Zwistigkeiten im englischen Parlament 5
Russell's Todesurtheil umgestoßen 5
Umstoßung anderer Verurtheilungen 7
Das Erkenntniß gegen Samuel Johnson 7
Das Erkenntniß gegen Devonshire 8
Das Erkenntniß gegen Oates 8
Rechtsbill 14
Streitigkeiten wegen einer Indemnitätsbill 16
Die letzten Tage Jeffreys' 18
Die Whigs unzufrieden mit dem Könige 21
Maßlose Heftigkeit Howe's 22
Angriff gegen Caermarthen 22
Angriff auf Halifax 23
Vorbereitungen zu einem Feldzuge in Irland 26
Schomberg 27
Unterbrechung der Parlamentssitzungen 28
Zustand Irland's -- Rath Avaux' 28
Entlassung Melfort's 32
Schomberg landet in Ulster 32
Carrickfergus genommen 32
Schomberg rückt weiter nach Leinster 33
Die englische und die irische Armee campiren nahe bei einander 33
Schomberg lehnt eine Schlacht ab 34
Betrügereien des englischen Kriegscommissariats 34
Verschwörung unter den in englischen Diensten stehenden 36
französischen Truppen
Pestilenz in der englischen Armee 36
Die englische und die irische Armee beziehen ihre 38
Winterquartiere
Verschiedene Meinungen über Schomberg's Verfahren 39
Marineangelegenheiten 40
Torrington's schlechte Verwaltung 41
Die festländischen Angelegenheiten 42
Gefecht bei Walcourt 43
Anschuldigungen gegen Marlborough 44
Alexander VIII. folgt Innocenz XI. auf dem päpstlichen Stuhle 45
Der Klerus der Hochkirche über die Angelegenheit der Eide 45
gespalten
Argumente für Leistung der Eide 46
Argumente gegen die Eidesleistung 48
Die große Mehrheit des Klerus leistet die Eide 52
Die Eidverweigerer 53
Ken 54
Leslie 55
Sherlock 56
Hickes 57
Collier 58
Dodwell 59
Kettlewell. Fitzwilliam 60
Allgemeiner Character des eidverweigernden Klerus 61
Der Comprehensionsplan. Tillotson 64
Eine kirchliche Commission ernannt 65
Maßregeln der Commission 66
Die Convocation der Provinz Canterbury einberufen. Stimmung 70
des Klerus
Die Geistlichkeit unzufrieden mit dem König 70
Der Klerus durch das Verhalten der schottischen Presbyterianer 72
gegen die Dissenters erbittert
Einrichtung der Convocation 74
Wahl der Convocationsmitglieder 75
Verleihung geistlicher Aemter 75
Compton ist unzufrieden 76
Zusammentritt der Convocation 77
Die Hochkirchlichen im Unterhause der Convocation überwiegend 78
Meinungsverschiedenheit zwischen den beiden Häusern der 79
Convocation
Das Unterhaus der Convocation erweist sich als unlenksam 80
Die Convocation prorogirt 81
Zwistigkeiten im englischen Parlament.
Vierundzwanzig Stunden vor dem Augenblicke, wo der Krieg in Schottland
durch die Niederlage der celtischen Armee bei Dunkeld beendigt wurde,
ging das Parlament zu Westminster auseinander. Die beiden Häuser waren
seit dem Monat Januar ununterbrochen versammelt gewesen. Die in einen
engen Raum eingepferchten Gemeinen hatten viel von der Hitze und
Unbehaglichkeit zu leiden gehabt und die Gesundheit manches Mitgliedes
war erschüttert worden. Das Ergebniß stand jedoch in keinem Verhältniß
zu der gehabten Arbeit. Die letzten drei Monate der Session waren fast
ganz mit Streitereien vergeudet worden, welche im Gesetzbuche keine Spur
zurückgelassen haben. Das Fortschreiten heilsamer Gesetze war durch
Häkeleien bald zwischen den Whigs und Tories, bald zwischen den Lords
und den Gemeinen gehemmt worden.
