Werder

Die Insel und ihre Bevölkerung. Stadt und Kirche. „Christus als

Apotheker“

Es möchte sich niederneigen

In die spiegelklare Flut,

Es möchte streben und steigen

In der Abendwolken Glut.

=Uhland=

* * *

~I do remember an apothecary

And here about he dwells;... green earthen pots

Where thinly scatter'd to make up a show.

=Shakespeare=~

Der Reisende, den von Berlin aus sein Weg nach _Westen_ führt, sei

es um angesichts des Kölner oder auch schon des Magdeburger Domes zu

landen, hat -- wie immer ablehnend er sich gegen die Schönheiten von

Mark Brandenburg verhalten möge -- wenigstens zu Beginn seiner Fahrt,

so lange die grünen Hänge von Potsdam ihm zur Seite bleiben, einige

Partien zu durchfliegen, die er nicht Anstand nehmen wird, als Oasen

gelten zu lassen. Wenn aber all' die lachenden Bilder zwischen Schloß

Babelsberg und dem Pfingstberg, zwischen der Pirschheide und dem Golmer

Bruch ihn unbekehrt gelassen hätten, so würde doch das prächtige See-

und Fluß-Panorama ihn entzücken müssen, das die große Havelbrücke

eine Meile _westwärts_ von Potsdam vor ihm auftut, und das ihm nach

rechts hin eine meilenbreite, segelbedeckte Fläche, nach links hin eine

giebelreiche, rot und weiß gemusterte, in dem klaren Havelwasser sich

spiegelnde gotische Kirche zeigt. Um sie herum ein dichter Häuserkranz:

Stadt _Werder_.

Stadt Werder, wie ihr Chronist Ferdinand Ludwig Schönemann in einem

1784 erschienenen Buche erzählt, liegt auf einer „gänzlichen Insel.“

Diese umfaßt sechsundvierzig Morgen. „Zur Sommerzeit, wenn das Wasser

zurückgetreten ist, kann man die Insel in einer Stunde umschreiten;

sie aber zu umfahren, sei es in einem Kahn oder einer Schute, dazu

sind zwei Stunden erforderlich. Ein solches Umfahren der Insel an

schönen Sommerabenden gewährt ein besonderes Vergnügen, zumal wenn des

Echos halber die Fahrt von einem _Waldhornisten_ begleitet wird.“ Der

Chronist hat hier eine romantische Anwandlung, die wir hervorgehoben

haben wollen, weil sie in seinem Buche die einzige ist.

Der Boden der Insel ist fruchtbar, größtenteils fett und schwarz; nur

ein geringer Strich von sehr unpoetischem Namen ist morastig. Was die

Entstehung der Stadt angeht, so heißt es, daß sich die Bewohner eines

benachbarten Wendendorfes, nach dessen Zerstörung durch die Deutschen,

vom Festlande auf die Insel zurückgezogen und hier eine Fischerkolonie

gegründet hätten. „Doch beruht -- wie Schönemann sinnig hervorhebt

-- die _Gewißheit_ dieser Meinung bloß auf einer _unsicheren_

Überlieferung.“

Unsicher vielleicht, aber nicht unwahrscheinlich. Das umliegende Land

wurde deutsch, die Havelinsel blieb wendisch. Die Gunst der Lage

machte aus dem ursprünglichen Fischerdorfe alsbald einen Flecken (als

solchen nennt es bereits eine Urkunde aus dem Jahre 1317) und abermals

hundert Jahre später war aus dem Flecken ein Städtchen geworden, dem

Kurfürst Friedrich II. bereits zwei Jahrmärkte bewilligte. So blieb es

in allmählichem Wachsen und seine Insellage wurde Ursache, daß keine

Rückschläge erfolgten und Stadt Werder durch allen Zeitenwirrwarr

hindurchgehen konnte, ohne die Kriegsrute zu empfinden, die für das

umliegende Land, wie für alle übrigen Teile von Mark Brandenburg oft so

hart gebunden war. Der dreißigjährige Krieg zog wie ein Gewitter, „das

nicht über den Fluß kann“ an Werder vorüber; die Brücke war weislich

abgebrochen, jedes Fahrzeug geborgen und versteckt, und wenn der scharf

eintretende Winterfrost die im Sommer gewahrte Sicherheit zu gefährden

drohte, so ließen sich's die Werderaner nicht verdrießen, durch

beständiges Aufeisen der Havel ihre insulare Lage wieder herzustellen.

