Krankheit hatte Melville verhindert, mit der holländischen Expedition

abzusegeln; aber wenige Stunden nachdem die neuen Herrscher in London

proklamirt worden waren, kam er daselbst an. Wilhelm schickte ihn

sogleich nach Edinburg, wie es scheint in der Hoffnung, daß die

Presbyterianer gemäßigten Rathschlägen aus dem Munde eines Mannes, der

ihrer Sache ergeben war und für dieselbe gelitten hatte, Gehör schenken

würden. Melville's zweiter Sohn, David, der durch seine Mutter den Titel

eines Earl von Leven geerbt und sich im Dienste des Kurfürsten von

Brandenburg einige militärische Erfahrung erworben, hatte die Ehre, der

Ueberbringer eines Briefes von dem neuen König von England an die

schottische Convention zu sein.[21]

Jakob's Agenten in Schottland: Dundee, Balcarras.

Jakob hatte die Leitung seiner Angelegenheiten in Schottland Johann

Graham, Viscount Dundee, und Colin Lindsay, Earl von Balcarras,

übertragen. Dundee hatte ein schottisches Truppencorps commandirt, das

in England eingerückt war, um den Engländern Widerstand zu leisten; aber

er hatte in dem ruhmlosen Feldzuge, der für die Dynastie Stuart

verderblich geworden war, keine Gelegenheit gehabt, den Muth und die

militärische Tüchtigkeit zu entfalten, deren Besitz ihm selbst

Diejenigen zugestehen, die seinen erbarmungslosen Character am tiefsten

verabscheuen. Er stand mit seinen Truppen nicht weit von Watford, als er

erfuhr, daß Jakob von Whitehall geflohen war und daß Feversham die ganze

königliche Armee aufzulösen befohlen hatte. So befanden sich die

schottischen Regimenter ohne Gold und ohne Lebensmittel inmitten einer

fremden und sogar feindlichen Nation. Dundee soll vor Schmerz und Wuth

geweint haben. Bald kamen jedoch von verschiedenen Seiten erfreulichere

Nachrichten. Wilhelm schrieb einige Zeilen, worin er sagte, daß, wenn

die Schotten sich ruhig verhielten, er mit seiner Ehre dafür einstehen

würde, daß ihnen nichts geschehen solle, und einige Stunden darauf

erfuhr man, daß Jakob in seine Hauptstadt zurückgekehrt war. Dundee

eilte sofort nach London.[22] Hier traf er mit seinem Freunde Balcarras

zusammen, der eben aus Edinburg angelangt war. Balcarras, ein Mann, der

sich durch angenehme Persönlichkeit und durch Bildung auszeichnete,

hatte in seiner Jugend den Patrioten gespielt, war aber der Sache des

Volks untreu geworden, hatte einen Sitz im Geheimrath angenommen, war

ein Werkzeug Perth's und Melfort's geworden, und war einer der

Commissare gewesen, welche zur Verwaltung des Schatzmeisteramts ernannt

wurden, als Queensberry in Ungnade fiel, weil er die Interessen der

protestantischen Religion nicht hatte verrathen wollen.[23]

Dundee und Balcarras gingen zusammen nach Whitehall und hatten die Ehre,

Jakob auf seinem letzten Spaziergange in der Mailbahn zu begleiten. Er

sagte ihnen, daß er seine Angelegenheiten in Schottland ihren Händen

anzuvertrauen gedenke. »Sie, Mylord Balcarras, müssen die Civilgeschäfte

übernehmen, und Sie, Mylord Dundee, sollen eine Vollmacht zur Uebernahme

des militärischen Commandos von mir erhalten.« Die beiden Lords

versprachen sich seines Vertrauens würdig zu zeigen und wiesen jeden

Gedanken an eine Aussöhnung mit dem Prinzen von Oranien entschieden

zurück.[24]

