Die veränderten Empfindungen, mit denen die Bewohner des Niederlandes

die Scenerie des Hochlandes betrachteten, war eng verbunden mit einer

nicht minder auffallenden Veränderung der Gesinnungen, mit denen sie den

hochländischen Menschenschlag betrachteten. Es ist kein Wunder, wenn die

wilden Schotten, wie man sie zuweilen nannte, im 17. Jahrhunderte von

den Sachsen als bloße Wilde angesehen wurden. Sonderbar aber ist es

gewiß, daß sie, obgleich sie als Wilde betrachtet wurden, nicht

Gegenstände des Interesses und der Neugierde waren. Die Engländer

studirten damals mit übergroßem Eifer die Sitten roher, durch große

Continente und Meere von unsrer Insel getrennter Nationen. Es erschienen

zahlreiche Bücher, welche die Gesetze, den Aberglauben, die Hütten, die

Mahlzeiten, die Trachten, die Hochzeiten und Bestattungsgebräuche der

Lappländer und Hottentotten, der Mohawks und Malayen beschrieben. Die

Theaterstücke und Gedichte aus jener Zeit sind reich an Anspielungen auf

die Gebräuche der afrikanischen Schwarzen und der amerikanischen

Rothhäute. Der einzige Barbar, nach dessen näherer Kenntniß Niemanden

verlangte, war der Hochländer. Fünf oder sechs Jahre nach der Revolution

veröffentlichte ein unermüdlicher Angler ein Werk über Schottland. Er

rühmte sich, im Laufe seiner Wanderungen von See zu See und von Bach zu

Bach kaum einen Winkel des Königreichs unerforscht gelassen zu haben.

Wenn wir aber seine Erzählung näher prüfen, so finden wir, daß er sich

nicht über die äußersten Grenzen der celtischen Region hinausgewagt hat.

