Platinöse zum Impfen von Bakterienkulturen.]

Unmittelbar wahrnehmbar ist bei vielen Bakterienarten auch die Bildung

von _Pigment_ in den Kulturen, besonders häufig sind weiße und

grauweiße Farbentöne, doch gibt es zahlreiche Arten, die Pigment von

allen Farben zu bilden vermögen.

Besonders zur Unterscheidung der Bakterienarten verwertbar sind

weiterhin deren _chemische Leistungen_. Einige wenige Beispiele mögen

dies veranschaulichen. Betrachten wir Gelatineplattenkulturen von

Choleravibrionen z. B. am dritten Tage nach der Einsaat, so sehen

wir, daß das Nährsubstrat in der Nachbarschaft der einzelnen Kolonien

verflüssigt worden ist: die Choleravibrionen besitzen die Fähigkeit,

Eiweiß zu peptonisieren. Das Vorhandensein oder Fehlen dieser Fähigkeit

ist wiederum bei verschiedenen Arten eine konstante Eigenschaft und

deshalb zu ihrer Charakteristik verwertbar. -- Ähnlich verhält es

sich mit dem Nachweis von charakteristischen Stoffwechselvorgängen in

den Reinkulturen mancher Bakterien; so bringen beispielsweise manche

Spaltpilzarten unter Säureproduktion Milch zur Gerinnung, in der

sie wachsen, während andere Arten dieser Fähigkeit stets ermangeln.

Eine andere chemische Leistung, die für manche Bakterienarten

charakteristisch ist, ist die Vergärung des Traubenzuckers. Impft

man von einer Reinkultur eines solchen Mikroorganismus einen

traubenzuckerhaltigen Nährboden (Bouillon oder Nähragar), so erkennt

man sehr deutlich den Eintritt der Gärung an der Bildung von Gasblasen,

die den festen Nährboden unter Umständen förmlich zerfetzen können.

Die Erscheinung fehlt, wenn der untersuchte Spaltpilz der Fähigkeit

ermangelt, Traubenzucker zu vergären.

Zur vollständigen Untersuchung einer pathogenen Bakterienart gehört

unter Umständen noch als letzte, der medizinischen Bakteriologie

besonders eigene Aufgabe: die Prüfung der »Pathogenität« der Reinkultur

im _Tierexperiment_. Gerade dieser Methode verdankt die Wissenschaft

außerordentlich wertvolle Fortschritte, und ihre vernünftige sachgemäße

Anwendung kann nur von Leuten angefeindet werden, die über Ziel und

Wege der medizinischen Forschung mangelhafte Vorstellungen haben. Die

Beurteilung des Ausfalls von Tierexperimenten ist übrigens eine weit

schwierigere Aufgabe, als man häufig anzunehmen geneigt ist.

Die ursprüngliche Absicht bei der künstlichen Infektion von Tieren

mit Reinkulturen ging darauf hinaus, experimentell die gleiche

Krankheit zu erzeugen, deren Erreger man in Händen zu haben

glaubte. Man strebte dieses Ziel namentlich in der ersten Zeit der

bakteriologischen Entdeckungen in jedem einzelnen Falle an, in dem

man einen Krankheitserreger entdeckt zu haben glaubte. Ja, man hielt

den Beweis dafür, daß ein aus Krankheitsprodukten isolierter Keim

wirklich der Erreger der betreffenden Krankheit sei, erst dann für

erbracht, wenn man mit seinen Reinkulturen das typische Krankheitsbild

experimentell auslösen konnte. Es ergab sich nun aber bald, daß

dies nicht in allen Fällen gelang; von großer Bedeutung zeigte sich

zunächst die Auswahl der Versuchstiere nach ihrer Artzugehörigkeit.

So war es leicht und sicher gelungen, bei _Rindern_ durch Impfung mit

Reinkulturen das typische Bild der Milzbranderkrankung auszulösen.

