Die Klagen der Schotten waren indessen so laut, daß Karl im

Thomas Babington Macaulay's

Geschichte von England

seit der

Thronbesteigung Jakob's des Zweiten.

Aus dem Englischen.

Vollständige und wohlfeilste

^Stereotyp-Ausgabe^.

Siebenter Band:

enthaltend Kapitel 13 und 14.

Leipzig, 1856.

G. H. Friedlein.

Dreizehntes Kapitel.

Wilhelm und Marie.

Inhalt.

Seite

Die Revolution in Schottland heftiger als in England 5

Wahlen für die Convention 6

Mißhandlung des Episkopalklerus 6

Zustand von Edinburg 9

Die Frage einer Union zwischen England und Schottland in 9

Anregung gebracht

Wunsch der englischen Niederkirchlichen, das Episkopat in 13

Schottland beizubehalten

Ansichten Wilhelm's über das kirchliche Regiment in Schottland 13

Comparative Stärke der religiösen Parteien in Schottland 15

Schreiben von Wilhelm an die schottische Convention 16

Wilhelm's Instructionen für seine Agenten in Schottland 16

Die Dalrymple 16

Melville 18

Jakob's Agenten in Schottland: Dundee, Balcarras 19

Zusammentritt der Convention 21

Hamilton zum Präsidenten erwählt 22

Wahlausschuß 23

Das Schloß von Edinburg zur Uebergabe aufgefordert 23

Dundee von den Covenanters bedroht 24

Schreiben von Jakob an die Convention 25

Wirkung von Jakob's Schreiben 26

Dundee's Flucht 27

Tumultuarische Sitzung der Stände 28

Ein Ausschuß zur Entwerfung eines Regierungsplanes ernannt 29

Vom Ausschuß vorgeschlagene Beschlüsse 31

Wilhelm und Marie proklamirt 32

Die Rechtsforderung 32

Abschaffung des Episkopats 32

Die Folter 33

Wilhelm und Marie nehmen die Krone Schottland's an 35

Unzufriedenheit der Covenanters 36

Ministerielle Einrichtungen in Schottland 37

Hamilton 37

Crawford 37

Die Dalrymple. -- Lockhart 38

Montgomery 38

Melville 38

Carstairs 39

Bildung des Clubs; Annandale, Roß 39

Hume 39

Fletcher von Saltoun 40

In den Hochlanden bricht Krieg aus 40

Zustand der Hochlande 40

Eigenthümlicher Character des Jakobitismus in den Hochlanden 49

Eifersucht auf den Einfluß der Campbells 50

Die Stewarts und Macnaghtens 52

Die Macleans 53

Die Camerons; Lochiel 53

Die Macdonalds 55

Fehde zwischen den Macdonalds und den Mackintoshs. Inverneß 56

Inverneß wird von Macdonald von Keppoch bedroht 57

Dundee erscheint in Keppoch's Lager 58

Aufstand der den Campbells feindlichen Clans 60

Tarbet's Rath für die Regierung 61

Unentschiedener Feldzug in den Hochlanden 62

Militärischer Character der Hochländer 63

Zwistigkeiten in der hochländischen Armee 67

Dundee sucht bei Jakob um Unterstützung nach 68

Unterbrechung des Kriegs in den Hochlanden 69

Bedenklichkeiten der Covenanters, für König Wilhelm die Waffen 69

zu ergreifen

Aushebung des Cameron'schen Regiments 70

Uebergabe des Schlosses von Edinburg 71

Parlamentssession in Edinburg 72

Einfluß des Clubs 72

Unruhen in Athol 74

Der Krieg bricht in den Hochlanden wieder aus 76

Dundee's Tod 81

Mackay's Rückzug 82

Eindruck der Schlacht von Killiecrankie 83

Vertagung des schottischen Parlaments 83

Die hochländische Armee verstärkt 86

Gefecht bei St. Johnston's 87

Unordnung in der hochländischen Armee 88

Mackay's Rath wird von den schottischen Ministern nicht 89

beachtet

Die Camerons werden nach Dunkeld verlegt 89

Die Hochländer greifen das Regiment Cameron an 90

Auflösung der hochländischen Armee 91

Intriguen des Clubs, Zustand des Niederlandes 91

Die Revolution in Schottland heftiger als in England.

Die Heftigkeit der Revolutionen steht gewöhnlich im Verhältnis mit der

Schwere der Regierungssünden, welche sie herbeigeführt haben. Es kann

daher nicht Wunder nehmen, daß die Regierung von Schottland, welche seit

vielen Jahren despotischer und verderbter gewesen war als die von

England, mit einem weit heftigeren Sturze fiel. In England war die

Bewegung gegen den letzten König des Hauses Stuart conservativ, in

Schottland war sie destructiv. Die Engländer beschwerten sich nicht über

das Gesetz, sondern über die Verletzung des Gesetzes; sie erhoben sich

gegen den ersten Beamten des Staats lediglich, um die Suprematie des

Gesetzes zur Geltung zu bringen, und sie waren zum größten Theil treue

Anhänger der durch das Gesetz eingeführten Landeskirche. Selbst bei

Anwendung des außergewöhnlichen Heilmittels, zu welchem sie durch eine

außergewöhnliche Lage zu greifen gezwungen worden waren, wichen sie so

wenig als möglich von den durch das Gesetz vorgeschriebenen ordentlichen

Formen ab. Die zu Westminster tagende Convention war, obwohl durch

unregelmäßige Ausschreiben einberufen, genau nach dem Muster eines

regelmäßigen Parlaments constituirt. Niemand wurde aufgefordert, einen

Platz im Oberhause einzunehmen, dessen Berechtigung, darin zu sitzen,

nicht klar war. Die Abgeordneten der Grafschaften und Burgflecken wurden

durch die nämlichen Wähler gewählt, welche berechtigt gewesen

sein würden, die Mitglieder für ein unter dem großen Siegel

einberufenes Haus der Gemeinen zu wählen. Die Wahlrechtstitel des

Vierzigschilling-Freisassen, des Steuern zahlenden Angesessenen, des

Pächters, des Wahlbürgers von London, des Magisters der freien Kräfte in

Oxford wurden respectirt. Die Gesinnung der Wahlkörper wurde mit eben so

wenig Zwang von Seiten des großen Haufens und mit eben so wenig Arglist

von Seiten der Wahlbeamten ausgeforscht, wie bei irgend einer

allgemeinen Wahl der damaligen Zeit. Als endlich die Stände

zusammentraten, fanden ihre Verhandlungen in vollkommener Freiheit und

genau nach den althergebrachten Formen statt. Nach Jakob's erster Flucht

herrschte allerdings in London und in einigen Theilen des platten Landes

eine beunruhigende Anarchie. Aber diese Anarchie dauerte nirgends länger

als achtundvierzig Stunden. Von dem Tage, an welchem Wilhelm im St.