Er sagt uns, daß er selbst von den Leuten, welche dicht bei den

Gebirgspässen wohnten, über die gälische Bevölkerung nichts habe

erfahren können. Wenige Engländer, schreibt er, hätten Inverary je

gesehen, und jenseit Inverary sei Alles ein Chaos.[60] Unter der

Regierung Georg's I. erschien ein Werk, welches einen sehr genauen

Bericht über Schottland zu geben behauptete und in diesem über

dreihundert Seiten starken Werke waren zwei geringschätzende Paragraphen

als für die Hochlande und die Hochländer genügend erachtet.[61] Wir

dürfen wohl zweifeln, ob im Jahre 1689 ein einziger von den zwanzig der

wohlbelesenen Gentlemen, welche Will's Kaffeehaus besuchten, wußte, daß

es innerhalb des Bereichs der vier Meere und in einer Entfernung von

weniger als fünfhundert Meilen von London viele Miniaturhöfe gab, in

deren jedem ein kleiner Fürst, umgeben von Leibgarden, Waffenträgern,

Musikern, einem erblichen Redner und einem erblichen Hofpoeten, einen

rohen Hofstaat unterhielt, eine rohe Justiz ausübte, Krieg führte und

Verträge schloß. So lange die alten gälischen Institutionen in voller

Kraft bestanden, war kein Bericht über sie von einem zur richtigen

Beurtheilung derselben befähigten Beobachter erschienen. Hätte ein

solcher Beobachter die Hochländer studirt, so würde er ohne Zweifel

darin ein inniges Gemisch der guten und schlechten Eigenschaften einer

uncivilisirten Nation gefunden haben. Er würde gefunden haben, daß das

Volk weder sein Vaterland noch seinen König liebte, daß es keine

Anhänglichkeit an ein größeres Gemeinwesen als den Clan, oder an eine

höhere Behörde als den Häuptling hatte. Er würde gefunden haben, daß das

dortige Leben durch ein Gesetzbuch der Moral und Ehre geregelt wurde,

welches himmelweit verschieden war von dem in friedlichen und

prosperirenden Gesellschaften geltenden. Er würde gelernt haben, daß ein

Messerstich in den Rücken oder ein Schuß hinter einem Felsblocke hervor

gebilligte Wege waren, um sich für Beleidigungen Satisfaction zu

verschaffen. Er würde Leute mit Stolz haben erzählen hören, wie sie oder

ihre Väter an Erbfeinden in einem benachbarten Thale eine Rache

ausgeübt, über welche alte Soldaten des dreißigjährigen Kriegs

geschaudert haben würden. Er würde gefunden haben, daß das

Räuberhandwerk für einen nicht nur unschuldigen, sondern sogar

ehrenvollen Beruf galt. Er würde allenthalben, wohin er den Blick

wendete, die allen Wilden characteristische Abneigung gegen eine

geregelte Thätigkeit, und die Geneigtheit, den schwersten Theil der

Handarbeit auf das schwächere Geschlecht zu wälzen, gesehen haben. Er

würde erstaunt sein über den Anblick athletischer Männer, die sich in

der Sonne wärmten, Lachse angelten oder Birkhühner schossen, während

ihre greisen Mütter, ihre schwangeren Frauen und ihre zarten Töchter die

dürftige Haferernte einbrachten. Und die Weiber beklagten sich nicht

über ihr hartes Loos. In ihren Augen war es ganz schicklich, daß ein

Mann, besonders wenn er den aristokratischen Titel Duinhe Wassel führte

und seine Mütze mit einer Adlerfeder schmückte, der Ruhe pflog, wenn er

nicht focht, jagte oder plünderte. Den Namen eines solchen Mannes in

Verbindung mit dem Handel oder mit einer mechanischen Beschäftigung zu

nennen, war eine Beleidigung. Der Landbau war zwar minder verachtet,

aber es war doch für einen hochgebornen Krieger eine viel angemessenere

Beschäftigung, fremdes Land zu plündern, als sein eignes zu bestellen.

Die Religion des größeren Theils der Hochlande war ein rohes Gemisch von

Papismus und Heidenthum. Das Symbol der Erlösung war mit heidnischen

Opfern und Beschwörungsformeln verbunden. Getaufte Menschen brachten dem

einen Dämon Libationen von Ale und setzten für einen andren Trankopfer

von Milch aus. Seher wickelten sich in Ochsenhäute und erwarteten so die

Inspiration, welche die Zukunft enthüllen sollte. Selbst unter den

Minstrels und Genealogen, deren erblicher Beruf es war, die Erinnerung

vergangener Ereignisse zu bewahren, würde ein Forscher nur sehr wenige

gefunden haben, welche lesen konnten. Er hätte in der That von einer

Küste zur andren reisen können, ohne eine Seite gedrucktes oder

geschriebenes Gälisch zu entdecken. Er würde seine Kenntniß des Landes

theuer haben bezahlen müssen. Er würde eben so große Beschwerden zu

ertragen gehabt haben, als wenn er sich unter den Eskimos oder Samojeden

befunden hätte. Hier und da im Schlosse eines vornehmen Lords, der einen

Sitz im Parlamente und im Geheimen Rathe hatte und der einen großen

Theil seines Lebens in den Städten des Südens zuzubringen pflegte, würde

er wohl Perrücken und gestickte Leibröcke, Silbergeschirr und feines

Leinzeug, Spitzen und Juwelen, französische Speisen und französische

Weine gefunden haben. In der Regel aber hätte er sich mit ganz anderen

Quartieren begnügen müssen. In vielen Wohnungen würden die Möbeln, die

Kost, die Kleidung, ja selbst das Haar und die Haut seiner Wirthe seine

Philosophie auf eine harte Probe gestellt haben. Er würde sich zuweilen

mit einer Hütte haben begnügen müssen, in der jeder Winkel von

Ungeziefer wimmelte. Er würde eine mit Torfrauch geschwängerte und durch

hunderterlei ekelhafte Dünste verpestete Luft eingeathmet haben. Zum

Abendessen würde ihm Korn, das nur zu Pferdefutter taugte, nebst einem

Napfe voll Blut von einer lebenden Kuh vorgesetzt worden sein. Einige

seiner Tischgenossen würden mit Hautausschlägen bedeckt, andere mit

Theer beschmiert gewesen sein wie die Schafe. Sein Lager würde der

nackte Erdboden gewesen sein, trocken oder naß, je nach dem Wetter, und

er würde sich von diesem Lager halb vergiftet durch den Gestank, halb

blind vom Torfrauch und halb wahnsinnig vor Jucken erhoben haben.[62]

