Die Erinnerungen meines Lebens sind mir zu Kleinodien geworden; ich
hole sie hervor aus den Wassertiefen der Vergangenheit, wenn die
Stunde, sie zu betrachten, schlägt und ich eine Menschenhand, sie
niederzuschreiben, gefunden habe, die sich mir willfährig zeigt.
Dann, wenn sich Wort an Wort reiht und ich ihnen lausche wie der Rede
eines Erzählers, ist mir’s, als glitten sie, zugleich ein Spiel mit
funkelnden Juwelen geworden, durch meine liebkosenden Finger und
Vergangenheit wird mir wieder Gegenwart.
Schimmernd sind sie alle für mich, die blinden wie die leuchtenden, die
dunklen und die hellen; ich kann sie betrachten mit lächelndem Sinn; —
bin ich doch für immer „losgelöst mit Leichnam und Schwert“.
Aber ein Edelstein ist unter ihnen, über den habe ich nur zitternde
Gewalt.
Nicht wie mit den andern kann ich mit ihm spielen; die süße, betörende
Macht der Mutter Erde geht von ihm aus und zielt nach meinem Herzen.
Er ist wie der Edelstein Alexandrit, der dunkelgrün am Tage, plötzlich
rot erglüht, wenn du in stiller Nacht in seine Tiefe starrst.
Als Tropfen Herzblut zu Kristall geronnen, trage ich ihn bei mir, stets
voll Bangigkeit, er möchte wieder flüssig werden und mich versengen,
erwärmte ich ihn zu lange in meiner Brust.
Darum habe ich die Erinnerung an die Spanne Zeit, die für mich Ophelia
heißt und einen kurzen Frühling und einen langen Herbst bedeutet,
gleichsam in eine gläserne Kugel gebannt, darinnen verschlossen der
Knabe, halb Kind halb Jüngling, lebt, der ich einst gewesen bin.
Ich sehe durch die Wandung des Glases hindurch mich selbst; aber es ist
ein Bild wie in einem Guckkasten — es kann mich nicht mehr verstricken
mit seinem Zauber.
Und so wie dieses Bild vor mir steht, in dem Glase erwacht, sich
wandelt und erlischt, will ich — ein abgeschiedener Berichterstatter —
es schildern.
Alle Fenster in der Stadt stehen offen, die Simse sind rot von den
blühenden Geranien; weißer, lebendiger, duftender
Frühlingskerzenschmuck blüht auf den Kastanienbäumen, die die Ufer des
Flusses umsäumen.
Laue, unbewegliche Luft unter dem blaßblauen, wolkenlosen Himmel. Die
gelben Zitronenfalter und bunten Schmetterlinge flattern über den
Wiesen, als spiele ein leiser Wind mit tausend bunten Fetzen
Seidenpapiers.
In den hellen Mondnächten glühen die Augen der fauchenden und in
Liebespein schreienden und miauenden Katzen auf den silberglitzernden
Dächern.
Ich sitze im Treppenhaus auf dem Geländer und horche hinüber zum
offenen Fenster des dritten Stockes, wo hinter Gardinen, die mir den
Anblick des Zimmers verhüllen, zwei Stimmen, eine tiefe, pathetische,
männliche, die ich hasse, und die leise, schüchterne eines Mädchens ein
seltsames, mir unverständliches Gespräch führen:
„Soin oder nicht soin, das ist hier die Frage. O Nümpfe, schlüß in dein
Gebet all meine Sünden ein.“
„Mein Prinz, wie geht es euch seit soviel Tagen?“ haucht die
schüchterne Stimme.
„Göh in ein Kloster, Ophelia!“
Ich bin sehr gespannt, was weiter kommt, aber plötzlich verfällt die
männliche Stimme ohne mir erkennbaren Grund, als habe sich der Sprecher
in ein Uhrwerk verwandelt, dessen Feder abschnurrt, in ein halblautes,
sich überstürzendes Geschnatter, aus dem ich nur einige sinnlose Sätze
auffischen kann: „Warum wolltest du Kinder zur Welt bringen, ich bin
selbst leidlich tugendhaft; wenn du heiratest, so gebe ich dir diesen
Fluch zur Aussteuer; sei so keusch wie Eis, so rein wie Schnee oder
nimm einen Narren zum Mann, und das schleunig, leb’ wohl!“
Worauf die Mädchenstimme schüchtern antwortet:
„O, welch ein edler Geist ist hier zerstört! Himmlische Mächte, stellt
ihn wieder her.“
Dann schweigen beide und ich höre ein dünnes Händeklatschen.
