Mitglieder der Commission waren eben so wenig geneigt, die doctrinellen
Sätze aufzugeben, wie die damnatorischen Sätze beizubehalten. Burnet,
Fowler und Tillotson wünschten dieses berühmte Symbolum ganz aus der
Liturgie zu streichen. Burnet machte dafür ein Argument geltend, das ihm
wahrscheinlich selbst kein großes Gewicht zu haben schien, das aber
vortrefflich darauf berechnet war, seine Gegner, Beveridge und Scott, in
Verlegenheit zu setzen. Das Concil von Ephesus war von den
anglikanischen Geistlichen stets als eine Synode verehrt worden, welche
die Gesammtheit der Gläubigen wirklich repräsentirt hatte und von Gott
auf dem Wege der Wahrheit geleitet worden war. Die Stimme dieses Concils
war die Stimme der noch nicht durch Aberglauben verderbten oder durch
Spaltungen zerrissenen heiligen katholischen und apostolischen Kirche.
Seit mehr als zwölf Jahrhunderten hatte die Welt keine kirchliche
Versammlung wieder gesehen, welche gleichen Anspruch auf die Achtung der
Gläubigen gehabt hätte. Das Concil von Ephesus hatte in den klarsten
Ausdrücken und unter Androhung der furchtbarsten Strafen den Christen
verboten, ihren Brüdern ein andres Glaubensbekenntniß aufzudringen als
das von den Nicäischen Vätern festgestellte. Man sollte daher denken,
daß, wenn das Concil von Ephesus wirklich unter der Leitung des heiligen
Geistes stand, jeder der sich des Athanasischen Glaubensbekenntnisses
bedient, in dem Augenblicke da er ein Anathema gegen seine Nebenmenschen
ausspricht, ein Anathema über sein eignes Haupt bringen müßte.[111]
Trotz der Autorität der ephesischen Väter beschloß die Majorität der
Commissionsmitglieder das Athanasische Glaubensbekenntniß im Gebetbuche
zu lassen, sie schlugen nur vor, eine von Stillingfleet entworfene
Rubrik beizufügen, welche erklärte, die damnatorischen Sätze seien so zu
verstehen, daß sie nur auf Diejenigen Anwendung fänden, welche das Wesen
des christlichen Glaubens hartnäckig leugneten. Orthodoxe Gläubige
durften daher hoffen, daß der Ketzer, der aufrichtig und demüthig nach
der Wahrheit gesucht, nicht zu ewiger Strafe verdammt werden würde, weil
es ihm nicht gelungen war, sie zu finden.[112]
Tenison wurde beauftragt, die Liturgie zu prüfen und alle diejenigen
Ausdrücke zu sammeln, gegen welche entweder von theologischen oder von
literarischen Kritikern Einwendungen gemacht worden waren. Einige
offenbare Mängel beschloß man zu beseitigen. Es wäre vernünftig gewesen,
wenn es die Commissionsmitglieder dabei hätten bewenden lassen;
unglücklicherweise aber beschlossen sie, einen großen Theil des
Gebetbuches umzuarbeiten. Dies war ein kühnes Unternehmen, denn im
allgemeinen ist der Styl des Buches so, daß er nicht verbessert werden
kann. Die englische Liturgie gewinnt in der That selbst bei einem
Vergleiche mit den schönen alten Liturgien, denen sie zum großen Theil
entlehnt ist. Die wesentlichen Eigenschaften der erbaulichen Eloquenz,
der Kürze, der majestätischen Einfachheit, der pathetischen Innigkeit
des Gebets, durch tiefe Ehrfurcht gemäßigt, sind den Uebersetzungen und
den Originalen gemeinschaftlich eigen. In den untergeordneten
Schönheiten der Diction aber stehen die Originale den Uebersetzungen
unleugbar nach. Der Grund davon liegt auf der Hand. Die technischen
Ausdrücke des Christenthums wurden erst ein Bestandtheil der
lateinischen Sprache, als diese Sprache das Alter der Reife
überschritten hatte und in Barbarismus versank. Aber die technischen
Ausdrücke des Christenthums fanden sich in dem angelsächsischen und
normännischen Französisch schon lange bevor die Verschmelzung dieser
beiden Dialecte einen dritten, beiden überlegenen Dialect erzeugt hatte.
