Ich horchte erstaunt auf. Er nannte mich du? —

Verwechselte er mich mit einem andern? Oder war sein Geist verwirrt?

Hatte er vergessen, mit welch unnatürlicher Devotheit er früher mit mir

verkehrt hatte?

Was wollte er mit seinen Worten sagen: „Es ist gut, daß niemand von

dieser Bank weiß?“

Die Nähe Ophelias wurde mir plötzlich so deutlich, als sei sie vor uns

hingetreten.

Auch den Alten ergriff es, denn er hob schnell den Kopf und ein Strahl

des Glücks leuchtete in seinen Mienen auf.

„Weißt du, hier ist sie immer! Von hier begleitet sie mich ein Stück

nach Haus und geht dann wieder zurück,“ murmelte er, „sie hat mir

gesagt, sie wartet hier auf dich. Sie hat dich lieb, hat sie gesagt!“

Er legte mir freundlich die Hand auf den Arm, sah mir lange glücklich

in die Augen und setzte leise hinzu: „Ich bin froh, daß sie dich lieb

hat.“

Ich wußte nicht gleich, was ich erwidern sollte; stockend bringe ich

endlich heraus:

„Aber Ihre Tochter ist doch — ist doch in Amerika?“

Der Alte bringt seine Lippen dicht an mein Ohr und flüstert

geheimnisvoll: „Pst! Nein! Das glauben nur die Leute und meine Frau.

Sie ist gestorben! Aber das wissen nur wir zwei: du und ich! Sie hat

mir gesagt, daß du es auch weißt; nicht einmal der Herr Paris weiß es“

— er sieht mein Staunen, nickt und wiederholt eifrig: „Ja, sie ist

gestorben! Aber sie ist nicht tot; der Sohn Gottes, der weiße

Dominikaner, hat sich unser erbarmt, daß sie bei uns sein darf!“

Ich verstehe, daß der seltsame geistige Zustand, den die wilden Völker

den heiligen Wahnsinn nennen, Besitz ergriffen hat von dem Alten. Er

ist ein Kind geworden, spielt mit Steinchen wie ein Kind, spricht

einfach und klar wie ein Kind, aber sein Denken ist Hellsehen.

„Wie ist es denn nur gekommen, daß Sie alles das erfahren haben?“ frage

ich.

„Ich hab an der Drehbank gearbeitet in der Nacht“, erzählt er, „da ist

das Wasserrad plötzlich stillgestanden und ich hab’s nimmer in Bewegung

setzen können. Dann bin ich am Tisch eingeschlafen. Im Traum hab ich

meine Ophelia gesehen. Sie hat gesagt: ‚Vater, ich will nicht, daß du

arbeitest. Ich bin tot. Der Strom weigert sich, das Wasserrad zu

treiben, und so muß ich es tun, wenn du nicht aufhörst zu arbeiten. Hör

auf, ich bitte dich! Sonst muß ich immer draußen am Fluß sein und kann

nicht zu dir herein.‘ Wie ich dann aufgewacht bin, bin ich gleich, noch

in der Nacht, in die Marienkirche gelaufen. Es war stockfinster und

totenstill. Drin aber hat die Orgel gespielt. Ich hab mir gedacht, die

Kirche ist doch versperrt, man kann nicht hinein. Aber dann hab ich mir

gedacht, wenn ich daran zweifel, kann ich freilich nicht hinein, und

hab nicht mehr gezweifelt. Drin war’s ganz dunkel, aber weil das

Priesterkleid des Dominikaners so schneeweiß war, hab ich alles sehen

können von meinem Platz aus unter dem Standbild des Propheten Jonas.

Ophelia hat neben mir gesessen und hat mir alles erklärt, was der

Heilige, der große Weiße, gemacht hat.

