Die Jakobiten fanden jedoch in dem Verlaufe des Feldzugs reichen Stoff

zu Schmähungen. Marlborough war, nicht ohne Grund, der Gegenstand ihres

erbittertsten Hasses. An seinem Benehmen auf dem Schlachtfelde konnte

selbst die Böswilligkeit wenig auszusetzen finden; andere Seiten seines

Verhaltens aber boten dem bösen Leumund ein ergiebiges Feld dar. Der

Geiz ist selten das Laster eines jungen Mannes, und eben so selten das

eines großen Mannes; Marlborough aber war einer von den Wenigen, die das

Geld in der Blüthe der Jugend mehr als Wein oder Weiber, und auf dem

Gipfel der Größe mehr als Macht oder Ruhm liebten. Alle die herrlichen

Gaben, welche die Natur an ihn verschwendet, schätzte er hauptsächlich

wegen des Gewinns, den sie ihm eintrugen. Im zwanzigsten Jahre zog er

Nutzen aus seiner Jugend und Körperkraft, als Sechziger zog er Nutzen

aus seinem Genie und seinem Ruhm. Der Beifall, der seinem Benehmen bei

Walcourt mit Recht gebührte, konnte die Stimmen Derer nicht ganz

übertäuben, welche munkelten, daß dieser Held, wo es ein Goldstück zu

ersparen oder zu verdienen gebe, ein bloßer Euklio, ein bloßer Harpagon

sei, daß er, obgleich er unter dem Vorgeben, offene Tafel zu halten,

einen bedeutenden Gehalt beziehe, doch niemals einen Offizier zu Tische

einlade, daß seine Musterrollen betrügerisch abgefaßt seien, daß er für

Leute, welche längst nicht mehr lebten, für Leute, die vor vier Jahren

vor seinen eigenen Augen bei Sedgemoor gefallen seien, die Löhnung in

seine Tasche stecke, daß sich in der einen Truppe zwanzig, in einer

andren sechsunddreißig solcher Namen befänden. Nur die Vereinigung von

furchtlosem Muth und imponierenden Geistesgaben mit einem leutseligen

Wesen und gewinnenden Manieren habe es ihm möglich gemacht, sich trotz

seiner höchst unsoldatischen Fehler die Zuneigung seiner Soldaten zu

erwerben und zu erhalten.[75]

Alexander VIII. folgt Innocenz XI. auf dem päpstlichen Stuhle.

Um die Zeit, wo die in allen Theilen Europa's kämpfenden Armeen ihre

Winterquartiere aufsuchten, bestieg ein neuer Papst den Stuhl St.

Peter's. Innocenz XI. war nicht mehr. Er hatte ein sonderbares Schicksal

gehabt. Seine gewissenhafte und innige Anhänglichkeit an die Kirche,

deren Oberhaupt er war, hatte ihn in einem der kritischesten Momente

ihrer Geschichte bestimmt, sich mit ihren Todfeinden zu verbünden. Die

Nachricht von seinem Ableben wurde daher, von den protestantischen

Fürsten und Republiken mit Schmerz und Besorgniß, in Versailles und

Dublin mit Freude und Hoffnung aufgenommen. Ludwig schickte

augenblicklich einen außerordentlichen Gesandten hohen Ranges nach Rom

und die in Avignon liegende französische Garnison wurde zurückgezogen.

Als die Stimmen des Conclaves sich zu Gunsten Peter Ottobuoni's geeinigt

hatten, eines ehemaligen Cardinals, der den Namen Alexander VIII.

annahm, wohnte der Vertreter Frankreichs der Einsetzung bei, trug die

Schleppe des neuen Papstes und überreichte Seiner Heiligkeit ein

Schreiben, in welcher der Allerchristlichste König erklärte, daß er dem

schmachvollen Vorrechte, Räuber und Mörder zu beschützen entsage.

