Früher hat darauf gestanden:
Drechslermeister und Sargtischler;
man kann es noch deutlich lesen, wenn das Schild vom Regen naß wird;
dann leuchtet die alte Schrift wieder durch.
Jeden Sonntag gehen Herr Mutschelknaus, seine Gattin Aglaja und seine
Tochter Ophelia in die Kirche, wo sie in der ersten Reihe sitzen. Das
heißt: Frau und Fräulein Mutschelknaus sitzen in der ersten Reihe. Herr
Mutschelknaus sitzt in der dritten Reihe, am Eck. Unter der Holzfigur
des Propheten Jonas, wo es ganz finster ist.
Wie mir das alles jetzt nach den vielen Jahren so überaus lächerlich
vorkommt und — doch so unsagbar traurig!
Frau Mutschelknaus ist stets in schwarze knisternde Seide gehüllt, aus
der das amaranthrote, samtene Gebetbuch aufschrillt wie ein Halleluja
in Farben. In matten, spitzen Prünellstiefelchen mit Gummizug
umtrippelt sie, dezent die Röcke hebend, sorgsam jede Pfütze; auf ihren
Wangen verrät ein dichtes Netz feiner rotblauer, unter der rosa
geschminkten Haut geplatzter Äderchen das nahende Matronenalter; die
sonst so beredsamen Augen, sorgfältig an den Wimpern getuscht, sind
züchtig niedergeschlagen, denn es ziemt sich nicht, wenn die Glocken
die Menschen vor Gott rufen, sündigen Frauenreiz zu strahlen.
Ophelia trägt ein wallendes griechisches Gewand und einen Goldreifen um
das feine, aschblonde Lockenhaar, das ihr bis auf die Schulter fällt,
und immer, so oft ich sie sah, von einem Myrtenkranz gekrönt war.
Sie hat den schönen, ruhigen, gelassenen Gang einer Königin.
Immer klopft mir das Herz, wenn ich an sie denke.
Sie ist auf dem Kirchgang dicht verschleiert — erst viel später habe
ich ihr Gesicht gesehen, darin die dunkeln, großen, weltverloren
blickenden Augen so seltsam abstechen von dem blonden Haar.
Herr Mutschelknaus, im langen, schwarzen schlottrigen Sonntagsrock,
geht meistens ein wenig hinter den beiden Damen; wenn er sich vergißt
und mit ihnen auf gleiche Höhe kommt, flüstert ihm Frau Aglaja jedesmal
zu:
„Adonis, einen halben Schritt zurück!“
Er hat ein schmales, trübselig langes, eingefallenes Gesicht mit
rötlichem, schütterem Bart und eine weit vorspringende Vogelnase unter
der Stirn, die, nach innen gebaucht, in einen kahlen Spitzschädel
ausläuft, der aussieht mit seinem mottenfleckigen Haargürtel, als habe
sein Herr damit ein räudiges Fell durchstoßen und die ringsum hängen
gebliebenen Reste abzuwischen vergessen.
Der Rand des Zylinderhutes, den Herr Mutschelknaus bei jeder
feierlichen Gelegenheit trägt, muß immer an der Stirnseite mit einem
fingerdicken Watteknödel gefüttert sein, damit er nicht wackle.
An Wochentagen wird Herr Mutschelknaus nie sichtbar. Er ißt und schläft
unten in seiner Werkstatt. Seine Damen wohnen in mehreren Zimmern im
dritten Stock.
Es mögen wohl drei bis vier Jahre, seit mich der Baron aufgenommen
hatte, vergangen sein, ehe ich erfuhr, daß Frau Aglaja und Tochter und
Herr Mutschelknaus zusammengehörten.