Das Latein, des römisch-katholischen Gottesdienstes ist daher Latein im
letzten Stadium des Verfalls, während das Englisch unsres Gottesdienstes
Englisch in der vollen Kraft und Eleganz der ersten Jugend ist. Den
großen lateinischen Schriftstellern Terenz und Lucrez, Cicero und Cäsar,
Tacitus und Quintilian würden die herrlichsten Compositionen Ambrosius'
und Gregor's nicht nur als schlecht geschrieben, sondern als sinnloses
Gewäsch erschienen sein.[113] Die Diction unsers allgemeinen Gebetbuches
hingegen hat direct oder indirect dazu beigetragen, die Sprache fast
jedes großen englischen Schriftstellers zu bilden und hat die
Bewunderung der gebildetsten Ungläubigen und der gebildetsten
Nonconformisten, die Bewunderung von Männern wie David Hume und Robert
Hall erweckt.
Der Styl der Liturgie befriedigte jedoch die Doctoren des
Jerusalemzimmers nicht. Sie erklärten die Collecten für zu kurz und zu
trocken, und Patrick wurde beauftragt, sie zu erweitern und
auszuschmücken. In einer Hinsicht ließ sich gegen diese Wahl nichts
einwenden, denn wenn wir danach urtheilen, wie Patrick die erhabenste
hebräische Poesie paraphrasirte, werden wir wahrscheinlich zu der
Ueberzeugung gelangen, daß, mochte er sich nun dazu eignen, die
Collecten zu verbessern, oder nicht, wenigstens Niemand befähigter sein
konnte, sie zu erweitern.[114]
Die Convocation der Provinz Canterbury einberufen. Stimmung des Klerus.
Es kam indeß wenig darauf an, ob die Empfehlungen der Commission gut
oder schlecht waren, denn verurtheilt waren sie alle, noch ehe man sie
kannte. Die Ausschreiben zur Einberufung der Convocation der Provinz
Canterbury waren erlassen und die Geistlichen waren allenthalben in
einem Zustande heftiger Aufregung. Sie hatten eben die Eide geleistet
und empfanden noch schmerzlich die harten Vorwürfe der Eidverweigerer,
die rücksichtslosen Schmähungen der Whigs und unzweifelhaft in vielen
Fällen auch die Mahnungen des Gewissens. Die Ankündigung, daß eine
Convocation zusammentreten solle, um einen Comprehensionsplan zu
berathen, erweckte die stärksten Leidenschaften des Priesters, der sich
so eben dem Gesetz gefügt hatte und der deshalb gar nicht oder nur halb
zufrieden mit sich war. Es bot sich ihm eine Gelegenheit, zur
Vereitelung eines Lieblingsplanes der Regierung beizutragen, welche bei
strenger Strafe eine Unterwerfung von ihm verlangt hatte, die sich mit
seinem Gewissen oder mit seinem Stolze schwer vereinigen ließ. Es bot
sich ihm eine Gelegenheit, seinen Eifer für die Kirche zu bethätigen,
deren characteristische Lehren er um materiellen Nutzens willen untreu
geworden zu sein beschuldigt war. Seiner Ansicht nach drohte ihr jetzt
eine eben so große Gefahr als die des vorhergehenden Jahres. Die
Latitudinarier von 1689 seien nicht minder eifrig bestrebt, sie zu
demüthigen und zu Grunde zu richten, wie die Jesuiten von 1688. Die
Toleranzacte habe für die Dissenters soviel gethan, als sich mit der
Würde und Sicherheit der Kirche vertrug, und es dürfe nichts weiter
zugestanden werden, nicht der Saum eines Gewandes, nicht eine Sylbe vom
Anfang bis zum Ende der Liturgie. Alle die Vorwürfe, welche der
kirchlichen Commission Jakob's gemacht worden waren, wurden auf die
kirchliche Commission Wilhelm's übertragen. Die beiden Commissionen
hatten zwar nichts als den Namen mit einander gemein; aber bei dem Namen
dachte Jedermann an Ungesetzlichkeit und Bedrückung, an Verletzung des
Hausrechts und Confiscation von Grundeigenthum, und die Böswilligen
riefen ihn daher unermüdlich und mit nicht geringem Erfolge in die Ohren
der Unwissenden.
Die Geistlichkeit unzufrieden mit dem König.