Die Revolution war kaum vollbracht, so zeigte es sich auch schon, daß
die Freunde der Ausschließungsbill ihre Leiden während des Uebergewichts
ihrer Feinde nicht vergessen hatten und daß sie sowohl Genugthuung
erlangen als Rache üben wollten. Schon vor der Wiederbesetzung des
Thrones ernannten die Lords einen Ausschuß, um zu untersuchen, was an
den grauenvollen Geschichten, welche über den Tod Essex' circulirten,
Wahres sei. Der aus eifrigen Whigs bestehende Ausschuß setzte seine
Untersuchungen so lange fort, bis alle vernünftigen Männer die
Ueberzeugung gewonnen hatten, daß er durch seine eigne Hand gefallen
war, und bis seine Gattin, seine Brüder und seine intimsten Freunde die
Nachforschungen nicht weitergeführt zu sehen wünschten.[1]
Russell's Todesurtheil umgestoßen.
Das Gedächtniß und die Familien, einiger anderer Opfer, welche dem
Bereiche menschlicher Macht entrückt waren, wurden ebenfalls, ohne
Opposition von Seiten der Tories, rehabilitirt. Bald nachdem die
Convention in ein Parlament verwandelt worden war, wurde den Peers eine
Bill zur Umstoßung des Todesurtheils Lord Russell's vorgelegt, rasch von
ihnen angenommen, in's Unterhaus geschickt und hier mit ungewöhnlichen
Zeichen von Bewegung begrüßt. Viele von den Mitgliedern hatten mit
Russel in dieser Kammer gesessen. Er hatte darin lange einen Einfluß
ausgeübt, ähnlich dem, welchen der wackere und menschenfreundliche
Althorpe, dessen sich Leute dieser Generation noch erinnerten, einst
ausübte, einen Einfluß, der seinen Grund nicht in überlegener
Gewandtheit in der Debatte oder im Vortrage, sondern in einer makellosen
Rechtschaffenheit, in einem schlichten gesunden Verstande und in jener
Freimüthigkeit, Einfachheit und Gutherzigkeit hatte, welche bei einem
durch Geburt und Vermögen hoch über seinen Nebenmenschen stehenden Manne
ganz besonders einnehmend und gewinnend sind. Die Whigs hatten in
Russell ein Oberhaupt verehrt und seine politischen Gegner hatten
zugegeben, daß er, wenn er nicht durch minder achtungswerthe und
schlauere Genossen als er irregeleitet würde, ein so braver und
gutherziger Gentleman sei wie irgend einer in England. Die männliche
Festlichkeit und christliche Ergebung, womit er in den Tod gegangen war,
die Trauer seines edlen Hauses, der Schmerz seines der Stütze beraubten
Vaters, die vernichtete Zukunft seiner verwaisten Kinder,[2] und vor
Allem der Verein von weiblicher Zärtlichkeit und engelgleicher Geduld in
der Frau, die dem wackeren Dulder das Theuerste gewesen war, die vor den
Schranken des Gerichts mit der Feder in der Hand an seiner Seite
gesessen, die düstre Einsamkeit seines Kerkers erheitert und an seinem
letzten Tage die Denkwürdigkeit des großen Opfers mit ihm getheilt,
hatten die Herzen vieler gerührt, welche sonst nicht gewohnt waren,
einen Gegner zu bemitleiden. Daß Russell viele gute Eigenschaften
besessen, daß er den besten Willen gehabt hatte und daß man hart gegen
ihn verfahren war, wurde jetzt selbst von höfischen Juristen, welche
sein Blut hatten vergießen helfen, und von höfischen Theologen
zugegeben, welche ihr Möglichstes gethan hatten, um seinen Ruf zu
verunglimpfen. Als daher das Pergament, welches sein Todesurtheil
annullirte, auf den Tisch der Versammlung gelegt wurde, in der noch vor
acht Jahren seine Züge und seine Stimme so wohl bekannt gewesen, war die
Aufregung groß. Ein bejahrtes whiggistisches Mitglied versuchte zu
sprechen, wurde aber von seinen Gefühlen überwältigt. »Ich kann,« sagte
er, »den Namen Mylord Russell's nicht aussprechen, ohne tief ergriffen
zu werden. Es genügt ihn zu nennen. Mehr vermag ich nicht zu sagen.«
Viele Blicke richteten sich nach der Gegend des Saales, wo Finch saß.