Dies ist gewiß kein anziehendes Bild. Und doch würde ein einsichtsvoller

und vorurtheilsfreier Beobachter in dem Character und den Sitten dieses

rohen Volks etwas gefunden haben, was wohl Bewunderung und gute

Hoffnungen erwecken konnte. Sie besaßen einen Muth, der sich seitdem

durch Heldenthaten in allen vier Welttheilen erprobt hat. Ihre treue

Anhänglichkeit an ihren Stamm und an ihren Patriarchen war zwar vom

politischen Gesichtspunkte ein großes Uebel, hatte aber doch etwas von

dem Character einer Tugend. Das Gefühl war irregeleitet und regellos,

aber es war dennoch heroisch. Es muß eine gewisse Seelengröße in einem

Menschen wohnen, der die Gesellschaft, welcher er angehört und den

Führer, dem er folgt, mit einer Zuneigung liebt, welche stärker ist als

die Liebe zum Leben. Es ist wahr, der Hochländer machte sich kein

Gewissen daraus, das Blut eines Feindes zu vergießen, aber nicht minder

wahr ist es, daß er hohe Begriffe von der Pflicht der Treue gegen

Bundesgenossen und der Gastfreundschaft gegen Gäste hatte. Seine

räuberischen Gewohnheiten waren allerdings für das Gemeinwesen von

großem Nachtheil; aber Diejenigen irrten sehr, die da glaubten, daß er

irgend eine Aehnlichkeit mit den Schurken hatte, welche in reichen und

wohlgeordneten Staaten vom Diebstahle leben. Wenn er die Heerden von

Niederlandsfarmern vor sich her den Paß hinauf trieb, der in seine

heimathliche Schlucht führte, hielt er sich eben so wenig für einen

Dieb, wie ein Raleigh oder Drake sich für einen Dieb hielt, wenn er die

Ladungen der spanischen Galeonen theilte. Er war ein Krieger, der die

rechtmäßige Beute des Kriegs in Besitz nahm, eines Kriegs, der während

der fünfunddreißig Generationen, welche vorübergegangen waren, seitdem

die teutonischen Eroberer die Kinder des Bodens in die Gebirge getrieben

hatten, niemals unterbrochen worden war. Daß er zum Schutze des

friedlichen Gewerbfleißes mit der ganzen Strenge des Gesetzes bestraft

wurde, wenn man ihn bei einem Raube nach solchen Grundsätzen ergriff,

war vollkommen gerecht. Ungerecht aber war es, ihn in moralischer

Beziehung in eine Kategorie mit den Taschendieben, welche im

Drurylanetheater ihr Unwesen trieben, oder mit den Straßenräubern zu

werfen, welche auf Blackheath die Reisewagen anfielen. Sein maßloser

Geburtsstolz und seine Verachtung der Arbeit und des Handels waren zwar

große Schwächen und hatten weit mehr als die Rauhheit des Klima's und

die Unfruchtbarkeit des Bodens dazu beigetragen sein Vaterland arm und

uncultivirt zu erhalten. Doch auch dafür gab es einen Ersatz. Um gerecht

zu sein, muß man anerkennen, daß die patrizischen Tugenden unter der

Bevölkerung der Hochlande nicht minder weit verbreitet waren als die

patrizischen Fehler. Wie es keinen andren Theil der Insel gab, wo die

Leute trotz dürftiger Kleidung, Wohnung und Nahrung den müßigen

Schlaraffengewohnheiten einer Aristokratie in einem so hohen Grade

fröhnten, so gab es auch keinen Theil der Insel, wo diese Leute in einem

so hohen Grade die besseren Eigenschaften einer Aristokratie, Anmuth und

Würde des Benehmens, Selbstachtung und jenes edle Zartgefühl besaßen,

welches die Entehrung mehr fürchtet als den Tod. Ein Gentleman dieser

Art, dessen Kleider von jahrelangem Schmutze besudelt waren und in

dessen Hütte es ärger roch als in einem englischen Schweinestall, machte

häufig die Honneurs dieser Hütte mit einem vornehmen Anstande, welcher

des glänzenden Hofzirkels von Versailles würdig gewesen wäre. Obwohl er

eben so wenig Büchergelehrsamkeit besaß, wie der einfältigste

