Hohlgeschliffener Objektträger mit »hängendem Tropfen«.]

Nun betrachten wir mit dem Mikroskop[4] bei sehr starker Vergrößerung

dieses Tröpfchen. Das ist freilich nicht ganz so leicht auszuführen,

wie es sich anhört; es setzt nicht nur eine genaue Kenntnis der

Einrichtung unserer modernen, recht komplizierten Bakterienmikroskope,

sondern außerdem noch einige Übung des Auges und der Hand voraus. Denn

die lebenden Bakterienzellen sind, abgesehen von ihrer Kleinheit, auch

deshalb nur schwer wahrnehmbar, weil sie, von verschwindenden Ausnahmen

abgesehen, völlig _farblos_ sind und außerdem nur ein geringes

Lichtbrechungsvermögen besitzen.

Bei einiger Übung werden wir aber bald erkennen, daß wir ein

Kugelbakterium, ein Stäbchen- oder ein Schraubenbakterium vor uns

haben. Mit wachsender Übung vermögen wir -- unter Umständen auf den

ersten Blick -- besonders charakteristische Bakterienarten zu erkennen.

Anderseits können wir bei sorgfältiger Beobachtung feine Unterschiede

der Formen unter den Angehörigen der drei Grundtypen bald auffinden: so

weichen z. B. manche Mikrokokken ein klein wenig von der Kugelgestalt

ab, sie sind ein wenig abgeplattet; eine andere Art ist ein klein wenig

längsoval, usf. Zur Unterscheidung der Kugelbakterienarten, die im

allgemeinen der Eigenbewegung ermangeln, kann uns auch die Art ihrer

Lagebeziehungen im hängenden Tropfen wichtige Dienste leisten. Manche

Arten bilden in einer Kultur regelmäßig perlschnurartige, kürzere oder

längere, 3 bis 5, ja bis 30 und mehr einzelne Glieder aufweisende

Ketten (Kettenkokken oder Streptokokken, vgl. Abb. 28, 29). Andere

dagegen lagern sich zu weintraubenförmigen Häufchen zusammen und

werden danach als Staphylokokken (ἡ σταφυλή die Weintraube) bezeichnet

(vgl. Abb. 26). Zwischen den verschiedenen Arten der Stäbchen- und

Schraubenbakterien bestehen ferner Unterschiede nach der Länge und

Dicke und nach dem Verhältnis des Längen- zum Dickendurchmesser: so

begegnen wir langen und schlanken, langen und plumpen, kurzen und

schlanken, kurzen und plumpen Stäbchen- und Schraubenformen. Wenn wir

sie genau betrachten, so können wir oft noch weitere feine Unterschiede

zwischen den verschiedenen Arten erkennen: die einen besitzen

abgerundete Enden, die anderen kantige, manche zeigen die Neigung,

dadurch, daß mehrere Individuen aneinander haften, Fäden zu bilden,

und so gibt es noch eine ganze Reihe feiner Gestaltmerkmale, die der

sorgfältige Beobachter zu berücksichtigen hat.

Von sehr großer Bedeutung für die Erkennung einer bestimmten

Bakterienart ist eine sorgfältige Feststellung ihrer _Größe_; wie

alle anderen Eigenschaften der Gestalt, so sind auch die Durchmesser

im großen und ganzen bei den Individuen einer und derselben Art

entweder genau übereinstimmend oder doch nur in ganz bestimmten Grenzen

schwankend. Zur exakten Feststellung der Durchmesser von Spaltpilzen

besitzt man in neuerer Zeit sehr feine Meßinstrumente, die bei genauer

Berücksichtigung der jeweiligen mikroskopischen Vergrößerung sehr

exakte Resultate liefern.

Freilich ist die Konstanz der Größenmaße einer bestimmten Bakterienart

wiederum keine absolute: gerade so wie höhere Pflanzen oder auch

Tiere unter ungünstigen Bedingungen klein bleiben, unter günstigen

Bedingungen sich üppig entwickeln, kann man auch bei Spaltpilzen je

nach ihren Lebensbedingungen Unterschiede in der Größe innerhalb

gewisser Grenzen feststellen; umgekehrt können auch im Absterben

begriffene, degenerierende Bakterien sich durch Auftreibung ihrer

Membran stark vergrößern, wobei sie meist auch unregelmäßige Formen

annehmen.