Nach einer halben Stunde Totenstille, während welcher fetter
Bratengeruch aus dem Fenster dringt, fliegt gewöhnlich ein noch
glimmender, zerkauter Zigarrenstummel zwischen den Gardinen hervor,
prallt funkenstiebend von der Mauer unseres Hauses ab und fällt
hinunter auf das Pflaster des Durchlasses.
Bis zum späten Nachmittag sitze ich und starre hinüber.
Jedesmal klopft mir das Herz vor freudigem Schreck, wenn sich die
Vorhänge bewegen: Wird Ophelia ans Fenster kommen? Was, wenn sie es
wirklich ist, soll ich dann aus meinem Versteck auftauchen?
Ich habe eine rote Rose gepflückt; werde ich mich getrauen, sie ihr
hinüberzuwerfen? Ich müßte doch etwas dazu sagen!? Was nur?
Aber es kommt nicht dazu.
Die Rose in meiner heißen Hand fängt an welk zu werden und drüben ist
noch immer alles wie ausgestorben. Nur der Geruch von gebranntem Kaffee
hat den Bratenduft abgelöst ...
Da, endlich: Frauenhände schieben die Gardinen zur Seite. Einen
Augenblick dreht sich alles vor mir, dann beiße ich die Zähne zusammen
und werfe entschlossen die Rose in das offene Fenster hinein.
Ein leiser Aufschrei der Überraschung und — Frau Aglaja Mutschelknaus
steht im Rahmen.
Ich kann nicht so schnell untertauchen; sie hat mich bereits entdeckt.
Ich werde blaß, denn jetzt ist alles verraten!
Doch das Schicksal will es anders. Frau Mutschelknaus zieht süßlich die
Mundwinkel in die Höhe, legt die Rose auf ihren Busen wie auf ein
Postament und schlägt verwirrt die Augen nieder; dann, als sie sie
seelenvoll wieder aufschlägt und erkennt, daß nur ich es war, verzerrt
sich ihr Gesicht ein wenig. Aber sie dankt mir durch ein Neigen des
Hauptes und entblößt dabei freundlich einen Eckzahn.
Mir wird, als habe mich ein Totenkopf angelächelt; dennoch bin ich
froh! Wenn sie erraten hätte, wem die Blume gegolten hat, wäre ja alles
aus gewesen!
Eine Stunde später freue ich mich sogar, daß alles so gekommen ist.
Kann ich doch von jetzt an ruhig wagen, jeden Morgen Ophelia einen
ganzen Strauß aufs Fenstersims zu legen; ihre Mutter wird es ja nur auf
sich beziehen.
Vielleicht wird sie glauben, die Blumen kämen von meinem Pflegevater,
dem Baron Jöcher!
Ja ja, das Leben macht klug.
Einen Moment lang habe ich einen häßlichen Geschmack im Mund, als habe
mich der heimtückische Gedanke vergiftet, doch gleich darauf ist es
wieder weg und ich lege mir zurecht, ob es nicht am gescheitesten wäre,
ich ginge sofort auf den Friedhof, neue Rosen stehlen. Später kommen
Leute hin, um auf den Gräbern zu beten, und abends sind die Gitter
geschlossen.
Unten auf der Bäckerzeile begegne ich dem Schauspieler Paris, wie er
mit knarrenden Stiefeln aus dem Durchlaß kommt.
Er weiß, wer ich bin, das sehe ich ihm an.
Er ist ein dicker, alter, glattrasierter Herr mit Hängebacken und einer
Schnapsnase, die ihm bei jedem Schritt zittert.
Er hat ein Barett auf, eine Nadel mit silbernem Lorbeerkranz in der
Halsbinde und auf dem Schmerbauch eine Uhrkette, aus blonden
Frauenhaaren geflochten. Sein Rock und seine Weste sind aus braunem
Sammet; seine flaschengrünen Hosen schließen ganz eng um die dünnen
Beine und sind so lang, daß sie unten lauter Falten haben wie eine
Ziehharmonika.