Ackerknecht England's, so würde es doch ein grober Irrthum gewesen sein,

hätte man ihn auf eine Stufe der Intelligenz mit diesen Ackerknechten

stellen wollen. Mit einer Wissenschaft kann der Mensch allerdings nur

durch Lesen genau bekannt werden. Aber die Künste der Poesie und der

Beredtsamkeit können in einem Zeitalter wo Bücher gänzlich oder doch

fast gänzlich unbekannt sind, der absoluten Vollkommenheit nahe gebracht

werden und einen großen Einfluß auf den Volksgeist ausüben. Der erste

große Lebens- und Sittenmaler hat mit einer Lebendigkeit, welche keinen

Zweifel zuließ, daß er die Natur treu copirte, den Eindruck geschildert,

den Beredtsamkeit und Gesang auf Zuhörer machten, die nicht einmal das

Alphabet kannten. Es ist wahrscheinlich, daß bei den Berathungen der

Hochländer Männer, welche dem Amte eines Dorfgerichtsschreibers nicht

gewachsen gewesen waren, Fragen über Krieg und Frieden, über Tribut und

Huldigung mit einem eines Halifax und Caermarthen würdigen Scharfsinn

erörterten, und daß bei den Banketen der Hochländer Minstrels, die nicht

lesen konnten, zuweilen Rhapsodien vortrugen, in denen ein verständiger

Kritiker Stellen gefunden haben würde, die ihn an die lieblichen Verse

Otway's oder an die kräftigen Strophen Dryden's erinnert hätten.

Es gab daher schon damals Beweise genug für die Rechtfertigung des

Glaubens, daß der Celte durch keine natürliche Inferiorität dem Sachsen

weit nachstand. Man hätte mit Gewißheit voraussagen können, daß, wenn

eine energische Polizei es dem Hochländer unmöglich gemacht hätte, ihm

zugefügtes Unrecht durch Gewalt zu rächen und sich seine Bedürfnisse

durch Raub zu verschaffen, wenn seine Anlagen durch den bildenden

Einfluß der protestantischen Religion und der englischen Sprache

entwickelt würden, wenn er die Zuneigung und Achtung, mit denen er sein

kleines Gemeinwesen und seinen kleinen Fürsten betrachten gelernt hatte,

auf sein Vaterland und dessen rechtmäßige Obrigkeit übertragen könnte,

das Königreich einen großen Zuwachs an Kraft für alle Zwecke des

Friedens wie des Kriegs erlangen würde.

So würde ohne Zweifel der Ausspruch eines unterrichteten und

unparteiischen Richters gelautet haben. Aber einen solchen Richter gab

es damals nicht. Die von den gälischen Provinzen weit entfernt wohnenden

Sachsen konnten nicht gut unterrichtet sein, und die in der Nähe dieser

Provinzen wohnenden Sachsen konnten nicht unparteiisch sein. Zwischen

Grenzbewohnern sind nationale Feindschaften jederzeit am heftigsten

gewesen, und die Feindschaft zwischen den Grenzbewohnern des Hochlandes

und denen des Niederlandes längs der ganzen Grenze war das Erzeugniß von

Jahrhunderten und wurde durch beständige Reibungen immer frisch

erhalten. Einmal wurden ganze Quadratmeilen Weideland von bewaffneten

Räubern aus dem Gebirge verwüstet. Ein andermal hingen ein Dutzend

Plaids in einer Reihe an den Galgen von Crieff oder Stirling. Es wurden

zwar auf dem streitigen Gebiete Jahrmärkte zum nothwendigen Austausch

von Waaren gehalten. Aber zu diesen Jahrmärkten kamen beide Theile

kampfgerüstet, und der Tag endete oftmals mit Blutvergießen. So war der

Hochländer ein Gegenstand des Hasses für seine sächsischen Nachbarn, und

von seinen sächsischen Nachbarn erfuhren die weiter von ihm entfernt

wohnenden Sachsen das Wenige, was sie über seine Sitten und Gewohnheiten

zu erfahren wünschten. Wenn die Engländer sich einmal herabließen, an

ihn zu denken -- und dies geschah selten -- so betrachteten sie ihn als

einen schmutzigen, gemeinen Wilden, als einen Sklaven, einen Papisten,

einen Halsabschneider und Räuber.[63]

