rücksichtsloser Arroganz über die bestürzte und in sich uneinige
Geistlichkeit. Den Eidverweigerer betrachteten sie im allgemeinen mit
geringschätzendem Mitleid als einen einfältigen und verschrobenen, aber
aufrichtigen Bigotten, dessen absurde Praxis seiner absurden Theorie
entsprach und der die Verblendung, welche ihn antrieb, sein Vaterland zu
ruiniren, damit entschuldigte, daß die nämliche Verblendung ihn
getrieben habe, sich selbst zu ruiniren. Ihren schärfsten Tadel aber
sparten sie für diejenigen Geistlichen auf, die jetzt bereit waren einem
Usurpator Treue zu schwören, nachdem sie sich in den Tagen der
Ausschließungsbill und des Ryehousecomplots durch ihren Eifer für das
göttliche und unveräußerliche Recht des erblichen Souverains
ausgezeichnet hatten. Sei dies der wahre Sinn der sublimen Phrasen,
welche neunundzwanzig Jahre lang von unzähligen Kanzeln herab gepredigt
worden? Hätten die Tausende von Geistlichen, die sich der unwandelbaren
Loyalität ihres Standes so laut gerühmt, in Wirklichkeit nur gemeint,
daß ihre Loyalität nur bis zum nächsten Glückswechsel unwandelbar
bleiben solle. Es sei lächerlich, es sei unverschämt von ihnen, zu
behaupten, daß Ihr gegenwärtiges Verfahren mit ihrer früheren Sprache in
Einklang stehe. Wenn ein Ehrwürdiger Doctor endlich überzeugt worden
sei, daß er im Unrecht gewesen, so müsse er doch gewiß durch einen
offenen Widerruf den verfolgten, den verleumdeten, den gemordeten
Vertheidigern der Freiheit jede noch mögliche Genugthuung geben. Sei er
hingegen noch immer überzeugt, daß seine ersten Ansichten die richtigen
seien, so müsse er mannhaft das Loos der Eidverweigerer theilen. Achtung
gebühre sowohl Dem, der einen Irrthum offen eingestehe, wie auch dem,
der für einen Irrthum muthig leide; schwerlich aber könne man einen
Diener der Religion achten, der da behaupte, daß er es noch immer mit
den Grundsätzen der Tories halte, und dabei seine Pfründe durch Ablegung
eines Eides rette, welcher ehrenhafterweise nur nach den Grundsätzen der
Whigs geleistet werden könne.
Diese Vorwürfe mochten vielleicht nicht ganz ungerecht sein, aber sie
waren unzeitig. Die vernünftigeren und gemäßigteren Whigs, welche
einsahen, daß Wilhelm's Thron nicht feststehen könne, wenn er nicht eine
breitere Basis habe als ihre eigne Partei, enthielten sich bei dieser
Gelegenheit aller Spötteleien und Invectiven und trachteten danach die
Bedenken der Geistlichen zu heben und ihre verletzten Gefühle zu
beschwichtigen. Die Collectivmacht der Rectoren und Vikare England's war
ungeheuer, und es war immer besser sie schwuren aus dem nichtigsten
Grunde, den ein Sophist ersinnen konnte, als sie schwuren gar nicht.
Die große Mehrheit des Klerus leistet die Eide.
Es wurde bald klar, daß die Gründe für die Eidesleistung, unterstützt
durch einige der stärksten Motive, welche auf den menschlichen Geist
influiren können, überwogen hatten. Mehr als neunundzwanzig Dreißigstel
des Standes fügten sich dem Gesetz. Die Mehrzahl der Geistlichen der
Hauptstadt, welche damals eine besondere Klasse bildeten und die sich
vor den Landgeistlichen ebensowohl durch freisinnige Ansichten wie durch
Beredtsamkeit und Gelehrsamkeit auszeichneten, erklärten ihren Anschluß
an die Regierung zuerst und mit allen Zeichen aufrichtiger Ergebenheit.
Achtzig von ihnen begaben sich zusammen nach Westminster Hall und wurden
daselbst vereidigt. Die Ceremonie nahm soviel Zeit weg, daß an diesem
Tage beim Kanzleigericht und der Kings Bench wenig mehr vorgenommen
wurde.[80] Im allgemeinen aber fügten sich die Geistlichen langsam und
mit Unmuth. Allerdings opferten viele wissentlich ihre Grundsätze dem
Eigennutze auf. Ihr Gewissen sagte ihnen, daß sie eine Sünde begingen.
