hatten, waren aber gleichwohl entschlossen, es in ihrer legislativen
Eigenschaft nicht auszusprechen, daß sie sich in ihrer richterlichen
Eigenschaft einer Ungerechtigkeit schuldig gemacht hätten. Sie
versuchten abermals einen Mittelweg. Der Eingang wurde gemildert, eine
Klausel hinzugesetzt, welche bestimmte, daß Oates auch fernerhin zur
Zeugenschrift unfähig bleiben solle, und die so abgeänderte Bill den
Gemeinen wieder zugesandt.
Die Gemeinen waren nicht befriedigt. Sie verwarfen die Amendements und
verlangten eine freie Conferenz. Zwei ausgezeichnete Tories, Rochester
und Nottingham, nahmen als Wortführer der Lords im »gemalten Zimmer«
ihre Sitze ein. Ihnen zur Seite stand Burnet, dessen wohlbekannter Haß
gegen den Papismus dem was er bei einer solchen Gelegenheit sagen
mochte, großes Gewicht zu geben verhieß. Somers war der Hauptsprecher
auf der andren Seite, und seiner Feder verdanken wir einen ungemein
klaren und interessanten Auszug aus der Debatte.
Die Lords gestanden offen zu, daß das Erkenntniß des Gerichtshofes der
Kings Bench sich nicht vertheidigen lasse. Sie wüßten, daß es
gesetzwidrig sei und hätten dies auch gewußt, als sie es bestätigten.
Aber sie hätten die beste Absicht dabei gehabt. Sie beschuldigten Oates,
eine schamlos falsche Anklage gegen die Königin Katharine erhoben zu
haben, erwähnten noch andere Beispiele von seiner Schlechtigkeit und
fragten ob ein solcher Mensch noch befugt sein dürfe, vor einem
Gerichtshofe Zeugniß abzulegen. Die einzige Entschuldigung, welche ihrer
Ansicht nach zu seinen Gunsten angeführt werden könne, sei die, daß er
den Verstand verloren habe, und die unerhörte Frechheit und Albernheit
seines Benehmens, als er das letzte Mal vor ihnen gestanden, scheine in
der That die Annahme zu rechtfertigen, daß er geisteskrank sei und daß
man ihm das Leben Anderer nicht anvertrauen könne. Die Lords könnten
sich daher nicht durch ausdrückliche Zurücknahme dessen was sie gethan
erniedrigen und eben so wenig sich entschließen, das Verdict auf keinen
andren Beweis hin als ein allgemeines Gerücht, für corrumpirt zu
erklären.
Die Replik war vollkommen siegreich. »Oates bildet jetzt den kleinsten
Theil der Frage. Eure Lordschaften sagen, er habe die Königin Wittwe und
andere unschuldige Personen fälschlich angeklagt. Zugegeben. Diese Bill
gewährt ihm keine Amnestie. Wir sind ganz dafür, daß er, wenn er
schuldig ist, bestraft werden muß. Aber wir verlangen in seinem wie im
Interesse aller Engländer, daß die Strafe durch das Gesetz und nicht
durch die Willkür eines Tribunals bestimmt werde. Wir verlangen, daß,
wenn Eure Lordschaften eine Appellation vorliegt, Sie den bekannten
Gebräuchen und Gesetzen des Reichs gemäß Ihr Urtheil darüber abgeben.