Auch dem König, sagte man, war nicht zu trauen. Er conformirte sich zwar
dem bestehenden Gottesdienste, aber es war bei ihm eine örtliche und
gelegentliche Conformität. Denn gegen einige Ceremonien, für welche die
Hochkirchlichen sehr eingenommen waren, empfand er einen Widerwillen,
den er gar nicht zu verhehlen suchte. Es war eine seiner ersten
Maßregeln gewesen, zu befehlen, daß der Gottesdienst in seiner
Privatkapelle gesprochen und nicht gesungen werden solle, und diese
Anordnung erregte viel Murren, obgleich die Rubrik sie guthieß.[115] Es
war bekannt, daß er so profan war, über einen durch hohe kirchliche
Autorität sanctionirten Gebrauch zu spötteln, über den Gebrauch des
Händeauflegens gegen die Skropheln. Diese Ceremonie hatte sich fast
unverändert seit dem grauesten Alterthum bis zu den Zeiten Newton's und
Locke's erhalten. Die Stuarts spendeten häufig die heilende Kraft im
Bankethause. Die Tage, an denen dieses Wunder verrichtet werden sollte,
wurden in Sitzungen des Geheimen Raths bestimmt, und dann in allen
Pfarrkirchen des Reichs von den Geistlichen feierlich verkündet.[116]
Wenn die bestimmte Zeit kam, standen mehrere Geistliche im vollen Ornate
um den Staatsbaldachin. Der königliche Leibarzt führte die Kranken
herein, und es wurde hierauf eine Stelle aus dem 16. Kapitel des
Evangeliums Marci vorgelesen. Nach den Worten: »Auf die Kranken werden
sie die Hände legen, so wird's besser mit ihnen werden,« wurde
innegehalten und einer der Kranken vor den König gebracht. Se. Majestät
berührte die Geschwüre und Beulen und hing ein weißes Band, an dem eine
Goldmünze befestigt war, um den Hals des Patienten. Die Uebrigen wurden
so alle nacheinander vorgeführt und wenn jeder berührt war, wiederholte
der Kaplan die Worte; »Auf die Kranken werden sie die Hände legen, so
wird's besser mit ihnen werden.« Dann kamen die Epistel, Gebete,
Wechselgesänge und ein Segen. Der Dienst findet sich noch in den
Gebetbüchern aus der Regierungszeit der Königin Anna. Erst einige Zeit
nach der Thronbesteigung Georg's I. hörte die Universität Oxford auf,
das feierliche Amt der Heilung mit der Liturgie zusammen drucken zu
lassen. Theologen von ausgezeichneter Gelehrsamkeit, Bildung und
Tugendhaftigkeit sanctionirten dieses Blendwerk durch ihre Autorität und
was noch auffälliger ist, hochberühmte Aerzte glaubten an die heilenden
Kräfte der königlichen Hand, oder stellten sich wenigstens als glaubten
sie daran. Wir dürfen wohl annehmen, daß jeder im Dienste Karl's II.
stehende Arzt ein Mann von hoher Berufstüchtigkeit war, und mehr als
einer von den Aerzten Karl's II. hat uns das feierliche Bekenntniß
seines Glaubens an die Wunderkraft des Königs hinterlassen. Einer von
ihnen schämt sich nicht uns zu sagen, daß die Gabe durch die bei der
Krönung stattfindende Salbung mitgetheilt werde, daß die Heilungen so
zahlreich seien und zuweilen so rasch erfolgten, daß sie keiner
natürlichen Ursache zugeschrieben werden konnten, daß das Fehlschlagen
lediglich dem Mangel an Glauben auf Seiten des Kranken beigemessen
werden müsse; daß Karl einst einen skrophulösen Quäker berührt und ihn
in einem Augenblicke zu einem gesunden Menschen und wahren
Hochkirchenmann gemacht; daß, wenn die Geheilten das ihnen um den Hals
gehängte Goldstück verlören oder verkauften, die Geschwüre von neuem
aufbrächen und nur durch eine abermalige Berührung und durch einen
zweiten Talisman geheilt werden könnten. Wenn Männer der Wissenschaft
solchen Unsinn ernsthaft wiederholten, so dürfen wir uns nicht darüber
wundern, daß der große Haufe ihn glaubte. Noch weniger dürfen wir uns
wundern, daß Unglückliche, die von einer Krankheit gequält wurden, gegen
welche natürliche Heilmittel nichts vermochten, Geschichten von
übernatürlichen Kuren begierig verschlangen, denn nichts ist so
leichtgläubig als das Unglück. Die Volksmassen, die sich an den
Heilungstagen nach dem Palaste drängten, waren ungeheuer. Karl II.
berührte im Laufe seiner Regierung nahe an hunderttausend Personen. Die
Zahl war größer oder geringer je nachdem die Popularität des Königs
stieg oder sank. Während der toryistischen Reaction, welche auf die
Auflösung des Oxforder Parlaments folgte, drängte sich das Volk
massenhaft in seine Nähe. Im Jahre 1682 verrichtete er die Ceremonie
achttausendfünfhundert Mal. Im Jahre 1684 war das Gedränge so arg, daß
sechs oder sieben Kranke todtgetreten wurden. Jakob berührte auf einer
seiner Reisen im Chore der Kathedrale von Chester achthundert Personen.
