DAS MENNIGROTE BUCH

An meine Schläfen hämmert das Fieber. Wie Meer und Luft grenzen innere

und äußere Welt aneinander.

Hilflos treibe ich in den Sturzwellen meines Blutes einher, bald hinab

gerissen in gähnende Trichter voll Finsternis tiefster Bewußtlosigkeit,

bald schwebend in blendender Helle, emporgeschleudert einer

weißglühenden Sonne zu, die meine Sinne versengt.

Eine Hand hält die meinige fest; wenn mein Blick sie losläßt und

ermüdet vom Zählen der vielen, feinen Maschen in der Spitzenmanchette,

aus der sie hervorragt, den Ärmel hinaufwandert, kommt mir dämmerig ins

Hirn: es ist mein Vater, der da an meinem Bette sitzt.

Oder ist es nur ein Traum?

Ich kann nicht mehr unterscheiden, was Wachsein ist und was

Phantasieren, aber immer, wenn ich seine Augen auf mir ruhen fühle, muß

ich die Lider schließen in quälendem Schuldbewußtsein.

Wie alles gekommen ist? — Ich kann mich nicht mehr erinnern; die Fäden

meines Gedächtnisses sind abgerissen an jenem Zeitpunkt, wo ich noch

wußte, daß der Schauspieler auf mich einschrie.

Klar ist mir nur das eine: irgend wann, irgend wo beim Schein einer

Lampe habe ich auf seinen Befehl einen Schuldschein ausgefüllt und mit

dem gefälschten Namenszug meines Vaters unterschrieben. — So täuschend

ähnlich war die Schrift gewesen, daß, als ich sie anstarrte, ehe er das

Papier zusammenfaltete und einsteckte, ich einen Augenblick geglaubt

hatte, mein Vater habe sie mit eigener Hand unterzeichnet.

Warum ich es getan habe? — Es scheint mir so selbstverständlich, daß

ich selbst jetzt, wo mich die Erinnerung an die begangene Tat

zerfleischt, es nicht ungeschehen machen möchte.

Ob nur eine Nacht seitdem verflossen ist oder ein Menschenalter?

Kommt mir doch vor, als habe die Wut des Schauspielers sich ohne

Unterlaß ein ganzes Jahr meines Lebens über mich ergossen.

Dann endlich hat er wohl an meiner Widerstandsfähigkeit eingesehen, es

sei zwecklos, weiter zu rasen, denn irgendwie muß er mich überzeugt

haben, durch Fälschung einer Unterschrift könne ich Ophelia retten.

Der einzige Lichtblick jetzt in meiner Fieberqual, ist, daß ich

bestimmt weiß: um mich vom Verdacht eines geplanten Mordes zu befreien,

habe ich es nicht begangen.

Wie ich dann nach Hause gekommen bin, ob es schon Morgen war oder noch

Nacht, ist mir vollkommen entschwunden.

Mir dämmert auf, ich hätte an einem Grabe gesessen, weinend und

verzweifelt, und nach dem Duft von Rosen zu schließen, der mich jetzt,

wo ich daran denke, wieder umströmt, glaube ich fast, es war das meiner

Mutter.

Oder kommt er von dem Blumenstrauß dort auf der Decke meines Bettes?

Wer mag ihn wohl hingelegt haben?

„Um Gottes willen, ich muß doch die Laternen auslöschen gehen“, fährt

es mir wie ein Peitschenhieb plötzlich durch alle Nerven. „Ist es denn

nicht schon heller Tag?!“

Und ich will aufspringen, aber ich bin so schwach, daß ich kein Glied

rühren kann.

Matt sinke ich wieder zurück.

„Nein, es ist noch Nacht“, tröste ich mich, denn vor meinen Augen ist

es mit einemmal wieder tiefste Dunkelheit.

Doch gleich darauf sehe ich von neuem Helligkeit und die Strahlen der

Sonne an der weißen Wand spielen; und abermals fällt der Vorwurf der

Pflichtversäumnis über mich her.

Es ist die Fieberwelle, die mich ins Meer des Phantasierens

zurückreißt, sage ich mir; aber ich bin wehrlos dagegen, daß ein

rhythmisches, wie aus dem Traumreich emportauchendes, mir altbekanntes

Händeklatschen immer deutlicher und lauter an mein Ohr schlägt. Mit

seinem Takt, schneller und schneller, wechseln zugleich Nacht und Tag,

Tag und Nacht ohne Übergang, und ich muß laufen, laufen, damit ich noch

zurecht komme, die Laternen anzuzünden, auszulöschen, anzuzünden,

auszulöschen.

Die Zeit rast hinter meinem Herzen her und will es einfangen, aber es

ist immer mit seinem Pulsschlag um einen Schritt voraus.

