Lager an, ohne einen Angriff auf dasselbe zu wagen. Bald aber tauchten
in diesem Lager zwei Uebel auf, welche gefährlicher waren als der Feind:
Verrath und Krankheit. Zu den besten Truppen, die er commandirte,
gehörten die französischen Verbannten. Jetzt entstanden sehr ernste
Zweifel an ihrer Treue. Den wirklichen hugenottischen Refugiés konnte
allerdings unbedingtes Vertrauen geschenkt werden. Der Widerwille, mit
dem der eifrigste englische Protestant das Haus Bourbon und die römische
Kirche betrachtete, war ein laues Gefühl im Vergleich zu dem
unauslöschlichen Hasse, der in der Brust des verfolgten, mit
Einquartierung gequälten, aus seinem Vaterlande vertriebenen Calvinisten
des Languedoc glühte. Die Irländer hatten schon bemerkt, daß die
französischen Ketzer niemals Pardon weder gaben noch annahmen.[62] Jetzt
aber zeigte es sich, daß mit diesen Emigranten, die dem reformirten
Glauben Alles aufgeopfert hatten, Emigranten ganz andrer Art vermischt
waren, Deserteurs, welche in den Niederlanden ihrer Fahne entlaufen
waren und ihr Verbrechen dadurch bemäntelt hatten, daß sie vorgaben, sie
seien Protestanten und ihr Gewissen gestatte ihnen nicht, für den
Verfolger ihrer Kirche zu kämpfen. Einige von diesen Leuten setzten sich
in der Hoffnung, durch einen zweiten Verrath Verzeihung und zugleich
Belohnung zu erlangen, mit Avaux in Correspondenz. Die Briefe wurden
jedoch aufgefangen und ein furchtbares Complot ans Licht gebracht. Es
stellte sich heraus, daß, wenn Schomberg schwach genug gewesen wäre, dem
Andringen Derer, welche eine offene Schlacht wünschten, nachzugeben,
mehrere französische Compagnien in der Hitze des Gefechts auf die
Engländer gefeuert haben und zum Feinde übergegangen sein würden. Ein
solcher Abfall würde auch in einer besseren Armee als die bei Dundalk
lagernde, einen allgemeinen Schrecken hervorgerufen haben. Hier mußte
mit Strenge verfahren werden. Sechs von den Verschwörern wurden
aufgehängt, und zweihundert ihrer Mitschuldigen in Eisen nach England
zurückgeschickt. Selbst nach dieser Ausmerzung wurden die Refugiés von
der übrigen Armee noch lange mit zwar ungerechtem, aber nicht
unnatürlichem Argwohn betrachtet. Einige Tage lang hatte man sogar allen
Grund zu fürchten, der Feind werde mit dem Schauspiele eines blutigen
Kampfes zwischen den englischen Soldaten und ihren französischen
Verbündeten unterhalten werden.[63]
Pestilenz in der englischen Armee.
Einige Stunden vor der Hinrichtung der Haupträdelsführer wurde eine
allgemeine Musterung der Armee vorgenommen, und man sah, daß die Reihen
der englischen Bataillone stark gelichtet waren. Viel Kranke hatte es
vom ersten Tage des Feldzugs an unter den Rekruten gegeben, aber erst
zur Zeit des Aequinoctiums nahm die Sterblichkeit in beunruhigendem Maße
zu. Die Herbstregen sind in Irland gewöhnlich stark, dieses Jahr aber
waren sie stärker als sonst, das ganze Land war überschwemmt, und das
Lager des Herzogs wurde ein förmlicher Sumpf. Die Enniskillener waren an
das Klima gewöhnt, und die Holländer waren gewohnt in einem Lande zu
leben, das, wie ein Witzling der damaligen Zeit sagte, funfzig Fuß
Wasser zieht. Sie hielten ihre Lagerhütten trocken und reinlich und sie
hatten erfahrene, aufmerksame Offiziere, welche die Unterlassung keiner
Vorsicht duldeten. Die Landleute von Yorkshire und Derbyshire aber
hatten weder Constitutionen, welche dem verderblichen Einflusse zu
widerstehen vermochten, noch verstanden sie es, sich gegen denselben zu
schützen. Die schlechten Lebensmittel, welche das Commissariat lieferte,
verschlimmerte die durch die klimatischen Verhältnisse erzeugten
Krankheiten. An Heilmitteln fehlte es fast ganz, Aerzte waren nur wenige
vorhanden, und die Arzneikästen enthielten nicht viel mehr als Charpie
und Wundpflaster. Die Engländer erkrankten und starben zu Hunderten.
