahlen
Schädel einen Lorbeerkranz, mit der einen Hand halb das Gesicht
bedeckend, die andere weit vorgestreckt, eine große Blechbüchse
haltend. Neben ihm in schwarzem Seidenkleid, bis zur Unkenntlichkeit
geschminkt: Frau Aglaja.
Die Trinkernase, unförmlich und blau geworden, die Augen hinter
Fettwülsten, kaum mehr sichtbar — kein Zweifel: es war der Schauspieler
Paris. Er sammelte Geld ein von den Wallfahrern und Frau Mutschelknaus
half ihm dabei; ich sah, wie sie sich von Zeit zu Zeit hastig
vorbeugte, scheu nach ihrem Gatten spähte, als fürchte sie, von ihm
entdeckt zu werden, und den Leuten etwas zuflüsterte, die gleich darauf
mechanisch in die Taschen griffen und, ohne den Blick vom
Muttergottesbilde zu wenden, Münzen in die Blechbüchse warfen.
Ein wilder Zorn ergriff mich und ich bohrte meine Augen in das Gesicht
des Komödianten; gleich darauf begegneten sich unsere Blicke und ich
sah, wie sein Kinn herabsank und die Züge aschgrau wurden, als er mich
erkannte. Vor Schreck fiel ihm beinahe der Opferstock aus der Hand.
Von Ekel erfaßt wandte ich mich ab.
„Sie bewegt sich! — Sie spricht! — Heilige Maria, bitt für uns! — Sie
redet mit ihm! Da! Da! — Sie neigt den Kopf!“ lief es plötzlich, ein
heiseres, kaum verständliches, wie von Schauern jähen Entsetzens
ersticktes Murmeln, von einem blassen Mund zum andern durch die Menge.
„Da! Da! Jetzt wieder!“
Ich glaubte, jeden Augenblick müsse ein einziger geller Schrei sich von
den vielen hundert lebenden Lippen lösen und die furchtbare Spannung
zerreißen, aber alle blieben wie gelähmt; nur hier und da hörte ich ein
vereinzeltes irres Lallen: bitt für uns! Ich fürchtete, ein Tumult
werde losbrechen; statt dessen sank die Menge nur um Kopfeslänge
zusammen. Sie wollte in die Knie fallen, aber die Menschen standen zu
eng aneinander gedrängt. Viele hatten die Augen geschlossen, sie waren
ohnmächtig geworden, aber sie konnten nicht niederstürzen, sie waren
wie eingekeilt; in ihrer Totenblässe sahen sie aus wie Leichen, die
aufrecht stehend unter den Lebenden, auf ein Wunder warteten, das sie
auferwecke.
Die Atmosphäre war so magnetisch erstickend geworden, daß ich das
Einatmen der Luft wie das Würgen unsichtbarer Hände empfand.
Ein Schlottern ging mir durch den ganzen Körper, als wolle sich das
Fleisch von den Knochen lösen; um nicht kopfüber von dem Mauervorsprung
herabzufallen, klammerte ich mich an ein Fenstersims.
Der Alte sprach mit schnell sich bewegenden Lippen; ich konnte es
deutlich sehen; sein abgezehrtes Gesicht leuchtete wie in jugendlichem
Rot, von den Strahlen der aufgehenden Sonne übergossen.
Dann wieder hielt er plötzlich inne, als habe er einen Zuruf
aufgefangen, mit offenem Munde angestrengt lauschend und die Augen fest
auf die Statue gerichtet, nickte mit verklärten Mienen, gab schnell
eine leise Antwort, horchte abermals und hob zuweilen freudig erregt
die Arme.
Immer, wenn er den Kopf lauschend vorstreckte, ging ein gurgelndes
Raunen, ein Röcheln mehr als ein Flüstern, durch die Menge: „Da! Da! —
Sie bewegt sich! Da! Jetzt! — Sie hat genickt!“ — aber niemand drängte
sich vor; eher ein entsetztes Zurückweichen, ein Zurückwanken wie vor
Luftschlägen.
Ich faßte das Mienenspiel des Alten so scharf ins Auge, wie ich nur
konnte: ich wollte von seinem Munde ablesen, was er sprach. Ich hoffte
insgeheim — ich wußte nicht weshalb — den Namen Ophelia zu hören oder
zu erraten. Aber immer nur nach langen, mir unverständlichen Sätzen
formten seine Lippen ein Wort wie: „Maria“.
Da! Es erschütterte mich wie ein Blitzschlag:
die Statue hatte lächelnd das Haupt geneigt.
Nicht nur sie allein, sogar ihr Schatten auf dem hellen Sand hatte die
Bewegung mitgemacht!