Diese geringschätzende Abneigung erhielt sich bis zum Jahre 1745, worauf

derselben für kurze Zeit eine heftige Furcht und Wuth folgte. Das

ernstlich besorgte England bot seine ganze Macht auf und die Hochländer

wurden rasch, vollständig und für immer unterworfen. Eine kurze Zeit

lang schnaubte die englische Nation, noch erhitzt von dem neuerlichen

Kampfe, nichts als Rache. Das Gemetzel auf dem Schlachtfelde und auf dem

Schaffote genügte nicht, um den öffentlichen Blutdurst zu stillen. Der

Anblick des Tartan reizte den Pöbel von London zu einem Hasse, der sich

durch unmännliche Mißhandlungen an wehrlosen Gefangenen äußerte. Eine

politische und sociale Umwälzung fand in der ganzen celtischen Region

statt. Die Macht der Häuptlinge wurde gebrochen, das Volk entwaffnet,

der Gebrauch der alten Nationaltracht verboten, den alten räuberischen

Gewohnheiten wirksam Einhalt gethan, und kaum war diese Veränderung

durchgeführt, so begann ein sonderbarer Umschwung der öffentlichen

Meinung. Mitleid trat an die Stelle des Widerwillens. Die Nation

verwünschte die an den Hochländern verübten Grausamkeiten und vergaß,

daß sie selbst für diese Grausamkeiten verantwortlich war. Die nämlichen

Londoner, welche, so lange der Marsch Derby's noch in frischem Andenken

war, die gefangenen Rebellen verhöhnt und mit Steinen geworfen hatten,

gaben jetzt dem Fürsten, der den Aufstand niedergeworfen, den Spottnamen

des »Schlächters«. Die barbarischen Institutionen und Gebräuche, die

kein Sachse zur Zeit ihres Bestehens einer ernsten Prüfung werth

gehalten und von denen er nie anders als mit Verachtung gesprochen,

hatten nicht sobald aufgehört zu existiren, als sie Gegenstände der

Neugierde, des Interesses und selbst der Bewunderung wurden. Kaum waren

die Häuptlinge einfache Grundherren geworden, so begann man auch schon

gehässige Vergleiche zwischen der Habgier des Grundherrn und der

Nachsicht des Häuptlings anzustellen. Man schien vergessen zu haben, daß

das alte gälische Staatswesen für unvereinbar mit der Autorität des

Gesetzes befunden worden war, das Fortschreiten der Civilisation gehemmt

und mehr als einmal den Fluch des Bürgerkriegs über das Land gebracht

hatte. Wie man früher nur die abschreckende Seite dieses Staatswesens

gesehen hatte, so sah man jetzt nur die anziehende Seite desselben. Das

alte Band, sagte man, sei ein verwandtschaftliches gewesen, das neue sei

ein rein commercielles. Könne es etwas Beklagenswertheres geben, als daß

der Häuptling eines Stammes um eines geringfügigen Pachtrückstandes

willen Pächter vertreibe, die sein eigen Fleisch und Blut seien und

deren Vorfahren oftmals auf dem Schlachtfelde mit ihren Leibern seine

Vorfahren gedeckt hätten? So lange es gälische Räuber gab, waren sie von

der sächsischen Bevölkerung als hassenswerthes Ungeziefer betrachtet

worden, das ohne Gnade vertilgt werden müsse. Sobald aber die Vertilgung

bewerkstelligt, sobald das Vieh in den Engpässen von Perthshire eben so

sicher war als auf dem Markte zu Smithfield, wurde der Freibeuter zu

einem Romanhelden verherrlicht. So lange die gälische Tracht getragen

wurde, hatten die Sachsen sie für häßlich, für lächerlich, ja sogar für

höchst unanständig erklärt. Bald nachdem dieselbe verboten worden,

machten sie die Entdeckung, daß sie das anmuthigste Gewand von Europa

war. Die gälischen Bauwerke, die gälischen Gebräuche, der gälische

Aberglaube, die gälischen Dichtungen, seit vielen Jahrhunderten

geringschätzend vernachlässigt, begannen von dem Augenblicke an, wo die

gälischen Eigenthümlichkeiten zu verschwinden anfingen, die

Aufmerksamkeit der Gelehrten auf sich zu ziehen. Dieser Impuls war so

stark, daß, wo die Hochlande im Spiele waren, einsichtsvolle Männer

unbewiesenen Geschichten bereitwillig Glauben schenkten und Männer von

Geschmack ganz werthlosen Compositionen einen überspannten Beifall