Selbst Diejenigen, welche nicht von der Seuche ergriffen wurden, waren
entkräftet und muthlos und erwarteten, anstatt die Energie zu entfalten,
welche das Erbtheil unsrer Nation ist, mit der hülflosen Apathie von
Asiaten ihr Schicksal. Umsonst versuchte Schomberg sie zu lehren, wie
sie ihre Quartiere verbessern und den feuchten Erdboden, auf dem sie
lagen, mit einem dicken Teppich von Farrnkräutern bedecken konnten.
Körperliche Anstrengung war ihnen noch schrecklicher geworden als selbst
der Tod. Es stand nicht zu erwarten, daß Leute, die sich selbst nicht
helfen konnten, einander gegenseitig helfen würden. Niemand beanspruchte
und Niemand bezeigte Theilnahme. Die Vertrautheit mit grauenvollen
Scenen erzeugte eine Gefühllosigkeit und eine verzweifelte
Gottlosigkeit, die selbst in der Geschichte ansteckender Krankheiten so
leicht nicht ihres Gleichen haben dürften. Das Schmerzensgestöhn der
Kranken wurde durch die Flüche und unzüchtigen Reden ihrer Kameraden
übertäubt. Zuweilen konnte man auf dem Leichname eines am Morgen
gestorbenen Unglücklichen einen andren Unglücklichen sitzen sehen, der
die kommende Nacht nicht mehr erleben konnte und der fluchend und
Schandlieder singend auf die Gesundheit des Teufels Branntwein trank.
Wenn die Leichen weggetragen wurden, um begraben zu werden, murrten die
Ueberlebenden. Ein Todter, sagten sie, sei eine gute Decke und ein guter
Stuhl. Warum sollten die Leute, wenn ein so reichlicher Vorrath eines so
nützlichen Möbels vorhanden sei, der kalten Luft ausgesetzt und
genöthigt sein, sich auf die nasse Erde zu legen?[64]
Viele Kranke wurden von den englischen Schiffen, welche nahe der Küste
lagen, nach Belfast gebracht, wo ein großes Hospital errichtet war. Aber
kaum die Hälfte von ihnen erlebte das Ende der Reise. Mehr als ein
Schiff lag lange in der Bai von Carrickfergus, angefüllt mit Leichen und
den Geruch des Todes ausströmend, ohne ein lebendes, Wesen an Bord.[65]
Die irländische Armee hatte viel weniger zu leiden. Der Kerne von
Munster oder Connaught befand sich im Lager ganz eben so wohl als wäre
er in seiner eignen Lehmhütte gewesen und hätte die Dünste seines
heimathlichen Sumpfes eingeathmet. Natürlich freute er sich über das
Elend der sächsischen Ketzer und hoffte, daß sie ohne einen
Schwertstreich zu Grunde gehen würden. Mit Entzücken hörte er den ganzen
Tag die Salven, welche über den Gräbern der englischen Offiziere
knatterten, bis endlich die Begräbnisse zu zahlreich wurden, als daß sie
noch mit militärischem Pomp hätten begangen werden können, und auf die
schauerlichen Töne ein noch schauerlicheres Schweigen folgte.