Der schmale Durchlaß zwischen den beiden Häusern ist vom ersten
Morgengrauen an bis nach Mitternacht erfüllt von einem gleichmäßigen
brummenden Geräusch, als könne ein Schwarm riesiger Hummeln irgendwo
tief in der Erde nicht zur Ruhe kommen; es dringt leise und betäubend
bis herauf zu uns, wenn die Luft still ist. — Anfangs erregte es mich
und ich mußte immer hinhören, wenn ich tagsüber lernen sollte, ohne daß
es mir jedoch nur ein einzigesmal eingefallen wäre zu fragen, woher es
wohl stammen möchte. Man forscht nicht nach der Ursache von
Begebnissen, die sich ununterbrochen wiederholen; sie erscheinen einem
selbstverständlich, man findet sich mit ihnen ab, so ungewöhnlich sie
im Grunde auch sein mögen. Erst wenn die Sinne erschrecken, wird der
Mensch wißbegierig — oder er läuft davon.
Allmählich gewöhnte ich mich an das Geräusch, als wäre es Ohrensausen,
so sehr, daß ich nachts, wenn es plötzlich verstummte, jäh aus dem
Schlummer fuhr und glaubte, jemand habe mir einen Schlag versetzt.
Als eines Tages Frau Aglaja, die Hände an die Ohren gedrückt, eilig um
die Ecke bog und mir dabei einen Korb mit Eiern aus der Hand schlug,
entschuldigte sie sich mit den Worten: „Ach Gott, mein liebes Kind, das
kommt von dem scheußlichen Gedrechsel des — des Ernährers. Und — und —
und seiner Gesellen“, ergänzte sie, als habe sie sich verschnappt.
„Also die Drehbank des Herrn Mutschelknaus ist es, die so brummt!“
erriet ich.
Daß er überhaupt keine Gesellen hatte, und daß die Fabrik nur aus ihm
allein bestand, erfuhr ich später, und zwar von ihm selbst.
Es war ein schneeloser, finsterer Winterabend; ich wollte eben mit
meiner Stange die Klappe der Laterne an der Ecke von unten aufstoßen,
um anzuzünden, da rief mich eine Flüsterstimme an: „Pst, pst, Herr
Taubenschlag!“ und ich erkannte den Drechslermeister Mutschelknaus, wie
er, mit grüner Schürze und Pantoffeln, darauf je ein Löwenkopf aus
bunten Perlen gestickt war, angetan, mich heranwinkend im Durchlaß
stand.
„Herr Taubenschlag, wenn’s möglich is, bitte, lassen S’ heut nacht hier
finster, gelt?“ — „Wissen Sie“ — fuhr er fort, da er mir anmerkte, wie
betroffen ich war, obwohl ich mich nicht getraute, nach dem Grunde zu
fragen, „wissen Sie, — nicht daß ich Sie verführen möchte, Ihre werte
Pflicht zu verletzen, aber die Ehre meiner Frau Gemahlin steht auf dem
Spiel, wenn’s herauskommt, was ich übernommen hab’. Und mit der Zukunft
meiner Fräulein Tochter als Künstlerin wär’s für immer dahin. — Kein
menschliches Auge darf sehen, was heut nacht hier geschieht!“ — ich
wich unwillkürlich einen Schritt zurück, so entsetzte mich der Tonfall
in der Rede des alten Mannes, wie er mit angstverzerrtem Mienenspiel
auf mich einsprach, — „nein, nein, bitte, nicht davonlaufen, Herr
Taubenschlag! — Es ist ja kein Verbrechen nicht! — Freilich, wenn’s
heraus kommt, muß ich ins Wasser gehen! — Wissen Sie, ich habe nämlich
einen höchst — einen höchst anrüchigen Auftrag von einem Kunden in der
Hauptstadt bekommen, und der wird heut Nacht, wenn alles schläft,
heimlich auf einen Wagen geladen und fortgeschafft; der Auftrag
nämlich. Tja. Hm.“
Mir fiel ein Stein vom Herzen.
Wenn ich auch nicht ahnen konnte, worum es sich handelte, so erriet ich
doch, daß es nur etwas Harmloses sein konnte.
„Soll ich Ihnen beim Aufladen helfen, Herr Mutschelknaus?“ bot ich mich
an.
