Mit diesem Ausspruch Johannis des Täufers auf den Lippen erwachte ich
eines Morgens; er hat wie ein Motto meinem Leben vorgestanden von dem
Tage an, als ihn meine Zunge sprach, bis zu meinem zweiunddreißigsten
Jahre.
„Er wird ein Sonderling wie sein Großvater,“ hörte ich die alten Leute
raunen, wenn ich ihnen begegnete in der Stadt; „von Monat zu Monat geht
es mehr bergab mit ihm.“
„Ein Müßiggänger ist er und stiehlt unserm Herrgott die Tage ab,“
murrten die Fleißigen, — „hat ihn schon jemand arbeiten sehen?“
In späteren Jahren, als ich ein Mann geworden war, hatte sich das
Gerücht zu der Fama verdichtet: „er hat den bösen Blick, weicht ihm
aus; sein Auge bringt Unglück!“ und die alten Weiber auf dem Marktplatz
streckten mir die „Gabel“ entgegen — Zeigefinger und Mittelfinger
gespreizt, um den „Zauber“ abzuwehren, oder sie schlugen das Kreuz. —
Dann wieder hieß es, ich sei ein Vampir, ein nur scheinbar Lebender,
der den Kindern im Schlaf das Blut aussaugt; und wenn man am Halse
eines Säuglings zwei rote Punkte fand, ging das Gerede, es seien die
Spuren meiner Zähne. Viele wollten mich im Traum gesehen haben, halb
Wolf, halb Mensch, und liefen schreiend davon, wenn sie mich auf der
Straße erblickten. Die Stelle im Garten, wo ich zu sitzen pflegte, galt
als verhext und niemand wagte sich am Durchlaß vorbei.
Eine Reihe wundersamer Geschehnisse verlieh den Gerüchten den Anschein,
als ob sie auf Wahrheit beruhten.
Einmal, spät abends, lief ein struppiger, großer Hund von
raubtierartigem Aussehen, den niemand kannte, aus dem Hause der
buckligen Nähterin und die Kinder der Gasse riefen: „Der Werwolf, der
Werwolf.“
Ein Mann schlug ihn mit einem Beil auf den Kopf und tötete ihn.
Fast zur selben Zeit hatte mich ein vom Dache fallender Stein am
Schädel verletzt und als ich tags darauf eine Binde um die Stirne trug,
hieß es, ich sei jener Nachtmahr gewesen und die Wunde des Werwolfs
hätte sich auf mich übertragen.
Dann wieder begab es sich, daß ein Fremder, ein Landstreicher aus der
Umgebung, der für geistesschwach galt, bei hellichtem Mittag auf dem
Marktplatz mit allen Anzeichen des Entsetzens die Arme emporriß, als
ich um die Ecke bog, und mit verzerrtem Gesicht, als habe er den Teufel
gesehen, tot zu Boden stürzte.
Ein andermal schleppten Gendarmen einen Mann durch die Straßen, der,
sich aus Leibeskräften wehrend, immerfort jammerte: „Wie kann ich
jemand ermordet haben? Ich habe doch den ganzen Tag in der Scheune
geschlafen!“
Ich kam zufällig des Weges; als der Mann mich erblickte, warf er sich
zu Boden, deutete auf mich und schrie: „Laßt mich los, dort geht er
doch. Er ist wieder lebendig geworden.“
„Sie alle haben das Medusenhaupt in dir gesehen,“ sagte mir jedesmal
ein Gedanke, so oft sich dergleichen begab, „es wohnt in dir; die es
sehen, die sterben, und die es nur fühlen, die entsetzen sich. Du hast
das Todhafte, das Todbringende, das in jedem Menschen und auch in dir
wohnt, damals gesehen in den Pupillen des Spuks. Der Tod wohnt in den
Menschen, darum sehen sie ihn nicht; sie sind nicht ‚Christus‘-träger;
sie sind Träger des Todes; er höhlt sie aus von innen wie ein Wurm. —
Wer ihn aufgestöbert hat wie du, der kann ihn sehen, — dem wird er
Gegen„stand“, dem stellt er sich ent„gegen“.
Und wahrlich: die Erde wurde damals von Jahr zu Jahr ein immer
dunkleres Tal des Todes für mich. Wohin ich blickte, überall in Form,
in Wort und Klang und Gebärde, als stetig wechselnder Einfluß umgab
mich die schreckliche Herrin der Welt: die Meduse mit dem schönen und
doch so grausigen Antlitz.