Die Ueberlegenheit an Streitkräften war jetzt so entschieden auf Seiten
Jakob's, daß er es unbedenklich wagen konnte, fünf Regimenter von seiner
Armee zu detachiren und nach Connaught zu senden. Sarsfield befehligte
dieselben. Er stand allerdings nicht so hoch in der Achtung des Königs,
als er es verdiente. Der König erklärte ihn mit einer Miene geistiger
Ueberlegenheit, welche Avaux und Rosen ein spöttisches Lächeln
abgezwungen haben muß, für einen wackeren Burschen, der aber sehr
stiefmütterlich mit Verstand bedacht sei. Nur mit großer Mühe bewog der
Gesandte Se. Majestät dazu, den besten Offizier der irischen Armee zum
Range eines Brigadiers zu befördern. Sarsfield rechtfertigte jetzt
vollkommen die vortheilhafte Meinung, die sich seine französischen
Gönner von ihm gebildet hatten. Er vertrieb die Engländer aus Sligo und
sicherte mit gutem Erfolg Galway, das in ernster Gefahr gewesen war.[66]
Auf die englischen Verschanzungen vor Dundalk wurde jedoch kein Angriff
gemacht. Inmitten der sich stündlich mehrenden Schwierigkeiten und
Unfälle zeigten sich die glänzenden Eigenschaften Schomberg's immer
deutlicher. Nicht im vollen Strome des Glücks, nicht auf dem
Schlachtfelde von Montes Claros, nicht unter den Mauern von Mastricht
hatte er die Bewunderung der Menschheit so wohl verdient. Seine
Entschlossenheit wankte nie; seine Umsicht schlummerte nie; trotz
vielfacher Verdrüßlichkeiten und Provocationen war er stets froher und
heiterer Laune. Der Effectivbestand seiner Mannschaften, selbst wenn man
alle die, welche nicht am Fieber darnieder lagen, als effectiv
mitrechnete, überstieg jetzt nicht mehr fünftausend. Diese waren kaum
noch dem gewöhnlichen Dienste gewachsen, und sie mußten jetzt zu
doppelten Dienstleistungen angetrieben werden. Dessenungeachtet traf der
alte Mann seine Dispositionen so meisterhaft, daß er mit diesen geringen
Streitkräften mehrere Wochen lang einer von einer Menge bewaffneter
Banditen begleiteten Truppenmacht von zwanzigtausend Mann die Spitze
bot.
Die englische und die irische Armee beziehen ihre Winterquartiere.
Zu Anfang des November zerstreuten sich endlich die Irländer und begaben
sich in ihre Winterquartiere. Der Herzog brach nun ebenfalls sein Lager
ab und zog sich nach Ulster zurück. In dem Augenblicke als die letzten
Reste seiner Armee sich in Bewegung setzen sollten, verbreitete sich das
Gerücht, daß der Feind in bedeutender Stärke heranrücke. Hätte dieses
Gerücht auf Wahrheit beruht, so wäre die Gefahr sehr groß gewesen.
Obgleich aber die englischen Regimenter auf den dritten Theil ihrer
Vollzähligkeit zusammengeschmolzen waren und obgleich die Leute, die
sich noch am wohlsten befanden, kaum das Gewehr zu schultern vermochten,
so legten sie doch bei der Aussicht auf eine Schlacht eine
außerordentliche Freude und Munterkeit an den Tag und schwuren, daß die
Papisten für alles Elend der letzten Monate bezahlen sollten. »Wir
Engländer,« sagte Schomberg, sich heiter mit der Nation des Landes, das
ihn adoptirt hatte, identificirend, »wir Engländer sind immer
kampflustig; schade daß wir nicht eben so viel Lust zu einigen anderen
Zweigen des Soldatenhandwerks haben.«
Der Alarm erwies sich als grundlos. Die Armee des Herzogs zog
unbelästigt ab, aber die Straße, auf der sie dahin marschirte, bot einen
eben so beklagenswerthen als abschreckenden Anblick dar. Ein langer Zug
von mit Kranken beladener Wagen bewegte sich langsam über das holprige
Pflaster. Bei jedem Stoße gab ein Unglücklicher den Geist auf und der
Leichnam wurde hinausgeworfen und unbeerdigt den Füchsen und Krähen
preisgegeben. Die Gesammtzahl Derer, welche im Lager vor Dundalk, im
Hospital von Belfast, auf der Straße und auf der See starben, belief
sich auf mehr als sechstausend Mann. Die Ueberlebenden wurden für den
Winter in den Städten und Dörfern von Ulster untergebracht. Der General
nahm sein Hauptquartier in Lisburn.[67]
Verschiedene Meinungen über Schomberg's Verfahren.
Sein Verfahren wurde verschieden beurteilt. Einsichtsvolle und
aufrichtige Männer sagten, er habe sich selbst übertroffen und es gebe
keinen zweiten Feldherrn in Europa, der, mit ungeübten Truppen,
unwissenden Offizieren und spärlichen Vorräthen, zu gleicher Zeit gegen
ein feindliches Heer von großer Uebermacht, gegen ein betrügerisches
Commissariat, gegen ein Nest von Verräthern im eignen Lager und gegen
eine Krankheit, mörderischer als das Schwert, ankämpfend, den Feldzug
ohne Verlust einer Fahne oder einer Kanone zu Ende geführt haben würde.