Niemals dagegen zeigen sich innerhalb der Individuen der gleichen

Art Unterschiede in Eigenschaften, die auf wesentlichen Zügen der

Organisation beruhen. Eine der wichtigsten derartigen Eigenschaften

ist die der _Eigenbeweglichkeit_. Ihr Besitz oder Mangel spielt bei

der Unterscheidung der Stäbchenbakterien eine sehr wesentliche Rolle:

es gibt auf der einen Seite sehr lebhaft bewegliche Bakterienarten,

auf der anderen gänzlich unbewegliche und endlich auch solche, die

eine schwache Beweglichkeit besitzen; aber niemals trifft man in einer

Reinkultur von unbeweglichen Bakterien, z. B. des Milzbrandbazillus,

auch nur ein einziges Individuum, das im geringsten Grade selbständig

seinen Platz wechselt. Die Fähigkeit, sich vorwärts zu bewegen,

verdanken die beweglichen Bakterienarten dem Besitze sogenannter

»_Geißeln_«, ganz außerordentlich feiner kontraktiler Fäden, die

man an den lebenden Bakterienzellen nur ausnahmsweise unmittelbar

unter dem Mikroskop erkennen kann, nämlich bei einigen der größten

Bakterienarten, die existieren. Bei den allermeisten übrigen kann man

die Geißeln nur mit Hilfe komplizierterer Methoden zur Darstellung

bringen, von denen sogleich noch die Rede sein wird.

Neben der Beobachtung im frischen Zustande bedienen wir

uns in ausgedehntem Maße der Untersuchung von sogenannten

»Ausstrichpräparaten«. Auch diese wichtige Beobachtungsmethode

ist im wesentlichen von _Robert Koch_ ausgebildet worden. Auf

einem Deckgläschen oder auf einer kleinen etwa 1 ~mm~ dicken

Glasplatte (einem sogenannten Objektträger) verteilt man mit einem

kleinen Flüssigkeitströpfchen eine Spur des zu untersuchenden

Bakterienmaterials -- so viel wie an der Spitze einer Nadel haftet

-- und läßt es antrocknen. Man »fixiert« dann den Ausstrich, indem

man ihn einige Male mäßig rasch durch die Flamme eines Bunsenbrenners

zieht, oder indem man ihn mit bestimmten Fixierungsflüssigkeiten,

z. B. absolutem Alkohol, behandelt; die gebräuchlichste Methode

für Bakterienausstriche ist die Flammenfixierung. Durch die starke

Erhitzung wird die Bakterienzelle in ihrer Form erhalten und

gleichzeitig an der Stelle des Gläschens festgehalten, an der sie sich

gerade befindet. Dann tropft man auf den Objektträger eine kleine

Menge einer Farbstofflösung; meist verwendet man eine der sehr lebhaft

färbenden Anilinfarben, Methylenblau, Genzianaviolett oder andere.

Nach kurzer Zeit -- je nach der angewandten Farblösung nach einigen

Sekunden oder einigen Minuten -- spült man den Objektträger mit reinem

Wasser sorgfältig ab, trocknet ihn gründlich mit Fließpapier ab, bringt

dann ein Tröpfchen Kanadabalsam auf den nun gefärbten Ausstrich,

deckt darauf ein Deckgläschen und hat ein vorschriftsmäßiges

Ausstrichpräparat vor sich, das nun mikroskopisch untersucht werden

kann. Hier betrachtet man also nicht mehr die lebenden Bakterien,

sondern die angetrockneten »Bakterienleichen«, die eine tiefe

gleichmäßige Färbung angenommen haben und weit leichter ins Auge fallen

als ungefärbt im hängenden Tropfen, während sie anderseits im großen

und ganzen ihre charakteristischen Gestaltmerkmale behalten haben.

