Blaue Havel, gelber Sand,
Schwarzer Hut und braune Hand,
Herzen frisch und Luft gesund
Und _Kirschen_ wie ein Mädchenmund.
Was uns nun aber heute nach Werder führt, das ist weder die Kirche
noch deren fragwürdiger Bilderschatz, das ist einfach eine Pietät
gegen die besten Freundinnen unserer Jugend, gegen die „Werderschen“.
Jeden Morgen, auf unserem Schulwege, hatten wir ihren Stand zwischen
Herkules- und Friedrichsbrücke zu passieren, und wir können uns nicht
entsinnen, je anders als mit „Augen rechts“ an ihrer langen Front
vorübergegangen zu sein. Mitunter traf es sich auch wohl, daß wir
das verspätete „zweite Treffen“ der Werderschen, vom Unterbaume her,
heranschwimmen sahen: große Schuten dicht mit Tieren besetzt, während
auf den Ruderbänken zwanzig Werderanerinnen saßen und ihre Ruder und
die Köpfe mit den Kiepenhüten gleich energisch bewegten. Das war ein
idealer Genuß, ein Schauspiel, aber ach, „ein _Schauspiel_ nur“, und
siehe da, dem _ersten_ Treffen, das in allem Schimmer Pomonens sich
bereits faßbar vor uns präsentierte, verblieb doch immer der Sieg über
unsere Sinne und unser Herz. Welche Pfirsiche in Weinblatt! Die Luft
schwamm in einem erfrischenden Duft, und der Kuppelbau der umgestülpten
und übereinander getürmten Holztienen interessierte uns mehr als der
Kommodenbau von Monbijou und, traurig zu sagen, auch als der Säulenwald
des Schinkelschen Neuen Museums.
Das sind nun fünfundvierzig Jahre, das „Neue Museum“ von damals ist
schon wieder zu einem alten geworden, die Bilder jener Tage aber sind
nicht verblaßt, und als unsere Havelwanderungen vor lang oder kurz
begannen und unser Auge, von den Kuppen und Berglehnen am Schwielow
aus, immer wieder der Spitzturm-Kirche von _Werder_ gewahr wurde, da
gemahnte es uns wie alte Schuld und alte Liebe, und die Jugendsehnsucht
nach den Werderschen stieg wieder auf: hin nach der Havel-Insel und
ihrem grünen Kranz „wo tief im Laub die Knupperkirschen glühn“.
Und wie alle echte Sehnsucht schließlich in Erfüllung geht, so auch
hier, und ehe noch der Juli um war, brauste der Zug wieder über die
große Havelbrücke, erst rasch, dann seinen Eilflug hemmend, bis er zu
Füßen eines Kirschberges hielt: „Station Werder!“
Noch eine drittel Meile bis zur _Stadt_; eine volle drittel Meile, die
einem um drei Uhr nachmittags, bei siebenundzwanzig Grad im Schatten
und absoluter Windstille schon die Frage vorlegen kann: ob nicht
doch vielleicht ein auf hohen Rädern ruhendes, sargartiges Ungetüm,
das hier unter dem Namen „Omnibus“ den Verkehr zwischen Station und
Stadt unterhält, vor Spaziergangsversuchen zu bevorzugen sei. Aber
es handelt sich für uns nicht um die Frage „bequem oder unbequem“,
sondern um _Umschau_, um den Beginn unserer Studien, da die großen
Kirschplantagen, die den Reichtum Werders bilden, vorzugsweise zu
beiden Seiten eben dieser Wegstrecke gelegen sind, und so lassen wir
denn dem Omnibus einen Vorsprung, gönnen dem Staube zehn Minuten Zeit
sich wieder zu setzen und folgen nun zu Fuß auf der großen Straße.
Gärten und Obstbaum-Plantagen zu beiden Seiten; links bis zur Havel
hinunter, rechts bis zu den Kuppen der Berge hinauf. Keine Spur von
Unkraut; alles rein geharkt; der weiße Sand des Bodens liegt oben auf.
Große Beete mit Erdbeeren und ganze Kirschbaum-Wälder breiten sich
aus. Wo noch vor wenig Jahren der Wind über Thymian und Hauhechel
strich, da hat der Spaten die schwache Rasennarbe umgewühlt, und in
wohlgerichteten Reihen neigen die Bäume ihre fruchtbeladenen Zweige.
Je näher zur Stadt, um so schattiger werden rechts und links die
Gärten; denn hier sind die Anlagen älter, somit auch die Bäume. Viele
der letzteren sind mit edleren Sorten gepfropft, und Leinwandbänder
legen sich um den amputierten Ast, wie die Bandage um das verletzte
Glied. Hier mehren sich auch die Villen und Wohnhäuser, die
großenteils zwischen Fluß und Straße, also zur Linken der letzteren,
sich hinziehen. Eingesponnen in Rosenbüsche, umstellt von Malven und
Georginen, entziehen sich viele dem Auge; andere wieder wählen die
lichteste Stelle und grüßen durch die weitgestellten Bäume mit ihren
Balkonen und Fahnenstangen, mit Veranden und Jalousien.