„Das irdische Leben ist das beständige qualvolle Gebären eines jede
Sekunde neu entstehenden Todes“; das war die Erkenntnis, die mich Tag
und Nacht nicht verließ; „nur um der Offenbarung des Todes willen ist
das Leben da“: so war jegliches Denken in mir in das Gegenteil alles
menschlichen Empfindens umgekehrt worden.
„Lebenwollen“ kam mir wie Raub und Diebstahl an meinen Mitwesen vor und
das „Nicht-sterben-können“ wie der hypnotische Zwang der Meduse: „Ich
will, daß du ein Dieb, ein Räuber und ein Mörder bleibst und als
solcher auf Erden wandelst.“
Der Satz des Evangeliums: „Wer sein Leben lieb hat, der wird’s
verlieren, wer’s hasset, der wird’s erhalten“, begann hell leuchtend
für mich aus der Finsternis zu steigen; ich begriff den Sinn: jener,
der wachsen muß, das ist der Urahn, ich aber muß schwinden!
Als der Landstreicher auf dem Marktplatz tot umfiel und seine Mienen
anfingen starr zu werden, stand ich in der Menge, die ihn umdrängte,
und hatte das unheimliche Gefühl, seine Lebenskraft zöge wie ein
erfrischender Regenhauch in meinen Körper ein.
Als sei ich in Wirklichkeit ein vampirhafter Blutsauger, hatte ich mich
wie schuldbeladen weggeschlichen und trug das häßliche Bewußtsein mit
fort: mein Leib erhält sich nur mehr am Leben, indem er es andern
stiehlt, — er ist eine wandelnde Leiche, die das Grab um sein Recht
betrügt; und daß ich nicht lebendig verwese wie ein Lazarus, verhindert
nur die fremdartige Kälte meines Herzens und meiner Sinne. — — —
Die Jahre vergingen; ich kann fast sagen: ich merkte es bald nur noch
daran, wie das Haar meines Vaters weißer und weißer wurde und seine
Gestalt greisenhafter und gebeugter.
Um den Leuten keinen Anlaß zum Aberglauben zu geben, ging ich immer
seltener aus, bis schließlich die Zeit gekommen war, wo ich jahrelang
zu Hause blieb und nicht einmal mehr hinunter zur Gartenbank ging.
Ich hatte sie im Geiste hinauf in mein Zimmer getragen, saß stundenlang
auf ihr und ließ die Nähe Ophelias mich durchströmen. Das waren die
einzigen Stunden, wo das Reich des Todes mir nichts anhaben konnte.
Mein Vater war sonderbar schweigsam geworden; oft vergingen Wochen,
ohne daß wir — einen Gruß am Morgen und einen des Abends ausgenommen —
ein Wort gewechselt hätten.
Wir hatten uns das Sprechen fast abgewöhnt, aber, als bahnte sich der
Gedanke neue Wege der Mitteilung, erriet jeder immer, wenn der andere
etwas wünschte. Einmal war ich es, der ihm einen Gegenstand reichte,
dann wieder holte er ein Buch vom Bord, blätterte darin und gab es mir,
und fast jedesmal fand ich die Stelle aufgeschlagen, mit der ich mich
innerlich gerade beschäftigt hatte.
Ich sah ihm an, daß er sich vollkommen glücklich fühlte; zuweilen ruhte
sein Blick lange auf mir und der Ausdruck wunschloser Zufriedenheit lag
darin.
Manchmal wußten wir beide genau: daß wir uns oft eine Stunde hindurch
in den gleichen Gedankengängen bewegten; wir marschierten sozusagen
geistig in so genauem Takt neben einander, daß schließlich doch die
stummen Gedanken zu Worten wurden. — Aber das war dann nicht wie einst,
wo „Worte zu früh oder zu spät kamen, aber nie zu rechter Zeit“, — es
war vielmehr die Fortsetzung eines Denkprozesses und nicht mehr ein
Wegetasten oder ein Anfangsuchen.
Solche Momente sind in meiner Erinnerung so lebendig, daß die ganze
Umgebung in den kleinsten Einzelheiten mit wach wird, wenn ich jener
Minuten gedenke.
So höre ich die Stimme meines Vaters wieder, Wort um Wort, Klang um
Klang, wie ich hier niederschreibe, was er eines Tages sagte, als ich
im Geiste erwogen hatte, was wohl der Zweck meiner seltsamen
Erstorbenheit sein möchte:
„Kalt werden müssen wir alle, mein Sohn, aber bei den meisten bringt es
das Leben nicht zustande, und da muß es der Tod besorgen. — — Sterben
und Sterben ist nicht dasselbe.