Die höchst ehrenwerthe Art und Weise, wie er ein einträgliches Amt
niedergelegt, sobald er sich überzeugt hatte, daß er es nicht behalten
konnte, ohne das Dispensationsrecht zu unterstützen, und die bedeutende
Rolle, die er bei der Vertheidigung der Bischöfe gespielt, hatten viel
dazu beigetragen, seine Fehler wieder gut zu machen. Doch an diesem Tage
konnte man sich der Erinnerung nicht erwehren, daß er eifrig bemüht
gewesen war als Kronanwalt das Urtheil auszuwirken, das jetzt feierlich
widerrufen werden sollte. Er erhob sich und versuchte sein Verfahren zu
rechtfertigen, aber weder sein juristischer Scharfsinn, noch der
fließende und wohlklingende Vortrag, der eine erbliche Gabe in seiner
Familie war und dessen sich kein Mitglied seiner Familie in reicherem
Maße erfreute als er, halfen ihm bei dieser Gelegenheit etwas. Das Haus
war nicht in der Stimmung ihn anzuhören und unterbrach ihn mehrmals mit
dem Rufe »zur Ordnung.« Er sei, sagte man ihm, mit großer Nachsicht
behandelt und nicht in Anklagestand versetzt worden. Warum versuche er
jetzt, unter dem Vorwande, sich zu rechtfertigen, entehrende
Beschuldigungen auf einen berühmten Namen zu werfen und einen Justizmord
zu entschuldigen? Er mußte sich wieder setzen, nachdem er erklärt hatte,
daß er sich nur von der Anschuldigung habe reinigen wollen, die Grenzen
seiner Amtspflicht überschritten zu haben, daß er jede Absicht, das
Gedächtniß Lord Russell's zu verunglimpfen, zurückweise, und daß ihn die
Umstoßung des Urtels aufrichtig freuen werde. Ehe das Haus
auseinanderging, wurde die Bill noch einmal verlesen, und sie würde auf
der Stelle zum dritten Male verlesen und angenommen worden sein, wären
nicht einige Zusätze und Auslassungen vorgeschlagen worden, von denen
man glaubte, daß sie die Genugthuung vollständiger machen würden. Die
Amendements wurden mit großer Eil entworfen, die Lords stimmten
denselben bei, und der König gab mit Freuden seine Genehmigung.[3]
Umstoßung anderer Verurtheilungen.
Dieser Bill folgten bald drei andere, welche drei abscheuliche und
empörende Todesurtheile annullirten: das Todesurtheil Sidney's, das
Todesurtheil Cornish's und das Todesurtheil der Alice Lisle.[4]
Das Erkenntniß gegen Samuel Johnson.
Einige noch lebende Whigs erlangten ohne Mühe Genugthuung für Unbilden,
die sie unter der vorigen Regierung erlitten hatten. So wurde das
Erkenntniß gegen Samuel Johnson von den Gemeinen in Erwägung gezogen.
Die Resolution lautete dahin, daß die ihm zuerkannte körperliche
Züchtigung grausam sei und daß seine Degradation keine Rechtskraft habe.
Der letztere Punkt konnte nicht bestritten werden, denn Johnson war
durch die Prälaten degradirt worden, welche die Diöcese London während
Compton's Suspension verwaltet hatten. Compton aber war durch ein Decret
der Hohen Commission suspendirt worden, und die Decrete der Hohen
Commission wurden allgemein als ungültig anerkannt. Johnson war daher
seines Priesterrocks durch Personen beraubt worden, welche keine
Jurisdiction über ihn hatten. Die Gemeinen ersuchten den König, daß er
den Dulder durch ein geistliches Amt entschädigen möchte.[5] Wilhelm
überzeugte sich jedoch, daß er diesem Gesuche ohne große Inconvenienz
nicht willfahren könne. Denn Johnson war, obgleich muthig, rechtschaffen
und religiös, doch stets heftig, widersetzlich und streitsüchtig
gewesen, und seitdem er um seiner Meinungen willen Qualen erduldet
hatte, welche schrecklicher waren als der Tod, hatten sich die Schwächen
seines Characters und seines Verstandes dergestalt verschlimmert, daß er
den Niederkirchlichen eben so unangenehm war als den Hochkirchlichen.
