Aufnahme von Milzbrandbazillenfäden durch weiße Blutkörperchen.]

Kommt es zu sehr massenhafter Auswanderung weißer Blutkörperchen,

so entsteht das Bild der _Eiterung_. Die weißliche und gelbliche

Flüssigkeit, die wir als Eiter bezeichnen, besteht zum allergrößten

Teile aus diesen kleinen, eigenbeweglichen weißen Blutzellen.

[Illustration: Abb. 14.

~a~ Blut unmittelbar nach der Entnahme. ~b~ Abscheidung des Serums nach

einigen Stunden, ~K~ = Blutkuchen, ~S~ = Serum.]

Auch die _flüssigen_ Bestandteile des Blutes besitzen

bakterienfeindliche Eigenschaften. Im einzelnen hat man diese

Verhältnisse durch Versuche aufzuklären gestrebt, die man mit frisch

dem Körper entnommenem Blute anstellte. Läßt man solches Blut nur

kurze Zeit in einem Glasgefäße stehen, so gerinnt es; dabei bildet

sich ein dunkelroter, festweicher »Blutkuchen«, der aus den zelligen

Elementen und einem als Fibrin bezeichneten Faserstoffe besteht. Den

Blutkuchen umgibt nach vollendeter Gerinnung eine für gewöhnlich

klare, hellgelb gefärbte Flüssigkeit, das sogenannte _Blutserum_ (s.

Abb. 14). Bringt man in ein Tröpfchen dieses Blutserums eine kleine

Menge einer Reinkultur von krankheiterregenden Bakterien, so sieht

man in geeigneten Fällen unter dem Mikroskop, daß die Spaltpilze

bald Veränderungen ihrer Form zeigen und schließlich verschwinden,

~aufgelöst~ werden.

Man kann sich auch durch das Kulturverfahren davon überzeugen, daß

die Keime vernichtet worden sind: sät man ein solches Tröpfchen mit

Keimen beschickten Serums wieder auf einem geeigneten Nährboden aus,

so entwickelt sich kein Bakterienwachstum, der Nährboden bleibt

steril. Um das kleine Experiment noch beweiskräftiger zu gestalten,

macht man einen sogenannten Kontrollversuch: man bringt eine möglichst

genau gleich große Menge von Bakterien der gleichen Art unter sonst

ganz gleichen Bedingungen in ein Tröpfchen des zum Versuch verwandten

Serums, das aber zuvor eine kurze Zeit auf 60° erhitzt worden war;

darin sieht man nichts von Zerfall der Bakterienzellen, und nach

der Aussaat _dieses_ Tröpfchens erhält man eine Reinkultur des zum

Versuche verwendeten Bakteriums. Nur das unerhitzte Serum hat also die

Bakterien abgetötet, das erhitzte dagegen nicht. Diese bakterientötende

(bakterizide) Fähigkeit des frischen Serums wurde zuerst von _Buchner_

und seinen Schülern entdeckt und näher studiert. Dabei zeigte sich, daß

sie auch bei gewöhnlicher Temperatur dem Serum schon nach einer Anzahl

von Stunden, bei einer Erhitzung auf 55° schon nach etwa einer halben

Stunde, verloren geht. _Buchner_ schrieb sie Serumstoffen zu, die er

als »Alexine« (Abwehrstoffe) bezeichnete.

Es ist lange und lebhaft darüber diskutiert worden, ob der Phagocytose

durch ausgewanderte Leukocyten, oder ob der bakterienfeindlichen

Wirkung löslicher Serumstoffe die Hauptrolle im Kampfe gegen

eindringende Keime zukommt. Eine befriedigende Aufklärung

der außerordentlich mannigfaltigen Ausgänge natürlicher und

künstlicher bakterieller Infektion vermag weder die eine noch die

andere Auffassung zu geben. Wie die Angriffswaffen der Bakterien

verschieden und teilweise noch ganz unentdeckt sind, so sind eben

auch die Schutzmaßnahmen des Körpers und seine Verteidigungsmittel

mannigfaltiger Art. Gewiß ist, daß Zellen und lösliche Bestandteile des

_Blutes_ bei der Heilung von infektiösen Prozessen eine wichtige Rolle

spielen; daher ist denn auch das Bestreben der Ärzte in mannigfacher

Weise auf deren Ausnutzung, auf die möglichste Steigerung ihrer

Wirkung gerichtet. Ein besonders wichtiges Verfahren, das dieses Ziel

(neben anderen) anstrebt, ist die von Prof. _Bier_ empfohlene Methode

der künstlichen »Stauung« des Blutes in infizierten und entzündeten

Körperteilen. Sie mag an dieser Stelle wenigstens erwähnt werden. Eine

eingehende Erörterung der sehr schwierigen Probleme, die die Behandlung

von infizierten Wunden bietet, kann hier natürlich gar nicht versucht

werden.

Noch schwieriger zu übersehen werden die an sich schon komplizierten

Verhältnisse dadurch, daß im Laufe des Kampfes beide Parteien

Veränderungen durchmachen, neue Eigenschaften gewinnen: die

Bakterienzellen zeigen vielfach einige Zeit nach ihrem Eindringen

in die Körpergewebe eine erhöhte Widerstandsfähigkeit gegenüber

den Phagocyten und den bakterienfeindlichen Säften; sie haben sich

»angepaßt«, wie man sagt. Z. B. werden Milzbrandbazillen kurz nach der

Injektion in den empfänglichen Tierkörper -- bei Infektionsversuchen

-- rasch von Phagocyten aufgenommen; nach einiger Zeit bilden sie

aber eine Art Kapsel (vgl. Abb. 15) und können nun von den weißen

Blutkörperchen nicht mehr gefressen werden.

[Illustration: Abb. 15.

Milzbrandbazillen im Milzsaft einer der Infektion erlegenen Maus. Die

Bazillen haben »Kapseln«; sie liegen alle außerhalb der tierischen

Zellen.]

Andererseits nehmen die Abwehrkräfte des Organismus höherer Tiere im

Verlaufe einer Infektion oft in ganz erstaunlicher Weise zu, z. B.

gewinnt in manchen Fällen die Blutflüssigkeit in sehr gesteigertem

Grade die Fähigkeit, die Keime der dem Krankheitsprozeß zugrunde

liegenden Bakterienart -- z. B. Typhusbazillen in einem Falle von

Abdominaltyphus -- abzutöten. Diese Änderungen stehen in engem

Zusammenhang mit dem Zustandekommen des eigentümlichen Zustandes, den

wir als »Immunität« bezeichnen. Von ihnen wird in einem besonderen

Abschnitt die Rede sein.

Kurz: wir sehen sehr wechselnde und äußerst verwickelte Verhältnisse

vor uns, die aufzuklären wir noch keineswegs völlig in der Lage

sind. Wir müssen uns mit der Vorstellung begnügen, daß sich an der

Invasionsstelle pathogener Keime ein Kampf entspinnt, dessen Ausgang

von Faktoren abhängt, die wir heute erst teilweise kennen. Je nach

den Verteidigungsmaßnahmen oder Heilungsbestrebungen des Körpers, je

nach der Widerstandsfähigkeit, der Wachstumsenergie, der Giftigkeit der

Krankheitserreger, wird der Angreifer oder der Angegriffene den Sieg

davontragen.

Wird der Körper mit Hilfe seiner Verteidigungswaffen der Eindringlinge

Herr, so gehen die Entzündungserscheinungen zurück, und nach der

Vernichtung aller Keime tritt Heilung ein. Bleiben die Keime Sieger, so

können sie, je nach ihrer Art, in verschiedener Weise im Körper weiter

vordringen, zunächst gewöhnlich auf dem Wege der Lymphbahnen, doch

gelangen sie dann häufig auch in das Blut und damit in alle Teile des

Körpers. Man spricht dann von einer _Allgemein_infektion im Gegensatz

zu einem lokalen Krankheitsprozeß, der sich auf die Invasionsstelle und

die nächste Nachbarschaft beschränkt.

Während lokale Infektionsprozesse sich zuweilen ohne erhebliche

subjektive Beschwerden und ohne größere Störungen des gesamten

Gesundheitszustandes überhaupt abspielen können, sind

_Allgemeininfektionen_ stets mit schweren objektiven und subjektiven

Krankheitserscheinungen verbunden.

Häufig wird der Eintritt von Krankheitserregern in die Blutbahn durch

ein sehr alarmierendes Symptom angezeigt, den Schüttelfrost. Im

Verlaufe von Allgemeininfektionen pflegt regelmäßig die Temperatur

fieberhaft erhöht zu sein, im einzelnen ist der Fieberverlauf je nach

der Art der Infektion mehr oder weniger typisch, je nach dem Einzelfall

verschieden. Es ist unmöglich, hierüber Allgemeingültiges auszusagen.

Es mag genügen, daß aus dem Fieberverlauf, den übrigen Symptomen, oft

auch durch unmittelbaren Nachweis des Krankheitserregers, der erfahrene

Arzt die Krankheitsfälle aufklärt und nach dem Stande unseres Wissens

und Könnens beeinflußt.

Gemeinsam ist _allen_ Infektionskrankheiten, daß vom Augenblick des

Eindringens des pathogenen Keimes bis zum Auftreten der ersten Symptome

der Infektion ein je nach der Art der Erkrankung verschieden langer

Zeitraum verstreicht, den man als »Inkubationszeit« bezeichnet. So

zeigen sich z. B. die ersten meist geringfügigen lokalen Erscheinungen

an der Stelle des Eindringens der Syphiliserreger erst nach einigen

Wochen. Die Tollwut hat sogar eine monatelange Inkubationszeit. Bei

anderen Infektionskrankheiten ist dieser Zeitraum kürzer, bei Scharlach

z. B. in der Regel 9 Tage.

Wie unendlich verschieden der Verlauf bakterieller Infektionen ist,

das bedarf des weiteren kaum der Darlegung. Wir können danach

zunächst zwei große Gruppen unterscheiden: Krankheiten mit stürmischem

Verlauf, sog. »akute Infektionskrankheiten« -- wie z. B. Scharlach,

Masern, Lungenentzündung, Typhus -- und chronische, wie Tuberkulose

oder Syphilis. Auch die akuten Infektionskrankheiten können übrigens

nach ihrer Ausheilung noch zu sog. Nachkrankheiten führen, die unter

Umständen von sehr trauriger Bedeutung werden können. Ein Beispiel

dieser Art sind die Nierenentzündungen, die nach Überstehen des

Scharlach zuweilen auftreten und in unglücklichen Fällen zu schweren

chronischen Leiden, ja zum Tode führen können.

So einfach die Erkennung von manchen, durch besondere charakteristische

Erscheinungen ausgezeichneten Krankheiten ist, so schwierig ist die

»Diagnostik« anderer.