Auch die Färbemethoden sind im Laufe der Zeit immer mehr ausgebildet

worden und haben für die Unterscheidung von Bakterienarten sehr

wichtige Hilfsmittel geliefert. Man hat nämlich gefunden -- die erste

und wichtigste Feststellung dieser Art, die die färberische Eigenart

des Tuberkelbazillus betrifft, stammt wiederum von _Robert Koch_

--, daß manche Bakterienarten bestimmte Farbstoffe leichter, andere

schwerer annehmen, daß aber auch _gesetzmäßige_ Unterschiede bestehen

hinsichtlich der Zähigkeit, mit der sie den einmal angenommenen

Farbstoff unter bestimmten Bedingungen, z. B. unter der Einwirkung

eines entfärbenden Mittels, festhalten bzw. wieder fahren lassen.

Solche Unterschiede im »färberischen Verhalten« können auf Grund

ihrer Gesetzmäßigkeit oft zur Unterscheidung zweier Bakterienarten

dienen, die sich im übrigen sehr ähneln. Wenn man z. B. weiß, daß

ein bestimmtes _krankheit_erregendes Bakterium nach einer gewissen

Methode färbbar ist, ein anderes ihm sonst recht ähnliches unschuldiges

Bakterium aber nicht, so kann man diese Färbemethode zu einer raschen

Entscheidung darüber heranziehen, ob man es in einem gegebenen Falle

mit dem betr. pathogenen Bakterium zu tun hat oder nicht. Man färbt

ein Ausstrichpräparat von dem zu untersuchenden Material nach der

entsprechenden Methode und untersucht es mikroskopisch; sind die

verdächtigen Bakterien nun gefärbt, so gehören sie -- vorausgesetzt,

daß sonst hinreichende Beweise dafür vorliegen -- zu der pathogenen[5]

Art; sind sie nicht gefärbt, so gehören sie dieser sicher _nicht_

an. Solche Entscheidungen können oft sehr wertvoll sein, besonders

auch deshalb, weil sie meist selbst wenig Zeitaufwand erfordern, oft

aber weitere schwierigere und zeitraubende Untersuchungen mit anderen

Methoden entbehrlich machen.

Die Verwendung komplizierter Färbemethoden hat verschiedene Forscher

zu allerhand vorläufig noch nicht gut untereinander vereinbaren

Anschauungen über den feineren Bau der einzelnen Bakterienzelle

geführt. Wir müssen von deren Erörterung absehen und uns vorläufig

damit begnügen, uns deren Bau als einfachster Art vorzustellen. Einen

Kern, wie die einzelligen Tiere (Protozoen) z. B. die Amoeben, oder wie

die Zellen aller höheren Tiere und Pflanzen besitzen die Spaltpilze

danach nicht; sie bestehen aus dem Protoplasma und einer Membran, von

der die _Geißeln_ bei den beweglichen Formen ausgehen.

[Illustration: Abb. 5.

Bakterien mit Geißeln; verschiedene Typen des Geißelapparates

(schematisch) ~a~ eine Geißel an einem Ende der Zelle, ~b~ je eine

Geißel an jedem Ende der Zelle, ~c~ Geißelbüschel an jedem Ende der

Zelle, ~d~ zahlreiche Geißeln entspringen an allen Teilen der Membran

der Zelle.]

Mit Hilfe besonderer Färbeverfahren, deren erstes von _Löffler_, einem

der ältesten Schüler _Robert Kochs_, angegeben worden ist, kann man

diese _Geißelfäden_ der Bakterien zur Darstellung bringen. Auch diese

feinsten Gebilde zeigen bei den _verschiedenen_ Bakterien_arten_ ein

_verschiedenes_, bei den einzelnen _Individuen der gleichen Art_ aber

stets _übereinstimmendes_ Verhalten hinsichtlich ihrer Zahl und ihrer

Anordnung. So gibt es bewegliche Stäbchen, die nur an einem Ende

eine einzige Geißel haben, andere tragen eine solche an jedem ihrer

Enden, wieder andere besitzen eine große Anzahl von Geißeln, die von

den verschiedensten Stellen ihrer Oberfläche nach allen Seiten hin

ausstrahlen (vgl. Abb. 5). Auch Zahl und Anordnung der Geißeln kann,

wenn sie für eine gegebene Bakterienart einmal genau studiert ist, als

Unterscheidungsmerkmal dieser Art neben anderen Eigenschaften dienen.

