DIE WANDERUNG

In jener Nacht hatte ich ein seltsames Erlebnis; andere würden es einen

Traum nennen, denn für all das, was die Menschen erleben, während der

Leib schlummert, kennen sie nur diese eine unzulängliche Bezeichnung.

Wie immer, bevor ich einschlief, hatte ich die Hände gefaltet, um, wie

der Baron es nannte, „das Linke auf das Rechte zu legen“.

Nach und nach im Laufe der Jahre wurde mir erst durch die Erfahrung

klar, wozu diese Maßnahme diente. Mag sein, daß jede beliebige andere

Handstellung denselben Zweck erfüllt, wenn damit die Vorstellung

verknüpft ist: der Körper werde festgebunden.

So oft ich mich seit dem ersten Abend im Hause des Barons auf diese

Weise schlafen gelegt, immer war ich morgens mit dem Gefühl erwacht,

ich hätte im Schlummer eine weite Strecke Wegs durchwandert, und

jedesmal fiel’s mir wie ein Stein vom Herzen, wenn ich sah, daß ich

entkleidet und nicht mit staubigen Schuhen — wie einst im Waisenhaus —

im Bette lag und keine Schläge zu befürchten brauchte; nie jedoch hatte

ich mich tagsüber erinnern können, wohin ich im Traume gewandert war.

In jener Nacht geschah es zum erstenmal, daß die Binde von meinen Augen

fiel.

Daß mich der Drechslermeister Mutschelknaus kurz vorher in so

merkwürdiger Weise wie einen Erwachsenen behandelt hatte, mag wohl die

geheime Ursache gewesen sein, daß ein bis dahin im Schlummer befangenes

Ich in mir — vielleicht jener „Christopher“ — zum Bewußtsein erwachte

und anfing zu sehen und zu hören.

Ich träumte zuerst — so begann es —, ich sei lebendig begraben und

konnte weder Hand noch Fuß rühren; dann aber füllte ich mit gewaltigen

Atemzügen meine Brust und sprengte dadurch den Deckel des Sarges; und

ich schritt auf einer einsamen, weißen Landstraße dahin, die noch

furchtbarer war als das Grab, dem ich entronnen, denn ich wußte, sie

würde niemals ein Ende nehmen. Ich sehnte mich nach meinem Sarge zurück

und da stand er auch schon quer über der Straße.

Er war weich anzufühlen wie Fleisch und hatte Arme und Beine, Hände und

Füße wie ein Leichnam. Als ich hineinstieg, bemerkte ich, daß ich

keinen Schatten warf, und als ich prüfend an mir herunter blickte,

hatte ich keinen Körper; dann fühlte ich nach meinen Augen, aber ich

hatte keine Augen; als ich nach meinen tastenden Händen schauen wollte,

sah ich keine Hände.

Wie sich der Sargdeckel langsam über mir schloß, war mir, als sei mein

Denken und Fühlen als Wanderer auf der weißen Landstraße das eines

uralten, wenn auch noch ungebeugten Mannes gewesen; dann beim

Herabsinken des Sargdeckels verschwand es, wie Wasserdampf sich

verflüchtigt, und ließ als Bodensatz die halb blinde, halb dumpfe

Denkweise zurück, die das Hirn jenes im Leben wie ein Fremdling

stehenden, halbwüchsigen Jungen, der ich war, zu erfüllen pflegte.

Als der Deckel ins Schloß fiel, erwachte ich in meinem Bette.

Das heißt, ich glaubte zu erwachen.

Es war noch dunkel, aber ich fühlte an dem betäubenden Duft des

Holunders, der durch das offene Fenster in die Stube drang, daß der

erste Hauch des kommenden Morgens aus der Erde stieg und es höchste

Zeit für mich sei, die Laternen in der Stadt auszulöschen. Ich griff

nach meinem Stab und tastete mich die Treppen hinab. Dann, als meinem

Amte Genüge geschehen war, ging ich über die Palisadenbrücke und stieg

auf einen Berg; jeder Stein am Wege kam mir bekannt vor, und doch

konnte ich mich nicht entsinnen, jemals hier gewesen zu sein.

Alpenblumen, schneeflockiges Wollgras und würziger Speik wuchsen in den

tauschweren, unter dem dämmerigen Scheine der Luft noch schwarzgrünen

Höhenwiesen.