Am folgenden Tage verließ Jakob Whitehall für immer und der Prinz von

Oranien kam im St. Jamespalast an. Sowohl Dundee als Balcarras befanden

sich unter der Menge, welche zur Begrüßung des Befreiers herbeiströmte

und sie wurden nicht unfreundlich aufgenommen. Beide waren ihm

wohlbekannt. Dundee hatte auf den Continent unter ihm gedient,[25] und

Balcarras' erste Gemahlin war eine Dame aus dem Hause Oranien gewesen

und hatte an ihrem Hochzeitstage ein Paar prächtiger Smaragdohrringe

getragen, welche ihr Vetter, der Prinz, ihr zum Geschenk gemacht.[26]

Die schottischen Whigs, welche damals in großer Anzahl zu Westminster

versammelt waren, drangen ernstlich in Wilhelm, dem Namen nach vier oder

fünf Männer zu proscribiren, welche in den schlimmen Seiten bei den

Maßnahmen des Geheimrath zu Edinburg eine bedeutende Rolle gespielt

hatten. Dundee und Balcarras wurden speciell erwähnt. Aber der Prinz

hatte beschlossen, soweit seine Macht reichte, den Schleier einer

allgemeinen Amnestie über alles Vergangene zu werfen, und weigerte sich

entschieden, irgend eine Erklärung zu erlassen, die selbst den

strafbarsten der Diener seines Oheims hätte zur Verzweiflung bringen

können.

Balcarras begab sich zu wiederholten Malen in den St. Jamespalast, hatte

mehrere Audienzen bei Wilhelm, sprach seine tiefste Ehrerbietung gegen

Seine Hoheit aus und gestand zu, daß König Jakob große Fehler begangen

habe, wollte aber nicht versprechen, sich bei einem Absetzungsvotum zu

betheiligen. Wilhelm äußerte kein Mißfallen darüber, sagte aber beim

Abschiede: »Nehmen Sie Bedacht darauf, Mylord, daß Sie Sich innerhalb

des Gesetzes halten, denn wenn Sie es übertreten, haben Sie zu erwarten,

daß Sie demselben überlassen werden.«[27]

Dundee scheint weniger aufrichtig gewesen zu sein. Er bediente sich der

Vermittelung Burnet's, trat in Unterhandlung mit dem Hofe, erklärte

seine Bereitwilligkeit, sich der neuen Ordnung der Dinge zu unterwerfen,

erlangte von Wilhelm ein Protectionsversprechen und versprach dafür,

sich ruhig zu verhalten. Man schenkte seinen Versicherungen so vollen

Glauben, daß man ihm gestattete, unter der Eskorte eines Reitertrupps

nach Schottland zu reisen. Ohne eine solche Eskorte würde der

Blutmensch, dessen Name an dem Herde jeder presbyterianischen Familie

nicht ohne einen Schauder genannt wurde, unter den damaligen Umständen

eine gefährliche Reise durch Berwickshire und die Lothians gehabt

haben.[28]

Der Februar ging zu Ende, als Dundee und Balcarras in Edinburg ankamen.

Sie hatten einige Hoffnung, die Häupter einer Majorität in der

Convention zu werden, und sie bemühten sich daher kräftig, ihre Partei

zu consolidiren und zu beleben. Sie versicherten den strengen

Royalisten, welche Bedenken trugen, in einer von einem Usurpator

einberufenen Versammlung zu sitzen, der rechtmäßige König wünsche ganz

besonders, daß kein Freund der erblichen Monarchie fehle. Mehr als ein

Schwankender wurde dadurch fest erhalten, daß man ihm im Vertrauen

versicherte, eine baldige Restauration sei unvermeidlich. Gordon hatte

schon beschlossen, das Schloß zu übergeben, und angefangen, sein

Mobiliar fortzuschaffen; aber Dundee und Balcarras überredeten ihn, noch

einige Zeit auszuharren. Sie theilten ihm mit, daß sie aus

Saint-Germains volle Ermächtigung erhalten hätten, die Convention nach

Stirling zu verlegen und daß, wenn es in Edinburg schlecht gehen sollte,

von dieser Ermächtigung Gebrauch gemacht werden würde.[29]

Zusammentritt der Convention.

