Ich hatte geglaubt, schon am nächsten Tage müßte die Nachricht von
Ophelias Tod bekannt werden und ein Lauffeuer in der Stadt entzünden;
aber Woche um Woche verging und nichts rührte sich.
Endlich wurde mir klar: Ophelia hatte, ohne es jemand außer mir
mitgeteilt zu haben, von der Erde Abschied genommen.
So war ich das einzige lebende Wesen auf Erden, das darum wußte.
Ein seltsames Gemisch aus unbeschreiblicher Einsamkeit und einem
inneren Reichtum, den ich mit niemand zu teilen brauchte, erfüllte
mich.
Alle Menschen um mich, sogar mein Vater, erschienen mir wie Figuren aus
Papier geschnitten, so, als gehörten sie nicht in mein Dasein und seien
nur wie Kulissen hineingestellt.
Wenn ich auf der Bank im Garten saß, wo ich täglich stundenlang vor
mich hinzuträumen pflegte, fast unablässig von der Nähe Ophelias
umweht, und mir vorstellte: hier zu meinen Füßen schläft ihr Körper,
den ich so heiß geliebt habe! — überkam es mich immer wie tiefes
Verwundern, daß ich keinen Schmerz zu empfinden vermochte.
Wie fein und richtig war ihr Gefühl gewesen, als sie mich bei unserer
Kahnfahrt gebeten hatte, sie hier zu bestatten und niemand die Stelle
zu verraten!
So waren wir beide jetzt — sie drüben und ich hier auf Erden — die
einzigen, die es wußten, und diese Gemeinschaft schloß uns so innig
zusammen, daß ich ihren Tod zuzeiten nicht einmal als Abwesenheit ihres
Leibes empfand.
Ich brauchte mir nur vorzustellen, sie läge auf dem Friedhof in der
Stadt unter einem Grabstein, umgeben von Toten ringsum, beweint von
ihren Angehörigen, — und der bloße Gedanke bohrte sich schmerzend wie
ein Messer in meine Brust und rückte das Gefühl ihrer geistigen Nähe in
unerreichbare Fernen.
Der unbestimmte Glaube der Menschen, daß der Tod nur eine dünne
Scheidewand zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit bedeutet und nicht
eine nimmermehr zu überbrückende Kluft, wiche gar bald einer festen
Gewißheit, wenn sie ihre Abgeschiedenen an Orten begrüben, die nur
ihnen zugänglich und bekannt wären, und nicht in öffentlichen
Gottesäckern.
Wenn ich mir meiner Einsamkeit so recht bewußt wurde, kam mir jene
Nacht, wo ich Ophelias Leib zur Ruhe gebettet, in der Erinnerung vor,
als sei ich selbst es gewesen, den ich begraben hatte, als sei ich nur
mehr ein Schemen auf Erden, ein wandelnder Leichnam, der nichts mehr
gemein hat mit Menschen aus Fleisch und Blut.
Es gab Augenblicke, wo ich mir sagen mußte: das bist nicht mehr du
selbst; ein Wesen, dessen Ursprung und Dasein Jahrhunderte zurückliegt
vor dem deinigen, tritt unaufhaltbar immer tiefer in dich ein, ergreift
von deiner Hülle Besitz und wird von dir bald nichts mehr übrig
gelassen haben, als eine im Reiche der Vergangenheit frei schwebende
Erinnerung, auf die du zurückschauen kannst wie auf die Erlebnisse
eines vollkommen dir Fremden.
„Es ist der Ahnherr“, begriff ich, „der in dir aufersteht.“
Bilder mir unbekannter Gegenden und Landschaften fremden Charakters
traten vor meinen Blick, täglich öfter und länger bestehend, wenn sich
meine Augen im Dunste des Himmelnebels verloren.
Ich hörte Worte, die ich mit einem inneren Organ erfaßte, ohne sie
befremdenderweise zu begreifen; ich verstand sie, wie die Erde
Samenkörner aufnimmt und aufbewahrt, um sie viel später erst zur Reife
zu bringen; ich verstand sie wie etwas, von dem man fühlt: „dereinst
wirst du sie in Wahrheit verstehen.“
Sie kamen aus dem Munde fremdartig gekleideter Menschen, die mir wie
alte Bekannte schienen, trotzdem ich sie in diesem Leben unmöglich je
gesehen haben konnte, die Worte galten mir und doch lag ihr Entstehen
weit zurück; sie waren plötzlich Gegenwart aus Vergangenheit neu
geboren.
Himmelanragende Schneeberge, die Eisgipfel unendlich höher als alle
Wolkengebilde, sah ich.