Dann klaffte der Himmel am Rande der Ferne auf und das belebende Blut

der Morgenröte floß in die Wolken.

Blauschillernde Käfer und große Wildfliegen mit gläsernen Flügeln

stiegen schwirrend, wie von unhörbarem Zauberruf erweckt, plötzlich aus

der Erde und blieben in Menschenhöhe regungslos in der Luft schweben,

alle die Köpfe der erwachenden Sonne zugekehrt.

Ein Frösteln tiefster Erschütterung lief mir die Glieder hinab, als ich

dies stumme, grandiose Gebet der Kreaturen sah, fühlte und begriff.

Ich kehrte um und ging wieder der Stadt zu. Mein Schatten, riesengroß,

seine Füße untrennbar an die meinen geheftet, glitt mir voraus.

Der Schatten, das Band, das uns an die Erde bindet, das schwarze

Gespenst, das uns entsteigt und den in uns wohnenden Tod verrät, wenn

ein Licht den Körper trifft!

Die Straßen lagen in blendender Helle, als ich in sie einbog.

Die Kinder zogen lärmend zur Schule.

„Warum singen sie nicht: ‚Taubenschlag, Taubenschlag, Taubenschlag!

Trarara Taubenschlag!‘?“ wachte ein Gedanke in mir auf. „Sehen Sie mich

nicht? Bin ich ihnen so fremd geworden, daß sie mich nicht mehr kennen?

Ja, ich war ihnen von jeher fremd“, kam es mir schreckhaft neu

plötzlich zum Bewußtsein. „Ich war doch nie ein Kind gewesen! Auch

nicht im Findelhaus, als ich noch ganz klein war. Spiel, wie sie, habe

ich nie gekannt. Wenigstens nur insofern, als hätte es ganz mechanisch

mein Körper betrieben, ohne daß meine Lust mit dabei gewesen wäre; in

mir wohnt ein uralter Mann, und nur mein Leib scheint jung zu sein! Der

Drechslermeister hat das wahrscheinlich geahnt, deshalb sprach er

gestern zu mir wie zu einem Erwachsenen!“

Ich erschrak plötzlich: „Gestern war doch Winterabend gewesen, wie kann

heute Sommermorgen sein?! Schlafe ich, bin ich ein Nachtwandler?“ Ich

blickte nach den Laternen: sie waren blind — wer aber sonst als ich

hätte sie auslöschen können?! So war ich also doch leibhaftig, als ich

sie auslöschte! — Aber vielleicht bin ich jetzt tot und habe in

Wirklichkeit erlebt und nicht nur geträumt, daß ich im Sarg lag?! Ich

wollte es erproben, trat an einen der Schuljungen heran und fragte ihn:

„Kennst du mich?“ Er gab keine Antwort und lief durch mich hindurch wie

durch leere Luft.

„So bin ich also tot“, nahm ich gleichmütig zur Kenntnis. „Da muß ich

schnell die Laternenstange zu Hause abgeben, ehe ich verwese“, mahnte

mich mein Pflichtgefühl und ich stieg hinauf zu meinem Pflegevater.

Drin in seiner Stube fiel mir die Stange aus der Hand und machte viel

Lärm.

Der Baron hörte es — er saß in seinem Lehnstuhl —, drehte sich um und

sagte: „Na, da bist du ja endlich!“

Ich freute mich, daß er mich wahrnahm, denn ich schloß daraus, daß ich

doch unmöglich gestorben sein könne.

Der Baron sah aus wie immer, hatte auch denselben Rock mit dem

altmodischen, maulbeerfarbenen Spitzenjabot an, den er an Feiertagen zu

Hause zu tragen liebte, aber irgend etwas war an ihm, das mir unfaßbar

fremd vorkam. Lag es an seinem Kropf? Nein. Der war nicht größer, nicht

kleiner als sonst.

Ich ließ meine Augen durch die Stube schweifen — auch hier war alles

unverändert. Kein Ding fehlte, keines war hinzugekommen. Das

„Abendmahl“ von Leonardo da Vinci, der einzige Zimmerschmuck, hing an

der Wand wie immer. Alles an derselben Stelle. Halt! Stand denn nicht

gestern noch die grüne Gipsbüste Dantes mit dem strengen, scharfen

Mönchsgesicht links auf dem Bord? Hat sie jemand umgestellt? Jetzt

steht sie rechts!