* * * * *

Unter den _Lebensvorgängen_, die der unmittelbaren Beobachtung

zugänglich sind, beansprucht vor allem die Art und Weise der

_Fortpflanzung_ unser Interesse. Gerade ihre zuverlässige Beobachtung

ist durch die _Koch_sche Isolierungsmethode außerordentlich erleichtert

worden, wenn auch schon _vor Koch_ vielfach richtige Ansichten über

die Art und Weise, wie die oft enorme Vermehrung von Bakterien im

einzelnen zustande kommt, gewonnen worden sind. Die Vermehrung der

Bakterien erfolgt auf eine sehr einfach erscheinende Weise durch

_Spaltung_. Der Mikrokokkus, das Kugelbakterium, das sich zur Teilung

anschickt, zeigt eine langsame Vergrößerung einer seiner Achsen, dann

eine Einschnürung in der Mitte und endlich eine vollkommene Abschnürung

von zwei neuen Tochterkugeln. Ganz analog ist der Teilungsvorgang bei

Stäbchen- und Schraubenbakterien, die nach anfänglichem Längenwachstum

durch Querteilung in zwei Tochterindividuen zerfallen (vgl. Abb. 6).

[Illustration: Abb. 6.

Teilung durch Spaltung. ~a~ Teilung eines Kokkus ~b~ eines Stäbchens.

(Schematisch.)]

Bei einer beschränkten Zahl von Bakterienarten dient noch ein anderer

sehr merkwürdiger Vorgang der _Erhaltung der Art_ -- _nicht_ eigentlich

der _Fortpflanzung_: es ist dies die bei manchen Stäbchenarten unter

bestimmten Bedingungen vorkommende Bildung von sogenannten _Sporen_,

eigentümlichen, durch ihr Aussehen und ihre besonderen Eigenschaften

in gleicher Weise von den Bakterienzellen unterschiedenen Gebilden.

Im ungefärbten Zustand, z. B. im hängenden Tropfen, fallen diese

Sporen durch ihren starken Glanz auf: sie besitzen ein viel stärkeres

Lichtbrechungsvermögen als die Bakterienzellen; ihre Anordnung ist

bei verschiedenen Arten verschieden, aber bei jeder sporenbildenden

Bakterienart charakteristisch. Bei einzelnen Arten bilden sie sich

im Innern des Stäbchens (Endosporen), bei anderen Arten treten sie

regelmäßig an den Enden auf (endständige Sporen; vgl. Abb. 7). Die

Bildung dieser Sporen geht in der Weise vor sich, daß zunächst kleine

stärker lichtbrechende Körnchen in dem Bakterienkörper auftreten,

die dann an Größe zunehmen und schließlich die ganze Dicke der

Bakterienzelle einnehmen, ja übertreffen können. Die Bakterienzelle

selbst pflegt schließlich zu zerfallen, so daß nur die freie Spore

übrig bleibt (vgl. Abb. 7~c~). Bei Färbung mit den gewöhnlichen

Anilinfarben bleiben die Sporen im Gegensatz zu dem Bakterienkörper

ungefärbt. Die hervorstechendste Eigentümlichkeit dieser Sporen ist

ihre ganz außerordentlich große Widerstandsfähigkeit gegenüber allen

möglichen physikalischen Einflüssen, denen die Bakterienzellen selbst

erliegen. So vertragen sie viel höhere Grade der Austrocknung als jene,

vor allem aber auch sehr viel stärkere Erhitzung, ohne abzusterben.