Das „Dach der Welt“ ist es, sagte ich mir, „das geheimnisvolle Tibet“.
Dann wieder endlose Steppen, mit Kamelkarawanen, asiatische Klöster in
tiefster Einsamkeit, Priester in gelben Gewändern, die Gebetmühlen in
den Händen trugen, Felsen, die in riesenhafte, sitzende Buddhastatuen
umgemeißelt waren, Flußläufe, die aus der Unendlichkeit zu kommen und
in die Unendlichkeit zu münden schienen — die Ufer ein Land von Hügeln
aus Löß, deren Gipfel sämtlich flach waren, flach wie Tische, flach,
als hätte sie eine ungeheure Sense abgemäht.
„Gegenden, Dinge, Menschen sind es,“ erriet ich, „die der Ahnherr, als
er noch auf Erden wandelte, gesehen haben muß. Jetzt, wo er seinen
Einzug in mich hält, werden seine Erinnerungen auch die meinen.“
Wenn ich Sonntags jungen Leuten, mir gleichalterig, begegnete und Zeuge
ihrer Verliebtheit und fröhlichen Lebenslust war, so verstand ich gar
wohl, was in ihnen vorging, aber in mir selbst war lauter Kälte. —
Nicht die Kälte der Starrheit, die die vorübergehende Erscheinung eines
die Tiefen der Empfindung erfrostenden Schmerzes ist, und nicht die
Kälte der Lebensschwäche des Greisentums. —
Wohl fühlte ich das Uralte in mir so übermächtig und so bleibend wie
nie zuvor, und oft, wenn ich mich im Spiegel sah, erschrak ich fast,
daß mir ein jugendliches Gesicht entgegenblickte, — aber nichts
Gebrechliches haftete daran; die Abgestorbenheit hatte nur das Band
ergriffen, das den Menschen an die Freuden der Erde fesselt, die Kälte
kam aus mir fremden Regionen, aus einer Firnenwelt, die die Heimat
meiner Seele ist.
Damals konnte ich den Zustand, der mich ergriffen hatte, nicht
ermessen; ich wußte nicht, daß es einer jener rätselhaften, magischen
Verwandlungsvorgänge war, die man häufig in den Lebensschilderungen
katholischer und anderer Heiligen geschildert findet, ohne ihre Tiefe
und bedeutsame Lebendigkeit zu erfassen.
Da ich keine Sehnsucht nach Gott empfand, hatte ich keine Erklärung
dafür und suchte auch nicht nach einer solchen.
Das sengende Dürsten einer unstillbaren Sehnsucht, von der die Heiligen
sprechen, und das, wie sie sagen, alles Irdische verbrennt, war mir
erspart, denn alles, wonach ich mich hätte sehnen können: „Ophelia“
trug ich als Gewißheit ihrer beständigen Nähe in mir.
Die meisten Begebnisse des äußeren Lebens sind, ohne eine Spur in
meiner Erinnerung zurückzulassen, an mir vorübergegangen; wie eine tote
Mondlandschaft mit erloschenen Kratern, die kein Weg, kein Steg mit
einander verbindet, liegen die Bilder jener Zeit vor mir.
Ich kann mich nicht entsinnen, was mein Vater und ich zusammen
gesprochen haben, Wochen sind für mich zusammengeschrumpft zu Minuten,
Minuten haben sich zu Jahren ausgedehnt; jahrelang, so scheint es mir
jetzt, jetzt, wo ich die schreibende Hand eines Fremden benütze, um die
Vergangenheit an mir wieder vorüberziehen zu lassen —, jahrelang muß
ich auf der Gartenbank vor dem Grabe Ophelias gesessen sein; — die
Glieder der Erlebniskette, an denen man den Ablauf der Zeit messen
kann, hängen einzeln in der Luft für mich.
So weiß ich wohl, daß eines Tages das Wasserrad stillstand, das die
Drehbank des Drechslermeisters trieb, und daß das Surren der Maschine
aufgehört hatte und eine Totenstille in der Gasse zurückließ; — wann es
aber geschehen war, ob am Morgen nach jener Nacht oder später, das ist
in mir wie ausgelöscht.
Ich weiß, ich habe meinem Vater erzählt, daß ich seine Unterschrift
gefälscht hatte; — es muß wohl ohne jede Gefühlsbewegung geschehen
sein, denn ich erinnere mich einer solchen nicht.
Auch kenne ich die Gründe nicht mehr, die mich bewogen haben, es zu
tun.
