Dieses Pestbakterium findet sich bei der Beulenpest in den entzündeten
Lymphdrüsen in kolossalen Mengen, in späteren Stadien auch im Blute und
wird in solchen Fällen auf den Körper des Erkrankten streng beschränkt
bleiben, also nicht in die Außenwelt gelangen, es sei denn, daß nach
Vereiterung einer Lymphdrüse ein Durchbruch von eitrigem Material
nach außen eintritt. In diesem letzteren Falle werden mit dem Eiter
natürlich auch Pestbakterien, und zwar in großer Menge, ausgeschieden.
In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle von Beulenpest kommt es aber
nicht hierzu, und daraus ergibt sich schon, daß solche Kranke selbst
für ihre nächste Umgebung keine erhebliche Gefahr darstellen. Ganz
anders bei der Lungenpest: der Kranke, der an dieser Form der Seuche
leidet, scheidet mit seinem Auswurf massenhafte virulente Pestkeime
aus und wird dadurch für seine Umgebung außerordentlich gefährlich.
Auch von dieser Gefahr macht man sich aber zuweilen ganz übertriebene
Vorstellungen: wer sie genau kennt, vermag ihr vorzubeugen. Das beweist
am besten eine Angabe von _Schottelius_: danach erkrankten von den 99
englischen Diakonissinnen, die von 1894–1900 ausschließlich zur Pflege
Pestkranker nach Bombay gekommen sind, im ganzen nur 3 an Pest, von
denen zwei genasen. Überhaupt werden Europäer, auch in den Gegenden, in
denen die Pest niemals erlischt, vergleichsweise nur äußerst selten von
der Seuche befallen; in erster Linie deshalb, weil sie für Reinlichkeit
des Körpers, der Kleidung und Wohnung Sorge tragen. -- Anderseits wird
die Gefahr der Pestverbreitung durch den Auswurf dadurch vergrößert,
daß, wie _Gotschlich_ zuerst feststellte, noch wochenlang nach der
Abheilung einer Pestlungenentzündung im Auswurf des Rekonvaleszenten
bzw. Genesenen Pestbazillen nachzuweisen sind.
[Illustration: Abb. 22.
Pestbazillen im Abstrich von einer vereiterten Lymphdrüse (Bubo) bei
Bubonenpest.]
Von größter Bedeutung für die Entstehung und Verbreitung von
Pestepidemien ist die Tatsache, daß der Pestbazillus ebenso wie
für den Menschen für eine Reihe von kleineren Nagetieren höchst
gefährlich ist, insbesondere für Ratten. Man hat beobachtet, daß dem
ersten Auftreten von gehäuften Pestfällen unter den Menschen oft ein
massenhaftes Rattensterben vorausgeht. Dies gilt vor allen Dingen für
die sogenannten Pestherde, jene Gegenden, in denen die Krankheit nie
vollständig erlischt. Die natürliche Verbreitung der Seuche unter
diesen Tieren soll hauptsächlich dadurch erfolgen, daß die Überlebenden
die Leichen der an Pest gestorbenen Tiere aufzufressen pflegen. Die
Pestbazillen dringen dann in kleine Verletzungen des Rachens ein, und
die ersten »Pestbeulen« finden sich dann auch häufig am Halse; d.
h. mit andern Worten: in den der infizierten Wunde nächstgelegenen
Halslymphdrüsen.
Durch neueste Untersuchungen ist es wahrscheinlich gemacht, daß
von Ratten die Seuche auf den Menschen hauptsächlich durch _Flöhe_
übertragen wird; dafür sprechen manche Erfahrungstatsachen; vereinbar
damit ist z. B. die schon erwähnte Seltenheit der Erkrankung bei
Europäern, die in reinlichen Wohnungen leben und sich vor Ungeziefer
überhaupt schützen, ferner auch die sicherstehende Tatsache, daß
einen relativen Schutz gegen die Seuche auch die unter günstigen
hygienischen Bedingungen lebenden vornehmen Kasten der indischen
Bevölkerung genießen, endlich die Feststellung, daß weitaus die meisten
Pestbubonen an den Oberschenkeln sitzen und dadurch auf Eindringen der
Krankheitskeime an den Beinen hindeuten: es ist ja einleuchtend, daß
Flöhe, die von den verendeten Ratten auf den Menschen übergehen, meist
zunächst auf die unbekleideten Beine gelangen und daher am häufigsten
auch hier zuerst stechen werden.
Die Bekämpfung der Pest bei der armen eingeborenen Bevölkerung Indiens
muß vorläufig auf die größten Schwierigkeiten stoßen, da sie nach dem
eben Gesagten wesentlich in der Hebung der hygienischen Verhältnisse im
allgemeinen beruhen müßte. In dieser Hinsicht ist aber von der näheren
Zukunft wohl noch nicht viel Gutes zu erwarten.
Zur Verhütung der Gefahr einer _Einschleppung_ der Seuche nach Europa
dienen strenge Maßnahmen, die sich namentlich auf eine scharfe
Kontrolle aller aus pestverdächtigen Gegenden kommenden Schiffe
erstrecken. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Möglichkeit einer
Verbreitung der Seuche durch pestkranke Ratten gerichtet. Hier kommen
als Schutzmaßregeln zunächst wieder Vorkehrungen in Betracht, die das
Eindringen von Ratten an Bord von Schiffen in pestverseuchten Häfen
unmöglich machen sollen. Weiterhin hat man als radikalste und beste
Methode die Vernichtung sämtlicher in den Schiffsräumen befindlichen
Ratten durch Entwickelung giftiger Gase mit Erfolg versucht.
