So wie die weltvergessene kleine Stadt, umgürtet vom wandelnden Flusse,
einer ruhevollen Insel gleich in meinem Herzen lebt, so ragt als
Eiland, umströmt von den Fluten der Unrast aus jenen Jugendtagen, die
mir Ophelia heißen, das Andenken eines Gespräches, das ich eines Nachts
belauschte.
Ich hatte, wie damals wohl stündlich, von meiner Geliebten geträumt, da
hörte ich, daß der Baron in seinem Studierzimmer einem Besucher die
Türe öffnete; und an der Stimme erkannte ich den Kaplan.
Er kam zuweilen, auch in später Stunde noch, denn sie waren alte
Freunde, und sie unterhielten sich dann bei einem Glase Wein zumeist
bis tief nach Mitternacht über allerlei philosophische Fragen, berieten
auch wohl, wie meine Erziehung zu gestalten sei, kurz, sie sprachen
über Dinge, die mir wenig am Herzen lagen.
Der Baron duldete nicht, daß ich die Schule besuchte.
„Unsere Schulen sind die Hexenküchen, in denen der Verstand so lange
verbildet wird, bis das Herz verdurstet ist. Wenn das glücklich
gelungen ist, bekommt man das Zeugnis der Reife“, pflegte er zu sagen.
Daher gab er mir immer nur Bücher zu lesen, die er aus seiner
Bibliothek sorgsam auswählte, nachdem er zuvor in mir geforscht hatte,
wie meine Wißbegier jeweils beschaffen war, aber er prüfte mich
niemals, ob ich sie auch wirklich gelesen hatte.
„Was dein Geist will, daß in deinem Gedächtnis haften bleibe,“ war sein
Lieblingsspruch, „das wirst du dir merken, denn er gibt dir zugleich
die Freude daran. Der Schulmeister aber ist wie der Tierbändiger; der
eine meint, es sei wichtig, daß Löwen durch Reifen springen, der andere
schärft den Kindern ein, daß der gottselige Hannibal sein linkes Auge
in den pontinischen Sümpfen verlor; der eine macht aus einem
Wüstenkönig einen Zirkusclown, der andere aus einer Gottesblume ein
Sträußchen Petersilie.“
Ein ähnliches Gespräch mochten die beiden Herren auch jetzt wieder
geführt haben, denn ich hörte den Kaplan sagen:
„Ich würde mich fürchten, ein Kind so dahintreiben zu lassen wie ein
Schiff ohne Steuer; ich glaube, es müßte stranden.“
„Als ob nicht die meisten Menschen strandeten!“ rief der Baron erregt
dazwischen. „Ist vielleicht jemand nicht gestrandet, vom höheren
Standpunkte des Lebens aus gesehen, wenn er nach einer hinter
Schulfenstern vertrauerten Jugend — sagen wir mal: Rechtsgelehrter
geworden ist, sich verheiratet, um seinen Essig auf Kinder zu vererben,
dann krank wird und stirbt? Glauben Sie, daß sich seine Seele zu
solchem Zweck den komplizierten Apparat, Menschenleib genannt,
geschaffen hat?!“
„Wohin kämen wir, wenn alle so dächten wie Sie!“ wendete der Kaplan
ein.
„Zum segensreichsten und schönsten Zustand des Menschengeschlechtes,
der sich denken läßt! Jeder würde anders wachsen, keiner wäre dem
andern gleich, jeder wäre ein Kristall, dächte und fühlte in anderen
Farben und Bildern, liebte anders und haßte anders, wie der Geist in
ihm will, daß er tue. Den Satz von der Gleichheit der Menschen muß der
Feind aller Buntheit, der Satan, erfunden haben.“
„So glauben Sie also doch an den Teufel, Baron. Sie leugnen es sonst
immer!“
„Ich glaube an den Teufel so, wie ich an die ertötende Kraft des
Nordwinds glaube! — Wer aber kann mir die Stelle im Weltall zeigen, wo
die Kälte entspringt? — Dort müßte der Teufel thronen. — Das Kalte
läuft nur dem Warmen nach, denn es will selber warm werden. Der Teufel
will zu Gott kommen, der eisige Tod zum Feuer des Lebens; das ist der
Ursprung aller Wanderung. — — Es soll einen absoluten Nullpunkt der
Kälte geben? — Gefunden hat ihn noch keiner. Es wird ihn auch nie einer
finden; so wenig wie jemand den absoluten magnetischen Nordpol finden
kann; wenn er einen Stabmagneten verlängert oder zerbricht, immer wird
der Nordpol dem Südpol entgegengesetzt sein, einmal wird die Stelle,
die beide in der Erscheinung trennt, kürzer sein und das anderemal
länger, berühren werden sich die Pole nie, oder der Stab müßte ein Ring
werden und der Magnet aufhören, ein Stabmagnet zu sein. — Ob man die
Quelle des einen Poles in der Endlichkeit sucht oder die des andern, —
man begibt sich immer auf eine Wanderung in die Unendlichkeit. Sehen
Sie dort an der Wand das Bild: Das ‚Abendmahl‘ von Leonardo da Vinci!
