Ich suche nach Worten der Beteuerung, — will ihr sagen, daß ich mich
ihretwegen foltern ließe, wenn es sein müßte.
„Willst du mir versprechen, daß du mich — daß du mich unter der Bank im
Garten begräbst, wenn ich tot sein werde?“
„Ophelia!“
„Nur du allein darfst mich begraben und nur dort. Hörst Du!? — Niemand
darf dabei sein und niemand darf wissen, wo ich liege! — Hörst du! Ich
habe diese Bank so lieb. — Dort wird mir immer sein, als wartete ich
auf dich!“
„Ophelia, bitte, sprich nicht so! — Warum denkst du jetzt an den Tod?
Wenn du einmal stirbst, gehe ich doch mit dir! — Fühlst du dich denn
...?“
Sie läßt mich nicht zu Ende sprechen.
„Christl, mein Bub, frag mich nicht; versprich mir, um was ich dich
bitte!“
„Ich verspreche es dir, Ophelia; ich verspreche es dir feierlich, wenn
ich auch nicht begreifen kann, was du damit meinst.“
„Ich danke, ich danke dir, mein lieber, lieber Bub! Jetzt weiß ich
auch, du wirst es halten.“
Sie preßt ihre Wange dicht an die meine und ich fühle, wie ihre Tränen
auf mein Gesicht tropfen.
„Du weinst, Ophelia! — Willst du mir denn nicht anvertrauen, warum du
so unglücklich bist? — Vielleicht haben sie dich zu Hause gequält! —
Bitte, bitte, sag es mir doch, Ophelia! — Ich weiß ja nicht mehr vor
Jammer, was ich tun soll, wenn du so stumm bist!“
„Ja, du hast recht, ich will nicht mehr weinen. — Es ist so schön hier,
so still und so märchenhaft feierlich. Ich bin auch so unsagbar
glücklich, daß du bei mir bist, mein Bub!“
Und wir küssen uns wild und heiß, bis uns die Sinne schwinden.
Voll froher Zuversicht sehe ich mit einem Male in die Zukunft. Ja, es
wird, es muß doch alles so kommen, wie ich es mir in stillen Nächten
ausgemalt habe.
„Glaubst du, daß du Freude haben wirst?“ frage ich sie voll heimlicher
Eifersucht, „an deinem Beruf als Schauspielerin? Denkst du dir es
wirklich so schön, wenn die Leute dir zuklatschen und dir Blumen auf
die Bühne werfen?“ Ich knie vor ihr; sie hat die Hände im Schoß
gefaltet und blickt sinnend über die Wasserfläche in die Ferne.
„Ich habe noch nicht ein einzigesmal darüber nachgedacht, mein Christl,
wie das alles wohl sein mag. — Ich finde es widerwärtig und häßlich, so
vor die Menschen hinzutreten und ihnen eine Begeisterung oder eine
seelische Qual vorzuspielen. — Häßlich, wenn ich all das heuchle, und
schamlos, wenn ich echt empfinde, um eine Minute später die Maske
abzuwerfen und den Dank dafür in Empfang zu nehmen. — Und daß ich es
Abend für Abend tun soll und immer um dieselbe Stunde, — es kommt mir
vor, als sollte ich meine Seele prostituieren.“
„Dann darfst du es nicht tun!“ rufe ich und alles strafft sich in mir
vor Entschlossenheit. „Morgen, gleich in der Früh, will ich mit meinem
Vater sprechen. Ich weiß, er wird dir helfen; ich weiß es bestimmt! —
Er ist ja so unendlich gut und weichherzig. — Er wird nicht dulden, daß
sie dich zwingen ...“
„Nein, Christl, das wirst du nicht tun!“ unterbricht sie mich ruhig und
fest. „Nicht meiner Mutter wegen will ich, daß du es nicht tust, der
dadurch alle ihre eitlen Pläne zerstört würden. — Ich habe sie — nicht
lieb, ich kann nichts dafür! ... Ich schäme mich ihrer“ — setzt sie mit
abgewandtem Gesicht halblaut hinzu — „und das wird immer zwischen uns
stehen .... Aber meinen — meinen — Ziehvater habe ich lieb. Warum
sollte ich es nicht offen heraussagen, daß er nicht mein wirklicher
Vater ist! Du weißt es ja doch, wenn wir auch nie darüber gesprochen
haben. — Es hat’s mir niemand gesagt, aber ich weiß es; ich habe es
schon als Kind gefühlt. Deutlicher gefühlt, als man es wissen kann! Er
ahnt nicht, daß ich nicht seine Tochter bin. Ich wäre glücklicher, wenn
er es wüßte. — Dann hätte er mich vielleicht nicht mehr so lieb und
marterte sich meinetwegen nicht mehr zu Tode.