Auf der andren Seite murrten viele von den neuernannten Majors und
Hauptleuten, deren Unerfahrenheit seine Verlegenheiten vermehrt hatte
und die keine andre Qualification für ihren Posten besaßen als
persönliche Tapferkeit, über die Geschicklichkeit und Geduld, die sie
vom Untergang gerettet. Ihre Beschwerden fanden jenseit des St.
Georgskanals Wiederhall. Zum Theil war das Murren, wenn auch ungerecht,
doch zu entschuldigen. Den Eltern, die einen tapfern Sohn in seiner
ersten Uniform geschickt hatten, damit er sich den Weg zum Ruhm
erkämpfe, konnte man es wohl verzeihen, wenn ihr Schmerz sie zur
Heftigkeit und Unbilligkeit hinriß, als sie erfuhren, daß der
unglückliche Jüngling auf einem Bund Stroh ohne ärztlichen Beistand
gestorben und ohne religiöse oder militärische Ceremonie in einem Sumpfe
begraben worden war. Aber in den Weheruf verwaister Familien mischte
sich ein andres minder achtungswerthes Geschrei. Alle Die, welche gern
Neuigkeiten hörten und wiedererzählten, schmähten den General, der ihnen
so wenig Neuigkeiten zu hören und zu erzählen gab. Diese Art Leute haben
eine solche Sucht nach Aufregung, daß sie viel eher einem Feldherrn
verzeihen, der eine Schlacht verliert, als einem, der eine Schlacht
ablehnt. Die Politiker, welche ihre Orakelsprüche im dicksten
Tabaksrauche bei Garroway von sich gaben, fragten, ohne weder vom Kriege
im allgemeinen noch von dem irischen Kriege im besondern das Geringste
zu verstehen, sehr ernsthaft, warum Schomberg denn nicht losschlage. Daß
er sein Handwerk nicht verstehe, wagten sie nicht zu sagen. Er sei ohne
Zweifel ein vortrefflicher Offizier, aber er sei sehr alt. Er trage die
Last seiner Jahre zwar mit Ehren, aber seine Geisteskräfte seien nicht
mehr das was sie früher gewesen; sein Gedächtniß werde schwach und
Jedermann wisse, daß er zuweilen am Nachmittag vergessen habe, was er am
Vormittag gethan. Es dürfte wohl schwerlich je einen Menschen gegeben
haben, dessen Geist im achtzigsten Lebensjahre noch eben so frisch und
lebendig gewesen wäre als im vierzigsten; daß aber Schomberg's
Geisteskräfte durch die Jahre wenig geschwächt waren, das beweisen zur
Genüge seine Depeschen, welche noch existiren und Muster von officieller
Schreibweise sind: abgerundet, klar, voll bedeutender Facta und
gewichtiger Gründe und in die möglichst geringe Wortzahl
zusammengedrängt. In diesen Depeschen spielt er zuweilen, nicht hämisch,
sondern mit ruhiger Verachtung, auf den Tadel an, den sein Verhalten von
Seiten hohler Schwätzer, die in ihrem Leben keine wichtigere
militärische Operation als das Ablösen der Wache in Whitehall gesehen
und die sich einbildeten, es sei nichts leichter als in jeder Lage und
gegen jede Uebermacht große Siege zu erkämpfen, sowie von Seiten
vierschrötiger Patrioten erfahren, welche überzeugt seien, daß ein
einziger englischer Fuhrmann oder Drescher, der noch nicht gelernt habe,
ein Gewehr zu laden oder eine Pike zu tragen, es mit fünf Musketieren
von König Ludwig's Haustruppen aufnehmen könne.[68]
Marineangelegenheiten.
So unbefriedigend die Resultate des Feldzugs in Irland gewesen waren,
die Ergebnisse der Seeoperationen dieses Jahres waren noch weniger
befriedigend. Man hatte zuversichtlich erwartet, daß zur See England im
Bunde mit Holland der Macht Ludwig's mehr als ebenbürtig sein werde;
allein es ging Alles unglücklich. Herbert war nach dem unbedeutenden
Scharmützel in der Bantrybai mit seinem Geschwader nach Portsmouth
zurückgekehrt. Hier sah er, daß er die gute Meinung weder des Publikums
noch der Regierung verloren hatte. Das Haus der Gemeinen dankte ihm für
seine Dienste und er erhielt sprechende Beweise von der Gunst der Krone.