Gleich vielen anderen Menschen, welche durch Vergnügen, Gewinn oder
Gefahr nicht vorn Pfade des Rechts abgebracht werden können, hielt er
die Regungen seines Stolzes und seines Hasses irrig für die Mahnungen
des Gewissens und betrog sich in den Glauben hinein, daß er, indem er
Freunden wie Feinden ohne Unterschied mit Anmaßung und Bitterkeit
begegnete, nur seinen christlichen Glauben und Muth beweise. Burnet
machte ihn sich zum Todfeinde, weil er ihn zur Geduld und zum Vergeben
von Ungerechtigkeiten ermahnte. »Sagt Sr. Lordschaft,« antwortete der
unbeugsame Priester, »er möge sich um seine Angelegenheiten kümmern und
mich für die meinigen selbst sorgen lassen.[6]« Man begann bald zu
munkeln, daß Johnson den Verstand verloren habe. Er beschuldigte Burnet
der Urheberschaft dieses Gerüchts und rächte sich durch Schmähschriften,
deren maßlose Heftigkeit die Behauptung, die sie widerlegen sollten, nur
bestätigten. Der König hielt es daher für besser, aus seiner
Privatchatulle eine freigebige Entschädigung für das Unrecht zu
bewilligen, von dem die Gemeinen ihn in Kenntniß gesetzt hatten, als
einem überspannten und reizbaren Manne eine angesehene des öffentlichen
Vertrauens bedürfende Stellung zu übertragen. Johnson erhielt ein
Geschenk von tausend Pfund und eine jährliche Pension von dreihundert
Pfund für sich und seinen nächsten Leibeserben. Sein Sohn wurde überdies
im Dienste angestellt.[7]
Das Erkenntniß gegen Devonshire.
Während die Gemeinen das Urtheil Johnson's in Erwägung zogen,
untersuchten die Lords mit Strenge das Prozeßverfahren, welches unter
der vorigen Regierung gegen ein Mitglied ihres eignen Standes, den Earl
von Devonshire, eingeleitet worden war. Die Richter, welche über ihn
abgeurtheilt hatten, wurden umständlich ausgefragt und eine Resolution
angenommen, welche erklärte, daß in seinem Falle die Vorrechte der
Pairie verletzt und daß der Gerichtshof der Kings Bench, indem er einen
übereilten Schlag mit einer Geldbuße von dreißigtausend Pfund bestraft,
der gemeinen Justiz und der großen Charte Gewalt angethan habe.[8]
Das Erkenntniß gegen Oates.
In den vorerwähnten Fällen scheinen alle Parteien in der Ansicht
übereingestimmt zu haben, daß eine öffentliche Genugthuung angemessen
sei. Bald aber wurden die heftigsten Leidenschaften der Whigs wie der
Tories durch die geräuschvollen Ansprüche eines Schurken erregt, dessen
Leiden, so hart sie auch scheinen mochten, im Vergleich mit seinen
Verbrechen unbedeutend gewesen waren. Oates war zurückgekommen, wie ein
Geist von der Richtstätte, um die Orte heimzusuchen, die er durch seine
Verbrechen befleckt hatte. Die ersten vierthalb Jahre nach seiner
Züchtigung hatte er in einer Zelle von Newgate zugebracht, die er nur
verlassen, wenn er an den Jahrestagen seiner Meineide an den Pranger
gestellt wurde. Viele Fanatiker sahen jedoch immer noch einen Märtyrer
in ihm, und man sagte sie hätten seine Kerkermeister in so weit zu
bestechen vermocht, daß seine Leiden, trotz der bestimmtesten Befehle
von Seiten der Regierung, durch manche Begünstigungen gemildert worden
seien. Während andere Gefangene, welche im Vergleich zu ihm unschuldig
waren, bei der Gefängnißkost abmagerten, wurde sein Tisch mit
Truthühnern und Lendenbraten, mit Kapaunen und Spanferkeln, mit
Wildpasteten und Körben Claret, den Spenden eifriger Protestanten
besetzt.[9] Als Jakob von Whitehall geflüchtet und London in Bestürzung
war, wurde in dem Rathe der Lords, welche die Leitung der Geschäfte
provisorisch übernommen hatten, die Freilassung des Oates beantragt. Der
Antrag wurde verworfen,[10] aber die Kerkermeister, welche nicht wußten,
wem sie in dieser Zeit der Anarchie gehorchen sollten und die es mit
einem Manne nicht verderben wollten, der einst ein furchtbarer Feind
gewesen war und es vielleicht wieder werden konnte, erlaubten ihrem
Gefangenen, frei in der Stadt umherzugehen.[11] Seine mißgestalteten
Beine und sein häßliches Gesicht, das durch den Verlust der
abgeschnittenen Ohren noch mehr entstellt worden, waren jetzt wieder
täglich in Westminsterhall und im Court of Requests zu sehen.[12] Er
hing sich an seine alten Gönner und gab ihnen in der schleppenden
Sprache, die er als ein Zeichen von Vornehmheit affectirte, die
Geschichte seiner Leiden und seiner Hoffnungen. Es sei unmöglich, sagte
er, daß jetzt, wo die gute Sache gesiegt habe, der Entdecker des
Complots übergangen werden könne. »Karl gab mir neunhundert Pfund
jährlich. Gewiß, Wilhelm wird mir mehr geben.«[13]
In wenigen Wochen brachte er sein Erkenntniß durch eine
Nichtigkeitsbeschwerde in das Haus der Lords. Dies ist ein
Appellationsact, welcher keine Thatbestandsfrage zur Erörterung bringt.