Der Drechsler fiel mir beinahe um den Hals vor Entzücken: — „Aber wird
es auch der Herr Freiherr nicht erfahren?“ fragte er im selben Atem und
schon wieder sorgenvoll. „Und dürfen Sie so spät noch herunter? — Sie
sind ja noch so jung!“
„Mein Pflegevater wird nichts merken“, beruhigte ich ihn.
Um Mitternacht hörte ich unten leise meinen Namen rufen.
Ich schlich mich die Treppe hinab und sah schattenhaft in der
Dunkelheit einen Leiterwagen stehen. Den Pferden waren die Hufe mit
Lappen umwickelt, damit man sie nicht trappen hören sollte. — Neben der
Deichsel stand ein Fuhrknecht und grinste jedesmal, so oft Herr
Mutschelknaus aus seinem Laden einen Korb voll runder, großer, braun
gestrichener Holzdeckel, mit je einem Knopf in der Mitte zum Anfassen,
geschleppt brachte.
Ich sprang sofort zu und half aufladen. In einer halben Stunde war der
Wagen gefüllt bis oben und schwankte über die Palisadenbrücke, sich
bald in der Finsternis verlierend.
Hochaufatmend zog mich der Alte trotz meines Widerstrebens in seine
Werkstätte.
Ein runder, weißgehobelter Tisch mit einem Krug Dünnbier darauf und
zwei Gläsern, von denen das eine — ein schöngeschliffenes Stück —
offenbar für mich bestimmt war, fing wie eine helle Scheibe das ganze
spärliche Licht der darüber hängenden kleinen Petroleumlampe auf; der
übrige langgestreckte Raum lag fast in Dunkelheit. Nur nach und nach,
wie sich meine Augen gewöhnten, konnte ich die Dinge unterscheiden.
Eine stählerne Achse, tagsüber von draußen angetrieben durch ein
Wasserrad im Fluß, lief von Wand zu Wand. — Jetzt schliefen etliche
Hühner darauf.
Lederne Treibriemen hingen wie Galgenschlingen auf die Drehbank herab.
— Eine Holzstatue des heiligen Sebastian, von Pfeilen durchbohrt, ragte
aus der Ecke. Auf jedem Pfeil schlief ebenfalls ein Huhn.
Ein offener Sarg, darin ein paar Stallhasen im Traum von Zeit zu Zeit
rumorten, stand am Kopfende einer jämmerlichen Pritsche, die dem
Drechsler als Bett dienen mochte.
Eine Zeichnung unter Glas, mit goldenem Rahmen und von einem
Lorbeerkranz umgeben, war der einzige Zimmerschmuck; sie stellte eine
junge Frau in theatralischer Pose mit geschlossenen Augen und halb
offenem Munde dar, die Gestalt nackt, nur mit Feigenblatt, aber
schneeweiß, als habe sie, mit Gipswasser bestrichen, Modell gestanden.
Herr Mutschelknaus errötete ein wenig, als er bemerkte, daß ich vor dem
Bilde stehen geblieben war, und sagte rasch: „Es ist meine Frau
Gemahlin, als sie mir die Hand zum ewigen Bunde reichte. — Sie war
nämlich“ — setzte er, sich räuspernd, als Erklärung hinzu „—
Marmornymphe. — — Ja ja, Aloisia, — das heißt Aglaja, natürlich: Aglaja
— meine Frau Gemahlin, hatte nämlich das Unglück, von ihren seligen
Herren Eltern verständnisloserweise als kleines Kind mit dem
beschämenden Namen Aloisia aus der heiligen Taufe gehoben worden zu
sein. — Aber nicht wahr, Herr Taubenschlag, Sie sagen’s nicht weiter!
Der künstlerische Ruf meiner Fräulein Tochter litte sonst darunter. Hm.
Tja.“ — Er führte mich an den Tisch, bot mir mit einer Verbeugung einen
Sessel an und schenkte mir von dem Dünnbier ein.
Er schien ganz vergessen zu haben, daß ich ein halbwüchsiger Junge war
— noch nicht fünfzehn Jahre alt —, denn er sprach zu mir wie zu einem
Erwachsenen, wie zu einem Herrn, der an Rang und Bildung weit über ihm
stünde.
