In Bezug auf geistige Begabung war Collier der Hervorragendste unter den

Eidverweigerern. Hinsichtlich der Gelehrsamkeit muß die erste Stelle

Heinrich Dodwell zuerkannt werden, der wegen des unverzeihlichen

Verbrechens, in Mayo ein kleines Gut zu besitzen, von dem papistischen

Parlament zu Dublin verurtheilt worden war. Er war Camdenianischer

Professor der alten Geschichte an der Universität Oxford und hatte durch

chronologische und geographische Forschungen schon eine bedeutende

Celebrität erlangt; obgleich er aber nie dazu bewogen werden konnte,

sich ordiniren zu lassen, war doch die Theologie sein Lieblingsstudium.

Er war unbestreitbar ein frommer und redlicher Mann. Er hatte zahllose

Werke in verschiedenen Sprachen gelesen und dadurch einen größeren

Schatz von Gelehrsamkeit gesammelt, als seine schwachen Geisteskräfte

festzuhalten vermochten. Der schwache geistige Funke, den er besaß,

wurde durch das Material, das ihn nähren sollte, erstickt. Einige seiner

Werke scheinen in einem Irrenhause geschrieben zu sein und ziehen ihn,

obgleich von Beweisen seiner ungeheuren Belesenheit strotzend, auf das

Niveau eines Jakob Naylor und Ludwig Muggleton herab. Er begann eine

Dissertation, welche beweisen sollte, daß das Völkerrecht eine göttliche

Offenbarung sei, welche der in der Arche geretteten Familie gemacht

wurde. Er veröffentlichte eine Abhandlung, in der er behauptete, daß

eine Ehe zwischen einem Mitgliede der englischen Kirche und einem

Dissenter ungültig und daß das Ehepaar in den Augen des Himmels des

Ehebruchs schuldig sei. Er vertheidigte den Gebrauch der

Instrumentalmusik beim öffentlichen Gottesdienste aus dem Grunde, weil

die Töne der Orgel die Macht hätten, den Einfluß der Teufel auf das

Rückenmark der Menschen zu paralysiren. In seiner Abhandlung über diesen

Gegenstand bemerkte er, man habe gewichtige Autoritäten für die Ansicht,

daß das Rückenmark, wenn es zersetzt würde, eine Schlange werde. Ob

diese Ansicht richtig war oder nicht, hielt er für unnöthig zu

entscheiden. Vielleicht, sagte er, hätten die ausgezeichneten Männer, in

deren Werken sie sich finde, nur die große Wahrheit figürlich

aussprechen wollen, daß die alte Schlange hauptsächlich durch das

Rückenmark auf uns einwirke.[94] Dodwell's Betrachtungen über den

Zustand der Menschen nach dem Tode sind womöglich noch wunderlicher. Er

sagt uns, daß unsere Seelen von Natur sterblich sind. Vernichtung ist

das Loos des größeren Theiles der Menschen, der Heiden, der Muhamedaner,

der ungetauften Kinder. Die Gabe der Unsterblichkeit wird in dem

Sakrament der Taufe mitgetheilt; zur Wirksamkeit des Sakraments aber ist

es durchaus nöthig, daß ein durch einen Bischof ordinirter Priester die

Taufhandlung verrichtet und die Einsetzungsworte spricht. Im natürlichen

Laufe der Dinge würden demnach alle Presbyterianer, Independenten,

Baptisten und Quäker aufhören zu existiren, wie die niederen Thiere.

Dodwell war jedoch ein viel zu guter Hochkirchlicher, als daß er die

Dissenters so leichten Kaufs hätte davonkommen lassen sollen. Er sagt

ihnen, daß Gott, da sie Gelegenheit gehabt haben, das Evangelium

predigen zu hören, und die bischöfliche Taufe hätten empfangen können,

wenn sie nicht so verderbt wären, ihnen durch einen außerordentlichen

Machtspruch die Unsterblichkeit verleihen wird, damit sie bis in alle

Ewigkeit gequält werden können.[95]

Niemand verabscheute den zunehmenden Latitudinarismus mehr als Dodwell.