Bei manchen Wesen stirbt in der Todesstunde soviel, daß man fast sagen
kann: es ist nichts mehr da. Von einigen Menschen bleiben nur die Werke
übrig, die sie auf Erden vollbracht haben: ihr Ruhm und ihre Verdienste
leben eine Zeitlang fort und in gewissem Sinne seltsamer Weise sogar
ihre Gestalt, denn man baut ihnen Standbilder. — Wie wenig dabei Gut
und Böse eine Rolle spielt, sieht man daran, daß auch die großen
Vernichter wie Nero oder Napoleon ihre Denkmäler haben.
Es kommt nur auf das Überragende der Taten an.
Von Selbstmördern oder Menschen, die auf gräßliche Weise ums Leben
gekommen sind, behaupten die Spiritisten, sie seien für eine bestimmte
Dauer an die Erde gebunden; ich neige eher zu der Ansicht, daß es nicht
ihre Schemen sind, die da bei mediumistischen Sitzungen oder in
Spukhäusern sichtbar und fühlbar werden, sondern vielmehr ihre
Ebenbilder mitsamt gewissen Begleiterscheinungen ihres Todes; — so, als
ob die magnetische Atmosphäre des Ortes die Vorgänge aufbewahrt und zu
Zeiten wieder freigibt.
Viele Merkmale bei den Totenbeschwörungen der alten Griechen, wie z.B.
denen des Teiresias, lassen erkennen, daß es so ist.
Die Sterbestunde ist nur der Moment einer Katastrophe, in der alles das
wie von einem Sturmwind fortgerissen wird, was im Menschen während der
Lebenszeit nicht hat zermürbt werden können. — Man kann auch sagen: der
Wurm der Zerstörung zernagt zuerst die weniger wichtigen Organe: das
ist das Altern; trifft sein Zahn die Lebenspfeiler, so stürzt das Haus
zusammen. Das ist der normale Verlauf.
Ein solches Ende werde ich nehmen, denn mein Körper enthält zu viele
Elemente, die alchemistisch zu verwandeln über meine Kraft ging. — Wenn
du nicht wärst, mein Sohn, so müßte ich wiederkehren, um in einem neuen
Erdendasein die unterbrochene Arbeit zu vollenden.
Es heißt in den Weisheitsbüchern des Ostens: hast du einen Sohn
gezeugt, einen Baum gepflanzt und ein Buch geschrieben? Nur dann kannst
du das ‚große Werk‘ beginnen. —
Um die Wiederkehr zu vermeiden, ließen die Priester und Könige des
alten Ägyptens ihre Leiber einbalsamieren; sie wollten verhindern, daß
die Erbschaft ihrer Zellen ihnen selbst wieder zufiele und sie zwänge,
zu neuer Arbeit auf Erden zurückzukehren.
Irdische Talente, Mängel und Gebrechen, Wissen und Geistesgaben sind
Eigenschaften der Körperform und nicht der Seele. — Ich für mein Teil
als letzter Ast unseres Stammes habe die Körperzellen meiner Ahnen
geerbt; sie gingen über von Geschlecht zu Geschlecht und zuletzt auf
mich. — Ich fühle, du denkst dir jetzt, mein Sohn: wie kann das sein?
wie können die Körperzellen des Großvaters auf den Vater übergehen,
wenn der Erzeuger nicht vor der Geburt des Nachkommen gestorben ist? —
Die Vererbung der ‚Zellen‘ geschieht anders; sie tritt nicht sogleich
bei Zeugung oder Geburt ein und auch nicht auf grobsinnliche Weise,
etwa so, als gösse man Wasser aus einem Gefäß in ein anderes. Die
bestimmte individuelle Art und Weise, wie sich die Zellen um einen
Mittelpunkt herum kristallisieren, vererbt sich, und auch sie geschieht
nicht plötzlich, sondern allmählich. Hast du nie bemerkt — es ist eine
komische Tatsache, über die viel gelacht wird —, daß alte Junggesellen,
die einen Lieblingshund haben, mit der Zeit ihre Ähnlichkeit auf das
Tier übertragen? Es geht da ein astrales Wandern der ‚Zellen‘ von einem
Leib in den andern vor sich: was man lieb hat, dem drückt man den
Stempel des eigenen Wesens auf. Die Haustiere sind nur deshalb so
bürgerlich klug, weil sich die Zellen der Menschen auf sie übertragen.