Anfangs glaubte ich, er wolle mich nur unterhalten, indem er mir
erzählte, doch bald erriet ich an der Art, wie sein Tonfall gepreßt und
furchtsam wurde, so oft ich zu den Hasen hinüberschaute, daß er meine
Aufmerksamkeit von der ärmlichen Umgebung abzulenken wünschte.
So bemühte ich mich denn, ruhig zu sitzen und meine Augen nicht mehr
wandern zu lassen.
Bald hatte er sich in eine tiefe Erregung hineingeredet. Seine
eingefallenen Wangen bekamen kreisrunde, hektische Flecken.
Immer deutlicher klang es aus seinen Worten wie ein krampfhaftes
Bemühen, sich mir gegenüber — zu rechtfertigen!
Ich fühlte mich damals noch so sehr Kind — und das meiste, was er
erzählte, ging überdies weit über mein Fassungsvermögen hinaus —, daß
mich unter dem Eindruck der seltsamen Dissonanzen, den seine Rede in
mir erweckte, allmählich ein leises, unerklärliches Grauen beschlich.
Ein Grauen, das sich tief in mich einfraß und von Jahr zu Jahr, als ich
längst ein Mann geworden, jedesmal intensiver erwachte, so oft das Bild
durch Zufall in meiner Erinnerung auferstand.
Mit meiner wachsenden Erkenntnis der Scheußlichkeiten, die das Dasein
über den Menschen verhängt, wuchs auch jedes Wort, das der Drechsler
damals gesprochen, an greller Nacktheit und Perspektive in meinem
Gedächtnis und konnte bisweilen zum Albdruck werden, wenn ich mir die
Zusammenhänge vergegenwärtigte und im Geiste das jammervolle Schicksal
des alten Drechslers durchwanderte, das tiefe Dunkel, das seine Seele
umfing, wie in der eigenen Brust empfand und den grausigen Mißklang
zwischen der gespenstigen Komik, die ihm anhaftete, und seinem
verstiegenen und zugleich tief ergreifenden Opfermut für ein falsches
Ideal, das ihm der Satan selbst nicht hämischer als Irrlicht hätte ins
Leben stellen können.
Damals, als Kind, empfand ich seine Erzählung, ich möchte sagen: wie
die Beichte eines Irrsinnigen, die für andere Ohren als die meinen
bestimmt war, der ich aber zuhören mußte, ob ich wollte oder nicht,
festgehalten von einer unsichtbaren Hand, die Gift in mein Blut
träufeln wollte.
Es waren da Augenblicke, wo ich mich sekundenlang verfallen und morsch
wie ein Greis fühlte, so lebhaft übertrug sich auf mich der Wahn des
Drechslers, ich sei ihm gleichalterig oder überlegen und nicht ein
kleiner Junge.