Eine reiche, immer wachsende Kultur! _Wann_ sie ihren Anfang nahm, ist
bei der Mangelhaftigkeit der Aufzeichnungen nicht mehr festzustellen.
Es scheint aber fast, daß Werder als ein Fischerort ins siebzehnte
Jahrhundert ein- und als ein Obst- und Gartenort aus ihm heraustrat.
Das würde dann darauf hindeuten, daß sich die Umwandlung unter
dem Großen Kurfürsten vollzogen habe, und dafür sprechen auch die
mannigfachsten Anzeichen. Die Zeit nach dem dreißigjährigen Kriege war
wieder eine Zeit großartiger Einwanderungen in die entvölkerte Mark
und mit den _garten_kundigen Franzosen, mit den Bouchés und Matthieus,
die bis auf diesen Tag in ganzen Quartieren der Hauptstadt blühen,
kamen ziemlich gleichzeitig die _agrikultur_kundigen _Holländer_ ins
Land. Unter dem, was sie pflegten, war auch der _Obstbau_. Sie waren
von den Tagen Luise Henriettens, von der Gründung Oranienburgs und
dem Auftreten der Cleveschen Familie Hertefeld an, die eigentlichen
landwirtschaftlichen Lehrmeister für die Mark, speziell für das
_Havelland_, und wir möchten vermuten, daß der eine oder andere
von ihnen, angelockt durch den echt-holländischen Charakter dieser
Havel-Insel, seinen Aufenthalt hier genommen und die große Umwandlung
vorbereitet habe. Vielleicht wäre aus den Namen der noch lebenden
Werderschen Geschlechter festzustellen, ob ein solcher holländischer
Fremdling jemals unter ihnen auftauchte. Bemerkenswert ist es mir
immer erschienen, daß die Werderaner in „Schuten“ fahren, ein
niederländisches Wort, das in den wendischen Fischerdörfern, so viel
ich weiß, nie angetroffen wird.
Gleichviel indes was die Umwandlung brachte, sie kam. Die Flußausbeute
verlor mehr und mehr ihre Bedeutung; die Gärtnerzunft begann die
Fischerzunft aus dem Felde zu schlagen, und das sich namentlich unter
König Friedrich Wilhelm ~I~., auch nach der Seite der „guten Küche“
hin, schnell entwickelnde Potsdam begann seinen Einfluß auf die
Umwandlung Werders zu üben. Der König, selber ein Feinschmecker, mochte
unter den ersten sein, die anfingen eine _Werdersche_ Kirsche von den
üblichen Landesprodukten gleichen Namens zu unterscheiden. Außer den
Kirschen aber war es zumeist das Strauchobst, das die Aufmerksamkeit
des Kenners auf Werder hinlenkte. Statt der bekannten Bauern-Himbeere,
wie man ihr noch jetzt begegnet, die Schattenseite hart, die
Sonnenseite madig, gedieh hier eine Spezies, die in Farbe, Größe und
strotzender Fülle prunkend, aus Gegenden hierher getragen schien, wo
Sonne und Wasser eine südliche Brutkraft üben.
Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hatte sich die Umwandlung völlig
vollzogen: Werder war eine _Garten_-Insel geworden. Seinem Charakter
nach war es dasselbe wie heut, aber freilich nicht seiner Bedeutung
nach. Sein Ruhm, sein Glück begann erst mit jenem Tage, wo der erste
Werderaner (ihm würden Bildsäulen zu errichten sein) mit seinem Kahne
an Potsdam _vorüber_- und Berlin _entgegenschwamm_. Damit brach die
Großzeit an. In Wirklichkeit ließ sie noch ein halbes Jahrhundert
auf sich warten, in der Idee aber war sie geboren. Mit dem rapide
wachsenden Berlin wuchs auch Werder und verdreifachte in fünfzig Jahren
seine Einwohnerzahl, genau wie die Hauptstadt. Der Dampf kam hinzu, um
den Triumph zu vervollständigen. Bis 1850 hielt sich die Schute, dann
wurde sie als altehrwürdiges Institut bei Seite gelegt und ein „auf
Gegenseitigkeit“ gebauter Dampfer, der bald gezwungen war, einen großen
Havelkahn ins Schlepptau zu nehmen, leitete die neue Ära der Werderaner
ein. Von 1853 bis 1860 fuhr die „Marie Luise“; seitdem fährt der „König
Wilhelm“ zwischen Werder und Berlin.
Noch einiges Statistisches. Auch Zahlen haben eine gewisse Romantik.
Wie viele Menschen erdrückt oder todtgeschossen wurden, hat zu allen
Zeit einen geheimnisvollen Zauber ausgeübt; an Interesse steht dem
vielleicht am nächsten, wieviel gegessen worden ist. So sei es denn
auch uns vergönnt, erst mit kurzen Notizen zu debütieren, und dann eine
halbe Seite lang in Zahlen zu schwelgen.