zollten. Epische Gedichte, welche jeder geübte und vorurtheilsfreie

Kritiker auf den ersten Blick als fast gänzlich modern erkannt haben

würde und die, wenn sie als moderne Erzeugnisse veröffentlicht worden

wären, sofort den ihnen gebührenden Platz neben Blackmore's ^Alfred^ und

Wilkie's ^Epigoniad^ gefunden haben würden, wurden für funfzehnhundert

Jahr alt erklärt und allen Ernstes der Iliade zur Seite gestellt.

Schriftsteller von ganz andrer Art als die Betrüger, welche diese

Fälschungen fabrizirten, sahen ein, welcher gewaltige Eindruck durch

geschickte Schilderungen des früheren Hochlandlebens hervorgebracht

werden könnte. Alles Widerwärtige wurde gemildert, alles Schöne und Edle

mit besonderem Nachdruck hervorgehoben. Einige dieser Werke waren mit so

bewundernswerthem Geschick abgefaßt, daß sie, wie die historischen

Stücke Shakespeare's, die Geschichte ersetzten. Die Phantasiegebilde des

Dichters wurden für seine Leser zu Wirklichkeiten, die Orte, welche er

beschrieb, wurden geheiligte Stätten und das Ziel von Tausenden von

Pilgern. Bald war die Phantasie des Volks so ausschließend beschäftigt

mit Plaids, Tartschen und Claymores, daß die meisten Engländer die Namen

Schotte und Hochländer als gleichbedeutend betrachteten. Nur wenige

schienen zu wissen, daß zu einer noch nicht fernen Zeit ein Macdonald

oder ein Macgregor in seinem Tartan einem Bürger von Edinburg oder

Glasgow das war, was ein indianischer Jäger in seinem Kriegsschmucke

einem Bewohner von Philadelphia oder Boston ist. Künstler und

Schauspieler stellten Bruce und Douglas in gestreiften kurzen Röcken

dar. Eben so gut hätten sie Washington den Tomahawk schwingend und mit

einer Reihe Skalpen umgürtet darstellen können. Endlich erreichte diese

Mode einen Punkt, der nicht leicht überschritten werden konnte. Der

letzte britische König, der in Holyrood residirte, glaubte keinen

glänzenderen Beweis von seiner Achtung vor den Gebräuchen, welche vor

der Union in Schottland geherrscht hatten, geben zu können, als indem er

sich in einen Anzug kleidete, den vor der Union neun Schotten unter zehn

für die Tracht eines Banditen erklärt haben würden.

So ist es gekommen, daß die alten gälischen Institutionen und Sitten nie

in dem einfachen Lichte der Wahrheit dargestellt worden sind. Bis in die

Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden sie durch ein falsches Medium

gesehen; seitdem sind sie durch ein andres gesehen worden. Früher

schimmerten sie nur undeutlich durch den verdunkelnden und entstellenden

Nebel des Vorurtheils, und dieser Nebel hatte sich kaum zerstreut, so

erschienen sie glänzend in den reichsten Farben der Poesie. Die Zeit, wo

ein vollkommen treues Bild hätte entworfen werden können, ist jetzt

vorbei. Das Original ist längst verschwunden, eine authentische Copie

existirt nicht und Alles was noch möglich, ist die Herstellung einer

unvollkommenen Aehnlichkeit mit Hülfe zweier Portraits, von denen das

eine eine plumpe Karrikatur, das andre ein Meisterstück der Schmeichelei

ist.

Eigenthümlicher Character des Jakobitismus in den Hochlanden.

Unter den falschen Begriffen, die sich in Bezug auf die Geschichte und

den Character der Hochländer allgemein verbreitet haben, muß namentlich

einer berichtigt werden. Während des Jahrhunderts, das mit dem Feldzuge

Montrose's begann und mit dem Feldzuge des jungen Prätendenten schloß,

wurde jede im Interesse des Hauses Stuart auf britischem Boden

vollbrachte große kriegerische That durch die Tapferkeit gälischer

Stämme vollbracht. Die Engländer haben daher ganz natürlich diesen

Stämmen die Denkungsart englischer Cavaliere zugeschrieben: eine tiefe

Ehrfurcht vor der königlichen Würde und eine begeisterte Anhänglichkeit

an die königliche Familie. Eine nähere Untersuchung wird jedoch ergeben,

daß die Stärke dieser Gefühle bei den celtischen Clans sehr überschätzt

worden ist.