Versuche, die typischen Bilder _menschlicher_ Infektionskrankheiten

bei Versuchstieren durch Impfung mit Reinkulturen auszulösen,

gelangen dagegen nur in ganz bestimmten Fällen und auch für

diese nur in gewissem Sinne: Man kann z. B. bei Versuchstieren

das Bild der menschlichen Diphtherie nicht durch Einbringung von

Reinkulturen in den Rachen hervorrufen. Man kann ferner bei den

gebräuchlichen Versuchstieren auch durch Fütterung mit massenhaften

Choleravibrionen im allgemeinen nicht das Bild der menschlichen Cholera

reproduzieren. Versuchstiere, denen man Reinkulturen von Diphtherie-

oder Cholerabazillen aus menschlichen Krankheitsfällen injiziert,

sterben allerdings oft im Anschluß daran, aber unter ganz anderen

Erscheinungen, als sie die betreffenden menschlichen Krankheiten

darbieten. Daneben gibt es freilich auch einige Infektionskrankheiten,

die, beim Tiere durch Impfung mit Reinkulturen des betreffenden

Erregers künstlich erzeugt, einen ganz typischen Verlauf zeigen, der

in hohem Grade mit dem der menschlichen Krankheit übereinstimmt. Ein

Beispiel dieser Art bildet die _Pest_: wenn man mit ganz kleinen Mengen

einer Reinkultur von Pestbazillen ein Meerschweinchen oder eine Ratte

an einer oberflächlichen kleinsten Hautwunde impft, so entwickelt sich

bei dem Tiere ein Krankheitsbild, das in vielen Einzelheiten mit dem

der menschlichen Beulenpest übereinstimmt.

Über die Ursache dieses verschiedenen Verhaltens unserer Versuchstiere

gegenüber verschiedenen Krankheitserregern gewinnen wir Klarheit,

wenn wir in Erwägung ziehen, daß kleine Nagetiere auch »_spontan_«

-- d. h. unter natürlichen Bedingungen, ohne unser absichtliches

Eingreifen -- an Pest erkranken können, daß sie aber niemals spontan an

Cholera oder an Diphtherie erkranken: jede einzelne Tierart erkrankt

spontan nur an ganz bestimmten Infektionskrankheiten und so auch

der Mensch. Man pflegt das auch so auszudrücken: Jede Tierart ist

»empfänglich« nur für bestimmte Infektionserreger, gegen andere ist

sie widerstandsfähig, oder, wie man mit dem lateinischen Ausdruck zu

sagen pflegt, »resistent«. Wir müssen für unsere Versuchstiere dabei

stets im Auge behalten, daß sie einem gegebenen Keime gegenüber oft

zwar insofern »resistent« sind, als sie _spontan_ niemals seiner

krankmachenden Wirkung erliegen, daß sie aber für eine künstliche

Infektion (Injektion) mit großen Dosen »empfänglich« sind. Diese

»Resistenz« kann sich sowohl gegenüber spontanen als auch gegenüber

künstlichen Infektionen geltend machen, oder aber -- wie im Falle der

Cholera, der Diphtherie -- _nur_ gegenüber der natürlichen (spontanen)

Infektion bestehen. In diesem letzteren Falle kann man durch Injektion

kleinerer oder größerer Dosen von Reinkulturen eines gegebenen Keimes

Erkrankung und Tod des Versuchstieres herbeiführen. Man nennt einen

Stamm einer pathogenen Bakterienart »virulent«, wenn _kleine_ Dosen

bereits diese Wirksamkeit entfalten, »avirulent«, wenn große Dosen

dazu nötig sind. Die »Virulenz« ist Schwankungen unterworfen. Von

einer höchst »virulenten« Reinkultur von Pestbazillen genügt, soweit

sich das feststellen läßt, ein einziger Keim, um z. B. bei einer Ratte

eine tödliche Pestinfektion auszulösen. Wenn man aber eine Pestkultur

im Laboratorium jahrelang auf künstlichen Nährböden immer weiter

gezüchtet hat, so findet man sie in der Regel völlig »avirulent«, d. h.

außerstande, auch bei empfänglichen Versuchstieren Pest hervorzurufen.

Ähnlich verhalten sich auch Milzbrandkulturen nach häufigem Überimpfen

auf künstlichen Nährsubstraten.