Sie bleiben z. B. beim einmaligen Aufkochen einer Flüssigkeit am Leben

und besitzen nun die weitere Fähigkeit, unter geeigneten Bedingungen

wieder zu Bakterienzellen auszukeimen, die sich entweder durch Spaltung

vermehren oder unter anderen Bedingungen wieder durch Sporenbildung

gegen den Untergang schützen können. Sporenbildende Bakterien sind es

z. B., die in der einmal kurz aufgekochten Milch nicht mit anderen

zugrunde gehen, und sie sind denn auch die letzte Ursache der Irrlehre

von der »~generatio spontanea~« gewesen (vgl. o.).

[Illustration: Abb. 7. Sporenbildung. ~a~ mittelständige Sporen,

Endosporen, ~b~ endständige Sporen, ~c~ freie Sporen.]

In den Lebensbedingungen der Spaltpilze, soweit sie bisher erforscht

sind, zeigt sich wenn möglich eine noch größere Mannigfaltigkeit als in

deren Bau. Aber auch hier steht der Fülle der wechselnden Erscheinungen

eine sich bis auf die kleinsten Einzelheiten erstreckende gesetzmäßige

_Konstanz der Eigenschaften_ gegenüber, sobald wir eine _bestimmte_

Bakterienart untersuchen.

Gewisse Lebensbedingungen sind allen Spaltpilzen gemeinsam: alle sind

in hohem Maße empfindlich gegen die Einwirkung des Lichts; im hellen

Tageslichte gehen sie bald zugrunde. Unerläßliche Bedingung für ihre

Fortpflanzung ist Dunkelheit. Alle Spaltpilze bedürfen weiterhin,

wie alle lebenden Wesen, der Nahrung. Vor allem können sie das

_Wasser_ nicht entbehren. Aber schon in diesem Punkte treten deutliche

Unterschiede zwischen den verschiedenen Arten hervor, insofern als

die einen unvergleichlich viel empfindlicher gegen Eintrocknung sind

als andere. Besonders widerstandsfähig gegen diese Schädigung sind

natürlich, wie wir vorher schon kurz erwähnten, diejenigen Arten, die

die Fähigkeit besitzen, resistente Dauerformen, Sporen, zu bilden.

Gemeinsam ist allen Bakterien weiterhin, daß sie einer gewissen _Wärme_

bedürfen, um sich zu vermehren; aber auch in dieser Beziehung sind

die Bedürfnisse der einzelnen Arten ganz außerordentlich verschieden.

Jede einzelne Art besitzt eine genau bestimmbare Temperaturbreite von

sehr wechselndem Ausmaß, innerhalb deren sie zur Vermehrung befähigt

ist, und für jede einzelne Art kann man innerhalb dieser Zone eine

Temperatur finden, bei der das Wachstum am üppigsten vor sich geht, das

sogenannte Temperaturoptimum des betreffenden Bakteriums. Alle dem

Menschen als Infektionserreger gefährlichen Arten können, wie man von

vornherein vermuten wird, bei der Temperatur des menschlichen Körpers,

also etwa bei 37° ~C~, wachsen, die meisten haben ungefähr bei diesem

Wärmegrade ihr Temperaturoptimum. Wir bedürfen deshalb zur Kultur der

pathogenen Bakterien sogenannter Brütschränke, oder, wenn sehr große

Mengen von Kulturen untergebracht werden müssen, eines Brützimmers,

eines Raumes also, in dem durch geeignete Vorrichtungen (sogenannte

Thermoregulatoren) ständig genau die Temperatur von 37° ~C~ erhalten

wird.

Unter den ungefährlichen Arten gibt es dagegen sehr viele, denen

diese Temperatur schon zu hoch ist; aber auch unter den pathogenen

Bakterien sind die Temperaturansprüche außerordentlich verschieden.

Manche gehen schon sehr bald zugrunde, wenn sie nur kurze Zeit etwa

auf Zimmertemperatur, also ungefähr 20° ~C~ abgekühlt werden, andere

dagegen, wie z. B. der Pestbazillus, vermögen noch bei 8°, ja nach

einzelnen Beobachtungen bei noch geringerer Wärme sich zu vermehren.

Freilich liegt ihr Temperaturoptimum erheblich höher, nämlich etwa bei

30°.