Jamespalast ankam, hatten selbst die unpopulärsten Agenten der

gestürzten Regierung, selbst die Diener der römisch-katholischen Kirche,

von der Wuth des Pöbels nichts mehr zu fürchten.

In Schottland war der Gang der Ereignisse ganz anders. Dort war das

Gesetz selbst ein Gegenstand der Beschwerde und Jakob hatte sich durch

ausdrückliche Anwendung desselben vielleicht mehr Unpopularität

zugezogen als durch Verletzung desselben. Die gesetzlich eingeführte

Landeskirche war die verhaßteste Institution des ganzen Reichs. Die

Tribunale hatten einige so empörende Urtheilssprüche gefällt und das

Parlament einige so bedrückende Verordnungen erlassen, daß, wenn diese

Urtheilssprüche und diese Verordnungen nicht für ungültig erklärt

wurden, nicht daran zu denken war, eine Convention zusammenzubringen,

welche sich die öffentliche Achtung erzwang und der Ausdruck der

öffentlichen Meinung war. Es stand zum Beispiel kaum zu erwarten, daß

die Whigs in dieser Zeit ihrer Macht es sich ruhig gefallen lassen

würden, ihr erbliches Oberhaupt, den Sohn eines Märtyrers und Enkel

eines Märtyrers, von dem Parlamentshause, in welchem neun seiner

Vorfahren als Earls von Argyle gesessen hatten, ausgeschlossen zu sehen,

ausgeschlossen durch ein richterliches Erkenntniß, über welches das

ganze Königreich empört war. Noch weniger ließ sich erwarten, daß sie

die Wahl der Vertreter von Grafschaften und Städten den Vorschriften des

bestehenden Gesetzes gemäß vornehmen lassen würden. Denn nach dem

bestehenden Gesetz konnte kein Wähler seine Stimme abgeben, ohne

geschworen zu haben, daß er sich von dem Covenant lossage und in

kirchlichen Angelegenheiten das Supremat des Königs anerkenne.[1] Einen

solchen Eid aber konnte kein strenger Presbyterianer leisten, und wenn

derselbe verlangt worden wäre, so würden die Wahlkörper nichts als

kleine Gesellschaften von Prälatisten gewesen sein, die Sorge für

Sicherheitsmaßregeln gegen Bedrückung wäre den Bedrückern überlassen

geblieben, und die große Partei, die an der Durchführung der Revolution

den thätigsten Antheil genommen, würde in einer aus der Revolution

hervorgegangenen Versammlung nicht einen einzigen Vertreter gehabt

haben.[2]

Wilhelm sah ein, daß er nicht daran denken durfte, den Gesetzen

Schottland's die strenge Achtung zu Theil werden zu lassen, die er

kluger- und rechtschaffnerweise den Gesetzen England's erwiesen hatte.

Es war durchaus notwendig, daß er Kraft seiner eignen Autorität

bestimmte, wie die Convention, welche in Edinburg zusammentreten sollte,

zu wählen sein würde, und daß er sich selbst die Befugniß ertheilte,

einige Erkenntnisse und einige Gesetze zu annulliren. In Folge dessen

entbot er mehrere Lords in das Parlament, die durch Urtheilssprüche,

welche die allgemeine Stimme laut als ungerecht verdammte, ihrer

Ehrenstellen beraubt worden waren, und nahm es auf sich, die Verordnung

zu ignoriren, welche den Presbyterianern das Wahlrecht entzog.

Wahlen für die Convention.

Die Folge davon war, daß die Wahl fast aller Grafschafts- und

Burgfleckenvertreter auf Whigcandidaten fiel. Die geschlagene Partei

beklagte sich laut über unehrliches Spiel, über die Rohheit des Pöbels

und über die Parteilichkeit der präsidirenden Magistratspersonen, und

diese Klagen waren in vielen Fällen wohlbegründet. Unter Regenten wie

Lauderdale und Dundee lernen die Nationen nicht Gerechtigkeit und

Mäßigung.[3]

Mißhandlung des Episkopalklerus.

Das so lange und so streng niedergehaltene Volksgefühl brach übrigens

nicht bei den Wahlen allein mit Heftigkeit hervor. Die Köpfe und Hände

der Whigmärtyrer wurden von den Thoren Edinburg's herabgenommen, von

zahlreichen Volkshaufen in Procession nach den Gottesäckern getragen und

mit feierlicher Ehrfurcht zur Erde bestattet.[4] Es hätte noch sein

mögen, wenn die öffentliche Begeisterung sich in keiner tadelnswertheren

Form geäußert hätte. Leider aber wurde in einem großen Theile

Schottland's der Klerus der Landeskirche gemißhandelt.[5] Der Beginn

dieses Unwesens war auf den Christmorgen festgesetzt, denn nichts

ärgerte die strengen Covenanters mehr als die Ehrfurcht, mit der der

Prälatist die alten Feiertage der Kirche heiligte. Daß diese Ehrfurcht

bis zum Lächerlichen übertrieben werden kann, ist allerdings wahr. Ein

Philosoph wird sich vielleicht zu der Ansicht hinneigen, daß das

entgegengesetzte Extrem nicht minder lächerlich sei und wird fragen,

warum die Religion den Beistand von Glaubensgesellschaften zurückweisen

soll, die es in jeder Nation giebt, welche civilisirt genug ist, um eine

Zeitrechnung zu haben, und von denen die Erfahrung gezeigt hat, daß sie

eine gewaltige und oft heilsame Wirkung ausüben. Der Puritaner, der im

im allgemeinen nur zu bereit war, Präcedenzfällen und Analogien aus der

Geschichte und Rechtswissenschaft der Juden zu folgen, würde im Alten

Testament ganz eben so triftige Argumente für das Abhalten von Festtagen

zu Ehren großer Ereignisse, wie für die Ermordung von Bischöfen und für

die Verweigerung des Pardons gegen Gefangene gefunden haben. Von seinem

Meister Calvin lernte er gewiß nicht, solche Festtage verabscheuen, denn

in Folge der energischen Bemühungen Calvin's wurde das Weihnachtsfest

nach einer mehrjährigen Pause von den Bürgern von Genf wieder

gefeiert.[6] Allein in Schottland waren Calvinisten ans Licht getreten,

die sich zu Calvin verhielten, wie Calvin zu Laud. Diesen starren

Fanatikern war ein Feiertag ein Gegenstand des positiven Abscheus und

Hasses. Sie fuhren noch lange fort, in ihren feierlichen Manifesten es

zu den Sünden zu zählen, welche dereinst ein furchtbares Strafgericht

über das Land bringen würden, daß der Court of Session in der letzten

Decemberwoche Ferien mache.[7]

Am Weihnachtstage versammelten sich daher die Covenanters auf

Verabredung bewaffnet auf verschiedenen Punkten der westlichen

Grafschaften. Jede einzelne Schaar zog dann nach dem nächsten Pfarrhause

und plünderte den Keller und die Vorrathskammer des Geistlichen, welche

zu dieser Zeit des Jahres wahrscheinlich besser gefüllt waren als sonst.