„Jetzt, jetzt werde ich in der Brandung des Blutes versinken“, fühle

ich; „es strömt aus einer Kopfwunde des Drechslermeisters Mutschelknaus

und quillt zwischen seinen Fingern hervor als ein Gießbach, wie er mit

der Hand danach greift.

Gleich werde ich darin ertrinken! Ich hasche im letzten Moment nach

einem Pfosten, der an einer Ufermauer eingeschlagen ist, um mich

festzuklammern, und beiße die Zähne zusammen mit einem Rest

schwindenden Besinnens:

„Halte deine Zunge fest; sonst verrät sie im Fieber, daß du die

Unterschrift deines Vaters gefälscht hast.“

Wacher als je bei Tage, lebendiger als je im Traum bin ich plötzlich.

Mein Ohr ist so scharf, daß ich das leiseste Geräusch vernehme, ob nah,

ob fern.

Weit, weit drüben in den Baumwipfeln am jenseitigen Ufer zwitschern die

Vögel, und in der Marienkirche höre ich deutlich die Stimmen der

Betenden murmeln.

Ob es wohl Sonntag ist?

Seltsam, daß die sonst so dröhnenden Orgelklänge das Flüstern in den

Stühlen nicht verschlingen können. Seltsam, daß die lauten Geräusche

diesmal den leisen, schwachen nichts zuleide tun?!

Was für Türen schlagen denn da im Hause? Ich dachte, die Stockwerke

sind unbewohnt? Nur altes, verstaubtes Gerümpel, glaubte ich, stünde

dort unten in den Zimmern.

Sind es unsere Ahnen, die da plötzlich lebendig geworden sind?

Ich beschließe hinunter zu gehen; ich bin ja so frisch und gesund,

warum sollte ich es nicht tun?

Gleich darauf fällt mir ein: dazu müßte ich meinen Körper mitnehmen,

und das geht nicht gut, ich kann doch nicht im Hemde am hellichten Tage

meinen Vorfahren einen Besuch machen!

Da klopft es an der Türe; mein Vater geht hin, öffnet sie ein wenig und

sagt durch die Spalte ehrerbietig hinaus: Nein, Großpapa, es ist noch

nicht an der Zeit. Wie du weißt, dürft Ihr erst zu ihm, bis ich

gestorben bin.

Das wiederholt sich im ganzen neunmal.

Als es zum zehntenmal geschieht, weiß ich: diesmal steht der Urahn

draußen.

Ich habe mich auch nicht geirrt, das sehe ich an der tiefen,

ehrfurchtsvollen Verbeugung, die mein Vater macht, als er die Türe weit

öffnet.

Er selber geht hinaus, und an den schweren, langsamen Schritten, in die

hinein das Stapfen eines Stabes klingt, höre ich: es kommt jemand an

mein Bett.

Sehen kann ich ihn nicht, denn ich habe die Augen geschlossen. Ein

inneres Gefühl sagt mir, ich dürfe sie nicht öffnen.

Aber durch die Lider hindurch ganz deutlich wie durch Glas sehe ich

mein Zimmer und alle Gegenstände, die darin sind.

Der Urahn schlägt meine Bettdecke zurück und legt mir die rechte Hand,

den Daumen abgespreizt, wie ein Winkelmaß an den Hals.

„Dies ist das Stockwerk“, sagt er eintönig, wie ein Geistlicher die

Litanei spricht, „darin dein Großvater gestorben ist und der

Auferstehung harrt. Der Leib des Menschen ist das Haus, in dem seine

toten Ahnen wohnen.

In manches Menschen Haus, in manches Menschen Leib erwachen die Toten,

ehe die Zeit ihrer Auferstehung reif ist, zu einem kurzen,

gespenstischen Leben; dann raunt der Volksmund von ‚Spuk‘, dann spricht

der Volksmund von ‚Besessenheit‘.“

Er wiederholt den Griff mit Daumen und Handfläche auf meiner Brust:

„Und hier liegt dein Urgroßvater eingesargt.“

So geht es den ganzen Körper hinab über Magengrube, Lenden, Schenkel

und Knie bis zu den Fußsohlen.

Als er auf sie seine Hände legt, sagt er: „Und hier wohne ich! Denn die

Füße sind das Fundament, auf dem das Haus ruht; sie sind die Wurzel und

verbinden den Leib deines Menschen mit der Mutter Erde, so du wanderst.

Heut’ ist der Tag, der auf die Nacht deiner Sonnenwende gefolgt ist.

Dies ist der Tag, da die Toten in dir beginnen zu auferstehen.

Der weiße Dominikaner · 第 13 / 32 题