So wie die Virulenz verloren gehen kann, kann sie unter Umständen,

vorausgesetzt, daß sie noch nicht ganz erloschen war, wieder gesteigert

werden, und zwar in der Regel durch die Methode der sogenannten

Tierpassage. Infiziert man mit sehr reichlichen Mengen einer schwach

virulenten Kultur, beispielsweise von Milzbrandbazillen, ein für

Milzbrand empfängliches Versuchstier, so kann es unter Umständen

zu einer Vermehrung der Milzbrandbazillen im Tierkörper und zur

Erkrankung des Tieres kommen. Züchtet man nun aus dessen Blut wiederum

die Milzbrandbazillen, und wiederholt man diese Maßnahme noch ein

oder einige Male, so sieht man die Virulenz mehr und mehr zunehmen,

so daß immer kleinere Dosen der Reinkulturen zur Erzeugung eines

Impfmilzbrandes ausreichen. Dabei hat sich die merkwürdige Tatsache

ergeben, daß die Steigerung der Virulenz sich geradezu spezifisch nur

auf die zur Tierpassage verwandte Tierart beziehen kann, ja, man hat

weiterhin sogar feststellen können, daß bei solchen Passageversuchen

zuweilen mit der Zunahme der Virulenz für die Passagetierart eine

Abnahme der Virulenz für eine andere an sich ebenfalls empfängliche

Tierart einhergeht. Mit anderen Worten: ebenso wie Empfänglichkeit und

Resistenz einer jeden Tierart gegenüber pathogenen Keimen verschiedener

Art spezifisch bestimmt sind, ist auch der Grad der Virulenz

eines pathogenen Bakteriums jeder einzelnen Tierspezies gegenüber

spezifisch bestimmt, bzw. verschieden. Danach kann es denn auch nicht

wundernehmen, daß zuweilen Mikroorganismen, die von besonders schweren

Krankheitsfällen des Menschen isoliert worden sind, sich bei der

Übertragung auf Versuchstiere als wenig virulent für diese erwiesen

haben.

Aus alledem ergibt sich eine sehr große Schwierigkeit in der

Beurteilung der Resultate von experimentellen Infektionen von

Versuchstieren. Nur unter genauester Berücksichtigung dieser

Verhältnisse darf man aus den Beobachtungen am künstlich infizierten

Tiere Rückschlüsse auf Vorgänge und Zustände beim Menschen ziehen, und

nur in der Hand der kritischsten Beobachter vermag das Tierexperiment

wertvolle Ergebnisse zu liefern. In der Tat verdanken wir ihm

außerordentlich wichtige Aufschlüsse, nicht nur über das Zustandekommen

von Infektionskrankheiten, sondern vor allen Dingen auch über die

natürlichen Heilungsvorgänge und über Mittel, diese Heilungsvorgänge

zu unterstützen, zu beschleunigen, ja, unter Umständen geradezu

hervorzurufen.

Kapitel II.

Pathogene und saprophytische Bakterien. -- Bedingungen der

Krankheitserzeugung durch Bakterien. -- Die Einfallspforten

infektiöser Keime. -- Die gesunden Bedeckungen als Schutzwehr

des Körpers gegen bakterielle Infektionen. -- Angriffswaffen

der Bakterien. -- Besondere Reaktionsvorgänge nach dem

Eindringen pathogener Keime in die Gewebe. -- Die wichtigsten

Bestandteile des Blutes und ihre Beteiligung an der Abwehr

von Infektionen. -- Die »Entzündung«. -- Die weißen

Blutkörperchen und die Phagocytose. -- Bakterienfeindliche

Stoffe des Blutserums. -- Lokale und allgemeine Infektionen.

-- Verschiedener Verlauf der Infektionskrankheiten. --

Nachkrankheiten.

Wie wir schon sahen, sind von den vielen Hunderten von Bakterienarten,

die isoliert und wissenschaftlich untersucht worden sind, weitaus

die meisten für den Menschen ganz ungefährlich. Ja, es hat sich

herausgestellt, daß die mannigfaltigen Leistungen dieser Keime einen

unentbehrlichen Faktor im Kreislauf des Stoffes auf unserer Erde

darstellen, so daß das Leben der höheren Tiere und des Menschen

geradezu unmöglich wäre, wenn die Lebenstätigkeit dieser kleinen Wesen

aufhörte. Ihrer Tätigkeit allein verdanken wir, daß durch Fäulnis- und

Verwesungsprozesse die toten Pflanzen- und Tierkörper abgebaut und

nicht nur beseitigt, sondern zum Wiederaufbau neuer lebender Substanz

nutzbar gemacht werden. Nichts ist also undankbarer und verkehrter

als die in weiten Kreisen verbreitete übertriebene »Bazillenfurcht«,

die zwar auf der einen Seite auf der richtigen Kenntnis der

außerordentlichen Verbreitung von Spaltpilzen oder »Bazillen« in der

Natur, auf der anderen Seite auf der ebenfalls richtigen Anschauung

beruht, daß »Bazillen« als Krankheitserreger dem Menschen gefährlich

werden _können_, aber eben die Tatsache nicht berücksichtigt, daß man

bei den Bazillen genau ebenso zwischen nützlichen und schädlichen Arten

unterscheiden muß, wie man bei den höheren Pflanzen zu tun gewöhnt ist.