Und jeder verständige Mensch sollte sich bewußt sein, daß

ausschließlich der wissenschaftlich gebildete Arzt an diese Aufgaben

mit dem ganzen Rüstzeug unseres heutigen Wissens und darum auch mit

gutem Gewissen herantreten kann, um zu helfen, zu lindern, wo möglich

zu heilen. Der Unberufene, der »Kurpfuscher«, der ohne Sachkenntnis

die schwierige und verantwortliche ärztliche Tätigkeit zu übernehmen

sich erdreistet, gehört zu den schlimmsten Feinden der Menschheit, denn

er schädigt seine Mitmenschen an ihrem höchsten irdischen Gut, der

Gesundheit.

Kapitel III.

Immunität. -- Natürliche Immunität durch Überstehen einer

Infektionskrankheit. -- »Spezifität« des Zustandes. --

Künstliche Immunisierung gegen Pocken. -- Immunisierung

mit Hilfe abgeschwächter lebender Krankheitserreger.

-- Immunisierung mittels abgetöteter Reinkulturen von

Krankheitserregern. -- Behrings Entdeckung der Antitoxine im

Serum immunisierter Tiere. -- Antibakterielle Immunsubstanzen.

-- Serodiagnostik. -- Immunreaktionen nach parenteraler

Einverleibung von Fremdeiweiß.

Es ist eine allgemein bekannte Erfahrungstatsache, daß das einmalige

Überstehen _mancher_ ansteckenden Krankheiten gegen eine zweite

gleichartige Infektion dauernd oder vorübergehend Schutz verleiht.

Dieser Schutz, den man mit dem wissenschaftlichen Ausdruck als

_Immunität_ bezeichnet, erstreckt sich _nur_ auf diese einzige

Infektionskrankheit, durchaus nicht auf mehrere oder gar auf alle: die

Immunität ist eine »spezifische«, nur gegen die überstandene Krankheit

gerichtete. Auch ist es geboten, gleich an dieser Stelle zu betonen,

daß durchaus nicht alle Infektionskrankheiten nach ihrer einmaligen

Überwindung dauernd Immunität hinterlassen, und ferner, daß wir bei den

chronischen Infektionsleiden (Tuberkulose, Syphilis) von vornherein auf

ganz andere Verhältnisse rechnen müssen, als bei den akuten.

Die rein empirische Kenntnis vom Zustandekommen von Immunität nach

einzelnen, bestimmten Infektionen ist sehr alt, und wohl fast ebenso

alt ist das Bestreben, die Vorteile dieses eigentümlichen Zustandes der

Menschheit nutzbar zu machen, mit anderen Worten: auf allerlei Weise

absichtlich, _künstlich_ zu »immunisieren«.

Den Chinesen soll es schon im 11. und 12. Jahrhundert n. Chr. bekannt

gewesen sein, daß das einmalige Überstehen der echten oder schwarzen

Pocken sicheren Schutz gegen eine nochmalige Erkrankung an dieser so

außerordentlich gefährlichen Krankheit verleiht. Im Anfange des 18.

Jahrhunderts machten sich diese Erfahrungen westasiatische Völker

zunutze, um ein allerdings höchst primitives Schutzimpfungsverfahren

darauf zu gründen: sie übertrugen absichtlich etwas von dem

Pustelinhalt Pockenkranker und damit die Krankheit selbst auf Gesunde,

um ihnen so durch das Überstehen der Krankheit für ihr weiteres

Leben Immunität dagegen zu verschaffen. Die Gefährlichkeit des

Verfahrens stand nun freilich in einem peinlichen Mißverhältnis zu

dem beabsichtigten Erfolge, denn die Gewißheit, bei einer späteren

Epidemie verschont zu bleiben, war mit einer unter Umständen schweren

Erkrankung, die selbst mit dem Tode endigen konnte, zu teuer bezahlt.

Wenn man auch heute noch gelegentlich den Rat erteilen hört, Kinder

beispielsweise während einer leichten Scharlachepidemie absichtlich

der Ansteckungsgefahr auszusetzen, damit sie durch Überstehen des

leichten Scharlachs vor einer Erkrankung gelegentlich einer etwaigen

späteren schweren Epidemie gesichert werden, so ist dies ebenfalls

nicht zu billigen. Denn auch für den Scharlach gilt, was für die Pocken

gesagt wurde; man kann den Verlauf eines einzelnen Krankheitsfalles

nicht sicher genug vorhersagen und soll deshalb solche gefährlichen

Experimente vermeiden.

Die erste selbstverständliche Anforderung, die an ein künstliches

Immunisierungsverfahren eben gestellt werden muß, ist die, daß es

möglichst ungefährlich für den Behandelten ist; das klassische Beispiel

für ein solches Verfahren stellt die durch den englischen Arzt _Jenner_

eingeführte Schutzpockenimpfung dar, die in den 100 Jahren seit

ihrer Begründung die Kulturmenschheit vor unabsehbaren Verlusten an

Menschenleben bewahrt hat.

Schon vor _Jenner_ hatte man in England und auch in Deutschland[7]

beobachtet, daß Menschen, die sich durch den Umgang mit

kuhpockenkrankem Rindvieh die stets nur leicht verlaufenden »Kuhpocken«

zugezogen hatten, später bei Epidemien der echten Pocken ebenso

regelmäßig von der Krankheit verschont wurden wie diejenigen, die die

echten Pocken schon einmal überstanden hatten. Auf diese Beobachtung

gründete _Jenner_ sein Verfahren, das der heutigen Schutzimpfung im

wesentlichen noch zugrunde liegt: er impfte absichtlich Gesunde mit

dem Inhalt von Kuhpockenpusteln; an der Stelle der Impfung entstanden

ähnliche Pusteln, die, ohne schwere Krankheitserscheinungen zu

verursachen, wieder abheilten. Das Überstehen dieser harmlosen lokalen

Erkrankung machte den Geimpften _immun_ gegen die Infektion mit echten

Pocken. Man stellte später fest, daß nach Übertragung von Pustelinhalt

eines echten Blatternfalles von Menschen auf Kälber bei den Tieren

Pusteln entstanden, deren Inhalt, auf den Menschen übertragen, wiederum

nur die harmlose Form der Erkrankung hervorrief. Die Erklärung, die

wir nach unseren heutigen Kenntnissen über die Eigentümlichkeit der

pathogenen Mikroorganismen für diese merkwürdige Tatsache geben können,

ist folgende: Der Erreger der Pockenkrankheit besitzt für den Menschen

eine sehr hochgradige Virulenz, büßt diese aber im Körper des Rindes

größtenteils ein, so daß er, nach der »Passage« durch das Rind wieder

auf den Menschen übertragen, nur noch eine harmlose lokale Erkrankung

auszulösen vermag. _Das Überstehen dieser geringfügigen Krankheit

hinterläßt Immunität gegen den Pockenerreger auch in seiner virulenten

Form._

Man kann einen eigentümlichen Zufall darin sehen, daß gerade der

Erreger der Pockenkrankheit, den man seit 100 Jahren zu zähmen

gelernt hat, noch heute nicht entdeckt ist, während gleich wirksame

Schutzimpfungsverfahren wie das Jennersche gegen die Mehrzahl

derjenigen bakteriellen Krankheitserreger, die wir schon seit

Jahrzehnten in Reinkulturen besitzen, noch nicht gefunden worden sind.

Alsbald nach den grundlegenden Entdeckungen der modernen Bakteriologie,

insbesondere nach der Reinzüchtung der pathogenen Bakterienarten,

bemühte sich die Forschung, Immunisierungsmethoden auszuarbeiten, die

zunächst im wesentlichen darauf ausgingen, _Reinkulturen_, die man auf

sehr verschiedene Weise in ihrer Virulenz _abgeschwächt_ hatte, als

_Impfstoffe_ zu verwenden. Die ersten wichtigen Versuche in dieser

Richtung stammen von dem berühmten Franzosen _Louis Pasteur_, der eine

ganze Reihe von Methoden ersann, um Reinkulturen in ihrer Virulenz

abzuschwächen. Das größte Aufsehen erregten seine gelungenen Versuche,

Rinder und Schafe gegen die für sie so außerordentlich gefährliche

Milzbrandseuche zu impfen. Als Impfstoff verwandte _Pasteur_ lebende

Milzbrandkulturen, die ihrer Virulenz dadurch teilweise beraubt waren,

daß sie unter bestimmten Bedingungen bei Temperaturen gezüchtet

worden waren, die um einige Grade über der Körpertemperatur lagen. Es

war _Pasteur_ gelungen, nachzuweisen, daß man durch dieses einfache

Mittel Reinkulturen ihrer Virulenz nach und nach immer mehr berauben

kann. Das wichtigste war aber, daß bei geeigneter Anwendung diese

»avirulenten« Kulturen zur Schutzimpfung verwendbar waren. Der Erfolg

derartiger Milzbrand-Schutzimpfungen nach _Pasteur_ ist zwar nicht ganz

von der gleichen verblüffenden Sicherheit wie der der Pockenimpfung

beim Menschen, aber das Verfahren hat ganz außerordentlich viel zur

Eindämmung der Milzbrandseuche beigetragen und damit einerseits

unmittelbar großen wirtschaftlichen Schaden verhütet, andererseits

mittelbar segensreich gewirkt. Zunächst verringerte es in hohem Maße

die Gefahr des _Menschen_, an Milzbrand zu erkranken. Des weiteren

hatte aber der offenbare, großartige Erfolg _Pasteurs_ die wichtige

Folge, daß das Interesse weiter Kreise auf die Immunitätsforschung

gelenkt wurde.

Noch ein anderes Beispiel eines Schutzverfahrens, das auf der

Einbringung abgeschwächter Krankheitserreger beruht, mag erwähnt

werden. Auch seine Erfindung verdankt die Menschheit _Pasteur_; es ist

die _Wutschutzimpfung_, wohl die populärste unter den Entdeckungen des

großen französischen Forschers. Wir besitzen heute ebensowenig wie

zu _Pasteurs_ Zeiten Reinkulturen von dem Erreger der Lyssa, jener

heute recht seltenen, durch den Biß von tollen Hunden oder anderen

Tieren übertragbaren, fürchterlichen Krankheit. Man weiß aber, daß der

Krankheitserreger in großen Mengen im Rückenmark der an Wut gestorbenen

Tiere vorhanden ist, und so stellt denn ein solches, sogleich nach

dem Tode unter Vermeidung jeder Verunreinigung entnommene Rückenmark

eine Art von Reinkultur des Erregers dar. Die Abschwächung dieser

»Reinkultur« der Keime erreichte _Pasteur_ in diesem Falle durch

Eintrocknen -- nachdem er festgestellt hatte, daß die Abnahme der

Virulenz mit dem Grade der Eintrocknung eine gewisse Übereinstimmung

zeigt. Das noch heute gebräuchliche Schutzverfahren besteht darin, daß

man Aufschwemmungen des Rückenmarks wutkranker Tiere den zu Schützenden

unter die Haut spritzt und zwar beginnt man mit Injektionen sehr stark

durch Eintrocknung abgeschwächten Materials und geht dann bei den

weiteren, in bestimmten Abständen aufeinander folgenden Injektionen

allmählich zu immer frischerem, d. h. also auch immer weniger

abgeschwächtem Material über, bis schließlich Emulsionen vom Rückenmark

eines vor ganz kurzem an Wut verstorbenen Tieres eingespritzt werden.