Er war nicht bei der Krönung gewesen und hatte daher keinen Theil an den
Belohnungen gehabt, welche bei Gelegenheit dieser Feierlichkeit unter
die Hauptactoren der Revolution vertheilt worden waren. Dies wurde jetzt
nachgeholt und er zum Earl von Torrington erhoben. Der König begab sich
nach Portsmouth, speiste an Bord des Admiralschiffes, sprach sein
vollstes Vertrauen zu der Tapferkeit und Loyalität der Flotte aus,
schlug zwei tüchtige Kapitains, Cloudesley Shovel und Johann Ashby, zu
Rittern und ließ ein Geschenk unter die Mannschaften vertheilen.[69]
Torrington's schlechte Verwaltung.
Wir können Wilhelm keinen begründeten Vorwurf deshalb machen, daß er
eine hohe Meinung von Torrington hatte, denn Torrington galt allgemein
für einen der tapfersten und geschicktesten Offiziere der Flotte. Jakob,
der die Marineangelegenheiten besser verstand als irgend etwas Andres,
hatte ihn zum Contreadmiral von England befördert. Diesen Posten, wie
noch andere einträgliche Stellen hatte Torrington aufgegeben, als er
sah, daß er sie nur behalten konnte, wenn er sich zum Werkzeug der
jesuitischen Cabale hergab. Niemand hatte eine thätigere, gewagtere und
nützlichere Rolle in der Revolution gespielt als er. Daher schien
Niemand gegründeteren Anspruch darauf zu haben, an die Spitze der
Marineverwaltung gestellt zu werden. Und doch eignete sich Niemand
weniger für einen solchen Posten. Seine Moralität war stets locker, ja
so locker gewesen, daß die Festigkeit, mit der er unter der vorigen
Regierung seinem Glauben treu blieb, großes Erstaunen erregt hatte.
Seine ruhmvolle Ungnade schien zwar einen heilsamen Einfluß auf seinen
Character ausgeübt zu haben, denn in seiner Armuth und Verbannung erhob
sich der Wüstling zu einem Helden. Sobald aber das Glück wiederkehrte,
sank der Held wieder zum Wüstling herab, und dieser Fall war tief und
hoffnungslos. Die Fäden seines Geistes, welche auf kurze Zeit straffer
angespannt gewesen, waren jetzt durch das Laster dermaßen erschlafft,
daß er zur Selbstverleugnung oder zu einer angestrengten Thätigkeit
vollkommen unfähig war. Den rohen Muth des Seemanns besaß er wohl noch,
aber als Admiral wie als erster Lord der Admiralität war er durchaus
ungenügend. Monat auf Monat lag die Flotte, welche der Schrecken der
Meere hätte sein sollen, unthätig im Hafen, während er sich in London
amüsirte. Die Matrosen gaben ihm in spöttelnder Anspielung auf seinen
neuen Titel den Namen Tarry-in-town.[70] Als er endlich an Bord kam, war
er von einem Schwarme von Courtisanen begleitet. Es gab kaum eine Stunde
des Tages wie der Nacht, wo er frei von den Dünsten des Claret gewesen
wäre. Sein unersättlicher Hang zum Vergnügen machte ihn naturgemäß auch
unersättlich nach Reichthum. Doch liebte er die Schmeichelei fast eben
so sehr als Reichthum und Vergnügen. Er war seit langer Zeit gewohnt,
von seinen Untergebenen die kriechendsten Huldigungen zu verlangen. Sein
Admiralschiff war ein kleines Versailles. Er erwartete, daß seine
Kapitains sich sowohl des Abends, wenn er zu Bett ging, als auch des
Morgens beim Aufstehen in seiner Kajüte versammelten; ja er ließ sich
sogar von ihnen ankleiden. Der Eine kämmte ihm seine wallende Perrücke,
ein Andrer stand mit dem gestickten Rocke bereit. Unter einem solchen
Befehlshaber konnte von Disciplin nicht die Rede sein. Seine Theerjacken
verbrachten ihre Zeit in Saus und Braus unter dem Pöbel von Portsmouth,
und diejenigen Offiziere, die sich durch Servilität und Speichelleckerei
seine Gunst erworben hatten, erhielten leicht Urlaub und blieben
wochenlang in London, wo sie in den Wirthshäusern schwelgten, durch die
Straßen schlenderten oder den maskirten Damen im Theater den Hof
machten. Die Proviantlieferanten merkten bald, mit wem sie es zu thun
hatten und schickten der Flotte Fässer Fleisch, das kein Hund angerührt
haben würde, und Tonnen Bier, das schlimmer roch als fauliges Wasser.