Man bezeichnet in der medizinischen Bakteriologie die

krankheiterregenden Spaltpilze als »pathogene Bakterien« (von

griechisch πάθος = das Leiden, die Krankheit, Stamm γεν = erzeugen)

oder als Parasiten; alle übrigen, dem Menschen ungefährlichen Arten

nennt man Saprophyten (von σαπρὸς = faul, φυτὸν = Gewächs, eigentlich

also: Fäulnispilze).

Ein gemeinschaftliches _Gestaltmerkmal_, an dem man sie alle erkennen

könnte, besitzen die krankheiterregenden Spaltpilze übrigens

ebensowenig wie die Giftpflanzen.

Auch in ihren _Lebensbedingungen_ und _Lebensäußerungen_ zeigen sie

die weitestgehenden Unterschiede, so daß bei Licht besehen nur der

eine einzige Zug ihnen _allen_ gemeinsam ist, dem Menschen oder

höheren Tieren schädlich werden zu können. Und auch in Hinsicht auf

diese Eigenschaft unterscheiden sie sich untereinander wieder in

mannigfaltiger Weise nach Art und Grad.

Wir haben es hier mit äußerst verwickelten Verhältnissen zu tun, deren

Aufklärung der Forschung der letzten Jahrzehnte durchaus noch nicht

vollständig gelungen ist. Wir müssen uns deshalb vielfach mit der

Feststellung einzelner Tatsachen begnügen, ohne vorläufig deren Gründe

zu wissen.

Fragen wir zunächst: Was gehört zum Zustandekommen eines

Infektionsprozesses, so ist so viel gewiß, daß ein oder eine Anzahl

infektionstüchtiger Keime und ein für deren Wirkung _empfänglicher_

Körper vorhanden sein müssen. Das klingt höchst einfach, verbirgt aber

eine durchaus rätselhafte Beziehung zwischen beiden Faktoren, die

wir schon einmal streiften: Die Spezies »Mensch« muß gerade für die

pathogene Wirkung des betreffenden Bakteriums empfänglich sein, sonst

ist dieses dem Menschen gegenüber machtlos; das wußten wir schon. Wir

wissen nun aber weiter aus Erfahrung auch, daß _verschiedene Menschen_,

die -- beispielsweise während einer Epidemie -- der gleichen Infektion

unter gleichen Bedingungen verfallen, in durchaus verschiedenem Grade

unter der Schädigung leiden.

Der eine von ihnen erliegt wie widerstandslos nach einem

außerordentlich kurzen Krankheitsverlauf der Seuche, der andere kommt

nach längerem Krankenlager mit dem Leben davon, der Dritte leidet gar

nicht nennenswert; kaum, daß er einige eben charakteristische Symptome

zeigte; nach kurzer Frist ist er vollkommen gesund wie zuvor.

Wir sehen also: auch zwischen einzelnen _Individuen_ bestehen

Unterschiede der »Resistenz« gegen infektiöse Keime. Solche

Unterschiede können wir nun auch im Tierexperiment unter Umständen

nachweisen. Wenn wir nämlich unter ganz gleichen Bedingungen mehrere

Versuchstiere, die nach Art, Alter, Geschlecht, ja auch nach Gewicht

und Ernährungszustand übereinstimmen, künstlich mit genau gleichen

Mengen einer Reinkultur von pathogenen Mikroben infizieren, so

beobachten wir häufig einen durchaus verschiedenen Ausgang des

hervorgerufenen Krankheitsprozesses bei den verschiedenen Individuen.

Diese individuellen Unterschiede zu erklären vermögen wir ebensowenig,

wie wir die Empfänglichkeit oder Resistenz einer _Tierspezies_ für

einen bestimmten Keim zu erklären wissen. Wir kennen freilich Mittel,

um die Resistenz unter Umständen zu steigern, und kennen Faktoren,

die sie herabsetzen: so wissen wir, daß durch Hunger, Entbehrungen

aller Art, Überanstrengung, Erkältung, chronische Vergiftungen (z. B.

Alkoholismus), die Widerstandsfähigkeit eines Individuums gegen manche

Infektionen herabgemindert werden kann. Über die letzte Ursache dieser

Schwächung wissen wir aber nichts Genaueres.