Oh, du weißt nicht, wie oft ich schon als Kind nahe daran war, es ihm
zu sagen. Aber zwischen ihm und mir steht eine furchtbare Mauer. Meine
Mutter hat sie aufgerichtet. — Solange ich denken kann: — ich habe kaum
ein paar Worte allein mit ihm reden, als kleines Mädchen nie auf seinem
Schoß sitzen, ihn niemals küssen dürfen. ‚Du machst dich schmutzig, faß
ihn nicht an!‘ — hat es immer geheißen. — Ich sollte immer die helle
Prinzessin sein und er war der schmutzige, verächtliche Sklave. — Es
ist ein Wunder, daß diese scheußliche, giftige Saat in meinem Herzen
nicht Wurzel gefaßt hat.
Ich danke Gott, daß er es nicht zugelassen hat! ... Manchmal, da denke
ich wieder: wäre ich doch wirklich solch gefühlloses, hochmütiges
Scheusal geworden, dann zerrisse mich dieses unbeschreibliche Mitleid
mit ihm nicht, und ich grolle dem Schicksal, daß es mich davor bewahrt
hat.
Oft quillt mir jeder Bissen im Munde, wenn ich daran denke, daß er
sich, um ihn zu beschaffen, die Hände blutig gearbeitet hat. Gestern
noch bin ich mitten beim Essen von Tisch aufgesprungen und hinunter
gelaufen zu ihm. —
Mir war das Herz so voll, daß ich glaubte, diesmal würde ich ihm alles,
alles sagen können. Ich wollte ihn bitten: jag uns beide hinaus wie
fremde Hunde, die Mutter und mich; wir sind es nicht besser wert; und
ihn, ‚ihn, diesen niederträchtigen, grauenhaften Erpresser, der
wahrscheinlich mein wirklicher Vater ist, erwürg! Erschlag ihn mit
deinen starken, ehrlichen Handwerkerhänden!‘ — Ich wollte ihm
zuschreien: Hasse mich, wie nur ein Mensch hassen kann, damit ich
endlich frei werde von diesem furchtbaren brennenden Mitleid.
Wieviel tausendmal habe ich wohl gebetet: Herr Gott im Himmel, schicke
ihm Haß ins Herz! —
Aber, ich glaube, eher fließt der Strom hier bergauf, ehe dieses Herz
des Hassens fähig würde ...
Ich hielt schon die Klinke der Werkstattstür in der Hand, da spähte ich
noch einmal durchs Fenster hinein. Er stand am Tisch und schrieb mit
Kreide meinen Namen darauf. Das einzige Wort, das er schreiben kann!
Da hat mich der Mut verlassen. Für immer.
Wäre ich vor ihn hingetreten, ich weiß, wie es unabwendbar hätte kommen
müssen!
Entweder er hätte, ohne mich anzuhören, immerwährend gestammelt: ‚Mein
gnädiges Fräulein Tochter Ophelia!‘ wie er es jedesmal tut, wenn er
mich sieht, oder er hätte mich verstanden und — und — wäre wahnsinnig
geworden!
Siehst du, mein Bub, deshalb darf es nicht sein, daß du mir hilfst!
Soll ich das einzige, worauf er hofft, in Trümmer schlagen!? Soll ich
schuld sein, daß sein armer Geist vollends in Nacht versinkt? Nein, mir
bleibt nur das eine: das zu werden, wofür er Tag und Nacht sich
abmartert: ein leuchtender Stern in seinen Augen — in den meinen
freilich geistig eine Hure.
Weine nicht, mein lieber, guter Bub! So weine doch nicht! Hab’ ich dir
weh getan? Komm her! Sei wieder gut. Hättest du mich denn mehr lieb,
wenn ich anders dächte? Ich hab dich erschreckt, mein armer Christl.