Endlich erschien der 14. März, der zum Zusammentritt der Stände

bestimmte Tag, und das Parlamentshaus war gedrängt voll. Neun Prälaten

waren auf ihren Plätzen. Als Argyle eintrat, protestirte ein einziger

Lord gegen die Zulassung eines Mannes, der durch ein in alter Form

ausgesprochenes und noch nicht umgestoßenes rechtskräftiges Erkenntniß

der Ehren der Pairie entkleidet worden sei. Dieser Einwurf wurde jedoch

durch die allgemeine Ansicht der Versammlung entkräftet. Als Melville

erschien, erhob sich keine Stimme gegen seine Zulassung. Der Bischof von

Edinburg fungirte als Kaplan und nahm in sein Gebet die Bitte auf, Gott

möge dem König Jakob beistehen und ihn wieder auf den Thron setzen.[30]

Es zeigte sich bald, daß die allgemeine Gesinnung der Convention mit

diesem Gebet durchaus nicht in Einklang stand. Die erste zu erledigende

Angelegenheit war die Wahl eines Präsidenten. Der Herzog von Hamilton

wurde von den Whigs, der Marquis von Athol von den Jakobiten

unterstützt. Aber keiner der beiden Candidaten besaß das volle Vertrauen

seiner Parteianhänger, und verdiente es auch nicht. Hamilton war ein

Staatsrath Jakob's gewesen, hatte an vielen nicht zu rechtfertigenden

Maßregeln Theil gehabt und hatte den frechsten Angriffen auf die Gesetze

und die Religion Schottland's einen nur sehr vorsichtigen und lauen

Widerstand entgegengesetzt. Erst als Whitehall von holländischen Garden

bewacht wurde, wagte er es sich offen auszusprechen. Er hatte sich nun

der siegreichen Partei angeschlossen und den Whigs versichert, daß er

nur deshalb zum Schein ihr Feind gewesen sei, um, ohne Verdacht zu

erwecken, als ihr Freund handeln zu können. Athol war noch weniger zu

trauen. Er besaß geringe Fähigkeiten und einen falschen, kleinmüthigen

und grausamen Character. Unter der letzten Regierung hatte er sich durch

die Grausamkeiten, die er in Argyleshire verübt, eine schmachvolle

Berühmtheit erworben. Er hatte mit dem Wechsel des Glücks die Farbe

gewechselt und hatte dem Prinzen von Oranien in serviler Weise den Hof

gemacht, war aber kalt aufgenommen worden und war nun aus bloßem Aerger

darüber zu der Partei zurückgekehrt, die er verlassen.[31] Keiner der

beiden rivalisirenden Edelleute hatte sich bemüßigt gefunden, die Würden

und Besitzungen seines Hauses auf den Ausgang des Kampfes zwischen den

beiden rivalisirenden Königen zu setzen. Hamilton's ältester Sohn hatte

sich für Jakob, Athol's ältester Sohn für Wilhelm erklärt, so daß für

alle Fälle beide Adelskronen und beide Güter gesichert waren.

Aber in Schottland waren die herrschenden Begriffe von politischer Moral

lax und das aristokratische Gefühl stark; die Whigs waren daher geneigt

zu vergeben, daß Hamilton noch unlängst im Staatsrathe Jakob's gesessen

hatte, und eben so waren die Jakobiten bereit zu vergessen, daß Athol

kürzlich Wilhelm den Hof gemacht. In Hinsicht der politischen

Inconsequenz waren diese beiden vornehmen Lords allerdings weit entfernt

vereinzelt dazustehen; an Ansehen und Macht aber hatten sie kaum ihres

Gleichen in der Versammlung. Sie waren von höchst vornehmer Herkunft und

besaßen einen ungeheuren Einfluß; der eine von ihnen konnte das

westliche Niederland zu den Waffen rufen, der andre eine Armee

nordischer Bergschotten ins Feld stellen. Um diese beiden Oberhäupter

schaarten sich daher die feindlichen Factionen.