Noch schärfer ausgeprägt ist die Verschiedenheit in dem Verhalten der

einzelnen Bakterienarten zum _Sauerstoff_ der Luft; es gibt Spaltpilze,

die ihn zum Leben so nötig haben wie die höheren Tiere (~aërophile~

oder ~aërobe~, luftbedürftige Arten) und andere, die sich bei seiner

Anwesenheit überhaupt nicht zu entwickeln vermögen (~anaërobe~,

luftscheue Arten). Um die letzteren zu kultivieren, hat man sehr

verschiedene Methoden angegeben; man kann z. B. die Kulturröhrchen

oder Platten in einem gut verschlossenen Raume aufstellen, den man mit

reinem Wasserstoffgas gefüllt hat.

Sehr deutlich zeigt sich das verschiedene Sauerstoffbedürfnis, wenn

man sogenannte hohe Stichkulturen von einem darauf zu prüfenden Keim

anlegt. Man impft den in einem Reagenzgläschen befindlichen starren

Nährboden, indem man einen langen Platindraht, an dessen Spitze eine

kleine Menge der aus einer Reinkultur stammenden Aussaat haftet, tief

in das Röhrchen einmal einsticht. Dabei bleiben längs des ganzen

Stiches Keime haften; sauerstoffscheue Bakterienarten werden aber

nach einiger Zeit ausschließlich an den tiefsten Stellen des Stiches,

da, wo die Luft keinerlei Zutritt hat, Wachstum zeigen, das man mit

bloßem Auge wahrnehmen kann. Sauerstoffbedürftige gedeihen nur an der

Oberfläche und in der nächsten Nähe, eben soweit der Sauerstoff dringt.

Manche Arten sind auch in dieser Hinsicht indifferent und vermögen

annähernd gleich gut mit und ohne Sauerstoff zu existieren (vgl. Abb.

8).

Ganz besonders mannigfaltig sind aber die Ansprüche der verschiedenen

Bakterienarten an die Beschaffenheit und Zusammensetzung der

_Nährsubstrate_, in oder auf denen wir sie züchten. Zum Beispiel

muß die _chemische Reaktion_ des Nährsubstrates sorgfältig in

jedem Falle berücksichtigt werden, wenn auch _im allgemeinen_ die

krankheiterregenden Keime neutrale oder ganz schwach alkalische

Reaktion verlangen. Schon ganz geringe Unterschiede im Grade der

Alkaleszenz können zur Folge haben, daß das Wachstum der einen Art

überhaupt ausbleibt, das einer anderen Art dafür besonders üppig

ausfällt. Ausnahmsweise wird auch bei pathogenen Bakterien die

Bevorzugung einer leicht sauren Reaktion beobachtet.

[Illustration: Abb. 8.

Wachstum in hohen Stichkulturen. ~a~ aërobe, ~b~ anaërobe, ~c~

indifferente Bakterien. (Schematisch.)]

Alle die Nährsubstrate zu besprechen oder auch nur zu erwähnen, die

zur Kultur von pathogenen Bakterien verwendet werden, würde uns

viel zu weit führen. Jede einzelne krankheiterregende Art ist auf

das Sorgfältigste auf ihre Bedürfnisse hin untersucht worden, und

deren genaue Berücksichtigung ist zur Vermeidung von Mißerfolgen bei

Kulturversuchen durchaus notwendig. Gerade auf diesem Gebiet war

wiederum _Robert Koch_ der bahnbrechende Forscher, besonders durch die

Überwindung der außerordentlich großen Schwierigkeiten, die sich der

Kultur der Tuberkelbazillen entgegenstellten, die nur auf bestimmten

Substraten ein noch dazu außerordentlich langsames Wachstum zeigen.

Eine sehr große Zahl von pathogenen Keimen gedeiht unter sonst

geeigneten Bedingungen in der gewöhnlichen _Nährbouillon_, die aus

Fleischwasser mit Zusatz von Pepton und Kochsalz hergestellt wird, und

Nährgelatine, die außer diesen Bestandteilen noch Gelatine enthält.