Mit dem ersten Juni beginnt die Saison. Sie beginnt, von Raritäten
abgesehen, mit Erdbeeren. Dann folgen die süßen Kirschen aller Grade
und Farben; Johannisbeeren, Stachelbeeren, Himbeeren schließen sich
an. Ende Juli ist die Saison auf ihrer Höhe. Der Verkehr läßt nach,
aber nur, um Mitte August einen neuen Aufschwung zu nehmen. Die
sauren Kirschen eröffnen den Zug; Aprikosen und Pfirsich folgen;
zur Pflaumenzeit wird noch einmal die schwindelnde Höhe der letzten
Juli-Wochen erreicht. Mit der Traube schließt die Saison. Man kann von
einer Sommer- und Herbst-Kampagne sprechen. Der Höhepunkt jener fällt
in die Mitte Juli, der Höhepunkt dieser in die Mitte September. Die
Knupperkirsche einerseits, die blaue Pflaume andererseits, -- sie sind
es, die über die Saison entscheiden.
Der Versand ist enorm. Er beginnt mit 1000 Tienen, steigt in rapider
Schnelligkeit auf 3000, auf 5000, hält sich, sinkt, steigt wieder
und tritt mit 1000 Tienen, ganz wie er begonnen, schließlich vom
Schauplatz ab. Als Durchschnitts-Minimum wird man 3000, als Maximum
4000 Tienen täglich, die Tiene zu drei Metzen, annehmen dürfen. Der
Preis einer Tiene ist 15 Sgr. Dies würde bei Zugrundelegung des
Minimalsatzes in 4 Monaten oder 120 Tagen einen Gesamtabsatz von
120 mal 3000, also von 360000 Tienen[42] ergeben. Dies ist aber zu
niedrig gerechnet, da 360000 Tienen, die Tiene zu 15 Sgr., nur eine
Gesamt-Einnahme von 180000 Talern entsprechen würden, während diese
auf 280000 Taler angegeben wird. Gleichviel indes; dem Berliner wird
unter allen Umständen der Ruhm verbleiben, als Minimalsatz alljährlich
1 Million Metzen Werdersches Obst zu konsumieren. Solche Zahlen sind
schmeichelhaft und richten auf.
Sie richten auf -- in erster Reihe natürlich die Werderschen selbst,
die die entsprechende Summe einzuheimsen haben, und in der Tat, auf dem
Werder und seinen Dependenzien ist ein solider Durchschnitts-Wohlstand
zu Hause. Aber man würde doch sehr irre gehen, wenn man hier, in
modernem Sinne, großes Vermögen, aufgespeicherte Schätze suchen wollte.
Wer persönlich anfaßt und fleißig arbeitet, wird selten reich; reich
wird der, der mit der Arbeit hundert Anderer Handel treibt, sie als
kluger Rechner sich zunutze macht. An solche Modernität ist hier
nicht zu denken. Dazu kommen die bedeutenden Kosten, Lohnzahlungen
und Ausfälle. Eine Tiene Obst, wir gaben es schon an, bringt im
Durchschnitt fünfzehn Silbergroschen; davon kommen sofort in Wegfall:
eineinhalb Silbergroschen für Pflückerlohn und ebenfalls eineinhalb
Silbergroschen für Transport. Aber die eigentlichen Auslagen liegen
schon weit vorher. Die Führung großer Landwirtschaften ist aus den
mannigfachsten Gründen, aus Mangel an Wiesen und vielleicht nicht
minder aus Mangel an Zeit und Kräften, auf dem Werder so gut wie
unmöglich; so fehlt es denn an Dung und diese Unerläßlichkeit muß aus
der Nachbarschaft, meist aus Potsdam, mühsam herbeigeschafft werden.
Eine Fuhre Dung kostet sieben Taler. Dies allein bedingt die stärksten
Abzüge. Was aber vor allem einen eigentlichen Reichtum nicht aufkommen
läßt, das sind die Ausfall-Jahre, wo die Anstrengungen, um noch
größerem Unheile vorzubeugen, verdoppelt werden müssen, und wo dennoch
mit einem Defizit abgeschlossen wird. Die Überschüsse früherer Jahre
müssen dann aushelfen. Derartige Ausfalljahre sind solche, wo entweder
starke Fröste die großen Obstplantagen zerstören oder wo im Frühjahr
die Schwaben und Blatthöhler das junge Laub töten, die Ernte reduzieren
und oft die Bäume dazu. So gibt es denn unter den Werderschen eine
Anzahl wohlhabender Leute, aber wenig reiche. Es ist auch hier dafür
gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen.
[42] Ein sehr bedeutender Teil des Werderschen Obstes, namentlich aus
den an der Eisenbahn gelegenen Obstbergen, geht nicht zu Schiff,
sondern vermittelst Bahn nach Berlin. Auch dieser Verkehr ist
außerordentlich bedeutend. Ob er in den Zahlen, die wir vorstehend
verzeichnet haben, mit einbegriffen ist oder nicht, vermögen wir nicht
mit Bestimmtheit zu sagen.
„Die Werdersche“