vortreffliche Dechant von Norwich, es über sich, den Gefangenen zu
besuchen. Es war eine peinliche Aufgabe, aber Sharp war in früheren
Zeiten von Jeffreys so freundlich behandelt worden, wie Jeffreys
überhaupt seinem Character nach Jemanden behandeln konnte, und es war
ihm einige Male durch geduldiges Warten, bis der Sturm der Flüche und
Verwünschungen ausgetobt hatte, und durch geschickte Benutzung eines
Augenblicks guter Laune gelungen, für unglückliche Familien eine
Linderung ihrer Leiden zu erwirken. Der Gefangene war erstaunt und
erfreut. »Was wagen Sie mir jetzt noch zuzugestehen?« sagte er. Der
menschenfreundliche Geistliche bemühte sich jedoch vergebens, in diesem
verstockten Gewissen einen heilsamen Schmerz zu wecken. Anstatt seine
Schuld zu bekennen, ergoß sich Jeffreys in heftige Schmähungen gegen die
Ungerechtigkeit der Menschen. »Die Leute nennen mich einen Mörder, weil
ich das gethan, was Mancher, der jetzt hoch in Gunst steht, damals
vollkommen billigte. Sie nennen mich einen Trunkenbold, weil ich Punsch
trinke, um mir die Last meines Kummers zu erleichtern.« Er wollte nicht
zugeben, daß er als Präsident der Hohen Commission etwas Tadelnswerthes
gethan habe. Seine Collegen, sagte er, seien die eigentlichen
Schuldigen, und jetzt wälzten sie alle Schuld auf ihn. Mit besonderer
Bitterkeit sprach er von Sprat, der unbestreitbar das humanste und
gemäßigtste Mitglied der Behörde gewesen war.
Es zeigte sich bald klar und deutlich, daß der abscheuliche Richter der
Last seiner körperlichen und geistigen Leiden rasch erliegen würde.
Doctor Johann Scott, Präbendar von St. Paul, ein Geistlicher von großer
Frömmigkeit und Verfasser des »Christian Life,« eines einst weit und
breit berühmten Buches, wurde wahrscheinlich auf Anrathen seines intimen
Freundes Sharp, an's Bett des Sterbenden gerufen. Doch umsonst sprach
auch Scott, wie Sharp es bereits gethan, von den entsetzlichen
Schlächtereien von Dorchester und Taunton. Jeffreys blieb bis zum
letzten Augenblicke dabei, daß Die, welche ihn für blutdürstig hielten,
seine damaligen Befehle nicht kennten, daß er eher Lob als Tadel
verdiene und daß seine Milde ihm das höchste Mißfallen seines Gebieters
zugezogen habe.[34]
Krankheit unterstützt durch starkes Trinken und durch tiefen Gram,
vollendete bald ihr Werk. Der Magen des Kranken nahm keine Speise mehr
an. Binnen wenigen Wochen magerte der stattliche und sogar corpulente
Mann zu einem Gerippe ab. Am 18. April starb er im einundvierzigsten
Jahre seines Lebens. Mit fünfunddreißig Jahren war er Oberrichter der
Kings Bench, mit siebenunddreißig Lordkanzler gewesen. In der ganzen
Geschichte der englischen Justizpflege findet sich kein zweites Beispiel
von einem so raschen Emporsteigen oder einem so heftigen Sturze. Der
abgezehrte Leichnam wurde in aller Stille neben der Asche Monmouth's in
der Kapelle des Tower beigesetzt.[35]
Der Sturz dieses einst so mächtigen und gefürchteten Mannes, der
Abscheu, mit dem er von allen ehrenwerthen Mitgliedern seiner eignen
Partei betrachtet wurde, die Art und Weise, wie die minder ehrenwerthen
Mitglieder dieser Partei in seinem Unglück jede Gemeinschaft mit ihm von
sich wiesen und die ganze Schuld der Verbrechen, zu denen sie ihn
aufgemuntert hatten, auf ihn wälzte, hatten den maßlosen Freunden der
Freiheit, welche nach einer neuen Proscription verlangten, zur Lehre
dienen sollen. Allein es war eine Lehre, die nur zu viele von ihnen
nicht beachteten.
Die Whigs unzufrieden mit dem Könige.