Die Kosten der Ceremonie beliefen sich auf nicht viel weniger als
zehntausend Pfund jährlich und würden ohne die Wachsamkeit des
königlichen Leibarztes, der die Applikanten zu untersuchen und
Diejenigen, welche um der Heilung willen kamen, von Denen, welche des
Goldstücks wegen kamen, zu scheiden hatte, noch viel bedeutender gewesen
sein.[117]
Wilhelm war viel zu klug, als daß er hätte getäuscht werden können, und
viel zu rechtschaffen, um an einer Handlung Theil zu nehmen, von der er
wußte, daß es Betrug war. »Es ist ein kindischer Aberglaube,« rief er
aus, als er hörte, daß zu Ende der Fastenzeit sein Palast von einer
Menge Kranker belagert war; »man gebe den armen Leuten etwas Geld und
schicke sie fort.«[118] Einmal wurde er dringend gebeten, seine Hand auf
einen Patienten zu legen. »Gott schenke Euch bessere Gesundheit,« sagte
er, »und mehr Verstand.« Die Eltern skrophulöser Kinder schrien Zeter
über seine Grausamkeit; die Bigotten erhoben entsetzt über seine
Gottlosigkeit Hände und Augen zum Himmel; die Jakobiten lobten ihn
sarkastisch, daß er nicht so anmaßend sei, sich eine Kraft beizumessen,
die nur legitimen Souverainen zukomme, und selbst einige Whigs meinten,
es sei unklug von ihm, daß er einen im Volke tief eingewurzelten
Aberglauben mit so auffallender Geringschätzung behandle. Wilhelm aber
war nicht zu bewegen und wurde deshalb von vielen Hochkirchlichen als
entweder ein Ungläubiger oder ein Puritaner betrachtet.[119]
Der Klerus durch das Verhalten der schottischen Presbyterianer gegen die
Dissenters erbittert.
Die Hauptursache jedoch, welche damals der Geistlichkeit selbst den
gemäßigtsten Comprehensionsplan verhaßt machte, ist noch nicht erwähnt
worden. Was Burnet vorhergesehen und vorhergesagt hatte, war
eingetroffen. Es herrschte in dem ganzen Priesterstande eine große
Geneigtheit, die Unbilden der schottischen Episkopalen die englischen
Presbyterianer entgelten zu lassen. Es ließ sich nicht leugnen, daß
selbst die Hochkirchlichen im Sommer des Jahres 1688 sich im allgemeinen
bereit erklärt hatten, Vieles im Interesse der Union aufzugeben. Allein
man sagte, und nicht ohne einen Anschein von Begründung, die Vorgänge
jenseit der Grenze bewiesen, daß eine Union unter billigen Bedingungen
unmöglich sei. Wie können, fragte man, Diejenigen, die uns keine
Concession machen wollen wo wir schwach sind, es uns verargen, daß wir
ihnen keine Concession machen wollen, wo wir stark sind? Wir können die
Grundsätze und Gesinnungen einer Secte nach den Erklärungen, die sie in
einem Augenblicke der Schwäche und der Leiden abgiebt, nicht richtig
beurtheilen. Wenn wir den puritanischen Geist in seiner wahren
Beschaffenheit kennen lernen wollen, müssen wir den Puritaner
beobachten, wenn er die Oberhand hat. Unter der vorigen Generation hatte
er hier die Oberhand, und sein kleiner Finger war stärker als die Lenden
der Prälaten. Er trieb Hunderte von friedlichen Studenten aus ihren
Collegien und Tausende von achtbaren Geistlichen aus ihren
Pfarrwohnungen, weil sie sich weigerten, seinen Covenant zu