Dort ist auf Menschen übertragen, was ich vorhin in bezug auf Magnete
sowohl, wie auf die Erziehung durch die Seele, sagen wollte. Bei jedem
Jünger des ‚Abendmahls‘ ist die Mission, die seine Seele hat, in
symbolischer Hand- und Fingerstellung angedeutet; bei allen ist die
rechte Hand in Tätigkeit, ob sie sich nun auf den Tisch stützt, dessen
Kante in sechzehn Teile geteilt ist, was die sechzehn Buchstaben des
alten römischen Alphabets bedeuten könnte, oder ob sie verbunden ist
mit der linken Hand. Bei Judas Ischarioth allein agiert die Linke und
die Rechte ist geschlossen! — Johannes der Evangelist, von dem Jesus
sagte, er werde bleiben, weshalb unter den Jüngern die Rede ging, er
werde nicht sterben, — hat beide Hände gefaltet, das heißt: er ist ein
Magnet, der keiner mehr ist; er ist ein Ring in der Ewigkeit; er ist
kein Wanderer mehr.
Mit solchen Fingerstellungen hat es eine eigene Bewandtnis! Sie bergen
die tiefsten Mysterien der Religionen.
Im Orient finden Sie sie auf allen Götterstatuen, aber auch auf den
Gemälden fast sämtlicher unserer großen mittelalterlichen Meister sehen
Sie sie wiederkehren.
In unserer Familie, dem Stamme der Freiherren von Jöcher, hat sich die
Legende vererbt, unser Ahnherr, der Laternenträger Christopher Jöcher,
sei aus dem Osten eingewandert und habe von dort das Geheimnis
mitgebracht, durch eine Art Fingergestikulation die Schemen der Toten
herbeizurufen und sie sich zu allerlei Zwecken willfährig zu machen.
Eine Urkunde, die ich besitze, besagt, er sei Mitglied eines uralten
Ordens gewesen, der sich einmal nennt: ‚Schi-Kiai‘ das ist auf deutsch:
‚Die Lösung der Leichname‘ und dann an anderer Stelle wieder:
‚Kieu-Kiai‘, das ist: die ‚Lösung der Schwerter‘.
Von Dingen wird da berichtet, die Ihrem Ohr sehr sonderbar klingen
mögen; mit Hilfe der Kunst, die Hände und Finger geistig-lebendig zu
machen, sei der oder jener des Ordens samt seinem Leichnam aus dem
Grabe verschwunden, und wieder andere hätten sich in der Erde in
Schwerter verwandelt.
Fällt Ihnen da nicht eine merkwürdige Übereinstimmung auf, Hochwürden,
mit der Auferstehung Christi? — Insbesondere, wenn Sie die rätselhaften
Handgesten auf den Bildwerken des Mittelalters und des asiatischen
Altertums damit in Verbindung bringen?“
Ich hörte, wie der Kaplan unruhig wurde, mit schnellen Schritten im
Zimmer auf- und abging, dann stehen blieb und mit gepreßter Stimme
ausrief:
„Was Sie mir da sagen, Herr Baron, klingt mir zu sehr nach
Freimaurertum, als daß ich, der ich doch katholischer Priester bin, es
ohne Widerspruch hinnehmen könnte. Was Sie den ertötenden Nordwind
nennen, das ist für mich Freimaurerei und alles, was damit
zusammenhängt. Ich weiß sehr wohl, und wir haben ja oft genug über
dieses Thema gesprochen, daß alle großen Maler und Künstler ein
gemeinsames Band umschloß, das sie die Zunft nannten, und daß sie ihre
Zusammengehörigkeit einander über Länder hinweg kundgaben, indem sie
geheime Zeichen — zumeist durch Fingerstellungen und Handgesten — auf
den Figuren ihrer Bilder oder durch den Winkblick von Wolkengesichtern,
bisweilen auch durch Farbenwahl — anbrachten. Die Kirche hat ihnen oft
genug, ehe sie ihnen Aufträge für Heiligenbilder erteilte, das
feierliche Versprechen abgenommen, derlei zu unterlassen, aber immer
wieder wußten sie es zu umgehen. Man verargt es der Kirche, daß sie
sagt, wenn auch nicht vor jedermanns Ohren: die Kunst sei vom Teufel.