Der Baron bemerkte meinen Blick und lächelte.

„Du warst auf dem Berg?“ fing er an und deutete auf die Blumen in

meiner Tasche, die ich unterwegs gepflückt hatte.

Ich stammelte eine Entschuldigung, aber er winkte freundlich ab: „Ich

weiß, es ist schön da oben; ich gehe auch oft hin. Du warst schon viele

Male dort, aber du hast es immer wieder vergessen; junges Hirn kann

nichts behalten, das Blut ist noch zu heiß. Es wäscht die Erinnerung

fort. — Hat dich das Wandern müde gemacht?“

„Das auf dem Berg nicht, aber das Wandern auf der — auf der weißen

Landstraße“, sagte ich, unsicher, ob er auch davon wisse.

„Ja ja, die weiße Landstraße!“ murmelte er sinnend, „die kann selten

einer vertragen. Nur einer, der zum Wandern geboren ist. Weil ich das

an dir bemerkte — damals im Findelhaus — hab’ ich dich zu mir genommen.

Die meisten Menschen fürchten sich vor der Landstraße mehr als vor dem

Grab. Sie legen sich lieber wieder in den Sarg, denn sie meinen, das

wäre der Tod und sie hätten dort Ruhe; in Wirklichkeit ist jener Sarg

das Fleisch, das Leben. Daß einer auf Erden geboren wird, ist nichts

anderes, als daß er lebendig begraben wird! Besser als das ist, man

lernt auf der weißen Landstraße wandern. Nur darf man nicht an das Ende

der Landstraße denken, sonst hält man es nicht aus, denn sie hat kein

Ende. Sie ist unendlich. Die Sonne auf dem Berg ist ewig. Ewigkeit und

Unendlichkeit ist zweierlei. Bloß für den, der in der Unendlichkeit die

Ewigkeit sucht und nicht das ‚Ende‘, bloß für den ist Unendlichkeit und

Ewigkeit dasselbe. Das Wandern auf der weißen Landstraße muß des

Wanderns halber geschehen, aus Freude am Wandern, und nicht, um eine

vergängliche Rast mit einer andern zu vertauschen.

Ruhe — nicht ‚Rast‘ — ist nur in der Sonne auf dem Berge. Sie steht

still und alles dreht sich um sie. Schon ihr Vorbote, das Morgenrot,

strahlt Ewigkeit aus, darum beten es die Käfer und Fliegen an und

bleiben starr in der Luft, bis die Sonne kommt. Deshalb bist du auch

nicht müde geworden, als du auf den Berg stiegst.“

„Hast du,“ fragte er plötzlich und blickte mich scharf an, „hast du die

Sonne gesehen?“

„Nein, Vater, ich bin umgekehrt, bevor sie aufging.“

Er nickte befriedigt. „Das ist gut. Sonst hätten wir nichts mehr

miteinander zu schaffen gehabt“, setzte er leise hinzu.

„Und dein Schatten ging dir voraus, dem Tale zu?“

„Ja. Selbstverständlich —“

Er überhörte meine erstaunte Antwort.

„Wer die Sonne erblickt,“ fuhr er fort, „der will nur noch die

Ewigkeit. Er ist für das Wandern verloren. Das sind die Heiligen der

Kirche. Wenn ein Heiliger hinübergeht, ist diese Welt und auch die

andere für ihn verloren. Aber auch, was schlimmer ist: die Welt hat ihn

verloren; sie ist verwaist! — Du weißt, wie’s tut, ein Findelkind zu

sein, — bereite nicht auch andern das Schicksal, weder Vater noch

Mutter zu haben! — Wandere! Zünde Laternen an, bis die Sonne von selber

kommt.“

„Ja!“ stammelte ich und dachte voll Grauen an die furchtbare weiße

Landstraße.

„Weißt du, was es bedeutet, daß du dich wieder in den Sarg gelegt

hast?“

„Nein, Vater.“

„Es bedeutet, daß du eine Weile noch das Schicksal derer teilen sollst,

die lebendig begraben sind.“

„Meinst du den Drechslermeister Mutschelknaus?“ forschte ich kindlich.