Gewisse Fingerzeige freilich hat uns die Forschung gegeben, in welcher

Richtung wir zu suchen haben: wir kennen einigermaßen die Waffen,

deren sich der infizierte Organismus bedient, um den Eindringling zu

bekämpfen, und wir lernen andererseits die Angriffswaffen des letzteren

allmählich immer mehr kennen. Doch ist in Hinsicht beider Faktoren die

Forschung von einem abschließenden Ergebnis noch weit entfernt.

Jene Keime, die irgendwie von außen her auf unsere unverletzte

Körperoberfläche gelangen, vermögen im allgemeinen durchaus nicht ohne

weiteres uns schädlich zu werden; zur Körperoberfläche gehört in erster

Linie die unverletzte Haut, die sichtbaren Schleimhäute, dann weiterhin

auch die Schleimhaut des gesamten Verdauungstraktus -- Mund und Rachen,

Speiseröhre, Magen, Darm -- und die der oberen Luftwege, also der Nase,

des Kehlkopfes und der Luftröhre.

Einige Keime bilden eine Ausnahme von dieser Regel. Der Typhusbazillus

und der Choleravibrio können vom Darmrohr aus, anscheinend ohne

besondere unterstützende Momente, bei ursprünglich intakter

Schleimhaut, ihre krankmachende Wirkung entfalten. Vor allem aber kann

der _Diphtheriebazillus_, einmal in den Rachen eingedrungen, sich

vermehren, durch seine eigenen Giftstoffe die oberflächlichen Schichten

der Schleimhaut schädigen und nun einen immer fortschreitenden

Krankheitsprozeß auslösen. Endlich soll noch als Ausnahme von der, wie

wir sehen, durchaus nicht streng gültigen Regel der Gonokokkus erwähnt

werden, der ebenfalls imstande ist, sich auf intakten Schleimhäuten --

der des Urogenitaltraktus und auch derjenigen der Augenbindehaut --

anzusiedeln und dort gefährliche Krankheiten zu verursachen.

Nach so zahlreichen Ausnahmen bedarf die aufgestellte Regel geradezu

einer besonderen Begründung: In der Tat finden sich auf der Haut

des gesunden Menschen regelmäßig zahlreiche Bakterien, die beim

Eindringen _in eine Wunde_ sehr unangenehme Wirkungen zu entfalten

imstande wären, die gesunde Epidermis aber nicht zu passieren vermögen.

Ferner beherbergt bekanntlich unser Darm eine Unmenge von Bakterien

verschiedenster Art, deren Lebensäußerungen uns für gewöhnlich nicht

nur nicht schädlich sind, sondern uns vielfach zugute kommen, da sie

eine Rolle in der Darmverdauung spielen. Unter diesen zahlreichen

Arten, die dort vorübergehend oder dauernd anzutreffen sind, sind

auch solche vertreten, die, _in die Gewebe selbst eingedrungen_,

als Krankheitserreger wirken würden. Als ein extremes Beispiel

mag der Tetanusbazillus angeführt werden, der gefürchtete Erreger

des Wundstarrkrampfes, einer sehr qualvollen und häufig tödlich

verlaufenden Krankheit: im Darm, an der Körperoberfläche im Sinne

unserer Besprechung, ist er ein häufiger unschädlicher Gast; dringen

aber seine Sporen mit gröberen Verunreinigungen, mit Schmutz, zusammen

in eine Wunde ein, so entfaltet er eine mörderische Tätigkeit.

Aber wir brauchen diesen Sonderfall nicht heranzuziehen; eine sehr

große Anzahl von Bakterienarten, die sich im Darm regelmäßig finden,

werden in dem Augenblick zu bedenklichen Krankheitserregern, wo sie

in das Körperinnere vordringen können, was freilich immer nur bei

krankhaften Veränderungen, bei Verletzungen der Darmwand z. B.,

geschehen kann. In die Bauchhöhle gelangt, werden diese Bakterien

die Ursache einer oft tödlich verlaufenden Entzündung, so z. B.

bei Unterleibsschüssen. Unter normalen Verhältnissen sind sie --

von einigen praktisch nicht in Frage kommenden Ausnahmen abgesehen

-- außerstande, die Schranke zu übersteigen, die die intakte

Darmschleimhaut ihnen bietet. Es mag hier kurz erwähnt werden, daß

diese Schranke _nach dem Tode_ fällt, und daß nun einige Zeit später

zahlreiche Bakterien die Darmwand durchwuchern und sich in den

Nachbargeweben vermehren und verbreiten, indem sie sich von dem toten

Substrat ernähren und seine Fäulnis und Verwesung bewirken.