Ist das für einen strenggläubigen Katholiken so unverständlich? Wo man
doch weiß, daß die Künstler ein offenbar gegen die Kirche gerichtetes
Geheimnis besaßen und behüteten?
Ich kenne einen Brief eines damaligen großen Malers, worin dieser einem
spanischen Freunde gegenüber offen die Existenz des geheimen Bundes
eingesteht.“
„Auch ich kenne jenen Brief“, fiel der Baron lebhaft ein. „Der Maler
schreibt darin so ungefähr — ich habe den Wortlaut nicht mehr
gegenwärtig —: ‚Geh du zu dem und dem, einem Manne namens X, und bitte
ihn fußfällig, er möge mir nur einen einzigen Wink geben, damit ich
endlich Einblick bekomme, wie das Geheimnis weiter zu handhaben ist.
Ich will nicht bis ans Lebensende nur ein Maler sein!‘ Was geht daraus
hervor, lieber Kaplan? Doch wohl, daß jener berühmte Künstler, so hoch
er auch äußerlich eingeweiht gewesen sein mag, in Wirklichkeit nur ein
Blinder war. Daß er Freimaurer war, und das heißt für mich so viel wie:
er war ein Handlanger im Ziegeleischupfen, der nur außen am Bau
herumklettert, und zur Zunft gehörte, ist nicht zu bezweifeln. Auch
haben Sie ganz recht, wenn Sie sagen, alle Architekten, Maler,
Bildhauer, Goldschmiede und Ziseleure damaliger Zeit sind Freimaurer
gewesen. Aber, und darauf kommt es hier an: sie kannten nur die äußeren
Riten und begriffen sie bloß im ethischen Sinne; sie waren nur
Werkzeuge jener unsichtbaren Macht, die Sie als Katholik
irrtümlicherweise für den Meister der ‚Linken Hand‘ halten; Werkzeuge
waren sie, nichts sonst, zu dem einzigen Zweck, gewisse Geheimnisse in
symbolischer Form der Nachwelt aufzubewahren, bis die Zeit reif sein
wird. Doch sie blieben stecken auf dem Wege und kamen nicht vorwärts,
weil sie immer hofften, ein Menschenmund könne ihnen den Schlüssel
geben, der das Tor aufsperrt; sie ahnten nicht, daß er in der
Betätigung der Kunst selber vergraben liegt; sie begriffen nicht, daß
Kunst einen tiefern Sinn birgt, als bloß Bilder zu malen oder
Dichtwerke zu schaffen, nämlich den: eine Art überfeinen Tast- und
Wahrnehmungsgefühls im Künstler selbst zu erwecken, dessen erste
Kundgebung ‚richtiges Kunstempfinden‘ heißt. Auch ein heute lebender
Künstler, sofern sich ihm durch seinen Beruf die inneren Sinne
erschließen für die Einflüsse dieser Macht, wird in seinen Werken jene
Symbole wieder auferstehen lassen können; er braucht sie durchaus nicht
aus dem Munde eines Lebenden erfahren zu haben, braucht keineswegs in
diese oder jene Loge aufgenommen zu sein! Im Gegenteil: tausendmal
klarer als Menschenzunge spricht der ‚unsichtbare Mund‘. Was ist wahre
Kunst denn anderes als das Schöpfen aus dem ewigen Reiche der Fülle?!