Alexander drückte den Brief an seine Lippen, umarmte den Ueberbringer

und sprach mit Entzücken von der nahen Aussicht auf Versöhnung. Ludwig

begann sich der Hoffnung hinzugeben, daß der Vatikan seinen Einfluß dazu

anwenden werde, die Allianz zwischen dem Hause Oesterreich und dem

ketzerischen Usurpator des englischen Thrones aufzulösen. Jakob war

sogar noch sanguinischer. Er war thöricht genug zu hoffen, daß der neue

Papst ihm Geld geben werde, und befahl Melfort, der sich jetzt seiner

Mission in Versailles entledigt hatte, nach Rom zu eilen und Se.

Heiligkeit um eine Beisteuer zu dem guten Werke der Aufrechthaltung der

wahren Religion auf den britischen Inseln zu bitten. Aber es zeigte sich

bald, daß Alexander, obwohl er eine andre Sprache führte als sein

Vorgänger, doch entschlossen war, im Wesentlichen der Politik seines

Vorgängers zu folgen. Die Grundursache des Zerwürfnisses zwischen dem

heiligen Stuhle und Ludwig war nicht beseitigt. Der König ernannte noch

immer Prälaten, der Papst verweigerte noch immer ihre Anerkennung, und

die Folge davon war, daß ein Viertheil der Diöcesen Frankreich's

Bischöfe hatten, welche nicht befugt waren, irgend eine bischöfliche

Amtshandlung zu verrichten.[76]

Der Klerus der Hochkirche über die Angelegenheit der Eide gespalten.

Die anglikanische Kirche war um diese Zeit nicht minder durch Spaltungen

zerrissen als die gallikanische Kirche. Der 1. August war durch ein

Parlamentsedict als der Tag festgesetzt, bis zu welchem alle

Pfarrgeistlichen und alle ein akademisches Amt bekleidenden Personen bei

Strafe der Suspension Wilhelm und Marien den Unterthaneneid schwören

mußten. Während der ersten Hälfte des Sommers hofften die Jakobiten, die

Zahl der Nichtschwörenden werde bedeutend genug sein, um die Regierung

zu beunruhigen und in Verlegenheit zu setzen. Diese Hoffnung aber wurde

getäuscht. Es gab zwar nur wenige Whigs unter der Geistlichkeit, und nur

wenige waren Tories jener gemäßigten Schule, welche mit Widerstreben und

Vorbehalt anerkannte, daß große Mißbräuche eine Nation zuweilen

berechtigen könnten, zu extremen Mitteln zu greifen. Die große Mehrheit

des Standes hielt noch immer an dem Prinzip des passiven Gehorsams fest,

aber diese Mehrheit war jetzt in zwei Theile gespalten. Eine Frage,

welche vor der Revolution lediglich Sache der Spekulation gewesen und

daher, wenn sie auch zuweilen gelegentlich in Anregung kam, von den

Meisten nur sehr oberflächlich behandelt worden war, hatte jetzt eine

hohe praktische Bedeutsamkeit erlangt. Das Prinzip des passiven

Gehorsams als feststehend angenommen, wem gebührte dieser Gehorsam? So

lange das erbliche Recht mit dem Besitz verbunden gewesen war, war kein

Zweifel möglich; aber das erbliche Recht und der Besitz waren jetzt

getrennt. Ein durch die Revolution auf den Thron erhobener Fürst

regierte zu Westminster, gab Gesetze, ernannte Justizbeamte und Prälaten

und sandte Armeen und Flotten aus. Seine Richter entschieden

Rechtsfälle, seine Sheriffs verhafteten Schuldner und bestraften

Verbrecher; ohne sein großes Siegel würden Gerechtigkeit, Ordnung,

Eigenthum aufgehört haben zu existiren und die Gesellschaft in einen

chaotischen Zustand gerathen sein. Ein andrer, durch die Revolution

abgesetzter Fürst lebte im Auslande. Er konnte keines der Rechte eines

Regenten ausüben und keine der Pflichten eines Regenten erfüllen und

konnte, wie es schien, nur durch eben so gewaltsame Mittel als durch die

er vertrieben worden war, wieder eingesetzt werden. Welchem von diesen

beiden Fürsten schuldeten die Christen nun Gehorsam?

Argumente für Leistung der Eide.