Hamilton zum Präsidenten erwählt.

Die Stimmen wurden gezählt, und es ergab sich, daß Hamilton eine

Majorität von vierzigen hatte. In Folge dessen gingen etwa Zwanzig von

der geschlagenen Partei sofort zu den Siegern über.[32] In Westminster

würde ein solcher Abfall sonderbar erschienen sein; in Edinburg aber

scheint er wenig überrascht zu haben. Es ist ein bemerkenswerther

Umstand, daß das nämliche Land in dem nämlichen Jahrhundert die

wunderbarsten Beispiele von beiden Extremen der menschlichen Natur

hervorbrachte. Keine Klasse von Menschen, deren die Geschichte erwähnt,

hat je an einem Principe mit unbeugsamerer Hartnäckigkeit festgehalten,

als man sie bei den schottischen Puritanern fand. Geld- und

Gefängnißstrafen, Brandmarkungseisen, spanische Stiefel, Daumenschrauben

und Galgen vermochten dem starren Covenanter kein ausweichendes Wort zu

erpressen, welchem ein mit seinem theologischen System unvereinbarer

Sinn unterzuschieben gewesen wäre. Selbst in indifferenten Dingen wollte

er von keinem Vergleich hören und er war nur zu bereit, alle Diejenigen,

welche Klugheit und Nächstenliebe anempfahlen, als Verräther an der

Sache der Wahrheit zu betrachten. Auf der andren Seite waren die

Schotten jener Generation, welche im Parlamentshause und im Rathszimmer

eine hervorragende Rolle spielten, die falschesten und schamlosesten

Achselträger, welche die Welt je gesehen. Die Engländer wunderten sich

gleichmäßig über beide Klassen. Es gab zwar viele standhafte

Nonconformisten im Süden, aber kaum einer unter ihnen konnte sich an

Hartnäckigkeit, Kampflust und Unerschrockenheit mit den Männern aus der

Schule Cameron's messen. Es gab viele schurkische Politiker im Süden,

aber wenige darunter waren so vollständig aller Moralität und noch

wenigere so vollständig alles Schamgefühls bar wie die Männer aus der

Schule Lauderdale's. Vielleicht ist es natürlich, daß die gefühlloseste

und frechste Lasterhaftigkeit sich in der nächsten Nähe unvernünftiger

und unlenksamer Tugend findet. Wo Fanatiker bereit sind, wegen

Kleinigkeiten, die durch ein übermäßig scrupulöses Gewissen zu

Wichtigkeit erhoben werden, zu vernichten oder sich vernichten zu

lassen, da kann es nicht Wunder nehmen, wenn das Wort Gewissen an sich

schon für kalte und schlaue Geschäftsmänner ein Wort des Hohnes und der

Verachtung wird.

Wahlausschuß.

Die Majorität, verstärkt durch die Ueberläufer von der Minorität,

schritt nun zur Ernennung eines Wahlausschusses. Es wurden funfzehn

Mitglieder erwählt, und es zeigte sich bald, daß zwölf davon nicht

geneigt waren, die Regelmäßigkeit des Verfahrens streng zu untersuchen,

durch welches ein Whig in das Parlamentshaus geschickt worden war. Der

Herzog von Hamilton selbst soll über die grobe Parteilichkeit seiner

eignen Anhänger entrüstet gewesen sein und sich, allerdings mit geringem

Erfolge, bemüht haben, ihre Heftigkeit zu zügeln.[33]

Das Schloß von Edinburg zur Uebergabe aufgefordert.