Wohl gibt es Menschen, die mit vollem Recht den Namen ‚Künstler‘ führen
dürfen und doch nur besessen sind von einer finstern Kraft, die Sie von
Ihrem Standpunkt aus ruhig als ‚der Teufel‘ bezeichnen dürfen. Was sie
schaffen, gleicht aufs Haar dem Höllenreich des Satans, wie es sich der
Christ vorstellt; ihre Werke tragen den Hauch des eisigen, erstarrenden
Nordens, wohin doch schon das Altertum den Sitz der menschenhassenden
Dämonen verlegte; die Ausdrucksmittel ihrer Kunst sind: Pest, Tod,
Irrsinn, Mord, Blut, Verzweiflung und Verworfenheit. — —
Wie sollen wir uns nun solche Künstlernaturen erklären? Ich will es
Ihnen sagen: ein Künstler ist ein Mensch, in dessen Hirn das Geistige,
das Magische das Übergewicht über das Materielle erlangt hat. Das kann
auf zweierlei Weise geschehen: bei den einen — nennen wir sie die
‚teuflischen‘ — ist das Gehirn durch Ausschweifung, durch Lustseuche,
durch ererbte oder angewöhnte Laster im Begriffe zu entarten; dann
wiegt es sozusagen leichter auf der Wagschale des Gleichgewichtes und
das ‚Schwerer- oder Offenbarwerden in der Erscheinungswelt‘ und das
Herabsinken des Magischen tritt von selber ein: die Wagschale des
Geistigen senkt sich herab, nur weil die andere leichter und nicht,
weil sie selbst schwerer wird. In diesem Falle haftet dem Kunstwerk der
Geruch der Fäulnis an. Es ist, als trüge der Geist ein Kleid, leuchtend
im Phosphorschein der Verwesung.
Bei den anderen Künstlern — ich will sie die ‚Gesalbten‘ nennen — hat
sich der Geist, wie der Ritter Georg, die Macht über das Tier erkämpft:
bei ihnen senkt sich die Wage des Geistes in die Erscheinungswelt
hernieder kraft eines eigenen Gewichtes. Dann trägt der Geist das
goldene Gewand der Sonne.
In beiden aber ist das Gleichgewicht der Wage verschoben zugunsten des
Magischen; beim Durchschnittsmenschen hat nur das Tier Gewicht; die
‚Teuflischen‘ wie die ‚Gesalbten‘ werden bewegt vom Winde des
unsichtbaren Reiches der Fülle, der eine vom Nordwind, der andere vom
Hauch des Morgenrots. Der Durchschnittsmensch hingegen bleibt ein
starrer Klotz.
Wer ist nun jene Macht, die sich der großen Künstler bedient wie eines
Werkzeugs, das den Zweck hat, die symbolischen Riten der Magie der
Nachwelt aufzubewahren?
Ich sage Ihnen: es ist dieselbe, die einst die Kirche schuf. Sie baut
zwei lebendige Säulen zu gleicher Zeit, die eine weiß, die andere
schwarz. Zwei lebendige Säulen, die einander solange hassen werden, bis
sie erkennen, daß sie nur die Pfeiler für einen künftigen Triumphbogen
sind.
Erinnern Sie sich der Stelle im Evangelium, wo Johannes sagt: ‚So aber
die vielen anderen Dinge sollten geschrieben werden, achte ich, die
Welt würde die Bücher nicht begreifen, die zu beschreiben wären.‘
Wie erklären Sie, Hochwürden, daß nach Ihrem Glauben dem Willen Gottes
gemäß wohl die Bibel auf unsere Zeiten kam, die Überlieferung jener
‚andern Dinge‘ hingegen nicht?
Ist sie ‚verloren‘ gegangen? So wie ein Knabe sein Taschenmesser
‚verliert‘?
Ich sage Ihnen, jene ‚andern Dinge‘ leben heute noch, haben immer
gelebt und werden immer lebendig bleiben und stürben auch alle Münder,
die sie sagen, und alle Ohren, in die sie gesprochen werden könnten.
Der Geist wird sie immer wieder flüsternd beleben und sich neue
Künstlerhirne schaffen, die schwingen, wenn er es will, und sich neue
Hände bauen, die schreiben, so wie er es befiehlt.
Das sind jene Dinge, um die Johannes wußte und weiß — die Geheimnisse,
die bei ‚Christus‘ waren und die er einbegriff, als er Jesum, sein
Werkzeug, sagen ließ: ‚Ehe denn Adam war, war Ich‘.
Ich sage Ihnen — mögen Sie sich nun bekreuzigen oder nicht: die Kirche
hat mit Petrus begonnen, vollendet wird sie erst durch Johannes! Was
das heißt? Lesen Sie einmal das Evangelium, als sei es eine
Prophezeiung, was aus der Kirche werden wird! Vielleicht geht Ihnen
dann ein Licht auf, was es — in diesem Sinne gesehen — bedeutet, daß
Petrus Christum dreimal verleugnet hat und sich ärgerte, als Jesus von
Johannes sagte: ‚Ich will, daß er bleibe.‘ Zu Ihrem Troste will ich
hinzufügen: Wohl wird, das glaube ich und sehe es kommen, die Kirche
sterben, aber sie wird neu auferstehen und so, wie sie sein sollte.