Das ganze Verfahren nimmt Wochen in Anspruch und ist unter Umständen

auch nicht unbeschwerlich, doch kommt das im Vergleich mit der

drohenden Gefahr und den großen Erfolgen der Behandlung gar nicht in

Betracht.

Noch ein letztes Beispiel für die Verwendung lebender, aber

»avirulenter« Krankheitskeime zur Immunisierung mag erwähnt werden.

_Kolle_ und _Strong_ haben vor wenigen Jahren angegeben, daß man

dem Menschen Immunität gegen die _Pest_ verleihen kann, indem man

ihm kleine Mengen lebender Reinkulturen von Pestbakterien, die ihre

Virulenz durch jahrelanges Fortzüchten im Laboratorium verloren haben,

unter die Haut spritzt.

Während allen bisher besprochenen Methoden die Einimpfung _lebender_,

aber _abgeschwächter_ Krankheitserreger gemeinsam war, geht man bei

anderen Verfahren von _abgetöteten_ Reinkulturen aus. Meistens erfolgt

diese Abtötung durch Erhitzung auf etwa 60–70°; im einzelnen richtet

sich das Verfahren nach den Eigenschaften des jeweils in Betracht

kommenden Keimes. In großem Umfange sind Versuche mit derartigen

Impfverfahren besonders von dem russischen Arzt _Haffkine_ in

Vorderindien angestellt worden, und zwar handelt es sich hauptsächlich

um Versuche, der Pest und der Cholera durch Schutzimpfungen

entgegenzutreten.

Daß das Haffkinesche und ähnliche andere Verfahren von recht

beträchtlichem Erfolg begleitet sind, wenn sie auch keinen absoluten

Schutz verleihen, geht aus einem großen Beobachtungsmaterial hervor. Ob

sie zur Eindämmung der Pest als Seuche wesentlich beizutragen vermögen,

das erscheint recht fraglich, daran sind aber nicht die Verfahren als

solche, daran ist in erster Linie der niedrige Kulturzustand und die

Indolenz und Unsauberkeit der eingeborenen indischen Bevölkerung schuld.

* * * * *

Bei allen den besprochenen Immunisierungs-Methoden geht man von der

Absicht aus, eine _Reaktion_ seitens des Organismus auszulösen, deren

Endziel seine Festigung gegen den betreffenden Krankheitserreger

ist. Welcher Art aber diese Reaktion sei, davon hatte man keinerlei

genaue Vorstellung vor den außerordentlich wichtigen Entdeckungen _von

Behrings_ zu Beginn der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

Mit diesen Entdeckungen beginnt die moderne wissenschaftliche

Immunitätsforschung recht eigentlich erst, ein Sondergebiet der

Forschung, das im Laufe von nur 20 Jahren eminent wertvolle Ergebnisse

in theoretischer wie praktischer Beziehung gezeitigt hat. Um wenigstens

die Grundbegriffe der Immunitätslehre zu verstehen, müssen wir auf die

ersten Beobachtungen _von Behrings_ genauer eingehen.

Vor allem müssen wir nachtragen, daß vollkommen analoge Zustände

von Immunität, wie man sie nach dem Überstehen einer bestimmten

Infektionskrankheit seit langem kennt, auch beobachtet werden nach

Überstehen von _Vergiftungen_ bestimmter Art. Auch dies ist längst

bekannt gewesen, ehe von einer wissenschaftlichen Immunitätsforschung

die Rede war, und künstliche Immunisierungsmethoden sind beispielsweise

von Schlangenbändigern auf Grund richtiger Beobachtungen und

Erfahrungen schon lange geübt worden. Die ersten Grundlagen der

Festigungsmethoden bestanden auch hier wohl in der Feststellung,

daß das Überstehen eines Schlangenbisses gegen die Folgen späterer

Bisse festige. Jedenfalls wird berichtet, daß sich Schlangenbändiger

wiederholt absichtlich von Giftschlangen beißen lassen, um ihre

Immunität gegen deren Gifte zu steigern resp. zu erhalten. Der Körper

besitzt nun diese Fähigkeit, durch Überstehen einer Vergiftung gegen

das betreffende Gift immun zu werden, keineswegs gegenüber allen

Giften, sondern _nur gegenüber einer ganz bestimmten Gruppe von

Giften_, zu denen außer den Schlangengiften noch einige tierische

und pflanzliche Gifte und darunter, was in diesem Zusammenhange am

wichtigsten ist, _auch die Bakterientoxine_ gehören. Allen diesen

Substanzen gemeinsam ist eine sehr verwickelte, bisher noch nicht

aufgeklärte chemische Konstitution.

_Von Behring_ und _Wernicke_ gelang es nun zunächst, bei Versuchstieren

durch subkutane Injektion von Diphtherietoxinen eine Immunität

gegen deren giftige Wirkung zu erzielen, die sich bei geeignetem

Vorgehen so sehr steigern ließ, daß die vorbehandelten Tiere die

vielfachen Mengen der für unvorbehandelte (Kontrolltiere) sicher

tödlich wirkenden Toxindosis ohne Nachteil ertragen konnten. _Von

Behring_ und _Wernicke_ gelang es weiter, die grundlegende Tatsache

festzustellen, daß das Blut, insbesondere das Blut_serum_ solcher

giftfest gemachter (toxinimmuner) Tiere die merkwürdige Eigenschaft

gewonnen hatte, die giftige Wirkung einer Toxinlösung, mit der es

gemischt wird, aufzuheben, zu »neutralisieren«, eine Fähigkeit, die

dem Serum normaler (unvorbehandelter) Tiere fehlt: Injiziert man

einem empfänglichen Versuchstiere eine Toxindosis von bekannter

hoher Wirksamkeit, einem anderen Tiere unter sonst ganz gleichen

Bedingungen die gleiche Dosis, aber vermischt mit einer kleinen Menge

des Blutserums _eines immunisierten Tieres_, so wird das erste Tier

schwer erkranken oder gar sterben, das zweite dagegen den Eingriff ohne

Schaden ertragen. Es zeigte sich bei der weiteren Verfolgung dieser

außerordentlich bedeutsamen Tatsache, daß man unter Umständen ein

unvorbehandeltes Tier durch Einspritzung von Serum eines Immuntieres

auch gegen eine _nachfolgende_ Injektion von Toxinen schützen kann, und

daß man umgekehrt auch ein unvorbehandeltes Tier, dem man eine tödliche

Toxindosis allein injiziert hat, durch eine nachträgliche Einspritzung

von Immunserum noch zu retten vermag. _Von Behring_ erklärte sich diese

merkwürdigen Tatsachen durch die anfänglich viel umstrittene, bald

aber in ihren wesentlichen Teilen allgemein anerkannte Annahme, daß

in dem Blutserum der mit Toxinen in geeigneter Weise vorbehandelten

Tiere besondere Substanzen auftreten, die die Toxine zu neutralisieren

vermögen, Substanzen, die er als »_Antitoxine_« bezeichnete.

In welcher Weise die Neutralisation der Toxine durch die Antitoxine

vor sich geht, diese schwierige Frage ist Gegenstand scharfsinnigster

Untersuchungen gewesen, und völlige Einigkeit darüber besteht auch

heute noch nicht. Als durchaus gesichert kann nur die Anschauung

gelten, daß die Neutralisation der Toxine durch die Antitoxine auf

einer unmittelbaren Einwirkung beider Substanzen aufeinander, u. z. auf

einer Bindung, beruht; welcher Art diese Bindung ist, darüber gehen

die Meinungen auch heute noch auseinander. Es ist anzunehmen, daß in

verschiedenen Fällen etwas verschiedene Vorgänge sich abspielen. In

diese höchst verwickelten Verhältnisse einzudringen, können wir hier

gar nicht versuchen; die große Schwierigkeit, die sich der Forschung

vorläufig noch unüberwindlich in den Weg stellt, ist der Mangel exakter

Kenntnisse über die chemische Konstitution der Toxine sowohl wie

auch der Antitoxine. Daß es trotzdem gelungen ist, ziemlich genaue

Vorstellungen über Bau, Wesen und Wirkungsweise dieser Substanzen zu

gewinnen, ist in erster Linie biologischen Forschungsmethoden, d. h.

vorwiegend Tierexperimenten, zu verdanken, um deren Ausgestaltung

und Ausnutzung sich vor allen der deutsche Gelehrte _Paul Ehrlich_

unvergängliche Verdienste erworben hat.

Die genauere Erforschung der Antitoxine zeigte zunächst, daß diese

Substanzen die Eigenschaft der _Spezifität_ in ausgesprochenem Maße

besitzen: Diphtherie-Antitoxine vermögen ausschließlich nur die Toxine

der Diphtheriebazillen, nicht aber diejenigen anderer Bakterien zu

neutralisieren. Diese Tatsache kann uns nicht überraschen, steht sie

doch im besten Einklang mit unserer Erfahrung von der Spezifität der

Immunitätszustände überhaupt. Ja, wir werden umgekehrt uns darüber

Rechenschaft ablegen müssen, daß die Anerkennung der Bedeutung der neu

entdeckten Substanzen für die Immunität den Nachweis ihrer spezifischen

Natur geradezu zur Voraussetzung hatte.

Der Entdeckung der Antitoxine folgte bald Schlag auf Schlag diejenige

anderer spezifischer »_Antikörper_« oder »Immunsubstanzen« im Serum von

Tieren, die nicht gegen Toxine, sondern gegen pathogene Bakterien --

durch Injektion abgeschwächter lebender Keime oder durch Einverleibung

abgetöteter Reinkulturen -- immunisiert waren. Bei derartigen

Immunisierungsprozessen gewinnt -- mit anderen Worten -- das Serum

mannigfaltige, streng spezifisch nur gegen die zur Vorbehandlung

verwandte Bakterienart gerichtete Eigenschaften bzw. Fähigkeiten, die

man auf verschiedene Arten von »Antikörpern« oder »Immunsubstanzen«

zurückführt. Voraussetzung für den Eintritt aller dieser spezifischen

Reaktionen ist -- im allgemeinen --, daß das zum Zwecke der

Immunisierung einverleibte Material durch Injektion direkt in die

Gewebe des Körpers oder in die Blutbahn gelangt, nicht aber auf dem

nächstliegenden Wege: durch Fütterung.[8] Durch den Verdauungsvorgang

werden nämlich die einverleibten Toxine oder bakteriellen Substanzen

anderer Art in einfachere Verbindungen zerlegt (abgebaut), und diesen

einfacheren Körpern geht die Eigenschaft ab, die Antikörperproduktion

zu verursachen.