Ehe die Stände mit der Berathung der Angelegenheit begannen, um deren

willen sie zusammengetreten waren, hielten sie es für nöthig, auf ihre

Sicherheit bedacht zu sein. Sie konnten nicht ganz unbesorgt sein, so

lange das Dach, unter dem sie saßen, von den Batterien des Schlosses

beherrscht wurde. Es wurde demnach eine Deputation an Gordon abgesandt,

um ihn im Namen der Convention aufzufordern, die Festung binnen

vierundzwanzig Stunden zu räumen, und ihm zu sagen, daß, wenn er sich

füge, seiner Vergangenheit nicht zu seinem Nachtheil gedacht werden

solle. Er bat um eine Nacht Bedenkzeit. Während dieser Nacht wurde sein

schwankender Sinn durch Dundee's und Balcarras' eindringliche

Vorstellungen befestigt. Am andren Morgen schickte er eine in

ehrerbietigen, aber ausweichenden Ausdrücken abgefaßte Antwort. Er

erklärte darin, er sei weit entfernt, Böses gegen die Stadt Edinburg im

Sinne zu haben. Am allerwenigsten könne es ihm einfallen, eine hohe

Versammlung zu belästigen, die er mit der größten Ehrfurcht betrachte.

Er sei gern bereit, Bürgschaft für sein friedliches Verhalten bis zum

Betrage von zwanzigtausend Pfund Sterling zu erlegen. Aber er stehe mit

der jetzt in England eingesetzten Regierung in Verbindung, er erwarte

stündlich Depeschen von dieser Regierung und bis zum Eingang derselben

halte er sich nicht für berechtigt, sein Commando niederzulegen. Diese

Entschuldigungen wurden nicht angenommen. Es wurden Herolde und

Trompeter abgeschickt, um das Schloß in aller Form zur Uebergabe

aufzufordern und Diejenigen, welche fortfahren sollten, diese Festung

der Autorität der Stände zum Trotz besetzt zu halten, des Hochverraths

für schuldig zu erklären. Zu gleicher Zeit wurden Wachen ausgestellt, um

jede Verbindung zwischen der Garnison und der Stadt abzuschneiden.[34]

Dundee von den Covenanters bedroht.