Schau, vielleicht ist alles gar nicht so schlimm, wie ich es
geschildert habe! Vielleicht bin ich nur sentimental und sehe alles
verzerrt und vergrößert. Wenn man so tagsüber die ‚Ophelia‘ immerfort
deklamieren soll, so bleibt etwas davon in einem zurück. Das ist ja das
Schändliche an dieser elenden Komödiantenkunst, daß die Seele in einem
krank davon wird.
Schau, vielleicht geschieht ein schönes, großes Wunder, und ich falle
in der Hauptstadt durch mit Pauken und Trompeten, dann wäre mit einem
Schlag alles, alles gut.“
Sie lachte laut und herzlich und küßte mir die Tränen fort, aber sie
verstellte sich nur, um mich zu trösten, ich fühlte es zu genau, als
daß ich in ihre Fröhlichkeit hätte einstimmen können.
In meinen tiefen Schmerz um sie mischt sich ein Empfinden, das mich
fast zerschmettert. Sie ist, das begreife ich voll Weh, nicht nur an
Jahren älter — nein, ich bin ein Kind gegen sie.
Die ganze Zeit, seit wir uns kennen und lieben, hat sie mir ihren Gram
und all ihre Qual verschwiegen. Und ich? Ich habe bei jeder Gelegenheit
meine winzigen, knabenhaften Sorgen vor ihr ausgeschüttet.
Mir ist, als sägte die grausame Erkenntnis, daß auch ihre Seele reifer
und älter ist als die meine, heimlich die Wurzel all meiner Hoffnungen
ab.
Sie mußte wohl Ähnliches fühlen, denn so zärtlich und heiß sie mich
auch immer und immer wieder küßte und an sich zog, ihre Liebkosungen
schienen mir plötzlich die einer Mutter zu sein.
Ich sage ihr, was ich nur an Innigkeit zu erfinden vermag, in meinem
Hirn aber jagen sich die Gedanken und nehmen die abenteuerlichsten
Formen an: „Irgend etwas muß ich tun! Nur Taten allein können mich ihr
ebenbürtig machen. Wie kann ich ihr nur helfen? Wie kann ich sie
retten?“
Ich fühle, daß ein grauenhafter, schwarzer Schatten in mir aufsteigt,
daß ein formloses Etwas nach meinem Herzen greift; ich höre ein
Flüstern wie von hundert zischenden Stimmen in meinem Ohr: ihr
Ziehvater, der idiotische Drechsler, ist die Schranke! Reiße sie
nieder! Mach ihn kalt! Wer sieht es? Feigling, warum fürchtest du dich?
Ophelia läßt meine Hände los. Sie fröstelt. Ich sehe, daß sie
schaudert.
Hat sie meine Gedanken erraten? Ich warte, daß sie irgend etwas sagt,
irgend etwas, das mir einen geheimen Wink gibt, was ich tun soll.
Alles wartet in mir: mein Hirn, mein Herz, mein Blut; das Flüstern in
meinem Ohr schweigt und wartet. Wartet und lauscht in teuflischer
Siegesgewißheit.
Da sagt sie — und ich höre, daß ihre Zähne vor innerer Kälte
zusammenschlagen — sie murmelt es mehr, als sie es ausspricht:
„Vielleicht erbarmt sich seiner — der Todesengel!“
Der schwarze Schatten in mir wird plötzlich eine weiße, gräßliche Lohe,
die mich er füllt von Kopf bis zu Fuß:
Ich springe auf und greife nach den Rudern; als habe der Kahn nur auf
dieses Zeichen gewartet, wird er von selbst schneller und schneller und
wir treiben mitten in die Strömung hinein, dem Ufer der Bäckerzeile zu.
Die glühenden Augen der Häuser leuchten wieder aus der Finsternis.
In reißender Schnelle trägt uns der Fluß dem Wehr zu, wo er die Stadt
verläßt.
Ich rudere aus Leibeskräften quer hinüber zu unserem Haus.
Weißer Gischt schäumt die Planken des Bootes entlang.
Jeder Ruderschlag, den ich tue, steigert meine wilde Entschlossenheit!