Aber sie besaßen nicht Characterstärke genug, um das Pfarrhaus, den
Garten, das Landgütchen aufzugeben und in die Welt hinaus zu gehen, ohne
zu wissen, wo sie eine Mahlzeit oder ein Obdach für sich und ihre
Kleinen finden würden. Viele schwuren mit Zweifeln und bangen
Vorahnungen.[81] Einige erklärten im Augenblicke der Eidabnahme, es sei
nicht ihre Absicht zu versprechen, daß sie sich Jakob nicht unterwerfen
würden, wenn er je in die Lage kommen sollte, den Unterthaneneid von
ihnen zu verlangen.[82] Einige Geistliche im Norden waren am 1. August
in Gesellschaft zur Eidesleistung aufgebrochen, als sie unterwegs die
Nachricht von der Schlacht traf, welche vier Tage vorher in der Schlucht
von Killiecrankie geschlagen worden war. Sie kehrten sofort um und
verließen ihre Wohnungen zu dem nämlichen Zwecke nicht eher wieder als
bis es klar war, daß Dundee's Sieg keine Veränderung in dem Stande der
öffentlichen Angelegenheiten herbeigeführt hatte.[83] Selbst von Denen,
welche fest überzeugt waren, daß der bestehenden Regierung Gehorsam
gebühre, küßten nur sehr Wenige das Evangelium mit der Innigkeit, mit
der sie früher Karl und Jakob Treue gelobt hatten. Doch die Sache war
geschehen. Zehntausend Geistliche hatten feierlich den Himmel zum Zeugen
ihres Versprechens angerufen, daß sie treue Unterthanen Wilhelm's sein
wollten, und wenn auch dieses Versprechen ihn keineswegs zu der
Erwartung berechtigte, daß sie ihn kräftig unterstützen würden, so hatte
es ihnen doch einen großen Theil ihrer Macht, ihm zu schaden, entzogen.
Wollten sie die öffentliche Achtung nicht verlieren, von der ihr Einfluß
abhing, so durften sie den Thron Dessen, dem sie im Angesicht Gottes als
ihrem Könige zu gehorchen gelobt hatten, nicht anders als indirect und
mit ängstlicher Vorsicht angreifen. Einige von ihnen lasen allerdings
die Gebete für das neue Herrscherpaar in einem eigenthümlichen Tone vor,
der nicht mißverstanden werden konnte.[84] Andere ließen sich sogar noch
ärgere Unanständigkeiten zu Schulden kommen. So leerte ein Elender
unmittelbar nachdem er im feierlichsten Gottesdienste für Wilhelm und
Marien gebetet, ein Glas auf ihr Verderben. Ein Andrer verzehrte an
einem durch ihre Autorität angeordneten Fasttage nach dem Gottesdienste
eine Taubenpastete und sprach beim Zerschneiden derselben den Wunsch
aus, daß es das Herz des Usurpators sein möchte. Doch so freche
Gottlosigkeit kam nur selten vor und schadete eher der Kirche als der
Regierung.[85]
Die Eidverweigerer.
Die Anzahl der Geistlichen und Universitätsmitglieder, welche in die
gesetzlichen Strafen verfielen, belief sich auf ungefähr vierhundert. In
erster Reihe stand der Primas mit sechs seiner Suffragane: Turner von
Ely, Lloyd von Norwich, Frampton von Gloucester, Lake von Chichester,
White von Peterborough und Ken von Bath und Wells. Thomas von Worcester
würde der siebente gewesen sein, aber er starb drei Wochen vor dem Tage
der Suspension. Auf dem Sterbebette beschwor er seinen Klerus, der Sache
des erblichen Rechts treu zu bleiben, und erklärte, daß diejenigen
Geistlichen, welche zu beweisen versuchten, daß die Eide ohne Abweichung
von den loyalen Doctrinen der englischen Kirche geleistet werden
könnten, ihm jesuitischer zu raisonniren schienen als die Jesuiten
selbst.[86]
Ken.