Der Priester Baal's wurde geschmäht und insultirt, zuweilen geschlagen,

andere Male unter Wasser getaucht. Seine Möbeln wurden aus dem Fenster

geworfen, seine Frau und seine Kinder aus dem Hause in den Schnee

getrieben. Dann wurde er auf den Marktplatz geführt und eine Zeit lang

zur Schau ausgestellt, wie ein Missethäter. Sein Priestergewand wurde

ihm auf dem Leibe in Stücken zerrissen; hatte er ein Gebetbuch bei sich,

so wurde es verbrannt, und endlich entließ man ihn mit der Weisung, nie

wieder in dem Kirchspiele zu fungiren, wenn ihm sein Leben lieb sei.

Nach solchergestalt vollbrachtem Reformationswerke verschlossen die

Reformatoren die Kirche und nahmen die Schlüssel mit sich. Um diesen

Leuten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß man bekennen, daß sie in

einem Grade unterdrückt worden waren, der ihre Gewaltthätigkeit zwar

nicht rechtfertigen, aber wenigstens entschuldigen kann, und daß sie,

obgleich roh bis zur Brutalität, sich doch nie eines absichtlichen

Verbrechens gegen Leib oder Leben ihrer Feinde schuldig machten.[8]

Die Unordnung verbreitete sich rasch. In Ayrshire, Clydesdale,

Nithisdale und Annandale erhielt jedes Kirchspiel einen Besuch von

diesen ungestümen Zeloten. Ungefähr zweihundert Curaten -- so nannte man

die bischöflichen Pfarrgeistlichen -- wurden vertrieben. Die gesetzteren

Covenanters billigten zwar den Eifer ihrer aufrührerischen Brüder,

fürchteten aber, daß ein so ordnungswidriges Verfahren Aergerniß geben

könnte, und erfuhren zu ihrem großen Leidwesen, daß hier und da ein

Achan die gute Sache geschändet, indem er sich erniedrigt hatte, die

Cananiter, die er nur hatte schlagen sollen, auszuplündern. Es wurde ein

allgemeines Meeting von Geistlichen und Aeltesten ausgeschrieben, um

solchen Excessen vorzubeugen. In diesem Meeting wurde beschlossen, daß

in Zukunft die Vertreibung der protestantischen Geistlichen

in ceremoniöserer Weise stattfinden sollte. Es wurde ein

Benachrichtigungsformular aufgesetzt und jedem Curaten in den westlichen

Niederlanden zugesandt, der noch nicht gemißhandelt ^(rabbled)^ worden

war. Diese Benachrichtigung war nichts Andres als ein Drohbrief, der ihm

befahl, sein Kirchspiel gutwillig zu verlassen, widrigenfalls er mit

Gewalt aus demselben vertrieben werden würde.[9]

Die schottischen Bischöfe sendeten in großer Angst den Dechant von

Glasgow nach Westminster, um dort die Sache ihrer verfolgten Kirche zu

führen. Die von den Covenanters verübten Gewaltthätigkeiten erregten in

hohem Grade den Unwillen Wilhelm's, der im Süden der Insel selbst

Benedictiner und Franciscaner gegen Insulten und Beraubungen geschützt

hatte. Obgleich er aber auf Ersuchen einer großen Anzahl schottischer

Cavaliere und Gentlemen die ausübende Verwaltung dieses Königreichs

übernommen hatte, so standen ihm doch die Mittel nicht zu Gebote, die

Ordnung daselbst aufrecht zu erhalten. Er hatte nicht ein einziges

Regiment nördlich vom Tweed, ja überhaupt keine Truppen innerhalb vieler

Meilen von diesem Flusse. Es wäre vergebens gewesen zu hoffen, daß bloße

Worte eine Nation beruhigen würden, welche zu keiner Zeit leicht im

Zaume zu halten gewesen und die jetzt von Hoffnungen und Rachegelüsten

erfüllt war, wie große Revolutionen, welche auf heftige Bedrückungen

folgen, sie ganz natürlich erzeugen müssen. Es wurde indessen eine

Proklamation erlassen, welche anordnete, daß Jedermann die Waffen

niederlegen und daß den Geistlichen der Staatskirche gestattet sein

solle, unbehelligt auf ihren Pfarren zu bleiben, bis die Convention die

Regierung festgestellt haben würde. Da aber diese Proklamation nicht

durch Truppen unterstützt war, so wurde sie wenig beachtet. Den ersten

Tag nach ihrem Erscheinen in Glasgow wurde die ehrwürdige Kathedrale

dieser Stadt, fast die einzige schöne Kirche aus dem Mittelalter, welche

in Schottland sich unversehrt erhalten hat, von einem Haufen

Presbyterianer aus den Versammlungshäusern angegriffen, dem sich auch

viele wildere Glaubensbrüder aus den Hochlanden angeschlossen hatten. Es

war Sonntag; aber eine Versammlung von Prälatisten zu mißhandeln wurde

als ein Werk der Nothwendigkeit und der Gnade betrachtet. Die

Andächtigen wurden auseinandergetrieben, geschlagen und mit Schneebällen

geworfen; ja es wurde sogar versichert, daß einige Verwundungen durch

gefährlichere Waffen vorgekommen seien.[10]

Zustand von Edinburg.

In Edinburg, dem Sitze der Regierung, war vollkommene Anarchie. Das

Schloß, welches die ganze Stadt beherrschte, wurde durch den Herzog von

Gordon noch immer für Jakob behauptet. Die große Masse des Volks bestand

aus Whigs. Das Justizcollegium, ein großer juristischer Verein,

zusammengesetzt aus Richtern, Advokaten, Kanzleisekretären und Anwälten,

war die Veste des Toryismus, denn ein strenger Testeid hatte seit

einigen Jahren die Presbyterianer von allen Zweigen des Juristenberufs

ausgeschlossen. Die Juristen, einige hundert an Zahl, bildeten ein

Infanteriebataillon und hielten eine Zeitlang die Menge wirksam nieder.

Sie hatten jedoch soviel Achtung vor Wilhelm's Autorität, daß sie sich

beim Erscheinen seiner Proklamation auflösten. Aber das von ihnen

gegebene Beispiel des Gehorsams fand keine Nachahmung. Kaum hatten sie

die Waffen niedergelegt, so fanden sich Covenanters aus dem Westen,

welche alle Curaten in ihrer Gegend weidlich maltraitirt hatten, in

Haufen von zehn bis zwanzig Mann in Edinburg ein, um die Convention zu

beschützen oder auch, wenn es nöthig sein sollte, einzuschüchtern.

