Du verstehst, was ich meine, Christopher!“

Ich sprang auf und ergriff mit beiden Händen die Hand meines Vaters;

das Leuchten in seinen Augen sagte mir: ich weiß.

Es kam der Tag Mariä Himmelfahrt; es ist der Tag, an dem man mich vor

zweiunddreißig Jahren als Neugeborenen auf der Schwelle der Kirchentüre

gefunden hat.

Wiederum, wie einst im Fieber nach meiner Kahnfahrt mit Ophelia, hörte

ich nachts die Türen im Hause gehen, und als ich lauschte, erkannte ich

die Schritte meines Vaters, wie er von unten heraufkam und sein Zimmer

betrat.

Ein Geruch nach brennenden Wachskerzen und glimmendem Lorbeer drang zu

mir herein.

Wohl eine Stunde mochte vergangen sein, da rief seine Stimme leise

meinen Namen.

Ich eilte zu ihm in die Stube, von seltsamer Unruhe erfaßt, und sah an

den scharfen, tiefen Linien in seinen Wangen und der Blässe seines

Gesichtes, daß seine Sterbestunde gekommen war.

Er stand hoch aufgerichtet da, aber mit dem Rücken an die Wand gelehnt,

um nicht zu fallen.

Der Anblick, den er bot, war so fremdartig, daß ich eine Sekunde lang

geglaubt hatte, ein anderer stünde vor mir.

Er war in einen langen, bis zum Boden reichenden Mantel gehüllt; um die

Hüften an einer goldenen Kette hing ihm ein nacktes Schwert.

Ich erriet, daß er beides aus den unteren Stockwerken des Hauses geholt

haben mußte.

Die Tischtafel war mit einem schneeweißen Linnen gedeckt, aber nur

einige silberne Leuchter mit brennenden Kerzen und ein Räuchergefäß

standen darauf.

Ich sah, daß er wankte und mit dem Röcheln seines Atems kämpfte, wollte

zuspringen, um ihn zu stützen, aber er wehrte mich ab mit

vorgestreckten Armen:

„Hörst du sie kommen, Christopher?“

Ich lauschte, aber alles blieb totenstill.

„Siehst du, wie die Türe sich öffnet, Christopher?“

Ich blickte hin, aber für meine Augen blieb sie geschlossen.

Wieder schien es, als solle er zusammenbrechen, aber noch einmal

richtete er sich hoch auf und ein Glanz trat in seine Augen, wie ich

ihn nie zuvor an ihm gesehen hatte.

„Christopher!“ rief er plötzlich mit so eherner Stimme, daß es mir

durch Mark und Bein fuhr. „Christopher! Meine Mission ist zu Ende. Ich

habe dich erzogen und behütet, wie es mir vorgeschrieben war. Komm her

zu mir, ich will dir das Zeichen geben!“ Er faßte mich an der Hand und

verflocht seine Finger auf eine besondere Weise mit den meinigen. „Auf

diese Art“, setzte er leise hinzu, und ich hörte, daß sein Atem wieder

zu stocken begann, „hängen die Glieder der großen unsichtbaren Kette

zusammen; ohne sie vermagst du wenig; bist du aber eingeschaltet, so

kann dir nichts widerstehen, denn bis in die fernsten Räume des

Weltalls helfen dir die Mächte unseres Ordens. Höre mich an: Mißtraue

allen Gestalten, die dir entgegentreten im Reiche der Magie! Jegliche

Form können die Mächte der Finsternis vortäuschen, sogar die unseres

Meisters; auch den Griff, den ich dir gezeigt habe, können sie

äußerlich nachahmen, um dich irre zu führen, aber zugleich unsichtbar

bleiben — das können sie nicht. Würden sie versuchen, als Unsichtbare

sich einzugliedern in unsere Kette: im selben Moment wären sie in Atome

zerfetzt!“ Er wiederholte das Handzeichen. „Merke dir ihn gut, den

Griff! Wenn sich dir eine Erscheinung aus der andern Welt naht, und

solltest du sogar glauben, ich sei es: immer verlange den Griff! Die

Welt der Magie ist voll von Gefahren.“

Die letzten Worte gingen in ein Röcheln über, ein Schleier legte sich

über den Blick meines Vaters und er ließ das Kinn auf die Brust sinken.

Dann stand sein Atem plötzlich still; ich fing ihn in meinen Armen auf,

trug ihn behutsam auf sein Lager und hielt die Totenwacht, bis die

Sonne kam, seine rechte Hand in der meinigen, die Finger zum „Griff“

gefügt, wie er es mich gelehrt hatte.

Auf dem Tisch fand ich einen Zettel, darauf stand:

„Laß meinen Leichnam begraben mit Ornat und Schwert neben meiner lieben

Frau! Der Kaplan soll eine Messe lesen. Nicht meinetwegen, denn ich

lebe, aber um seiner Beruhigung willen: er war mir ein treu besorgter

Freund.“

Ich nahm das Schwert und betrachtete es lange. Es war aus Roteisenerz,

dem sogenannten „Blutstein“, wie man ihn häufig auf Siegelringen sieht,

gefertigt, anscheinend asiatische Arbeit und uralt.

Der Griff, rötlich und matt, war dem Oberkörper eines Menschen mit

höchster Kunst nachgeahmt. Die abwärts gestreckten, halb ausgebreiteten

Arme bildeten die Parierstange, der Kopf war der Knauf. Das Gesicht

trug unverkennbar mongolischen Typus und war das eines sehr alten

Mannes mit schütterem, langem Bart, wie man es auf den Bildern

chinesischer Heiligen sieht. Auf dem Haupte trug er eine seltsam

geformte Ohrenkappe. Die Beine, nur durch Gravierung angedeutet, liefen

in die glänzend geschliffene Klinge aus. Das Ganze war aus einem

einzigen Stück gegossen oder geschmiedet.

Ich hatte ein unbeschreiblich seltsames Gefühl, als ich es in der Hand

hielt, eine Empfindung, als gingen Ströme des Lebens von ihm aus.

Voll Scheu und Ehrfurcht legte ich es wieder neben den Toten.

Vielleicht ist es eines jener Schwerter, von denen die Legende

berichtet, es sei einst ein Mensch gewesen, sagte ich mir.

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Der weiße Dominikaner · 第 28 / 32 题