Ich höre, wie er sich an mein Bett setzt, und aus dem Rauschen von
Buchblättern, die er von Zeit zu Zeit umschlägt, errate ich: er liest
mir vor aus der Familienchronik, die mein Vater so oft erwähnt.
Im Tone einer Litanei, die meine äußeren Sinne einschläfert, — meine
inneren hingegen zu immer ansteigendem, manchmal fast unerträglichem
Wachsein aufreizt, dringt es in mich ein:
„Du bist der Zwölfte, ich war der Erste. Bei ‚eins‘ fängt man zu zählen
an und man hört auf bei ‚zwölf‘. Dies ist das Geheimnis der
Menschwerdung Gottes.
Du sollst der Wipfel des Baumes werden, der das lebendige Licht schaut;
ich bin die Wurzel, die die Kräfte der Finsternis in die Helligkeit
schickt.
Aber du bist ich und ich bin du, wenn das Wachstum des Baumes vollendet
sein wird.
Der Holunder ist der Strauch, der im Paradies der Baum des Lebens hieß.
Noch heute geht unter den Menschen die Sage, er sei zauberkräftig.
Schneide seine Zweige ab, seinen Wipfel, seine Wurzel, stecke ihn
verkehrt in die Erde, und siehe: was Wipfel war, wird Wurzel werden,
was Wurzel war, wird Wipfel treiben — so innig ist jede seiner Zellen
durchdrungen von der Gemeinsamkeit des ‚Ich‘ und ‚Du‘.
Darum habe ich ihn als Sinnbild in das Wappen unseres Geschlechtes
gesetzt! Darum wächst er als Wahrzeichen auf dem Dach unseres Hauses!
Hier auf Erden ist er nur ein Gleichnis, wie alle Form nur ein
Gleichnis ist, aber im Reiche der Unverweslichkeit heißt er der erste
unter allen Bäumen.
Zuweilen auf deinen Wanderungen hier und drüben, hast du dich alt
gefühlt, — das war ich, das Fundament, die Wurzel, der Urahn, den du in
dir gefühlt hast.