Der König hatte gleich beim Beginn seiner Regierung ihr Mißfallen
erregt, indem er einige Tories und Trimmers zu hohen Aemtern berief und
die durch diese Ernennungen erweckte Unzufriedenheit war durch sein
Bemühen, eine allgemeine Amnestie für die Besiegten zu erlangen, noch
verstärkt worden. Er war allerdings auch nicht der Mann, der sich bei
den rachsüchtigen Zeloten irgend einer Partei hätte beliebt machen
können. Denn zu den Eigenthümlichkeiten seines Characters gehörte eine
gewisse schroffe Humanität, durch die er seine Feinde selten gewann und
seine Freunde oftmals aufbrachte, in der er aber eigensinnig beharrte,
ohne sich weder um die Undankbarkeit Derer, die er vom Untergange
gerettet, noch um die Wuth Derer zu kümmern, deren Rachegelüste er
vereitelt hatte. Einige Whigs sprachen jetzt ebenso hart über ihn, als
sie je über einen seiner beiden Oheime gesprochen hatten. Er sei im
Grunde auch ein Stuart und er sei dies nicht umsonst. Wie Alle dieses
Stammes liebe auch er die Willkürherrschaft. In Holland sei es ihm
gelungen, sich unter der Form einer republikanischen Staatseinrichtung
zu einem kaum minder absoluten Herrscher zu machen, als es die erblichen
Grafen gewesen seien. Durch eine sonderbare Verkettung von Umständen
habe sein Interesse eine kurze Zeit lang dem Interesse des englischen
Volks entsprochen, aber obgleich er zufällig ein Befreier geworden, sei
er doch von Natur ein Despot. Er sympathisire nicht mit dem gerechten
Zorne der Whigs. Er habe Zwecke im Auge, welche die Whigs keinen
Souverain gutwillig erreichen lassen würden, und er wisse auch recht
gut, daß er nur die Tories als Werkzeuge dazu benutzen könne. Daher habe
er sie vom Augenblicke seiner Thronbesteigung an ungebührlich
begünstigt. Jetzt wolle er den nämlichen Verbrechern, die er vor wenigen
Monaten in seiner Erklärung als eine exemplarische Strafe verdienend
bezeichnet habe, eine Amnestie erwirken. Im November habe er der Welt
gesagt, daß die Verbrechen, an denen jene Männer Theil genommen, es
Unterthanen zur Pflicht gemacht hätten, ihren Huldigungseid zu brechen,
Soldaten, ihre Fahnen zu verlassen, Kinder, gegen ihre Eltern zu
kämpfen. Mit welcher Consequenz könne er jetzt dazu rathen, diese
Verbrechen mit dem Mantel allgemeiner Vergessenheit zu bedecken? und sei
nicht nur zu triftiger Grund zu der Besorgniß vorhanden, daß er die
Helfershelfer der Tyrannei vor dem verdienten Loose in der Hoffnung zu
retten wünsche, daß sie ihm früher oder später einmal eben so
gewissenslos dienen würden, wie sie seinem Schwiegervater gedient
hätten?
Maßlose Heftigkeit Howe's.
Unter den von diesen Gefühlen beseelten Mitgliedern des Hauses der
Gemeinen war Howe der Heftigste und Kühnste. Er ging einmal so weit, daß
eine Untersuchung der Maßnahmen des Parlaments von 1685 eingeleitet und
daß allen Denen, die in diesem Parlament mit dem Hofe gestimmt hatten,
irgend ein Brandmal aufgedrückt werden solle. Dieser eben so absurde als
hämische Antrag wurde von allen ehrenwertheren Whigs gemißbilligt und
von Birch und Maynard nachdrücklich bekämpft.[36] Howe mußte nachgeben,
aber er war ein Mann, den kein Schlag niederwerfen konnte, und er wurde
durch den Beifall vieler hitzköpfiger Mitglieder seiner Partei
ermuthigt, welche nicht die entfernteste Ahnung hatten, daß er, nachdem
er der hämischeste und characterloseste Whig gewesen, in nicht ferner
Zeit der hämischeste und characterloseste Tory werden würde.
Angriff gegen Caermarthen.