Ein großer Theil der Geistlichkeit war der Meinung, daß der klare

Wortlaut der Schrift ihnen gebiete, sich dem im factischen Besitz des

Thrones befindlichen Souverain zu unterwerfen, ohne nach seinem Recht

auf diesen Thron zu fragen. Die Obrigkeiten, von denen der Apostel in

dem den anglikanischen Theologen jener Zeit genau bekannten Evangelium

sagt, daß sie von Gott eingesetzt seien, sind nicht diejenigen welche

auf einen rechtmäßigen Ursprung zurückgeführt werden können, sondern die

eben bestehenden. Als Jesus gefragt wurde, ob das auserwählte Volk Cäsar

rechtmäßigerweise Tribut zahlen dürfe, antwortete er mit der Frage,

nicht ob Cäsar einen von dem alten Königshause Juda abgeleiteten

Stammbaum aufweisen könnte, sondern ob das Geldstück, das die Fragenden

an den Schatz Cäsars zu zahlen Bedenken trugen, aus Cäsar's Münze komme,

mit anderen Worten, ob Cäsar thatsächlich die Autorität eines Herrschers

besitze und die Functionen eines solchen ausübe.

Es wird gewöhnlich, und mit vielem Anschein von Begründung, angenommen,

daß der zuverlässigste Commentar zu dem Text der Evangelien und Episteln

sich in der Praxis der ersten Christen findet, so weit diese Praxis

genügend zu ermitteln ist, und gerade jene Zeiten, zu welchen die Kirche

sich allgemein anerkanntermaßen im Zustande der höchsten Reinheit

befand, waren Zeiten häufiger und heftiger politischer Umgestaltungen.