Gleichwohl hatte Niemand mehr Ursache, sich darüber zu freuen, denn in

der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts würde ein Denker, der zu

behaupten gewagt hätte, die menschliche Seele sei von Natur sterblich

und höre in den meisten Fällen zugleich mit dem Körper auf zu existiren,

in Smithfield lebendig verbrannt worden sein. Noch zu einer Zeit, der

sich Dodwell wohl erinnern konnte, würden Ketzer wie er sich glücklich

geschätzt haben, wenn sie, mit zerfleischtem Rücken, abgeschnittenen

Ohren und aufgeschlitzter Nase, die Zunge mit einem glühenden Eisen

durchbohrt und die Augen mit Steinen ausgeschlagen, mit dem Leben davon

gekommen wären. In den Augen der Eidverweigerer aber war der Urheber

dieser Theorie noch immer der große Mr. Dodwell, und Einige, die es für

strafbare Nachsicht hielten, eine presbyterianische Versammlung zu

dulden, hielten es zu gleicher Zeit für eine grobe Illiberalität, einen

gelehrten und frommen Jakobiten zu tadeln, weil er eine vom religiösen

Gesichtspunkte so höchst unwichtige Lehre wie die von der

Unsterblichkeit der Seele, in Abrede stelle.[96]

Kettlewell. Fitzwilliam.

Zwei andere Eidverweigerer verdienen weniger ihrer Talente und ihrer

Gelehrsamkeit, als ihrer seltenen Rechtschaffenheit und ihrer nicht

minder seltenen Aufrichtigkeit wegen specielle Erwähnung. Dies sind

Johann Kettlewell, Rector von Coleshill, und Johann Fitzwilliam,

Canonicus von Windsor. Es ist bemerkenswerth, daß diese Männer beide

viel mit Lord Russell verkehrt und daß beide, obgleich sie in

politischen Ansichten von ihm abwichen und den Antheil, den er an dem

whiggistischen Complot genommen, entschieden mißbilligten, eine hohe

Meinung von seinem Character gehabt und seinen Tod aufrichtig betrauert

hatten. Er hatte Kettlewell noch eine freundliche Botschaft vom Schaffot

in Lincoln's Inn Fields gesandt. Lady Russell liebte, vertraute und

verehrte Fitzwilliam, der in ihrer Jugend der Freund ihres Vaters, des

tugendhaften Southampton gewesen war, bis an ihr Ende. Die beiden

Geistlichen stimmten in der Verweigerung der Eide überein, schlugen aber

von diesem Augenblicke an verschiedene Richtungen ein. Kettlewell war

eines der thätigsten Mitglieder seiner Partei; er scheute sich keiner

Anstrengung zum Besten der gemeinschaftlichen Sache, vorausgesetzt daß

es keine solche war, die einem rechtschaffenen Mann Unehre machte, und

er vertheidigte seine Ansichten in mehreren Schriften, welche allerdings

eine viel höhere Meinung von seiner Aufrichtigkeit als von seiner

Urtheilsfähigkeit und seinem Scharfsinn begründen.[97] Fitzwilliam

glaubte genug gethan zu haben, indem er sein anmuthiges Wohnhaus mit

Garten im Schatten der St. Georgs-Kapelle verließ und mit seinen Büchern

eine kleine Entresolwohnung bezog. Er konnte Wilhelm und Marien mit

ruhigem Gewissen nicht anerkennen, aber er hielt sich auch nicht für

verpflichtet, beständig zur Widersetzlichkeit gegen sie aufzustacheln,

und er verbrachte die letzten Jahre seines Lebens unter dem mächtigen

Schutze des Hauses Bedford in harmloser, den Studien gewidmeter

Ruhe.[98]

Allgemeiner Character des eidverweigernden Klerus.