Vergeblich sagte ich mir vor: es ist eine Sinnestäuschung, die
Bewegungen des Alten haben sich in meinen Augen unwillkürlich auf das
Bild übertragen, haben den Anschein erweckt, als sei die Statue
lebendig geworden.
Ich blickte weg, fest entschlossen, Herr meines klaren Bewußtseins zu
bleiben, sah wieder hin: die Statue sprach! Beugte sich herab zu dem
Alten! Es war kein Zweifel mehr!
„Sei auf deiner Hut!“ — was half es, daß ich mich an die innere Warnung
mit aller Kraft erinnerte! Was half es, daß ich deutlich in meinem
Herzen fühlte: das gestaltlose, mir so unendlich teure Etwas, von dem
ich weiß: es ist die immerwährende Nähe meiner Heißgeliebten, bäumt
sich auf, will das Äußerste wagen und Form erkämpfen, um schützend mit
ausgebreiteten Armen vor mich hintreten zu können! Ein magnetischer
Wirbel, machtvoller als all mein Wille, begann mich zu umkreisen:
alles, was an Religiosität und Frömmigkeit in meiner Kindheit in mich
und ins geerbte Blut eingegangen war und wie tot gelegen, brach los,
Zelle um Zelle; ein geistiger Sturm in meinem Körper fing an gegen
meine Kniekehlen zu hämmern: „Ich will, daß du niederfällst und mich
anbetest!“
„Es ist das Medusenhaupt“, sagte ich mir, aber ich fühlte zugleich, daß
alle Vernunft hier zerschellte.
Da nahm ich meine Zuflucht zum letzten Mittel: „Widerstehet nicht dem
Übel!“ Ich leistete keinen Widerstand mehr, ließ mich versinken in den
Abgrund vollkommenen Willensverzichtes. So schwach wurde ich in diesem
Augenblick, daß sogar mein Körper davon ergriffen wurde; meine Hände
ließen den Halt los und ich fiel auf die Köpfe und Schultern der Menge
herab.
Wie ich dann zurückgekommen bin in das Tor meines Hauses, weiß ich
nicht mehr. Die Einzelheiten absonderlicher Geschehnisse solcher Art
gleiten oft an unserem Wahrnehmungsvermögen ab oder gehen hindurch ohne
Spuren der Erinnerung.
Ich muß wohl wie eine Raupe über die Köpfe der enggedrängt stehenden
Wallfahrer hinweggekrochen sein! Ich weiß nur, ich stand schließlich in
die Tornische gedrückt, außerstande, mich vor- oder rückwärts zu
bewegen, aber der Anblick der Statue war mir entzogen und ich somit dem
Zauber ihres Einflusses entrückt: der magnetische Strom der Menge floß
an mir vorbei.
„Zur Kirche!“ erscholl dann ein Ruf vom Garten her, und ich glaubte die
Stimme des Alten zu erkennen: „Zur Kirche!“
„Zur Kirche! Zur Kirche!“ pflanzte es sich fort von Mund zu Mund. „Zur
Kirche! Maria hat es befohlen!“ und wurde alsbald zu einem erlösenden
vielstimmigen Schrei, der die Spannung zerriß.
Der Bann wich; Schritt für Schritt, langsam wie ein riesiges Fabeltier
mit hundert Füßen, das seinen Kopf aus einer Schlinge befreit, zog sich
die Menge rücklings aus dem Durchlaß.
Die letzten hatten den Alten umringt, drängten an mir vorbei, rissen
ihm Stücke aus dem Gewand, bis er fast nackt war, küßten sie, bargen
sie wie Reliquien.
Als es menschenleer geworden war, ging ich über den fußhoch mit
zertretenen Blumen bedeckten Durchlaß zu dem Holunderbaum.
Noch einmal wollte ich den Ort berühren, wo die Gebeine meiner
Geliebten ruhten. Ich fühlte deutlich: es ist das letztemal.
„Kann es denn nicht sein, daß ich dich wiedersehe, Ophelia?! Nur ein
einzigesmal!“ flehte ich in mein Herz hinein. „Ein einzigesmal nur
möchte ich wieder dein Antlitz sehen!“
Eine Luftwelle trug aus der Stadt her: „Gegrüßet seist du, Königin der
Barmherzigkeit.“
Unwillkürlich hob ich den Kopf.
Ein Licht von unsagbarer Helle verschlang die Statue vor mir.
Den winzigen Teil eines Augenblicks lang, so kurz, daß mir ein
Herzschlag dagegen wie ein Menschenleben dünkt, war sie in Ophelia
verwandelt und lächelte mich an, dann glänzte wieder starr und
unbeweglich das goldene Gesicht des Marienbildes in der Sonne.
Ich hatte einen Blick in die ewige Gegenwart getan, die für Sterbliche
nur ein leeres, unfaßbares Wort ist.
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