Zuerst ist er vor den Altar getreten und hat mit ausgebreiteten Armen

wie ein großes Kreuz dort gestanden und die Statuen aller Heiligen und

Propheten haben es ihm nachgemacht, einer dem andern, bis die Kirche

ganz voll war mit lauter lebendigen Kreuzen. Dann ist er zu dem

gläsernen Reliquienschrein gegangen und hat etwas hineingelegt, das hat

ausgesehen wie ein kleiner, schwarzer Kieselstein.

‚Es ist dein armes Hirn, Vater‘, hat meine Tochter Ophelia gesagt;

‚jetzt hat er es in seine Schatzkammer gesperrt, denn er will nicht,

daß du es um meinetwillen noch länger zermarterst. Wenn du es dereinst

zurückerhältst, wird es ein Edelstein sein.‘ Am nächsten Morgen hat’s

mich herausgetrieben, hieher zur Bank, aber ich hab nicht gewußt,

warum. Hier sehe ich Ophelia täglich. Immer erzählt sie mir, wie

glücklich sie ist und wie schön es drüben ist im Land der Seligen. Mein

Vater, der Sargtischler, ist auch dort, und er hat mir alles verziehen.

Er ist mir nicht einmal mehr bös, daß ich ihm als Bub den Leim hab

anbrennen lassen.

Wenn’s im Paradies Abend wird, sagt sie, dann ist dort Theater, sagt

sie, und die Engel schauen zu, wie sie die Ophelia spielt in dem Stück

‚Der König von Dänemark‘ und am Schluß den Kronprinzen heiratet, und

sie freuen sich alle, erzählt sie, daß sie es so gut kann. ‚Das hab ich

nur dir zu danken, Vater‘, sagt sie immer, ‚denn du hast mir

ermöglicht, daß ich es auf Erden gelernt habe. Es war immer mein

heißester Wunsch, Schauspielerin zu werden, und den hast du mir

erfüllt, Vater!‘“

Der Alte verstummt und blickt verzückt in den Himmel.

Ein widerwärtig bitterer Geschmack tritt mir auf die Zunge. Lügen die

Toten? Oder bildet er sich all das nur ein? Warum sagt ihm Ophelia

nicht die Wahrheit in milder Form, wenn sie sich ihm doch mitteilen

kann?

Der furchtbare Gedanke, daß das Reich der Lüge bis ins Jenseits reichen

sollte, beginnt an meinem Herzen zu nagen.

Da kommt mir die Erkenntnis; die Nähe Ophelias ergreift mich so

urgewaltig, daß ich plötzlich die Wahrheit erfasse und weiß: es ist nur

ihr Bild, nicht sie selbst, das er sieht und das mit ihm spricht. Es

ist eine Truggeburt seiner langgehegten Wünsche; sein Herz ist nicht

kalt geworden wie das meine, darum sieht es die Wahrheit verzerrt.

„Die Toten können Wunder tun, wenn Gott es erlaubt“, beginnt der Alte

wieder; „sie können Fleisch und Blut werden und unter uns wandeln.

Glaubst du das?!“ Er fragt es mit so fester Stimme, daß es fast drohend

klingt.

„Ich halte nichts für unmöglich“, gebe ich ausweichend zur Antwort.

Der Alte scheint befriedigt und schweigt. Dann steht er auf und geht.

Ohne Gruß.

Einen Augenblick später kehrt er wieder um, stellt sich vor mich hin

und sagt:

„Nein, du glaubst es nicht! Ophelia will, daß du selbst siehst und

glaubst. Komm!“

Er faßt meine Hand, als wolle er mich mit sich ziehen. Zögert. Horcht

in die Luft, als lausche er einer Stimme. „Nein, nicht jetzt. Heute

nacht“ — murmelte er geistesabwesend vor sich hin; „warte hier heute

nacht auf mich!“

Er geht.

Ich blicke ihm nach, wie er schwankend wie ein Betrunkener sich an der

Mauer des Hauses entlang tastet.

Ich weiß nicht, was ich mir denken soll.

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Der weiße Dominikaner · 第 24 / 32 题