Glasgow allein schickte vierhundert solcher Leute. Es konnte kaum einem

Zweifel unterliegen, daß sie von einem hochangesehenen Führer geleitet

wurden. Sie zeigten sich wenig öffentlich, aber es war bekannt, daß

jeder Keller mit ihnen angefüllt war und es stand wohl zu befürchten,

daß sie auf das erste Signal aus ihren Höhlen hervorkommen und bewaffnet

das Parlament umgeben würden.[11]

Die Frage einer Union zwischen England und Schottland in Anregung

gebracht.

Man hätte erwarten sollen, daß jeder patriotische und einsichtsvolle

Schotte sehnlichst wünschen werde, die Aufregung beschwichtigt und eine

Regierung befestigt zu sehen, die im Stande war, das Eigenthum zu

schützen und dem Gesetze Ansehen zu verschaffen. Eine unvollkommene

Organisation, welche rasch zu bewerkstelligen war, konnte in den Augen

eines solchen Mannes wohl einer vollkommenen Organisation vorzuziehen

sein, welche nur mit der Zeit möglich war. Gerade in diesem Augenblicke

jedoch warf eine an Zahl wie an Befähigung starke Partei eine neue und

hochwichtige Frage auf, welche nicht unwahrscheinlich das Interregnum

bis zum Herbste hinziehen mußte. Diese Partei verlangte, daß die Stände

Wilhelm und Marien nicht sogleich zum König und zur Königin erklären,

sondern England einen Unionstractat vorschlagen und den Thron so lange

vacant lassen sollten, bis ein solcher Vertrag unter vortheilhaften

Bedingungen für Schottland abgeschlossen sein würde.[12]

Es mag auffallend erscheinen, daß ein großer Theil eines Volks, dessen

oft in heroischer, zuweilen auch in komischer Gestalt sich äußernder

Patriotismus sprüchwortlich geworden ist, sich so geneigt, ja sogar

ungeduldig zeigte, eine Unabhängigkeit aufzugeben, welche Jahrhunderte

lang über Alles hoch gehalten und mannhaft vertheidigt worden war.

Allein der hartnäckige Muth, den die Waffen der Plantagenets und der

Tudors nicht zu brechen vermocht, hatte angefangen, sich unter einer

ganz andren Gewalt zu beugen. Zollhäuser und Tarife bewirkten bald was

das Blutbad von Falkirk und Halidon, von Flodden und Pinkie nicht hatten

bewirken können. Schottland hatte einige Erfahrung in den Folgen einer

Union. Es war vor beinahe vierzig Jahren mit England unter Bedingungen

vereinigt gewesen, welche das von Siegesstolz aufgeblähte England zu

dictiren beliebte. Diese Union war in den Gemüthern des besiegten Volks

mit den Begriffen Niederlage und Demüthigung untrennbar verbunden. Und

doch hatte selbst diese Union, so schmerzlich sie auch den Stolz der

Schotten verwundet, ihren Aufschwung gefördert. Cromwell hatte mit einer

zu seiner Zeit seltenen Einsicht und Liberalität die vollkommenste

Handelsfreiheit zwischen dem dominirenden und dem untergebenen Lande

hergestellt. So lange er regierte, hemmte kein Verbot, kein Zoll den

Waarenverkehr zwischen irgend welchen Punkten der Insel. Seine

Schifffahrtsgesetze legten dem Handel Schottland's keine Beschränkungen

auf. Es stand einem schottischen Fahrzeuge frei, eine schottische

Waarenladung nach Barbadoes zu bringen und Zucker von Barbadoes in den

Hafen von London einzuführen.[13] Deshalb war die Regentschaft des

Protectors der Industrie und dem physischen Wohle des schottischen Volks

förderlich gewesen. Obwohl es ihn haßte und verwünschte, gedieh es doch

unwillkürlich unter ihm, und noch oft blickte es während der Verwaltung

seiner legitimen Fürsten mit Sehnsucht zurück auf die goldenen Tage des

Usurpators.[14]

Die Restauration kam und veränderte Alles. Die Schotten erlangten ihre

Unabhängigkeit wieder und überzeugten sich bald, daß die Unabhängigkeit

ebensowohl ihre Unannehmlichkeiten hat wie ihre Würde. Das englische

Parlament behandelte sie als Fremdlinge und Nebenbuhler. Eine neue

Navigationsacte stellte sie auf fast gleiche Stufe mit den Holländern.

Hohe und in einigen Fällen prohibitive Zölle wurden auf die Erzeugnisse

der schottischen Industrie gelegt. Es ist kein Wunder, daß eine

ausnehmend betriebsame, kluge und unternehmende Nation, eine Nation,

die, nachdem sie lange durch einen unfruchtbaren Boden und durch ein

rauhes Klima in ihrer Entwickelung gehemmt worden war, eben jetzt trotz

dieser Nachtheile zu prosperiren begann und die ihren Fortschritt

plötzlich aufgehalten sah, sich für grausam behandelt erachtete. Doch es

war nichts zu machen. Beschwerden waren vergebens und Repressalien

unmöglich. Hätte der Souverain auch den Wunsch gehabt, so hatte er doch

nicht die Macht, eine unparteiische Stellung zwischen seinem großen und

seinem kleinen Königreiche zu behaupten, zwischen dem Königreiche, aus

dem er ein Jahreseinkommen von anderthalb Millionen, und dem

Königreiche, aus dem er ein Jahreseinkommen von wenig mehr als

sechzigtausend Pfund bezog. Er wagte es eben so wenig, einem den Handel

Schottland's beeinträchtigenden englischen Gesetz seine Genehmigung zu

verweigern, als einem den Handel England's beeinträchtigenden

schottischen Gesetz seine Genehmigung zu ertheilen.

Die Klagen der Schotten waren indessen so laut, daß Karl im Jahre 1667

Commissare ernannte, welche die Bedingungen eines Handelstractats

zwischen den beiden britischen Königreichen feststellen sollten. Die

Conferenzen wurden bald abgebrochen, und Alles was sich während ihrer

Dauer ereignete, bewies, daß es nur ein Mittel gab, durch welches

Schottland einen Antheil an dem commerciellen Wohlstande erlangen

konnte, dessen sich England damals erfreute.[15] Die Schotten mußten ein

Volk mit den Engländern werden, das Parlament, das bisher in Edinburg

getagt hatte, mußte dem in Westminster tagenden Parlamente einverleibt

werden. Dieses Opfer mußte von einem tapferen und stolzen Volke, das

seit zwölf Generationen die südliche Oberherrschaft mit tödtlichem

Widerwillen betrachtet hatte und dem bei den Gedanken an den Tod

Wallace's und an die Siege Bruce's noch immer das Herz schwoll,

nothwendig mit tiefem Schmerze empfunden werden. Es gab allerdings viele

allzustrenge Patrioten, die sich einer Union entschieden widersetzt

haben würden, selbst wenn sie hätten voraussehen können, daß eine solche

Glasgow zu einer größeren Stadt als Amsterdam machen und die öden

Lothians mit Feldern und Wäldern, mit netten Farmhäusern und stattlichen

Schlössern bedecken würde. Aber es gab auch eine zahlreichere Klasse,

welche nicht geneigt war, große und wesentliche Vortheile aufzugeben, um

bloße Namen und Ceremonien zu behalten, und der Einfluß dieser Klasse

war so mächtig, daß im Jahre 1670 das schottische Parlament England

directe Anträge machte.[16] Der König übernahm das Amt des Vermittlers

und auf beiden Seiten wurden Bevollmächtigte ernannt; aber es kam zu

keinem Abschlusse.