Die Temperatur von etwa 20°, bei der wir die Gelatineplatten halten

müssen, um die feste Konsistenz des Nährbodens zu gewährleisten, ist

aber für viele Krankheitserreger zu niedrig. Sie gestattet ihnen

entweder gar keine oder doch nur eine sehr langsame Vermehrung.

Es war deshalb ein großer Fortschritt, als eine Dame, Frau ~Dr.~

_Hesse_, den Gelatinezusatz durch einen solchen von _Agar-Agar_, eine

indische Tangart, ersetzte, die den einmal durch Kochen verflüssigten

Nährboden erst bei einer Abkühlung auf etwa 39° wieder erstarren

läßt, bei Körpertemperatur also den festen Zustand bedingt. Durch

Zusatz bestimmter Mengen von allerhand Substanzen, wie beispielsweise

Traubenzucker, Glyzerin und anderen, kann man diese einfachen

Nährböden für die Kultur der verschiedenen Bakterienarten nach deren

mannigfaltigen Bedürfnissen geeigneter machen.

Viele pathogene Bakterien gedeihen am besten, manche sogar

ausschließlich, wenn ihnen tierisches Eiweiß in nicht koaguliertem

Zustande zur Verfügung steht, also beispielsweise in der Form steril

entnommenen Blutes, das dem Nährboden zugesetzt wird. Einzelne sind so

kapriziös, ausschließlich nur auf menschenbluthaltigen Nährböden zu

wachsen, andere bevorzugen das Blut irgendeiner bestimmten Tierart.

Aus dem, was eben über die Nährsubstrate gesagt wurde, ergibt sich,

daß wir die Erfüllung der Grundbedingungen für die Verwendbarkeit

eines Nährbodens, nämlich seine völlige _Keimfreiheit_, auf sehr

verschiedenem Wege anstreben müssen: unkoaguliertes Körpereiweiß

können wir ausschließlich durch »sterile Entnahme« aus dem Körper

eines höheren Tieres gewinnen; die meisten anderen Nährsubstrate

»_sterilisieren_« wir durch Erhitzung.

Wir müssen hier auf die verschiedenen Sterilisationsmethoden der

Vollständigkeit halber kurz eingehen. Schon in der Einleitung

war erwähnt, daß einmaliges Aufkochen einer Flüssigkeit zu

deren Sterilisation nicht ausreicht. Wir sahen dann später die

Ursache dieses merkwürdigen Phänomens in der Fähigkeit vieler

Bakterienarten, hitzebeständige Dauerformen, Sporen, zu bilden.

Alle unsere Sterilisationsmethoden müssen darauf abzielen, die

Gefahr der Verunreinigung durch derartige zum Auskeimen befähigte

Sporen zu vermeiden. Wir müssen dabei sehr verschieden verfahren.

Trockene Glasgeräte erhitzen wir in sehr einfacher Weise in einem

festverschlossenen Eisenblechkasten, unter dem eine große Gasschlange

angebracht ist, auf 150–180° ~C~ und können nach einer Viertelstunde

gewiß sein, daß alle Sporen abgetötet sind. Die meisten flüssigen

Nährsubstrate können wir durch Kochen sterilisieren. Wir bringen

sie in Glaskolben oder Röhrchen in einen sogenannten Kochschen

Dampftopf, ein mit locker schließendem Deckel versehenes zylindrisches

Blechgefäß, dessen unterer Teil etwas Wasser enthält, das wir durch

eine Flamme zum Sieden bringen. Die Behälter mit den zu erhitzenden

Flüssigkeiten stehen auf einem Rost über dem Wasserspiegel und werden

durch den entwickelten Dampf bis nahezu zur Temperatur des siedenden

Wassers erwärmt. Besonders widerstandsfähige Sporen überleben aber

eine solche Erhitzung, selbst wenn sie eine Stunde lang fortgesetzt

wird. Um auch ihrer Herr zu werden, kann man sich der »fraktionierten«

Sterilisation bedienen: man erhitzt die betretende Flüssigkeit eine

Stunde im Dampftopf, läßt sie dann sich wieder abkühlen, wiederholt

die Erhitzung und die Abkühlung noch mehrmals und ist nun schließlich

sicher, ein keimfreies Substrat zu haben: die nach der ersten Erhitzung

übriggebliebenen Sporen sind in dem guten Nährboden nach der Abkühlung

teilweise oder alle ausgekeimt. Die entstandenen Bakterienzellen werden

bei der zweiten Erhitzung getötet. Sind etwa doch noch Sporen übrig

geblieben, so fallen sie der dritten oder vierten Wiederholung der

Prozedur zum Opfer.