Auch im Rachen und in den oberen Luftwegen, besonders in der Nase,

sind regelmäßig reichlich Bakterien anzutreffen und unter ihnen auch

nahezu regelmäßig solche, die unter Umständen pathogen werden können,

sehr häufig z. B. der Erreger der Lungenentzündung, der Pneumokokkus.

Die Mehrzahl der Menschen beherbergt diesen Keim nahezu dauernd in den

oberen Luftwegen. Zu der gefürchteten Lungenentzündung kommt es aber

nur, wenn unter besonderen, noch durchaus nicht völlig aufgeklärten

Bedingungen eine schrankenlose Wucherung der Pneumokokken innerhalb der

Lunge zustande kommt. Ein anderer mit pathogenen Eigenschaften begabter

Mikrokokkus, der Streptokokkus, ist ebenfalls ein sehr häufiger Gast

im Rachen gesunder Menschen und kann gefährlich werden, indem er z. B.

unter dem Einfluß von Erkältung zu Mandelentzündungen führt.

Es ergibt sich aus alledem, daß die bloße _Anwesenheit_ von Keimen

an der _Körperoberfläche_ zur Auslösung von Krankheitsprozessen im

allgemeinen nicht genügt, oder anders ausgedrückt, daß für die meisten

pathogenen Keime die gesunden Bedeckungen, Haut und Schleimhäute, ein

unüberwindliches Hindernis der Entfaltung krankheiterregender Wirkungen

darstellen.

Die einfachste Art, wie diese Schranke durchbrochen wird, ist die

_mechanische Verletzung_, das nächstliegende Beispiel dieser Art die

Infektion einer _Wunde_ der Haut. Je nach der Art der in die tieferen

Weichteile eingedrungenen Keime, werden die weiteren Vorgänge, die

sich abspielen, verschieden sein: die pathogenen Bakterien besitzen

je nach ihrer Art durchaus verschiedene Angriffswaffen, durch die sie

dem Körper gefährlich werden, und auch die Verteidigung des letzteren

spielt sich von Fall zu Fall in verschiedener Weise ab.

Unter den Krankheitserregern sind einige durch die Fähigkeit

angezeichnet, außerordentlich wirksame _Gifte_ abzusondern, die sich

rasch im menschlichen Organismus verbreiten und unter Umständen, weit

entfernt von der Ansiedelungsstelle der sie produzierenden Keime, eine

tödliche Wirkung entfalten. Ein Beispiel dieser Art stellt der schon

erwähnte Tetanusbazillus dar, dessen Giftstoffe das Zentralnervensystem

angreifen und unter den Erscheinungen des Wundstarrkrampfes den

Tod herbeiführen. Ähnliche Giftstoffe, die aber von ganz anderer

Wirkung sind, sezerniert der Diphtheriebazillus. Man hat diese

Giftstoffe dadurch bis zu einem gewissen Grade isolieren können,

daß man Reinkulturen der betreffenden Bakterienarten in flüssigen

Nährböden durch bakteriendichte Filter filtrierte. Nun prüfte man das

vollkommen keimfreie Filtrat im Tierexperiment, und auf diese Weise

ließ sich feststellen, daß minimale Mengen eines solchen Filtrats bei

Versuchstieren die charakteristischen Erscheinungen, beispielsweise

des Wundstarrkrampfes, auszulösen vermochten. Auf das Studium dieser

gefährlichen Giftstoffe, die man als _Toxine_ bezeichnet hat, ist eine

außerordentlich umfangreiche und mühevolle Arbeit schon verwendet

worden. Die größte Schwierigkeit, die sich ihrer Erforschung in den Weg

stellt, liegt darin, daß die heutigen Mittel der chemischen Forschung

es noch nicht ermöglichen, die Toxine _rein_ darzustellen und ihre

Konstitution aufzuklären. Man hat über diese letztere nur auf Umwegen

mit Hilfe biologischer Methoden wertvolle Aufschlüsse erlangen können.

Die Produktion echter Toxine ist bisher nur bei einer geringen Zahl

pathogener Mikroben nachgewiesen worden, zu denen der Tetanus- und der

Diphtheriebazillus gehören. Diesen beiden Krankheitserregern gemeinsam

ist die Eigentümlichkeit, vorwiegend an der Invasionsstelle selbst sich

zu vermehren und von da aus ihre löslichen Giftstoffe zu versenden,

_ohne_ selbst _weit_ in die Gewebe des Körpers vorzudringen.