unterschreiben. Weder Gelehrsamkeit, noch Genie, noch Frömmigkeit wurde
geschont. Männer wie Hall und Sanderson, Chillingworth und Hammond
wurden nicht allein ausgeplündert, sondern ins Gefängniß geworfen und
der ganzen Rohheit brutaler Kerkermeister preisgegeben. Es wurde für ein
Verbrechen erklärt, schöne Psalmen und Gebete zu lesen, welche Ambrosius
und Chrysostomus den Gläubigen hinterlassen hatten. Endlich ward die
Nation der Herrschaft der Frommen müde. Die gestürzte Dynastie und die
gestürzte Hierarchie wurden wieder eingesetzt, der Puritaner wurde
seinerseits Ausschließungen und Strafen unterworfen, und alsbald kam er
dahinter, daß es grausam sei, Jemanden zu bestrafen, weil er
Gewissensskrupel wegen eines Gewandes, wegen einer Ceremonie, wegen
geistlicher Amtsverrichtungen hegte. Seine jammervollen Klagen und seine
Argumente zu Gunsten der Toleranz hatten endlich auf viele Gutmüthige
Eindruck gemacht. Selbst eifrige Hochkirchliche hatten angefangen, sich
der Hoffnung hinzugeben, daß die harte Lehre, die er bekommen, ihn
aufrichtig, gemäßigt und nachsichtig gemacht habe. Wäre dem wirklich so
gewesen, so würde es allerdings unsre Pflicht sein, seine Bedenken mit
zarter Rücksicht zu behandeln. Aber während wir überlegten, was wir thun
könnten, um seinen Wünschen in England zu entsprechen, hatte er in
Schottland das Uebergewicht erlangt, und in einem Augenblicke war er
wieder ganz er selbst: bigott, insolent und grausam. Pfarrwohnungen
wurden geplündert, Kirchen geschlossen, Gebetbücher verbrannt, heilige
Gewänder zerrissen, andächtige Versammlungen auseinandergetrieben,
Priester gemißhandelt, mit Steinen geworfen, an den Schandpfahl gestellt
und mit Weib und Kind hinausgestoßen, um zu betteln oder zu verhungern.
Daß diese Gewaltthätigkeiten nicht einigen wenigen ruchlosen
Herumtreibern, sondern der Gesammtheit der schottischen Presbyterianer
zur Last fielen, ging klar aus dem Umstande hervor, daß die Regierung es
weder gewagt hatte, die Uebelthäter zu bestrafen, noch den Betroffenen
Abhilfe zu verschaffen. Sei es da nicht gerathen, daß die englische
Kirche auf ihrer Hut sei? Könne man billigerweise von ihr verlangen, daß
sie ihre apostolische Verfassung und ihr schönes Ritual aufgebe, um
Diejenigen auszusöhnen, denen nichts als die Macht fehlte, um sie zu
mißhandeln, wie sie ihre Schwester gemißhandelt hatten? Diese Leute
hätten bereits eine Wohlthat erlangt, die sie nicht verdienten und die
sie niemals gewährt haben würden. Sie verehrten Gott in vollkommener
Sicherheit; ihre Bethäuser genössen eines eben so wirksamen Schutzes wie
die Chöre unserer Kathedralen. Während kein bischöflicher Geistlicher
ohne Lebensgefahr in Ayrshire oder Renfrewshire Gottesdienst halten
könne, predigten in Middlesex hundert presbyterianische Geistliche
ungestört jeden Sonntag. Die Legislatur habe mit einer vielleicht
unklugen Großmuth den intolerantesten Menschen Toleranz gewährt, und mit
der Toleranz zieme es ihnen sich zu begnügen.
Einrichtung der Convocation.