Unter den minder ausgezeichneten Geistlichen, welche ihre Pfründen

verloren, befanden sich zweifelsohne viele gute Menschen; soviel aber

ist gewiß, daß der sittliche Character der Eidverweigerer im allgemeinen

auf keiner hohen Stufe stand. Es scheint hart, Leuten, welche

unbestreitbar einem Prinzipe ein großes Opfer brachten, Lauheit der

Prinzipien vorzuwerfen. Allein die Erfahrung beweist mehr als genugsam,

daß Viele, die eines großen Opfers fähig sind, wenn ihr Blut vom Kampfe

erhitzt und die Blicke der Welt auf sie gerichtet sind, in der täglichen

Ausübung verborgener Tugenden nicht lange zu beharren vermögen. Es ist

durchaus nicht unwahrscheinlich, daß Zeloten ihr Leben für eine Religion

hingeben können, welche ihre rachsüchtigen oder ausschweifenden

Leidenschaften doch niemals wirksam gezügelt hatte. Wir erfahren sogar

von Kirchenvätern, welche das höchste Ansehen genießen, daß selbst in

den reinsten Zeiten der Kirche einige Bekenner, die sich standhaft

geweigert hatten, durch Streuen von Weihrauch auf den Altar Jupiters den

Qualen der Folter und dem Tode zu entgehen, später den christlichen

Namen durch Betrug und Ausschweifung schändeten.[99] Die

eidverweigernden Geistlichen haben indeß Anspruch auf große Nachsicht.

Sie befanden sich unbestreitbar in einer sehr versuchungvollen Lage. Ein

Schisma, das eine religiöse Gemeinschaft spaltet, spaltet in der Regel

den Laienstand ebenso wie den Klerus. Die sich lostrennenden

Seelenhirten ziehen einen großen Theil ihrer Heerden mit sich fort und

sind in Folge dessen ihres Unterhalts gewiß. Aber das Schisma von 1689

erstreckte sich kaum weiter als auf den Klerus. Das Gesetz verlangte von

dem Rector, die Eide zu leisten, oder sein Amt niederzulegen; von dem

Gemeindemitgliede aber wurde kein Eid, keine Anerkennung des Titels des

neuen Herrscherpaares verlangt, um sich zur Theilnahme am Gottesdienste

oder zum Genusse des heiligen Abendmahls zu qualificiren. Daher hielt

sich von den Laien, welche die Revolution mißbilligten, noch nicht einer

unter fünfzig für verpflichtet, seinen Stuhl in der alten Kirche, wo

nach wie vor die alte Liturgie verlesen und die alten Gewänder getragen

wurden, zu verlassen und den ausgestoßenen Priester zu einem Conventikel

zu begleiten, das noch obendrein durch das Toleranzedict nicht geschützt

war. So war die neue Secte eine Secte von Predigern ohne Zuhörer und vom

Predigen konnten diese Prediger nicht leben. In London und in einigen

anderen großen Städten waren die heftigen Jakobiten, welche durch nichts

zu befriedigen waren, als wenn sie für König Jakob und den Prinzen von

Wales mit Namen beten hörten, allerdings zahlreich genug, um einige

kleine Gemeinden zu bilden, die sich im Geheimen und unter beständiger

Furcht vor den Constablern in Räumen versammelten, welche so beschränkt

waren, daß die Bethäuser der puritanischen Dissenters im Vergleich damit

Paläste genannt werden konnten. Selbst Collier, der alle die

Eigenschaften besaß, welche ein zahlreiches Auditorium herbeiziehen,

mußte sich damit begnügen, der Geistliche einer kleinen Schaar

Mißvergnügter zu sein, deren Betzimmer sich im zweiten Stock eines

Hauses der City befand. Aber die Zahl der nichtschwörenden Geistlichen,

die sich durch Gottesdiensthalten an solchen Orten auch nur einen

kümmerlichen Unterhalt zu erwerben vermochten, war sehr gering. Von den

übrigen konnten einige unabhängig von ihrem Vermögen leben, andere

ernährten sich durch literarische Arbeiten, ein paar praktizirten als

Aerzte. Thomas Wagstaffe zum Beispiel, der Kanzler von Lichfield gewesen

war, hatte viele Patienten und machte sich dadurch bemerkbar, daß er sie

stets im vollen Domherrnornat besuchte.[100] Doch dies waren Ausnahmen.