Nachdem die Frage achtzehn Jahre lang geruht hatte, wurde sie plötzlich

durch die Revolution wieder in Anregung gebracht. Verschiedene Klassen,

durch verschiedene Beweggründe geleitet, trafen in diesem Punkte

zusammen. Mit Kaufleuten, welche gern die Vortheile des westindischen

Handels mitgenießen wollten, verbanden sich thätige und strebsame

Politiker, welche ihre Talente auf einer hervorragenderen Schaubühne als

dem schottischen Parlamentshause zu entfalten und aus einer reicheren

Quelle als dem schottischen Staatsschatze Reichthümer zu schöpfen

wünschten. Der Ruf nach Union wurde durch einige schlaue Jakobiten

verstärkt, welche nur Zwietracht und Aufschub herbeizuführen wünschten

und welche diesen Zweck zu erreichen hofften, indem sie in die

schwierige Frage, deren Lösung die specielle Aufgabe der Convention war,

eine noch schwierigere Frage mischten. Es ist wahrscheinlich, daß

Einige, denen die ascetischen Sitten und die strenge Kirchenzucht der

Presbyterianer nicht behagten, eine Union deshalb wünschten, weil sie

das einzige Mittel zur Aufrechthaltung der Prälatur im nördlichen Theile

der Insel war. In einem vereinigten Parlamente mußten die englischen

Mitglieder bedeutend überwiegen, und in England wurden die Bischöfe von

der großen Mehrzahl der Bevölkerung hoch in Ehren gehalten. Die

bischöfliche Kirche, das war klar, ruhte auf einer schmalen Grundlage

und mußte bei dem ersten Angriffe fallen. Die bischöfliche Kirche von

Großbritannien konnte eine hinreichend breite und feste Grundlage haben,

um allen Angriffen zu widerstehen.

Ob es im Jahre 1689 möglich gewesen wäre, eine staatliche Union ohne

religiöse Union zu bewerkstelligen, darf wohl bezweifelt werden. Das

aber kann keinem Zweifel unterliegen, daß eine religiöse Union eine der

größten Calamitäten gewesen sein würde, welche eines der beiden

Königreiche treffen konnten. Die im Jahre 1707 zu Stande gebrachte Union

war allerdings ein großer Segen für England wie für Schottland. Aber sie

war deshalb ein Segen, weil sie, indem sie einen Staat bildete, zwei

Kirchen bestehen ließ. Das politische Interesse der contrahirenden

Theile war das nämliche; aber der kirchliche Streit zwischen ihnen war

ein solcher, der keine Verständigung zuließ. Die Eintracht konnte daher

nur dadurch erhalten werden, daß sie sich beide damit einverstanden

erklärten, gesondert zu bleiben. Hätte eine Verschmelzung der

Hierarchien stattgefunden, so würde eine Verschmelzung der Nationen

niemals möglich gewesen sein. Aufeinanderfolgende Mitchells würden auf

aufeinanderfolgende Sharpe's geschossen haben; fünf Generationen von

Claverhouse's würden fünf Generationen von Camerons ermordet haben. Die

erstaunlichen Verbesserungen, welche die Gestalt Schottland's verändert

haben, würden nie zu Stande gekommen sein. Ebenen, die jetzt reiche

Ernten tragen, würden unfruchtbare Sümpfe geblieben sein. Wasserfälle,

welche jetzt die Räder großartiger Fabriken treiben, würden in einer

Wildniß verrauscht sein. New Lanark würde noch eine Schafweide, Greenock

noch ein Fischerdorf sein. Die geringe Kraft, welche Schottland unter

einem solchen System besessen haben würde, hätte bei einer Schätzung der

Hülfsquellen Großbritanniens nicht hinzugefügt, sondern abgerechnet

werden müssen. Mit einer solchen Bürde belastet, hätte unser Vaterland

niemals, weder im Frieden noch im Kriege, eine Stelle in der ersten

Reihe der Nationen einnehmen können. Leider fehlt es uns nicht an

Anhalten zur Beurtheilung der Wirkung, die es auf den moralischen und

physischen Zustand eines Volks hervorbringt, wenn eine Kirche, die nur

von der Minderheit geliebt und verehrt, von der Mehrheit aber mit

religiösem und nationalem Widerwillen betrachtet wird, in den

ausschließlichen Genuß von Reichthümern und Würden gesetzt wird. Eine

einzige solche Kirche ist eine hinreichend drückende Last für die Kräfte

eines Reichs.

Wunsch der englischen Niederkirchlichen, das Episkopat in Schottland

beizubehalten.

Aber diese Dinge, welche uns, die wir durch eine bittere Erfahrung

belehrt worden sind, klar zu sein scheinen, waren im Jahre 1689 selbst

sehr toleranten und einsichtsvollen Staatsmännern keineswegs klar. Den

englischen Niederkirchlichen war in der That wo möglich noch mehr als

den englischen Hochkirchlichen um Aufrechthaltung des Episkopats in

Schottland zu thun. Es ist eine auffallende Thatsache, daß Burnet, der

stets beschuldigt wurde, daß er das calvinistische Kirchenregiment im

Süden der Insel einführen wolle, sich durch seine Bemühungen, die

Prälatur im Norden aufrecht zu erhalten, bei seinen Landsleuten sehr

unbeliebt machte. Er war allerdings im Irrthum, aber sein Irrthum ist

einer Ursache zuzuschreiben, die ihm keine Unehre macht. Sein

Lieblingsziel, ein Ziel, das zwar unerreichbar, aber wohl geeignet war,

einen großen Geist und ein wohlwollendes Herz zu fesseln, war schon seit

langer Zeit ein ehrenvolles Abkommen zwischen der anglikanischen Kirche

und den Nonconformisten. Er hielt es für ein großes Unglück, daß eine

Gelegenheit zur Herbeiführung eines solchen Abkommens zur Zeit der

Restauration versäumt worden war. Die Revolution schien ihm eine neue

Gelegenheit dazu zu bieten. Er und seine Freunde unterstützten eifrig

Nottingham's Comprehensionsbill und schmeichelten sich mit vergeblichen

Hoffnungen auf Erfolg. Aber sie sahen ein, daß in einem der beiden

britischen Königreiche schwerlich eine Comprehension stattfinden könne,

wenn nicht auch in dem andren eine solche stattfinde. Ein Zugeständniß

mußte durch ein andres erkauft werden. Wenn der Presbyterianer sich

hartnäckig weigerte, da wo er stark war, auf irgend welche

Vergleichsvorschläge zu hören, so mußte es fast unmöglich sein, da wo er

schwach war, liberale Vergleichsbedingungen für ihn zu erlangen. Die

Bischöfe mußten daher ihre Sitze in Schottland behalten dürfen, damit

Geistliche, welche nicht von Bischöfen ordinirt waren, Rectorate und

Canonicate in England bekleiden durften.