So vereinigten sich mehrere Ursachen, um die Parochialgeistlichen gegen
den Comprehensionsplan zu erbittern. Ihre Stimmung war von der Art, daß
der im Jerusalemzimmer entworfene Plan, wenn er ihnen unmittelbar
vorgelegt worden wäre, mit einer Majorität von Zwanzig gegen Eins
verworfen worden sein würde. In der Convocation aber stand ihr Gewicht
in keinem Verhältniß zu ihrer Zahl. Die Convocation ist zum Glück für
unser Vaterland seit langer Zeit so gänzlich ohne Bedeutung, daß sich
bis vor Kurzem nur wißbegierige Forscher um ihre Einrichtung gekümmert
haben, und doch glauben noch heutzutage sonst nicht ungebildete Leute,
sie sei ein die Kirche von England repräsentirendes Concil gewesen. Die
in unsrer Kirchengeschichte so häufig erwähnte Convocation ist jedoch
thatsächlich nichts weiter als die Synode der Provinz Canterbury und war
nie berechtigt, im Namen des gesammten Klerus zu sprechen. Die Provinz
York hatte ebenfalls ihre Convocation; aber tiefe Provinz war bis tief
ins 18. Jahrhundert im allgemeinen so arm, so uncultivirt und so dünn
bevölkert, daß sie hinsichtlich ihrer politischen Bedeutung kaum für ein
Zehntel des Reichs gerechnet werden konnte. Die Ansicht des südlichen
Klerus galt daher allgemein für die Ansicht des ganzen Standes. Wo die
formelle Beistimmung des nördlichen Klerus erforderlich war, wurde sie
als sich von selbst verstehend gegeben. Die von der Convocation von
Canterbury im Jahre 1604 erlassenen Kirchengesetze waren in der That
schon zwei Jahre bevor die Convocation von York die Formalität ihrer
Zustimmungsertheilung erfüllte, von Jakob I. bestätigt und ihre genaue
Beobachtung im ganzen Königreiche anbefohlen. Seitdem diese kirchlichen
Versammlungen bloße Namen geworden, hatte die Stellung der beiden
Erzbisthümer zu einander eine große Veränderung erfahren. In allen
Elementen der Macht repräsentirt die Gegend jenseit des Trent jetzt
mindestens ein Drittheil England's. Als in unsrer Zeit das
Representativsystem dem veränderten Zustande des Landes angepaßt wurde,
gehörten fast sämmtliche kleine Burgflecken, denen das Wahlrecht
entzogen werden mußte, dem Süden an. Zwei Drittel der neuen
Parlamentsmitglieder, welche den großen Provinzialstädten bewilligt
wurden, kamen auf den Norden. Wenn daher eine englische Regierung die
Convocationen in ihrer gegenwärtigen Einrichtung zur Erledigung von
Geschäften zusammentreten lassen wollte, so würden zwei von einander
unabhängige Synoden gleichzeitig für eine Kirche Gesetze geben, und es
ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß die eine Versammlung
Kirchengesetze annähme, welche die andre verwerfen würde, und daß die
eine Versammlung Behauptungen als ketzerisch verdammen würde, welche die
andre für orthodox hielte.[120] Im 17. Jahrhundert war so etwas nicht zu
fürchten. Die Convocation von York wurde damals in der That so wenig
beachtet, daß die beiden Parlamentshäuser in ihrer Adresse an Wilhelm
nur von einer Convocation gesprochen hatten, die sie die Convocation der
Geistlichkeit des Königreichs nannten.
Die Körperschaft, die sie eben nicht besonders richtig so bezeichneten,
zerfällt in zwei Häuser. Das Oberhaus besteht aus den Bischöfen der
Provinz Canterbury. Das Unterhaus bestand 1689 aus hundertvierundvierzig
Mitgliedern. Zweiundzwanzig Dechanten und vierundfunfzig Archidiakonen
saßen darin kraft ihrer Aemter; vierundzwanzig Geistliche saßen als
Vertreter von eben so vielen Kapiteln darin und nur vierundvierzig
Abgeordnete wurden von den achttausend Pfarrgeistlichen der
zweiundzwanzig Kirchspiele gewählt.
Wahl der Convocationsmitglieder.
Diese vierundvierzig Bevollmächtigten waren jedoch fast alle eines
Sinnes. Die Wahl derselben war in früheren Zeiten auf die ruhigste und
anständigste Weise vor sich gegangen. Bei dieser Gelegenheit aber fanden
starke Wahlumtriebe und heftige Wahlkämpfe statt; Rochester, das Haupt
der Partei, die sich im Hause der Lords der Comprehensionsbill
widersetzt hatte, und sein Bruder Clarendon, der sich geweigert hatte,
die Eide zu leisten, waren nach Oxford, dem Hauptquartier dieser Partei,
gegangen, um die Opposition zu animiren und zu organisiren.[121] Die
Vertreter der Parochialgeistlichen müssen Männer gewesen sein, deren
Hauptauszeichnung ihr Eifer war, denn in der ganzen Liste findet sich
nicht ein einziger berühmter Name und nur sehr wenige, die jetzt noch
dem eifrigen Geschichtsforscher bekannt sind.[122] Die officiellen
Mitglieder des Unterhauses, unter denen sich viele ausgezeichnete
Gelehrte und Kanzelredner befanden, scheinen nicht sehr ungleich
getheilt gewesen zu sein.
Verleihung geistlicher Aemter.