Dieser scharfsinnige, ruchlose und boshafte Politiker hielt sich,
obgleich er selbst ein einträgliches Amt im königlichen Hofstaat
bekleidete, tagtäglich über die Art der Besetzung der hohen Staatsämter
auf und seine Declamationen wurden, wenn auch etwas weniger scharf und
heftig, von anderen Rednern wiederholt. Keiner, sagten sie, der ein
Minister Karl's oder Jakob's gewesen sei, dürfe ein Minister Wilhelm's
sein. Der erste Angriff wurde gegen den Lordpräsidenten Caermarthen
gerichtet. Howe stellte den Antrag, daß dem Könige eine Adresse
überreicht werden solle, die ihn ersuchte, alle Diejenigen, welche je
einmal von den Gemeinen angeklagt worden seien, aus Sr. Majestät
Staatsrath und Angesicht, zu entfernen. Die Debatte über diesen Antrag
wurde zu wiederholten Malen vertagt. Während der Ausgang noch
zweifelhaft war, schickte Wilhelm Dykvelt an Howe ab, um ihn zur Rede zu
setzen. Howe war unbeugsam. Er war was man im gewöhnlichen Leben einen
uneigennützigen Menschen nennt, das heißt, er legte auf das Geld weniger
Werth als auf das Vergnügen, seiner üblen Laune Luft zu machen und
Aufsehen zu erregen. »Ich erweise dem König einen Dienst,« sagte er;
»ich befreie ihn von falschen Freunden, und meine Stellung wird mich nie
abhalten, meine Gedanken auszusprechen.« Der Antrag wurde gestellt,
scheiterte aber gänzlich. Der Satz, daß eine bloße Anklage, ohne
Ueberführung, als ein entscheidender Beweis von Schuld betrachtet werden
solle, widerstritt in der That der natürlichen Gerechtigkeit.
Caermarthen hatte allerdings große Fehler begangen, aber sie waren durch
Parteigeist übertrieben, durch harte Leiden gesühnt und durch neuerliche
ausgezeichnete Dienste wiedergutgemacht worden. Zu der Zeit als er die
große Grafschaft York gegen Papismus und Tyrannei zu den Waffen rief,
hatten ihm einige der ausgezeichnetsten Whigs versichert, daß aller alte
Zwist vergessen sei. Howe behauptete zwar, daß die Artigkeiten, welche
im Augenblicke der Gefahr erzeigt worden seien, nichts bedeuteten. »Wenn
ich eine Viper in der Hand habe,« sagte er, »gehe ich sehr subtil mit
ihr um; sobald ich sie aber am Boden habe, zertrete ich sie.« Aber der
Lordpräsident wurde so kräftig unterstützt, daß nach einer dreitägigen
Discussion seine Feinde es nicht wagten, über den gegen ihn gerichteten
Antrag die Meinung des Hauses zu sondiren. Im Laufe der Debatte wurde
beiläufig eine wichtige Verfassungsfrage in Anregung gebracht. Die Frage
war, ob eine Begnadigung vor einer parlamentarischen Anklage schützen
könne. Die Gemeinen resolvirten ohne Abstimmung, daß eine Begnadigung
nicht davor schützen könne.[37]
Angriff auf Halifax.
Der nächste Angriff galt Halifax. Er nahm eine viel verhaßtere Stellung
ein als Caermarthen, der sich unter dem Vorgeben, daß seine Gesundheit
angegriffen sei, fast gänzlich von den Geschäften zurückgezogen hatte.
Halifax wurde allgemein als der erste Rathgeber der Krone betrachtet und
für alle in Bezug auf Irland begangenen Fehler speciell verantwortlich
gemacht. Die Uebel, sagte man, welche dieses Königreich zu Grunde
gerichtet, hätten durch rechtzeitige Vorsicht verhütet oder durch
kräftige Anstrengung wiedergutgemacht werden können. Die Regierung aber
habe nichts vorgesehen; sie habe wenig gethan, und dieses Wenige sei
weder zur rechten Zeit noch in der rechten Weise geschehen. Zu einer
Zeit, wo einige wenige Truppen genügt haben würden, habe man
Unterhandlungen anstatt Truppen angewendet. Als viele Truppen nöthig
gewesen seien, habe man wenige geschickt, und diese wenigen seien
schlecht ausgerüstet und schlecht commandirt gewesen. Dies, riefen die
heftigen Whigs, seien die natürlichen Früchte des großen Fehlers, den
König Wilhelm am ersten Tage seiner Regierung begangen habe. Er habe zu
Tories und Trimmers ein Vertrauen gehabt, das sie nicht verdienten.
Insbesondere habe er die Leitung der irischen Angelegenheiten dem
Trimmer der Trimmers anvertraut, einem Manne, dessen Talent Niemand
bestreite, der aber der neuen Regierung nicht treu ergeben, der
überhaupt gar nicht fähig sei, irgend einer Regierung treu ergeben zu
sein, der stets zwischen zwei Meinungen geschwankt und bis zum
Augenblicke der Flucht Jakob's die Hoffnung nicht aufgegeben habe, daß
die Unzufriedenheit der Nation ohne einen Dynastiewechsel beschwichtigt
werden könnte. Howe bezeichnete bei zwanzig Gelegenheiten Halifax als
die Ursache aller Calamitäten des Landes. Eine ähnliche Sprache führte
Monmouth im Hause der Lords. Obgleich erster Lord des Schatzes, schenkte
er doch den Finanzgeschäften, für die er übrigens ganz untauglich war
und deren er bald überdrüssig geworden, seine Theilnahme. Seine ganze
Thätigkeit widmete er der Verfolgung der Tories. Er sagte dem Könige
rund heraus, daß Niemand, der nicht ein Whig sei, im Staatsdienste
angestellt werden solle. Wilhelm's Antwort war kalt und entschieden.