Die antibakteriellen Immunsubstanzen sind mannigfaltiger Art, und es

ist heute noch keineswegs Einigkeit über ihre Bedeutung für die Heilung

der Infektionskrankheiten erzielt.

Der bekannte Münchener Hygieniker _Gruber_ entdeckte anfangs der

90er Jahre die sogenannten »Agglutinine«, Serumsubstanzen, die die

Eigentümlichkeit haben, auf Bakterien der zur Vorbehandlung verwandten

Art zusammenballend zu wirken. Der Vorgang der Agglutination läßt sich

sehr leicht unmittelbar beobachten, wenn man z. B. zu einer Reinkultur

von Typhusbazillen in Nährbouillon eine Spur eines »Typhusimmunserum«,

d. h. Serum eines gegen Typhusbazillen immunisierten Tieres, zusetzt:

die Typhusbazillen, die vorher dank ihrer sehr lebhaften Beweglichkeit

nach allen Richtungen hin durch die Flüssigkeit hin und her schossen

und sich in ganz gleichmäßiger Weise darin verteilten, verlieren kurze

Zeit nach dem Serumzusatz ihre Beweglichkeit und werden allmählich zu

kleinen, dann zu immer größeren Häufchen miteinander verklebt. Man kann

diesen Vorgang sehr gut unter dem Mikroskop beobachten, die Häufchen

werden aber schließlich in manchen Fällen, so z. B. gerade in dem hier

gewählten der Agglutination von Typhusbazillen, so groß, daß man sie

ganz gut mit bloßem Auge wahrnehmen kann. Die Erscheinung ist, wie

schon betont wurde, streng spezifischer Natur: setzen wir die gleiche

kleine Menge Typhusimmunserum unter sonst ganz gleichen Bedingungen z.

B. zu einer Cholerabazillenkultur, so bleibt das Agglutinationsphänomen

aus.

Typhusagglutinine finden sich nun nicht nur im Serum künstlich gegen

Typhusbazillen immunisierter Versuchstiere, sondern auch im Blute

von Menschen, die eine Typhuserkrankung durchgemacht haben oder

noch durchmachen. Mit anderen Worten: wir beobachten das Auftreten

von Antikörpern auch bei dem natürlichen Ablauf von bakteriellen

Infektionskrankheiten, nach deren Überstehen Immunität zurückbleibt,

und wir sehen hierin eine Stütze der Anschauung, daß das Auftreten

dieser Substanzen im Serum in einem sehr nahen Zusammenhang mit der

Entstehung der Immunität steht. Andererseits dürfen wir uns diesen

Zusammenhang nun nicht gar zu eng und einfach vorstellen; vor allem

müssen wir sogleich dem naheliegenden Irrtum entgegentreten, daß das

Auftreten von Antikörpern im Blute nun in jedem Falle die _Heilung_ der

Krankheit bedeute. Dies ist keineswegs der Fall. Ob die »Agglutinine«

überhaupt irgendeine unmittelbare Bedeutung für die Heilung des Typhus

oder einer anderen bakteriellen Infektion haben, das wissen wir nicht;

es ist aber sehr unwahrscheinlich. Mittelbar sind sie von großer

praktischer Bedeutung geworden, wie wir später noch genauer zu erörtern

haben werden.

Mit sehr viel größerer Wahrscheinlichkeit kommt eine unmittelbare

Bedeutung für Heilung und Immunität gewissen anderen antibakteriellen

Immunsubstanzen zu, den sogenannten bakteriolytischen (d. h. Bakterien

auflösenden) oder bakteriziden (d. h. Bakterien tötenden) Serumstoffen.

Der deutsche Bakteriologe und Hygieniker _R. Pfeiffer_ entdeckte,

daß das Blutserum von Tieren, die gegen gewisse pathogene Bakterien

-- vor allem z. B. gegen Choleravibrionen, oder gegen Typhusbazillen

-- immunisiert worden waren, in außerordentlich hohem Grade

bakterienfeindliche Eigenschaften von strengster Spezifität gewonnen

hatte. Eine gewisse bakterienfeindliche Wirksamkeit kommt, wie wir

oben sahen, unter Umständen schon dem Serum normaler Tiere zu; aber

die von _Pfeiffer_ entdeckten Immunsubstanzen sind so außerordentlich

viel stärker wirksam als dieses, daß man selbst mit mehrhundertfach, ja

gelegentlich mit mehrtausendfach verdünnten »Immunseris« noch Abtötung

der zur Vorbehandlung der serumliefernden Tiere benutzten Bakterienart

erzielen kann.

Auf den komplizierten Mechanismus der Wirkung derartiger Antikörper,

der durch die Forschungen _Pfeiffers_, _Ehrlichs_, _Bordets_ und

anderer Gelehrter aufgeklärt wurde, kann hier nicht näher eingegangen

werden.

Mit wenigen Worten soll aber auf die Wirkungsweise und Bedeutung

anderer Serumsubstanzen eingegangen werden, die in letzter Zeit nicht

nur in Tagesblättern viel besprochen worden sind, sondern sogar den Weg

auf die Bühne gefunden haben, die sog. »Opsonine« des englischen Arztes

_A. E. Wright_:

Wenn man im Reagenzglase eine Aufschwemmung pathogener Bakterien und

eine solche von lebenden weißen Blutkörperchen -- diese letzteren kann

man aus dem frisch entnommenen Blute gewinnen -- mischt, so beobachtet

man entweder gar keine oder eine geringe, nur selten eine lebhafte

Phagocytose (s. Kap. II) der Keime durch die tierischen Zellen. Setzt

man aber dem Gemisch eine kleine Menge frischen Blutserums zu, so

wird die Phagocytose lebhafter. Man hat nachweisen können, daß diese

Steigerung der Phagocytose auf einer Veränderung der Bakterien durch

gewisse Serumsubstanzen beruht, die _Wright_ als Opsonine bezeichnet

hat. Der Gehalt verschiedener Sera an solchen Opsoninen ist nun

verschieden; er läßt sich mit Hilfe komplizierter Methoden einigermaßen

sicher bestimmen, und nach _Wright_ soll dieser Opsoningehalt des

Serums eines Kranken von großer Wichtigkeit für den Krankheitsverlauf

sein. Das Bestreben des Arztes muß deshalb nach seiner Ansicht dahin

gehen, bei Infektion durch ein bestimmtes Bakterium den Gehalt

des Blutserums des Patienten an Opsoninen für diese Bakterienart

zu steigern. _Wright_ strebt dies Ziel durch Injektion kleinster

Mengen abgetöteter Reinkulturen des Krankheitserregers an, also auf

dem Wege der _aktiven_ Immunisierung oder, wie er sich ausdrückt,

durch »Vakzination«. Er hat mit seinem Behandlungsverfahren auch bei

einzelnen bakteriellen Infektionskrankheiten zweifellose Erfolge

erzielt, doch steht man in Deutschland einer ausgedehnten Anwendung

seiner Methode heute noch skeptischer gegenüber als in seiner Heimat.

Die analoge, die Phagocytose fördernde Wirkung wie die Opsonine

besitzen in besonders hohem Maße auch Immunsubstanzen, die im Serum

vorbehandelter Tiere auftreten, sogenannte bakteriotrope Substanzen,

die zuerst von _Denys_, später besonders von _Neufeld_ studiert worden

sind. Ihre Bedeutung für die Wirkung spezifisch antibakterieller Sera

ist noch etwas umstritten.

Von praktischer Bedeutung ist es, daß auch »antibakterielle« Sera

-- ebenso wie antitoxische -- als Heilsera zu wirken vermögen. Wenn

man z. B. gleichzeitig mit (oder vor) oder kurz nach der Injektion

von Typhusbazillen in tödlicher Dosis einem Versuchstier eine

geeignete, sehr kleine Menge spezifischen Antityphusserums (von

einem immunisierten Tiere) einspritzt, so wird es durch die Wirkung

der übertragenen Antikörper gerettet. Von größter Bedeutung für die

Verwertbarkeit der Heilsera ist die Tatsache, daß diese sich unter

geeigneten Bedingungen relativ lange Zeit aufheben (konservieren)

lassen, ohne ihre Wirksamkeit einzubüßen. Die Aufbewahrung erfolgt

entweder im ursprünglichen flüssigen Zustand -- meist nach Zusatz

kleiner Mengen einer antiseptischen Substanz (z. B. Karbolsäure),

der die Entwickelung von Keimen aller Art verhindert, oder auch in

getrocknetem Zustand.

Man könnte meinen, durch die Entdeckung der Serum-Antikörper sei

den bakteriellen Infektionen der Stachel genommen: man brauche nur

durch Injektion von abgetöteten oder abgeschwächten Reinkulturen

eines Krankheitserregers eine spezifische Immunität bei Tieren zu

erzeugen; dann habe man in deren Blutserum die »Antikörper«, deren

Übertragung auf den Menschen Schutz oder Heilung bringen müsse. Diese

Hoffnung konnte man in der Tat angesichts der vielversprechenden

Ergebnisse der ganzen Immunitätswissenschaft wohl hegen; aber sie

hat sich vorläufig nur zum kleinsten Teil erfüllt. Ein Heilserum von

_unbedingt zuverlässiger hoher_ Wirksamkeit bei einer bakteriellen

Infektionskrankheit des Menschen besitzen wir außer dem Diphtherieserum

noch nicht, wohl aber eine ganze Reihe von antibakteriellen Heilseris,

denen eine _gewisse_ spezifische Wirksamkeit bei verschiedenen

Infektionen zukommt. Erfolgreicher ist man ferner bei der Gewinnung von

Heilseris dieser Art gegen mehrere Tierseuchen gewesen.

Wo liegen die Gründe dieser gewiß enttäuschenden -- wenn auch

keineswegs entmutigenden -- geringen praktischen Erfolge? Sie sind

mannigfacher Art. Einmal liegen insofern die Verhältnisse viel

verwickelter, als es nach dem bisher Gesagten scheinen könnte, als

bei verschiedenen Infektionskrankheiten der Organismus in sehr

verschiedener Weise durch Antikörperbildung und anderweit reagiert.

Daher gelingt die Immunisierung von Tieren gegen einen gegebenen

bakteriellen Krankheitserreger auch durchaus nicht in allen Fällen

leicht und vollkommen, im Gegenteil, sie versagt in einer großen

Zahl von Fällen völlig. Gegen manche Infektionserreger hat man

daher überhaupt vergebens versucht, wirksame Sera zu gewinnen.