Wir leugnen, daß Sie in einem solchen Falle das mindeste Recht haben,
auf den moralischen Character eines Klägers oder auf die politischen
Folgen einer Entscheidung Rücksicht zu nehmen. Sie gestehen selbst zu,
daß Sie lediglich deshalb, weil Sie eine nachtheilige Meinung von diesem
Manne hatten, ein Erkenntniß bestätigten, von dem Sie wußten, daß es
gesetzwidrig war. Gegen diese Anmaßung willkürlicher Gewalt protestiren
die Gemeinen, und sie hoffen, daß Sie jetzt widerrufen werden, was Sie
als einen Irrthum erkennen müssen. Eure Lordschaften sprechen die
Vermuthung aus, daß Oates wahnsinnig sei. Wahnsinn kann jedoch ein sehr
triftiger Grund sein, um einen Menschen gar nicht zu bestrafen. Wie aber
der Wahnsinn ein Grund sein kann, um eine Strafe über ihn zu verhängen,
die selbst wenn er gesund wäre, ungesetzlich sein würde, das begreifen
die Gemeinen nicht. Eure Lordschaften meinen ferner, daß Sie es nicht
verantworten könnten, ein Verdict corrumpirt zu nennen, von dem dies
nicht juristisch bewiesen sei. Erlauben Sie uns, Sie daran zu erinnern,
daß Sie zwei verschiedene Funktionen haben. Sie sind Richter und Sie
sind Gesetzgeber. Wenn Sie richten, so ist es Ihre Pflicht, Sich streng
an das Gesetz zu halten. Wenn Sie Gesetze geben, kann es zweckmäßig
sein, auf allgemeine Gerüchte Rücksicht zu nehmen. Sie kehren diese
Regel um. Sie sind am unrechten Orte lax und am unrechten Orte
scrupulös. Als Richter verletzen Sie um einer vermeintlichen Convenienz
willen das Gesetz. Als Gesetzgeber wollen Sie kein Factum ohne solche
technische Beweise gelten lassen, wie sie Gesetzgeber nur selten
erlangen können.[21]«
Auf dieses Raisonnement wurde nichts erwiedert und konnte nichts
erwiedert werden. Die Gemeinen waren sichtlich stolz auf die Kraft ihrer
Beweisführung und auf das Auftreten Somers' im gemalten Zimmer. Sie
beauftragten ihn insbesondere, dafür zu sorgen, daß der Bericht, den er
von der Conferenz erstattet hatte, genau in die Protokolle aufgenommen
werde. Die Lords dagegen unterließen wohlweislich, einen Bericht über
eine Debatte, in der sie eine so vollständige Niederlage erlitten
hatten, in ihre Protokolle einzuzeichnen. Aber obgleich sie ihren Fehler
einsahen und sich desselben schämten, waren sie doch nicht dahin zu
bringen, es öffentlich zu bekennen, indem sie im Eingange zu der Acte
eingestanden, daß sie sich einer Ungerechtigkeit schuldig gemacht
hätten. Die Minorität war indessen stark. Der Beschluß, beizutreten,
wurde mit nur zwölf Stimmen durchgebracht, wovon zehn auf abwesende
Mitglieder kamen, die ihre Stimmen Anderen übertragen hatten.[22]
Einundzwanzig Peers protestirten und die Bill fiel. Zwei Beisitzer
wurden abgeschickt, um die Gemeinen von dem definitiven Beschlusse der
Peers in Kenntniß zu setzen. Die Gemeinen hielten dieses Verfahren in
substantieller Hinsicht für unverantwortlich und in formeller Hinsicht
für unhöflich. Sie beschlossen, dagegen zu demonstriren, und Somers
entwarf ein vortreffliches Manifest, in welchem der verachtungswerthe
Name des Oates kaum erwähnt war und worin das Oberhaus sehr ernst und
eindringlich ermahnt wurde, richterliche Fragen richterlich zu behandeln
und nicht eigenmächtig ein neues Recht zu machen unter dem Vorwande, das
bestehende Recht anzuwenden.[23] Der Schurke, der jetzt zum zweiten Male
die politische Welt in Aufregung gebracht hatte, wurde begnadigt und in
Freiheit gesetzt. Seine Freunde im Unterhause beantragten nun eine
Adresse an den Thron, welche darum ansuchte, daß ihm eine für seinen
Unterhalt genügende Pension ausgesetzt werden möchte,[24] Es wurden ihm
in Folge dessen etwa dreihundert Pfund Sterling jährlich bewilligt, eine
Summe, die er unter seiner Würde hielt und die er nur mit der
verbissenen Wuth getäuschter Habsucht annahm.
Rechtsbill.