Betriebsame Armuth ist ein der Tugendhaftigkeit keineswegs nachtheiliger

Zustand, gefährlich aber ist es, arm und zugleich unthätig zu sein, und

die Mehrzahl der Geistlichen, die sich geweigert hatten zu schwören,

sahen sich ohne Subsistenzmittel und ohne Beschäftigung in die Welt

hinausgestoßen. Natürlich wurden sie Bettler und Müßiggänger. Da sie

sich als Märtyrer für eine öffentliche Sache betrachteten, so schämten

sie sich nicht, den ersten besten guten Hochkirchlichen um eine Guinee

anzusprechen. Die Meisten von ihnen verbrachten ihr Leben damit, daß sie

aus einem Torykaffeehause ins andre gingen, die Holländer schmähten,

Gerüchte, nach denen Se. Majestät binnen einem Monate zuverlässig auf

englischem Boden sein würde, anhörten und verbreiteten, und sich die

Köpfe darüber zerbrachen, wer das Bisthum Salisbury bekommen würde, wenn

Burnet gehängt wäre. Während der Parlamentssession waren die Vorzimmer

und der Court of Requests mit abgesetzten Pfarrgeistlichen gefüllt, die

sich erkundigten, wer die Oberhand habe und wie die letzte Abstimmung

ausgefallen sei. Viele der vertriebenen Geistlichen fanden in den

Häusern reicher Jakobiten als Kaplane, Hauslehrer oder Seelsorger

Aufnahme. In einer derartigen Stellung kann ein Mann von reinem und

edlem Character, ein Mann wie Ken unter den Eidverweigerern und Watts

unter den Nonconformisten war, seine Würde behaupten und durch sein

Beispiel und seine Belehrungen die Wohlthaten, die er empfängt, mehr als

vergelten. Für Den aber, dessen Tugend nicht auf einer hohen Stufe

steht, ist dieser Lebensweg voller Gefahren. Besitzt er ein

phlegmatisches Temperament, so läuft er Gefahr, zu einem servilen,

sinnlichen, trägen Schmarotzer herabzusinken. Hat er einen

thatkräftigen, aufstrebenden Geist, so steht zu befürchten, daß er in

den schlimmen Kunstgriffen Erfahrung erlangt, durch welche dienende

Personen sich leichter als durch treue Dienste angenehm oder gefürchtet

machen. Die schwache Seite jedes Characters zu entdecken, jeder

Leidenschaft und jedem Vorurtheile zu schmeicheln, Zwietracht und Neid

zu säen, wo Liebe und Vertrauen herrschen sollten, den Augenblick

übereilter Offenherzigkeit zu erspähen, um Geheimnisse zu entlocken,

welche für das Glück und die Ehre der Familien von Wichtigkeit sind:

dies sind die Gewohnheiten, durch welche sich scharfsinnige und unruhige

Geister nur zu oft für das Demüthigende einer abhängigen Stellung

gerächt haben. Die öffentliche Stimme beschuldigte viele Eidverweigerer

laut, daß sie die Gastfreundschaft ihrer Wohlthäter mit eben so

schwarzem Undank vergälten, wie der in Molière's Meisterwerk

geschilderte Heuchler. In der That als Cibber es unternahm, dieses

herrliche Lustspiel für die englische Bühne zu bearbeiten, machte er aus

seinem Tartuffe einen Eidverweigerer, und Johnson, von dem man nicht

glauben kann, daß er gegen die Eidverweigerer eingenommen gewesen sei,

gestand offen, daß Cibber ihnen nicht Unrecht gethan habe.[101]

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das durch die Eide

herbeigeführte Schisma noch weit schlimmer gewesen sein würde, wenn in

dieser Krisis eine ausgedehnte Umgestaltung in der Verfassung oder dem

Ceremoniell der Staatskirche vorgenommen worden wäre. Es ist ein sehr

lehrreiches Factum, daß die aufgeklärten und toleranten Geistlichen,

welche eine solche Umgestaltung sehnlichst wünschten, nachher Grund

sahen, dankbar dafür zu sein, daß ihr Lieblingsplan gescheitert war.

Der Comprehensionsplan. Tillotson.