Ich entsinne mich nur leise, leise, ich habe eine gewisse Freude
empfunden, daß kein Geheimnis mehr zwischen ihm und mir bestand; — und
im Zusammenhang mit den stillstehenden Wasserrad taucht mir nur die
Empfindung auf, ich sei froh gewesen in dem Bewußtsein, daß der alte
Drechslermeister nicht mehr arbeite.
Und doch sind beides Gefühle, von denen ich glaube, ich selbst habe sie
gar nicht gehabt — sie haben sich nur aus Ophelias Geist auf mich
übertragen —, so abgestorben für alles Menschliche steht jener
Christopher Taubenschlag jetzt im Bilde vor mir. —
Es war die Zeit, wo der mir angeflogene Name „Taubenschlag“ sich in mir
auswirkte wie eine Prophezeiung aus Schicksalsmund, — wo ich
buchstäblich geworden war: ein lebloser Taubenschlag, eine Stätte, in
der Ophelia wohnte und der Ahnherr und das Uralte, das Christopher
heißt.
Viele Erkenntnisse, die nie in Büchern gestanden haben, sind mein
eigen; kein Mensch hat sie mir jemals mitgeteilt und dennoch sind sie
da.
Ich verlege ihr Erwachen in jene Zeit zurück, wo meine äußere Form sich
wie im Schlafe des Scheintodes aus einer Hülle des Nichtwissens in ein
Gefäß des Wissens wandelte.
Damals glaubte ich, so wie auch mein Vater es bis zu seinem Tode
glaubte, daß die Seele an Erfahrung reicher werden könne und daß das
Leben im Körper ihr zu diesem Zwecke dienlich sei. Ich hatte auch die
Mahnung des Urahns in diesem Sinne aufgefaßt.
Heute weiß ich, daß die Seele des Menschen allwissend und allmächtig
ist von Anbeginn, und daß das einzige, was der Mensch für sie tun kann,
ist: alle Hemmnisse, die ihrer Entfaltung im Wege stehen, zu
beseitigen. —
Wenn überhaupt irgend etwas ins Bereich seines Tuns gestellt ist!
Das tiefste Geheimnis aller Geheimnisse und das verborgenste Rätsel
aller Rätsel ist die alchemistische Verwandlung der — Form.
Das sage ich dir, der du mir die Hand leihest, zum Danke dafür, daß du
für mich schreibst!
Der verborgene Weg zur Wiedergeburt im Geiste, von dem in der Bibel
steht, ist eine Verwandlung des Körpers und nicht des Geistes.
Wie die Form beschaffen ist, so äußert sich der Geist; — beständig
meißelt und baut er an ihr, das Schicksal als Werkzeug gebrauchend; je
starrer sie ist und je unvollkommener, desto starrer und unvollkommener
die Art seiner Offenbarung; je willfähriger und feiner sie wird, desto
mannigfaltiger gibt er sich kund.
Gott allein, der Allgeist, ist es, der sie verwandelt und die Glieder
vergeistigt, so das Tiefinnerliche, der Urmensch, sein Gebet nicht nach
außen stellt, sondern Glied um Glied der eigenen Form anbetet, als
wohne darin verborgen die Gottheit in jeglichem Teile als anders
erscheinendes Bild. — — —
Die Formveränderung, die ich meine, wird für das äußere Auge erst
sichtbar, wenn der alchemistische Prozeß der Umwandlung seinem Ende
zugeht; im Verborgenen nimmt er seinen Anfang: in den magnetischen
Strömungen, die das Achsensystem des Körperbaues bestimmen, — die
Denkart des Menschen, seine Neigungen und Triebe wandeln sich zuerst,
ihnen folgt die Wandlung des Tuns und mit ihm die Verwandlung der Form,
bis diese der Auferstehungsleib des Evangeliums wird.
Es ist, wie wenn eine Statue aus Eis von innen heraus zu schmelzen
beginne.
Die Zeit kommt, wo die Lehre dieser Alchemie für viele wieder aufgebaut
wird; sie lag wie tot, wie ein Trümmerhaufen, und das erstarrte
Fakirtum Indiens ist ihre Ruine.
Unter dem verwandelnden Einfluß des geistigen Urahns war ich, wie ich
sagte, ein Automat geworden mit kalten Sinnen; ich blieb es bis zum Tag
meiner „Lösung mit dem Leichnam“.
Als leblosen Taubenschlag, in dem die Vögel aus- und einfliegen, ohne
daß er Anteil nimmt an ihrem Treiben, mußt du mich werten, wenn du
verstehen willst, wie ich damals war; du darfst mich nicht messen mit
dem Maßstab der Menschen, die nur ihresgleichen kennen.
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