Ansichten Wilhelm's über das kirchliche Regiment in Schottland.

So waren die Sachen der Episkopalen im Norden und die Sache der

Presbyterianer im Süden in einer Weise mit einander verkettet, welche

selbst einen geschickten Staatsmann wohl in Verlegenheit setzen konnte.

Es war ein Glück für unser Vaterland, daß die Entscheidung der

hochwichtigen Frage, welche so viele heftige Leidenschaften aufregte und

die sich unter so verschiedenen Gesichtspunkten darstellte, einem Manne

wie Wilhelm oblag. Er hörte auf Episkopalen, auf Latitudinarier und

Presbyterianer, auf den Dechant von Glasgow, der die apostolische

Succession verfocht, auf Burnet, der die Gefahr, den anglikanischen

Klerus zu entfremden, schilderte, und auf Carstairs, der die Prälatur

mit dem Hasse eines Mannes haßte, dessen Daumen tiefe Spuren von den

Schrauben der Prälatisten zeigten. Umgeben von diesen eifrigen

Advokaten, blieb Wilhelm ruhig und unparteiisch. Er eignete sich in der

That durch seine Stellung sowohl wie durch seine persönlichen

Eigenschaften vorzugsweise zum Schiedsrichter in diesem wichtigen

Streite. Er war der König eines prälatistischen Reiches und der höchste

Beamte einer presbyterianischen Republik. Seine Abgeneigtheit, die

anglikanische Kirche zu verletzen, deren Oberhaupt er war, und seine

Abgeneigtheit, die reformirten Kirchen des Continents zu verletzen, die

ihn als einen Vorkämpfer betrachteten, den Gott gesandt, um sie gegen

die französische Tyrannei zu beschützen, hielten sich die Wage und

verhinderten ihn, sich ungebührlich auf diese oder jene Seite zu neigen.

Seine Ueberzeugung war vollkommen neutral. Denn er war entschieden der

Meinung, daß keine Form des Kirchenregiments göttlichen Ursprungs sei.

Er dissentirte eben so sehr von der Schule Laud's wie von der Schule

Cameron's, von den Männern, welche meinten, daß es keine christliche

Kirche ohne Bischöfe, und von den Männern, welche meinten, daß es keine

christliche Kirche ohne Synoden geben könne. Welche Form des

Kirchenregiments zu wählen sei, war seiner Ueberzeugung nach nur eine

Frage der Zweckmäßigkeit. Er würde wahrscheinlich ein Mittelding

zwischen den beiden rivalisirenden Systemen vorgezogen haben, eine

Hierarchie, in der die ersten geistlichen Würdenträger etwas mehr als

Moderatoren und etwas weniger als Prälaten gewesen wären. Aber er war

ein viel zu einsichtsvoller Mann, als daß er hätte daran denken können,

eine solche Angelegenheit nach seinen persönlichen Neigungen zu ordnen.

Er beschloß daher, als Vermittler zu handeln, wenn sich auf beiden

Seiten Bereitwilligkeit zu einem Vergleiche zeigte. Sollte es sich aber

herausstellen, daß die öffentliche Meinung in England und die

öffentliche Meinung in Schottland entschieden auseinandergingen, so

wollte er es nicht versuchen, eine der beiden Nationen zum Anschluß an

die Meinung der andren zu nöthigen. Er wollte jeder von ihnen ihre eigne

Kirche lassen und sich darauf beschränken, beide Kirchen von der

Verfolgung der Nonconformisten und von Eingriffen in die Functionen der

Civilbehörden abzuhalten.

Die Sprache, die er den schottischen Episkopalen gegenüber führte,

welche ihm ihre Leiden klagten und um seinen Schutz baten, war

wohlüberlegt und sehr vorsichtig, aber klar und freimüthig. Er sagte, er

wünsche die Institution, an der sie so sehr hingen, wo möglich aufrecht

zu erhalten und zu gleicher Zeit derjenigen Partei, welche zu keiner

Abweichung von der presbyterianischen Urform zu bringen sei, völlige

Gewissensfreiheit zu gewähren. Aber die Bischöfe mußten auch darauf

bedacht sein, daß sie es ihm nicht durch ihre Uebereilung und

Hartnäckigkeit unmöglich machten, ihnen irgendwie nützlich zu sein. Sie

mußten sich klar bewußt sein, daß er entschlossen sei, Schottland nicht

mit dem Schwerte eine Form des Kirchenregiments aufzuzwingen, die es

verabscheue. Wenn es sich daher herausstellen sollte, daß die Prälatur

nur mit Hülfe der Waffen aufrecht erhalten werden könne, so würde er der

allgemeinen Gesinnung nachgeben und nur sein Möglichstes thun, damit es

der bischöflichen Minorität gestattet werde, Gott in Freiheit und

Sicherheit zu verehren.[17]

Comparative Stärke der religiösen Parteien in Schottland.

Es ist nicht wahrscheinlich daß, selbst wenn die schottischen Bischöfe,

wie Wilhelm anempfahl, Alles gethan hätten, was der Milde und Klugheit

möglich war, um ihre Landsleute mit sich auszusöhnen, das Episkopat

unter irgend welcher veränderten Gestalt hätte aufrecht erhalten werden

können. Es ist zwar von Schriftstellern der damaligen Generation

behauptet und von Schriftstellern unsrer Generation wiederholt worden,

daß die Presbyterianer vor der Revolution nicht die Mehrheit der

Bevölkerung Schottland's gebildet hätten.[18] In dieser Behauptung liegt

jedoch eine offenbare Täuschung. Die wirkliche Stärke einer

Religionspartei darf nicht lediglich nach ihrer Kopfzahl bemessen

werden. Eine Landeskirche, eine dominirende Kirche, eine Kirche, die im

ausschließlichen Besitz der bürgerlichen Ehren und Einkünfte ist, wird

jederzeit unter ihren nominellen Mitgliedern viele zählen, welche gar

keine Religion haben, viele, die zwar nicht ohne alle Religion sind,

sich aber um religiöse Streitigkeiten wenig kümmern und kein Bedenken

tragen, sich der eben bestehenden Art der Gottesverehrung zu

conformiren, und viele, die sich wegen des Conformirens zwar Bedenken

machen, deren Bedenken aber weltlichen Beweggründen gewichen sind. Auf

der andren Seite hat jedes Mitglied einer unterdrückten Kirche eine

entschiedene Vorliebe für diese Kirche. Von Jemandem, der zu den Zeiten

Diocletian's an der Feier der christlichen Mysterien Theil nahm, konnte

vernünftigerweise angenommen werden, daß er fest an Christum glaube.