Aus dem Streite über Oates entsprang ein andrer Streit, der sehr ernste
Folgen hätte haben können. Die Urkunde welche Wilhelm und Marien zum
König und zur Königin erklärten, war eine revolutionäre Urkunde. Sie war
das Werk einer Versammlung, von der das ordentliche Gesetz nichts wußte,
und hatte nie die königliche Sanction erhalten. Es war offenbar
wünschenswerth, daß dieser hochwichtige Vertrag zwischen den Regierenden
und den Regierten, dieses Dokument, kraft dessen der König seinen Thron
und das Volk seine Freiheiten besaß, in eine streng regelrechte Form
gebracht wurde. Die Rechtserklärung wurde deshalb in eine Rechtsbill
verwandelt und die Rechtsbill von den Gemeinen ohne weiteres angenommen.
Bei den Lords aber stieß sie auf Schwierigkeiten.
Die Rechtserklärung hatte die Krone zuerst Wilhelm und Marien
gemeinschaftlich, dann dem Ueberlebenden von Beiden, dann Mariens
Nachkommenschaft, und endlich auch der Nachkommenschaft Wilhelm's von
irgend einer andren Gemahlin als Marien zuerkannt. Die Bill war mit der
Erklärung genau übereinstimmend abgefaßt. Wem aber der Thron zufallen
sollte, wenn Marie, Anna und Wilhelm alle drei ohne Nachkommen starben,
war in Ungewißheit gelassen. Dieser nicht vorgesehene Fall war indessen
keineswegs unwahrscheinlich. Er lag sogar wirklich vor. Wilhelm hatte
nie ein Kind gehabt. Anna war zwar mehrere Male Mutter gewesen, aber
keines ihrer Kinder war mehr am Leben. Es wäre kein großes Wunder
gewesen, wenn Krankheit, Krieg oder Verrath binnen wenigen Monaten
sämmtliche Personen, welche zur Thronfolge befähigt waren, aus der Welt
geschafft hätte. In welche Lage wäre das Land in diesem Falle gekommen?
Wem sollte dann gehuldigt werden? Die Bill enthielt zwar eine Klausel,
welche Papisten vom Throne ausschloß. Aber ersetzte eine solche Klausel
eine den Nachfolger mit Namen bezeichnende Bestimmung? wie dann, wenn
der nächste Thronerbe ein noch nicht drei Monat alter Prinz des Hauses
Savoyen war? Es wäre absurd gewesen, ein solches Kind einen Papisten zu
nennen. Sollte es also zum König proklamirt werden? Oder sollte die
Krone so lange herrenlos bleiben, bis es ein Alter erreicht hatte, in
welchem es befähigt war, sich eine Religion zu wählen? Konnten nicht
auch die rechtschaffensten und verständigsten Männer in Zweifel sein, ob
sie es als ihren Souverain betrachten dürften? Und wer sollte ihnen
diesen Zweifel lösen? Ein Parlament würde es nicht geben, denn das
Parlament würde mit dem Fürsten, der es zusammenberufen hatte, aufhören
zu existiren. Es mußte eine vollständige Anarchie eintreten, eine
Anarchie, welche mit der Vernichtung der Monarchie oder mit der
Vernichtung der öffentlichen Freiheit enden konnte. Aus diesen
gewichtigen Gründen schlug Burnet auf Wilhelm's Veranlassung im Hause
der Lords vor, daß die Krone in Ermangelung von Leibeserben Sr.
Majestät, auf eine unbezweifelte Protestantin, Sophie, Herzogin von
Braunschweig-Lüneburg, einer Enkelin Jakob's I. und Tochter Elisabeth's,
Königin von Böhmen, übergehen solle.
Die Lords genehmigten dieses Amendement einstimmig, die Gemeinen aber
verwarfen es einstimmig. Die Ursache der Verwerfung hat kein
Schriftsteller der damaligen Zeit genügend erklärt. Ein whiggistischer
Schriftsteller spricht von Machinationen der Republikaner, ein andrer
von Machinationen der Jakobiten. Es steht jedoch fest, daß vier Fünftel
der Vertreter des Volks weder Jakobiten noch Republikaner waren.