„Ich kenne keinen Drechslermeister dieses Namens; er ist noch nicht

sichtbar geworden.“

„Auch nicht seine Frau und — Ophelia?“ fragte ich und fühlte, daß ich

rot wurde.

„Nein. Auch Ophelia nicht.“

„Seltsam!“ dachte ich, „sie wohnen doch drüben und er muß ihnen ja

täglich begegnen.“

Wir schwiegen beide eine Weile, dann schrie ich plötzlich jammernd auf:

„Aber das ist entsetzlich! Lebendig begraben sein!“

„Nichts ist entsetzlich, mein Kind, was man tut um seiner Seele willen.

Auch ich bin zuweilen noch lebendig begraben. Oft bin ich auf Erden mit

Menschen zusammengetroffen, die, in Elend, Jammer und Not geraten, sich

bitter über die Ungerechtigkeit des Schicksals beklagten. Viele von

ihnen hatten Trost gesucht in jener aus Asien herübergewehten Lehre, —

der Lehre vom Karma oder der Wiedervergeltung —, die da behauptet:

keinem Wesen könne ein Leid geschehen, zu dem es nicht in einem

früheren Dasein den Keim gelegt; — andere suchten Trost in dem Dogma

von der Unerforschlichkeit der Ratschlüsse Gottes; — Trost gefunden hat

weder der eine noch der andere.

Solchen Menschen habe ich eine Laterne angezündet, indem ich ihnen

einen Gedanken“ — er lächelte beinahe grimmig, aber dabei doch

freundlich wie immer — „eingab — so fein eingab, daß sie glaubten, er

sei ihnen von selber eingefallen! Ich stellte ihnen nämlich die Frage:

‚Würdest du das Kreuz auf dich nehmen, heute nacht zu träumen, so

deutlich als sei es Wirklichkeit, daß du tausend Jahre Dasein

beispielloser Armut durchlebst, wenn ich dir jetzt die Gewißheit gäbe,

du fändest als Belohnung dafür am nächsten Morgen beim Erwachen einen

Sack voll Gold vor deiner Tür!‘

‚Ja! Natürlich!‘ — so lautete jedesmal die Antwort.

„Dann beklag dich nicht über dein Schicksal! — Weißt du denn, ob du

diesen — wenn’s hoch kommt nur siebzigjährigen — qualvollen Traum,

Erdenleben genannt, nicht selbst gewählt hast in der Hoffnung, etwas

weit Herrlicheres als einen Sack schäbigen Geldes beim Erwachen zu

finden? Freilich, wer einen ‚Gott mit unerforschlichen Ratschlüssen‘

als Ursache setzt, der wird ihn eines Tages als hämischen Teufel

ernten.