Whigs und Tories hatten sich während der vorigen Session vereinigt,

Nottingham's Comprehensionsbill zu beseitigen, indem sie eine Adresse

beschlossen, welche den König ersuchte, die ganze Angelegenheit an die

Convocation zu verweisen. Burnet sah die Wirkung dieses Beschlusses

voraus. Der ganze Plan, sagte er, ist gänzlich zerstört.[102] Viele von

seinen Freunden waren jedoch andrer Meinung, und zu ihnen gehörte auch

Tillotson. Von allen Mitgliedern der Niederkirchenpartei stand Tillotson

in der allgemeinen Achtung am höchsten. Als Kanzelredner übertraf er in

den Augen seiner Zeitgenossen alle lebenden und todten Rivalen. Die

Nachwelt hat dieses Urtheil nicht anerkannt; doch behauptet Tillotson

noch immer seinen Platz als ein legitimer englischer Classiker. Sein

höchster Gedankenflug stand zwar tief unter dem eines Taylor, eines

Barrow und eines South; aber sein Styl war correcter und fließender als

der ihrige. Keine wunderlichen Einfalle, keine pedantischen Citate aus

Talmudisten und Scholiasten, keine gemeinen Bilder, possenhaften

Geschichten oder unschicklichen Schmähungen beeinträchtigten die Wirkung

seiner ernsten und gemäßigten Reden. Seine Logik war gerade tief und

fein genug, damit ein volksthümliches Auditorium sie mit jenem leichten

Grade geistiger Anstrengung, der ein Genuß ist, verfolgen konnte. Sein

Styl ist nicht brillant, aber er ist rein, durchsichtig klar und ebenso

frei von der Flüchtigkeit, wie von der Schwerfälligkeit, welche die

Predigten mancher ausgezeichneten Geistlichen des 17. Jahrhunderts

verunzieren. Er ist immer ernst, und doch hat seine Ausdrucksweise eine

gewisse elegante Ungezwungenheit, die ihn als einen Mann kennzeichnet,

der die Welt kennt, der in volkreichen Städten und an glänzenden Höfen

gelebt und der sich nicht allein mit Büchern, sondern auch mit Juristen

und Kaufleuten, mit Literatur und Damen, mit Staatsmännern und Fürsten

unterhalten hat. Der Hauptreiz seiner Geistesproducte liegt jedoch in

der Herzensgüte und Offenheit, welche aus jeder Zeile sprechen und in

seinem Lebenswandel nicht minder sichtbar hervortreten wie in seinen

Schriften.

Als Theolog war Tillotson gewiß nicht weniger latitudinarisch als

Burnet. Dennoch sprachen viele von den Geistlichen, für welche Burnet

ein Gegenstand unüberwindlicher Abneigung war, von Tillotson mit

Zuneigung und Achtung. Es kann daher nicht Wunder nehmen, daß die beiden

Freunde sich ein verschiedenes Urtheil über die Gesinnung der

Priesterschaft gebildet hatten und von dem Zusammentritt der Convocation

ein verschiedenes Resultat erwarteten. Tillotson mißfiel der Beschluß

der Gemeinen nicht. Er war der Ansicht, daß Veränderungen, welche durch

eine rein weltliche Behörde in religiösen Institutionen vorgenommen

wurden, vielen Kirchenmännern unangenehm sein mußten, die gleichwohl in

einer kirchlichen Synode für noch umfassendere Aenderungen gestimmt

haben würden, und seine Meinung hatte großes Gewicht beim Könige.[103]

Es ward beschlossen, daß die Convocation zu Anfang der nächsten

Parlamentssession zusammentreten und daß inzwischen eine Verordnung

erlassen werden sollte, welche einige ausgezeichnete Geistliche

ermächtigte, die Liturgie, die Kirchengesetze und das ganze von den

christlichen Gerichtshöfen gehandhabte Rechtssystem zu prüfen und über

die sich als wünschenswerth herausstellenden Abänderungen Bericht zu

erstatten.[104]

Eine kirchliche Commission ernannt.

Die Mehrzahl der Bischöfe, welche die Eide geleistet hatten, war in

dieser Commission, und ihnen waren zwanzig der angesehensten Priester

beigegeben. Der bedeutendste unter diesen Zwanzig war Tillotson, denn

man wußte, daß er die Ansicht des Königs und der Königin aussprach.