Gleichwohl erhob sich im Unterhause nicht eine einzige Stimme zu Gunsten
der Klausel, welche im Oberhause mit Acclamation angenommen worden
war.[25] Die wahrscheinlichste Erklärung dürfte die sein, daß die grobe
Ungerechtigkeit, welche in der Angelegenheit Oates' begangen worden, die
Gemeinen dergestalt gereizt hatte, daß sie mit Freuden eine Gelegenheit
ergriffen, den Peers zu opponiren. Es wurde eine Conferenz gehalten,
aber keine der beiden Versammlungen wollte nachgeben. Während der Streit
am heftigsten war, trat ein Ereigniß ein, von dem man hätte denken
sollen, daß es die Eintracht wiederherstellen werde. Anna gebar einen
Sohn. Das Kind wurde mit großem Pomp und unter vielfachen öffentlichen
Freudenbezeigungen in Hampton Court getauft. Wilhelm, war der eine
Taufzeuge, der andre war der feingebildete Dorset, dessen Dach der
Prinzessin in ihrem Unglück eine Zuflucht gewährt hatte. Der König gab
dem Kinde seinen eignen Namen und kündigte dem um den Taufstein
versammelten glänzenden Cirkel an, daß der kleine Wilhelm von diesem
Augenblicke Herzog von Gloucester genannt werden solle.[26] Die Geburt
dieses Prinzen hatte die Gefahr, gegen welche die Lords auf ihrer Hut zu
sein für nöthig erachtet, sehr vermindert. Sie hätten daher jetzt mit
Anstand widerrufen können. Aber ihr Stolz war durch die Strenge, mit der
man ihre Entscheidung über Oates' Nichtigkeitsbeschwerde im gemalten
Zimmer getadelt hatte, verletzt worden. Man hatte ihnen geradezu ins
Gesicht gesagt, daß sie ungerechte Richter seien, und diese
Beschuldigung war nur um so kränkender, weil sie sich bewußt waren sie
verdient zu haben. Sie verweigerten jede Concession und die Rechtsbill
wurde fallen gelassen.[27]
Streitigkeiten wegen einer Indemnitätsbill.
Die aufregendste Frage dieser langen und stürmischen Session war jedoch
die, welche Strafe den Männern zuerkannt werden solle, die in der Zeit
zwischen der Auflösung des Oxforder Parlaments und der Revolution die
Rathgeber oder Werkzeuge Karl's und Jakob's gewesen waren. Es war ein
Glück für England, daß in dieser Krisis ein Fürst, der keiner der beiden
Parteien angehörte, der keine von beiden weder liebte noch haßte und der
zur Durchführung eines großen Planes beide zu benutzen wünschte, der
Vermittler zwischen ihnen war.
Die beiden Parteien waren jetzt in einer ganz ähnlichen Lage wie vor
achtundzwanzig Jahren. Zwar war die Partei, welche damals im Nachtheil
gewesen, gegenwärtig im Vortheil, aber die Analogie zwischen den beiden
Situationen ist eine der vollkommensten, die man in der Geschichte
finden kann. Die Restauration wie die Revolution waren beide durch
Coalitionen herbeigeführt worden. Bei der Restauration halfen diejenigen
Politiker, welche der Freiheit besonders zugethan waren, die Monarchie
wieder einsetzen; bei der Revolution halfen diejenigen Politiker, welche
der Monarchie mit besonderem Eifer anhingen, die Freiheit vertheidigen.