Einer der Apostel wenigstens erlebte es, daß binnen wenig mehr als einem

Jahre vier Kaiser gestürzt wurden. Von den Märtyrern des 3. Jahrhunderts

muß sich ein großer Theil zehn bis zwölf Revolutionen haben erinnern

können. Diese Märtyrer müssen oft in der Lage gewesen sein zu erwägen,

welche Pflichten sie gegen einen Fürsten hatten, der so eben durch einen

mit Erfolg gekrönten Aufstand zur Macht gelangt war. Daß sie allesammt

durch die Furcht vor Strafe abgehalten worden seien das zu thun, was sie

für Recht hielten, ist eine Beschuldigung, welche nicht einmal ein

rechtschaffener Ungläubiger auf sie werfen wird. Wenn indessen irgend

eine Behauptung in Bezug auf die ersten Christen mit völliger Gewißheit

aufgestellt werden kann, so ist es die, daß sie nie und nimmer einem

factischen Regenten wegen der Unrechtmäßigkeit seines Titels den

Gehorsam verweigerten. Einmal wurde sogar die höchste Gewalt von zwanzig

bis dreißig Rivalen beansprucht. Jede Provinz von Britannien bis Egypten

hatte ihren Augustus. Diese Prätendenten konnten natürlich nicht alle

rechtmäßige Kaiser sein. Dennoch finden wir nirgends etwas erwähnt, daß

die Gläubigen an irgend einem Orte das geringste Bedenken getragen

hätten, sich der Person zu unterwerfen, welche an diesem Orte die

kaiserlichen Functionen ausübte. Während die Christen von Rom Aurelian

gehorchten, gehorchten die Christen von Lyon Tetrikus und die Christen

von Palmyra der Zenobia. »Tag und Nacht,« -- waren die Worte, welche der

große Cyprian, Bischof von Karthago, an den Repräsentanten Valerian's

und Gallienus richtete, -- »Tag und Nacht beten wir Christen zu dem

einen wahren Gott für das Wohl unserer Kaiser.« Und doch hatten diese

Kaiser einige Monate vorher ihren Vorgänger Aurelianus gestürzt, der

seinen Vorgänger Gallus gestürzt hatte; dieser hatte auf den Trümmern

des Hauses seines Vorgängers Decius den Gipfel der Macht erstiegen,

Decius hatte seinen Vorgänger Philipp und dieser seinen Vorgänger

Gordianus erschlagen. Konnte man glauben, daß ein Heiliger, der in dem

kurzen Zeitraum von dreizehn bis vierzehn Jahren dieser Reihe von

Rebellen und Königsmördern unverbrüchliche Unterthanentreue bewahrt

hatte, lieber eine Spaltung in der Christenheit hervorgerufen, als König

Wilhelm und Königin Marien anerkannt haben würde? Hundertmal forderten

diejenigen anglikanischen Geistlichen, welche die Eide geleistet hatten,

ihre skrupulöseren Amtsbrüder auf, ihnen ein einziges Beispiel

anzuführen, daß die ursprüngliche Kirche einem glücklichen Usurpator den

Gehorsam verweigert hätte, und hundertmal wich man der Aufforderung aus.

Die Eidverweigerer konnten über diesen Punkt weiter nichts sagen, als

daß Präcedenzfälle Prinzipien gegenüber kein Gewicht hätten, eine

Behauptung, die sehr sonderbar klang aus dem Munde einer Schule, welche

stets eine fast abergläubische Ehrfurcht vor der Autorität der

Kirchenväter an den Tag gelegt hatte.[77]

Präcedenzfälle aus späteren und verderbteren Zeiten verdienten wenig

Beachtung. Aber selbst in der Geschichte späterer und verderbterer

Zeiten konnten die Eidverweigerer nicht leicht einen ihrem Zwecke

dienenden Präcedenzfall finden. In unsrem eignen Lande hatten viele

Könige, die kein erbliches Recht hatten, auf dem Throne gesessen, aber

es war nie für unvereinbar mit der Pflicht eines Christen gehalten

worden, ein treuer Vasall dieser Könige zu sein. Die Usurpation

Heinrich's IV., die noch abscheulichere Usurpation Richard's III. hatten

kein Schisma in der Kirche hervorgerufen. Sobald der Usurpator auf

seinem Throne fest saß, hatten Bischöfe ihm für ihre Grundbesitzungen

gehuldigt; Convocationen hatten Adressen an ihn gerichtet und ihm Gelder

bewilligt, und kein Casuist hatte jemals behauptet, daß diese

Unterwerfung unter einen sich im factischen Besitze der Macht

befindenden Fürsten eine Todsünde sei.[78]

Mit der Verfahrungsweise der ganzen christlichen Welt stand die

Autoritätslehre der englischen Kirche unverkennbar in genauem Einklange.

Die Homilie über vorsätzliche Empörung, eine Predigt, welche in maßlosen

Ausdrücken die Pflicht des Gehorsams gegen Regenten einschärft, spricht

nur von factischen Regenten. Es wird sogar in dieser Homilie den Leuten

gesagt, daß sie nicht nur ihrem rechtmäßigen Landesherrn, sondern auch

jedem Usurpator, den Gott in seinem Zorne ihrer Sünden halber über sie

setzen werde, zu gehorchen verpflichtet seien. Es würde gewiß der

höchste Grad von Ungereimtheit sein, wollte man behaupten, daß wir

diejenigen Usurpatoren, welche Gott im Zorne sendet, unterwürfig

hinnehmen, solchen aber, die er uns in Gnaden sendet, den Gehorsam

beharrlich verweigern müßten. Zugegeben es war ein Verbrechen, den

Prinzen von Oranien nach England einzuladen, ein Verbrechen sich ihm

anzuschließen, ein Verbrechen ihn zum König zu machen, was war die ganze

Geschichte der jüdischen Nation und der christlichen Kirche Andres als

eine Reihenfolge von Fällen, in denen die Vorsehung aus Bösem Gutes

hervorgehen ließ? Und welcher Theolog wird behaupten, daß wir in solchen

Fällen aus Abscheu vor dem Bösen das Gute von uns weisen müßten?

Aus diesen Gründen waren eine große Anzahl Geistliche, welche noch an

dem Prinzipe festhielten, daß Widersetzlichkeit gegen den Souverain

jederzeit sündhaft sein müsse, der Ansicht, daß Wilhelm jetzt der

Souverain sei, dem sich zu widersetzen eine Sünde sein würde.