Rascher führt eine andere Methode zum Ziel, die freilich einen

etwas kostspieligen Apparat erfordert: das Sieden unter Druck im

festverschlossenen Gefäß, einem sogenannten Autoklaven. Mit dem Steigen

des Druckes steigt die Temperatur, und man kann so einen Dampf von 120

und mehr Grad Wärme auf die Nährböden wirken lassen, die bei diesem

Vorgange schon nach einer Viertelstunde keimfähige Sporen nicht mehr

enthalten. Die Verwendung sehr niedriger Temperaturen kommt für die

Sterilisation nicht in Betracht, da die meisten Bakterienarten alle mit

den gewöhnlichen Mitteln erreichbaren Abkühlungen vertragen können,

genau ebensogut, wie die Samen der höheren Pflanzen.

[Illustration: Abb. 9.

Ein Röhrchen mit schräg erstarrtem Nähragar, auf dessen Oberfläche man

Bakterien züchten kann. Verschluß durch Wattebausch. ½ der natürl.

Größe.]

Die einmal sterilisierten Nährböden müssen natürlich in gut

verschlossenen Gefäßen aufbewahrt werden, da sie sonst durch

eindringende Keime verunreinigt und für unsere Zwecke unbrauchbar

gemacht werden würden. Zum Verschluß der Gefäße (Kölbchen,

Reagenzgläschen) verwendet man in der Regel einen Wattebausch, der sich

als vollkommen sicherer Schutz gegen das Eindringen von Luftkeimen

bewährt.

Es bedarf kaum der Betonung, daß wir auch bei der Impfung eines solchen

Kulturröhrchens sehr vorsichtig und rasch zu Werke gehen müssen,

damit nicht in der Zeit, während deren wir das Aussaatmaterial in das

geöffnete Gefäß einführen, Luftkeime hineindringen. Selbstverständlich

muß auch das Instrument, mit dem wir die Überimpfung vornehmen, sicher

steril sein. Wir verwenden dazu meist einen dünnen, zu einer Öse

umgebogenen Platindraht, der an einem langen handlichen Stiel befestigt

ist, und der vor dem Gebrauch in der Flamme des Bunsenbrenners bis

zum Glühen erhitzt und dann rasch abgekühlt worden ist. Mit diesem

streichen wir ein klein wenig von einer Bakterienkolonie auf der

Oberfläche eines Nähragarröhrchens aus. Schon am folgenden Tage werden

wir (bei geeigneter Temperatur) an der Stelle der Aussaat schon eine

Kultur aufgehen sehen.

Das Tempo und die geringere oder größere Üppigkeit des Wachstums,

ferner auch das Aussehen des sich entwickelnden »Rasens« ist für die

verschiedenen Arten oft wiederum charakteristisch. Namentlich aber die

Kolonien auf den _Platten_ haben oft ein durchaus eigenartiges Gepräge,

so daß man nach ihrem Aussehen mit bloßem Auge oder mit Hilfe eines

schwachen Vergrößerungsglases oft schon mit großer Wahrscheinlichkeit

feststellen kann, welcher Keimart sie angehören. So bilden manche

Bakterien vollkommen scharf begrenzte und kreisrunde, andere wieder

weinblattförmige, wieder andere Mikroorganismen unregelmäßig

gestaltete, an den Rändern stark aufgefaserte Kolonien (vgl. Abb. 16 u.

26).

[Illustration: Abb. 10.

Die krankheiterregenden Bakterien Entstehung, Heilung und Bekämpfung der bakteriellen Infektionskrankheiten des Menschen · 第 15 / 33 题