Der Cavalier hätte, bei der ersteren Gelegenheit, ohne den Beistand der
Puritaner, welche für den Covenant gefochten, nichts ausrichten können;
ebensowenig hätte der Whig bei der letzteren Gelegenheit der
Willkürgewalt einen erfolgreichen Widerstand leisten können, wäre er
nicht durch Männer unterstützt worden, die noch vor ganz kurzer Zeit den
Widerstand gegen Willkürgewalt als eine Todsünde verdammt hatten. Die
Bedeutendsten unter Denen, durch welche im Jahre 1660 die königliche
Familie zurückgebracht wurde, waren Hollis, der in den Tagen der
Tyrannei Karl's I. den Sprecher mit offener Gewalt auf seinem Stuhle
festhielt, während der schwarze Stab vergebens anklopfte, um Einlaß zu
erlangen; Ingoldsby, dessen Name unter dem denkwürdigen Todesurtheile
stand, und Prynne, dem Laud die Ohren abgeschnitten und der dafür den
Hauptantheil an Laud's Verurtheilung zum Tode gehabt hatte. Unter den
Sieben, welche 1688 die Einladung an Wilhelm unterzeichneten, waren
Campton, der lange die Pflicht eingeschärft hatte, einem Nero zu
gehorchen, Danby, der angeklagt worden war, weil er den
Militärdespotismus einzuführen versucht hatte, und Lumley, dessen
Bluthunde Monmouth bis in seinen traurigen letzten Versteck im Walde
verfolgt hatten. Sowohl 1660 als auch 1688 versprachen sich die beiden
feindlichen Parteien, so lange das Geschick der Nation unentschieden
war, gegenseitig Vergebung. Bei beiden Gelegenheiten erwies sich die
Versöhnung, welche im Augenblicke der Gefahr aufrichtig geschienen
hatte, im Augenblicke des Sieges als falsch und hohl. Sobald Karl II.
wieder in Whitehall war, vergaß der Cavalier die Dienste, welche die
Presbyterianer kürzlich geleistet, und erinnerte sich nur noch ihrer
alten Beleidigungen. Sobald Wilhelm König war, begannen nur zu viele
Whigs Rache zu fordern für Alles was sie in den Tagen des
Ryehousecomplots von der Hand der Tories erduldet hatten. Bei beiden
Gelegenheiten wurde es dem Souverain schwer, die besiegte Partei vor der
Wuth seiner triumphirenden Anhänger zu schützen, und bei beiden
Gelegenheiten murrten Die, deren Rache er vereitelt hatte, heftig gegen
die Regierung, die so schwach und undankbar gewesen war, ihre Feinde
gegen ihre Freunde in Schutz zu nehmen.
Schon am 25. März machte Wilhelm die Gemeinen auf die Zweckmäßigkeit der
Maßregel aufmerksam, die öffentliche Meinung durch eine Amnestie zu
beschwichtigen. Er sprach die Hoffnung aus, daß eine Bill für
allgemeines Vergeben und Vergessen so bald als möglich ihm zur
Genehmigung vorgelegt und daß keine anderen Ausnahmen gemacht werden
würden, als die für die Aufrechthaltung der öffentlichen Gerechtigkeit
und für die Sicherheit des Staats absolut nothwendig erschienen. Die
Gemeinen waren einstimmig dafür, ihm für diesen Beweis seiner
väterlichen Güte zu danken; allein sie ließen viele Wochen vergehen,
ohne einen Schritt zur Erfüllung seines Wunsches zu thun. Als der
Gegenstand endlich wieder zur Sprache gebracht wurde, geschah dies auf
eine Art, welche deutlich bewies, daß die Majorität nicht den ernsten
Willen hatte, der Ungewißheit ein Ende zu machen, welche allen
denjenigen Tories, die sich bewußt waren, in ihrem Eifer für die
Prärogative zuweilen die vom Gesetz gezogene strenge Grenze
überschritten zu haben, das Leben verbitterte. Es wurden zwölf
Kategorien gebildet, von denen einige so umfassend waren, daß sie
Zehntausende von Delinquenten in sich schlossen, und das Haus beschloß,
daß in jeder dieser Kategorien einige Ausnahmen gemacht werden sollten.
Dann kam die Prüfung der einzelnen Fälle. Zahlreiche Angeklagte und
Zeugen wurden vor die Schranken citirt. Die Debatten waren lang und
heftig, und es stellte sich bald heraus, daß die Arbeit kein Ende nehmen
werde. Der Sommer verging und der Herbst rückte heran; die Session
konnte nicht viel länger dauern, und von den zwölf einzelnen
Untersuchungen, welche die Gemeinen vorzunehmen beschlossen hatten,
waren erst drei beendigt. Es war demnach nöthig, die Bill für dieses
Jahr fallen zu lassen.[28]
Die letzten Tage Jeffreys'.