Außerordentlich verwickelte Verhältnisse liegen bei den angesprochen

chronischen Infektionen, z. B. der Tuberkulose, vor. -- Eine große

Schwierigkeit, die sich der passiven Immunisierungsmethode häufig in

den Weg stellt, liegt ferner darin, daß in manchen Fällen die von

einem immunisierten _Tiere_ -- meist vom Pferde -- stammenden, mit

dessen Serum dem Menschen übertragenen Antikörper von dem menschlichen

Organismus nicht oder nicht vollständig ausgenützt werden können.

Diese Tatsache steht in einem gewissen Zusammenhang mit der allgemein

gültigen Regel, daß auch die Körperflüssigkeiten der höheren Tiere

»artspezifisch« unterschieden sind. Serum eines artfremden Tieres --

und mit ihm u. U. die Antikörper, die es enthält -- wird vom Organismus

des Menschen nach verhältnismäßig kurzer Zeit und unter eigentümlichen

Vorgängen wieder ausgeschieden, eliminiert. In größeren Mengen

eingeführt aber kann es, besonders bei wiederholten Injektionen, giftig

wirken. Die günstigsten Chancen der Wirksamkeit wird deshalb immer ein

antibakterielles Serum haben, das von _artgleichen_ Individuen gewonnen

wird. Diese Forderung ist aber -- für den Menschen besonders -- meist

unerfüllbar.

Wir sehen nach alledem, daß die unmittelbaren Erfolge der

Immunitätsforschung, soweit sie die Gewinnung wertvoller »Heilsera«

für die den Menschen bedrohenden Infektionskrankheiten anlangen, noch

verhältnismäßig bescheiden sind.

Trotzdem hat die junge Wissenschaft mittelbar auch _praktisch_

sehr bemerkenswerte Resultate ergeben, die auf einer Ausnutzung

der Antikörperbildung zu Zwecken der Krankheits_erkennung_

(Diagnostik) beruhen. Man bezeichnet die einschlägigen Methoden als

»serodiagnostische«.

Sie beruhen auf der wiederholt betonten strengen Spezifität der

Antikörperreaktionen, die es einerseits ermöglicht, aus dem Nachweis

eines gegen eine bestimmte Bakterienart gerichteten wirksamen Stoffes

_im Serum_ eines Kranken zu schließen, daß eben _diese_ Bakterienart

dem Krankheitsprozeß zugrunde liegt, die es anderseits gestattet, mit

Hilfe eines spezifischen Antikörperhaltigen Serums eine fragliche

Bakterien_art_ zu erkennen.

Für beide Anwendungen der Serodiagnostik wollen wir je ein einfaches

und praktisch wichtiges Beispiel besprechen. Der erste Fall -- die

Feststellung eines bestimmten Krankheitsprozesses durch den Nachweis

spezifischer Antikörper im Serum des Patienten -- wird vielfach

ausgenutzt zur Sicherung der oft sehr schwierigen Diagnose des

Unterleibstyphus. Im Verlaufe dieser Krankheit treten im Serum des

Erkrankten, wie schon erwähnt wurde, spezifische Agglutinine für den

Typhusbazillus auf. Beim Verdacht auf ~Typhus abdominalis~ prüft man

daher das Blutserum des betreffenden Patienten auf seinen etwaigen

Gehalt an Agglutininen, indem man ihm im Reagenzglase kleine Mengen

von Typhusbazillen aus Reinkulturen zusetzt und nach einiger Zeit

feststellt, ob Agglutination eingetreten ist. Der positive Ausfall der

Reaktion -- der Nachweis spezifischer, gegen Typhusbazillen gerichteter

Antikörper im Serum -- beweist eindeutig, daß der Patient, von dem die

Blutprobe stammt, mit Typhusbazillen infiziert worden ist.

Umgekehrt kann man z. B. Sera, die durch Immunisierung von Tieren gegen

den Choleravibrio gewonnen sind, dazu verwenden, um festzustellen,

ob ein Bakterium, von dem man Reinkulturen erzielt hat, zu den

echten Choleravibrionen gehört oder nicht. Das kann von der größten

praktischen Bedeutung in Zeiten der Choleragefahr werden: hat man aus

dem Darminhalt eines verdächtigen Falles Bakterien gezüchtet, deren

Identität oder Nichtidentität mit dem Choleraerreger festgestellt

werden soll, so stellt man wiederum, dieses Mal mit einem vorrätig

gehaltenen spezifischen Anti-Choleraserum und der gegebenen Reinkultur,

die Agglutinationsreaktion an. Diese fällt nur dann positiv aus, wenn

das spezifische Serum auf Choleravibrionen trifft. Ihr positives

Resultat beweist also in diesem Falle, daß die untersuchte Reinkultur

eine solche des echten Choleraerregers und somit auch, daß der

betretende Krankheitsfall ein Fall von echter asiatischer Cholera war.

Der negative Ausfall der Reaktion kann unter Umständen durch den Beweis

des Gegenteils ebenfalls von der größten Bedeutung sein.

Diese beiden Beispiele mögen genügen, um die wesentlichen Grundlagen

der Serodiagnostik verständlich zu machen, doch mag erwähnt werden,

daß auf diesen Prinzipien auch noch erheblich kompliziertere Methoden

aufgebaut sind, von denen als die in der Öffentlichkeit dem Namen nach

bekannteste die _Wassermannsche_ Seroreaktion auf Syphilis wenigstens

genannt werden soll.

Endlich mag auf die wichtige Tatsache hingewiesen werden, daß

die Erscheinung der Antikörperbildung weit über das Gebiet der

Infektionskrankheiten hinaus verbreitet und von großer und vielfältiger

Bedeutung ist. Im Anschluß an die Beobachtungen bei der künstlichen

Immunisierung von Tieren gegen Bakterien und deren Produkte stellte

zuerst der bekannte belgische Forscher _Bordet_ fest, daß analoge

»Antikörper« im Serum von Tieren nachweisbar werden, die parenteral mit

Fremdeiweiß, d. h. mit Körperflüssigkeiten (vor allem Blutserum) oder

Körperzellen _einer anderen Tierart_ vorbehandelt worden waren. Eine

Fülle von theoretisch wichtigen und praktisch bedeutsamen Entdeckungen

folgten dieser ersten. Da auch diese »Antikörper« gegen artfremde

Eiweißsubstanzen sich als streng spezifisch erwiesen, so ließen sich

ganz analoge serodiagnostische Methoden, wie wir sie vorher besprochen

haben, auch zur Unterscheidung von tierischem Eiweiß, z. B. von Blut

verschiedener Tierarten darauf gründen, Methoden, die inzwischen

immer größere Bedeutung erlangt haben, in erster Linie auf Grund

der außerordentlich großen Feinheit und Zuverlässigkeit, die diese

Reaktionen besitzen.[9]

Was den Mechanismus der Produktion der verschiedenen Antikörper

anlangt, so gehört seine Erforschung zu den schwierigsten Aufgaben der

Biologie. Von der größten Bedeutung für das Eindringen in diese sehr

verwickelten Verhältnisse war eine von _Paul Ehrlich_ aufgestellte,

unter dem Namen der »Seitenketten-Theorie« berühmt gewordene Hypothese,

die hier aber nur erwähnt, nicht erörtert werden kann.

Die Bildung der meisten Immunsubstanzen erfolgt, wie besonders

durch Untersuchungen von _Wassermann_ festgestellt worden ist, in

der Milz und im Knochenmark der höheren Tiere, also in Organen,

die mit der Blutbereitung und Bluterneuerung zu tun haben. Auch

durch diese Beziehung werden wir wieder an den nahen Zusammenhang

der Immunitätsreaktionen mit den allgemeinen Abwehrreaktionen des

Organismus höherer Tiere erinnert, bei denen ja Bestandteile des Blutes

die entscheidende Rolle spielen. (Vgl. Kapitel II.)

Kapitel IV.

Maßnahmen zur Bekämpfung der Infektionskrankheiten im

allgemeinen. -- Die wichtigste Ansteckungsquelle ist der

infektiös kranke Mensch. -- Keimträger. -- Maßnahmen der

allgemeinen Prophylaxe: Quarantäne und Kontrollsystem zur

Aussperrung exotischer Seuchen. -- Isolierung infektiös

Kranker. -- Vernichtung der Ausscheidungen solcher Kranker.

-- Verhütung der Verschleppung von Keimen. -- Verhütung des

Eindringens von Keimen in den gesunden Körper.

Wenn wir als letztes Ziel des Kampfes gegen die Bakterien als

Krankheitserreger die Befreiung der Menschheit von diesen gefährlichen

kleinen Feinden ins Auge fassen, so müssen uns die bisher erreichten

Erfolge dürftig erscheinen, verglichen mit dem gewaltigen Schaden, den

fort und fort die Infektionskrankheiten der Menschheit zufügen.

Anderseits können die wenigen großen Erfolge, die bisher erzielt worden

sind, uns die Hoffnung auf weitere Fortschritte geben. Wir brauchen uns

nur das Beispiel der Pockenkrankheit vor Augen zu halten, die durch

die Einführung der Schutzpockenimpfung in denjenigen Kulturländern,

die dieses Mittel mit voller Energie durchführten, praktisch beseitigt

worden ist.

Da wir über analoge Schutzimpfungen oder über andere vollkommen

gleichwertige radikale Schutzmittel gegen das große Heer der uns

bedrohenden bakteriellen Infektionen noch nicht verfügen, so sind wir

darauf angewiesen, andere uns zu Gebote stehende Mittel auszunutzen, um

die Verbreitung von Infektionen zu vermeiden.

Die wichtigste Grundlage für alle Bestrebungen in diesem Sinne

sind richtige Vorstellungen von den Bedingungen, unter denen

Krankheitserreger in unseren Körper eindringen und uns gefährlich

werden können. Die allgemeine Erfahrung lehrt uns für eine ganze

Reihe von Krankheitsprozessen, daß wir der Infektionsgefahr ganz

wesentlich durch den _Verkehr mit Erkrankten_ ausgesetzt werden, und

auch die genaue Erforschung der Verbreitung der Bakterien in der

Natur hat, von ganz verschwindenden Ausnahmen abgesehen, das Ergebnis

gehabt, daß überall _der infektiös kranke Mensch die gefährlichste

Ansteckungsquelle_ für seinen Nebenmenschen bildet. Suchen wir in der

Außenwelt auch mit den feinsten Methoden der modernen Wissenschaft nach

krankheiterregenden Bakterien, so finden wir die überwiegende Zahl von

ihnen überhaupt niemals, andere ungemein selten. Nur ganz vereinzelte

Arten, die sich alle dadurch auszeichnen, daß sie nur gelegentlich dem

Menschen gefährlich werden können, für gewöhnlich aber als Saprophyten

existieren, treffen wir häufiger an, so z. B. den Tetanusbazillus.