Argumente gegen die Eidesleistung.

Auf diese Argumentation entgegneten die Eidverweigerer, daß der Apostel

Paulus unter den bestehenden Obrigkeiten die bestehenden _rechtmäßigen_

Obrigkeiten gemeint haben müsse und daß es dem gesunden Verstande ins

Gesicht schlagen, die Religion schänden, den schwachen Gläubigen

Aergerniß und den Spöttern Anlaß zum Triumphiren geben heißen würde,

wollte man seine Worte anders deuten. Die Gefühle der ganzen Menschheit

müßten sich gegen die Behauptung empören, daß, sobald ein König, wäre

sein Recht auf den Thron noch so klar und seine Verwaltung noch so weise

und gut, durch Verräther vertrieben sei, alle seine Diener ihn verlassen

und zu seinen Feinden übergehen müßten. Zu allen Zeiten und bei allen

Nationen sei treue Anhänglichkeit an eine gute Sache im Unglück als eine

Tugend betrachtet worden. Zu allen Zeiten und bei allen Nationen sei der

Politiker, der sich immer zu der Partei geschlagen, welche die Oberhand

gehabt, verachtet worden. Dieser neue Toryismus sei schlimmer als

Whiggismus. Die Bande der Unterthanentreue zerreißen, weil der Souverain

ein Tyrann sei, das sei unstreitig eine große Sünde; aber es sei eine

Sünde, für die sich milde Bezeichnungen und plausible Vorwände finden

ließen und in welche ein braver und hochherziger Mann, der nicht in der

göttlichen Wahrheit unterrichtet und durch göttliche Gnade beschützt

sei, leicht verfallen könne. Aber alle Bande der Unterthanentreue blos

deshalb zu zerreißen, weil der Souverain unglücklich sei, das sei nicht

nur schlecht, sondern gemein. Könne ein Ungläubiger die heilige Schrift

ärger beschimpfen, als durch die Behauptung, daß die heilige Schrift den

Christen etwas als eine geheiligte Pflicht vorschreibe, was der

natürliche Verstand die Heiden als den höchsten Grad der Schlechtigkeit

zu betrachten gelehrt habe? In der Schrift finde sich die Geschichte

eines Königs von Israel, der durch einen unnatürlichen Sohn aus seinem

Palaste vertrieben und gezwungen worden sei, über den Jordan zu fliehen.