Noch ist keiner und nichts auferstanden, das nicht vorher gestorben
wäre: nicht einmal Jesus Christus.
Ich kenne Sie zu gut als ehrlichen Menschen, der es mit seiner Pflicht
genau nimmt, als daß ich nicht wüßte, Sie hätten sich oft und oft
gefragt: Wie durfte es nur geschehen, daß unter den Geistlichen, sogar
unter den Päpsten, Verbrecher sein konnten, Unwürdige ihrer Weihe,
Unwürdige, den Namen Mensch zu tragen? Ich weiß auch, Sie hätten
gesagt, würde Sie jemand um eine Erklärung solcher Tatsachen gebeten
haben: ‚Sündlos und unbefleckbar ist nur das Amt und nicht der, der das
Amt bekleidet.‘ Glauben Sie ja nicht, lieber Freund, daß ich etwa zu
denen gehöre, die über eine solche Erklärung höhnen oder siebengescheit
eine verächtliche aalglatte Heuchelei dahinter wittern; dazu erfasse
ich den Sinn der Priesterweihe zu tief.
Ich weiß genau, vielleicht besser als Sie, wie groß die Zahl
katholischer Geistlicher ist, die heimlich im Herzen den bangen Zweifel
tragen: ‚Ist es wirklich die christliche Religion, die berufen sein
soll, die Menschheit zu erlösen? Deuten nicht alle Zeichen der Zeit
darauf hin, daß die Kirche morsch wird? Wird es wirklich kommen, das
tausendjährige Reich? Wohl wächst wie ein riesiger Baum das
Christentum, wo aber bleiben die Früchte? Immer größer von Tag zu Tag
wird die Schar derer, die den Namen Christen tragen, aber immer weniger
und weniger sind dessen würdig!‘
Woher kommt dieser Zweifel, frage ich Sie. Aus Glaubensschwäche? Nein!
Er wächst folgerichtig aus dem unbewußten Erkenntnisgefühl, daß zu
wenige unter den Priestern sind, die feurig genug wären, um den Weg der
Heiligung zu suchen, wie es die Yogis und Sadhus Indiens tun. Es sind
ihrer zu wenige, die das Himmelreich mit Gewalt nehmen. Glauben Sie
mir: es gibt mehr Pfade zur Auferstehung, als die Kirche sich träumen
läßt! Das laue Hoffen auf die ‚Gnade‘ tut’s freilich nicht. Wieviele in
Ihrem Stande sind es denn, die von sich sagen können: ‚Wie der Hirsch
nach frischem Wasser schreit, schreit meine Seele, Gott, nach dir!‘?
Sie alle hoffen heimlich auf die Erfüllung der apokryphen Prophezeiung,
die da sagt: zweiundfünfzig Päpste werden erscheinen, jeder trägt einen
verborgenen lateinischen Namen, der seine Tätigkeit auf Erden
umschreibt; der letzte wird ‚flos florum‘ heißen, das ist ‚Blüte der
Blüten‘, und unter seinem Zepter bricht das tausendjährige Reich an.
Ich prophezeie Ihnen — und ich bin doch eher ein Heide als ein Katholik
—, daß er Johannes heißen und die Spiegelung Johannis, des
Evangelisten, sein wird; von Johannes dem Täufer, dem Schutzpatron der
Freimaurer, die die Geheimnisse der Taufe mit Wasser behüten, ohne sie
selber zu kennen, werden die Kräfte über die untere Welt ihm übertragen
sein.
So wird aus zwei Säulen eine Triumphpforte werden!
Aber schreiben Sie heute in ein Buch: ‚An die Spitze der Menschheit als
Führer gehört weder ein Soldat, noch ein Diplomat, weder ein Professor
noch ein — Haubenstock, sondern einzig und allein ein Priester‘ — und
ein Wutschrei wird durch die Welt gehen, wenn das Buch erscheint.
Schreiben Sie hinein: ‚Die Kirche ist nur ein Stückwerk, ist nur die
eine Hälfte eines in zwei Teile zerbrochenen Schwertes, solange nicht
ihr Stellvertreter zugleich auch der vicarius Salomonis, der
Ordensoberste, ist‘, und man wird das Buch auf dem Scheiterhaufen
verbrennen.