Unter den vielen Verbrechern, deren Namen im Laufe dieser Untersuchung
genannt wurden, befand sich einer, der an Schuld und Schande einzig und
unerreicht dastand und den sowohl Whigs als Tories der äußersten Strenge
des Gesetzes zu überlassen geneigt waren. An dem fürchterlichen Tage,
auf den die Irische Nacht folgte, hatte das Wuthgebrüll einer um ihre
Rache betrogenen großen Stadt Jeffreys bis an die Zugbrücke des Towers
begleitet. Obwohl seine Einkerkerung nicht streng gesetzmäßig war, nahm
er doch anfangs mit Dank und Segenswünschen den Schutz an, den diese
düsteren, durch so viele Verbrechen und Leiden berüchtigten Mauern ihm
vor der Wuth der Menge gewährten.[29] Bald kam er jedoch zu der
Ueberzeugung, daß sein Leben noch immer sehr gefährdet sei. Eine Zeit
lang schmeichelte er sich mit der Hoffnung, daß ein Habeascorpusbefehl
ihn aus seiner Haft befreien und daß er im Stande sein werde, in ein
fremdes Land zu entkommen und sich mit einem Theile seines
übelerworbenen Reichthums vor dem Hasse der Menschheit zu verbergen.
Aber bis zur Feststellung der Regierung gab es keinen Gerichtshof, der
zur Ausstellung eines Habeascorpusbefehls befugt gewesen wäre, und
sobald die Regierung festgestellt war, wurde die Habeascorpusacte
suspendirt.[30] Ob Jeffreys des Mordes in legalem Sinne überführt werden
konnte, steht zu bezweifeln. Moralisch aber war er so vieler Mordthaten
schuldig, daß, wenn es kein andres Mittel gegeben hätte, seinem Leben
beizukommen, die ganze Nation eine retrospective Verurtheilungsacte
stürmisch gefordert haben würde. Die Neigung, über einen Gefallenen zu
triumphiren, gehörte nie zu den vorwiegenden Untugenden der Engländer;
aber der Haß gegen Jeffreys war ohne Beispiel in unsrer Geschichte und
entsprach nur zu sehr dem Blutdurste seines eignen Characters. Das Volk
war in Bezug auf ihn eben so grausam als er selbst und frohlockte über
seinen Schmerz, wie er gewohnt gewesen war, über den Schmerz
Verurtheilter, die ihr Todesurtheil anhörten, und trauernder Familien zu
frohlocken. Der Pöbel versammelte sich vor seinem verödeten Hause in
Duke Street und las unter schallendem Gelächter an seiner Thür die
Anschläge, welche den Verkauf seines Eigenthums verkündeten. Selbst
zarte Frauen, die für Straßenräuber und Diebe Thränen hatten, athmeten
nichts als Rache gegen ihn. Die Spottlieder auf ihn, welche in der Stadt
verkauft wurden, zeichneten sich durch eine selbst damals seltene
Heftigkeit aus. Der Henkertod sei viel zu mild, ein Grab unter dem
Galgen eine viel zu ehrenvolle Ruhestätte für ihn, er müsse an einen
Karren angebunden und zu Tode gepeitscht, er müsse wie ein Indianer
gemartert, er müsse lebendig verschlungen werden. Die Straßendichter
zertheilten alle seine Glieder mit cannibalischer Grausamkeit und
berechneten wie viel Pfund Fleisch von seinem wohlgenährten Corpus
losgeschnitten werden könnten. Die Wuth seiner Feinde ging sogar soweit,
daß sie in einer in England selten gehörten Sprache den Wunsch
ausdrückten, er möge dahin gehen, wo Heulen und Zähnklappern sei, zu dem
Wurme, der niemals stirbt, zu dem Feuer, das nimmer verlöscht. Sie
riethen ihm, sich mittelst seiner Kniebänder aufzuhängen und sich mit
