In der jüngsten Zeit hat sich herausgestellt, daß auch bei der ~Cholera
asiatica~, ähnlich wie beim Typhus, die Gefahr der Ausbreitung
dadurch erhöht wird, daß in seltenen Fällen Individuen, die keine
Cholerasymptome zeigen oder gezeigt haben, Choleravibrionen in ihrem
Darminhalt beherbergen und mit demselben ausscheiden können. Es ist
einleuchtend, daß ein solcher »Cholerabazillenträger« besonders
gefährlich für die Verschleppung der Seuche sein kann, weil man nur
durch umständliche Untersuchungsverfahren, die sich unmöglich auf
eine größere Zahl von Menschen ausdehnen lassen, die Bazillenträger
feststellen kann. Auch bei einer sorgfältigen Kontrolle des Eisenbahn-
und Flußverkehrs wird man beispielsweise immer nur die wirklich
_Kranken_ an der Überschreitung der Grenze und Verschleppung der Seuche
hindern können. »Bazillenträger« sollen übrigens nach den amtlichen
Berichten bei der zurzeit (1909) in Petersburg herrschenden Epidemie
ungemein häufig angetroffen worden sein und sollen wesentlich dazu
beigetragen haben, daß die Unterdrückung der Seuche nicht gelingen will.
Ein wirksames _Heil_serum gegen die asiatische Cholera besitzen
wir vorläufig nicht, dagegen haben Versuche, den Menschen durch
Impfung mit abgetöteten oder auch avirulenten lebenden Reinkulturen
vor der Infektionsgefahr zu schützen, ermutigende Erfolge gehabt.
Sie kommen natürlich ausschließlich für Cholerazeiten in Betracht
und werden besonders große Bedeutung z. B. für den Schutz größerer
Truppenabteilungen in verseuchten Ländern besitzen, unter Umständen
also, unter denen die Maßnahmen der Hygiene nicht durchführbar sind.
Immerhin kann das Schutzimpfungsverfahren auch für weitere Kreise
praktische Bedeutung gewinnen, wenn wider Erwarten trotz aller
Schutzmaßnahmen unserer Behörden die Seuche auch bei uns noch einmal
einfallen sollte.
Weitaus am einfachsten und nach unseren Erfahrungen durchaus sicher
ist diejenige Schutzmaßnahme, die jeder Einzelne in Zeiten einer
Choleraepidemie zu treffen hat, um der Krankheit zu entgehen: Er
hat sorgfältig zu vermeiden, daß Choleravibrionen in seinen _Mund_
und von da aus in den Darmkanal geraten; abgesehen von allgemeiner
großer Reinlichkeit wird man dazu in solchen Zeiten ausschließlich
nötig haben, alle irgendwie verdächtigen Speisen zu vermeiden. Am
zweckmäßigsten wird man also in Cholerazeiten den Genuß von rohem Obst
und ungekochtem Wasser ganz unterlassen und überhaupt ausschließlich
gekochte oder gründlich gebratene Speisen zu sich nehmen. Daß diese
einfachen und naheliegenden Mittel sehr wirksamen Schutz gewähren,
beweist die schon erwähnte Tatsache, daß die Ärzte, die während der
Hamburger Epidemie der Infektion ständig ausgesetzt waren, allein durch
ihre Anwendung von der Seuche so gut wie verschont geblieben sind.
Kapitel VII.
Beispiele von Infektionskrankheiten unseres Klimas, die durch
Stäbchenbakterien hervorgerufen werden: Diphtherie. -- Tetanus.
-- Influenza. -- Keuchhusten. -- Unterleibstyphus. (Mit einer
Anmerkung über Nahrungsmittelvergiftungen durch Bakterien.)
Diphtherie.
Die Diphtherie war nach der Unterdrückung der Pocken in unserem Lande
wohl mit Recht eine der am meisten gefürchteten Krankheiten des
kindlichen Alters, bis sie dank dem Diphtherie-Heilserum viel von ihrem
Schrecken verlor. Die Krankheit beginnt nach einer gewöhnlich nur 2–5
Tage dauernden Inkubationszeit mit Fieber, Kopf- und Halsschmerzen
und Schluckbeschwerden. Diese letzteren beruhen auf der wichtigsten
krankhaften Veränderung, die der Diphtheriebazillus verursacht, nämlich
auf der Bildung von eigentümlichen bräunlichgrauen Auflagerungen
(Pseudomembranen) auf den entzündeten Schleimhäuten des Rachens und
der oberen Luftwege, der Mandeln, des Kehlkopfes, seltener der Nase.
Diese Pseudomembranen können, wenn sie sehr umfangreich werden, selbst
die Atmung erschweren, ja vollständig unterdrücken und dadurch zu
Erstickungsgefahr führen, der der Arzt in besonders schweren Fällen
nur durch einen Luftröhrenschnitt begegnen kann. Aber auch nach dem
Überstehen der ersten lokalen Krankheitserscheinungen können später
noch nach Wochen von diesen ganz verschiedene und zuweilen sehr ernste
Komplikationen sich einstellen, die in Lähmungen bestimmter Nerven
bestehen.
[Illustration: Abb. 24.