Ken, der in intellectueller wie in moralischer Hinsicht unter den
nichtschwörenden Prälaten am höchsten stand, war lange unschlüssig. Es
gab wenige Geistliche, die sich der neuen Regierung unbedenklicher
hätten unterwerfen können als er. Denn zu den Zeiten, als
Nichtwiderstand und passiver Gehorsam die Lieblingsthemata seiner
Amtsbrüder waren, hatte er auf der Kanzel fast niemals auf die Politik
angespielt. Er gab zu, daß die Argumente zu Gunsten des Schwörens sehr
gewichtig seien, ja er ging sogar so weit, daß er sagte, seine Bedenken
würden vollständig schwinden, wenn er überzeugt werden könne, daß Jakob
sich zur Abtretung Irland's an den König von Frankreich verbindlich
gemacht habe. Es ist daher augenscheinlich, daß der Unterschied zwischen
Ken und den Whigs kein prinzipieller war. Er war, wie sie, der Ansicht,
daß schlechte Verwaltung, wenn sie bis zu einem gewissen Punkte
getrieben würde, eine Uebertragung der Lehnspflichtigkeit rechtfertige,
und zweifelte nur, ob Jakob's schlechte Regierung diesen Punkt erreicht
habe. Der gute Bischof begann sogar wirklich einen Hirtenbrief
vorzubereiten, in welchem er seine Gründe für die Eidesleistung
entwickelte. Noch ehe er aber damit zu Ende war, erhielt er eine
Mittheilung, die ihn überzeugte, daß Irland nicht an Frankreich verkauft
sei; eine Menge Zweifel stiegen nun wieder in ihm auf, er warf den
unvollendeten Brief ins Feuer und bat seine minder skrupulösen Freunde,
daß sie nicht weiter in ihn dringen möchten. Er sei gewiß, sagte er, daß
sie aus aufrichtiger Ueberzeugung gehandelt hätten, es freue ihn, daß
sie mit reinem Gewissen einen Schritt thun könnten, vor dem er
zurückbebe, er fühle das ganze Gewicht ihrer Gründe, er sei fast
überzeugt und er wolle nichts weiter hören, um nicht noch völlig
überzeugt zu werden, denn wenn er sich fügte und seine Besorgnisse
kehrten dann zurück, so würde er der unglücklichste Mensch von der Welt
sein. Nicht für Schätze, nicht für einen Palast, nicht für einen
Peerstitel möchte er sich der geringsten Gefahr aussetzen, jemals die
Qualen der Reue zu empfinden. Es ist ein interessantes Factum, daß der
einzige von den sieben Prälaten, dessen Name einen gewichtigen Klang
hat, nahe daran war zu schwören und nach seinem eignen Eingeständniß
nicht durch die Kraft von Vernunftgründen, sondern durch eine krankhafte
Skrupulosität davon abgehalten wurde, die er Anderen nicht nachzuahmen
rieth.[87]
Unter den Priestern, welche die Eide verweigerten, befanden sich einige,
die sich in der gelehrten Welt als Philologen, Chronologen, Canonisten
und Alterthumsforscher, sowie eine sehr kleine Anzahl, die sich durch
Geist und Beredtsamkeit auszeichneten; aber es kann kaum Einer angeführt
werden, der im Stande gewesen wäre, eine wichtige Frage der Moral oder
Politik zu erörtern, kaum Einer, dessen Schriften nicht entweder eine
große Schwäche oder eine große Flüchtigkeit des Geistes verriethen.
Diejenigen, welche auf das Urtheil eines Whig über diesen Punkt nichts
geben, werden der Ansicht, welche viele Jahre nach der Revolution ein
Philosoph aussprach, auf den die Tories mit Recht stolz sind,
hoffentlich einiges Gewicht zugestehen. Johnson erklärte, nachdem er die
berühmten Geistlichen, die es für eine Sünde gehalten, Wilhelm III. und
Georg I. Treue zu schwören, der Reihe nach aufgezählt, daß unter diesen
ganzen Eidverweigerern nur ein einziger gewesen sei, der ein logisches
Raisonnement habe anstellen können.[88]
Leslie.