So brachen nicht Schweden, nicht Kaiserliche in ihren Frieden ein und

es ist selbst fraglich, ob der „schwarze Tod“, der damals über das

märkische Land ging, einen Kahn fand, um vom Festland nach der Insel

überzusetzen.

Das war der Segen, den die Insellage schuf, aber sie hatte auch

Nachteile im Geleit und ließ den von Anfang an vorhanden gewesenen

Hang, sich abzuschließen, in bedenklichem Grade wachsen. Man wurde

eng, hart, selbstsüchtig; Werder gestaltete sich zu einer Welt für

sich, und der Zug wurde immer größer, sich um die Menschheit draußen

nur insoweit zu kümmern, als man _Nutzen_ aus ihr ziehen konnte. Diese

Exklusivität hatte schon in den Jahren, die dem dreißigjährigen Kriege

vorausgingen oder mit ihm zusammenfielen, einen hohen Grad erreicht. In

Aufzeichnungen aus jener Zeit finden wir folgendes. „Die Menschen hier

sind zum Umgange wenig geschickt und gar nicht aufgelegt, vertrauliche

Freundschaften zu unterhalten. Sie hassen alle Fremden, die sich unter

ihnen niederlassen, und suchen sie gern zu verdrängen. Vor den Augen

stellen sie sich treuherzig, hinterm Rücken sind sie hinterlistig

und falsch. Von außen gleißen sie zwar, aber von inwendig sind sie

reißende Wölfe. Sie sind sehr abergläubisch, im Gespenstersehen

besonders erfahren, haben eine kauderwelsche Sprache, üble Kinderzucht,

schlechte Sitte und halten nicht viel auf Künste und Wissenschaften.

_Arbeitsamkeit und sparsames Leben_ aber ist ihnen nicht abzusprechen.

Sie werden selten krank und bei ihrer Lebensart sehr alt.“

War dies das Zeugnis, das ihnen um 1620 oder 1630 ein unter ihnen

lebender „Stadtrichter“, also eine beglaubigte Person, ausstellen

mußte, so konnten einhundertundfünfzig Jahre weiterer Exklusivität in

Gutem wie Bösen keinen wesentlichen Wandel schaffen, und in der Tat,

unser mehr zitierter Chronist bestätigt um 1784 nur einfach alles

das, was Stadtrichter Irmisch (dies war der Name des 1620 zu Gericht

sitzenden) so lange Zeit _vor_ ihm bereits niedergeschrieben hatte. Die

Übereinstimmung ist so groß, daß darin ein eigentümliches Interesse

liegt.

„Die Bewohner von Werder“, so bestätigt Schönemann, „suchen sich

durch Verbindungen unter einander zu vermehren und _nehmen Fremde

nur ungern unter sich auf_. Sie sind stark, nervig, abgehärtet, sehr

beweglich. Sie stehen bei früher Tageszeit auf und gehen im Sommer

schon um zwei Uhr an die Arbeit; sie erreichen siebzig, achtzig und

mehrere Jahre und bleiben bei guten Kräften. Ihre Kinder gewöhnen

sie zu harter Lebensart; im frühesten Alter werden sie mit in die

Weinberge genommen, um ihnen die _Liebe zur Arbeit_ mit der Muttermilch

einzuflößen. Die Kinder werden bis zum achten oder neunten Jahre in

die Schule geschickt, lernen etwas lesen, wenig schreiben und noch

weniger rechnen. Die meisten bleiben ungesittet; das kommt aber nicht

in Betracht, weil ihnen an dem zeitlichen Gewinn gelegen ist. _Viele

natürliche Fähigkeiten sind bei ihnen nicht anzutreffen_ und sie halten

fest am Alten. Sie lieben einen springenden Tanz, und machen Aufwand

bei ihren Gastmählern. Im übrigen aber leben sie _kärglich und sparsam

und suchen sich durch Fleiß und Mühe ein Vermögen zu erwerben_.“

Welche Stabilität durch anderthalb Jahrhunderte! Im Übrigen, wenn man

festhält, wie tief der Egoismus in aller Menschennatur überhaupt steckt

und daß es zu alledem zwei „Fremde“, zwei „Zugezogene“ waren, die den

Werderanern die vorstehenden, gewiß nicht allzu günstig gefärbten

Zeugnisse ausstellten, so kann man kaum behaupten, daß die Schilderung

ein besonders schlechtes Licht auf die Inselbewohner würfe. Hart, zäh,

fleißig, sparsam, abgeschlossen, allem Fremden und Neuen abgeneigt, das

Irdische über das Überirdische setzend -- das gibt zwar kein Idealbild,

aber doch das Bild eines tüchtigen Stammes, und das sind sie durchaus

und unverändert bis diesen Tag.