Sollte trotz aller Vorsicht einmal ein Pestfall nach Deutschland
eingeschleppt werden, so wird der Umfang der dadurch entstehenden
Gefahr in erster Linie von der Schnelligkeit abhängen, mit der die
Krankheit erkannt wird. Gelingt es, den betreffenden Patienten zu
isolieren, bevor er seine Umgebung angesteckt hat, so wird die Gefahr
unterdrückt werden können. In erster Linie dienen diesem Zwecke
sogenannte Pestlaboratorien, die im Anschluß an größere hygienische
und andere staatliche Institute, die sich mit der Erforschung der
Infektionskrankheiten beschäftigen, in über 20 deutschen Städten
vorhanden sind. Für die Einrichtung und den Betrieb dieser Laboratorien
bestehen besonders strenge und genaue Vorschriften, denn bei der
Gefährlichkeit des Pestbazillus ist selbst das wissenschaftliche
Arbeiten mit dem Keim mit vergleichsweise großen Gefahren verknüpft;
man braucht z. B. nur an die Möglichkeit zu denken, daß eine zu
diagnostischen Zwecken mit Pestmaterial geimpfte Ratte aus ihrem Käfig
entwischte; dies könnte den Anlaß zu einer Pestseuche zunächst unter
den Ratten geben, die dann aber unter unglücklichen Bedingungen auch
auf die Menschen überspringen könnte. Auch sind einige sehr traurige
Fälle, in denen Ärzte sich beim Arbeiten mit Pestbazillen eine tödliche
Infektion zuzogen, ja allgemein bekannt geworden und noch in lebhafter
Erinnerung.
In Gegenden, in denen die Pest heimisch, »endemisch« ist, hat man mit
Erfolg, besonders bei Soldaten, Schutzimpfungsverfahren angewendet,
die meist in der Injektion kleiner Mengen abgetöteter Reinkulturen
des Pestbazillus bestanden und sich nach den Berichten bewährt
haben. Neuerdings sollen auch günstige Erfolge durch Schutzimpfung
von Menschen mit lebenden, avirulenten Pestkulturen erzielt sein.
Erwähnt sei noch, daß vom Institut _Pasteur_ in Paris mittels eines
langwierigen Vorbehandlungsverfahrens von Pferden ein Antipestserum
hergestellt wird. Bei dem letzten unliebsamen Besuche, den die Pest vor
wenigen Jahren in Europa machte -- es handelte sich um eine in Oporto
im Jahre 1899 ausgebrochene Epidemie --, hat sich dieses Serum, wenn
auch nicht als ein sicheres Rettungsmittel, so doch als ein wertvolles
Hilfsmittel erwiesen: die Sterblichkeit der mit dem Serum behandelten
an Pest Erkrankten betrug nur 14,8% gegenüber einer solchen von 63,7%
bei den unbehandelten.
Die asiatische Cholera.
Das Krankheitsbild der asiatischen Cholera ist je nach der Schwere
der Erkrankung wechselnd. Im Vordergrunde der Erscheinungen stehen
Durchfall und Erbrechen, häufig sind Wadenschmerzen. Die Stimme wird
heiser, hoch, klanglos, die Haut blaß, kühl. Die Körpertemperatur sinkt
-- im Gegensatz zu den meisten anderen Infektionskrankheiten, die mit
Temperatursteigerungen zu verlaufen pflegen --, der Tod kann in wenigen
Stunden eintreten. Er tritt in schweren Fällen regelmäßig innerhalb
zwei Tagen ein. Eine schreckliche Eigentümlichkeit der Krankheit ist
es, daß das Bewußtsein bis in das letzte Stadium hinein erhalten zu
bleiben pflegt. In leichteren Fällen sind alle diese Erscheinungen nur
in geringerem Grade vorhanden, und es tritt Genesung ein.
Im Jahre 1883 ging _Robert Koch_ als Führer einer vom Deutschen Reiche
ausgerüsteten Expedition nach Ägypten, um an der dort herrschenden
Epidemie womöglich die Ursache der Krankheit aufzuklären. Der Erfolg
der Expedition war glänzend: _Koch_ wies in dem Choleravibrio oder
Kommabazillus den Erreger der furchtbaren Seuche nach. Es handelt sich
um ein kleines, leicht gekrümmtes, lebhaft bewegliches Bakterium, das
seiner Form nach zu der Klasse der Vibrionen gehört, und das sich in
enormen Mengen im Darm Cholerakranker findet. Die Reinkulturen dieses
kleinen Lebewesens sind von denen ungefährlicher ähnlicher Arten mit
Sicherheit zu unterscheiden.
Die Verbreitung der Keime erfolgt, wie sich nach dem Gesagten
schon ergibt, ganz wesentlich durch Vermittlung der diarrhöischen
Darmentleerungen der Erkrankten. Gelangen diese ohne besondere
Vorsichtsmaßregeln in Flußläufe, so können darin die Choleravibrionen
einige Zeit am Leben bleiben und unter ungenügenden hygienischen
Bedingungen, besonders also in unkultivierten Ländern, wieder zu neuen
Infektionen führen, vor allem dann, wenn das infizierte Wasser ohne
Vorsichtsmaßnahmen als Trinkwasser verwendet wird. -- In zivilisierten
Ländern wird man zunächst jeden Cholerakranken zu isolieren trachten,
sodann vor allem für die Vernichtung aller (mit den Darmentleerungen
und dem Erbrochenen) ausgeschiedenen Keime durch Desinfektion der
Entleerungen und der Wäsche der Kranken sorgen.
[Illustration: Abb. 23.