Während die Lords über die Nichtigkeitsbeschwerde zu Gericht saßen,
waren sie nicht berechtigt zu untersuchen, ob das Verdict, welches Oates
für schuldig erklärte, den Beweisen entsprach oder nicht. Sie hatten nur
zu erwägen, ob das Erkenntniß, angenommen auch, daß das Verdict den
Beweisen entsprach, gesetzmäßig war. Aber es würde selbst einem aus
altgedienten Magistratsbeamten bestehenden Tribunal schwer geworden
sein, und war einer Versammlung von Edelleuten, die sich alle stark zu
dieser oder jener Seite hinneigten und unter denen sich damals nicht ein
einziger befand, dessen Geist durch das Studium der Jurisprudenz
gebildet gewesen wäre, fast unmöglich, unverwandt auf den bloßen
Rechtspunkt zu blicken und von den speciellen Umständen des Falles
gänzlich zu abstrahiren. In den Augen einer Partei, die allerdings
selbst unter den whiggistischen Peers wahrscheinlich eine Minorität
bildete, war der Appellant ein Mann, der der Sache der Freiheit und der
Religion unschätzbare Dienste geleistet und der dafür mit einer
langjährigen Haft, mit entehrender Ausstellung und mit einer Tortur
belohnt worden war, an die man nicht ohne Schaudern zurückdenken konnte.
Die Majorität des Hauses betrachtete ihn jedoch richtiger als das
falscheste, böswilligste und schamloseste Geschöpf, das je den Namen
Mensch geschändet hatte. Bei dem Anblicke dieser frechen Stirn, bei dem
Tone dieser lügnerischen Zunge verloren sie alle Selbstbeherrschung.
Viele von ihnen erinnerten sich ohne Zweifel mit Beschämung und Reue,
daß sie sich von ihm hatten täuschen lassen und daß er sie noch das
letzte Mal wo er vor ihnen stand, durch einen Meineid bewogen hatte, das
Blut eines Mitglieds ihres eigenen hohen Standes zu vergießen. Es ließ
sich nicht erwarten, daß eine von solchen Gefühlen beseelte Versammlung
von Gentlemen mit der kalten Unparteilichkeit eines Gerichtshofes
verfahren werde. Ehe sie zu einer Entscheidung der Rechtsfrage kamen,
welche Titus ihnen vorgelegt hatte, hingen sie ihm eine Reihe von
Prozessen an. Er hatte eine Schrift drucken lassen, die seine Verdienste
und seine Leiden verherrlichte. Die Lords fanden einen Vorwand, um diese
Publikation eine Privilegiumsverletzung zu nennen und schickten ihn in
das Marschallgefängniß. Er petitionirte um seine Freilassung, aber es
wurde gegen sein Gesuch ein Einwurf geltend gemacht. Er hatte sich als
Doctor der Theologie gerirt, und ihre Lordschaften wollten ihn als
solchen nicht anerkennen. Er wurde vor ihre Schranken geführt und
gefragt, wo er graduirt worden sei. Seine Antwort lautete: »Auf der
Universität Salamanca.« Dies war ein neues Beispiel von seiner
Lügenhaftigkeit und Frechheit. Sein Salamanca-Doctortitel war viele
Jahre lang ein Lieblingsthema für alle toryistischen Satyriker von
Dryden abwärts, und selbst auf dem Festlande wurde der »Salamancadoctor«
ein allgemein gebräuchlicher Spottname.[14] Die Lords vergaßen in ihrem
Hasse gegen Oates die Würde ihres Standes so weit, daß sie diese
lächerliche Geschichte ernsthaft behandelten. Sie befahlen ihm, die
Worte »Doctor der Theologie« in seiner Petition zu streichen, er
entgegnete darauf, daß er dies mit gutem Gewissen nicht thun könne, und
in Folge dessen wurde er ins Gefängniß zurückgeschickt.[15]
Diese Präliminarien ließen unschwer errathen, welches Schicksal die