Dessen Dauerformen (Sporen) können sich in der Außenwelt sehr lange

lebensfähig und infektionstüchtig erhalten. Daß aber die Gefahr, die

gerade von diesen besonders widerstandsfähigen Keimen den Menschen

droht, nicht überschätzt werden darf, das kann man schon aus der

relativen Seltenheit der Krankheit entnehmen.

Die überwiegende Mehrzahl der für den Menschen in Betracht kommenden

schädlichen Keime erliegt -- in die Außenwelt gelangt -- raschem

Altern, dem Mangel an Nahrung, vor allem an Wasser, den zahlreichen

physikalischen Schädlichkeiten, besonders der Einwirkung des Lichtes,

das ja zu den gefährlichsten Feinden der Bakterien gehört. Von größter,

für den Menschen vorteilhaftester Bedeutung ist in dieser Hinsicht die

Tatsache, daß die allermeisten pathogenen Bakterien der Eigenschaft

ermangeln, widerstandsfähige Dauerformen (Sporen) zu bilden, die

imstande wären, sich in der Außenwelt länger zu erhalten.

Daraus ergibt sich nun, daß die meisten Krankheitserreger nur

ganz kurze Zeit nach dem Verlassen des erkrankten Körpers lebend

und infektionstüchtig bleiben, somit weiterhin auch, daß wir

ansteckungsfähige Keime im allgemeinen nur in der allernächsten

Umgebung Kranker zu erwarten resp. zu vermeiden haben. Von großer

Bedeutung ist es da, für jede Infektion und jeden pathogenen Keim

genau zu wissen, in welcher Weise und auf welchem Wege er den Körper

des Patienten verläßt. Das richtet sich naturgemäß vor allem nach den

Organen, die von dem Krankheitsprozeß ergriffen sind; aber doch nicht

nur danach; und gerade die Kenntnis der Ausnahmen ist oft wichtig.

Daß der Lungenschwindsüchtige große Mengen virulenter Tuberkelbazillen

mit den seinen Tröpfchen ausscheidet, die er beim Husten verspritzt,

ist heute wohl allgemein bekannt. Das gleiche gilt für Diphtherie,

Influenza, Keuchhusten. Große Mengen infektionstüchtiger Keime können

im Eiter von Geschwürflächen, eiternden Wunden, im Sekret entzündeter

Schleimhäute usw. vorhanden sein. Der Cholerakranke scheidet enorme

Mengen von Cholerabakterien mit seinen Darmentleerungen aus, ebenso

der Typhuskranke Typhusbazillen. Die letzteren finden sich aber auch

oft in enormen Mengen im Harn der Patienten. -- Wir sehen, auf den

verschiedensten Wegen gelangen die Krankheitskeime in die Außenwelt und

werden zur Gefahr für die Nebenmenschen Erkrankter.

Die neueste Zeit hat uns nun auf diesem Gebiete der Ansteckungsgefahr

noch einige unangenehme Überraschungen gebracht, die nicht verschwiegen

werden dürfen. Es hat sich nämlich die sehr merkwürdige Tatsache

herausstellt, daß bei manchen Infektionskrankheiten noch lange Zeit,

zuweilen Wochen, ja Monate und ausnahmsweise sogar Jahre nach dem

Eintritt _völliger Heilung infektionstüchtige Krankheitserreger im

Körper_ gefunden und von dem längst Genesenen ausgeschieden werden

können. Besonders wichtig ist das relativ häufige Vorkommen dieser

Erscheinung beim Unterleibstyphus. Auch bei der asiatischen Cholera und

der Pest hat man Ähnliches festgestellt.

Die große Gefährlichkeit solcher gesunder »Bazillenträger« liegt darin,

daß man sich vor ihnen natürlich nicht in acht nimmt, da man ihnen

nichts Böses anmerkt. Auch diese Gefahr ist aber zu bekämpfen; der

Ansteckungsstoff findet sich ja ausschließlich in den Ausscheidungen

solcher Menschen, sie müssen deshalb zur größten Sorgfalt bei deren

Beseitigung erzogen werden.

Auch bei Diphtherie hat man ähnliche Verhältnisse feststellen können.

Bei systematischer Untersuchung sämtlicher Schulkinder einer Schule

z. B. hat man mehrfach gefunden, daß ausnahmsweise sich im Rachen von

Kindern, die weder zuvor an Diphtherie erkrankt waren noch später deren

charakteristische Erscheinungen zeigten, echte Diphtheriebazillen

durch das Kulturverfahren nachweisen ließen.

Es mag sich wohl meistens in solchen Fällen um Kinder gehandelt haben,

die an sehr leichter Diphtherie erkrankt gewesen waren. Wie dem

auch sei, solche »Diphtheriebazillenträger« sind für ihre Umgebung

gefährlich, da sie besonders leicht zur Verbreitung der Krankheit unter

gesunden Kindern beitragen können.

Was kann geschehen, um die pathogenen Keime, die im Körper des Kranken

tätig sind und von ihm abgeschieden werden, an dem Angriff auf Gesunde

zu hindern und damit diese wichtigste Quelle der Ansteckungen zu

verstopfen?

Wir wollen mit der radikalsten Maßnahme beginnen: sie besteht in

der Vernichtung der pathogenen Keime _zusammen mit dem infizierten

Individuum_. Daß sie auf menschliche Verhältnisse nicht anwendbar ist,

bedarf keiner Erörterung. Zur Unterdrückung von Tierseuchen, z. B.

Rotz, Milzbrand, vor allem der Wutkrankheit, die auch für den Menschen

gefährlich sind, ist sie mehrfach angewandt worden. Man wird z. B.

keinen Augenblick an der Berechtigung, ja an der Verpflichtung des

Menschen zweifeln können, einen tollwutkranken Hund zu erschießen,

um die Ausbreitung der ohne die Anwendung des langwierigen

Schutzimpfungsverfahrens sicher zum Tode führenden Krankheit zu

verhüten. Zur Vernichtung der Wutkeime aber wird man am besten den

Leichnam verbrennen.

Den infektiös kranken _Menschen_ können wir für seine Nebenmenschen

wirklich ungefährlich nur dann machen, wenn wir ihn absperren,

»isolieren«. In rigoroser Weise geschieht dies seit langem zur

Eindämmung der Lepra, des »Aussatzes«, durch mehr oder weniger

zwangsweise erfolgende Internierung der Erkrankten in Lepraspitälern,

Leproserien, die streng gegen die Außenwelt abgeschlossen werden. Das

heute nahezu vollständige Verschwinden der Lepra in Deutschland beweist

am besten die Wirksamkeit dieser Maßnahmen.

Besonders strenge _Aus_sperrungsmaßnahmen finden zur Abwehr der

_exotischen Seuchen_ Anwendung. Diese eminent infektiösen Krankheiten

-- Pest und Cholera vor allem -- sind heute noch lebendig in

Vorderasien, wo sie niemals ganz erlöschen, und bedrohen die

Kulturländer Europas. Man schützt sich -- mit gutem Erfolge -- gegen

ihr Eindringen durch eine strenge, nach internationalen Vereinbarungen

geregelte _Kontrolle_ des Verkehrs, vor allem des _See_verkehrs, der

in dieser Hinsicht günstigere Verhältnisse bietet, als derjenige

zu Lande.[10] Das Ziel aller dieser Maßnahmen ist die radikale

Verhütung der _Einschleppung_ der Seuche, d. h. des Eindringens eines

von ihr befallenen Menschen oder Tieres, sowie der Einfuhr etwaiger

infektiöser Keime, die mit den Ausscheidungen Kranker an irgendwelchen

Gegenständen, Kleidern, Gepäck, Waren haften.

Früher suchte man dies in den Häfen durch die sogenannten Quarantänen

zu erreichen: Schiffe, die aus verseuchten Ländern kamen, mußten eine

mehr oder weniger lange Zeit unter gesundheitspolizeilicher Kontrolle

in einer Quarantänestation bleiben, bis ihnen die Erlaubnis zur

Ausschiffung der Passagiere gegeben wurde. Etwa erkrankte Reisende

wurden in das mit der Station verbundene Lazarett aufgenommen.

Die Zeit der Beobachtung war auf Grund der Erfahrungen über die

Inkubationszeit der jeweils gefürchteten Seuche festgesetzt und stets

reichlich bemessen. Das ganze System war für die Reisenden natürlich

außerordentlich lästig.

Bei dem gewaltigen Umfang des internationalen Verkehrs von heute wäre

das Quarantänewesen in dieser Form undurchführbar. An seine Stelle ist

eben eine genaue, auf internationalen Abmachungen beruhende Kontrolle

des Seeverkehrs getreten.

Im einzelnen können wir hier nicht alle Bestimmungen und Maßnahmen

besprechen, die dieser Kontrolle des Verkehrs dienen, sie bestehen

im wesentlichen in ärztlichen Revisionen der Schiffe, die aus

verseuchten Gegenden _abfahren_, und besonders sorgfältigen Revisionen

im _Ankunfts_hafen; von Wichtigkeit ist auch die Bestimmung, daß an

Bord der Schiffe, die dem überseeischen Personenverkehr dienen, ein

Schiffsarzt sein _muß_, der verpflichtet ist, über etwaige verdächtige

Krankheitsfälle, die während der Reise vorgekommen sind, Meldung zu

erstatten.

Auf diese Weise muß es -- bei pflicht- und sachgemäßer Durchführung

der vorgeschriebenen Maßregeln -- gelingen, im Ankunftshafen etwaige

infektiös Kranke sofort in ein besonderes »Isolier«-Spital zu bringen,

und ebenso z. B. im Falle, daß während der Reise an Bord eines Schiffes

Krankheits- und Todesfälle an einer bestimmten Seuche vorgekommen sind,

alle diejenigen Personen ärztlich zu untersuchen und zu überwachen,

eventuell auch zu isolieren, die der Gefahr der Ansteckung ausgesetzt

waren. -- Anderseits kann in allen den überwiegend häufigeren Fällen,

in denen auf Grund der ärztlichen Beobachtung die Gefahr einer

Seuchen-Einschleppung verneint wird, alsbaldige Ausschiffung aller

Reisenden erfolgen. Die Unannehmlichkeiten der alten Quarantäne fallen

also fort, das Ziel: die _Aussperrung_ seuchenhaft Kranker, wird

trotzdem erreicht.

Das gleiche Ziel strebt man gegenüber der Seucheneinschleppung auf

dem Landwege durch möglichste ärztliche Überwachung des Verkehrs,

besonders des Eisenbahn- und des Flußverkehrs, an; die Schwierigkeit

erfolgreicher Absperrung ist hier begreiflicherweise unvergleichlich

viel größer als zur See.