Unter diesen Vorspielen waren zwei Tage verstrichen und man erwartete,

daß am Morgen des dritten der große Kampf beginnen werde. Die

Bevölkerung von Edinburg war unterdessen in großer Aufregung. Man war

dahinter gekommen, daß Dundee auf dem Schlosse Besuche gemacht hatte,

und man glaubte, daß seine Ermahnungen die Garnison bewegen hätten,

Widerstand zu leisten. Man wußte, daß seine alten Soldaten sich um ihn

schaarten, und es stand wohl zu befürchten, daß er einen verzweifelten

Versuch unternehmen werde. Er dagegen hatte erfahren, daß die westlichen

Covenanters, welche die Keller der Stadt füllten, ihm Rache geschworen

hatten, und in der That, wenn wir erwägen, daß sie von beispiellos

wildem und unversöhnlichem Character waren, daß man sie gelehrt hatte,

das Erschlagen eines Verfolgers als eine Pflicht zu betrachten, daß

keine in der heiligen Schrift vorkommenden Beispiele ihnen häufiger zur

Bewunderung vorgehalten wurden als Ehud, wie er Eglon ersticht, und

Samuel, wie er Agag in Stücken haut, daß sie keine That aus der

Geschichte ihres Vaterlandes von ihren Lieblingslehrern wärmer hatten

loben hören als die Ermordung des Cardinals Beatoun und des Erzbischofs

Sharpe, so dürfen wir uns wohl wundern, daß ein Mann, der das Blut der

Heiligen wie Wasser vergossen hatte, nur einen einzigen Tag ohne

Lebensgefahr durch High Street gehen konnte. Der Feind, den Dundee am

meisten Grund zu fürchten hatte, war ein junger Mann von ausgezeichnetem

Muth und Talent, Namens Wilhelm Cleland. Cleland hatte, als er wenig

über sechzehn Jahr alt war, bei der Insurrection, welche an der

Bothwellbrücke niedergeworfen wurde, die Waffen getragen. Seitdem hatte

er sich durch seine Menschlichkeit und Mäßigung das Mißfallen einiger

boshaften Fanatiker zugezogen. Bei der großen Masse der Presbyterianer

aber stand sein Name in hohem Ansehen, denn mit der strengen Moralität

und dem glühenden Eifer eines Puritaners verband er einige Vorzüge,

deren sich wenige Puritaner rühmen konnten. Er besaß feine Manieren und

eine achtungswerthe literarische und wissenschaftliche Bildung. Er war

Linguist, Mathematiker und Dichter. Seine Hymnen, Oden, Balladen und

Satiren ^à la^ Hudibras hatten allerdings wenig innern Werth; aber wenn

man bedenkt, daß er fast noch ein Knabe war, als er die meisten

derselben schrieb, so muß man zugeben, daß sie bedeutende natürliche

Anlagen bekunden. Er war jetzt in Edinburg, sein Einfluß unter den

daselbst versammelten westländischen Whigs war sehr groß, er haßte

Dundee mit tödtlicher Erbitterung und man glaubte, daß er mit einem

Gewaltschritt umgehe.[35]

Am 15. März wurde Dundee benachrichtigt, daß einige Covenanters sich

gegenseitig verpflichtet hatten, ihn und Sir Georg Mackenzie, den seine

lange Zeit dem Dienste der Tyrannei gewidmete Beredtsamkeit und

Gelehrsamkeit den Presbyterianern verhaßter gemacht hatte als irgend

einen andren Mann von der Robe, um's Leben zu bringen. Dundee bat

Hamilton um Schutz, und Hamilton rieth ihm, die Sache in der nächsten

Sitzung der Convention vorzulegen.[36]

Schreiben von Jakob an die Convention.

Vor dieser Sitzung kam ein gewisser Crane aus Frankreich mit einem

Schreiben des flüchtigen Königs an die Stände. Der Brief war versiegelt

und der Ueberbringer war sonderbarerweise mit keiner Abschrift versehen,

um sie den Häuptern der jakobitischen Partei mitzutheilen; auch hatte er

weder einen schriftlichen noch mündlichen Auftrag für einen der beiden

Agenten Jakob's. Balcarras und Dundee sahen mit großem Verdrusse, daß

man ihnen so wenig Vertrauen schenkte, und quälten sich mit ängstlichen

Zweifeln über den Inhalt des Schriftstückes, von dem so viel abhing. Sie

waren jedoch geneigt das Beste zu hoffen. König Jakob konnte in seiner

gegenwärtigen Lage nicht so schlecht berathen sein, daß er in directem

Widerspruche mit den Rathschlägen und Bitten seiner Freunde hätte

handeln können. Bei der Eröffnung seines Schreibens würde man sicherlich

finden, daß er gnädige Zusicherungen enthielt, welche die Royalisten mit

neuem Muthe beseelen und die gemäßigten Whigs gewinnen mußten. Seine

Anhänger beschlossen daher, daß es vorgelegt werden solle.

Als die Convention sich am Samstag, den 16. Mai, des Morgens wieder

versammelte, wurde beantragt, daß Maßregeln für die persönliche

Sicherheit der Mitglieder getroffen werden sollten. Es wurde behauptet,

daß man Dundee nach dem Leben getrachtet, daß zwei Männer von

verdächtigem Aussehen in der Nähe des Hauses, das er bewohnte,

umhergestreift seien und daß man sie habe sagen hören, sie wollten den

Hund so behandeln, wie er sie behandelt habe. Mackenzie versicherte, daß

auch er in Gefahr sei, und verlangte in seiner gewohnten bilderreichen

und kräftigen Sprache Schutz von den Ständen. Aber die Sache wurde von

der Majorität sehr leicht genommen und die Convention ging zu anderen

Gegenständen der Tagesordnung über.[37]

Hierauf wurde Crane als Einlaß ins Parlamentshaus begehrend angemeldet.