Währenddem war der britische Kanal den französischen Seeräubern
preisgegeben. Unsere Kauffahrteischiffe wurden angesichts der Wälle von
Plymouth gekapert; die Zuckerflotte aus Westindien verlor sieben
Schiffe. Der Gesammtwerth der Prisen, welche in unmittelbarer Nähe
unsrer Insel von den Kreuzern des Feindes weggenommen wurden, während
Torrington sich mit seiner Flasche und seinem Harem beschäftigte, wurde
auf sechsmalhunderttausend Pfund Sterling geschätzt. Das Geleit eines
Kriegsschiffes war, außer wenn man große Summen auf Bestechung
verwendete, so schwer zu erlangen, daß unsere Kaufleute sich gezwungen
sahen, zu diesem Zwecke holländische Kaper zu miethen, die sie weit
nützlicher und minder geldgierig fanden, als die Offiziere unsrer eignen
königlichen Flotte.[71]
Die festländischen Angelegenheiten.
Das einzige Departement, an dem sich nichts aussetzen ließ, war das der
Auswärtigen Angelegenheiten. Hier war Wilhelm sein eigner Minister, und
wo er sein eigner Minister war, da gab es keine Verzögerungen, keine
Mißgriffe, keine Betrügereien und Verräthereien. Die Schwierigkeiten,
mit denen er zu kämpfen hatte, waren jedoch groß. Selbst im Haag stieß
er auf einen Widerstand, den seine ganze Klugheit und Festigkeit,
unterstützt durch Heinsius' kräftigen Beistand, kaum zu bewältigen
vermochte. Die Engländer ahneten nicht, daß, während sie über die
Parteilichkeit ihres Souverains für sein Geburtsland murrten, eine
starke Partei in Holland über seine Parteilichkeit für sein
Adoptivvaterland murrte. Die holländischen Gesandten zu Westminster
beschwerten sich darüber, daß die Allianzbedingungen welche er
vorschlug, erniedrigend für die Würde und nachtheilig für die Interessen
der Republik seien, daß er überall wo die Ehre der englischen Flagge ins
Spiel komme, übertrieben streng und obstinat sei; daß er peremtorisch
auf einem Artikel bestehe, der allen Handelsverkehr mit Frankreich
verbiete und der an der amsterdamer Börse schmerzlich empfunden werden
müsse; daß er, als sie die Hoffnung ausgesprochen, daß die
Navigationsacte aufgehoben werden würde, in ein Gelächter ausgebrochen
sei und ihnen gesagt habe, daran sei nicht zu denken. Er setzte alle
seine Bedingungen durch und es wurde ein feierlicher Vertrag
geschlossen, durch den England und der batavische Bund sich
verpflichteten, fest zu einander gegen Frankreich zu halten und nur mit
beiderseitigem Einverständniß Frieden zu schließen. Aber einer der
holländischen Bevollmächtigten erklärte, daß er fürchte, dereinst als
Verräther betrachtet zu werden, weil er soviel zugestanden habe, und die
Unterschrift eines andren verrieth deutlich, daß sie mit vor innerer
Bewegung zitternder Hand geschrieben worden war.[72]
Inzwischen war unter Wilhelm's geschickter Leitung ein Allianzvertrag
zwischen den Generalstaaten und dem Kaiser geschlossen worden. Spanien
und England traten diesem Tractate bei, und so waren die vier
Großmächte, welche schon längst durch ein freundschaftliches
Einverständniß mit einander verbunden gewesen, durch einen förmlichen
Vertrag an einander gekettet.[73]
Bevor aber dieser förmliche Vertrag unterzeichnet und besiegelt war,
standen alle contrahirenden Theile unter den Waffen. Zu Anfang des
Jahres 1689 wüthete der Krieg über dem ganzen Kontinent vom Hämus bis zu
den Pyrenäen. Das von allen Seiten zu gleicher Zeit angegriffene