Je inniger Menschen einander lieben, desto mehr ‚Zellen‘ tauschen sie
aus, desto enger verschmelzen sie miteinander, bis dereinst nach
Milliarden von Jahren der Idealzustand erreicht sein wird, daß die
gesamte Menschheit ein einziges Wesen, gesammelt aus unzähligen
Individuen, bildet. Am selben Tage, als dein Großvater starb, trat ich
als sein einziger Sohn das letzte Erbe unseres Stammes an.
Ich habe nicht eine Stunde lang trauern können, so lebendig zog sein
ganzes Wesen in mich ein! Für Laien mag es schauerlich klingen, aber
ich kann sagen: ich fühlte förmlich, wie von Tag zu Tag sein Körper im
Grabe zerfiel, ohne daß ich es als furchtbar oder widerwärtig empfunden
hätte; sein Verwesen bedeutete für mich das Freiwerden gebundener
Kräfte; wie Ätherwellen gingen sie in mein Blut über.
Wenn du nicht wärst, Christopher, müßte ich wiederkehren, solange, bis
die ‚Vorsehung‘ es fügen würde — wenn ich dieses Wort gebrauchen soll
—, daß ich selber die Eignung bekäme wie du: ein Wipfel statt eines
Astes zu sein.
Du, mein Sohn, wirst die letzten Zellen meiner Form, die ich nicht habe
zur Vollendung bringen können, in meiner Sterbestunde erben, und an dir
wird es sein, sie zu alchemisieren, zu vergeistigen und mit ihnen
unsern ganzen Stamm.
An mir und den Vätern konnte es nicht geschehen, daß wir uns ‚mit dem
Leichnam lösten‘, denn uns hat die Herrscherin der Fäulnis nicht so
gehaßt, wie sie dich haßt. Nur wen die Meduse haßt und fürchtet
zugleich, so wie sie dich haßt und fürchtet, dem kann es gelingen; sie
selbst vollbringt an ihm das, was sie verhindern möchte. Wenn die
Stunde gekommen ist, wird sie mit so grenzenloser Wut über dich
herfallen, um jedes Atom in dir zu verbrennen, daß sie in dir ihr
eigenes Spiegelbild mitvernichten wird und auf diese Art das erschaffen
wird, was der Mensch aus eigener Kraft niemals vermag: sie wird ein
Stück von sich selbst töten und dir dein ewiges Leben bringen; sie wird
zum Skorpion, der sich selber ersticht. Dann ist die große Umwandlung
da: nicht mehr das Leben gebiert den Tod, sondern der Tod erzeugt das
Leben!
Ich sehe mit jubelnder Freude, daß du, mein Sohn, der berufene Wipfel
unseres Stammes bist! Du bist kalt geworden in jungen Jahren, wir alle
sind warm geblieben trotz Alter und Morschsein. Der Geschlechtstrieb —
ob er sich nun offenbart wie bei der Jugend, oder ob er sich versteckt
wie beim Greis — ist die Wurzel des Todes; sie auszutilgen, ist das
vergebliche Bemühen aller Asketen. Sie sind wie der Sisyphus, der
ruhelos einen Felsen den Berg hinaufrollt, um voll Verzweiflung sehen
zu müssen, daß er vom Gipfel wieder in die Tiefe stürzt; sie wollen das
magische Kaltsein erringen, ohne das es kein Übermenschentum gibt, und
fliehen das Weib; und doch ist es nur das Weib allein, das ihnen Hilfe
bringen kann. Das Weibliche, das hier auf Erden vom Manne getrennt ist,
muß in ihn einziehen, muß in ihn in eins verschmelzen; dann erst ist
alle Sehnsucht des Fleisches gestillt. Erst wenn diese beiden Pole
einander decken, dann ist die Ehe — der Ring — geschlossen, dann ist
die Kälte da, die in sich selber bestehen bleibt, die magische Kälte,
die die Gesetze der Erde zerbricht, die nicht mehr der Gegensatz der
Wärme ist, die jenseits liegt von Frost und Hitze und aus der wie aus
dem Nichts hervorquillt alles, was die Macht des Geistes gläubig zu
erschaffen vermag.
Der Geschlechtstrieb ist das Joch vor dem Triumphwagen der Meduse, an
den wir geschirrt sind.
Wir Alten haben alle geheiratet, aber ver‚ehe‘licht waren wir nicht; du
hast nicht geheiratet, aber du bist der einzige, der ver‚ehe‘licht ist;
darum bist du kalt geworden, wir aber mußten warm bleiben.