Der Eidverweigerer, zu dessen Gunsten Johnson diese Ausnahme machte, war
Karl Leslie. Leslie war vor der Revolution Kanzler der Diöcese Connor in
Irland gewesen. Er war in der Opposition gegen Tyrannei vorangegangen,
hatte sich als Friedensrichter für Monoghan geweigert, einen Papisten
als Sheriff dieser Grafschaft anzuerkennen, und hatte den Muth gehabt,
einige Offiziere der irischen Armee wegen Maraudirens einsperren zu
lassen, das Prinzip des Nichtwiderstandes aber, wie es die
anglikanischen Theologen in den Tagen des Ryehousecomplots gelehrt,
stand unerschütterlich fest in seinem Geiste. Als der Zustand von Ulster
sich so gestaltete, daß ein Protestant, welcher dort blieb, es kaum
vermeiden konnte, entweder ein Rebell oder ein Märtyrer zu werden,
flüchtete Leslie nach London. Seine Talente und seine Connectionen waren
von der Art, daß er leicht eine hohe Anstellung in der englischen Kirche
hätte erlangen können. Aber er nahm seinen Platz in der vordersten Reihe
der jakobitischen Partei und behauptete denselben durch alle Gefahren
und Wechselfälle von dreiunddreißig unruhigen Jahren. Obgleich beständig
mit Deisten, Juden, Socinianern, Presbyterianern, Papisten und Quäkern
in theologische Streitigkeiten verwickelt, fand er doch noch Zeit und
Muße, einer der productivsten politischen Schriftsteller seines
Jahrhunderts zu werden. Von allen nichtschwörenden Geistlichen war er am
besten befähigt, Verfassungsfragen zu besprechen, denn er hatte vor
seiner Ordination lange im Temple gewohnt und die englische Geschichte
und Rechtswissenschaft studirt, während die meisten anderen Häupter des
Schismas über den Acten von Chalcedon gebrütet, oder in dem Targum des
Onkelos nach Weisheit gesucht hatten.[89]
Sherlock.
Im Jahre 1689 jedoch war Leslie fast noch unbekannt in England. Unter
den Geistlichen, welche am 1. August des genannten Jahres suspendirt
wurden, stand Doctor Wilhelm Sherlock in der Achtung des Volks ohne
Widerrede am höchsten. Kein einfacher Priester der englischen Kirche hat
vielleicht je eine größere Autorität über seine Glaubensbrüder besessen
als Sherlock sie zur Zeit der Revolution besaß. Er nahm als Gelehrter,
als Prediger, als theologischer oder als politischer Schriftsteller zwar
nicht den ersten Rang unter seinen Zeitgenossen ein, aber in allen
diesen vier Eigenschaften hatte er sich ausgezeichnet. Die Klarheit und
Lebendigkeit seines Styls sind von Prior und Addison gerühmt worden, und
die Leichtigkeit mit der er schrieb, sowie sein Fleiß werden durch die
Menge und durch die Jahrzahlen seiner Werke genugsam bewiesen. Es gab
zwar unter dem Klerus Männer von glänzenderem Genie und von
umfassenderer wissenschaftlicher Bildung, aber während einer langen Zeit
gab es keinen, der den Priesterstand vollkommener repräsentirte, keinen,
der ohne jeden Anflug von Latitudinarismus, Puritanismus oder Papismus
die Ansicht der anglikanischen Priesterschaft über alle Gegenstände
erschöpfender aussprach. In den Tagen der Ausschließungsbill, als die
Macht der Dissenters im Parlament und im Lande sehr groß war, hatte er
nachdrücklich gegen die Sünde des Nonconformirens geschrieben. Als das
Ryehousecomplot entdeckt war, hatte er die Lehre vom Nichtwiderstande
mit Wort und Schrift eifrig vertheidigt. Seine der Sache des Episkopats
und der Monarchie geleisteten Dienste wurden so hoch geschätzt, daß er
zum Vorsteher des Temple ernannt wurde. Auch wurde ihm von Karl eine
Pension ausgesetzt, die ihm aber Jakob bald wieder entzog, denn obgleich
Sherlock sich verpflichtet glaubte, der Civilgewalt passiven Gehorsam zu
leisten, so glaubte er sich doch nicht minder verpflichtet religiöse
Irrthümer zu bekämpfen und war der schärfste und rührigste unter dem
Heere von Polemikern, welche am Tage der Gefahr den protestantischen
Glauben mannhaft vertheidigten. In wenig mehr als zwei Jahren
veröffentlichte er sechzehn Schriften gegen die hohen Prätensionen Roms,
darunter einige umfangreiche Werke. Nicht zufrieden mit den Siegen, die
er über so schwache Gegner, wie die Bewohner von Clerkenwell und des
Savoy errang, hatte er den Muth, sich mit keinem geringeren Kämpen als
Bossuet zu messen, aus welchem Kampfe er nicht mit Unehre hervorging.