Kommt es trotz aller Vorkehrungen zur Einschleppung einer Seuche,

beispielsweise eines Falles von Cholera, so ist die nächste Maßnahme

wieder die sofortige Isolierung des Kranken in einem hierzu geeigneten

Spital. Voraussetzung dafür ist die richtige Erkennung der Natur

der Krankheit. Um diese zu ermöglichen, besitzen die Kulturländer

bakteriologische Untersuchungsanstalten in den größeren Städten und

Zentralen für derartige Untersuchungen, wie sie das Deutsche Reich

im Reichsgesundheitsamt, das Königreich Preußen im Kgl. Institut für

Infektionskrankheiten in Berlin unterhält. Für alle verdächtigen

Fälle besteht die Anzeigepflicht der Ärzte an die Behörden, die dann

für umgehende Einsendung des nötigen Materials an die zuständigen

Untersuchungsanstalten sorgen. Kommt ein verdächtiger Todesfall vor,

so wird die sachverständige Obduktion der Leiche unter Umständen am

raschesten Aufschluß über die Natur der Erkrankung geben. -- Von nun

an wird allenthalben die Aufmerksamkeit der Behörden und der Ärzte auf

jeden verdächtigen Krankheitsfall gerichtet sein, und, wo ein solcher

vorkommt, wird wieder seine tunlichst rasche »Isolierung« die nächste

Aufgabe sein.

Diese Isolierung der infektiös Kranken ist auch bei der Bekämpfung

der einheimischen (endemischen) ansteckenden Krankheiten unsere

vornehmlichste Waffe. Im einzelnen verfahren wir dabei freilich nicht

mit der gleichen Strenge, die gegenüber den exotischen Seuchen geboten

ist. Vor allem ist die Absonderung des Kranken in besonderen, für

diesen Zweck bestimmten Spitälern nicht obligatorisch, so wünschenswert

sie auch im Interesse der Allgemeinheit für viele Fälle wäre. Man

begnügt sich statt ihrer oft mit der Isolierung des Kranken in seiner

Wohnung, vorausgesetzt, daß diese dazu die notwendigen Bedingungen

bietet.

Was hat nun im einzelnen zu geschehen, um einen ansteckend Kranken

in wirksamer Weise zu »isolieren«? Es bedarf kaum der Erörterung,

daß mit seiner Unterbringung in einer Stube für sich oder in einer

Isolierstation nicht das Ziel erreicht ist, ihn ungefährlich zu

machen. Je nach Art seines Leidens kann er ja, wie wir sahen, in

verschiedenster Weise -- oft enorme Mengen von Krankheitserregern

_ausscheiden_. Zwar kann man den erwachsenen, verständigen Menschen zur

größten Reinlichkeit und zu rascher Beseitigung seiner keimhaltigen

Ausscheidungen veranlassen: den Schwindsüchtigen z. B. zur Vernichtung

seines Auswurfs auf die eine oder andere Weise. Aber viele Schwerkranke

sind bewußtlos und somit ganz außerstande zur Reinlichkeit und

Vorsicht; man denke nur z. B. an einen benommenen Typhuskranken.

Eine ganze Fülle von Maßnahmen müssen hier helfen, um der

_Verschleppung_ von Keimen vorzubeugen; Maßnahmen verschiedenster

Art, deren Durchführung im einzelnen nur durch den Arzt und durch

geschultes Pflegepersonal möglich ist. Wir wollen einige der

wichtigsten von ihnen erwähnen: der Transport infektiös Kranker darf

nur in besonderen Krankenwagen, nicht in beliebigen Wagen erfolgen.

(Für den Transport der Leichen an ansteckenden Krankheiten Gestorbener

bestehen besondere Vorschriften.) -- Die sorgfältige Beseitigung und

Vernichtung aller krankhaften Ausscheidungen selbst erfolgt wesentlich

mit Hilfe von Desinfektionsmitteln. Die Wäsche, die Wohnung und alle

Gebrauchsgegenstände des Erkrankten müssen desinfiziert werden.

Soweit als möglich wird zu dem Zwecke der Keimabtötung die Hitze

herangezogen werden, d. h. die Methoden der Sterilisation (s. o. S.

21). Wertlose Gebrauchsgegenstände verbrennt man. Für viele andere

Gegenstände kommen allein chemische Desinfektionsmittel in Frage, vor

allem für die Wohnungsdesinfektion. Für die richtige Durchführung der

geeigneten Maßnahmen sorgen die Behörden, die für den Gesundheitsdienst

verantwortlich sind; ebenso für die Ausbildung sachverständig

geschulter Desinfektoren.

Auch die gewissenhafteste Handhabung aller dieser Maßnahmen kann nicht

ausreichen, um in _jedem_ Falle den Transport von pathogenen Keimen

völlig zu verhindern. Die Schwierigkeiten sind zu groß. Insbesondere

wird es nicht zu vermeiden sein, daß Krankheitskeime aus der nächsten

Umgebung des Patienten verschleppt werden -- durch Insekten, durch die

Hände des Pflegepersonals, die bei Hilfeleistungen doch schließlich

nicht dauernd von desinfizierenden Flüssigkeiten triefen können --,

durch die Schuhsohlen und auf anderen Wegen. Vor allem sind wieder

die feinsten bazillenhaltigen Tröpfchen, die vom Hustenden verstreut

werden, gefährlich. Wie schützen wir uns gegen die verschleppten Keime,

die bis auf unseren Körper, unsere Hände gelangen? Vor allem: wie

schützen sich Arzt und Pflegepersonal?

Wir haben bei der Erörterung des Zustandekommen von »Infektionen«

gesehen, daß die meisten Keime einer bestimmten _Einfallspforte_

bedürfen, um uns anfallen zu können. An dieser Stelle können wir den

letzten Widerstand leisten. Die Maßregeln, die wir hier treffen können,

gelten nicht nur für das Krankenzimmer allein, sie gelten allgemein

für jede Situation, in der wir in besonderem Grade einer bestimmten

Infektionsgefahr ausgesetzt sind, insbesondere also für den Fall

epidemischen Auftretens einer Krankheit. -- Unsere Verteidigung wird

sich verständigerweise nach den Eigenheiten des Feindes zu richten

haben, der uns jeweils angreifen kann.

Der Gefahr, die vom hustenden Schwindsüchtigen verspritzten feinsten

Tröpfchen einzuatmen, entgehen wir fast instinktiv dadurch, daß wir uns

ein wenig von ihm entfernt halten; ein Abstand von einem halben Meter

genügt in der Regel schon, um uns zu schützen.

Besteht die Gefahr einer Infektion vom Darme aus (Typhus, Cholera), so

müssen wir peinlich darauf achten, daß wir keine Keime in unseren Mund

bringen. Wer mit Typhus- oder Cholerakranken zu tun hat, wird auf das

sorgfältigste für Reinigung und Desinfektion seiner Hände Sorge tragen,

bevor er ißt oder trinkt. Der Aufnahme von Keimen mit der Nahrung beugt

man weiterhin vor, indem man in Zeiten von Epidemien ausschließlich

gründlich gekochte oder gebratene Nahrungsmittel von zuverlässig

sauberem Eßgeschirr zu sich nimmt.

Daß die Aufnahme des Verteidigungskampfes gegen die Mikroben auch an

dieser _letzten_ Befestigungslinie sich noch verlohnt, ja daß sie in

manchen Fällen sichere Aussicht auf den Sieg gewährt, das beweist am

besten die Tatsache, daß während der letzten großen Choleraepidemie in

Hamburg nicht ein einziger der zahlreichen Ärzte, die in angestrengter

Berufsarbeit ständig mit den infektiös Kranken in Berührung waren, der

Seuche zum Opfer gefallen ist.

Eine gesonderte Besprechung erfordern in diesem Zusammenhang noch

die Maßnahmen, die zum Schutze von _Wunden_ gegen das Eindringen von

Infektionserregern getroffen werden sollen. Die Behandlung von Wunden,

die durch Verletzungen der verschiedensten Art entstehen, ist Sache

des Arztes. Je nach der Schwere, der Größe, der Entstehungsart, der

Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit einer bei der Entstehung der Wunde

gleichzeitig gesetzten Infektion, wird dieser die Maßnahmen zu treffen

haben, um Schaden zu verhüten.

Zum Schutze gegen Eindringen von Krankheitskeimen sollte der Laie

eine Wunde ausschließlich (nach Entfernung sichtbarer gröberer

Verunreinigungen) mit sterilem Verbandzeug, das in jeder Apotheke

erhältlich ist, verbinden, dem Arzt aber alle weiteren Anordnungen

überlassen.

Auch jede Wunde, die das Messer des Chirurgen setzt, ist bei der

Verbreitung infektionsfähiger Keime auf der Haut und den Schleimhäuten

als eine mögliche Einfallspforte für pathogene Bakterien zu betrachten.

Die moderne operative Medizin hat, seit einmal diese Erkenntnis

zum Siege gelangt ist, immer bessere und zuverlässigere Methoden

ausgebildet, um durch Keimfreimachen des Operationsgebietes, der Hände

des Operateurs und aller Instrumente und Geräte, die Gefahr einer

Wundinfektion auszuschließen. Auf der Einführung dieser Methoden --

mittelbar also auf den Ergebnissen der bakteriologischen Forschung

-- basiert der gewaltige Aufschwung der Chirurgie in den letzten

Jahrzehnten.

Fassen wir kurz das Erörterte zusammen: Gelingt es uns nicht, die

Infektions_quelle_ zuzuschütten -- durch Aussperrung bei epidemischen

Krankheiten, durch Isolierung der Leprösen z. B. -- so suchen wir

die Keime _auf dem Wege_ zum Gesunden zu fassen und zu vernichten;

gelangen sie doch bis zu diesem hin, so versperren wir ihnen die

_Einfallspforte_. An welcher Stelle oder an welchen Stellen wir

den Kampf mit den Mikroben aufnehmen, das wird am besten für jeden

Einzelfall -- oder doch für eine Reihe von Einzelfällen -- gesondert

besprochen. Es richtet sich für jeden pathogenen Keim nach der

Art seiner Ausscheidung aus dem Körper des Erkrankten, nach den

Krankheitserscheinungen, ihrer Art und ihrer Schwere, nach unseren

Kenntnissen von dem Zustandekommen der einzelnen Infektionen.

Auf dem Gebiete der Prophylaxe können die Medizinalbehörden und die

Ärzte viel leisten, und daß beide besonders in Deutschland auf der Höhe

der Zeit sind, ist allgemein anerkannt. Kommt es aber trotzdem zum

Ausbruch einer Seuche, so hängt deren Verlauf und Verbreitung mehr noch

als von ihrer Tüchtigkeit von der Sorgfalt und dem Verständnis ab, mit

denen die Bevölkerung ihren Vorschriften nachkommt.