»Ich habe so viel für Ihre Freunde gethan, als ich ohne Gefahr für den
Staat thun kann, mehr aber werde ich nicht thun.[38]« Die einzige
Wirkung dieses Verweises war, daß Monmouth factiöser wurde als je.
Besonders gegen Halifax intriguirte und haranguirte er mit unermüdlicher
Animosität. Die anderen whiggistischen Lords des Schatzes, Delamere und
Capel, waren kaum weniger eifrig bestrebt, den Lordsiegelbewahrer aus
dem Amte zu vertreiben, und persönliche Eifersucht und Antipathie
bewogen den Lordpräsidenten, mit seinen eignen Anklägern gegen seinen
Nebenbuhler zu conspiriren.
In wie weit die Beschuldigungen, welche damals gegen Halifax, erhoben
wurden, begründet gewesen sein mögen, läßt sich jetzt nicht mehr mit
Gewißheit ermitteln. Obwohl seine Feinde zahlreiche Zeugen befragten und
obgleich sie von Wilhelm die ungern gegebene Erlaubniß erlangten, die
Protokolle des Geheimen Raths einzusehen, konnten sie doch keinen Beweis
entdecken, auf den sie eine bestimmte Anklage hätten stützen können.[39]
Es war indessen unleugbar, daß der Lordsiegelbewahrer als Minister für
Irland fungirt hatte und daß Irland fast verloren war. Unnöthig und
sogar widersinnig ist die Annahme vieler Whigs, daß seine Verwaltung
deshalb unersprießlich gewesen sei, weil er nicht gewollt habe, daß sie
ersprießlich sein solle. Das Wahre ist, daß die Schwierigkeiten seiner
Stellung groß waren und daß er bei all' seiner Genialität und
Beredtsamkeit diesen Schwierigkeiten nicht gewachsen war. Die ganze
Regierungsmaschine war aus den Fugen, und er war nicht der Mann, der sie
wieder in Gang bringen konnte. Dazu gehörte nicht das was er in so
reichem Maße besaß: Geist, Geschmack, glänzende Fassungskraft und
scharfe Unterscheidungsgabe, sondern das was ihm fehlte: rasches
Entscheiden, unermüdliche Energie und unerschütterliche
Entschlossenheit. Sein Gemüth war im Grunde zu weich für eine Arbeit,
wie sie jetzt auf ihm lastete und es war neuerdings durch harte
Schicksalsschläge noch weicher gestimmt worden. Er hatte in Zeit von
nicht ganz einem Jahre zwei Söhne verloren. Es existirt noch ein Brief,
in welchem er damals gegen seine hochverehrte Freundin, Lady Russell,
über die Verödung seines Herdes und über die herzlose Undankbarkeit der
Whigs klagt. Ebenso besitzen wir noch die Antwort darauf, worin sie ihn
freundlich ermahnt, da Trost zu suchen, wo sie denselben unter nicht
minder harten Prüfungen gefunden habe.[40]
Der erste Angriff auf ihn erfolgte im Oberhause. Einige whiggistische
Lords, unter denen sich der launenhafte und ruchlose erste Lord des
Schatzes besonders hervorthat, schlugen vor, den König zu ersuchen, daß
er einen neuen Sprecher ernenne. Halifax Freunde beantragten die
vorläufige Frage und brachten sie durch.[41] Ungefähr drei Wochen später
beantragten seine Feinde in einem Comité des ganzen Hauses der Gemeinen
eine Resolution, die ihm keine specielle Unterlassungs- oder
Begehungssünde zur Last legte, sondern es einfach für rathsam erklärte,
daß er aus dem Dienste der Krone entlassen werde. Die Debatte war heiß.