Trotzdem blieb Sherlock nach wie vor bei dem Satze stehen, daß keine
Tyrannei Christen berechtigen könne, sich der königlichen Autorität zu
widersetzen. Als die Convention im Begriff war zusammenzutreten, empfahl
er in einer Schrift, welche als das Manifest eines großen Theils der
Geistlichkeit betrachtet wurde, auf das Eindringlichste, daß Jakob
eingeladen werden solle, unter Bedingungen, welche die Gesetze und die
Religion der Nation sichern würden, zurückzukehren.[90] Der Beschluß,
welcher Wilhelm und Marien auf den Thron setzte, erfüllte Sherlock mit
Kummer und Unwillen. Er soll ausgerufen haben daß, wenn die Convention
zu einer Revolution entschlossen sei, der Klerus vierzigtausend Freunde
der Kirche finden würde, um eine Restauration herbeizuführen.[91] Gegen
die neuen Eide sprach er offen und energisch seine Meinung aus. Er
erklärte, er begreife nicht, wie ein rechtschaffener Mann daran zweifeln
könne, daß der Apostel Paulus mit den bestehenden Obrigkeiten die
rechtmäßigen Obrigkeiten gemeint habe und keine anderen. Kein Name wurde
1689 von den Jakobiten mit solchem Stolz und solcher Liebe genannt wie
der Name Sherlock's. Noch vor dem Schlusse des Jahres 1690 aber erweckte
dieser Name ganz andere Empfindungen.
Hickes.
Einige andere Eidverweigerer müssen noch besonders erwähnt werden. Einer
der Bedeutendsten unter ihnen war Georg Hickes, Dechant von Worcester.
Von allen Engländern seiner Zeit war er in den alten teutonischen
Sprachen am gründlichsten bewandert, und seine Kenntniß der ersten
christlichen Literatur war eine umfassende. Hinsichtlich seiner
Befähigung zur politischen Discussion genüge es zu sagen, daß sein
Lieblingsargument zu Gunsten des passiven Gehorsams der Geschichte der
Thebanischen Legion entlehnt war. Er war der jüngere Bruder des
unglücklichen Johann Hickes, der im Speicher der Alice Lisle verborgen
gefunden worden war. Jakob hatte, trotz aller Fürsprache, sowohl Johann
Hickes als Alice Lisle hinrichten lassen. Leute, welche die Stärke der
Grundsätze des Dechanten nicht kannten, dachten er könne deshalb
möglicherweise einigen Groll hegen, denn er war eben nicht von sanftem
und vergebendem Character, und konnte sich einer unbedeutenden Kränkung
viele Jahre lang mit bitteren Gefühlen erinnern. Aber er war fest in
seinem religiösen und politischen Glauben, er bedachte, daß die Dulder
Dissenters waren, und er unterwarf sich dem Willen des Gesalbten des
Herrn nicht nur mit Geduld, sondern mit Freudigkeit. Er wurde sogar von
dem Augenblicke an wo sein Bruder aufgehängt und die Wohlthäterin seines
Bruders enthauptet worden war, ein treuerer Unterthan als je. Während
fast alle anderen Geistlichen, durch die Indulgenzerklärung und durch
die Proceduren der Hohen Commission erschreckt, zu glauben begannen, daß
sie die Lehre vom Nichtwiderstande ein wenig zu weit getrieben hätten,
schrieb er eine Vertheidigung seines Lieblingsprinzips und bemühte sich
die bei Hounslow lagernden Truppen zu überzeugen, daß, wenn es Jakob
gefallen sollte, sie alle zu massakriren, wie Maximian die Thebanische
Legion massakrirt hatte, weil sie sich geweigert, Abgötterei zu treiben,
es ihre Pflicht sein würde, die Waffen auf einen Haufen zu werfen und
geduldig die Märtyrerkrone zu empfangen. Um Hickes Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen, muß man sagen, daß sein ganzes Verhalten nach der
Revolution bewies, daß seine Servilität weder aus Furcht, noch aus
Habsucht, sondern lediglich aus Bigotterie entsprang.[92]
Collier.