Nichtigkeitsbeschwerde haben würde. Oates' Vertheidiger war gehört
worden, und es trat kein Advokat gegen ihn auf. Die Richter wurden
aufgefordert, ihre Meinung abzugeben. Es waren neun von ihnen anwesend
und unter diesen neun befanden sich die Präsidenten der drei
Gerichtshöfe des gemeinen Rechts. Der einstimmige Ausspruch dieser
erfahrenen, gelehrten und rechtschaffenen Magistratspersonen lautete
dahin, daß der Gerichtshof der Kings Bench nicht befugt sei, einen
Priester seines heiligen Amtes zu entsetzen oder auf lebenslängliche
Haft zu erkennen und daß daher das Urtheil gegen Oates gesetzwidrig sei
und umgestoßen werden müsse. Die Lords hätten sich unzweifelhaft durch
diesen Ausspruch für gebunden erachten sollen. Daß sie Oates als den
schlechtesten Menschen von der Welt kannten, that nichts zur Sache. Für
sie, in ihrer Eigenschaft als Gerichtshof, mußte er ein Apellant sein
wie jeder andre. Aber ihr Unwille war heftig erregt und ihre
Gewohnheiten waren nicht von der Art, um sie zur Erfüllung richterlicher
Pflichten tauglich zu machen. Die Debatte drehte sich fast
ausschließlich um Dinge, welche gar nicht hatten erwähnt werden sollen.
Nicht ein einziger Peer hatte den Muth zu behaupten, daß das Urtheil
rechtskräftig sei; dagegen wurde viel von dem abscheulichen Character
des Apellanten, von der frechen Beschuldigung, die er gegen Katharine
von Braganza erhoben, und von den schlimmen Consequenzen gesprochen,
welche daraus hervorgehen müßten, wenn ein so schlechter Mensch als
Zeuge auftreten dürfe. »Es giebt nur eine Bedingung,« sagte der
Lordpräsident, »unter der ich mich dazu verstehen kann, das Urtel dieses
Menschen umzustoßen. Er ist von Aldgate nach Tyburn gepeitscht worden:
er muß von Tyburn nach Aldgate zurück gepeitscht werden.« Die Fragen
wurden gestellt. Zwanzig Peers stimmten für Umstoßung des Urtels,
fünfunddreißig für Bestätigung desselben.[16]
Diese Entscheidung machte großes Aufsehen, und nicht ohne Grund. Jetzt
wurde eine Frage erhoben, welche mit Recht die Besorgniß Jedermann's im
ganzen Königreiche erwecken mußte. Die Frage war die, ob es dem höchsten
Tribunale, dem Tribunale, von welchem in letzter Instanz die
werthvollsten Interessen jedes englischen Unterthanen abhingen,
freistehe, Rechtsfragen nach anderen als Rechtsgründen zu entscheiden
und einem Rechtsuchenden wegen der Verderbtheit seines moralischen
Characters sein anerkanntes gesetzliches Recht vorzuenthalten. Daß dem
höchsten Appellhofe nicht gestattet sein dürfe, unter den Formen einer
ordentlichen Justiz eine willkürliche Gewalt auszuüben, das fühlten die
talentvollsten Männer im Hause der Gemeinen tief, und Niemand tiefer als
Somers. Ihm und Denen, welche wie er argumentirten, stimmten in diesem
Falle eine Menge schwacher und hitzköpfiger Zeloten bei, welche Oates
noch immer als einen Volkswohlthäter betrachteten und glaubten, die
Existenz des papistischen Complots in Zweifel ziehen heiße eben so viel
als die Wahrheit der protestantischen Religion in Zweifel ziehen. Noch
denselben Morgen, nachdem die Peers ihre Entscheidung abgegeben hatten,
hörte man im Hause der Gemeinen sehr nachdrückliche Aeußerungen über die
Gerechtigkeit Ihrer Lordschaften. Drei Tage darauf wurde der Gegenstand
durch ein whiggistisches Mitglied des Geheimrath, Sir Robert Howard,