Frankreich vertheidigte sich auf allen Seiten nachdrücklich, und seine
türkischen Alliirten gaben einer großen deutschen Truppenmacht in
Serbien und Bulgarien vollauf zu thun. Im Ganzen genommen waren die
Resultate der militärischen Operationen des Sommers den Verbündeten
nicht ungünstig. Jenseit der Donau erfochten die Christen unter dem
Prinzen Ludwig von Baden eine Reihe von Siegen über die Muselmänner. In
den Gebirgen von Roussillon kämpften die französischen Truppen ohne
irgend einen entscheidenden Vortheil gegen das kriegerische Landvolk
Cataloniens. Eine deutsche Armee unter Anführung des Kurfürsten von
Baiern hielt das Erzbisthum Cöln besetzt. Eine andre wurde von Karl,
Herzog von Lothringen, befehligt, einem Fürsten, der, nachdem die Waffen
Frankreich's ihn aus seinen Landen vertrieben, ein Soldat des Zufalls
geworden war und als solcher sowohl Auszeichnung erlangt als auch Rache
geübt hatte. Er marschirte gegen die Verwüster der Pfalz, zwang sie sich
über den Rhein zurückzuziehen und nahm nach einer langen Belagerung die
wichtige und stark befestigte Stadt Mainz.
Zwischen der Sambre und der Maas standen die Franzosen unter Anführung
des Marschalls Humieres den Holländern gegenüber, welche der Fürst von
Waldeck commandirte, ein Offizier, der den Generalstaaten lange mit
Treue und Umsicht, wenn auch nicht immer mit besonderem Glück gedient
hatte und den Wilhelm sehr hoch schätzte. Unter Waldeck's Befehlen
diente Marlborough, dem Wilhelm eine aus den besten Regimentern der
alten Armee Jakob's bestehende englische Brigade anvertraut hatte. Der
Zweite nach Marlborough im Commando wie auch in militärischer
Geschicklichkeit war Thomas Talmash, ein wackerer Soldat, aber zu einem
Schicksale bestimmt, dessen man sich nicht ohne Beschämung und Unwillen
erinnern kann.
Gefecht bei Walcourt.
Es kam zwischen der Armee Waldecks und der Armee Humieres' zu keiner
allgemeinen Schlacht; aber in einer Reihe von Gefechten war der Vortheil
auf Seiten der Verbündeten. Das bedeutendste von diesen Gefechten fand
am 5. August bei Walcourt statt. Die Franzosen griffen einen von der
englischen Brigade vertheidigten Vorposten an, wurden aber nachdrücklich
zurückgeschlagen, und mußten sich mit Verlust einiger Feldstücke und
mehr als sechshundert Todten zurückziehen. Marlborough benahm sich bei
dieser wie bei jeder ähnlichen Gelegenheit als ein tapferer und
geschickter Offizier. Die von Talmash commandirten Coldstreamgarden und
das Regiment, welches jetzt das 16. der Linie heißt, unter dem Commando
des Obersten Robert Hodges, zeichneten sich besonders aus. Auch das
Regiment Royal, das wenige Monate früher in Ipswich die Fahne der
Empörung aufgepflanzt, bewies an diesem Tage, daß Wilhelm eben so weise
als großmüthig gehandelt hatte, indem er dieses schwere Vergehen
vollständig verzieh. Das Zeugniß, welches Waldeck in seinen Depeschen
dem tapferen Benehmen der Insulaner ausstellte, wurde von ihren
Landsleuten mit Entzücken gelesen. Das Gefecht war zwar nichts weiter
als ein Scharmützel, aber ein heißes und blutiges Scharmützel. Seit
Menschengedenken hatte kein so ernster Zusammenstoß zwischen Engländern
und Franzosen stattgefunden, und unsere Vorfahren waren natürlich nicht
wenig stolz, als sie sahen, daß viele Jahre der Unthätigkeit und
Vasallenschaft den Muth der Nation nicht geschwächt zu haben
schienen.[74]
Anschuldigungen gegen Marlborough.