David habe, wie Jakob, das Recht, Absolom, wie Wilhelm, den factischen

Besitz gehabt. Würde ein Schriftforscher zu behaupten wagen, daß Simei's

Benehmen bei dieser Gelegenheit als ein Muster zur Nachahmung

hingestellt sei und daß Barsillai, der treu zu seinem flüchtigen

Gebieter gehalten, sich gegen die Vorschrift Gottes aufgelehnt und

Verdammniß auf sich gezogen habe? Würde ein wahrer Sohn der Kirche

England's im Ernst behaupten, daß ein Mann, der bis nach der Schlacht

von Naseby ein entschiedener Royalist war, dann zum Parlament überging,

sobald das Parlament auseinandergesprengt war, ein willfähriger Diener

des Rumpfes wurde und sobald der Rumpf vertrieben war, sich für einen

treuen Unterthan des Protectors erklärte, die Achtung der Christen mehr

verdiene, als der standhafte alte Cavalier, der Karl I. im Gefängniß und

Karl II. im Exil unerschütterlich treu blieb und der bereit war, eher

Grundbesitz, Freiheit und Leben zu wagen als durch Wort oder That die

Autorität einer der plötzlich aufgetauchten Regierungen anzuerkennen,

welche in jener schlimmen Zeit in den Besitz einer Macht gelangt waren,

die ihnen von Rechtswegen nicht gebührte? Und welcher Unterschied sei

zwischen diesem und dem jetzt vorliegenden Falle? Daß Cromwell

thatsächlich eben so viel Macht, ja weit mehr Macht als Wilhelm besessen

habe, sei ausgemacht, und daß Wilhelm's Macht so gut wie Cromwell's

Macht illegitimen Ursprungs sei, werde kein Geistlicher, der dem Prinzip

des Nichtwiderstandes huldige, bestreiten. Wie könne denn ein solcher

Geistlicher leugnen, daß Cromwell Gehorsam gebührt habe, und doch

behaupten, daß Wilhelm solcher gebühre? Wollte man annehmen, daß eine

solche Inconsequenz ohne Unredlichkeit existiren könne, so sei das nicht

Nachsicht sondern Schwäche. Diejenigen welche entschlossen seien, sich

der Parlamentsacte zu fügen, würden besser thun, wenn sie sich offen

darüber aussprächen und sagten was Jedermann schon wisse: daß sie sich

nur deshalb fügten, um ihre Pfründen zu behalten. Allerdings sei dies

ein sehr starker Beweggrund. Daß ein Geistlicher, der Gatte und Vater

sei, dem 1. August und 1. Februar mit ängstlicher Besorgniß

entgegensehe, sei natürlich. Aber er solle nicht vergessen, daß, wie

schrecklich auch der Tag der Suspension und der Tag der Amtsentsetzung

sein möge, zuverlässig zwei andere noch schrecklichere Tage kommen

würden: der Tag des Todes und der Tag des jüngsten Gerichts.[79]

Die schwörenden Geistlichen, wie man sie nannte, waren nicht wenig

betroffen über dieses Raisonnement. Nichts setzte sie mehr in

Verlegenheit als die Parallele, welche die Eidverweigerer mit

unermüdlicher Beharrlichkeit zwischen der Usurpation Cromwell's und der

Usurpation Wilhelm's zogen. Denn es gab damals keinen Hochkirchlichen,

der es nicht für eine Ungereimtheit gehalten hätte, zu behaupten daß die

Kirche ihren Söhnen befohlen habe, Cromwell zu gehorchen. Und doch war

es unmöglich zu beweisen, daß Wilhelm vollständiger im Besitze der

höchsten Gewalt sei, als Cromwell es gewesen. Die Schwörenden hüteten

sich daher eben so sorgfältig, mit den Nichtschwörenden über diesen

Punkt zu streiten, wie die Nichtschwörenden es vermieden, mit den

Schwörenden über die Frage bezüglich der Praxis der frühesten Kirche zu

streiten.