Aber es würde ein großer Irrthum sein, wollte man glauben, daß ein

einziger Pontifex oder Augur im römischen Senat fest an Jupiter geglaubt

habe. Unter Mariens Regierung war Jedermann, der an den geheimen

Zusammenkünften der Protestanten Theil nahm, ein wahrer Protestant; aber

Hunderttausende besuchten die Messe, von denen es sich schon in den

ersten Wochen nach Mariens Tode zeigte, daß sie keine aufrichtigen

Katholiken waren. Wenn unter den Königen des Hauses Stuart, wo ein

Presbyterianer von politischer Macht und wissenschaftlichen

Berufszweigen ausgeschlossen war, täglich von Angebern, von tyrannischen

Magistratsbeamten, oder von zügellosen Dragonern belästigt wurde und

Gefahr lief aufgehängt zu werden, wenn er eine Predigt unter freiem

Himmel anhörte, die Bevölkerung Schottland's sich nicht sehr ungleich in

Episkopale und Presbyterianer theilte, so läßt sich vernünftigerweise

annehmen, daß mehr als neunzehn Zwanzigstel von denjenigen Schotten,

deren Gewissen bei der Sache betheiligt war, Presbyterianer waren und

daß von zwanzig Schotten nicht einer entschieden und aus Ueberzeugung

ein Episkopale war. Gegen ein solches Uebergewicht hatten die Bischöfe

wenig Aussicht, und die geringe Aussicht, die sie etwa hatten, beeilten

sie sich abzuwerfen, Einige deshalb, weil sie der aufrichtigen Meinung

waren, ihre Unterthanenpflicht gehöre noch immer Jakob, Andere

wahrscheinlich aus Besorgniß, daß Wilhelm, wenn er auch den Willen

hätte, nicht die Macht haben würde, ihnen zu helfen, und daß nur eine

Contrerevolution im Staate einer Revolution in der Kirche vorbeugen

könne.

Schreiben von Wilhelm an die schottische Convention.

Da der neue König von England während der Sitzungen der schottischen

Convention nicht in Edinburg sein konnte, so wurde ein Schreiben von ihm

an die Stände mit großer Geschicklichkeit entworfen. In diesem Dokumente

erklärte er seine warme Anhänglichkeit an die protestantische Religion,

sprach sich aber nicht über diejenigen Fragen aus, bezüglich welcher die

Ansicht der Protestanten getheilt war. Er sagte, er habe mit großer

Genugthuung bemerkt, daß viele von den schottischen Cavalieren und

Gentlemen, mit denen er in London conferirt, zu einer Vereinigung der

beiden britischen Königreiche geneigt seien. Er sehe ein, wie sehr eine

solche Vereinigung das Glück beider Länder fördern würde, und er werde

Alles thun was in seinen Kräften stehe, damit ein so gutes Werk zu

Stande komme.

Wilhelm's Instructionen für seine Agenten in Schottland.

Seinen confidentiellen Agenten in Edinburg mußte er eine große Freiheit

im Handeln gestatten. Die geheimen Instructionen, welche er diesen

Männern ertheilte, konnten daher nicht minutiös sein, aber sie waren

höchst verständig. Er beauftragte sie, die wahre Gesinnung der

Convention nach besten Kräften zu ermitteln und sich durch dieselbe

leiten zu lassen. Sie sollten stets eingedenk sein, daß der erste Zweck

die Befestigung der Regierung sei. Diesem Zwecke mußte jeder andre,

selbst die Union, nachstehen. Ein Vertrag zwischen zwei mehrere

Tagereisen entfernten Legislaturen müsse nothwendig das Werk der Zeit

sein und der Thron könne während der Dauer der Unterhandlungen nicht

füglich erledigt bleiben. Die Agenten Sr. Majestät müßten daher ganz

besonders auf ihrer Hut sein gegen die Kunstgriffe von Leuten, welche

unter dem Vorwand, die Union zu fördern, thatsächlich nur eine

Verlängerung des Interregnums beabsichtigten. Wenn die Convention

geneigt sein sollte, die presbyterianische Form des Kirchenregiments

einzuführen, so wünsche Wilhelm, daß seine Freunde Alles aufböten, um

die siegende Religionspartei abzuhalten, für die erlittenen Drangsale

Wiedervergeltung zu üben.[19]

Die Dalrymple.

Der Mann, durch dessen Rath sich Wilhelm damals in Sachen der

schottischen Politik hauptsächlich leiten ließ, war ein Schotte von

großen Fähigkeiten und Geistesgaben, Sir Jakob Dalrymple von Stair, der

Begründer einer Familie, die sich in der Advokatur, auf der Richterbank,

im Senate, in der Diplomatie, in den Waffen und in der Literatur

auszeichnete, die sich aber auch durch Unglücksfälle und Missethaten,

welche den Dichtern und Romanschreibern Stoff zu den schwärzesten und

herzzerreißendsten Geschichten geliefert, einen Namen gemacht hat. Sir

Jakob hatte schon mehr als einen sonderbaren und entsetzlichen Todesfall

zu betrauern gehabt. Eine seiner Töchter hatte ihren Bräutigam in der

Hochzeitsnacht erstochen. Einer seiner Enkel war bei einem kindlichen

Spiele von einem andren getödtet worden. Boshafte Pamphletisten

behaupteten und ein Theil des abergläubischen Volks glaubte es, daß so

entsetzliche Unfälle die Folge einer gewissen Verbindung zwischen der

unglücklichen Familie und den Mächten der Finsterniß sei. Sir Jakob

hatte einen schiefen Hals; dieses Unglück warf man ihm wie ein

Verbrechen vor und sagte, daß er dadurch als ein für den Galgen

bestimmter Mann gezeichnet sei. Seine Gattin, eine Frau von hoher

geistiger Begabung, Klugheit und Entschlossenheit, hatte vom Volke den

Spottnamen der Hexe von Endor erhalten. Es wurde allen Ernstes gesagt,

daß sie auf Diejenigen, die sie haßte, einen furchtbaren Zauber geworfen

und daß man sie in der Gestalt einer Katze auf der Staatsdecke zur Seite

des Lordstatthalters habe sitzen sehen. Der Mann, auf dessen Dache ein

so mannichfacher Fluch zu lasten schien, stand jedoch, soweit wir dies

jetzt noch beurtheilen können, keineswegs auf einer viel tieferen Stufe

der Moralität als die große Mehrzahl der Staatsmänner seiner Zeit und

seiner Nation. An Seelenstärke und Kenntnissen war er ihnen Allen

überlegen. In seiner Jugend hatte er die Waffen getragen, dann war er

Professor der Philosophie gewesen, hatte hierauf die Rechte studirt und

war anerkanntermaßen der größte Jurist, den sein Vaterland

hervorgebracht hat. In den Tagen des Protectorats war er Richter

gewesen. Nach der Restauration hatte er sich mit der königlichen Familie

ausgesöhnt, war Mitglied des Geheimraths geworden und hatte mit

unvergleichlicher Geschicklichkeit dem Court of Session präsidirt.