Ob er errät, daß ich auf den Friedhof gehe? Und warum ich dort Rosen
stehlen will? Und für wen? Ach was, das weiß doch nur ich allein! Ich
blicke ihm trotzig ins Gesicht, grüße ihn absichtlich nicht, aber mir
stockt der Herzschlag, als ich bemerke, daß er mich unter
halbgeschlossenen Lidern fest, beinahe lauernd anschaut, stehen bleibt,
nachdenklich an seiner Zigarre saugt und dann die Augen schließt, wie
jemand, dem ein sonderbarer Einfall gekommen ist.
Ich gehe so schnell wie möglich an ihm vorbei, da höre ich ihn laut und
unnatürlich hinter mir räuspern, als wolle er beginnen, eine Rolle zu
deklamieren:
„Hem—m—, —mhm, hemm.“
Mich packt ein eiskalter Schreck, und ich fange an zu laufen — ich kann
nicht anders, ich muß! Trotzdem mir eine Ahnung sagt: Tu’s nicht! Du
verrätst dich selber!
Ich habe in der Morgendämmerung die Laternen ausgelöscht und mich
wieder auf das Geländer gesetzt, obwohl ich weiß, es werden Stunden
vergehen, bis Ophelia kommt und drüben das Fenster öffnet. Aber ich
fürchte mich, ich könnte verschlafen, wenn ich mich statt zu warten
nochmals ins Bett legte.
Ich habe ihr drei weiße Rosen aufs Sims gelegt und war so aufgeregt
gewesen, daß ich dabei fast in den Durchlaß hinabgestürzt wäre.
Jetzt spiele ich mit dem Gedanken, ich läge unten mit zerschmetterten
Gliedern, man trüge mich ins Zimmer, Ophelia erführe es, erriete den
Zusammenhang, käme an mein Krankenlager und küßte mich voll Rührung und
Liebe.
So rede ich mich in einen kindisch sentimentalen Traum hinein; dann
wieder schäme ich mich und werde innerlich rot, daß ich so albern bin;
aber die Vorstellung, Ophelias wegen Schmerzen zu leiden, ist mir so
süß.
Gewaltsam reiße ich mich los von dem Bild: Ophelia ist neunzehn Jahre
und eine junge Dame, und ich bin nur siebzehn; obwohl ich ein wenig
größer bin als sie. Sie würde mich nur küssen wie man ein Kind küßt,
das sich verletzt hat. Und ich will doch ein erwachsener Mann sein, und
für einen solchen ziemt es sich nicht, hilflos im Bett zu liegen und
sich von ihr pflegen zu lassen. Es ist knabenhaft und weibisch!
So träume ich mir ein anderes Phantasiegebilde zurecht: es ist Nacht,
die Stadt schläft, da fällt Feuerschein in mein Fenster, ein Schrei
läuft plötzlich durch die Straßen: das Nachbarhaus steht in Flammen!
Keine Rettung ist mehr möglich, denn herabfallende glimmende Balken
versperren die Bäckerzeile.
Drüben im Zimmer brennen die Gardinen lichterloh; aber ich springe
hinüber aus dem Fenster unseres Treppenhauses und rette meine
bewußtlose Geliebte, die halberstickt, wie tot, auf dem Boden liegt im
Nachtgewand, aus Glut und Rauch.
Das Herz klopft mir bis zum Zerspringen vor Freude und Begeisterung;
ich fühle ihre bloßen Arme um meinen Hals gelegt, wie ich sie, die
Ohnmächtige, in meinen Armen trage, und die Kühle ihrer regungslosen
Lippen, wie ich sie mit Küssen bedecke. So lebhaft stelle ich mir alles
vor.
Immer wieder und wieder von neuem wandert das Bild durch mein Blut, als
habe in all seinen betörend süßen Einzelheiten es sein Kreislauf
mitgerissen, so daß ich nie mehr davon werde loskommen können. Ich
freue mich, denn ich weiß, der Eindruck ist so tief, daß ich heute
Nacht wirklich und lebendig davon träumen werde. Aber wie weit ist noch
bis dahin!
Ich beuge mich aus dem Fenster und spähe nach dem Himmel: es will nicht
Morgen werden. Ein ganzer langer Tag trennt mich noch von der Nacht.
Fast fürchte ich mich davor, daß der Morgen früher kommen muß als die
Nacht, denn er kann mir ja alles zerstören, worauf ich hoffe! Die Rosen
können herunterfallen, wenn Ophelia ihr Fenster öffnet, und sie sieht
sie dann gar nicht. Oder sie sieht sie und — nimmt sie, was dann? Werde
ich auch den Mut haben, mich nicht sofort zu verstecken? Mir wird eisig
kalt, denn ich weiß, ich werde bestimmt den Mut nicht haben. Aber ich
tröste mich damit, daß sie erraten könnte, von wem die Rosen sind.