Das Leder der Riemen in den Dollen knirscht: Mord, Mord, Mord.
Dann habe ich einen Pfosten an der Ufermauer gepackt und hebe Ophelia
hinauf. Sie wiegt in meinen Armen leicht wie eine Feder.
Ich empfinde es wie eine unbändige, tierhafte Freude, daß ich mit einem
Schlage ein Mann bin an Körper und Seele, und trage Ophelia in raschem
Lauf am Scheine der Laterne vorbei in die Dunkelheit des Durchlasses
hinein.
Dort stehen wir noch lange und küssen uns in verzehrender, rasender
Leidenschaft. Jetzt ist sie wieder meine Geliebte und nicht mehr die
zärtliche Mutter.
Ein Geräusch hinter uns! Ich achte es nicht: was kümmert es mich!
Dann ist sie im Flur des Hauses verschwunden.
In der Werkstatt des Drechslermeisters ist noch Licht. Es schimmert
durch die trüben Fenster. Die Drehbank surrt.
Ich lege eine Hand auf die Klinke und drücke sie vorsichtig nieder. Ein
winziger Lichtstreifen leuchtet auf und verschwindet, wie ich die Tür
leise wieder zuziehe.
Ich schleiche ans Fenster, um zu erspähen, wo der Alte steht.
Er ist über die Drehbank gebeugt, hält ein blitzendes Eisen in der
Hand, und zwischen seinen Fingern hervor stieben weiße, papierdünne
Holzspäne von ihm weg in das Halbdunkel des Zimmers hinein und häufen
sich wie tote Schlangen um den Sarg.
Ein fürchterliches Schlottern fährt mir plötzlich in die Kniekehlen.
Ich höre, wie mein Atem pfeifend geht.
Ich muß mich mit der Schulter gegen die Mauer stützen, um nicht
vornüber zu fallen und die Glasscheibe des Fensters zu zerbrechen.
„Soll ich denn wirklich ein Meuchelmörder werden?!“ gellt ein
Jammerschrei in meiner Brust. „Hinterrücks den armen, alten Mann
erschlagen, der voll Liebe wie ein Heiland um meine, um seine Ophelia
sich sein ganzes Leben zermürbt hat?“
Da, mit einem Ruck bleibt die Drehbank stehen. Das Surren verstummt.
Jähe Totenstille schnappt nach mir.
Der Drechsler hat sich aufgerichtet, den Kopf halb zur Seite gewendet
scheint er zu horchen, dann legt er das Stemmeisen weg und kommt mit
zögerndem Schritt zum Fenster. Näher und näher. Die Augen fest auf die
meinen gerichtet.
Ich weiß, er kann mich nicht sehen, denn ich stehe in der Finsternis
und er ist im Licht; aber wenn ich selbst wüßte, er sähe mich, ich
könnte nicht mehr entfliehen, denn alle Kraft hat mich verlassen.
So ist er langsam bis dicht ans Fenster gekommen und starrt in die
Dunkelheit hinein.
Zwischen unsern Augen liegt kaum die Breite einer Hand und ich kann
jede Runzel in seinem Gesicht erkennen.
Der Ausdruck einer grenzenlosen Müdigkeit liegt darin; dann fährt er
sich langsam mit der Hand über die Stirn und sieht halb erstaunt, halb
sinnend auf seine Finger, wie einer, der Blut daran erblickt und nicht
weiß, wie das kommt.
Ein leiser Glanz von Hoffnung und Freude tritt mit einemmal in seine
Züge und er beugt das Haupt, geduldig und ergeben wie ein Märtyrer, der
den Todesstreich erwartet.
Ich verstehe, was sein Geist da zu mir spricht!
Sein dumpfes Hirn weiß nicht, warum es ihn das alles tun läßt. Sein
Leib ist nur die Gebärde seiner Seele, die da flüstert: „Erlöse mich um
meiner lieben Tochter willen!“
Jetzt weiß ich: Es muß sein! Der erbarmende Tod selber wird mir die
Hand führen!
Darf ich denn zurückstehen hinter ihm an Liebe zu Ophelia?