Wir haben uns bis hierher ausschließlich mit den _Bewohnern_

beschäftigt; es erübrigt uns noch, in die _Stadt_ selbst einzutreten,

und so weit wir es vermögen, ein Bild ihres Wachstums, dann ihrer

gegenwärtigen Erscheinung zu geben.

Der nur auf das Praktische gerichtete Sinn, der nichts Höheres als den

Erwerb kannte, dazu eine Abgeschlossenheit, die alles Lernen fast mit

Geflissentlichkeit vermied, all' diese Züge, wie wir sie aus doppelter

Schilderung kennen gelernt haben, waren begreiflicherweise nicht im

stande, aus Werder einen Prachtbau zu schaffen. Er hatte seine _Lage_

und seine _Kirche_, beide schön, aber die Lage hatte ihnen Gott und die

Kirche hatten ihnen die Lehniner Mönche gegeben. An beiden waren die

Werderschen unschuldig. Was aus ihnen selbst heraus entstanden, was ihr

eigenstes war, das ließ allen Bürgersinn vermissen, und erinnerte an

den Lehmkaten-Bau der umliegenden Dörfer.

Noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts bestanden die Häuser aus Holz,

Lehm und gestakten Wänden, die hölzernen Schornsteine zeigten einen

riesigen Umfang und die Giebelfronten waren derart, daß immer eine

Etage vorspringend über die andere hing. Die Häuser waren groß, aber

setzten sich zu wesentlichstem Teile aus Winkeln, Kammern und großen

Böden, selbst aus unausgebauten Stockwerken zusammen, so daß die

Familie meist in einer einzigen Stube hauste, die freilich groß genug

war, um dreißig Personen bequem zu fassen. Im Einklang damit war alles

Übrige: die Brücke baufällig, die Straßen ungepflastert, so daß in den

Regenwochen des Herbstes und Frühjahrs die Stadt unpassierbar war und

der Verkehr von Haus zu Haus auf Stelzen oder noch allgemeiner auf

Kähnen unterhalten werden mußte.

In allem diesem schaffte endlich das Jahr 1786 Wandel. -- Dieselben

beiden Faktoren: „Das Königtum und die Armee“, die überall hier zu

Lande aus dem kümmerlich Gegebenen erst etwas machten, waren es auch

hier, die das Alte abtaten und etwas Neues an die Stelle setzen. Die

Armee, wie unbequem sie dem Einen oder Andern sein mochte, damals wie

heute, sie sicherte, sie bildete, sie baute auf. So auch in Werder.

Es war im Spätsommer genannten Jahres (1736), als das eben damals in

Brandenburg garnisonierende 3. Bataillon Leibgarde Befehl erhielt, zur

Revue nach Potsdam zu marschieren, und zwar über _Werder_. Der Befehl

lautete so bestimmt wie möglich; so blieb nichts anderes übrig, als dem

Könige rund und nett zu erklären, daß die _Brücke_ zu Werder unfähig

sei, das 3. Bataillon Leibgarde zu tragen. Die Gardemänner aber, etwa

im Gänsemarsch, einzeln in die Stadt einrücken zu lassen, dieser

Vorschlag wurde gar nicht gewagt; Friedrich Wilhelm ~I~. würde ihn

als einen Affront geahndet haben. So gab es denn nur _einen_ Ausweg,

eine -- _neue Brücke_. Der König ließ sie aus Schatullen-Geldern in

kürzester Frist herstellen.

Eine neue Brücke war nun da; aber auch in der Stadt selber sollte es

anders werden. Ein Kommando des Leib-Regiments, aus Gründen, die nicht

ersichtlich, war in Werder geblieben und im Spätherbst erschien Se.

Majestät in der Inselstadt, um über seine einhundertundfünfzig Blauen

eine Spezial-Revue abzuhalten. Es war die unglücklichste Jahreszeit:

die Karosse des Königs blieb mitten auf dem Markt im Moraste stecken,

ein Parademarsch wurde zu einem Unding und die Ungnade des Königs, wenn

dergleichen nicht wieder vorkommen sollte, wandelte sich von selbst in

eine Gnade um: Werder wurde gepflastert.