Freilich, die Wahrheit würden sie weder verbrennen noch in den Boden
stampfen können! Sie wird immer wieder offenbar; so, wie die Schrift
über dem Altar der Marienkirche unserer Stadt, von der das bunte Brett
immer wieder abfällt.
Ich sehe Ihnen an, auch Ihnen geht es gegen den Strich, daß es ein
heiliges Geheimnis geben sollte, das den Widersachern der Kirche zu
eigen wäre und von dem die katholische Kirche nichts wüßte. Dennoch ist
es so, nur mit der wesentlichen Einschränkung, daß jene, die es
behüten, mit ihm nichts anzufangen wissen, ihre Gemeinschaft ist eben
die andere Hälfte des ‚zerbrochenen Schwertes‘ und kann den Sinn nicht
erfassen. Es wäre auch wirklich mehr als grotesk, anzunehmen, daß die
wackeren Begründer der Gothaschen Lebensversicherung ein magisches
Arkanum zur Überwindung des Todes besäßen.“
Eine lange Pause entstand; die beiden alten Herren schienen ihren
Gedanken nachzuhängen.
Dann hörte ich die Gläser klingen, und nach einer Weile fragte der
Kaplan:
„Woher Sie nur all dieses seltsame Wissen haben mögen?“
Der Baron schwieg.
„Oder reden Sie nicht gern davon?“
„Hm. Je nach dem“, wich der Baron aus. „Manches hängt mit meinem Leben
zusammen, manches ist mir zugeflogen, manches habe ich — hm — ererbt.“
„Daß man ein Wissen ererben kann, ist mir neu. Allerdings, von Ihrem
seligen Herrn Vater erzählt man sich heute noch die merkwürdigsten
Geschichten.“
„Was zum Beispiel?“ rief der Baron erheitert. „Das interessiert mich
lebhaft.“
„Nun, man sagt, er sei — er sei —“
„Ein Narr gewesen!“ ergänzte der Baron fröhlich.
„Nicht gerade ein Narr. Oh, durchaus nicht! Aber ein Sonderling
höchsten Grades. Er soll, so sagt man — aber Sie dürfen nicht etwa
denken, ich glaubte so was! — er soll eine Maschine zur Erweckung des
Wunderglaubens bei — na ja — des Wunderglaubens — bei Jagdhunden
erfunden haben!“
„Ha ha ha!“ lachte der Baron los. So laut und herzlich und anhaltend,
daß ich in meinem Bette angesteckt wurde und in das Taschentuch beißen
mußte, um nicht zu verraten, daß ich zuhörte.
„Ich habe mir ja gleich gedacht, daß es Unsinn ist!“ entschuldigte sich
der Kaplan.
„Oh“, der Baron schnappte noch immer nach Luft, „oh, durchaus nicht!
Die Sache stimmt schon. Ha ha! Warten Sie einen Augenblick! Ich muß
mich erst auslachen. Also, mein Vater war wirklich ein Original, wie es
wohl keines mehr geben wird. Er besaß ein ungeheures Wissen, und was
ein Kopf ausdenken kann, das hat er ausgedacht. Eines Tages blickte er
mich lange an, klappte ein dickes Buch zu, in dem er gerade gelesen
hatte, warf es auf den Boden (seitdem hat er nie mehr ein Buch in die
Hand genommen) und sagte zu mir:
‚Bartholomäus, mein Junge, ich habe nunmehr erkannt, daß alles Blödsinn
ist. Das Gehirn ist die überflüssigste Drüse, die der Mensch besitzt!
Man sollte sie sich herausschneiden lassen wie die Mandeln. Ich gedenke
heute ein neues Leben zu beginnen.‘
Schon am nächsten Morgen übersiedelte er in ein kleines Schloß auf dem
Lande, das wir damals besaßen, und verbrachte dort den Rest seiner
Tage; erst kurz vor seinem Tode kehrte er heim, um friedlich zu
sterben, hier, im Stockwerk unter uns.
So oft ich ihn im Schloß besuchte, immer zeigte er mir etwas Neues.
Einmal war es ein ungeheueres, wundervolles Spinnennetz an der
Innenseite einer Fensterscheibe, das er behütete wie seinen Augapfel.
‚Siehst du, mein Sohn,‘ erklärte er mir, ‚hier hinter dem Netz zünde
ich abends ein grelles Licht an, um die Insekten draußen anzulocken.