„Ja ja, sie war eine große, berühmte Künstlerin“, so ungefähr begann
er; „Aglaja! Niemand in diesem erbärmlichen Nest ahnt es. Sie will es
nicht, daß man es erfährt! Wissen Sie, Herr Taubenschlag, ich kann’s
nicht so sagen, wie ich möchte. Ich kann ja kaum schreiben. Aber das
ist ein Geheimnis zwischen uns, nicht wahr? So wie das vorhin mit den,
mit den, na ja mit den Deckeln. Ich kann nämlich nur ein Wort
schreiben“ — er nahm ein Stück Kreide aus der Tasche und malte auf den
Tisch —, „nämlich das da: Ophelia.“
„Und lesen kann ich freilich überhaupt nicht. Ich bin nämlich“ — er
beugte sich vor und flüsterte mir geheimnisvoll ins Ohr — „verzeihen
den Ausdruck: ein Tepp. Wissen Sie: mein Vater, der war nämlich sehr
streng, und weil ich als kleiner Bub einmal hab’ den Leim anbrennen
lassen, hat er mich in einen Metallsarg, der grad fertig war, auf
vierundzwanzig Stunden eing’sperrt und hat g’sagt, ich würd’ lebendig
begraben. Das hab’ ich natürlich geglaubt und die Zeit drin war mir so
furchtbar wie eine lange, lange Ewigkeit in der Hölle, die nie mehr ein
End’ nimmt, denn ich hab’ mich ja nicht rühren können und auch fast
nicht schnaufen. Ich hab’ mir die vordern Unterzähn’ ausgebissen vor
Todesangst. Aber,“ setzte er ganz leise hinzu, „warum hab’ ich auch den
Leim anbrennen lassen! Wie sie mich aus dem Sarg herausgenommen haben,
hab’ ich den Verstand verloren gehabt. Und die Sprache. Erst zehn Jahre
später hab’ ich wieder langsam angefangt reden zu lernen. Aber nicht
wahr, Herr Taubenschlag, das ist ein Geheimnis zwischen uns! Wenn die
Leut’ von meiner Schand’ erfahren, ist’s mit dem künstlerischen Ruhm
meiner Fräulein Tochter dahin! Tja. Hm. — Wie dann mein Vater selig
eines Tags für immer ins Paradies eingegangen ist — er ist begraben
worden in demselbigen Metallsarg — und mir das Geschäft und auch Geld
hinterlassen hat — er war Witwer —, da hat mir die himmlische Vorsehung
zum Trost — denn ich hab’ gemeint, ich müßt’ mich tot weinen vor Gram
um den Verlust meines Vaters — wie einen Engel den Herrn Oberregißjeh
Herrn Paris ins Haus geschickt. Sie kennen den Herrn Künstler Paris
nicht? Er kommt jeden zweiten Tag, mein Fräulein Tochter im
Theaterspielen unterrichten! Er hat den gleichen Namen wie der alte
griechische Gott Paris; es ist eine Vorsehung von Kindesbeinen an. Tja.
Hm. — Meine jetzige Frau Gemahlin war damaliger Zeit noch Jungfrau.
Tja. Hm. — Das heißt, ich mein’, sie war halt noch ein Mädchen. Tja.
Hm. — Und der Herr Paris hat ihre künstlerische Laufbahn gezügelt. Sie
war Marmornymphe in einem geheimen Theater in der Hauptstadt. Tja. Hm.“
An der abgerissenen Art, wie er die Sätze hervorstieß und nach
unfreiwilligen kleinen Pausen sich immer wieder zum Weitersprechen
aufriß, merkte ich, daß sein Gedächtnis zwischendurch erlosch, um dann
von neuem, wie der Atem kam oder ging, aufzuflackern. Es war wie Ebbe
und Flut in seinem Bewußtsein. „Er hat sich noch immer nicht erholt von
jener entsetzlichen Folter in dem Metallsarg“, fühlte ich instinktiv;
„er ist heute noch ein Lebendigbegrabener.“
„No, und wie ich damals das Geschäft geerbt hab’, ist der Herr Paris in
mein Haus gekommen und hat gesagt, die berühmte Marmornymphe Aglaja
hätt’ mich zufällig beim Begräbnis gesehen, als sie ungekannt durch
unsere Stadt gekommen ist. Hm. Tja. — Und wie sie mich am Grab meines
Vatern so hätt’ weinen sehen, da hätt’ sie gesagt (Herr Mutschelknaus
sprang plötzlich auf und deklamierte mit Pathos in die Luft hinein, die
kleinen, wasserblauen Augen starr, als sähe er die Worte in
Feuerschrift), da hat sie gesagt: ‚diesem schlichten Manne will ich
eine Stütze fürs Leben sein und ein Licht in der Finsternis, das ihm
nimmermehr erlöschen möge. Ich will ihm ein Kind gebären, dessen Leben
nur der Kunst geweiht sein soll. Seinem Geiste will ich das Auge öffnen
für das Erhabene und sollte selbst in der Öde des grauen Alltags darob
mein Herze brechen. Ade, Kunst! Ade, Ruhm! Ade, ihr Stätten des
Lorbeers! Aglaja geht und nimmer kehrt sie wieder.‘ Tja. Hm.“ — Er fuhr
sich mit der Hand über die Stirn, setzte sich, als habe die Erinnerung
ihn plötzlich verlassen, langsam wieder auf seinen Stuhl.