seinem Rasirmesser den Hals abzuscheiden. Sie richteten das gräßliche
Gebet zum Himmel, daß er der Reue unzugänglich sein und als der nämliche
herzlose, nichtswürdige Jeffreys sterben möge, der er im Leben gewesen
war.[31] Eben so feigherzig im Unglück wie übermüthig und unmenschlich
im Glück, sank ihm unter der Last der öffentlichen Verachtung gänzlich
der Muth. Seine von Haus aus schlechte und durch Unmäßigkeit sehr
geschwächte Constitution wurde durch Verzweiflung und Angst völlig
zerrüttet. Er wurde von einer schmerzhaften inneren Krankheit gepeinigt,
welche selbst die geschicktesten Aerzte der damaligen Zeit selten zu
heben vermochten. Nur ein Trost blieb ihm: der Branntwein. Selbst wenn
er Untersuchungen zu leiten und Berathungen beizuwohnen hatte, ging er
selten nüchtern zu Bett. Jetzt, wo er seinen Geist mit nichts als
entsetzlichen Rückerinnerungen und entsetzlichen Ahnungen beschäftigen
konnte, gab er sich rückhaltlos seinem Lieblingslaster hin. Viele
glaubten, er wolle durch Unmäßigkeit sein Leben verkürzen. Er hielte es
für besser, meinten sie, im Zustande der Trunkenheit aus der Welt zu
gehen, als sich von Ketch zerhacken, oder vom Pöbel zerreißen zu lassen.
Einmal wurde er aus seiner jammervollen Verzagtheit durch eine angenehme
Empfindung aufgerüttelt, der jedoch alsbald eine kränkende Enttäuschung
folgte. Es war ein Packet für ihn im Tower abgegeben worden, das ein
Fäßchen Colchesteraustern, sein Lieblingsgericht zu enthalten schien. Er
war tief bewegt, denn es giebt Augenblicke, wo Diejenigen, welche am
wenigsten Zuneigung verdienen, sich mit dem Gedanken schmeicheln, daß
sie solche einflößen. »Gott sei Dank!« rief er aus; »ich habe doch noch
Freunde.« Er öffnete das Fäßchen, und aus einem Haufen Austernschalen
fiel ein starker Strick.[32]
Es scheint nicht, daß einer der Schmeichler oder Narren, die er mit dem
geraubten Gute seiner Schlachtopfer bereichert hatte, ihn in der Zeit
der Trübsal tröstete. Doch war er nicht gänzlich verlassen. Johann
Tutchin, den er dazu verurtheilt hatte, sieben Jahre lang alle vierzehn
Tage ausgepeitscht zu werden, machte sich auf den Weg nach dem Tower und
besuchte den gestürzten Tyrannen. Der arme Jeffreys, obwohl bis in den
Staub gedemüthigt, benahm sich mit verworfener Höflichkeit und bestellte
Wein. »Ich freue mich, Sir,« sagte er, »Sie bei mir zu sehen.« -- »Und
ich,« entgegnete der schadenfrohe Whig, »freue mich, Eure Lordschaft
hier zu sehen.« -- »Ich diente meinem Herrn,« versetzte Jeffreys, »dies
war meine Gewissenspflicht.« -- »Wo hatten Sie Ihr Gewissen, als sie in
Dorchester jenes Urtheil über mich verhängten?« -- »Meine Instructionen
lauteten dahin,« antwortete Jeffreys gleißnerisch, »daß ich gegen Männer
wie Sie, Männer von Talent und Muth, keine Nachsicht üben sollte. Als
ich an den Hof zurückkam, wurde ich wegen meiner Milde getadelt.[33]«
Selbst Tutchin scheint trotz der Heftigkeit seines Grolls und trotz der
Größe der ihm widerfahrenen Unbilden durch das jammervolle Schauspiel,
das er anfangs mit rachsüchtiger Schadenfreude betrachtete, ein wenig
gerührt worden zu sein. Er leugnete stets die Wahrheit des Gerüchts, daß
er Derjenige gewesen sei, der das Colchesterfaß in den Tower geschickt
habe.