Sie kommen in Scharen angesaust, können sich aber nicht ins Netz
verfangen, denn die Fensterscheibe ist dazwischen. Die Spinne, die
natürlich keine Ahnung hat, was Glas ist — denn wo käme so etwas im
Freien vor! — kann sich das nicht erklären und greift sich
wahrscheinlich an den Kopf. Tatsache ist, daß sie Tag für Tag ein immer
größeres und feineres Netz webt. Ohne daß dies natürlich den Mangel
auch nur im geringsten behöbe! Auf diese Weise will ich dem Biest das
schamlose Vertrauen auf die Allgewalt des Verstandes allmählich
abgewöhnen. Später, wenn es auf dem Wege der Wiederverkörperung ein
Mensch geworden sein wird, wird es mir für solche weise Erziehung Dank
wissen, denn es bringt dann einen unterbewußten Schatz an Erfahrung
mit, der für es von größtem Wert sein kann. Mir hat offenbar, als ich
noch eine Spinne war, ein solcher Erzieher gefehlt, sonst hätte ich
schon als Kind die Bücher weggeschmissen!‘
Ein andermal führte er mich vor einen Käfig, in dem lauter Elstern
waren. Er warf ihnen massenhaft Futter vor; sie stürzten sich gierig
darauf und jede stopfte aus Neid, die anderen könnten schneller
fressen, sich in Windeseile Schnabel und Kropf derart voll, daß keine
mehr schlucken konnte.
‚Diesen Viechern verekle ich den Geiz und die Habsucht‘, erläuterte er.
‚Hoffentlich lassen sie im späteren Leben auch die öde Sparerei
bleiben, eine Eigenschaft, die von allen den Menschen am häßlichsten
macht!‘
‚Oder‘, wendete ich ein, ‚sie erfinden sich Rocktaschen und
Geldschränke!‘ worauf mein Vater nachdenklich wurde und ohne ein Wort
zu verlieren, den Vögeln die Freiheit wiedergab.
‚Gegen das da aber wirst du hoffentlich nichts einzuwenden haben!‘
brummte er stolz und führte mich auf einen Söller, auf dem eine
Balliste — eine Art Steinschleudermaschine stand. ‚Siehst du die vielen
Köter da unten auf der Wiese? Da flacken sie herum und lassen den
lieben Gott einen braven Mann sein! Das Handwerk werde ich ihnen
legen!‘ Er nahm einen Kiesel und schleuderte ihn auf einen der Hunde,
der sofort entsetzt aufsprang, nach allen Seiten spähte, woher das
Geschoß wohl gekommen sein möchte, dann ratlos zum Himmel aufsah und
sich nach längerer Unruhe wieder niederlegte. Nach seinem verzweifelten
Gebaren zu schließen, mußte ihm dergleichen Unbill schon des öftern
widerfahren sein.
‚Dies ist die Maschine, die mit Geduld angewendet, in jedes Jagdhundes
Herz, mag er noch so gottlos sein, unfehlbar den Keim dereinstigen
Wunderglaubens lenken muß!‘ sagte mein Vater und warf sich in die
Brust. ‚Lach‘ nicht, vorwitziger Knabe! Nenne mir einen Beruf, der
wichtiger wäre! Glaubst du, die Vorsehung verführe mit uns anders, als
ich es hier tue mit den Kötern?‘
Sehen Sie, ein solch hemmungsloses Kuriosum und doch voll Weisheit war
mein Vater‘, schloß der Baron.
Nachdem sie sich beide herzlich ausgelacht hatten, fuhr er zu erzählen
fort:
„Ein merkwürdiges Schicksal vererbt sich in unserer Familie. Glauben
Sie aber, bitte, nicht, wenn Ihnen meine Worte vielleicht zu überhebend
klingen werden, daß ich mich für etwas Besonderes oder für einen
Auserwählten hielte! Allerdings habe ich eine Mission, aber eine sehr
bescheidene. Freilich, mir scheint sie groß und ich halte sie heilig!