„Tja. Hm. Der Herr Oberregißjeh hat laut geweint und sich das Haar
gerauft. Damals, wie wir zu dritt beim Hochzeitsmahl gesessen sind. Und
in einemfort hat er geschrien. ‚Mein Theater ist ruiniert, wenn ich
Aglaja verliere. Ich bin ein toter Mann!‘ — Tja. Hm. Die tausend Gulden
Münz, die ich ihm aufgedrängt hab’, damit er wenigstens nicht alles
verliert, haben natürlich nicht lang gereicht. Tja. Hm.“
Seitdem ist er schwermütig. Erst jetzt, wo er das große traumadurgische
Talent von meiner Fräulein Tochter entdeckt hat, hat er sich wieder ein
bissel derfangt. Tja. Hm.
Sie muß das von ihrer Frau Mutter geerbt haben. Tja, manches
Menschenkind säugt die Muse schon in der Wiege. Ophelia! Ophelia!“ Eine
wilde Begeisterung erfaßte ihn jäh; er packte meinen Arm und schüttelte
mich heftig. „Wissen Sie auch, Herr Taubenschlag, daß Ophelia, mein
Kind, ein Kind von Gottesgnaden ist? Der Herr Paris sagt immer, wenn er
sich seinen Gehalt bei mir in der Werkstatt holt: ‚Der Gott Vestalus
selbst muß, als Sie sie gezeugt haben, Meister Mutschelknaus, mit dabei
gewesen sein!‘ — Ophelia ist“ — seine Stimme sank wieder zum Flüsterton
herab —, „aber das ist ein Geheimnis, so wie vorhin das mit den, mit
den — na ja, das mit den Deckeln. Hm. Tja. — Ophelia ist schon nach
sechs Monaten auf die Welt gekommen. Hm. Tja. — Andere Kinder brauchen
neun Monate. Hm. Tja. — Aber es ist kein Wunder. Auch ihre Mutter ist
unter einem königlichen Stern geboren. Hm. — Nur hat er geschwankt.
Nämlich der Stern. Meine Frau Gemahlin will nicht, daß es jemand
erfährt, aber Ihnen kann ich’s ja sagen, Herr Taubenschlag: Wissen Sie,
daß sie beinahe schon auf einem Thron gesessen hätt’?! Und wenn ich
nicht wäre — oft treibt’s mir die Tränen in die Augen, wenn ich daran
denk’ — könnt’ sie heut’ in einer Equipage mit vier Schimmeln sitzen.
Aber sie ist abgestiegen zu mir. Hm. Tja. — Und das mit dem Thron“ — er
hob die drei Schwurfinger —, „das war so — bei Ehr’ und Seligkeit, daß
ich nicht lüg’ —: Der Herr Oberregißjeh Paris war nämlich in seiner
Jugend, ich weiß es aus seinem eigenen Mund, Großfexier beim König von
Arabien in Belgrad. Er hat dort für Seine Majestät den Allerhöchsten
Harem einstudiert. Hm. Tja. Und meine jetzige Frau Gemahlin Aglaja war
infolge ihrer Talente bereits zur ersten Ballastdame — man nennt das in
Arabien ‚Mai-Therese‘ — als Ersatzdame für die Allerhöchste linke Hand
avanciert; da wurden Seine Majestät ermordet und der Herr Paris und
meine Frau Gemahlin sind in der Nacht über den Nil geflohen. Tja. Hm. —
Sie ist dann, wie Sie schon wissen, Marmornymphe geworden. In einem
geheimen Theater, das der Herr Paris seinerzeit ausgeübt hat. Bis sie
auf den Lorbeer verzichtet hat. Auch der Herr Paris hat seinen Beruf
aufgegeben und lebt nur noch wegen der Ausbildung Ophelias. Hm. Tja. —
‚Wir alle müssen nur für sie leben,‘ sagt er immer. ‚Und Ihre hehre
Aufgabe, Meister Mutschelknaus, ist es, alles aufzubieten, damit
Ophelias Künstlerlaufbahn nicht an Geldnot im Keim erstickt.‘ — Sehen
Sie, Herr Taubenschlag, das ist auch der Grund, warum ich so anrüchige
Aufträge — Sie wissen ja! — annehmen muß. Das Sargmachen zahlt sich
nicht aus. Es sterben zu wenig Leute. Hm. Tja. — Die Ausbildung meiner
Fräulein Tochter könnte ich ja noch erschwingen, aber der weltberühmte
Dichter, der Herr Professor Hamlet in Amerika, verlangt soviel Geld.