Er wurde eingeladen und das Schriftstück, dessen Ueberbringer er war,

auf den Tisch niedergelegt. Hamilton bemerkte, daß sich in den Händen

des Earl von Leven eine Mittheilung von dem Prinzen befinde, kraft

dessen Autorität die Stände einberufen worden seien. Diese Mittheilung

schien den Vorrang zu verdienen. Die Convention war gleicher Meinung und

das reiflich erwogene, einsichtsvolle Schreiben Wilhelm's wurde

vorgelesen.

Dann wurde beantragt, daß auch Jakob's Brief geöffnet werden solle. Die

Whigs wendeten dagegen ein, daß derselbe möglicherweise einen Befehl zur

Auflösung der Convention enthalten könne. Sie schlugen deshalb vor, daß

die Stände, ehe das Siegel erbrochen würde, beschließen sollten, trotz

eines solchen Befehls beisammen zu bleiben. Die Jakobiten, welche den

Inhalt des Schreibens eben so wenig kannten wie die Whigs, und die

Vorlesung desselben nicht erwarten konnten, gaben bereitwillig ihre

Zustimmung. Es wurde ein Beschluß gefaßt, durch den die Mitglieder sich

verpflichteten, jeden Befehl, der ihnen gebieten sollte auseinander zu

gehen, als null und nichtig zu betrachten und so lange beisammen zu

bleiben, bis sie das Werk der Sicherung der Freiheit und Religion

Schottland's durchgeführt haben würden. Dieser Beschluß wurde von fast

allen anwesenden Lords und Gentlemen unterzeichnet. Auch sieben von den

neuen Bischöfen unterschrieben ihn. Die eigenhändig geschriebenen Namen

Dundee's und Balcarras' sieht man noch auf der Originalrolle. Balcarras

suchte später diesen Schritt, der nach seinen Grundsätzen ohne alle

Widerrede ein abscheulicher Verrath war, damit zu entschuldigen, daß er

sagte, er und seine Freunde hätten sich aus Eifer für das Interesse

ihres Gebieters an einer rebellischen Erklärung gegen die Autorität

ihres Gebieters betheiligt, sie hätten von dem Briefe den heilsamsten

Einfluß erwartet, und der Brief würde nicht geöffnet worden sein, wenn

sie nicht der Majorität ein Zugeständniß gemacht hätten.

Wirkung von Jakob's Schreiben.

In wenigen Minuten wurden Balcarras' Erwartungen bitter getäuscht. Der

Brief, von dem man so viel gehofft und gefürchtet hatte, wurde mit allen

den Ehren vorgelesen, welche die schottischen Parlamente königlichen

Mittheilungen zu erweisen pflegten; aber jedes Wort erfüllte die Herzen

der Jakobiten mit Verzweiflung. Man sah deutlich, daß das Unglück Jakob

weder weise noch nachsichtig gemacht hatte. Alles athmete

Hartnäckigkeit, Grausamkeit und Uebermuth. Denjenigen Verräthern, welche

binnen vierzehn Tagen zu ihrer Unterthanenpflicht zurückkehrten, war

Verzeihung zugesichert, allen Anderen aber mit schonungsloser Rache

gedroht. Ueber frühere Vergehen war nicht nur kein Bedauern ausgedrückt,

sondern der Brief selbst war ein neues Vergehen, denn er war von dem

Apostaten Melfort geschrieben und contrasignirt, der nach den Gesetzen

des Reichs zur Bekleidung des Amts eines Staatssekretärs nicht befähigt

war und den die protestantischen Tories nicht weniger verabscheuten als

die Whigs. Die ganze Versammlung gerieth in Aufruhr. Jakob's Feinde

waren laut und heftig, und seine Freunde, welche gegen ihn aufgebracht

waren und sich seiner schämten, sahen ein, daß nicht mehr daran zu

denken war, den Kampf in der Convention fortzusetzen. Jede Stimme, die

vor der Eröffnung des Schreibens zweifelhaft gewesen, war jetzt

unwiederbringlich verloren. Die Sitzung schloß unter großer

Aufregung.[38]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Siebenter Band: enthaltend Kapitel 13 und 14. · 第 2 / 24 段