Die Kirche „zum heiligen Geist“, auf der höchsten Stelle der Insel

malerisch gelegen, war schon zwei Jahre vorher einem Neubau unterzogen

worden; ob sie schönheitlich dadurch gewonnen hatte, wird zu bezweifeln

sein; die Lehniner Mönche verstanden sich besser auf Kirchenbau als der

Soldatenkönig. Jedenfalls verbietet sich jetzt noch eine Entscheidung

in dieser Frage, da die Renovation von 1734 längst wieder einem

_neuen_ Umbau gewichen ist, einer wiederhergestellten, spitzenreichen

Gotik, die, in der Nähe vielleicht mannigfach zu beanstanden, als

Landschafts-Dekoration aber, wie eingangs dieses Kapitels bereits

hervorgehoben wurde, von seltener Schönheit ist.

Dieser letzte Umbau, und wir treten damit in die Gegenwart ein,

hat die Kirche erweitert, gelichtet, geschmückt; jene Königliche

Munifizenz Friedrich Wilhelms IV., die hier überall, an der Havel und

den Havelseen hin, neue Kirchen entstehen, die alten wiederherstellen

ließ, hat auch für Werder ein Mannigfaches getan. Dennoch, wie immer

in solchen Fällen, hat das geschichtliche Leben Einbuße erfahren, und

Bilder, Grabsteine, Erinnerungsstücke haben das Feld räumen müssen, um

viel sauberen, aber viel uninteressanteren Dingen Platz zu machen. Zum

Glück hat man für das „historische Gerümpel“, als das man es angesehen

zu haben scheint, wenigstens eine „Rumpelkammer“ übrig gelassen,

wenn es gestattet ist, eine Sakristei-Parzelle mit diesem wenig

ehrerbietigen Namen zu bezeichnen.

Hier befindet sich unter andern auch ein ehemaliges _Altar-Gemälde_,

das in Werder den überraschenden, aber sehr bezeichnenden Namen führt:

„Christus als Apotheker“. Es ist so abnorm, so einzig in seiner Art,

daß eine kurze Beschreibung desselben hier am Schlusse unseres Kapitels

gestattet sein möge. Christus, in rotem Gewande, wenn wir nicht irren,

steht an einem Dispensier-Tisch, eine Apotheker-Wage in der Hand.

Vor ihm, wohlgeordnet, stehen acht Büchsen, die auf ihren Schildern

folgende Inschriften tragen: Gnade, Hilfe, Liebe, Geduld, Friede,

Beständigkeit, Hoffnung, Glauben. Die Büchse mit dem _Glauben_ ist die

weitaus größte; in jeder einzelnen steckt ein Löffel. In Front der

Büchsen, als die eigentliche Hauptsache, liegt ein geöffneter Sack mit

_Kreuz-Wurtz_. Aus ihm hat Christus soeben eine Handvoll genommen, um

die Wage, in deren einer Schale die _Schuld_ liegt, wieder in Balance

zu bringen. Ein zu Häupten des Heilands angebrachtes Spruchband aber

führt die Worte: „Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die

Kranken. Ich bin kommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die

Frommen. (Matthäi 9. Vers 12.)“

Die Werderaner, wohl auf Schönemann gestützt, haben dies Bild bis

in die katholische Zeit zurückdatieren wollen. Sehr mit Unrecht.

Die katholische Zeit hat solche Geschmacklosigkeiten nicht gekannt.

In diesen Spielereien erging man sich, unter dem nachwirkenden

Einfluß der zweiten schlesischen Dichterschule, der Lohensteins und

Hofmannswaldaus, zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, wo es Mode wurde,

einen Gedanken, ein Bild in unerbittlich-konsequenter Durchführung zu

Tode zu hetzen. Könnte übrigens inhaltlich darüber noch ein Zweifel

sein, so würde die malerische Technik auch diesen beseitigen.

1734, in demselben Jahre, in dem die alte Zisterzienser-Kirche

renoviert wurde, erhielt Werder auch eine _Apotheke_. Es ist höchst

wahrscheinlich, daß der glückliche Besitzer derselben sich zum Donator

machte und das Bild-Kuriosum, das wir geschildert, dankbar und --

hoffnungsvoll stiftete.

Im nächsten Kapitel einiges über die „Werderschen“.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 146 / 149 题