Besonderer Teil.

Vorbemerkung.

Der Absicht und dem Umfang dieses kleinen Werkes würde eine eingehende

Besprechung aller bisher bekannten bakteriellen Infektionskrankheiten

nicht entsprechen. Doch schien es geboten, nicht nur einige,

sondern eine größere Anzahl von Beispielen aus dem Gesamtgebiete

vorzuführen. Eine Anordnung in Gruppen schien der Übersichtlichkeit

halber wünschenswert; andererseits war die strenge Durchführung eines

bestimmten Ordnungsprinzips schwierig; und so sind denn einigermaßen

willkürlich -- aus verschiedenen Gesichtspunkten -- die einzelnen

Gruppen von Krankheiten gebildet worden, die je in einem Kapitel

zusammengefaßt worden sind.

In dem ersten Kapitel des speziellen Teils (Kap. V) sollen --

wesentlich aus historischen Gründen -- zwei seltene und untereinander

ganz verschiedene bakterielle Infektionskrankheiten des Menschen

behandelt werden: das Rückfallfieber als diejenige _menschliche_

übertragbare Krankheit, deren Erreger zuerst entdeckt, d. h. gesehen

wurde, und die Milzbrandkrankheit, jene selten den Menschen befallende

Tierseuche, deren vollständige ätiologische Aufklärung durch _Robert

Koch_ den ersten großen Erfolg der modernen Bakteriologie bedeutete

(vgl. Einleitung).

In einem weiteren Kapitel (VI.) sind _Pest_ und _Cholera_, die

beiden gefährlichsten _exotischen_ Seuchen, die gelegentlich auch

unsere europäischen Kulturländer bedrohen, behandelt. Es folgen als

Beispiele inländischer epidemisch auftretender Krankheiten, die durch

_Stäbchen_bakterien hervorgerufen werden, in dem folgenden (VII.)

Kapitel: Diphtherie, Tetanus, Influenza, Keuchhusten, Unterleibstyphus.

-- Das folgende Kapitel (IX.) ist den wichtigsten krankheiterregenden

Kugelbakterien (Mikrokokken) eingeräumt, den sogenannten

»Eitererregern« im engeren Sinne (Streptokokken und Staphylokokken),

ferner den Erregern der Gonorrhoe (Gonokokken), den Meningokokken und

der epidemischen Genickstarre, und endlich den Pneumokokken, die als

Ursache mannigfaltiger Entzündungen, besonders der Lungenentzündung,

gefürchtet sind. -- Ein besonderes (X.) Kapitel ist einer kurzen

Besprechung der chronischen Infektionskrankheiten, der Tuberkulose,

unserer schlimmsten Volksseuche, der Syphilis und der Lepra gewidmet.

Man wird in dieser kurzen Übersicht die Namen einer Anzahl

zweifellos ansteckender Krankheiten vermissen. Das liegt nicht

an einer ungeschickten Auswahl der Beispiele, sondern an der

Lückenhaftigkeit unseres Wissens: eine Anzahl teilweise gerade ganz

besonders infektiöser Krankheiten ist bisher ätiologisch noch nicht

aufgeklärt; die bekanntesten unter ihnen mögen hier kurz erwähnt

werden. Freilich sei darauf verwiesen, daß es durchaus nicht sicher

ist, daß sie durch _Bakterien_ verursacht werden. Es ist ebensogut

möglich, daß niederste tierische Lebewesen (Protozoen) ihnen zugrunde

liegen, ebenso wie bekanntlich die verbreitetste Infektionskrankheit

überhaupt, die Malaria (das Sumpffieber) durch Protozoen verursacht

wird, wie ferner auch die neuerdings viel besprochene Schlafkrankheit

Afrikas eine Protozoenkrankheit ist. In erster Linie sind der akute

Gelenkrheumatismus und die gefürchteten Kinderkrankheiten Scharlach und

Masern zu erwähnen, deren belebte Ursache bisher trotz allen möglichen

Versuchen noch unbekannt ist, weiterhin die Wutkrankheit (Lyssa).

Ferner gehören hierher die Erreger der Blattern oder echten Pocken,

die nach jüngst eingelaufenen Nachrichten freilich möglicherweise

inzwischen bereits entlarvt sind. Vor den Blattern ist die

Kulturmenschheit ja seit _Jenners_ Entdeckung der Schutzpockenimpfung

geschützt; auch gegen die Folgen der Bisse wutkranker Tiere haben wir

in der Pasteurschen Wutschutzimpfung ein wirksames Mittel in der Hand.

Auch läßt sich durch das naheliegende Mittel des »Maulkorbzwanges«

nachweislich viel gegen die Verbreitung der Lyssa tun. Scharlach

und Masern aber setzen vorläufig allen unseren Bestrebungen einen

fast unüberwindlichen Widerstand entgegen; wir sind ihnen gegenüber

ausschließlich auf die Maßnahmen der Isolierung angewiesen. --

Daß verschiedene zweifellos infektiöse Krankheiten heißer Länder

ätiologisch noch nicht aufgeklärt sind, mag wenigstens erwähnt werden.

Eine außerordentlich ansteckende Krankheit der Augen soll endlich

noch genannt werden, es ist die sogenannte ägyptische Augenkrankheit,

das »Trachom«, ein Leiden, das mit Entzündung der Augenbindehäute

beginnt, der Behandlung große Schwierigkeiten macht und oft mit dem

Verlust des Sehvermögens auf einem oder gar beiden Augen endigt. Nach

Deutschland wird diese Krankheit hauptsächlich von unseren östlichen

und südöstlichen Nachbarländern aus durch Arbeiter eingeschleppt, und

nur den unausgesetzten Bemühungen unserer Medizinalbehörden ist es

zu danken, daß sie nicht nur keine Fortschritte gemacht hat, sondern

allmählich zurückgedrängt wird. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die

Ansteckung durch Übertragung keimhaltigen Sekrets von Person zu Person

verbreitet wird, und daß die wirksamste Bekämpfung einerseits in der

persönlichen Reinlichkeit aller derer besteht, die mit Trachomkranken

in Berührung kommen, anderseits in der möglichst frühzeitigen und

energischen Behandlung der Erkrankten. Der Erreger dieses Leidens

scheint in letzter Zeit durch _v. Provaczek_ entdeckt worden zu sein,

doch steht die Entscheidung darüber, ob es sich um ein Bakterium

handelt oder um ein niederstes tierisches Lebewesen, vorläufig noch

aus. Kulturen des Mikroorganismus sind bisher noch nicht gewonnen

worden.

Kapitel V.

Milzbrand. -- Rückfallfieber.

Wie wir in der Einleitung erfahren haben, brachte die einwandfreie

Aufklärung der bakteriellen Ätiologie der _Milzbrand_krankheit des

Rindes durch _Robert Koch_ den entscheidenden Sieg der für die moderne

Bakteriologie grundlegenden Anschauungen mit sich. Deshalb mag es

angezeigt erscheinen, gerade diese Infektionskrankheit, die dem

Menschen vergleichsweise nur selten gefährlich wird, an schädlicher

Bedeutung also weit hinter anderen zurückbleibt, hier an erster Stelle

zu besprechen. -- Der Milzbrand ist aber nicht die erste dem Menschen

drohende ansteckende Krankheit, deren Erreger von einem menschlichen

Forscherauge erblickt und als solcher erkannt worden ist, das ist

vielmehr das heute in unserem Klima seltene Rückfallfieber, dessen

belebte Ursache schon im Jahre 1873 von _Obermeier_ aufgefunden wurde.

Es soll an zweiter Stelle behandelt werden.

Milzbrand.

Der Milzbrand gehört zu einer kleinen Anzahl ansteckender Krankheiten,

die für gewöhnlich bestimmte Tierarten heimsuchen, aber auch dem

Menschen gefährlich werden können und auf ihn übertragbar sind.

Eigentliche Milzbrandseuchen kamen besonders früher bei Schafen

und Rindern in großer Ausdehnung vor und verursachten enormen

wirtschaftlichen Schaden. Auch heute sind sie zwar erheblich

eingedämmt, aber noch keineswegs verschwunden. Der Milzbrand kann

außerdem auch Pferde, Schweine, Ziegen und verschiedene Arten wilder

Tiere und endlich auch den Menschen befallen. -- Bei den Tieren

verläuft die Erkrankung unter den schwersten Allgemeinerscheinungen

gewöhnlich als _Darmmilzbrand_, der sehr rasch zum Tode zu führen

pflegt. Mit den dünnen, blutigen Darmentleerungen werden große Massen

von Bazillen ausgeschieden, die dann im Freien nicht selten Gelegenheit

finden, Sporen zu bilden. Diese Sporen können verschleppt werden und

können bei ihrer großen Haltbarkeit noch nach langer Zeit zu neuen

Infektionen und damit unter Umständen auch zum Ausbruch einer neuen

Milzbrandseuche führen.

Beim Menschen tritt die Milzbrandinfektion in der überwiegenden

Zahl der Fälle in der Gestalt eines Milzbrandkarbunkels der Haut

zuerst in Erscheinung. Dieser bildet sich in der Umgebung kleiner,

mit Milzbrandbazillen oder Sporen infizierter Wunden und stellt im

wesentlichen eine oft recht umfangreiche eitrige Pustel der Haut

dar, in deren Umgebung sich gewöhnlich eine sehr starke ödematöse

Durchtränkung und Schwellung des Unterhautgewebes ausbildet. Die

Infektion erfolgt entweder direkt beim Umgang mit erkranktem Vieh,

besonders beim Schlachten, beim Abhäuten und Verscharren, oder --

seltener -- durch Sporen, die in letzter Linie wieder von irgendeinem

Milzbrandfall herstammen. Es ist nicht immer ganz aufzuklären, auf

welchem Wege im einzelnen Falle die infektiösen Keime an den Menschen

herangelangt sind, aber es zeigt sich, wenn man die Berufsarten

der an Milzbrand Verstorbenen beachtet, daß es sich fast immer um

Menschen handelt, die mit Tierfellen oder Tierhaaren zu tun haben,

also um Arbeiter in Gerbereien, Roßhaarspinnereien, Bürsten- und

Pinselfabriken. Eine besonders gefährliche Form des menschlichen

Milzbrandes ist der durch _Einatmung_ von Sporen entstehende

_Lungen_milzbrand (die »Hadernkrankheit«), die am häufigsten Arbeiter

befällt, die in Papierfabriken mit dem Sortieren von Lumpen beschäftigt

sind. Dieser »Lungenmilzbrand« verläuft in der überwiegenden Mehrzahl

der Fälle tödlich.

[Illustration: Abb. 16.

Die krankheiterregenden Bakterien Entstehung, Heilung und Bekämpfung der bakteriellen Infektionskrankheiten des Menschen · 第 17 / 33 题