Ein ganz anderes Verhalten zeigt eine große Anzahl von anderen

pathogenen Keimen, die umgekehrt eine außerordentlich lebhafte Tendenz

zur Vermehrung innerhalb des Körpers und zum Eindringen in die

Körpergewebe zeigen, und die man deshalb auch vielfach als _invasive

Parasiten_ charakterisiert hat. Ein Beispiel dieser Art ist der

Milzbrandbazillus, auch der Pestbazillus gehört hierher, ferner die

Erreger mancher Wundinfektionskrankheiten. In ausgesprochenen Fällen

der Infektion mit solchen invasiven Keimen findet man die Gewebe und

Säfte des Körpers, vor allem das Blut, geradezu überschwemmt mit den

Mikroorganismen; es ist bis heute nicht gelungen, die schädliche

Wirkungsweise aller solchen Keime befriedigend aufzuklären. Man hat

namentlich am Beginn der bakteriologischen Ära vielfach geglaubt, rein

mechanische Momente seien dabei von entscheidender Bedeutung. So hat

man z. B. die Anschauung vertreten, die Milzbrandbazillen führten

bei ihrer schrankenlosen Vermehrung den Tod dadurch herbei, daß sie

die kleinsten Blutgefäße buchstäblich verstopften und dadurch die

Blutversorgung und somit auch die Ernährung der lebenswichtigen Organe

unmöglich machten. Tatsächlich kann man auf diesen Gedanken kommen,

denn bei experimentell erzeugtem Milzbrand zumal findet man wirklich --

bei Untersuchung feiner Gewebsschnitte -- oft die Kapillaren von den

Bazillen ganz ausgefüllt. Der Erklärungsversuch ist aber doch nicht

haltbar, denn gerade in schwer verlaufenden Fällen der Krankheit findet

man oft _nicht_ die enorme Vermehrung der Bazillen mit Verlegung der

Haargefäße. Der Tod an Milzbrand muß sich also anders erklären.

Andere Forscher gelangten denn auch zu andern Hypothesen. So sprach

man die Vermutung aus, die schrankenlos wuchernden Keime könnten dem

Organismus irgendeinen Stoff oder irgendwelche Stoffe entziehen,

deren er zum Leben notwendig bedürfe. Da man aber nicht genauer

angeben kann resp. konnte, welche Stoffe das seien, so hat auch dieser

Erklärungsversuch keinen Anspruch auf Anerkennung, und für eine ganze

Reihe von invasiven Mikroben müssen wir heute noch zugestehen, daß wir

nicht näher angeben können, worauf ihre tödliche Wirkung beruht. Durch

neuere Forschungen wird es wahrscheinlich gemacht, daß in letzter Linie

auch hierfür lösliche Giftstoffe in Betracht kommen.

Zwischen den beiden Extremen der toxinproduzierenden Bakterien ohne

alle invasive Tendenz und der angesprochen invasiven Parasiten finden

sich alle Übergänge. Vor allem gibt es eine ganze Anzahl pathogener

Bakterien, die wirksame Giftstoffe bei ihrem _Zerfall_ liefern,

der sowohl in älteren Kulturen als auch im Tierkörper statthat.

Man bezeichnet für gewöhnlich die im Inneren der Bakterienzellen

eingeschlossenen Gifte, die erst bei deren Auflösung frei werden,

als Endotoxine. Es leuchte ein, daß es in jedem Falle sehr schwer

sein kann, festzustellen, ob eine Bakterienart Toxine produzieren

kann oder nicht: Die Toxine weisen wir nach, indem wir die toxische

Wirkung keimfreier Kulturfiltrate aufzeigen. In der Regel finden

sich wirksame Toxine erst in etwas älteren Kulturen, und in einem

umstrittenen Falle kann deshalb der Einwand erhoben werden, die

Kultur enthalte Giftstoffe, die durch den _Zerfall_ von Keimen in

dem betreffenden Nährsubstrat frei geworden seien. In der Tat können

wir mit Bestimmtheit annehmen, daß in älteren Kulturen zahlreiche

Bakterienzellen abgestorben und zerfallen sind.

Wenn wir demnach sehen, daß selbst über die allergröbsten Begriffe, wie

z. B. über die Todesursache bei der Infektion eines Menschen mit einem

bestimmten krankheiterregenden Keim, noch keine Klarheit erzielt ist,

so wird es uns nicht überraschen, daß über die feineren Einzelheiten

unsere Kenntnisse noch so gut wie völlig mangelhaft sind.