Unter den Commissionsmitgliedern, welche Tillotson als ihr Oberhaupt

betrachteten, befanden sich Stillingfleet, Dechant von St. Paul, Sharp,

Dechant von Norwich, Patrick, Dechant von Peterborough, Tenison, Rector

von St. Martin, und Fowler, dessen verständiger Energie der Entschluß

der londoner Geistlichkeit, die Indulgenzerklärung nicht zu verlesen,

hauptsächlich zuzuschreiben war.

Neben den genannten Männern standen einige der Hochkirchenpartei

angehörende Geistliche. Unter diesen zeichneten sich besonders zwei der

ersten Theologen von Oxford, Aldrich und Jane, aus. Aldrich war unlängst

zum Dechant von Christchurch ernannt worden, an Stelle des Papisten

Massey, den Jakob, in directem Widerspruch mit den Gesetzen, an die

Spitze dieses wichtigen Collegiums gestellt hatte. Der neue Dechant war

ein gebildeter, wenn auch nicht gründlicher Gelehrter und ein jovialer,

gastfreundlicher Herr. Er war der Verfasser einiger theologischer

Schriften, welche längst vergessen sind, und eines Compendiums der

Logik, das noch in Gebrauch ist; die besten Werke aber, die er der

Nachwelt hinterlassen hat, sind seine Kanons. Jane, der königliche

Professor der Theologie, war ein ernsterer, aber minder achtungswerther

Mann. Er hatte den Hauptantheil bei Abfassung des Decrets gehabt, durch

welches seine Universität befahl, daß die Werke Milton's und Buchanan's

in den Schulen öffentlich verbrannt werden sollten. Wenige Jahre später

hatte er sich, gereizt und beunruhigt durch die Verfolgung der Bischöfe

und durch die Confiscirung der Einkünfte des Magdalenencollegiums, von

dem Prinzip des Nichtwiderstandes losgesagt, hatte sich in das

Hauptquartier des Prinzen von Oranien begeben und Sr. Hoheit versichert,

daß Oxford bereitwillig sein Silbergeschirr zur Unterstützung des Kriegs

gegen seinen Unterdrücker in Geld verwandeln werde. Eine kurze Zeit lang

wurde Jane allgemein als ein Whig betrachtet und von einigen seiner

früheren Verbündeten in Schmähschriften arg mitgenommen. Er hatte das

Unglück einen Namen zu haben, der eine vortreffliche Zielscheibe für die

gelehrten Witzlinge seiner Universität war. Es erschienen mehrere

Epigramme auf den Janus mit dem Doppelgesicht, der durch Sehen nach der

einen Seite eine Professur erhalten, und der jetzt durch Sehen nach

einer andren Seite ein Bisthum zu erlangen hoffe. Daß er ein Bisthum zu

erlangen hoffte, war vollkommen wahr. Er verlangte den Sitz von Exeter

als den seinen Diensten gebührenden Lohn. Derselbe wurde ihm jedoch

abgeschlagen. Diese Verweigerung überzeugte ihn, daß er vom

Latitudinarismus eben so viel zu fürchten hatte wie vom Papismus, und er

wurde daher eiligst wieder ein Tory.[105]

Maßregeln der Commission.