Abgeordneter für Castle Rising, zur Sprache gebracht. Er gehörte der
Berkshirelinie seiner vornehmen Familie an, einer Linie, die sich damals
der nicht beneidenswerthen Auszeichnung erfreute, ungemein fruchtbar an
schlechten Versmachern zu sein. Die Poesie der Howards von Berkshire war
der Spott dreier Generationen von Satyrikern. Der Spaß begann mit der
ersten Aufführung der »Rehearsal« und dauerte bis zur letzten Ausgabe
der »Dunciade«.[17] Aber trotz seiner schlechten Verse und einiger
Schwächen und Eitelkeiten, wegen denen er unter dem Namen Sir Positive
Atall auf die Bühne gebracht wurde, besaß Sir Robert im Parlamente das
Gewicht, das ein standhafter Parteimann von großem Vermögen, angesehenem
Namen, gewandtem Vortrage und entschlossenem Geiste fast immer
besitzt.[18] Als er sich erhob, um die Aufmerksamkeit der Gemeinen für
den Rechtsfall Oates' in Anspruch zu nehmen, begrüßten ihn einige
Tories, die von den nämlichen Leidenschaften beseelt waren, welche in
dem andren Hause vorherrschend gewesen, mit lautem Zischen. Trotz dieser
höchst unparlamentarischen Beleidigung beharrte er in seinem Vorhaben,
und es zeigte sich bald, daß er die Majorität für sich hatte. Einige
Redner priesen Oates' Patriotismus und Muth, andere sprachen ausführlich
über ein umlaufendes Gerücht, daß die Anwälte, deren sich die Krone
gegen ihn bedient, bedeutende Summen Geldes unter die Geschwornen
vertheilt hätten. Dies waren jedoch Dinge, in Bezug auf welche große
Meinungsverschiedenheit herrschte. Daß aber das Erkenntniß ungesetzlich
war, ließ sich nicht bestreiten. Die ausgezeichnetsten Juristen im Hause
der Gemeinen erklärten, daß sie in diesem Punkte mit dem Ausspruche, den
die Richter im Hause der Lords abgegeben, vollkommen übereinstimmten.
Die, welche gezischt hatten, als der Gegenstand zur Sprache gebracht
wurde, waren so wirksam eingeschüchtert, daß sie nicht auf Abstimmung
anzufragen wagten, und eine das Urtel annullirende Bill wurde ohne
Opposition eingebracht.[19]
Die Lords befanden sich in einer kritischen Lage. Den Ausspruch zu
widerrufen, wäre unangenehm gewesen, und sich in einen Streit mit dem
Unterhause über einen Gegenstand einzulassen, bezüglich dessen dieses
Haus klar im Rechte war und zu gleicher Zeit durch die Ansichten der
Rechtskundigen wie durch die Leidenschaften des Pöbels unterstützt
wurde, konnte gefährlich werden. Man hielt es daher für passend, einen
Mittelweg einzuschlagen. Es wurde eine Adresse an den König gerichtet,
die ihn ersuchte, Oates zu begnadigen.[20] Diese Concession aber machte
das Uebel nur schlimmer. Titus hatte, wie jeder andre Mensch, Anspruch
auf Gerechtigkeit, aber er war kein geeigneter Gegenstand für Gnade. War
das gegen ihn gefällte Urtel gesetzwidrig, so mußte es umgestoßen
werden; war es gesetzmäßig, so war kein Grund vorhanden, es irgendwie zu
mildern. Die Gemeinen blieben geziemenderweise fest, nahmen ihre Bill an
und schickten sie den Lords zu. Der einzige Theil dieser Bill, der einen
Einwurf zuließ, war der Eingang, worin nicht allein behauptet war, daß
das Urtel gesetzwidrig sei, eine Behauptung, die sich bei Einsicht der
Acten als richtig ergab, sondern auch daß das Verdict durch Bestechung
corrumpirt sei, eine Behauptung, die, mochte sie nun wahr oder falsch
sein, durch gar nichts bewiesen war.