Wenn wir die Geschichte unserer bürgerlichen Zwistigkeiten studiren,

dürfen wir nie vergessen, daß dieselben Namen, Kennzeichen und

Kriegsrufe in verschiedenen Theilen der britischen Inseln eine ganz

verschiedene Bedeutung hatten. Wir haben bereits gesehen, wie wenig der

irische Jakobitismus und der englische Jakobitismus mit einander gemein

hatten. Der Jakobitismus des schottischen Hochländers war, wenigstens im

17. Jahrhundert, eine dritte, von den beiden anderen ganz verschiedene

Varietät. Die gälische Bevölkerung war in der That weit davon entfernt,

die Prinzipien des passiven Gehorsams und des Nichtwiderstandes

anzuerkennen. Das ganze alltägliche Leben dieser Bevölkerung war

eigentlich aus Ungehorsam und Widerstand zusammengesetzt. Gerade einige

von denjenigen Clans, die man allgemein als so enthusiastisch loyal zu

schildern gewohnt war, daß sie bereit sein würden, bis zum Tode treu zu

Jakob zu halten, selbst wenn er im Unrecht wäre, hatten, so lange er auf

dem Throne saß, seiner Autorität nie die geringste Achtung gezollt,

selbst wenn er offenbar im Rechte war. Es war ihre Gewohnheit, ihr Beruf

gewesen, ihm ungehorsam zu sein und ihm zu trotzen. Einige von ihnen

waren wegen des Verbrechens der Widerspenstigkeit gegen seine

gesetzmäßigen Befehle wirklich unter Hörnerklang proscribirt worden und

würden ohne Besinnen jeden seiner Beamten, der sich über die

Gebirgspässe hinaus gewagt hätte, um seinen Befehl zu vollziehen, in

Stücke zerrissen haben. Die englischen Whigs wurden von ihren Gegnern

beschuldigt, daß sie bezüglich des dem Staatsoberhaupte gebührenden

Gehorsams gefährlich lockeren Prinzipien huldigten. Indessen hat kein

ehrenwerther englischer Whig jemals den Aufruhr vertheidigt, außer als

ein seltenes und extremes Mittel gegen seltene und extreme Uebel. Aber

unter den celtischen Häuptlingen, deren Loyalität das Thema so vieler

feuriger Lobpreisungen gewesen ist, gab es mehrere, deren ganze Existenz

vom Knabenalter an ein einziger langer Aufruhr war. Von solchen Männern

durfte man offenbar nicht erwarten, daß sie die Revolution in dem Lichte

betrachten würden, in welchem dieselbe einem oxforder Eidverweigerer

erschien. Auf der andren Seite wurden sie nicht, wie die eingebornen

Irländer, durch Widerwillen gegen die sächsische Oberherrschaft zur

Ergreifung der Waffen gedrängt; der schottische Celte war dieser

Herrschaft niemals unterworfen gewesen. Er bewohnte sein eignes wildes

und unfruchtbares Gebiet und beobachtete seine eigenen nationalen

Gebräuche. In seinem Verkehr mit den Sachsen war er eher der Bedrücker

als der Bedrückte. Er erpreßte Räubertribut von ihnen, entführte ihre

Schaf- und Rinderheerden, und selten wagten sie es, ihn in seine

heimathliche Wildniß zu verfolgen. Sie hatten nie sein ödes Moos- und

Kiesland unter sich vertheilt. Er hatte nie den Thurm seiner erblichen

Häuptlinge von einem Usurpator in Besitz nehmen sehen, der nicht gälisch

sprach und der auf Alle die es sprachen, wie auf rohes Sklavenvolk

herabsah, auch waren seine nationalen und religiösen Gefühle nie durch

die Macht und durch den Glanz einer Kirche beleidigt worden, die er als

eine ausländische und zugleich ketzerische betrachtete.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Siebenter Band: enthaltend Kapitel 13 und 14. · 第 5 / 24 段