Sie muß es erraten! Es ist doch unmöglich, daß die heißen,
sehnsuchtsvollen Gedanken der Liebe, die von meinem Herzen ausgehen, an
dem ihrigen abprallen sollten, wenn sie auch stumm und schüchtern sind!
Ich schließe die Augen und stelle mir vor, so lebhaft ich es vermag,
daß ich drüben an ihrem Bette stehe, mich über die Schlummernde beuge
und sie küsse mit dem glühenden Wunsche, sie möge von mir träumen.
So deutlich habe ich mir alles ausgemalt, daß ich eine Weile lang gar
nicht mehr weiß: bin ich eingeschlafen gewesen, oder was war mit mir?
Ich hatte die drei weißen Rosen drüben auf dem Sims geistesabwesend
angestarrt, bis sie in dem Dämmerlicht des Morgengrauens zerflossen
waren. Jetzt sind sie wieder da, aber mich quält der Gedanke, daß ich
sie auf dem Friedhofe gestohlen habe.
Warum habe ich denn nicht rote gestohlen? Die gehören dem Leben! Ich
kann mir nicht vorstellen, daß ein Toter, wenn er aufwacht und es
fehlten rote Rosen auf seinem Grabe, sie zurückfordern würde.
Endlich ist die Sonne aufgegangen. Der Raum zwischen den beiden Häusern
ist erfüllt vom Licht ihrer Strahlen; mir ist, als schwebten wir hoch
über den Wolken der Erde, denn unten der Durchlaß ist unsichtbar
geworden; er ist verschlungen von den Nebelschleiern, die der
Morgenwind vom Fluß her durch die Gassen weht.
Eine helle Gestalt bewegt sich drüben im Zimmer — ich halte den Atem an
in Bangigkeit — klammere mich fest mit beiden Händen am
Treppengeländer, um nicht davonzulaufen.
Ophelia!
Ich traue mich lange nicht hinzusehen. Das scheußliche Gefühl, eine
unsagbare Albernheit begangen zu haben, würgt mich. Der Glanz des
Traumlandes ist wie weggewischt. Ich fühle: er wird nie mehr
wiederkehren und ich werde mich auf der Stelle in die Tiefe stürzen
müssen oder sonst etwas Furchtbares begehen, um die schauderhafte
Lächerlichkeit, die jetzt losbrechen muß, falls es so kommt wie ich
fürchte, noch im Keim zu ersticken.
Ich mache einen letzten dummen Versuch, mich vor mir selber zu retten,
indem ich krampfhaft an meinem Ärmel reibe, als sei ein Fleck dort.
Dann begegnen sich unsere Augen.
Ophelias Gesicht ist wie mit Blut übergossen; ich sehe, wie ihre
feinen, weißen Hände, die die Rosen halten, zittern.
Wir wollen beide etwas sagen und können nicht; jedes sieht, daß das
andere sich nicht traut.
Einen Augenblick später ist Ophelia wieder verschwunden.
Ich bin ganz klein in mich zusammengekauert, wie ich so auf der
Treppenstufe sitze, und weiß nur: statt meines Ichs wohnt jetzt eine
bis zum Himmel lodernde Freude in mir. Eine Freude, die ein jubelndes
Gebet des Nicht-mehr-sich-fassen-wollens ist.
Kann es denn wirklich sein?
Ophelia ist doch eine junge erwachsene Dame! Und ich?
Aber nein! Sie ist so jung wie ich; ich sehe ihre Augen wieder im
Geiste — deutlicher noch als vorher in der Wirklichkeit des
Sonnenlichtes. Und ich lese darin: sie ist ein Kind wie ich. So wie sie
kann nur ein Kind blicken! Kinder sind wir beide noch; sie fühlt es
nicht, daß ich nur ein dummer Junge bin!
Ich weiß, so wahr in mir ein Herz schlägt, das sich ihretwegen in
tausend Stücke zerreißen ließe, daß wir uns heute noch begegnen werden,
ohne uns suchen zu müssen; ich weiß auch, daß es nach Sonnenuntergang
in dem kleinen Gärtchen am Fluß vor unserem Hause sein wird, ohne daß
eines dem andern es zu sagen brauchte!
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