Ich bin der elfte aus dem Geschlechte der Jöcher; den Ahnherrn nennen
wir die Wurzel, wir andern zehn, die Freiherren, heißen die Äste,
unsere Vornamen beginnen alle mit einem ‚B‘, wie zum Beispiel
Bartholomäus, Benjamin, Balthasar, Benedikt und so weiter. Nur die
Wurzel, der Ahnherr Christopher, fängt mit ‚Ch‘ an. In unserer
Familienchronik steht, der Ahnherr habe vorausgesagt, die Krone des
Stammbaumes — der zwölfte — werde wiederum Christopher heißen. ‚Es ist
seltsam,‘ habe ich mir oft gedacht, ‚alles, was er vorausgesagt hat,
ist Wort für Wort eingetroffen, nur das letzte scheint nicht zu
stimmen, denn ich habe doch keine Kinder!‘ Da geschah das Merkwürdige,
daß ich von dem kleinen Jungen im Findelhaus, den ich jetzt adoptiert
habe, hörte und ihn zu mir nahm, lediglich, weil er im Schlafe
wanderte; eine Eigenschaft, die uns Jöchers allen anhaftet. Als ich
dann erfuhr, er heiße Christopher, durchfuhr’s mich wie ein Blitz, und
ich mußte förmlich nach Luft ringen, als ich das Kind damals nach Hause
nahm, so sehr hatte mir die Aufregung den Atem verschlagen. Mein
Geschlecht wird in der Chronik mit einer Palme verglichen, bei der
immer ein Ast abfällt, um dem nächsten Platz zu machen, bis schließlich
nur übrig bleiben: die Wurzel, die Krone und der glatte Stamm, der
keinerlei Seitentrieb ansetzt, so daß der Saft aus dem Boden frei
aufsteigen kann zum Wipfel. Niemals hatte irgend ein Vorfahr mehr als
einen Sohn und nie eine Tochter, so daß das Gleichnis der Palme
ungetrübt blieb.
Ich als der letzte Ast wohne noch obendrein hier im Hause unter dem
Dache; es hat mich herauf getrieben, ich weiß selbst nicht warum! Nie
haben meine Ahnen länger als zwei Generationen im selben Stockwerk
gewohnt.
Mein Sohn, freilich, ist der liebe Junge nicht. Hier bricht die
Prophezeiung entzwei. Das stimmt mich oft traurig, denn ich hätte
natürlich gerne gesehen, daß die Krone des Stammbaumes ein Sproß aus
meinem Blute und dem meiner Vorfahren gewesen wäre! Wie es da mit der
geistigen Erbschaft werden soll? Aber was ist Ihnen, Kaplan? Warum
starren Sie mich so an?“
Ich entnahm aus dem Geräusche eines umfallenden Sessels, daß der
Geistliche aufgesprungen sein mußte.
Von da an ergriff es mich wie ein sengendes Fieber, das sich steigerte
bei jedem Worte des Kaplans.
„Baron! Hören Sie!“ stieß er hervor. „Gleich, als ich eintrat, wollte
ich es Ihnen sagen, aber ich schob es hinaus, bis ein günstiger
Augenblick gekommen sein würde. Dann sprachen Sie, und im Laufe Ihrer
Erzählung habe ich Momente lang den Zweck meines Kommens vergessen
gehabt. Ich fürchte, ich reiße jetzt eine alte Wunde in Ihrem Herzen
auf—“
„Reden Sie! Reden Sie!“ drängte der Baron.
„Ihre verschollene Gattin —“
„Nein, nein, nicht verschollen, sie lief davon! Nennen Sie es, so wie
es war!“
„Ihre Gattin also und die Unbekannte, die vor ungefähr fünfzehn Jahren
tot hier am Flusse antrieb und in dem Grabe mit den weißen Rosen
draußen im Friedhof, das nur ein Datum, aber keinen Namen trägt,
bestattet liegt, sind eine und dieselbe Person gewesen! Und — jetzt
jauchzen Sie, mein lieber, alter Freund! — Ihr Kind kann nur — es ist
gar nicht anders möglich — der kleine Findling Christopher sein. Sie
sagten ja selbst, Ihre Frau sei schwanger gewesen, als sie von Ihnen
ging! Nein, nein! Nicht fragen, woher ich das wissen kann! Ich würde es
Ihnen nicht sagen, selbst nicht, wenn ich dürfte. Nehmen Sie an, jemand
hätte es mir in der Beichte gesagt. Jemand, den Sie nicht kennen —“
Ich hörte nicht mehr, was weiter gesprochen wurde. Mir war bald heiß,
bald kalt.
Jene Mitternacht hat mir Vater und Mutter geschenkt, aber auch das
traurige Bewußtsein, daß ich das Grab derer, die mich geboren, um drei
weiße Rosen bestohlen habe.
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