In der Stadt geht das Gerücht, der Drechslermeister Mutschelknaus sei
wahnsinnig geworden.
Frau Aglajas Miene ist kummervoll. Frühmorgens geht sie mit einem
kleinen Handkörbchen auf den Markt selber einkaufen, denn ihre
Bedienerin hat sie entlassen. Von Tag zu Tag wird ihr Kleid schmutziger
und verwahrloster; die Absätze ihrer Schuhe sind abgetreten. Wie
jemand, der vor Sorgen nicht mehr aus und ein weiß, bleibt sie auf der
Straße zuweilen stehen und spricht halblaut mit sich selbst.
Wenn ich ihr begegne, blickt sie weg, oder erkennt sie mich nicht mehr?
Den Leuten, die sie nach ihrer Tochter fragen, sagt sie kurz und
mürrisch: sie ist in Amerika.
Der Spätsommer, der Herbst und der Winter sind vergangen und ich habe
den Drechslermeister nicht ein einzigesmal mehr zu Gesicht bekommen.
Ich weiß nicht mehr, ob Jahre seitdem verflossen sind, ob die Zeit
still stand oder ob ein einziger Winter mir so unendlich lang schien? —
Ich fühle nur: es muß wieder Frühling sein, denn die Luft ist schwer
vom Dufte der Dolden, die Wege sind beschneit von Blüten nach den
Gewittern, die jungen Mädchen haben weiße Kleider und Blumen im Haar.
Es ist ein Singen in der Luft.
Über die Ufermauern hängen die Zweige wilder Kletterrosen bis ins
Wasser hinab und der Fluß trägt den zarten, blaßroten Schaum ihrer
Sträuße spielend von Quader zu Quader bis zu den Pfeilern der Brücke,
wo er die morschen Stämme schmückt, daß sie aussehen, als trieben sie
neues Leben.
Im Garten, der Rasen vor der Bank leuchtet wie Smaragd.
Oft, wenn ich hingehe, sehe ich an allerlei winzigen Veränderungen, daß
jemand vor mir dort gewesen sein muß; einmal liegen kleine Steinchen
auf der Bank, in Kreuzform oder in Kreise gelegt, als habe ein Kind mit
ihnen gespielt, dann wieder sind Blumen umhergestreut.
Eines Tages, als ich durch den Durchlaß ging, kam mir der alte
Drechslermeister vom Gärtchen her entgegen, und ich erriet, daß er es
sein mußte, der auf der Bank, wenn ich fort war, zu sitzen pflegte.
Ich grüßte, aber er schien mich nicht zu bemerken, obgleich sein Arm
den meinen streifte.
Er blickte, ein frohes Lächeln im Gesicht, geistesabwesend vor sich
hin.
Bald darauf begab es sich, daß wir uns im Gärtchen trafen. Er setzte
sich stumm neben mich und fing an, mit seinem Stock den Namen Ophelia
in den weißen Sandstreifen zu zeichnen.
So saßen wir eine lange Zeit und ich war sehr verwundert; dann fing er
mit einem Male leise an zu murmeln, anfangs so, als spräche er mit sich
selbst oder mit jemand Unsichtbarem; allmählich erst wurden seine Worte
mir verständlich:
„Ich bin froh, daß nur du und ich herkommen!! Es ist gut, daß niemand
von dieser Bank weiß.“