Nimm das Leben weniger wichtig und die Träume ernster, da wird es bald

besser um dich stehen, — dann kann der Traum zum Führer werden, statt,

wie jetzt, in die Fetzen der Tageserinnerungen gehüllt ein

harlekinbunter Narr zu bleiben — — — — — — — — — —

Höre, mein Kind! Es gibt keinen leeren Raum. — In diesem Satz liegt das

Geheimnis verborgen, das jeder enthüllen muß, der aus einem

verweslichen Tier ein unsterbliches Bewußtsein werden will. Nur darf

man den Sinn der Worte nicht bloß auf die äußere Natur anwenden, sonst

bleibt man haften an der groben Erde; man muß ihn gebrauchen wie einen

Schlüssel, der das Geistige erschließt; man muß ihn umdeuten! — Sieh

da: es will einer wandern, die Erde aber hält seine Füße fest; was wird

geschehen, wenn sein Wille, zu wandern, nicht erlahmt? Sein

schöpferischer Geist — die Urkraft, die ihm eingehaucht worden ist bei

Anbeginn — wird andere Wege finden, auf denen er wandern kann, und das

in ihm, das zum Gehen keiner Füße bedarf, wird wandern trotz Erde,

trotz Hindernis. —

Der schöpferische Wille, das göttliche Erbteil im Menschen, ist eine

saugende Kraft; dieses Saugen müßte — versteh das im übertragenen

Sinne! — einen leeren Raum erzeugen im Raume der Ursachen, wenn nicht

der Äußerung des Willens schließlich die Erfüllung folgen würde. — Sieh

da: es ist einer krank und will gesund werden; solange er zu Arzneien

seine Zuflucht nimmt, solange lähmt er jene Kraft des Geistes, die

schneller und besser heilt als alle Medizin. Es ist, wie wenn einer mit

der linken Hand schreiben lernen will: wenn er sich immer nur der

rechten bedient, wird er es mit der linken niemals lernen. Jegliches

Geschehen, das in unser Leben tritt, hat seinen Zweck; Sinnloses gibt

es nicht; eine Krankheit, die den Menschen befällt, gibt ihm die

Aufgabe: vertreibe mich mit der Kraft des Geistes, damit die Kraft des

Geistes erstarke und wieder Herr werde über die Stofflichkeit, wie sie

es einst gewesen vor dem ‚Sündenfall‘. Wer das nicht will und sich mit

‚Arzneien‘ begnügt, der hat den Sinn des Lebens nicht erfaßt; er bleibt

ein kleiner Junge, der die Schule schwänzt. — Wer aber nicht erlahmt im

Befehlegeben mit dem Marschallstab des Geistes, die grobe Waffe

mißachtend, die nur der Söldner führt, der wird immer wieder

auferstehen; mag ihn der Tod auch noch so oft niederstrecken, zuletzt

wird er dennoch König sein! — Darum soll der Mensch nie erlahmen auf

dem Wege zu dem Ziel, das er sich gesetzt hat; wie der Schlaf nur eine

kurze Rast bedeutet, so auch der Tod. — Man fängt eine Arbeit nicht an,

um sie aufzugeben, sondern um sie zu vollenden; — ein begonnenes Werk

und sei es scheinbar noch so belanglos, halb getan und liegen gelassen,

verwest und vergiftet den Willen, so wie eine unbegrabene Leiche die

Luft eines ganzen Hauses verpestet.

Wir leben nur um der Vollendung unserer Seele willen; wer dieses Ziel

unverrückbar im Auge behält und es beständig denkt und fühlt, so oft er

etwas beginnt oder beschließt, dem wird gar bald eine seltsame, bis

dahin ungekannte Gelassenheit zu teil und auf eine unbegreifliche Weise

wird sich sein Schicksal verändern. — Für den, der schafft, als sei er

unsterblich — nicht, um das Ding zu erlangen, nach dem sein Wunsch

steht (das ist nur ein Ziel für geistig Blinde), sondern um des

Tempelbaues seiner Seele willen, der wird den Tag schauen, und sei es

erst nach Tausenden von Jahren, — wo er sagen kann: ich will und es

steht da, was ich befehle, geschieht und bedarf der Zeit nicht mehr, um

langsam zu reifen.

Dann erst ist der Punkt gekommen, wo der lange Weg aller Wanderung

endet. Dann kannst du der Sonne ins Antlitz sehen, ohne daß dein Auge

verbrennt.

Dann kannst du sagen: ich habe ein Ziel gefunden, weil ich keines

gesucht.

Dann werden die Heiligen an Erkenntnis arm sein gegen dich, denn sie

werden nicht wissen, was du weißt: daß Ewigkeit und Ruhe dasselbe sein

kann wie Wandern und Unendlichkeit!“

Die letzten Worte gingen weit über mein Fassungsvermögen hinaus; viel

später erst, als mein Blut kalt geworden war und mein Leib mannhaft,

wurden sie wieder klar und lebendig.

Damals hörte ich sie mit taubem Ohr; ich sah nur den Baron Jöcher und,

wie vom Lichte eines Blitzes erhellt, erkannte ich plötzlich, was mir

so fremdartig an ihm erschienen war, — etwas Seltsames: sein Kropf saß

an der rechten Seite der Halses, statt links wie sonst.

Wohl klingt mir das heute fast lächerlich, — damals packte es mich wie

ein namenloses Entsetzen. — Das Zimmer, der Baron, die Dantebüste auf

dem Bord, ich selbst, — alles war in einem einzigen kurzen Augenblick

für mich in ein Gespenst verwandelt, so schemenhaft und unwirklich, daß

mir das Herz vor Todesangst erstarrte.

Damit endete mein Erlebnis in jener Nacht.

Zitternd vor Schreck erwachte ich gleich darauf in meinem Bett. Heller

Tag schien durch die Gardinen. Ich lief ans Fenster, draußen: klarer

Wintermorgen!

Ich ging ins nächste Zimmer: drin saß der Baron in seinem gewöhnlichen

Arbeitsrock an seinem Schreibtisch und las.