Jeremias Collier, der seiner Stelle als Prediger des Archivs entsetzt
worden, stand auf einer viel höheren Stufe. Er hat ein wohlbegründetes
Recht auf dankbare und achtungsvolle Erwähnung, denn seiner
Beredtsamkeit und seinem Muthe ist die Reinigung unsrer leichteren
Literatur von der unsauberen Färbung, die sie während der
antipuritanischen Reaction angenommen hatte, hauptsächlich
zuzuschreiben. Er war im vollen Umfange des Worts ein guter Mensch. Aber
er war auch ein Mann von eminenten Talenten, ein großer Meister des
Sarkasmus und ein ausgezeichneter Rhetoriker.[93] Desgleichen war seine
Belesenheit, wenn auch unverarbeitet, von großem Umfange. Sein Geist
aber war beschränkt; seine Logik, selbst wenn er so glücklich war, eine
gute Sache zu vertheidigen, höchst nichtssagend und unbündig und sein
Verstand war nicht durch persönlichen, aber durch Berufsstolz fast
verwirrt. In seinen Augen war ein Priester das höchste menschliche Wesen
nächst einem Bischofe. Der beste und vornehmste Laie war dem geringsten
Geistlichen Ehrerbietung und Unterwürfigkeit schuldig. Mochte ein
Mitglied des geheiligten Standes sich noch so lächerlich machen, so war
es gottlos über ihn zu lachen. Collier war in diesem Punkte so ungemein
empfindlich, daß er es für eine Profanation hielt, selbst über die
Diener einer falschen Religion sich aufzuhalten. Er stellte es als Regel
hin, daß auch Muftis und Auguren stets mit Achtung genannt werden
müßten. Er tadelte Dryden, weil er über die Hierophanten des Apis
gespöttelt. Er lobte Racine, weil er dem Character eines Priesters des
Baal Würde verliehen. Er lobte Corneille, weil er den gelehrten und
ehrwürdigen Gottesgelehrten Tiresias in seinem Oedipus nicht auf die
Bühne gebracht. Er gab zwar zu, daß die Weglassung den dramatischen
Effect des Stückes beeinträchtigte, aber das heilige Amt war viel zu
feierlich, als daß man eitles Spiel damit treiben durfte. Ja, er hielt
es sogar, so unglaublich dies scheinen mag, für unpassend, wenn ein Laie
über presbyterianische Prediger spöttelte. Allerdings war sein
Jakobitismus nicht viel mehr als eine von den Formen, in denen sich sein
Eifer für die Würde seines Standes äußerte. Er verabscheute die
Revolution weniger als einen Aufstand von Unterthanen gegen ihren König,
denn als einen Aufstand der Laienschaft gegen den Priesterstand. Die
seit dreißig Jahren von der Kanzel gepredigten Doctrinen, waren von der
Convention mit Verachtung behandelt worden. Eine neue Regierung war im
Widerspruch mit den Wünschen der geistlichen Peers im Hause der Lords
und der Priesterschaft des ganzen Landes eingesetzt worden. Eine
weltliche Versammlung hatte sich angemaßt, ein Gesetz zu erlassen, das
Erzbischöfen und Bischöfen, Rectoren und Vikaren bei Strafe der
Amtsentsetzung vorschrieb das abzuschwören, was sie Zeit ihres ganzen
Lebens gelehrt hatten. Was auch kleinmüthigere Geister thun mochten,
Collier war entschlossen, sich von den siegreichen Feinden seines
Standes nicht im Triumphe fortführen zu lassen. Bis zum letzten
Augenblicke wollte er mit der gebieterischen Haltung eines vom Himmel
Gesandten den Fürsten und Mächtigen der Erde Trotz bieten.
Dodwell.