Die gemäßigten Politiker beider Parteien waren nicht geneigt, einem zwar
nicht fehlerfreien, aber durch Talent und Liebenswürdigkeit gleich
ausgezeichneten Mann ein Brandmal aufzudrücken. Als seine Ankläger
sahen, daß sie ihren Zweck nicht erreichen konnten, suchten sie sich
einer Entscheidung, welche gewiß ungünstig für sie gelautet haben würde,
dadurch zu entziehen, daß sie beantragten, der Vorsitzende solle die
Sache vertagen. Aber ihre Taktik wurde durch das umsichtige und muthige
Benehmen Lord Eland's, des Marquis' einzigem noch lebenden Sohne,
vereitelt. »Mein Vater hat es nicht verdient,« sprach der junge
Edelmann, »daß man solches Spiel mit ihm treibt. Wenn Sie ihn für
strafbar halten, so sagen Sie es, und er wird sich ohne weiteres Ihrem
Urtheile unterwerfen. Entlassung vom Hofe hat nichts Schreckliches für
ihn. Gottes Güte hat ihn der Nothwendigkeit überhoben, die Mittel zur
Aufrechthaltung seines Ranges in einem Amte zu suchen.« Das Comité
stimmte ab und Halifax wurde mit einer Majorität von vierzehn Stimmen
freigesprochen.[42]
Vorbereitungen zu einem Feldzuge in Irland.
Wäre die Abstimmung um einige Stunden verschoben worden, so würde die
Majorität wahrscheinlich viel bedeutender gewesen sein. Die Gemeinen
stimmten unter dem Einflusse der Meinung, daß Londonderry gefallen und
ganz Irland verloren sei. Kaum war das Haus auseinandergegangen, so traf
ein Courier mit der Nachricht ein, daß der Sperrbaum im Foyle
durchbrochen sei. Ihm folgte bald ein zweiter, der die Aufhebung der
Belagerung meldete, und ein dritter, der die Nachricht von der Schlacht
bei Newton Butler brachte. Hoffnung und Jubel folgten auf Mißmuth und
Besorgniß.[43] Ulster war gerettet, und man erwartete zuversichtlich,
daß Schomberg sehr bald auch Leinster, Connaught und Munster
wiedererobern werde. Er war jetzt bereit zum Aufbruch. Der Hafen von
Chester war der Punkt, von wo er abgehen sollte. Die seinem Commando
unterstellte Armee hatte sich dort versammelt, und der Dee wimmelte von
Kriegs- und Transportschiffen. Leider waren fast alle kriegserfahrene
englische Soldaten nach Flandern geschickt worden, und die große
Mehrzahl der nach Irland bestimmten Truppen bestand daher aus Leuten,
welche eben vom Pfluge und von der Dreschtenne kamen. Es war indessen
eine vortreffliche holländische Brigade unter dem Commando eines
erfahrnen Offiziers, des Grafen von Solms darunter. Außerdem waren vier
Regimenter, ein Cavallerieregiment und drei Infanterieregimenter, aus
den französischen Flüchtlingen gebildet worden, von denen viele mit
Auszeichnung gedient hatten. Niemand that mehr für die Aushebung dieser
Regimenter als der Marquis von Ruvigny. Er war viele Jahre ein
außerordentlich treuer und nützlicher Diener der französischen Regierung
gewesen, und man schätzte in Versailles seine Verdienste so hoch, daß
man ihn gebeten hatte, Begünstigungen anzunehmen, welche kaum ein andrer
Ketzer durch noch so dringende Bitten erlangt haben würde. Hätte er sich
entschlossen in seinem Vaterlande zu bleiben, so würde man ihm und
seinen Angehörigen gestattet haben, privatim Gott auf ihre eigne Art zu
verehren. Aber Ruvigny wies alle Anerbietungen zurück, theilte das Loos
seiner Glaubensbrüder und vertauschte in einem Alter von mehr als
achtzig Jahren Versailles, wo er noch immer ein Günstling hätte bleiben
können, mit einer bescheidenen Wohnung in Greenwich. Diese Wohnung war
während der letzten Monate seines Lebens der Sammelplatz aller
ausgezeichneten Persönlichkeiten unter seinen Mitverbannten. Seine
Talente, seine Erfahrung und seine freigebige Herzensgüte machten ihn
zum unbestrittenen Oberhaupte der Refugiés. Zu gleicher Zeit war er ein
halber Engländer, denn seine Schwester war eine Gräfin von Southampton
gewesen und er war der Oheim von Lady Russell. Die Zeit des
selbstthätigen Handelns war für ihn längst vorüber; aber seine beiden
Söhne, beides Männer von ausgezeichnetem Muthe, widmeten ihre Degen dem
Dienste Wilhelm's. Der jüngere Sohn, der den Namen Caillemote führte,
wurde zum Obersten eines der hugenottischen Infanterieregimenter
ernannt. Die beiden anderen Infanterieregimenter wurden von La
Melloniere und Cambon, Offizieren von glänzendem Rufe, befehligt. Das
Cavallerieregiment war von Schomberg selbst errichtet und führte seinen
Namen. Ruvigny lebte gerade noch lange genug, um diese Rüstungen
vollendet zu sehen.[44]
Schomberg.