Jetzt erst erfühle ich bis in die tiefsten Abgründe meines Innern, was
Ophelia täglich erdulden muß unter der fressenden Pein des Mitleids mit
ihm, dem Erbarmungswürdigsten aller Elenden; zerfleischt es mich doch
selbst, daß ich glaube, ich verbrenne wie in einem Nessushemd. — — —
Wie ich es werde vollbringen können? Ich bin nicht fähig, es mir
auszudenken.
Mit dem Eisen dort soll ich ihm den Schädel zertrümmern?
Soll ihm in die brechenden Augen schauen?
Soll seine Leiche in den Durchlaß schleppen und ins Wasser werfen? Und
dann, die Hände besudelt mit Blut fürs ganze Leben, soll ich jemals
wieder Ophelia küssen und umarmen?
Ich, ein Meuchelmörder, soll täglich meinem lieben, lieben Vater in das
gütige Antlitz sehen!
Nein! Ich fühle: das werde ich niemals können.
Geschehen muß das Gräßliche, und ich werde es vollbringen, ich weiß es;
aber mit der Leiche des Erschlagenen werde auch ich im Fluß versinken.
Ich raffe mich auf und schleiche zur Tür, bleibe stehen, bevor ich nach
der Klinke greife, krampfe die Hände zusammen und will die Bitte in
mein Herz hineinschreien:
„Herr, Allerbarmer, gib mir Kraft!“
Aber meine Lippen beten diese Worte nicht. Ohne daß ihnen mein Geist
anders befehlen könnte, flüstern sie:
„Herr, ist’s möglich, so lasse diesen Kelch an mir vorübergehen!“
Da zerspellt ein eherner Klang die Totenstille und reißt die Worte von
meinem Munde weg. Die Luft vibriert, die Erde zittert; die Turmuhr der
Marienkirche hat aufgebrüllt.
Unter dem Leben ringsum und in mir ist’s, als würde die Finsternis
weiß.
Und wie aus weiter, weiter Ferne, vom Berge her, den ich kenne aus
meinen Träumen, höre ich die Stimme des weißen Dominikaners, der mich
gefirmt hat und mir meine Sünden vergeben — die vergangenen und die
zukünftigen —, meinen Namen rufen:
Christopher! Christopher!
Eine Hand hat sich schwer auf meine Schulter gelegt.
„Mordbube!“
Ich weiß, es ist der grollende Baß des Schauspielers Paris, der da,
gedämpft und verhalten, voll Drohung und Haß in meinen Ohren
wiederdröhnt, aber ich setze mich nicht zur Wehr.
Willenlos lasse ich mich in den Schein der Laterne schleppen.
„Mordbube!“
Ich sehe, wie seine Lippen geifern; die aufgequollene Trinkernase, die
schlaffen Hängebacken, das naß glänzende, bespuckte Kinn, alles hüpft
an ihm vor Triumph und höllischer Freude.
„Mord—bu—be!“
Er hat mich an der Brust gepackt und schüttelt mich bei jeder Silbe,
die er hervorstößt, wie ein Bündel leerer Kleider.
Es kommt mir nicht in den Sinn, ihm Widerstand zu leisten oder gar mich
loszureißen und zu entfliehen; ich bin schwach geworden wie ein
kleines, sterbensmattes Tier.
Er deutet es als Schuldbewußtsein, das sehe ich ihm an, — aber wie wäre
ich fähig, ein Wort zu sprechen! Meine Zunge ist schlaff.
Selbst wenn ich wollte, könnte ich ihm die Erschütterung nicht
schildern, die ich durchgemacht habe. —
Was er auf mich einschreit, dann wieder heiser in meine Ohren bellt,
wie ein Rasender, Schaum vor dem Mund, die Fäuste vor meinem Gesicht
ballend — ich höre und sehe alles —, aber es bewegt mich nicht; ich bin
erstarrt, hypnotisiert. Ich verstehe, daß er alles weiß, — daß er
gesehen hat, wie wir aus dem Boot stiegen, — wie wir uns geküßt haben,
— daß er erraten hat, ich wolle den Alten ermorden — „um ihn zu
berauben“, wie er schreit.
Ich verteidige mich nicht; ich erschrecke nicht einmal darüber, daß er
unser Geheimnis kennt.
So mag einem Vogel zumute sein, der in den Fängen einer Schlange die
Furcht vergessen hat. —
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