Etwas besser steht es um unser Wissen von den Abwehrvorrichtungen

des Körpers. Freilich kann hier ohne die Voraussetzung medizinischer

Schulung nur eine ganz grobe Skizze der wesentlichsten Vorgänge

gegeben werden, die sich im infizierten Körper abspielen. Je nach

dem eingedrungenen Infektionserreger, vielfach auch je nach dem Orte

seines Eindringens, sind die Reaktionen sehr verschieden. Der Körper

reagiert auf den Angriff eines spezifischen Krankheitserregers jeweils

in charakteristischer, »spezifischer« Weise. Wir können uns am besten

an einem Beispiel eine gewisse Anschauung über diese Reaktionen

verschaffen und wählen am besten wiederum das einfache Beispiel des

Eindringens pathogener Keime durch eine Wunde der Haut.

[Illustration: Abb. 11.

Gefärbtes Ausstrichpräparat von menschlichem Blut. ~E~ = rote

Blutkörperchen. ~L~ = weiße Blutkörperchen.]

Der Körper antwortet darauf mit einer »Entzündung«, die je nach

Art und Menge der eingedrungenen Keime verschieden hochgradig und

von verschiedener Ausdehnung sein kann: Die Blutgefäßchen in der

Nachbarschaft der Invasionsstelle erweitern sich und füllen sich prall

mit Blut, so daß die Umgebung der kleinen Hautwunde lebhaft gerötet

erscheint; aus den Blutgefäßen treten teils flüssige Bestandteile

des Blutes, teils bestimmte Blutzellen, die sogenannten weißen

Blutkörperchen (vgl. Abb. 11) in die Gewebe aus; es kommt dadurch zu

Schwellung, Spannungsgefühl, oft zu Schmerzen, die unter Umständen sehr

heftig werden.[6]

[Illustration: Abb. 12.

Abstrich von Eiter, der Streptokokken enthält. Die Kokken sind sämtlich

im Inneren von weißen Blutkörperchen gelegen.]

Die weißen Blutkörperchen entwickeln nun bei entzündlichen Prozessen

eine merkwürdige und oft sehr lebhafte Tätigkeit; durch kleine Lücken,

die in der Wand der erweiterten Blutgefäße entstehen, zwängen sie sich

hindurch, wandern aus, und in vielen Fällen kann man beobachten, wie

sie die eingedrungenen Krankheitskeime in sich aufnehmen. Sehr kleine

Bakterien, z. B. Mikrokokken, vermögen die Leukocyten in größerer Zahl

»aufzufressen« (vgl. Abb. 12), größere Bakterien oder Verbände von

Bakterienzellen umklammern sie nur, wobei sich oft mehrere Leukocyten

vereinigen (Abb. 13). Diesen Vorgang, dessen Bedeutung für die

Heilung von Infektionskrankheiten _Metschnikoff_ zuerst erkannt hat,

bezeichnet man als _Phagocytose_ (Freßtätigkeit von Zellen). Die weißen

Blutkörperchen verfügen nun weiterhin über verdauende Fähigkeiten und

sind imstande, manche krankheiterregenden Keime nicht nur aufzufressen,

sondern auch in ihrem Inneren zu zerstören. Doch erstreckt sich

dieses Vermögen nicht auf alle Arten der pathogenen Mikroorganismen,

es gibt vielmehr eine ganze Anzahl darunter, denen die Leukocyten

nichts anhaben können. Auch sind die pathogenen Bakterien durchaus

nicht wehrlos gegenüber den Leukocyten; manche werden zwar von diesen

aufgenommen, man sieht aber bald danach, daß die weißen Blutkörperchen

ihrerseits dabei Schaden gelitten haben und zugrunde gehen, während

die Keime wieder frei werden. Diese Erscheinung beruht auf dem Gehalt

solcher Keime an Stoffen, die auf die Leukocyten giftig wirken. Man

kann hier also wirklich mit gutem Recht von einem _Kampf_ zwischen

den Abwehrzellen und den Eindringlingen sprechen, einem Kampf, dessen

Ausgänge sehr verschieden sind.

[Illustration: Abb. 13.

Die krankheiterregenden Bakterien Entstehung, Heilung und Bekämpfung der bakteriellen Infektionskrankheiten des Menschen · 第 16 / 33 题