Ich hab’ ihm einen Schuldschein ausstellen müssen, und den muß ich
jetzt abarbeiten. Hm. Tja. — Der Herr Professor Hamlet ist nämlich der
Milchbruder vom Herrn Paris, und wie er von dem großen Talent Ophelias
gehört hat, hat er extra für sie ein Theaterstück gedichtet. Das hat
den Titel: ‚Der König von Dänemark.‘ Drin soll der Kronprinz mein
Fräulein Tochter heiraten, aber Ihre Majestät, seine Frau Mama,
erlaubt’s nicht und drum geht meine Ophelia ins Wasser. Meine Ophelia
ins Wasser!“ — Der Alte schrie es nach einer Pause nur so heraus. „Wie
ich das gehört hab’, hat’s mir fast das Herz zerrissen. Nein, nein,
nein! Meine Ophelia, mein Augapfel, mein Alles, darf nicht ins Wasser
gehen! Auch nicht in einem Theaterstück. Hm. Tja. — Und ich bin
niedergekniet vor dem Herrn Paris und hab’ ihn solang gebeten, bis er
dem Herrn Professor Hamlet geschrieben hat. Der Herr Professor hat
versprochen, er will’s so einrichten, daß meine Ophelia doch den
Kronprinzen heiratet und sich nicht ertränkt, wenn ich ihm einen
Schuldschein ausstelle. Der Herr Paris hat den Schuldschein
geschrieben, und ich hab’ drei Kreuzel drunter gemacht. Sie werden
vielleicht lachen, Herr Taubenschlag, weil’s ja nur ein Theaterstück
ist und nicht Wirklichkeit! Aber schauen Sie, in dem Theaterstück wird
meine Ophelia auch Ophelia heißen. Wissen Sie, Herr Taubenschlag, ich
bin nur ein Tepp; was, wenn aber doch dann meine Ophelia sich
ertränkt?! Der Herr Paris sagt ja immer: die Kunst ist mehr als
Wirklichkeit — was, wenn sie ins Wasser geht! Was wird dann aus mir?!
Wär’s dann nicht besser für mich gewesen, ich wär’ damals gleich
erstickt in dem Metallsarg?!“
Die Hasen polterten laut in ihrem Sarg. Der Drechsler zuckte erschreckt
zusammen und murmelte: „Verfluchte Rammler!“
Eine lange Pause trat ein; der Alte hatte den Faden seiner Erzählung
vollkommen verloren. Er schien meine Anwesenheit gänzlich vergessen zu
haben und seine Augen sahen mich nicht mehr.
Nach einer Weile stand er auf, ging zur Drehbank, legte die
Transmissionsriemen um die Antriebsscheibe und setzte sie in Bewegung.
„Ophelia! Nein, meine Ophelia darf nicht sterben!“ hörte ich ihn
murmeln. „Ich muß arbeiten, arbeiten, sonst ändert er das Theaterstück
nicht um, und —“
Das Surren der Maschine verschlang seine letzten Worte.
Ich schlich mich leise aus der Werkstatt und ging hinauf in mein
Zimmer.
Im Bett faltete ich die Hände und flehte, ich weiß nicht warum, zu
Gott, er möge Ophelia behüten.
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