Zu Anfang des October versammelten sich die Mitglieder der Commission in

dem Jerusalemzimmer. Sie beschlossen in ihrer ersten Sitzung, darauf

anzutragen, daß beim öffentlichen Gottesdienste die aus den Apokryphen

entnommenen Vorlesekapitel durch Kapitel aus den kanonischen Büchern der

heiligen Schrift ersetzt werden sollten.[106] In der zweiten

Zusammenkunft wurde eine Frage aufgeworfen, und zwar von Demjenigen, der

sie zu allerletzt hätte in Anregung bringen sollen. Sprat, Bischof von

Rochester, war ohne den geringsten Gewissensskrupel zwei Jahre lang

Mitglied des verfassungswidrigen Tribunals gewesen, das unter der

vorigen Regierung die Kirche, zu deren Leitern er gehörte, unterdrückt

und geplündert hatte. Aber jetzt war er bedenklich geworden und äußerte

Zweifel an der Gesetzmäßigkeit der Commission. Seine Einwendungen müssen

jedem gesunden Verstande als hohle Sophismen erscheinen. Das

Ernennungsdecret gab weder Vollmacht, Gesetze zu machen, noch Gesetze

anzuwenden, sondern lediglich zu untersuchen und zu berichten. Selbst

ohne königliche Ermächtigung hätten Tillotson, Patrick und Stillingfleet

unbedenklich zusammentreten können, um den Zustand und die Zukunft der

Kirche zu berathen und zu erwägen, ob es wünschenswerth war oder nicht,

den Dissenters ein Zugeständniß zu machen. Wie konnte es ein Verbrechen

sein, wenn Unterthanen auf Verlangen ihres Souverains etwas thaten, was

unschuldig, ja lobenswerth gewesen wäre, wenn sie es unaufgefordert

gethan hätten? Sprat wurde jedoch durch Jane unterstützt. Es entspann

sich ein heftiger Wortwechsel, und Lloyd, Bischof von St. Asaph, der

neben vielen guten Eigenschaften ein reizbares Temperament besaß, ließ

sich so weit hinreißen, von Spionen zu sprechen. Sprat entfernte sich

und kam nicht wieder. Jane und Aldrich folgten bald seinem

Beispiele.[107] Die Commission ging hierauf zur Erörterung der Frage

wegen der Stellung beim Abendmahle über, und es wurde beschlossen

anzuempfehlen, daß ein Communikant, der nach Besprechung mit seinem

Seelsorger erklärte, sein Gewissen erlaube ihm nicht, das Brot und den

Wein kniend zu empfangen, dieselben sitzend empfangen dürfe. Mew,

Bischof von Winchester, ein braver Mann, aber ohne wissenschaftliche

Bildung, der selbst in seinen besten Jahren schwach gewesen war und

jetzt immer kindischer wurde, protestirte gegen dieses Zugeständniß und

verließ die Versammlung. Die anderen Mitglieder fuhren fort, sich emsig

mit ihrer Aufgabe zu beschäftigen, und es fand kein weiterer Austritt

statt, obgleich große Meinungsverschiedenheit herrschte und die Debatten

zuweilen ziemlich heiß waren. Die entschiedensten Hochkirchlichen unter

den Zurückbleibenden waren Doctor Wilhelm Beveridge, Archidiakonus von

Colchester, der viele Jahre später Bischof von St. Asaph wurde, und

Doctor Johann Scott, der Nämliche, der an Jeffreys' Sterbebett gebetet

hatte. Die Thätigsten unter den Latitudinariern waren Burnet, Fowler und

Tenison.

Die Taufhandlung wurde wiederholt discutirt. In Bezug auf Formalitäten

waren die Commissionsmitglieder zur Nachsicht gestimmt. Sie waren

sämmtlich geneigt, Kinder ohne Pathen und ohne das Zeichen des Kreuzes

in den Schooß der Kirche aufzunehmen. Die Majorität aber weigerte sich

nach langer Debatte standhaft, die Worte zu entkräften oder

wegzuerklären, in denen nach der Ansicht aller unverdorbenen Gemüther

die regenerirende Kraft des Sakraments liegt.[108]

Hinsichtlich des Chorhemds beschloß die Commission zu empfehlen, daß den

Bischöfen ein weiter Spielraum gelassen werde. Es wurden Auswege

ersonnen, durch welche Jemand, der die presbyterianische Ordination

empfangen, ein Priester der englischen Kirche werden konnte, ohne weder

ausdrücklich noch stillschweigend die Ungültigkeit dieser Ordination

zuzugeben.[109]

Der kirchliche Kalender wurde einer sorgfältigen Revision unterworfen.

Die großen Festtage wurden beibehalten. Aber es wurde nicht für

wünschenswerth erachtet, daß St. Valentin, St. Chad, St. Swithin, St.

Eduard König der Westsachsen, St. Dunstan und St. Alphage die Ehren St.

Johannes' und St. Paulus' theilten, oder daß es den Anschein bekäme, als

ob die Kirche die lächerliche Fabel von der Entdeckung des Kreuzes

Thatsachen von so hochwichtiger Bedeutung wie die Geburt, die

Leidensgeschichte, die Auferstehung und die Himmelfahrt des Herrn zur

Seite stellen wolle.[110]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Siebenter Band: enthaltend Kapitel 13 und 14. · 第 20 / 24 段