„Hast heute lange geschlafen, mein lieber Junge,“ rief er mir lachend

zu, als er mich, noch im Hemde, die Zähne klappernd vor innerer Kälte,

auf der Schwelle stehend, sah. „Hab’ statt deiner die Laternen in der

Stadt auslöschen gehen müssen. — Nach vielen vielen Jahren wieder

einmal. — Aber was ist dir denn?“

Ein schneller Blick nach seinem Halse und der letzte Rest von Furcht

wich aus meinem Blut: der Kropf saß ihm wieder links wie immer und auch

die Dantebüste stand auf derselben Stelle wie sonst.

In einer Sekunde hatte das Leben der Erde die Traumwelt verschluckt;

ein Nachklingen im Ohr, als falle der Sargdeckel ins Schloß, — dann war

auch das vergessen.

In fliegender Hast erzählte ich meinem Pflegevater, was mit mir

geschehen war. — Nur die Begegnung mit dem Drechslermeister verschwieg

ich.

Bloß einmal fragte ich so mitten-durch: „Kennst du den Herrn

Mutschelknaus?“

„Natürlich,“ war die fröhliche Antwort, „er wohnt doch unten. —

Übrigens ein ganz, ganz armer Teufel!“

„Und seine Tochter, das — das Fräulein Ophelia?“

„Auch — Ophelia kenne ich,“ sagte der Baron, plötzlich ernst werdend,

und sah mich lang, fast traurig an, „auch Ophelia.“

Schnell ging ich wieder auf das andere Thema über, denn ich fühlte, wie

mir die Röte in die Wangen stieg: „Warum hast du denn in meinem Traum

deinen — deinen linken Hals auf der anderen Seite gehabt, Papa?“

Der Baron dachte lange nach, dann begann er, nach Worten suchend, als

falle es ihm schwer, sich meinem noch unentwickelten Begriffsvermögen

anzupassen:

„Weißt du, mein Junge, um das deutlich zu machen, müßte ich dir eine

Woche lang einen überaus verwickelten Vortrag halten, den du doch nicht

verstehen würdest. Laß dir’s genügen, wenn ich dir einige Sätze mit

Schlagworten an den Kopf werfe. — Ob sie in dein Hirn dringen werden? —

Wahren Unterricht gibt nur das Leben und noch besser: der Traum.

Träumen lernen ist daher der Weisheit erste Stufe. Klugheit gibt das

äußere Leben; Weisheit fließt aus dem Traum. Ob es nun ein wacher

‚Traum‘ ist — dann sagen wir: ‚ha, es ist mir etwas eingefallen‘ —

oder: ‚ein Licht ist mir aufgegangen‘ — oder ob es ein Schlaftraum ist:

in diesem Fall werden wir durch gleichnishafte Bilder belehrt. — Auch

alle wahre Kunst entspringt dem Reich des Traumes. Desgleichen die Gabe

der Erfindung. Die Menschen reden mit Worten, der Traum mit lebendigen

Bildern. Daß er sie aus den Geschehnissen des Tages nimmt, hat so

manchen verleitet zu glauben, Träume seien sinnlos. Sie werden es

freilich, wenn man ihnen keine Beachtung schenkt! Dann verkrüppelt das

Traumorgan, wie ein Glied verkrüppelt, das wir nicht pflegen, und ein

wertvoller Führer verstummt, — die Brücke zu einem andern Leben, das

weit wertvoller ist als das irdische, fällt in Trümmer. Der Traum ist

der Steg zwischen Wachen und Schlafen; — er ist auch der Steg zwischen

Leben und Tod.

Du darfst mich nicht für einen großen Weisen oder dergleichen halten,

mein Junge, weil mein Doppelgänger dir heute Nacht so vieles sagte, was

dir wunderbar vorkommen mag. — Noch bin auch ich noch nicht so weit,

daß ich behaupten dürfte, er und ich seien ein und dieselbe Person.

Wohl bin ich ein bißchen besser in jenem Traumland zu Hause als so

mancher andere, — bin sozusagen drüben sichtbar geworden und bleibend,

aber immer noch muß ich hier die Augen schließen, wenn ich sie drüben

öffnen will, und umgekehrt. — Es gibt Menschen, die das nicht mehr

nötig haben, wenn auch sehr, sehr wenige.