Allerdings hatte er an manchen nicht zu rechtfertigenden Handlungen

Theil genommen, aber eine gewisse Grenze überschritt er niemals. Er

besaß ein merkwürdiges Talent, einem Satze, den zu behaupten er für gut

fand, einen plausibeln Anschein von Gesetzlichkeit und selbst von

Gerechtigkeit zu geben, und dieses Talent mißbrauchte er häufig. Aber er

war nicht wie viele von Denen, unter welchen er lebte, schamlos und

gewissenlos servil. Schamgefühl oder Gewissen hielten ihn in der Regel

ab, eine Schlechtigkeit zu begehen, für die sein seltener Scharfsinn

nicht einen speziösen Vertheidigungsgrund ausfindig machen konnte, und

er fehlte gewöhnlich an seinem Platze im Staatsrath, wenn eine empörende

Ungerechtigkeit oder Grausamkeit im Werke war. Seine Mäßigung wurde dem

Hofe endlich unangenehm. Er wurde seines hohen Amtes entsetzt und befand

sich in einer so mißlichen Situation, daß er sich nach Holland

zurückzog. Dort beschäftigte er sich mit der Verbesserung des großen

juristischen Werks, das seinen Namen bis auf unsre Zeit in frischem

Andenken erhalten hat. In seinem Exil bemühte er sich, die Gunst seiner

Mitverbannten zu gewinnen, die ihn natürlich mit Argwohn betrachteten.

Er betheuerte, und vielleicht war dem wirklich so, daß seine Hände rein

seien vom Blute der verfolgten Covenanters. Er trug eine große

Religiosität zur Schau, betete viel und beobachtete allwöchentlich Fast-

und Kasteiungstage. Nach langem Zaudern willigte er sogar ein, das

unglückliche Unternehmen Argyle's mit seinem Rathe und Ansehen zu

unterstützen. Als dieses Unternehmen gescheitert war, wurde Dalrymple in

Edinburg der Prozeß gemacht, und seine Güter würden ohne allen Zweifel

confiscirt worden sein, hätte man sie nicht durch einen Kunstgriff

gerettet, der in der Folge unter den schottischen Staatsmännern sehr

gewöhnlich wurde. Sein ältester Sohn und muthmaßlicher Erbe, Johann,

trat auf die Seite der Regierung, unterstützte das Dispensationsrecht,

erklärte sich gegen den Test und nahm die Stelle des Lord Advokaten an,

als Sir Georg Mackenzie, nachdem er zehn Jahre entehrender Plackerei auf

diesem Posten ausgeharrt, endlich Zeichen der Erschlaffung blicken ließ.

Die Dienste des jungen Dalrymple wurden mit Erlassung, der

Vermögensconfiscation belohnt, der sich der ältere durch seine Vergehen

ausgesetzt hatte. Diese Dienste waren allerdings auch nicht zu

verachten, denn obwohl Sir John an Tiefe und Umfang der juristischen

Kenntnisse seinem Vater nachstand, war er doch kein gewöhnlicher Mensch.

Er besaß eine vielseitige Bildung, einen scharfen Verstand und eine

ungemein schlagende und elegante Beredtsamkeit. Auf Frömmigkeit machte

er keinen Anspruch. Episkopalen und Presbyterianer stimmten in der That

darin überein, daß sie ihn für wenig besser als einen Atheisten hielten.

Einige Monate lang stellte sich Sir Johann in Edinburg, als ob er die

Illoyalität seines unglücklichen Vaters, Sir Jakob, verdammte, und Sir

Jakob sagte in Leyden zu seinen puritanischen Freunden, daß er die

abscheuliche Willfährigkeit seines unglücklichen Sohnes tief beklage.

Die Revolution kam und brachte dem Hause Stair einen großen Zuwachs an

Reichthum und Ehren. Der Sohn wechselte sogleich die Farbe und

cooperirte geschickt und eifrig mit dem Vater. Sir Jakob nahm seinen

Wohnsitz in London, um Wilhelm in schottischen Angelegenheiten mit

seinem Rathe zu unterstützen. Sir Johann's Posten war im Parlamentshause

zu Edinburg. Es war nicht wahrscheinlich, daß er unter den dortigen

Wortkämpfern seines Gleichen finden würde, und er war darauf vorbereitet

alle seine Kräfte gegen die Dynastie aufzubieten, der er noch kürzlich

gedient hatte.[20]

Melville.

Von der zahlreichen Partei, welche dem calvinistischen Kirchenregiment

eifrig zugethan war, wurde Johann Dalrymple mit unheilbarem Mißtrauen

und Widerwillen betrachtet. Es mußte daher ein andrer Agent zur

Bearbeitung dieser Partei ernannt werden. Dieser Agent war Georg

Melville, Lord Melville, ein mit dem unglücklichen Monmouth und dem

Leslie, der die schottische Armee mit so schlechtem Erfolg bei Dunbar

gegen Cromwell befehligt hatte, verwandter Edelmann. Melville hatte von

jeher für einen Whig und Presbyterianer gegolten. Selbst Diejenigen, die

am günstigsten über ihn urtheilen, haben es nicht gewagt, ihm

ausgezeichnete Geistesgaben oder glühenden Gemeinsinn zuzuschreiben. Aus

seinen Briefen geht jedoch hervor, daß es ihm keineswegs an der

natürlichen Klugheit fehlte, deren Mangel Männern von glänzenderem Genie

und reinerer Tugend oft zum Verderben gereicht hat. Diese Klugheit hatte

ihn abgehalten, in der Opposition gegen die Tyrannei der Stuarts zu weit

zu gehen, aber er hatte zugehört, wenn seine Freunde von Widerstand

sprachen, und als das Ryehousecomplot entdeckt wurde, hielt er es daher

für rathsam, sich auf den Continent zurückzuziehen. In seiner

Abwesenheit wurde er des Hochverraths angeklagt und auf Beweise hin,

welche keinem unparteiischen Gerichtshofe genügt haben würden, für

schuldig befunden. Er ward zum Tode verurtheilt, seine Ehren und Güter

wurden für verwirkt erklärt, sein Wappen mit Schimpf und Schande aus dem

Buche des Herolds gerissen, und seine Besitzungen vermehrten das

Vermögen des grausamen und habsüchtigen Perth. Unterdessen lebte der

Flüchtling mit characteristischer Vorsicht ruhig auf dem Continent und

mißbilligte die unglücklichen Pläne seines Vetters Monmouth, zollte aber

dem Unternehmen des Prinzen von Oranien von Herzen seinen Beifall.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Siebenter Band: enthaltend Kapitel 13 und 14. · 第 1 / 24 段