Das Wahre ist, daß die Regierungstheorie, welche der Klerus seit langer

Zeit lehrte, so unsinnig war, daß sie zu nichts als Unsinn führen

konnte. Mochte der Priester, der dieser Theorie huldigte, die Eide

leisten oder sie verweigern, er war in beiden Fällen nicht im Stande,

eine vernünftige Erklärung seines Verfahrens zu geben. Schwor er, so

konnte er dies nur durch Aufstellung von Behauptungen, gegen die sich

jedes redliche Herz instinktmäßig empörte, nur durch die Erklärung

rechtfertigen, daß Christus der Kirche befohlen habe, die gerechte Sache

zu verlassen, sobald diese Sache aufhöre zu prosperiren, und die Hände

der vom Glück begünstigten Schlechtigkeit gegen die bedrängte Tugend zu

kräftigen. So gewichtig indessen die Einwürfe gegen diese Doctrin waren,

die Einwürfe gegen die Doctrin des Nichtschwörenden waren wo möglich

noch gewichtiger. Nach ihm mußte eine christliche Nation beständig

entweder in einem Zustande von Knechtschaft oder in einem Zustande von

Anarchie sein. Etwas läßt sich sowohl für den Menschen sagen, der die

Freiheit opfert, um die Ordnung zu erhalten, als auch für den Menschen,

der die Ordnung opfert, um die Freiheit zu erhalten. Denn Freiheit und

Ordnung sind zwei der größten Segnungen, deren sich eine Gesellschaft

erfreuen kann, und wenn sie sich unglücklicherweise als mit einander

unverträglich herausstellen, da haben Diejenigen, welche die eine oder

die andre Seite ergreifen, Anspruch auf große Nachsicht. Der

Eidverweigerer aber opferte nicht die Freiheit der Ordnung, nicht die

Ordnung der Freiheit auf, sondern Freiheit und Ordnung einem

Aberglauben, der eben so einfältig und erniedrigend war als die Anbetung

von Katzen und Zwiebeln bei den Egyptern. Wenn eine Person, die sich nur

durch den Zufall der Geburt von anderen unterschied, auf dem Throne saß,

mochte sie auch ein Nero sein, sollte kein Ungehorsam stattfinden; und

wenn eine andre Person auf dem Throne saß, mochte sie auch ein Alfred

sein, so sollte kein Gehorsam stattfinden. Es war gleichgültig, wie

unvernünftig und schlecht die Verwaltung der Dynastie, welche das

erbliche Recht hatte, oder wie weise und tugendhaft die Verwaltung einer

aus einer Revolution hervorgegangenen Regierung sein mochte. Auch konnte

keine Verjährungszeit gegen den Anspruch der vertriebenen Familie

geltend gemacht werden. Der Zeitraum von Jahren, der Zeitraum von

Jahrhunderten änderte nichts. Bis an das Ende der Welt mußten die

Christen ihr politisches Verhalten einfach nach der Genealogie ihrer

Landesherren reguliren. Das Jahr 1800, das Jahr 1900 könnte Fürsten, die

ihre Rechtsansprüche von den Beschlüssen der Convention herleiteten,

ruhig und glücklich regieren sehen. Gleichviel, sie blieben deshalb

immer Usurpatoren, und wenn im 20. oder 21. Jahrhundert Jemand, der ein

besseres Geblütsrecht auf die Krone nachweisen konnte, eine spätere

Nachwelt auffordern sollte, ihn als König anzuerkennen, so mußte der

Aufforderung bei Strafe ewiger Verdammniß Folge geleistet werden.

Ein Whig konnte sich wohl über den Gedanken freuen, daß die unter seinen

Gegner entstandenen Controversen die Richtigkeit seines politischen

Glaubens festgestellt hatten. Die Streitenden, welche ihn lange

übereinstimmend eines gottlosen Irrthums beschuldigt, hatten ihn jetzt

wirksam gerechtfertigt und einander gegenseitig widerlegt. Der

Hochkirchliche, der die Eide leistete, hatte durch unwiderlegliche

Gründe aus den Evangelien und Episteln, aus der gleichmäßigen Praxis der

ersten Kirche und aus den deutlichen Erklärungen der anglikanischen

Kirche bewiesen, daß die Christen nicht in allen Fällen verpflichtet

waren, dem Fürsten, der das erbliche Recht besaß, zu gehorchen. Der

Hochkirchliche, der die Eide leisten wollte, hatte eben so befriedigend

dargethan, daß die Christen nicht in allen Fällen verpflichtet seien,

den Fürsten, welcher thatsächlich regierte, zu gehorchen. Daraus folgte,

daß, um einer Regierung ein Recht auf die Treue der Unterthanen zu

geben, etwas Andres erforderlich war, als bloße Legitimität oder bloßer

Besitz. Was dieses Andre war wurde den Whigs nicht schwer zu sagen.

Ihrer Ansicht nach war der Zweck, um dessen willen alle Regierungen

eingesetzt worden, das Wohl der Gesellschaft. So lange der erste Beamte

im Staate, mochte er auch einige Fehler haben, das Gute förderte, gebot

die Vernunft den Menschen, ihm zu gehorchen und die Religion, welche dem

Gebote der Vernunft ihre feierliche Sanction ertheilt gebot den

Menschen, ihn als einen von Gott Gesandten zu verehren. Erwies er sich

aber als ein Beförderer des Bösen, auf welche Gründe hin war er dann als

ein von Gott Gesandter zu betrachten? Die Tories, welche die Eide

leisteten, hatten bewiesen, daß er wegen des Ursprungs seiner Macht

nicht als ein solcher zu betrachten sei; die Tories, welche nicht

schwören wollten, hatten eben so klar bewiesen, daß er wegen der

Existenz seiner Macht nicht als ein solcher zu betrachten sei.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Siebenter Band: enthaltend Kapitel 13 und 14. · 第 18 / 24 段