Du erinnerst dich: du konntest dich selbst nicht sehen und hattest

weder Leib, noch Hände, noch Augen, als du dich auf der weißen

Landstraße wieder in den Sarg legtest? —

Aber auch das Schulkind konnte dich nicht sehen! Es ging sogar durch

dich hindurch wie durch leere Luft!

Weißt du woher das kommt? — Du hast die Erinnerung an die Formen deines

irdischen Körpers nicht mit hinüber genommen! — Wer es kann — so, wie

ich es gelernt habe —, der wird drüben zuerst für sich selbst sichtbar,

— er baut sich im Traumland einen zweiten Leib, der später sogar für

andere wahrnehmbar ist, so seltsam dir das jetzt auch klingen mag! Man

vollbringt das durch Methoden“ — er deutete auf das „Abendmahl“ von

Leonardo da Vinci und schmunzelte —, „die ich dich, wenn dein Körper

reif sein wird und nicht mehr festgebunden werden muß, lehren will. Wer

sie kennt, der ist imstande, einen Spuk zu erzeugen. — Bei manchen

Menschen geschieht dies ‚Sichtbarwerden im andern Reich‘ von selbst und

ohne Ordnung, doch fast immer wird nur ein Teil von ihnen drüben

lebendig, meistens die Hand. Die führt dann oft die sinnlosesten Taten

aus — denn der Kopf ist nicht mit dabei — und Leute, die die Wirkung

sehen, bekreuzigen sich und schwätzen von Teufelsspuk. — Du meinst: wie

kann eine Hand etwas tun, ohne daß sein Besitzer darum weiß? — — Hast

du noch nie gesehen, wie der Schwanz, der einer Eidechse abbrach, sich

scheinbar in wütendem Schmerze krümmt, während die Eidechse selbst

teilnahmslos daneben steht? — So ähnlich ist es!

Das Reich drüben ist genau so wirklich (oder ‚unwirklich‘ — setzte er

halb für sich hinzu) wie das irdische. — Jedes für sich ist nur eine

Hälfte, erst beide zusammen ergeben ein Ganzes. — Du kennst ja die Sage

von Siegfried, — sein Schwert war in zwei Teile zerbrochen; der listige

Zwerg Alberich hat es nicht zusammenschmieden können, weil er eben ein

Erdenwurm war, — aber Siegfried hat es gekonnt.

Das Schwert Siegfrieds ist ein Sinnbild für jenes doppelte Leben. Wie

man es zusammenschweißt, daß es ein Stück wird, ist das Geheimnis, das

einer wissen muß, wenn er ein Ritter werden will. —

Sogar wirklicher noch als dieses Reich hier auf Erden ist jenes drüben.

Das eine ist eine Spiegelung des anderen, — besser gesagt: das irdische

ist eine Spiegelung des ‚Drüben‘, — nicht umgekehrt; was Drüben rechts

ist“ — er deutete auf seinen Kropf, — „das ist hier links.

Verstehst du jetzt?

Jener andere war also mein Doppelgänger. Was er dir sagte, habe ich

soeben erst aus deinem Munde erfahren; es kam nicht aus seinem Wissen,

noch viel weniger aus meinem: — es kam aus deinem!

Ja, ja, mein Junge, schau mich nicht so erstaunt an, — es kam aus

deinem! Oder vielmehr“ — er fuhr mir liebkosend mit der Hand durchs

Haar — „aus dem des — Christopher in dir! — Was ich dir sagen kann —

ein Menschentier dem andern —, das dringt aus Menschenmund in

Menschenohr und wird vergessen, wenn das Hirn verwest; das einzige

Gespräch, aus dem du lernen kannst, ist das — Selbstgespräch. — Und was

du hieltest mit meinem Doppelgänger, war — ein Selbstgespräch. — — Was

ein Mensch dir sagen kann, ist einmal zu wenig und einmal zu viel. Das

einemal kommt es zu früh, das anderemal zu spät, immer zu einer Zeit wo

deine Seele schläft. — So, mein Junge“, — er wandte sich wieder dem

Schreibtisch zu — „jetzt zieh dich aber an; du wirst doch nicht den

ganzen Tag im Hemde herumlaufen wollen.“

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Der weiße Dominikaner · 第 8 / 32 题